EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.

Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von

Quittuna. -- Der Einfluß des Vichada und Zama. -- Der Fels

Aricagua. -- Siquita.

Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von

Atures, dem Einfluß des Rio Cataniapo gegenüber; wir brachen dahin auf.

Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze führt, sahen wir den Pic

Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine über dem Horizont der Ebenen

aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fuß dieser Gebirge

umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom

Fluß die Felsen bei der Höhle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit,

diese Grabstätte des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir

bedauerten dieß um so mehr, da Pater Zea nicht müde wurde, uns von den mit

Onoto bemalten Skeletten in der Höhle, von den großen Gefäßen aus

gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen

scheinen, und von vielen andern merkwürdigen Dingen zu erzählen, so daß

wir uns vornahmen, dieselben auf der Rückreise vom Rio Negro in

Augenschein zu nehmen. »Sie werden es kaum glauben,« sagte der Missionär,

»daß diese Gerippe, diese bemalten Töpfe, diese Dinge, von denen wir

meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem

Missionär von Carichana, Unglück gebracht haben. Sie haben gesehen, wie

elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht

einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem

Lande gefunden. Ein Weißer, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem

Apure lebt, hat kürzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht,

ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionär von Carichana gefunden,

unter den Gräbern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in

Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewußt, daß die Gesellschaft werde

aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefäße bei

Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada

an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den

Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner

Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas führte beim

Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persönlich zu

erscheinen. Wir mußten ganz umsonst eine Reise von hundert fünfzig Meilen

machen, und es half nichts, daß wir erklärten, wir haben in den Höhlen

nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermäuse;

man ernannte mit großer Wichtigkeit Commissäre, die sich hieher begeben

und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten

vorhanden sey. Aber wir können lange auf die Commissäre warten. Wenn sie

auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos

Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mückenwolke (_nube de

moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen.«

Diese Geschichte des Missionärs wurde uns später in Angostura aus dem

Munde des Statthalters vollkommen bestätigt. Zufällige Umstände geben zu

den seltsamsten Vermuthungen Anlaß. In den Höhlen, wo die Mumien und

Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den

unzugänglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit

eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europäischen Werkzeugen, Resten

von Kleidungsstücken, Rosenkränzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die

Gegenstände haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und

Gran-Para angehört, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco über

Trageplätze und die Flußverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und

mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen

den Seuchen, die in den Raudales so häufig sind, erlegen und ihre Kisten

den Indianern in die Hände gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich

mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besaßen, beerdigen lassen. Nach

diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Mährchen von einem versteckten

Schätze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Trümmern liegende

Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die französischen

Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, für ein _Inca pilca_,

das heißt für ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene

Schatz nur einem Orden gehört haben, der ohne Zweifel die Missionen besser

verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen

Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr übertrieben worden

sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen

keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren

von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen

sollten. Man zog daraus den falschen Schluß, die Schätze seyen allerdings

vorhanden gewesen, aber treuen Indianern überantwortet und in den

Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens

versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugniß beibringen, aus dem

unzweifelhaft hervorgeht, daß der Vicekönig von Neu-Grenada die Jesuiten

vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco,

ein spanischer Genieofficier, erzählte mir in Angostura, er habe mit Don

Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionäre in Carichana zu

verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den

Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine

der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach

langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem

der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionäre am

Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in

Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei

Vorsichtsmaßregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der

Regierung, deren Befehle mit unnöthiger, unvernünftiger Strenge vollzogen

wurden.

Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales

geschafft; sie schienen mit dem mäßigen Lohne, der ihnen gereicht wurde

[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschäft bringt ihnen

wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jämmerlichen Zuständen

und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben,

merke ich hier an, daß der Missionar in drei Jahren, außer den Fahrzeugen,

welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jährlich nach Angostura

schickt, um die Löhnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fünf Piroguen

vom obern Orinoco, die zur Schildkröteneierernte fuhren, und acht mit

Handelsgut beladene Canoes sah.

Am 17. April. Nach dreistündigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens

bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea ließ mit unsern Instrumenten den

wenigen Mundvorrath einschiffen, den man für die Reise, die er mit uns

fortsetzen sollte, hatte auftreiben können: ein paar Bananenbüschel,

Manioc und Hühner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einfluß des

Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen

weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur großen Familie der

Salivas-Völker gehören. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre

Gutmüthigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu rühmen.

Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen

Stunden gingen wir über den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei

Hochwasser leicht zu überwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette

Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gneiß, nicht aus geschichtetem Granit

besteht. Auffallend war uns eine Reihe großer Löcher mehr als 180 Fuß über

dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen

scheinen. Wir werden später sehen, daß diese Erscheinung beinahe in

derselben Höhe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50

Meilen gegen Ost beim Einfluß des Rio Jao vorkommt. Wir übernachteten im

Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schön

und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, daß ich mit dem

Nivellement des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um

die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont wäre mir auf dieser

Reise von großem Nutzen gewesen.

Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor

Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten

Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einfluß des Rio Tomo an; die Indianer

lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es

war gegen fünf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine

geringe Aufgabe, die Strömung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu

überwinden, die sich von einer mehrere Fuß hohen Gneißbank stürzt. Ein

Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Hälften theilt; man

band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe

genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere

getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures

hatten auftreiben können, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, daß auf

dem natürlichen Wehr, über das sich der Strom stürzt, ein beträchtliches

Stück Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere

Pirogue heraufschaffen.

Der Gneißfels hat kreisrunde Löcher, von denen die größten 4 Fuß tief und

18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen

durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Körper entstanden zu seyn.

Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht

gefährlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um

ihm den quälenden Durst zu löschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in

einem der Felslöcher einen kühlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von

Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und

Grenadillen oder Früchten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_

genannt, mitgenommen. Da wir gar kein großes Gefäß hatten, in dem man

Flüssigkeiten mischen konnte, so goß man mit einer _Tutuma_ (Frucht der

_Crescentia Cujete_) Flußwasser in eines der Löcher und that den Zucker

und den Saft der sauren Früchte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir

ein treffliches Getränke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren

Ort; aber der Drang des Bedürfnisses machte uns von Tag zu Tag

erfinderischer.

Nachdem wir unsern Durst gelöscht, hatten wir große Lust zu baden. Wir

untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und

bemerkten, daß er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen

das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim

Getöse des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwähne dieser

kleinen Umstände, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern,

und dann weil sie allen, die große Reisen zu unternehmen gedenken,

augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umständen im Leben sich Genuß

verschaffen kann.

Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue über den Raudal

heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorräthe wieder ein und wir

eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt,

die nicht ganz gefahrlos war. Der Fluß ist 800 Toisen breit, und wir

mußten oberhalb des Katarakts schief darüber fahren, an einem Punkt, wo

das Wasser, weil das Bett stärker fällt, dem Wehr zu, über das es sich

stürzt, mit großer Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter

überrascht, bei dem zum Glück kein starker Wind ging, aber der Regen goß

in Strömen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der

Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal

näher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die

Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfänglichen

Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und

wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an.

Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei

Blitzschläge waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz

hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich führe diesen Fall an,

weil man in diesen Ländern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf

ihrer Oberfläche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, daß der Blitz

seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster.

Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis

auf die Haut durchnäßt. Wie der Regen nachließ, kamen auch die Zancudos

wieder mit dem Heißhunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer

zeigen. Meine Gefährten waren unschlüssig, ob wir im Hafen im Freien

lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fuß fortsetzen sollten.

Pater Zea, der in beiden Raudales Missionär ist, wollte durchaus noch nach

Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission

ein großes Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. »Sie finden dort,«

meinte er naiv, »dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich

weder Tisch noch Bank, aber Sie hätten nicht so viel von den Mücken zu

leiden; denn so unverschämt sind sie in der Mission doch nicht wie am

Fluß.«

Wir folgten dem Rath des Missionärs und er ließ Copalfackeln anzünden, von

denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefüllte Röhren von

Baumwurzeln. Wir gingen anfangs über kahle, glätte Felsbänke und dann

kamen wir in sehr dichtes Palmgehölz. Zweimal mußten wir auf Baumstämmen

über einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind

wunderlich zusammengesetzt (der hölzerne Docht umgibt das Harz), geben

mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefährte, Don Nicolas

Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm über den

Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wußten,

wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glück war der Grund nicht tief und

er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich

ziemlich fertig auf spanisch ausdrückte, ermangelte nicht, davon zu

sprechen, daß wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern

angegriffen werden könnten. Solches ist eigentlich die obligate

Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die

Indianer glauben, wenn sie dem europäischen Reisenden Angst einjagen, sich

nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der

plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie

überall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und

Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da

etwas quälerischen Regiment der Mönche sucht er seine Lage durch die

kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und

jeder physischen und geistigen Schwäche sind.

Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel

uns der Anblick und die Verödung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen

im tiefsten Schlaf; man hörte nichts als das Geschrei der Nachtvögel und

das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen

Ruhe der Natur hat das eintönige Brausen eines Wasserfalls etwas

Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem

kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegründet

wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt

als Atures.

Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht,

wie alle Wasserfälle, durch den Widerstand den der Fluß findet, indem er

sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den

Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den

ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas

den Beweis zu liefern, daß sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt

bedeutend erleichtern ließe, wenn man zwischen zwei Nebenflüssen des

Orinoco, in einem Thal, das früher das Strombett gewesen zu seyn scheint,

einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den

Quellen der Flüsse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette

von Granithügeln aus. Von dieser Kette kommen drei Flüßchen herab, die den

Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, nämlich am östlichen Ufer der

Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures

gegenüber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurück und bilden, wie eine

felsigte Küste, eine nach Südwest offene Bucht. Zwischen dem Einfluß des

Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses großartigen

Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt.

Gegenwärtig fließt der Orinoco am Fuß der östlichen Bergkette. Vom

westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem

tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum

dreißig Fuß über dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem

trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstämmen die

kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Hütten. Im trockenen

Grund, der in gerader Linie von Süd nach Nord läuft, vom Cameji zum

Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithügel, ganz ähnlich

denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz

ähnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im

verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und

Camanitamini verglich, die östlich von der Mission gleich alten Burgen

mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das

inselhafte Ansehen auch der vom gegenwärtigen Stromufer entlegensten

Hügel, die Löcher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgespült zu haben

scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie

die Höhlungen an der Insel Ouvitari gegenüber -- alle diese Umstände

zusammen beweisen, daß diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter

Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es

wegen des Dammes gegen Nord nicht abfließen konnte; als aber dieser Damm

durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine

ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann

annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefüllt, den

wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als

das Wasser allmälig fiel, zog es sich ganz gegen die östliche Kette und

ließ den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze

Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herrührt, scheinen die

Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem

Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, daß hier

einst das Wasser gestanden. Geht man den Fluß hinauf, so ladet man die

Fahrzeuge am Einfluß des Toparo in den Orinoco aus und übergibt sie den

Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, daß sie für jede Staffel

einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einfluß des

Cameji, wo die Gefahr für überstanden gilt.

Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei

Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren

beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von

Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke

von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdämmen zwischen

diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Dämmen oder natürlichen Wehren

sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der

Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Süd nach

Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen

neun Fuß hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall.

Aber, ich muß das wiederholen: das Getöse, mit dem die Wasser

niederstürzen, gegen einander stoßen und zerstäuben, hängt nicht sowohl

von der absoluten Höhe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr

von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fuß

der Raudalitos oder partiellen Fälle, von der größeren oder geringeren

Weite der Kanäle, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fuß breit ist.

Die östliche Hälfte der Katarakten von Maypures ist weit gefährlicher als

die westliche, weßhalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes

vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei

niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann muß man die

Piroguen *tragen*, das heißt auf Walzen oder runden Baumstämmen schleppen.

Wir haben schon oben bemerkt, daß bei Hochwasser (aber nur dann) der

Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures.

Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Großartigkeit mit Einem Blicke

zu umfassen, muß man sich auf den Hügel Manimi stellen, einen Granitgrat,

der nördlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts

ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi

besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an

diesem außerordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel.

Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile

weit, eine Schaumfläche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen

eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen,

abgerundete Massen, Basalthügeln ähnlich; andere gleichen Thürmen,

Castellen, zerfallenen Gebäuden. Ihre düstere Färbung hebt sich scharf vom

Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen

kräftiger Bäume bewachsen. Vom Fuß dieser Felsen an schwebt, so weit das

Auge reicht, eine dichte Dunstmasse über dem Strom, und über den

weißlichen Nebel schießt der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese

großartigen Gewächse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der

_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm über 80 Fuß

hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Blätter dieser Palme sind sehr

glänzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich

die Schaumfläche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die

Palmen ihre gewaltigen Schatten darüber, bald bricht sich der Strahl der

untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhüllt.

Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im

Spiel der Lüfte schwebt ihr Bild über der Fläche.

Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Hügel Manimi vor

einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole,

was ich schon einmal geäußert: weder die Zeit, noch der Anblick der

Cordilleren und der Aufenthalt in den gemäßigten Thälern von Mexico haben

den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich

gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren

Hauptreize strömende Wasser und ein kräftiger Pflanzenwuchs sind, so

schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen über einer

Dunstschicht emporragen. Es ist mit den großartigen Naturscenen, wie mit

dem Höchsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurück, die

immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung

mischen, so oft etwas Großes und Schönes uns die Seele bewegt.

Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz,

wie er diesem Himmelsstriche eigenthümlich ist. Nie bewegt hier ein

Windhauch das Laub der Bäume, nie trübt eine Wolke den Glanz des blauen

Himmelsgewölbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet,

über dem Boden, den Gewächse mit glänzenden Blättern bedecken, über dem

Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat für den

Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes.

Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu

Fels niederstürzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft

der Donner aus dem Gewölk mit dem Donner der Wasserfälle sich mischt, wo

am düstern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in

den Wipfeln der Tannen hängen. In den Niederungen der Festländer unter den

Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine

Großartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verläugnet, wo eines

der Elemente mit unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen hat. In der Nähe

des Aequators kommen heftige Stürme und Ungewitter nur auf den Inseln, in

pflanzenlosen Wüsten, kurz überall da vor, wo die Luft auf Flächen mit

sehr abweichender Strahlung ruht.

Der Hügel Manimi bildet die östliche Grenze einer Ebene, aus der man

dieselben, für die Geschichte der Vegetation, das heißt ihrer allmähligen

Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen

beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der

Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen,

dessen kahle Bänke wagerecht daliegen. Diese mit den schönsten,

wohlriechendsten Gewächsen geschmückten Landeilande gleichen den mit

Blumen bedeckten Granitblöcken, welche die Alpenbewohner Jardins oder

Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen.

Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugänglichen Klippen wächst

die Vanille. Bonpland hat ungemein gewürzreiche und außerordentlich lange

Schoten gebrochen.

An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fuß des Felsen

Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fuß lange

Schlange todt, die wir mit Muße untersuchen konnten. Die Macos nannten sie

_Camudu_; der Rücken hatte auf schön gelbem Grunde theils schwarze, theils

braungrüne Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten

rautenförmige Flecken. Es war ein schönes, nicht giftiges Thier, das, wie

die Eingeborenen behaupten, über 15 Fuß lang wird. Ich hielt den Camudu

Anfangs für eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, daß bei ihm die

Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine

Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht,

denn große Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, daß alle Pythons

der alten, alle Boas der neuen Welt angehören. Da die Boa des Plinius(47)

eine afrikanische und südeuropäische Schlange war, so hätte DAUDIN wohl

die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen

sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar

große Vierfüßer packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen

zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und

von der Küste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewöhnt man

sich doch nur schwer daran, daß es in der Halbkugel, in der Virgil die

Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage

weit südlicheren Völkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll.

Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue

Vorschläge zur Abänderung vermehren, und bemerke nur, daß, wo nicht der

große Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionäre und die

*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut

die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, ächte Boas mit einfachen

Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu ähnlichen

Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die

Traga Venadas haben auf dem Rücken keine Querstreifen, sondern eine Kette

rautenförmiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise

an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder

_Culebras de agua_.

Geht man nach Westen, so sieht man die runden Hügel oder Eilande im

verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen

in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im

Lande berühmt wegen eines weißen, weithin glänzenden Flecks, in dem die

Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile

Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weiße Fleck ein

mächtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gänge sie im Granit, der in

Gneiß übergeht, häufig bilden. Gegenüber dem Keri oder *Mondfelsen*, am

Zwillingshügel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist,

zeigen einem die Indianer mit geheimnißvoller Wichtigkeit einen ähnlichen

weißen Fleck. Derselbe ist scheibenförmig, und sie sagen, es sey das Bild

der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden

Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen

Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die ältesten

geschichtlichen Denkmäler der Völker sind, so haben die Sprachforscher die

Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_,

das in einem semitischen Dialekt ursprünglich Sonne bedeutet zu haben

scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen

Anlaß gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott

der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen

gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus

sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel

alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen,

zufälligen Lautähnlichkeit in Sprachen schließen, die sonst nichts mit

einander gemein haben?

Betrachtet man die Namen der von den spanischen Mönchen gestifteten

Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevölkerungselemente,

mit denen sie gegründet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die

Jesuiten, als sie diese Dörfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die

Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegründet,

vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen

und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und

vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovölker angehören. Zur

Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich;

sie zählte 600 Einwohner, darunter mehrere weiße Familien. Unter der

Verwaltung der Observanten ist die Bevölkerung auf weniger als 60

herabgesunken. Man kann überhaupt annehmen, daß in diesem Theile von

Südamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurückgegangen ist,

während wir jenseits der Wälder, in den Provinzen in der Nähe der See,

Dörfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind

ein sanftmüthiges, mäßiges Volk, das sich auch durch große Reinlichkeit

auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wüsten Hang zu

geistigen Getränken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos,

Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den

übermäßigen Genuß der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getränke,

die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfrüchten zu bereiten

wissen; die Reisenden haben aber, wie gewöhnlich, für allgemeine Sitte

ausgegeben, was nur einzelnen Stämmen zukommt. Sehr oft konnten wir

Guahibos oder Macos-Piaroas, die für uns arbeiteten und sehr erschöpft

schienen, nicht vermögen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die

Europäer müssen erst länger in diesen Ländern gesessen haben, ehe sich die

Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Küsten bereits so gemein

sind. In Maypures fanden wir in den Hütten der Eingeborenen eine Ordnung

und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Häusern der Missionäre

selten begegnet.

Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund

Manioc in Kuchen oder dünnen Scheiben, das landesübliche Brod, kosten

sechs Silberrealen, ungefähr vier Franken. Wie die meisten Indianer am

Orinoco haben auch die in Maypures Getränke, die man nahrhafte nennen

kann. Eines dieser Getränke, das im Lande sehr berühmt ist, wird von einer

Palme gewonnen, die in der Nähe der Mission, am Ufer des Auvana wild

wächst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Blüthentraube 44,000

Blüthen geschätzt; der Früchte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es

ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten

lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das

zuckersüß ist, und sofort in einem großen Gefäß mit Wasser zerstampft und

zerrieben wird. Der kalte Aufguß gibt eine gelblichte Flüssigkeit, die wie

Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der

Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei

Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken

Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in

die Wälder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen

Trompete). »Dadurch«, sagen sie, »wird der Baum gezwungen im folgenden

Jahr reichen Ertrag zu geben.« Das Volk bezahlt für diese Ceremonie, wie

man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Völkern noch näher bei uns,

Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafür bezahlt, daß sie

mit Zaubersprüchen oder Gebeten die weißen Ameisen und die Heuschrecken

vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung

der Jahreszeiten verkehren.

»_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._« (ich habe in meinem Dorfe eine

Steingutfabrik), sprach Pater Zea und führte uns zu einer indianischen

Familie, die beschäftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von

Strauchwerk große, zwei und einen halben Fuß hohe Thongefäße zu brennen.

Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des großen Volksstamms der

Maypures eigenthümlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit

zu treiben. Ueberall in den Wäldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz,

stößt man, wenn man den Boden aufgräbt, auf Scherben von Töpfen und

bemaltem Steingut. Die Liebhaberei für diese Arbeit scheint früher unter

den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn.

Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Trümmern einer aztekischen

Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhügeln der Miamis, in

Florida und überall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der

Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und höchst auffallend ist die

durchgängige große Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche

civilisirten Völker, die durch ihre staatlichen und religiösen

Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren,

(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen,

an einem eigenthümlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach

denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren

sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den

Befestigungslinien und in den Ringwällen gefunden, die von einem

unbekannten, gänzlich ausgestorbenen Volke herrühren. Die Malereien auf

diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die

Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon

anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen

Verzierungen, ganz wie wir sie in der Höhle von Ataruipe auf den Gefäßen

gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre

»_‘Grecques’_« Mäanderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von

einem großen vierfüßigen Thier, von dem ich nicht wußte, was es vorstellen

soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich könnte bei dieser

Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenrüssel gedenken, den ich im

Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemälde gefunden; ich

könnte keck die Hypothese aufstellen, das große vierfüßige Thier auf den

Töpfen der Maypures gehöre einem andern Lande an und der Typus desselben

habe sich auf der großen Wanderung der amerikanischen Völker von Nordwest

nach Süd und Südost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei

so schwankenden, auf nichts sich stützenden Vermuthungen aufhalten? Ich

möchte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir

vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers

sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick

und Zufall Figuren erzeugt, über deren Herkunft wir gar ernsthaft

verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine

Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde.

Am geschicktesten führen die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach

combinirten Linien aus, wie wir sie auf den großgriechischen Vasen, auf

den mexicanischen Gebäuden in Mitla und auf den Werken so vieler Völker

sehen, die, ohne daß sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches

Vergnügen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die

Arabesken, die Mäander vergnügen unser Auge, weil die Elemente, aus denen

die Bänder bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das

Auge verhält sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr

derselben Formen wie das Ohr zur taktmäßigen Aufeinanderfolge von Tönen

und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, daß beim Menschen das Gefühl

für den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten

Anfängen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt?

Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das

Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu

Cylindern und arbeiten mit den Händen die größten Gefäße aus; Der

amerikanische Indianer weiß nichts von der Töpferscheibe, die sich bei den

Völkern des Orients aus dem frühesten Alterthum herschreibt. Man kann sich

nicht wundern, daß die Missionäre die Eingeborenen am Orinoco nicht mit

diesem einfachen, nützlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man

bedenkt, daß es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf

der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenüber, gedrungen ist.[S.

Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde,

besonders gelber und rother Ocker, der in Höhlungen des Sandsteins

vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an,

nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man

überzieht die Malerei mit einem Firniß von _Algarobo_, dem durchsichtigen

Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die großen Gefäße zur Aufbewahrung der

_Chiza_ heißen _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der

Küste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens weiß man am Orinoco nicht allein

von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und

selbst von den Guamos, daß sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Früher

war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA

fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu

seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren.

Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleißes bei Völkern, die

wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem übergehe,

mache ich noch eine Bemerkung, die über die Geschichte der amerikanischen

Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten,

ostwärts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den großen

canadischen Seen, findet man im Boden fast überall bemalte Topfscherben

und daneben kupferne Werkzeuge. Dieß erscheint auffallend in einem Lande,

wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europäer mit dem Gebrauch der

Metalle unbekannt waren. In den Wäldern von Südamerika, die sich vom

Aequator bis zum achten Grad nördlicher Breite, das heißt vom Fuße der

Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte

Töpfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur künstlich

durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat

man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden,

obgleich man in den Gebirgen an der Küste und auf dem Rücken der

Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur

Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher rührt

dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemäßigten und der heißen Zone? Die

peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den

Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre

Sprache auf einem beschränkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint

die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in

Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Völker von Guyana irgend einen

merklichen Einfluß geäußert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen

dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die

Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen möchten, aus

Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Mörtel zehn bis fünfzehn Fuß

hohe und sieben bis achttausend Fuß lange Mauern gebaut. Diese

räthselhaften Ringwälle und Ringmauern umschließen oft gegen 150 Morgen

Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der

Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur

westwärts auf dem Rücken der Gebirge; aber der Orinoco und die Länder

zwischen diesem großen Fluß und dem Amazonenstrom scheinen niemals von

Völkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit

widerstanden hätten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins härteste

Felsgestein eingegraben, so hat man doch südlich vom achten Breitengrade

bis jetzt nie weder einen Grabhügel, noch einen Ringwall, noch Erddämme

gefunden, wie sie weiter nordwärts auf den Ebenen von Barinas und Canagua

vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den östlichen Stücken der

beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von

Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer

ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die

Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Völker, deren

Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila

entgegen treten, mochten einzelne Stämme gegen Ost in die offenen Fluren

am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als

in Neu-Mexico; aber in Südamerika, wo die große Völkerströmung von Nord

nach Süd ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Rücken der

tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben,

in die glühend heißen, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Flüssen

überschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heißen

Zone die Ueberfülle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und

Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschränkten,

Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes bedürfen, nicht aufkommen

ließen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden

verewigten.

Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Mönche sie

eingeführt, wieder rückwärts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der

Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu

machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend

vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am

Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur

die schwarzen und weißen Schweine (letztere heißen französische Schweine,

_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen)

haben trotz der reißenden Thiere ausgedauert. Mit großem Interesse sahen

wir um die Hütten der Indianer _‘Guacamayas’_ oder zahme Aras, die auf den

Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist dieß die größte und

prächtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern

Reisen angetroffen. Sie mißt mit dem Schwanz 2 Fuß 3 Zoll, und wir haben

sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_

-- so heißt hier der Vogel -- das häufig gegessen wird, ist schwarz und

etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben,

purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine große Zierde der

indianischen Hühnerhöfe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen,

Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Vögel aus einer dem

Hühnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon

CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte

er beobachtet, daß die Eingeborenen auf den Antillen statt Hühner Aras

oder große Papagaien aßen.

Beim kleinen Dorfe Maypures wächst ein prächtiger, über 60 Fuß hoher Baum,

den die Colonisten _‘Frutta de Burro’_ nennen. Es ist eine neue Gattung

_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich

früher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und

stehen pyramidalisch aufwärts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi,

fälschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist berühmt, weil seine

aromatischen Früchte, als Ausguß gebraucht, ein wirksames Fiebermittel

sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den größten Theil des Jahres am

dreitägigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Säckchen mit

_fruttas de Burro_ bei sich zu führen. Unter den Tropen braucht man meist

lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_

oder die Fruchthülle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der

_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von

Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil

gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo

dieses herrliche Heilmittel wächst, sucht man die Fieber durch Aufgüsse

von _Scoparia dulcis_ _‘abzuschneiden’_, oder auch durch warme Limonade

aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde öligt und

aromatisch zugleich ist.

Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht günstig; indessen

erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender

Sonnenhöhen, nach denen der Chronometer für die Mission Maypures

70° 37′ 33″ Länge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns

gegen Norden gleich 59° 13′ 57″ gefunden. Die neuesten Karten sind in der

Länge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie mühsam und

qualvoll diese nächtlichen Beobachtungen waren, vermöchte ich kaum zu

beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete

ein paar Fuß über dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer

dichter, je näher man gegen den künstlichen Horizont hinleuchtete. Die

meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den

Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere

machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Hütten an und hängen ihre Matten

mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29°, bei

Tag auf 30°. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen,

grobkörnigen Granitsand 60°,3 [48°,2 Reaumur, Gräser von frischestem Grün

wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weißen, aber feinkörnigen und

dichteren Granitsand 52°,5 heiß; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen

war 47°,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fuß über dem Boden

im Schatten 29°,6, in der Sonne 36°,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang

zeigte der grobe Sand 32°, der Granitfels 38°,8, die Luft 28°,6, das

Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberfläche, 27°,6, das Wasser einer

schönen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt,

27°,8. Es ist dieß vielleicht etwas weniger als die mittlere

Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in

Maypures betrug 31°,10, also 1°,15 weniger als im Dorfe Atures, das um

25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt.

Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im

kleinen Dorfe Maypures neben dem obern großen Katarakt schifften wir uns

um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionär

von Carichana uns überlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und

durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich

beschädigt; aber ihrer warteten noch größere Fahrlichkeiten. Sie mußte vom

Rio Tuamini zum Rio Negro über eine Landenge 36,000 Fuß weit geschleppt

werden, sie mußte über den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und

zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und

Seitenwände der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise

auszuhalten.

Sobald man über die großen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer

neuen Welt; man fühlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die

Natur selbst zwischen den cultivirten Küstenstrichen und den wilden,

unbekannten Ländern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in

blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami;

ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin

bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic

Calitamini (so heißt dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von

röthlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch

ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht über 600 Toisen hoch ist.(51)

Ich glaube, dieser gewöhnlich röthliche, zuweilen silberweiße Schimmer ist

ein Reflex von großen Talgblättern oder von Gneiß, der in Glimmerschiefer

übergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort,

auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztrümmern

und Brauneisenstein aufgelagert ist.

Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der

Bäume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schöne Färbung

ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Rücken und Kopf schön

sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weißer Streif lief von

der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang,

nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn

man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt,

macht, daß die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg

entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr

merkwürdig ist, Räderspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem

unbekannten Geschöpf, von den Thieren mit großen Hörnern, welche zur Zeit

der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo

zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Mühe des

Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures

wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie

die Römer über die _‘lucanischen Ochsen’_ (die Elephanten im Heere des

Pyrrhus).

Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zöge, der die kleinen Flüsse

Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die

Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den

ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitän von Caracas, Guevara

Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt

von Maypures sind die Bodenverhältnisse so günstig, wie man sie bei Atures

vergeblich suchte. Der Canal würde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem

man ihn nahe an der Mündung der beiden Flüßchen oder weiter ihren Quellen

zu anfangen ließe. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Süd Süd Ost

nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der

Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer

Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden

Nebenflüsse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen läßt. Die

Ausführung dieses Plans wäre durchaus nicht kostspielig, da die Landenge

größtentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver hätte man dabei

gar nicht nöthig. Dieser Canal, der nicht über zehn Fuß breit zu seyn

brauchte, wäre als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es

bedürfte keiner Schleuße, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco

gehen, würden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen

im Raudal beschädigt; man zöge sie hinauf, und da man die Waaren nicht

mehr auszuladen brauchte, würde viel Zeit erspart. Man hat die Frage

erörtert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte.

Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem

Ministerium ertheilt habe: »Auf den Bau eines Canals bei Maypures und

eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der

Voraussetzung Gewicht, daß die Regierung sich mit Handel und Gewerbfleiß

am obern Orinoco ernstlich beschäftigen wollte. Unter den gegenwärtigen

Verhältnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majestätischen Stromes

gänzlich vernachlässigt bleiben sollen, wären Canäle allerdings so gut wie

überflüssig.«

Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit

ziemlicher Beschwerde über den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei

sehr hohem Wasserstand für gefährlich. Jenseits des Raudals fanden wir den

Strom spiegelglatt. Wir übernachteten auf einer felsigten Insel, genannt

Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier

wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung

begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem

Felsboden, wovon schon öfters die Rede war. Ich konnte in der Nacht

mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich

5° 4′ 51″, ihre Länge gleich 70° 57′. Ich konnte die im Strom reflektirten

Sternbilder benützen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die

Moskitowolke so dick, daß ich nicht die Geduld hatte, den künstlichen

Horizont zu richten.

Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der

Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lüftchen ließ sich spüren, denn

südlich von Atures und Maypures herrscht beständig Windstille. Am Rio

Negro und Cassiquiare, am Fuß des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara

hörten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heißen Ländern einen

ganz eigenthümlichen Reiz hat. Die Krümmungen des Stroms, die schützenden

Berge, die undurchdringlichen Wälder und der Regen, der einen bis zwei

Grade nördlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, mögen diese

Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthümlich ist.

In dem unter südlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen

Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der

Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen

die Strömung und wird nur im Flußbett selbst gespürt. Unterhalb San Borja

ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord

Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herrührende

Wind, der aber durch kleine örtliche Verhältnisse bald diese, bald jene

Richtung bekommt. Mit diesem beständigen Wind segelt man von Gran Para bis

Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de

Bracamoros, am Fuß des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom

atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm

auf. Wenn man auf das Flußufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen

halten; so auffallend anders sind die Verhältnisse am obern Orinoco und am

obern Amazonenstrom.

Sehr wahrscheinlich ist es diesem beständig wehenden Winde zuzuschreiben,

daß der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am

obern Orinoco sind die chemischen Affinitäten eingreifender und es

entwickeln sich mehr schädliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des

Amazonenstroms wären eben so ungesund, wenn nicht der Fluß, gleich dem

Niger, seiner ungeheuren Länge nach von West nach Ost, also in der

Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms

ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe

rückt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent

trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fuß über den Spiegel des

atlantischen Meeres. Der obere Orinoco läuft Anfangs von Ost nach West,

und dann von Nord nach Süd. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms

ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein

sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des holländischen

und französischen Guyana, und läßt den Rotationswind nicht nach Esmeralda

kommen; erst vom Einfluß des Apure an, von wo der untere Orinoco von West

nach Ost über eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene läuft,

fängt der Wind an kräftig aufzutreten; dieses Stromstück ist daher auch

nicht so ungesund als der obere Orinoco.

Als dritten Vergleichungspunkt führe ich das Thal des Magdalenenstromes

an. Derselbe behält, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber

sie ist ungünstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfällt,

sondern von Süd nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde

gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere

Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich südlich von der Stadt

Mompox, spürten wir niemals etwas von Wind, außer beim Anzug nächtlicher

Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Fluß über Honda hinauf, so findet man

die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im

Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein heiß weit berufen. Man mag es

anfangs auffallend finden, daß die Windstille aufhört, wenn man im obern

Stromlauf dem Gebirge näher kommt; aber es erscheint erklärlich, wenn man

bedenkt, daß die trockenen heißen Winde in den Llanos am Neiva von

niedergehenden Luftströmungen herrühren. Kalte Luftsäulen stürzen von den

*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern

Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der

gemäßigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwärmung des Bodens und

durch die Nähe schneebedeckter Gebirge örtliche Luftströmungen. Jene sehr

starken Winde am Neiva kommen nicht daher, daß die Passatwinde

zurückgeworfen würden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht

gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Bäumen bewachsenen Berge am

obern Orinoco höher wären, so würden sie in der Luft dieselben raschen

Gleichgewichtsstörungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von

Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche

Zusammenhang zwischen der Richtung der Ströme, der Höhe und Stellung der

anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphäre und der Salubrität des

Klima verdient die größte Aufmerksamkeit. Wie ermüdend und unfruchtbar

wäre doch das Studium der Erdoberfläche und ihrer Unebenheiten, wenn es

nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefaßt würde!

Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwärts die Mündung

des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwärts die Mündung

des Rio Vichada. In der Nähe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser

einen kleinen Fall, einen _‘Raudalito’_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im

Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber,

kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im südlichen Theil trägt

dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des

Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der über der Mission

Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die höchsten in der

ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die

schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Süd Süd Ost nach Nord Nord

West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethürmte Granitblöcke

bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am

Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der

Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt

der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgrüne, ins Bräunlichte

spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Bäume mit lederartigen

Blättern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen über die anstoßende

Ebene und stechen ab vom glänzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft

und auf der Wasserfläche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn

die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese kräftigen Schatten

allmählig und die ganze Kette hüllt sich in einen leisen Dust, der weit

satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewölbes. In diesem um

den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die

Lichteffekte gedämpft, und so erhält die Landschaft das Gepräge der Ruhe

und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und

POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt.

Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der mächtige Häuptling

der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen

zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer

versicherten uns, in den Wäldern am Sipapo wachse in Menge der _‘Vehuco de

Maimure’_. Dieses Schlinggewächs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie

Körbe und Matten daraus verfertigen. Die Wälder am Sipapo sind völlig

unbekannt, und die Missionäre versetzen hieher das Volk der _‘Rayas’_,(52)

»die den Mund am Nabel haben.« Ein alter Indianer, den wir in Carichana

antrafen und der sich rühmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte

diese kopflosen Menschen »mit eigenen Augen« gesehen. Diese abgeschmackten

Mährchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht

immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In

allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefährtin der

Leichtgläubigkeit, und man könnte meinen, die Hirngespinnste der alten

Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn

man nicht wüßte, daß die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie

die Naturbildungen, überall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse

Aehnlichkeit zeigen.

Bei der Mündung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die

Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist höchst merkwürdig;

der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei

auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie

verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fünfzehn bis zwanzig Fuß hohe

Thürmchen aus. Die einen sind von den Bäumen des Waldes beschattet, bei

andern ist der Gipfel von Palmen gekrönt. Die Felsen sind Granit, der in

Gneiß übergeht. Befände man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man

glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Böhmen oder von Streitberg und

Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundärer Kalkstein können

keine groteskeren Formen annehmen. An der Mündung des Vichada sind die

Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit

Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia

pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im nördlichen Europa so häufig

vorkommen. Wir konnten kaum glauben, daß wir uns keine hundert Toisen über

dem Meer, unter dem fünften Breitegrad mitten in der heißen Zone befanden,

von der man so lange glaubte, daß keine kryptogamischen Gewächse in ihr

vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes

beträgt wahrscheinlich über 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In

Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns

über das schöne Grün der Wälder. Dieser Umstand ist für das obere

Orinocothal charakteristisch; an der Küste von Caracas und in den Llanos

werfen die Bäume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur

gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden

Felsen wuchsen mehrere große Stämme Säulencactus (_Cactus

septemangularis_), was südlich von den Katarakten von Atures und Maypures

eine große Seltenheit ist.

Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glück, mehrere Stämme von

_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewürzreichen Zimmtbaumes,

der am Orinoco unter dem Namen _‘Varimacu’_ und _‘Canelilla’_ bekannt

ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie

bei Esmeralda und östlich von den großen Katarakten vor. Der Jesuit

FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den

Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis

in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder

*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu

verwechseln. Diese gewürzhaften Rinden und Früchte, der Zimmt, die

Muskatnuß, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ wären wichtige

Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika

bereits an die Gewürze und Wohlgerüche Ostindiens gewöhnt gewesen wäre.

Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen

Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingeführt hat, sind übrigens

weniger gewürzhaft als der Ceylonzimmt, und wären solches selbst dann,

wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet würden.

Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewächsen, und es erklärt sich

keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika

keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekräuter hervorbringt, warum es

in der südlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem

indischen Festlande das Gefieder der Vögel nicht so glänzend ist wie in

den heißen Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das

Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der

Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehören zu den Räthseln, welche die

Naturphilosophie nicht zu lösen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen

hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach

denen die Wesen über den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was

ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in

verschiedenen Höhen und bei verschiedenen Wärmegraden neben einander

vorkommen; sie erforscht die Verhältnisse, unter denen sich dieser oder

jener Organismus kräftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt;

aber sie rührt nicht an Fragen, die unmöglich zu lösen sind, weil sie mit

der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhängen. Ferner

ist zu bemerken, daß die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem

Erdball allein aus dem Einfluß der Klimate zu erklären, einer Zeit

angehören, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man

fortwährend an vermeintlichen Gegensätzen beider Welten festhielt und sich

vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wüsten Egyptens und den

Sümpfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkührlich

angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, weiß

man auch, daß die beiden Continente in ihrer unermeßlichen Ausdehnung

Bodenstücke mit völlig übereinstimmenden Naturverhältnissen aufzuweisen

haben. Amerika hat so dürre und glühend heiße Landstriche als das innere

Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewürze erzeugen, zeichnen sich

keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist

durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum

auf dem neuen Continent die schönen Laurineen- und Myristiceenarten nicht

vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben

einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Ländern des neuen

Continents der ächte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf

dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas,

_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten,

die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla

von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die

Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht

für einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft

der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen

Pflanzenarten förderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten

Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einfluß der anhaltenden

tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_)

am besten, dessen Frucht häufig so scharf und beißend ist als der

ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1)

Der neue Continent besitzt sehr starke Gewürze, Arome und vegetabilische

Gifte, die ihm allein angehören, sich aber specifisch von denen der alten

Welt unterscheiden; 2) die ursprüngliche Vertheilung der Arten in der

heißen Zone ist allein aus dem Einfluß des Klimas, aus der Vertheilung der

Wärme, wie sie im gegenwärtigen Zustand unseres Planeten stattfindet,

nicht zu erklären, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns

begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen

Oertlichkeit kräftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von

einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, daß sie

wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmöglich sehr

kalten Landstrichen angehören können; wir vermögen aber nicht zu erklären,

warum keine Art aus der Familie der Melastomeen nördlich vom dreißigsten

Breitegrad wächst, warum keine einzige Rosenart der südlichen Halbkugel

angehört. Häufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne daß

die Erzeugnisse gleichartig wären.

Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenfluß mit dem Orinoco

einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der

bedeutendste unter den aus Westen kommenden Flüssen. Seit vierzig Jahren

hat kein Europäer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich

nichts in Erfahrung bringen können; ich vermuthe sie mit denen des Tomo

auf den Ebenen südwärts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht

zweifelhaft, daß die frühesten Missionen an den Ufern des Vichada von

Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegründet worden sind. Noch in

neuester Zeit sah man flüchtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna,

einem Dorf am Meta, über den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures

kommen, was darauf hinweist, daß die Quellen desselben nicht sehr weit vom

Meta seyn können. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und

spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt öden Ufern

des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religiösen Eifers

fielen.

Nachdem wir zuerst gegen Ost am Caño Pirajavi, sodann gegen West an einem

kleinen Fluß vorübergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem

See Namens Nao entspringt, übernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim

Einfluß des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist

als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel

von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schön; in den niedern

Luftregionen wehte kein Lüftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke

Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim

Niedergehen gegen den Horizont vor die großen Nebelflecken im Schützen

oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind

nie lichtstärker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind.

Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstraße, beim

Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und

Untergang an dem Stück des Himmels, das weiß wird aus Ursachen, welche die

Physik noch nicht gehörig ermittelt hat.

Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und

Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, daß hier wilde

Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die glücklicherweise keine Canoes

bauen. Früher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit

ihren Geschwadern von Flößen und Piroguen hier umherzogen, wäre es

unvorsichtig gewesen, an der Mündung eines Flusses zu übernachten, der aus

Westen kommt. Gegenwärtig, da die kleinen Niederlassungen der Europäer die

unabhängigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdrängt haben, ist

dieser Landstrich so öde, daß uns von Carichana bis Javita und von

Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen

nicht ein einziges Fahrzeug begegnete.

Mit der Mündung des Rio Zama betraten wir ein Flußsystem, das große

Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini,

der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das

heißt, ihr Wasser, in großen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder

grünlich schwarz, und doch sind es die schönsten, klarsten,

wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwähnt, daß die Krokodile

und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast überall die

schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser bräunen

das Gestein nicht, und die weißen Flüsse haben schwarze, die schwarzen

Flüsse weiße Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den

die Europäer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, häufig blendend weiße

Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des

Mataveni ziemlich weiß, das des Atabapo aber behält einen braungelblichen

Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _‘schwarzen Flüsse’_

kräuselt, so erscheinen sie schön wiesengrün wie die Schweizer Seen. Im

Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz.

Diese Erscheinungen sind so auffallend, daß die Indianer aller Orten die

Gewässer in schwarze und weiße eintheilen. Erstere haben mir häufig als

künstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf

zurück.

Die Farbe des Quellwassers, Flußwassers und Seewassers gehört zu den

physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar

nicht zu lösen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz

andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine große Masse

Flüssigkeit durchgeht. Fände keine Absorption der Strahlen statt, so hätte

das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementäre des

reflektirten Lichtes wäre, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in

einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch.

Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den

innern Schichten der Flüssigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht

derselben.

Berühmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so

wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo

keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die

eigenthümliche Farbe des Wassers möchte blau oder grün seyn. In der That

ist durch nichts erwiesen, daß das Wasser von Natur weiß ist und immer ein

Farbstoff im Spiele seyn muß, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht

gesehen, eine Färbung zeigt. Wo Flüsse wirklich einen färbenden Stoff

enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, daß er sich jeder

chemischen Untersuchung entzieht. Die Färbung des Meeres scheint häufig

weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und

der Wolken abzuhängen. Ein großer Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn,

die verschiedene Färbung der Meere könnte daher rühren, daß das Jod in

verschiedenen Verhältnissen darin enthalten ist.

Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, daß bereits den Griechen die

blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der

heißen Bäder von Astyra, Lesbos gegenüber, aufgefallen waren. Manche

Flüsse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das

Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgrün seyn, in

wiesengrün übergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind bräunlich, ja

fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei

Gewässern vor, welche für die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr

an auf Analogien gegründete Schlüsse als an die unmittelbare Analyse

halten müssen, um über diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu

verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flußsystem, das wir bereist -- und

dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _‘schwarzen

Wasser’_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Nähe des Aequators vor. Um

den fünften Grad nördlicher Breite fängt man an sie anzutreffen, und sie

sind über den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad südlicher Breite

sehr häufig. Die Mündung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3° 9′ der

Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Wäldern und auf

den Grasfluren weiße und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor,

daß man nicht weiß, welcher Ursache man die Färbung des Wassers

zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergießt, hat

weißes Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei

Nebenflüssen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist

der eine weiß, der andere schwarz.

Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Färbung, so

lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von

physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das

Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionäre, so sprechen

sie, als hätten sie die strengsten Beweise für ihre Behauptung, »das

Wasser färbe sich, wenn es über Sarsaparillewurzeln laufe.« Die Smilaceen

sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr häufig, und ihre

Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten

Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbüsche haben wir an Orten gesehen, wo

die Wasser ganz weiß sind! Wie kommt es, daß wir im sumpfigten Wald, durch

den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Caño Pimichin und an den Rio

Negro schleppen mußten, auf demselben Landstrich jetzt durch Bäche mit

weißem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man

niemals einen Fluß gefunden, der seiner Quelle zu weiß und im untern Stück

seines Laufes schwarz war? Ich weiß nicht, ob der Rio Negro seine

braungelbe Farbe bis zur Mündung behält, obgleich ihm durch den

Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weißes Wasser zufließt. Da LA

CONDAMINE den Fluß nordwärts vom Aequator nicht sah, konnte er vom

Unterschied in der Farbe nicht urtheilen.

Die Vegetation ist wegen der Regenfülle ganz in der Nähe des Aequators

allerdings kräftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Süd; es läßt sich

aber keineswegs behaupten, daß die Flüsse mit schwarzem Wasser

vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Wäldern entspringen. Im

Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren,

die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf

einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar

vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir

auf, daß die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero*

ganz ähnlich gefärbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum

Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus

Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fünf

Fuß tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark

nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden

Arum- und Heliconienstauden herrührte, die auf den Lachen schwammen. Das

Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei

reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe rührt ohne Zweifel von gekohltem

Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Düngerwasser, das unsere

Gärtner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfließt. Läßt sich

demnach nicht annehmen, daß auch die schwarzen Flüsse, der Atabapo, der

Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und

Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefärbt werden?

Der starke Regen unter dem Aequator trägt ohne Zweifel zur Färbung bei,

indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese

Gedanken nur als Vermuthung. Die färbende Substanz scheint in sehr

geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia

oder Rio Negro sieden läßt, sah ich es nicht braun werden wie andere

Flüssigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten.

Es erscheint übrigens sehr merkwürdig, daß diese _‘schwarzen Wasser’_, von

denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heißen Zone

beschränkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der

Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Königreich Quito von drei

Bächen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die

zwei ersteren sind weiß, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie

das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blaßgelb bei durchgehendem

Licht. Es ist sehr schön, und die Einwohner von Cuenca, die es

vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille

zu, die am Rio Yanuncai sehr häufig wachsen soll.

Am 23. April. Wir brachen von der Mündung des Zama um drei Uhr Morgens

auf. Auf beiden Seiten lief fortwährend dicker Wald am Strom hin. Die

Berge im Osten schienen immer weiter wegzurücken. Wir kamen zuerst am

Einfluß des Rio Mataveni, und dann an einer merkwürdig gestalteten Insel

vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem

Wasser empor; die Missionäre nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen

Streifen daran sollte man schließen, daß der Orinoco, wenn er anschwillt,

an dieser Stelle nicht über 8 Fuß steigt, und daß die hohen Wasserstände,

die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenflüssen herrühren, die

nördlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir

übernachteten am rechten Ufer, der Mündung des Rio Siucurivapu gegenüber,

bei einem Felsen, der Aricagua heißt. In der Nacht kamen zahllose

Fledermäuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Hängematten. Ich

habe früher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden

anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren.

Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr früh Morgens die

Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und mußten einige

Bücher zurücklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua

nicht finden konnten. Der Strom läuft ganz gerade von Süd nach Nord; die

Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Wäldern beschattet. Wir

kamen an den Mündungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorüber.

Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _‘Conucos de Siquita’_ aus,

Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute

hätten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in

der Secunde fünf Fuß zurücklegt. Dieß ist das Ergebniß einer Messung, bei

der ich die Zeit schätzte, die ein schwimmender Körper braucht, um eine

gegebene Strecke zurückzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die

Mündung des Guaviare ein, fuhren über den Zusammenfluß des Atabapo mit dem

Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir

erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heißt im Hause des

Missionärs, der von unserem unerwarteten Besuch höchlich überrascht war,

uns aber nichts desto weniger mit der liebenswürdigsten Gastlichkeit

aufnahm.

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47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python,

ähnlich dem, der vom Heere des Regulus getödtet worden?

48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel:

_Untersuchungen, über die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren

der phönicischen Sprache_.

49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die

Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die

freie Entwicklung der Geistesthätigkeit in den Individuen

niederhielt.

50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am großen Miami, aus Sandstein

am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen

lang ist.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. · 第 20 / 29 题