San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der
Flüsse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure.
Bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die großen
Flüsse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach
bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der
tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen,
um jenseits des Apure die große Stadt des Dorado und das reiche Land
Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kühne Züge
waren nur in voller Kriegsrüstung auszuführen. Auch wurden die Waffen, die
nur die neuen Ansiedler schützen sollten, beständig wider die
unglücklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthätigkeit
und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei
mächtige indianische Volksstämme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco,
zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr
verheerten. Von nun an war es nur noch armen Mönchen gestattet, südlich
von den Steppen den Fuß zu setzen. Jenseits des Uritucu begann für die
spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der
unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Küsten von Neu-Grenada
und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die
Wege, die von Coro an den Rio Meta führen. Das Küstenland von Venezuela
blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionäre von der
Gesellschaft Jesu wollte es nur längs der Ufer des Orinoco glücken. Diese
Väter waren bereits bis über die Katarakten von Atures und Maypures
hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Küste und den
Thälern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus
den verschiedenen Ordensregeln läßt sich ein solcher Contrast nicht wohl
erklären; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die
Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande,
in Gebirgen oder auf Steppen, überall, wo sie nicht am selben Flusse
fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, daß
die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fünfzig Meilen
von dem am frühesten bevölkerten Küstenstrich von Caracas liegt, erst im
Jahre 1789 gegründet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll
hübscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war
auf Ansuchen der Mönche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als
ein paar Rohrhütten um ein großes, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz.
Da die Missionäre und die weltlichen obersten Behörden gleiches Interesse
haben, in Europa ihre Bemühungen für Förderung der Cultur und der
Bevölkerung in den Provinzen über dem Meer in übertriebenem Lichte
erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, daß Stadt- und Dorfnamen lange
vor der wirklichen Gründung in der Liste der neuen *Eroberungen*
aufgeführt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare
dergleichen Ortschaften nennen, die längst projektirt waren, aber nie
anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten.
San Fernando, an einem großen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmündung
eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist für den Handel
ungemein günstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Häute, Cacao,
Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen über
diese Stadt nach den Mündungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen große
Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio
Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit
treten die Flüsse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco
bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das über eine
Fläche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der
Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefälle der Gegenhänge
seinen Lauf ändert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines
Meridians zu verfolgen, ostwärts fließt. Betrachtet man die Erdoberfläche
als einen vielseitigen Körper mit verschieden geneigten Flächen, so
springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, daß zwischen
San Fernando am Apure, Caycara und der Mündung des Meta drei Gehänge, die
gegen Nord, West und Süd ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine
bedeutende Bodensenkung entstehen mußte. In diesem Becken steht in der
Regenzeit das Wasser 12--14 Fuß hoch auf den Grasfluren, so daß sie einem
mächtigen See gleichen. Die Dörfer und Höfe, die gleichsam auf Untiefen
dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuß über dem Wasser. Alles erinnert
hier an die Ueberschwemmung in Unterägypten und an die Laguna de Xarayes,
die früher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein
paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Flüsse Apure, Meta und
Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen
die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil
sie die Plateaus oder die gewölbten Erhöhungen in den Llanos nicht
erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Füllen, einen
Theil des Tags herumschwimmen und die Gräser abweiden, die nur mit den
Spitzen über das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen
angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren
von den Zähnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die
Aase von Pferden, Maulthieren und Kühen ziehen zahllose Geier herbei. Die
*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des
Landes. Sie haben ganz den Habitus des _‘Huhns der Pharaonen’_ und leisten
den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_
den Egyptern.
Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht
umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der
Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Grönland
frißt der Hund die Abfälle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so
nährt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten,
dürren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt,
treten hier in den wilden Zustand zurück und fristen im heißen tropischen
Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von übermäßiger Dürre
und darauf von übermäßiger Nässe geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst
zu löschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald flüchten sie
sich vor den Wassern der austretenden Flüsse, vor einem Feinde, der sie
von allen Seiten umzingelt. Den Tag über werden Pferde, Maulthiere und
Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren
Fledermäusen angefallen, die sich in ihren Rücken einkrallen und ihnen
desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere bösartige
Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der großen Dürre benagen die
Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum
erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle
zu gelangen. Während der großen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere
wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und
Seekühen. Und dennoch erhält sich, nach den unabänderlichen Gesetzen der
Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen
Plagen und Gefahren. Fällt das Wasser wieder, kehren die Flüsse in ihre
Betten zurück, so überzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem
Gras, und im Herzen des heißen Landstrichs scheinen die Thiere des alten
Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des
neuen Frühlingsgrüns zu freuen.
Während des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Länder, um die
starke Strömung und die gefährlichen Baumstämme, die sie treibt, zu
vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flußbetten hinauf, sondern fahren
über die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Dörfern San Juan
de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo,
wendet man sich gerade nach Süd, als führe man auf einem einzigen 20
Meilen breiten Strome. Die Flüsse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca
bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergießen, 160 Meilen von der Küste
von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der
alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Höhe des Quecksilbers im
Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefälle von
34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmündung des
Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben.
Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern überhaupt in allen Stücken an die
Savanen am untern Orinoco.
Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir
wohnten beim Missionär, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom
Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die größte
Aufmerksamkeit und Gefälligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit
der Fluß den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwühlen könnte, und
er zog mich deßhalb zu Rath. Durch den Einfluß der Portuguesa in den Apure
wird dieser nach Südost gedrängt, und statt dem Fluß freieren Lauf zu
verschaffen, hatte man Dämme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war
leicht vorauszusagen, daß, wenn die Flüsse stark austraten, diese Wehren
um so schneller weggeschwemmt werden mußten, da man das Erdreich zu den
Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwächt hatte.
San Fernando ist berüchtigt wegen der unmäßigen Hitze, die hier den
größten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt
auf den Strömen berichte, führe ich hier einige Beobachtungen an, welche
für die Meteorologie der Tropenländer nicht ohne Werth seyn mögen. Wir
begaben uns mit Thermometern aus das mit weißem Sand bedeckte Gestade am
Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand überall, wo er der Sonne
ausgesetzt war, 52°,5 [42° R]. In achtzehn Zoll Höhe über dem Sand stand
der Thermometer auf 42°, in sechs Fuß Höhe auf 38°,7. Die Lufttemperatur
im Schatten eines Ceibabaums war 36°,2. Diese Beobachtungen wurden bei
völlig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die
Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem
_‘Sandwind’_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark
erhitzten Boden in Berührung gewesen, oder durch welche _‘Sandhosen’_
durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heißeste,
weil ihm die Luft zugeführt wird, welche bereits über die ganze dürre
Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den
östlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wüsten da bemerkt, wo
die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos
bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die
strahlende Wärme gegen den Erdboden zurückwirft. In dieser Zeit hört der
Seewind ganz auf, und nach POZO’s guten thermometrischen Beobachtungen
steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39°,5 [31°,2--31°,6 R], und
zwar noch über 15 Fuß vom Boden. Je näher wir den Flüssen Portugueza,
Apure und Apurito kamen, desto kühler wurde die Luft, in Folge der
Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Dieß ist besonders bei
Sonnenaufgang fühlbar; den Tag über werfen die mit weißem Sand bedeckten
Flußufer die Sonnenstrahlen auf unerträgliche Weise zurück, mehr als der
gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao.
Am 28. März bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des
Apure zu messen. Sie beträgt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es
war dieß das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluß
schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still,
und alsbald fingen große Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz
ähnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der
Wasserfläche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und träge, schienen die
Nähe dieser lärmenden, in ihren Bewegungen ungestümen Thiere zu scheuen;
wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Daß
Cetaceen so weit von der Küste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier
in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr
indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuß lang und zeigen, wenn
sie den Rücken krümmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten
schlagen, ein Stück des Rückens und der Rückenfloße. Ich konnte keines
Stücks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen
auf sie zu schießen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch
derselben. Gehören diese Cetaceen den großen Strömen Südamerikas
eigenthümlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER’s
anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Süßwassersäugethier* ist,
oder soll man annehmen, daß sie aus der See gegen die Strömung so weit
heraufkommen, wie in den asiatischen Flüssen der _Delphinapterus Beluga_
zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der
Umstand, daß wir im Rio Atabapo, oberhalb der großen Fälle des Orinoco,
Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Mündung des Amazonenstroms
her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco bis in das Herz von Südamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort
in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, daß sie zu
bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse.
Während es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur
einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem
Zenith zuzogen. DELUC’s Hygrometer stand auf 53°, der Thermometer auf
23°,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von
Elektricität. Während das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des
Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstbläschen wurden sichtbar
und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei
bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Wärme des Bodens zurückwirft.
Jetzt goß der Regen in Strömen nieder. Wir waren hinlänglich an das Klima
gewöhnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fürchten zu
dürfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau
zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuß über dem Boden 20 Minuten lang in der
Hand und sah die Fliedermarkkügelchen meist nur wenige Secunden vor dem
Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb
sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer
Siegellackstange die Art der Elektricität zu untersuchen, und so sah ich
hier, wie später oft auf dem Rücken der Anden während eines Gewitters, daß
die Luftelektricität zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ
wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und
Harzelektricität) wiederholte sich öfters. Indessen zeigte der
Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive
Elektricität, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der
Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel
auf 22°, in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Wärmestrahlung
gegen den Himmel.
Ich bin hier näher auf Einzelnes über elektrische Spannung der Luft
eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschränken, den
Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu
angekommenen Europäer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei große
Hälften zerfällt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie
die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und
in *Regenzeit*, ist es von großem Interesse, den Verlauf der
meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur
andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in
den Thälern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit
Anfang März wurde die Anhäufung sichtbarer Dunstbläschen und damit die
Anzeichen von Luftelektricität von Tag zu Tag stärker. Wir sahen gegen Süd
wetterleuchten und der VOLTA’sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang
fortwährend Glaselektricität. Mit Einbruch der Nacht wichen die
Fliedermarkkügelchen, die sich den Tag über nicht gerührt, 3--4 Linien
auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument
bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun
aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft völlig gestört. Stundenlang
war die Elektricität Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und
bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC’s Hygrometer zeigte
fortwährend große Trockenheit an, 33--35°, und dennoch schien die Luft
nicht mehr dieselbe. Während dieses beständigen Schwankens der
Luftelektricität fingen die kahlen Bäume bereits an frische Blätter zu
treiben, als hätten sie ein Vorgefühl vom nahenden Frühling.
Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa
auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen
in wunderbarer Einförmigkeit auf einander, weil die lebendigen Kräfte der
Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschränken und im
Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwärts von den Cordilleren von
Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta,
zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober
beständig regnet und demnach die Zeit der größten Hitze, die im Juli und
August eintritt, in die Regenzeit fällt, nehmen die atmosphärischen
Erscheinungen folgenden Verlauf.
Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar.
Der Himmel ist beständig wolkenlos, und zieht je Gewölk auf, so ist das
ein Phänomen, das die ganze Einwohnerschaft beschäftigt. Der Wind bläst
stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er beständig Luft von der gleichen
Temperatur herführt, so können die Dünste nicht durch Abkühlung sichtbar
werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang März ist das Blau des Himmels
nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmählig stärkere Feuchtigkeit
an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert,
ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder
bis zu 20 Grad über dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind
schwächer, unregelmäßiger, und es tritt öfter als zuvor völlige Windstille
ein. In Süd-Süd-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge
mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit lösen sie sich vom Horizont
ab und laufen über das Himmelsgewölbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem
schwachen Wind in den untern Luftschichten außer Verhältniß steht. Zu Ende
März wird das südliche Stück des Himmels von kleinen, leuchtenden
elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die
immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich
der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Südwest.
Es ist dieß ein sicheres Zeichen, daß die Regenzeit bevorsteht, die am
Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel fängt an sich zu beziehen,
das Blau verschwindet und macht einem gleichförmigen Grau Platz. Zugleich
nimmt die Luftwärme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken
am Himmel, sondern verdichtete Wasserdünste hüllen ihn vollkommen ein.
Lange vor Sonnenaufgang erheben die Brüllaffen ihr klägliches Geschrei.
Die Luftelektricität, die während der großen Dürre vom December bis März
bei Tag fast beständig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer
war, fängt mit dem März an äußerst veränderlich zu werden. Ganze Tage lang
ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkügelchen ein paar
Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricität, die in der
heißen wie in der gemäßigtenz Zone in der Regel Glaselektricität ist,
schlägt auf 8--10 Minuten in Harzelektricität um. Die Regenzeit ist die
Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniß meiner zahlreichen,
dreijährigen Beobachtungen, daß gerade in dieser Gewitterzeit die
elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die
Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der über einander gelagerten
Luftschichten? Was hindert die Elektricität in einer Luft, die schon seit
Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint
die Elektricität nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der
äußern Hülle, auf der Oberfläche der Wolken angehäuft zu seyn. Daß sich
das elektrische Fluidum an die Oberfläche der Wolke zieht, ist, nach
GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das
Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus,
also kurze Zeit nach dem Eintritt des täglichen Wärmemaximums unter den
Tropen. Im Binnenlande hört man bei Nacht oder Morgens äußerst selten
donnern; nächtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flußthälern vor, die
ein eigenthümliches Klima haben.
Auf welchen Ursachen beruht es nun, daß das Gleichgewicht in der
elektrischen Spannung der Luft gestört wird, daß sich die Dünste
fortwährend zu Wasser verdichten, daß der Wind aufhört, daß die Regenzeit
eintritt und so lange anhält? Ich bezweifle, daß die Elektricität bei
Bildung der Dunstbläschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur
die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Nördlich und südlich
vom Aequator kommen die Gewitter oder die großen Entladungen in der
gemäßigten und in der äquinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein
Moment, das durch das große Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her
wirkt? Wie läßt sich denken, daß in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne
sich immer so hoch über den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns
durch das Zenith bedeutenden Einfluß auf die Vorgänge in der Luft haben
sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das
Eintreten des Regens bedingt, keine örtliche, und das scheinbar so
verwickelte Problem würde sich wohl unschwer lösen, wenn wir mit den obern
Luftströmungen besser bekannt wären. Wir können nur beobachten, was in den
untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshöhe sind die Anden
fast unbewohnt, und in dieser Höhe äußern die Nähe des Bodens und die
Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden
Einfluß auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana
beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnähme, wenn man in
derselben Höhe in einem Luftballon über den Llanos oder über der
Meeresfläche schwebte.
Wie wir gesehen haben, fällt in der nördlichen Aequinoctialzone der Anfang
der Regenniederschläge und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne
durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhören der See- oder Nordostwinde,
mit dem häufigen Eintreten von Windstillen und _‘Bendavales’_, das heißt
heftigen Südost- und Südwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwärtigt
man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen,
aus denen unsere Atmosphäre besteht, gehorchen, so ist, nach meiner
Ansicht, in den Momenten, daß der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol
herbläst, unterbrochen wird, daß die Luft in der heißen Zone sich nicht
mehr erneuert, und daß fortwährend ein feuchter Strom aufwärts geht,
einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So
lange nördlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft
bläst, läßt er die Luft über den tropischen Ländern und Meeren sich nicht
mit Wasserdunst sättigen. Die heiße, trockene Luft dieser Erdstriche
steigt aufwärts und fließt den Polen zu ab, während untere, trockenere und
kältere Luft herbeiführende Polarströmungen jeden Augenblick die
aufsteigenden Luftsäulen ersetzen. Bei diesem unaufhörlichen Spiel zweier
entgegengesetzten Luftströmungen kann sich die Feuchtigkeit in der
Aequatorialzone nicht anhäufen, sondern wird kalten und gemäßigten
Regionen zugeführt. Während dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die
Sonne in den südlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der
nördlichen Aequatorialzone beständig heiter. Die Dunstbläschen verdichten
sich nicht, weil die beständig erneuerte Luft weit vom Sättigungspunkt
entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die nördlichen
Zeichen gegen das Zenith heraufrückt, desto mehr legt sich der Nordostwind
und hört nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den
Tropen und der nördlichen gemäßigten Zone ist jetzt der kleinstmögliche.
Es ist Sommer am Nordpol, und während die mittlere Wintertemperatur unter
dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die
Temperatur unter dem Aequator, beträgt der Unterschied im Sommer kaum 4--6
Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hört der Nordostwind auf, so
treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der
nördlichen Aequinoctialzone anhäufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die
Luftsäule über dieser Zone sättigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht
mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesättigten und durch
die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen
erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maaß als diese Luft sich verdünnt,
nimmt ihre Wärmecapacität zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der
Dunstbläschen häuft sich die Elektricität in den obern Luftregionen an.
Den Tag über schlagen sich die Dünste fortwährend nieder; bei Nacht hört
dieß meist auf, häufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regengüsse
sind regelmäßig am stärksten und von elektrischen Entladungen begleitet,
kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser
Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die südlichen Zeichen tritt.
Jetzt beginnt in der nördlichen gemäßigten Zone die kalte Witterung. Von
nun an tritt die Luftströmung vom Nordpol her wieder ein, weil der
Unterschied zwischen den Wärmegraden im tropischen und im gemäßigten
Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind bläst stark,
die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Sättigungspunkt nicht
mehr erreichen. Daher hört es auf zu regnen, die Dunstbläschen lösen sich
auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen
ist nichts mehr zu hören, ohne Zweifel weil die Elektricität in den hohen
Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstbläschen, fast hätte ich gesagt,
keine Wolkenhüllen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhäufen
könnte.
Wir haben das Aufhören des Nordostwinds als die Hauptursache der
tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so
lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muß
hier aber noch bemerkt werden, daß, wenn der Nordost aufhört, nicht immer
Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft häufig, besonders längs den
Westküsten von Amerika, durch _‘Bendavales’_, d. h. Südwest- und
Südostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf
hinzuweisen, daß die feuchten Luftsäulen, die im nördlichen äquatorialen
Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Südpol zuströmen. In der That hat in
den Ländern der heißen Zone nördlich und südlich vom Aequator in ihrem
Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen
ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht.
Die südliche gemäßigte Zone hat jetzt Winter, während es nördlich vom
Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad höher ist als in
der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Daß der Regen
fortdauert, während die Bendavales wehen, beweist, daß die Luftströmungen
vom entfernteren Pol her in der nördlichen Aequatorialzone nicht die
Wirkung äußern wie die vom benachbarten Pole her, weil die
Südpolarströmung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Strömung
herbeiführt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie
geht, bevor sie zum achten Grad nördlicher Breite gelangt, über die ganze
südliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so
kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger
geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu
erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Küsten, z. B. an denen von
Guatimala, als heftige Winde austreten, so rührt dieß ohne Zweifel daher,
daß sie nicht Folge eines allmähligen, regelmäßigen Absiusses der
tropischen Luft gegen den Südpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln,
von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre
Stoßwinde daraus hinweist, daß im Luftmeer eine Rückstauung, eine rasche,
vorübergehende Störung des Gleichgewichts stattgefunden hat.
Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter
den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen
der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so äußert
sich auch die Wirkung der Polarluftströmungen unter verschiedenen
Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die
Gebirgsketten und das Küstenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden
in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwähnen;
will man aber zur Erkenntniß der Naturgesetze gelangen, so muß man, bevor
man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren
Zustand* der Atmosphäre und die beständige Norm ihrer Veränderungen
kennen.
Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricität und der Regenguß am
28. Merz verkündeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von
San Fernando am Apure noch über San Francisco de Capanaparo, über den Rio
Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kürzlich am Ufer des Meta
gegründeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas
oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg führt durch einen
ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Pächter, Don
Francisco Sanchez, bot sich uns gefällig als Führer an. Seine Tracht war
ein sprechendes Bild der großen Sitteneinfalt in diesen entlegenen
Ländern. Er hatte ein Vermögen von mehr als hunderttausend Piastern, und
doch stieg er mit nackten Füßen, an die mächtige silberne Sporen
geschnallt waren, zu Pferde. Wir wußten aber aus mehrwöchentlicher
Erfahrung, wie traurig einförmig die Vegetation auf den Llanos ist, und
schlugen daher lieber den längeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco
ein. Wir wählten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier
_‘Lanchas’_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und
vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine
mit Coryphablättern gedeckte Hütte hergerichtet. Sie war so geräumig, daß
Tisch und Bänke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus über Rahmen von
Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhäuten. Ich führe
diese kleinen Umstände an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure
hatten, gegenüber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden
Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San
Fernando(2) gibt es Hühner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im
Ueberfluß. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und
Tamarinden zu kühlender Limonade. Es war vorauszusehen, daß ein Dach aus
Palmblättern sich im breiten Flußbett, wo man fast immer den senkrechten
Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen mußte. Die Indianer
rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre
Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schießgewehre mit, die wir bis zu
den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, während weiter nach Süden die
Missionäre wegen der übermäßigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen
mehr führen können. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekühe und
Schildkröten, deren Eier allerdings nährend, aber keine sehr angenehme
Speise sind. Die Ufer sind mit unzähligen Vögelschaaren bevölkert. Die
ersprießlichsten für uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den
Truthahn und den Fasan des Landes nennen könnte. Ihr Fleisch kam mir
härter und nicht so weiß vor als das unserer hühnerartigen Vögel in
Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich stärker brauchen. Neben dem
Mundvorrath, dem Geräthe zum Fischfang und den Waffen vergaß man nicht ein
paar Fässer Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco
einzunehmen.
Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr
starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34°, obgleich der
Wind stark aus Südost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir
keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und
Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz
Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kürzlich von Cadix angekommen war und
einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Länder kennen zu lernen,
die ein würdiges Ziel für die Wißbegierde des Europäers sind, entschloß er
sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos
wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswürdiges Wesen und
seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht
gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluß des Apurito
vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico
gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger
Landstrich, der von zwei großen Flüssen eingefaßt wird, die sich in
geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergießen, nachdem sie
bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich
vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen
breit. Sie wird durch den *Caño* de la Tigrera und den *Caño* del Manati
in drei Stücke getheilt, wovon die beiden äußersten Isla de Blanco und
Isla de las Garzilas heißen. Ich mache hier diese umständlichen Angaben,
weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der
Gewässer zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen.
Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut
als das linke, wo einige Hütten der Yaruros-Indianer aus Rohr und
Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind
besonders geübt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen
Tigerfelle bekannten Bälge vorzüglich durch sie in die spanischen Dörfer
kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine
christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhängig
bleiben wollen. Andere Stämme der Yaruros leben unter der Zucht der
Missionäre im Dorfe Achaguas, südlich vom Rio Payara. Die Leute dieser
Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Züge
von der fälschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen
der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die
Länge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Länge
nach vorspringend. Sie sind größer, brauner und nicht so untersetzt wie
die Chaymas. Die Missionare rühmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die
früher eine mächtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren,
besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico.
Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung,
der Insel dieses Namens gegenüber.
Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und
von dort nach der Stadt Angostura war ich bemüht, Tag für Tag, sey es im
Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes
vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von
denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit
nothwendig Lücken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergänzt habe.
Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht
der geschilderten Gegenstände niedergeschrieben ist, hat ein Gepräge von
Wahrhaftigkeit (ich möchte sagen von Individualität), das auch den
unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnöthige
Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch
eingetragen, was über die beschriebenen Gegenstände später zu meiner
Kenntniß gelangt ist. Je gewaltiger und großartiger die Natur in den von
ungeheuren Strömen durchzogenen Wäldern erscheint, desto strenger muß man
bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das
vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist.
Am 31. März. Der widrige Wind nöthigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben.
Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstört, der sich
aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden
Indianer zünden überall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in
der dürren Jahreszeit würden ganze Provinzen von diesen Bränden verheert,
wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Bäume vor der gänzlichen
Zerstörung schützte. Wir fanden Stämme des Mahagonibaums (_caoba_) und von
Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren.
Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und
_Chiguire_, einer großen Art von LINNÉs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier
sahen wir dichtgedrängte Vogelschwärme sich vom Himmel abheben, wie eine
schwärzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick verändern. Der
Fluß wird allmählig breiter. Das eine Ufer ist meist dürr und sandigt, in
Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist höher und mit hochstämmigen
Bäumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluß zu beiden Seiten bewaldet
und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Bäume
ist sehr merkwürdig. Vorne sieht man Büsche von _Sauso_ (_Hermesia
castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es
ist, als wäre diese künstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein
Gehölz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten;
man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten
Piritupalme. Die großen Vierfüßer dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire
und Pecarischweine, haben Durchgänge in die eben beschriebene Sausohecke
gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht
viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuß, sie
langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen
Lücken im Gebüsch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so
oft sie vorkamen, behielten immer großen Reiz für mich. Die Lust, die man
empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers,
sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schooße der Cultur
aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer
wilden, ungezähmten Natur gegenüber. Bald zeigt sich am Gestade der
Jaguar, der schöne amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax
alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der
Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen lösen einander ab. »_es
como in el Paraiso_« (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein
alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den
Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glück uralte ehrwürdige
Ueberlieferungen allen Völkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das
gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, daß sie
einander fürchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in
diesem Paradies der amerikanischen Wälder, wie aller Orten, hat lange
traurige Erfahrung alle Geschöpfe gelehrt, daß Sanftmuth und Stärke selten
beisammen sind.
Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von
Sausobüschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man
Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die
Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne
irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden
Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht,
und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem männlichen und vielen
weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St.
Domingo so fleißig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Männchen sind
ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kämpfen unds sich ums
Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, daß auf dem
ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fünf oder sechs zu sehen
waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und
hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben.
Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das
der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuß 8 Zoll lang; einige Tage
später fand Bonpland ein anderes (männliches), das 22 Fuß 3 Zoll maß.
Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe
Größe; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom
so häufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres
Krokodil mit an den äußern Rändern gezähnten Füßen, dem Nilkrokodil sehr
ähnlich. Bedenkt man, daß das männliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar
wird und daß es dann 8 Fuß lang ist, so läßt sich annehmen, daß das von
Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten
uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei
erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschöpfen am Fluß, von
diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen würden. Man erzählte uns die
Geschichte eines jungen Mädchens aus Uritucu, das sich durch seltene
Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils
gerettet. Sobald sie sich gepackt fühlte, griff sie nach den Augen des
Thiers und stieß ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, daß das Krokodil
vor Schmerz sie fahren ließ, nachdem es ihr den linken Vorderarm
abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit
der übrig gebliebenen Hand schwimmend, glücklich ans Ufer. In diesen
Einöden, wo der Mensch in beständigem Kampfe mit der Natur liegt,
unterhält man sich täglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa
oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder rüstet sich
gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. »Ich wußte,« sagte das junge
Mädchen in Uritucu gelassen, »daß der Cayman abläßt, wenn man ihm die
Finger in die Augen drückt.« Lange nach meiner Rückkehr nach Europa erfuhr
ich, daß die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden.
Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Führer
des unglücklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu)
gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es
ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu
drücken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre
Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang.
Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es
angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger
aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Läuft das Thier, so hört
man ein trockenes Geräusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen
einander herzurühren scheint. Bei dieser Bewegung krümmt es den Rücken und
erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hörten wir am Ufer dieses
Rauschen der Platten ganz in der Nähe; es ist aber nicht wahr, was die
Indianer behaupten, daß die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier,
»ihre Schuppen und ihre ganze Rüstung sollen ausrichten können.« Die
Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein
Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung änderte; aber trotz der
kleinen Anhängsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und
die seitliche Bewegung zu beschränken scheinen, wenden die Krokodile ganz
gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beißen sehen;
Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre
Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so rührt dieß daher, daß
dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stoßweise erfolgt. Die
Krokodile schwimmen vortrefflich und überwinden leicht die stärkste
Strömung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flußabwärts
schwimmen, nicht wohl rasch umwenden könnten. Eines Tags wurde ein großer
Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im
Fluß von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm
und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, daß er umwandte und auf
einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil führte nun dieselbe Bewegung
aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte glücklich das
Ufer.
Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia
Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stücken an den
Flußufern leben. Diese unglücklichen Thiere, von der Größe unserer
Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas
besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der
Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift
kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich
seyn können; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder
Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind.
Unterhalb der Einmündung des Caño de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta
de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Strömung an der
Oberfläche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuß in der Secunde, was 2,56
Fuß mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhöhen ergaben, unter
Berücksichtigung der kleinen stündlichen Abweichungen, ein Gefälle von
kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das
Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers
im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die
beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf
dem Strand gegenüber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein mächtiges
Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen:
Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue näher kamen, und ging langsam dem
Wasser zu, ohne daß die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den
Grund dieser Gleichgültigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich
aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, daß das Krokodil des Apure
und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen
will, müßte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den
Weg kommen.
Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft großartig wild. Hier sahen
wir den größten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer
erstaunten über seine ungeheure Länge; er war größer als alle indischen
Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten
eines großen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine
Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die
Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten
verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom
Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergötzten uns nicht wenig durch den
seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuß
vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie
zurück. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Nähe zu beobachten,
bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich führte. Sehr
selten greift der Tiger Kähne an, indem er darnach schwimmt, und dieß
kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim
Geräusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den
Sausobüschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten
sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der
Tiger machte, trotz der Nähe unseres Canoe, einen Satz unter sie und
schleppte zornerfüllt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines
Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, daß sie
ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu
können. Sie sind an diese Waffe gewöhnt, und thaten wohl, sich nicht auf
unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft häufig
versagten.
Im Weiterfahren flußabwärts sahen wir die große Heerde der Chiguire, die
der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stück geholt hatte. Die Thiere
sahen uns ganz ruhig landen. Manche saßen da und schienen uns zu
betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den
Menschen schienen sie sich nicht zu fürchten, aber beim Anblick unseres
großen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen
höher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen
aber dabei so wenig vorwärts, daß wir zwei fangen konnten. Der Chiguire,
der sehr fertig schwimmt, läßt im Laufen ein leises Seufzen hören, als ob
ihm das Athmen beschwerlich würde. Er ist das größte Thier in der Familie
der Nager; er setzt sich nur in der äußersten Noth zur Wehr, wenn er
umringt und verwundet ist. Da seine Backzähne, besonders die hinteren,
ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biß einem
Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuß zerreißen. Sein Fleisch hat einen
ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken
daraus, und dieß rechtfertigt gewissermaßen den Namen _‘Wasserschwein’_,
den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die
geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne
Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Gürtelthier,
das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkröten;
ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist,
die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den
Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Sümpfen und auf den
überschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge
vor, daß die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem
die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire)
heißt. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, daß das
Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10
Minuten unter Wasser bleibt.
Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf
einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz
nackt und schwärzlich braun wie ein Zambo, zählte sich aber nichts
destoweniger zum weißen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die
so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich
er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil
»an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen,
und an all den Geschichten dort drüben (_todas las cosas de allà_). Er
wußte, daß der König von Spanien bald zum Besuche »Ihrer Herrlichkeiten im
Lande Caracas« herüber kommen würde, setzte aber scherzhaft hinzu: »Da die
Hofleute nur Weizenbrod essen können, werden sie nie über die Stadt
Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen.«
Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber
unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weiße Leute
wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _‘Indianerwildpret’_
zu genießen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit
dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schießgewehr.
Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehölze liege die Hütte
des Gehöftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine
Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Mühe gegeben, aus
Palmblättern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere
Hängematten neben den seinigen zwischen zwei Bäumen befestigen zu lassen,
und versicherte uns mit selbstgefälliger Miene, wenn wir in der Regenzeit
den Fluß wieder heraufkämen, würden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_)
finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwünschen, die
der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen für alle Bequemlichkeiten
des Lebens gleichgültig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer
Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir
wurden bis auf die Haut durchnäßt. Während des Ungewitters versetzte uns
ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze
hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie
fiel in die Hängematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt
von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein
wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein
Geschrei hinzu und rißen ihn nur mit Mühe aus seinem Irrthum. Während es
auf unsere Hängematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in
Strömen regnete, wünschte uns Don Ignacio Glück, daß wir nicht am Ufer
geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befänden, »_entre gento blanca y
de trato_« (unter Weißen und Leuten von Stande). Durchnäßt wie wir waren,
fiel es uns denn doch schwer, uns zu überzeugen, daß wir es hier so
besonders gut haben, und wir hörten ziemlich widerwillig zu, wie unser
Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio
Meta erzählte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den
Guahibos gehalten, und »welche Dienste er Gott und seinem König geleistet,
indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die
Missionen vertheilt.« Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten
Einöde bei einem Manns der von europäischer Abkunft zu seyn glaubt und
kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle
Anmaaßung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten
Cultur anzutreffen!
Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Señor Don
Ignacio und von Señora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war
abgekühlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35° stand, war auf
24° gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie
war fortwährend 26--27°. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstämme.
Man sollte meinen, auf einem völlig ebenen Boden, wo das Auge nicht die
geringste Erhöhung bemerkt, hätte sich der Fluß durch die Gewalt seiner
Strömung einen ganz geraden Canal graben müssen. Ein Blick auf die Carte,
die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compaß entworfen, zeigt das
Gegentheil. Das abspülende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben
Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhöhungen geben zu starken
Krümmungen Anlaß. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flußbett etwas breiter
wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen
scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Bäumen beschattet ist. Dieses
Stück des Flusses heißt _Caño ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit.
Wir kamen an einer niedrigen Insel vorüber, auf der Flamingos,
rosenfarbige Löffelgänse, Reiher und Wasserhühner, die das mannigfaltigste
Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Vögel waren so dicht an
einander gedrängt, daß man meinte, sie könnten sich gar nicht rühren. Die
Insel heißt *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo
der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch
bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer
kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen
erst 16 bis 18 Hütten aus Palmblättern; aber aus den statistischen
Tabellen, welche die Missionäre jährlich bei Hofe einreichen, wird diese
Gruppe von Hütten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgeführt.
Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer seßhaft zu machen ist.
Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos
gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum
wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen völlig von einander ab. Diese
vier Stämme leben größtentheils von Fischfang und Jagd aus den häufig
überschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das
Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst
bedingt. Wir werden bald sehen, daß man, sobald man die Berge an den
Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares
sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Hütten große Reinlichkeit
findet. Auf dem Rücken der Gebirge, in undurchdringlichen Wäldern sieht
sich der Mensch genöthigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen
Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner großen Anstrengung, wogegen
der Jäger in einem Lande, durch das keine andern Wege führen als die
Flüsse, ein hartes, mühseliges Leben führt. Die Guamos in der Mission
Santa Barbara konnten uns die Mundvorräthe, die wir gerne gehabt hätten,
nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen
gastfreundlich, und als wir in ihre Hütten traten, boten sie uns
getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war
in porösen Gefäßen abgekühlt.
Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluß
ein neues Bett gegraben hatte, übernachteten wir auf einem dürren, sehr
breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten
wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu können,
wobei man, wie die Indier glauben, vor dem nächtlichen Angriff des Tigers
sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestätigen;
dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen
Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt.
Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile
lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, daß sie das Feuer sehen konnten.
Wir glauben bemerkt zu haben, daß der Glanz desselben sie herlockt, wie
die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns
im Sand die Fährten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne
Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluß
geführt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den
Boden und befestigten unsere Hängematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig
bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so
furchtbarer Lärm, daß man beinahe kein Auge schließen konnte. Unter den
vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere
Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hören ließen, namentlich
die leisen Flötentöne der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Brüllen
des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Löwen ohne Mähne, das
Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und
einiger andern hühnerartigen Vögel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich
näherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwährend gebellt hatte, an
zu heulen und suchte Schutz unter den Hängematten. Zuweilen, nachdem es
lange geschwiegen, erscholl das Brüllen der Tiger von den Bäumen herunter,
und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich
wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten.
Ich schildere Zug für Zug diese nächtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang
unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewöhnt waren. Monate lang,
aller Orten, wo der Wald nahe an die Flußufer rückt, hatten wir sie zu
erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden
Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fürchten alle das Feuer und
greifen niemals einen Menschen in seiner Hängematte an. Und solche
Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen
Aufenthalt in Südamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo,
den Achaguas-Inseln gegenüber, ein Llanero in seiner Hängematte
zerfleischt gefunden wurde.
Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden
einen so furchtbaren Lärm erheben, so geben sie die lustige Antwort: »Sie
feiern den Vollmond.« Ich glaube, die Unruhe rührt meist daher, daß im
innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum
Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz
finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedrängten Rudeln fliehend das
Gebüsch, das ihnen in den Weg kommt, niederreißen. Die Affen, scheu und
furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab
das Geschrei der großen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vögel
auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden
bald sehen, daß dieser Lärm keineswegs nur bei schönem Mondschein, sondern
vorzugsweise während der Gewitter und starken Regengüsse unter den wilden
Thieren ausbricht. »Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns
andern!« sprach der Mönch, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er,
todtmüde von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war
allerdings seltsam, daß man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe
finden können. In den spanischen Herbergen fürchtet man sich vor den
schrillen Tönen der Guitarren im anstoßenden Zimmer; in denen am Orinoco,
das heißt auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum,
besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestört zu werden.
Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war
schön und kühl, wie es Leuten vorkommt, die an die große Hitze in diesen
Ländern gewöhnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28°, aber
der trockene, weiße Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen
wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36° behalten. Die Delphine
(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluß und das Ufer war mit
fischfangenden Vögeln bedeckt. Manche machen sich das Floßholz, das den
Fluß herabtreibt, zu Nutze und überraschen die Fische, die sich mitten in
der Strömung halten. Unser Canoe stieß im Laufe des Morgens mehrmals an.
Solche Stöße, wenn sie sehr heftig sind, können schwache Fahrzeuge
zertrümmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer großer Bäume auf, die
Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Bäume
kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flußbett
dergestalt, daß die Piroguen stromaufwärts häufig zwischen den Untiefen
und überall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle
bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstämme aus dem Wasser
ragten. Sie saßen voll Vögeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr
nahe steht. Diese Vögel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die
Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt,
regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt.
Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluß desto
auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein
Arm, kein natürlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der
Verlust rührt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten,
durchnäßten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel dieß ausmacht,
wenn man bedenkt, daß wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden
36--52, den Sand, über dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad
warm fanden. Das Flußwasser erwärmt sich dem Boden zu, so weit die
Sonnenstrahlen eindringen können, ohne beim Durchgang durch die über
einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwächt zu werden. Dabei
reicht die Einsickerung weit über das Flußbett hinaus und ist, so zu
sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Höhe
des Wasserspiegels mit Wasser getränkt. Fünfzig Toisen vom Fluß sahen wir
Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten;
dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand
wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung
vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht
durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich
am Abend die Luft abkühlt. Im Maaß, als das Gestade Wasser abgibt, zieht
es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, daß dieses fortwährende
Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluß ungeheure
Wassermassen entziehen muß, nur daß der Verlust schwer genau zu berechnen
ist. Die Zunahme dieses Verlustes wäre der Länge des Stromlaufes
proportional, wenn die Flüsse von der Quelle bis zur Mündung überall
gleiche Ufer hätten; da aber diese von den Anschwemmungen herrühren, und
die Gewässer, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fließen und
somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden
viele Flüsse im heißen Erdstrich ihrer Mündung zu seichter. BARROW hat
diese auffallende Wirkung des Sandes im östlichen Afrika an den Ufern des
Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen
über den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Erörterungen Anlaß.
Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu
sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei hübsche kleine pechschwarze
Affen, von der Größe des Saï, mit Wickelschwänzen. Ihrem Gesicht und ihren
Bewegungen nach konnte es weder der Coaïta, noch der Chamek, noch
überhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen
gesehen. In diesen Wäldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die
Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in
Rudeln lebenden und darum rührigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so
kommt es vor, daß bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren
Hütten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer
zeigten uns unsere Führer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang
waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die
Rückenstacheln, die großen ausgerichteten Schuppen, all die Anhängsel, die
dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuß lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen
geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse
fanden wir in allen sehr trockenen Ländern von angenehmem Geschmack,
selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist
sehr weiß und nach dem Fleisch des Tatu oder Gürtelthiers, das hier
_Cachicamo_ heißt, eines der besten, die man in den Hütten der
Eingeborenen findet.
Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die
vollkommen den unsrigen glichen, über die Wasserfläche hin. Wir sahen
auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt
wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der
Raubvögel seltsam ab. Wir übernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in
der Nähe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische
Hütten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kündigte uns zum voraus an, daß
wir den Jaguar hier nicht würden brüllen hören, weil er, wenn er nicht
großen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. »Die
Menschen machen ihn übellaunig,« »_los hombres lo enfadan_« sagt das Volk
in den Missionen, ein spaßhafter, naiver Ausdruck für eine richtige
Beobachtung.
Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe
auf dem schönen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am
Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande
_Caribe_ oder _Caribito_ heißt, weil keiner so blutgierig ist. Er fällt
die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reißt ihnen oft ansehnliche
Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt
man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu
tragen. Die Indianer fürchten diese Caraibenfische ungemein, und
verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe
Wunden, die von diesen kleinen Thieren herrührten, die bei den Maypures
_Umati_ heißen. Sie leben auf dem Boden der Flüsse, gießt man aber ein
paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt
man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefräßigsten und
blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen
schneidenden, spitzen Zähne und ihr weites retractiles Maul, so wundert
man sich nicht, daß die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so
sehr fürchten. An Stellen, wo der Fluß ganz klar und kein Fisch zu sehen
war, warfen wir kleine blutige Fleischstücke ins Wasser. In wenigen
Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um
den Fraß. Der Fisch hat einen kantigen, sägenförmig gekerbten Bauch, ein
Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den
*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten
Rückenfloße und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander
stehenden, in der untern Kinnlade größeren Zähne gehört der Caribe zu den
Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten.
Der Körper ist am Rücken aschgrau, ins Grünliche spielend; aber Bauch,
Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterfloßen sind schön orangegelb. Im Orinoco
kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Größe
unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art
des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNÉ). Ich habe sie an Ort und
Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil
man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der größten
Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der
Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Bedürfniß machen.
Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt.
Ich trennte mich von meinen Gefährten, während man das Fahrzeug ans Land
zog und das Mittagessen rüstete. Ich ging am Gestade hin, um in der Nähe
einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie
ihre mit breiten Platten belegten Schwänze auf einander legten. Kleine
schneeweiße Reiher(6) liefen ihnen auf dem Rücken, sogar auf dem Kopf
herum, als wären es Baumstämme. Die Krokodile waren graugrün, halb mit
trockenem Schlamm überzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach
konnte man sie für Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so wäre mir der
Spaziergang übel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin
gesehen, aber indem ich Glimmerblättchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte
ich die frische Fährte eines Tigers, die an ihrer Form und Größe so leicht
zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun
dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem
dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so groß
vorgekommen.
Es gibt Vorfälle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Hülfe ruft.
Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und
meiner Bewegungen, daß ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns
die Indianer schon oft für dergleichen Fälle ertheilt hatten. Ich ging
weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte
zu bemerken, daß der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde
Capybaras war, die über den Fluß schwammen. Jetzt kehrte ich um und
beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm
weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu können. Wie oft war ich in
Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Glücklicherweise
gab ich diesem Drange erst sehr spät nach. Der Jaguar war ruhig liegen
geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande,
wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluß gibt, so gut
genährt, daß sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim
Schiffe an und erzählte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht
viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen
mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn
nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man
sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen
muß.
Abends kamen wir an der Mündung des *Caño del Manati* vorüber, so genannt
wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jährlich hier
gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersäugethier, das die Indianer
_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuß lang und 500--800
Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der
sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco
unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln
Carizales und Conserva sehr häufig. Wir fanden keine Spur von Nägeln auf
der äußern Fläche und am Rande der Schwimmfloßen, die ganz glatt sind;
zieht man aber die Haut der Floße ab, so zeigen sich an der dritten
Phalange kleine Nägelrudimente. Bei einem 9 Fuß langen Thier, das wir in
Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe
vier Zoll über die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut
bekleidet und dient als Rüßel oder Fühler zum Betasten der vorliegenden
Körper. Die Mundhöhle, die beim frisch getödteten Thier auffallend warm
ist, zeigt einen ganz eigenthümlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich;
aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf
und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Höhlung, die in einander
passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, daß wir sowohl den in
mehrere Fächer getheilten Magen, als den 108 Fuß langen Darm ganz damit
angefüllt fanden. Schneidet man das Thier am Rücken auf, so erstaunt man
über die Größe, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein große
Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuß lang. Mit
Luft gefüllt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich mußte
mich nur wundern, daß der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehältern so
oft an die Wasserfläche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus
irgend einem Vorurtheil, für ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend)
gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit
Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos
essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Stämme vorzugsweise
mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedörrte Fleisch
wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Säugethier bei der Clerisei
für einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin
hat ein äußerst zähes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann,
schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Dieß
geschieht oft, wenn das Thier sehr groß ist, mitten auf dem Flusse, und
zwar so, daß man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser füllt, sie
unter das Thier schiebt und mit einer Kürbißflasche wieder ausschöpft. Am
leichtesten sind sie am Ende der großen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn
sie aus den Strömen in die umliegenden Seen und Sümpfe gerathen sind und
das Wasser schnell fällt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am
untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem
Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fuße des
Bergs, der. gegenwärtig *el Capuchino* heißt, eine große Seekuhjagd
anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den
Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den
widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit
Spritzlöchern. Die Haut der Seekuh, die über anderthalb Zoll dick ist,
wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die
Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den
Fehler, daß sie zu faulen anfängt. Man macht in den spanischen Colonien
Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_
gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein
schreckliches Werkzeug zur Züchtigung der unglücklichen Sklaven, ja der
Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen
behandelt werden sollten.
Wir übernachteten der Insel Conserva gegenüber. Als wir am Waldsaume
hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuß hoher, mit verästeten
Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es
ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne.
Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezündet; da fanden wir
wieder, daß sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine
(Toninas), deren Lärm uns nicht schlafen ließ, bis man das Feuer
auslöschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was
ich nur anführe, weil es ein paar Züge zum Bilde dieser Wildniß liefert.
Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am
Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume
Zeit hörten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen
Katze klang. Bald darauf wurde unsere große Dogge von ungeheuern
Fledermäusen, die um unsere Hängematten flattevten, vorne an der Schnauze
gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange
Schwänze wie die Molossen; ich glaube aber, daß es Phyllostomen waren,
deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend
verlängern können. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte
kläglich, sobald er den Biß fühlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil
er über die Fledermäuse, als sie unter unsern Hängematten hervorkamen,
erschrak. Dergleichen Fälle sind weit seltener, als man im Lande selbst
glaubt. Obgleich wir in Ländern, wo die Vampyre und ähnliche
Fledermausarten so häufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel
geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem
ist der *Stich* keineswegs gefährlich und der Schmerz meist so
unbedeutend, daß man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits
davongemacht hat.
Am 4. April. Dieß war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs
an den Ufern wurde immer einförmiger. Seit einigen Tagen, besonders seit
der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequält zu
werden, die sich uns auf Gesicht und Hände setzten. Es waren keine
*Moskitos*, die den Habitus kleiner Mücken von der Gattung _Simulium_
haben,(7) sondern *Zancudos*, ächte Schnacken, aber von unserem _Culex
pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum
Vorschein; ihr Saugrüssel ist so lang, daß, wenn sie sich an die
Unterseite der Hängematte setzen, ihr Stachel durch die Hängematte und die
dicksten Kleider dringt.
Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* übernachten, aber an diesem Strich
des Apure gibt es so viele Jaguars, daß unsere Indianer, als sie unsere
Hängematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm
versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser
Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluß in den Orinoco,
aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehört zu der Provinz Caracas,
dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte
Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Bäume, um unsere
Hängematten zu befestigen, und mußten am Boden auf Ochsenhäuten schlafen.
Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als daß man darin
übernachten könnte.
An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das
Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben
besprochenen Trägheit der hühnerartigen Vögel unter den Tropen. Die Hoccos
und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluß herunter, um
ihren Durst zu löschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge
dieser Vögel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem
Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschüssigen
Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Flügel zu
brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier
entschließen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen.
Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhöhe von α
des südlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluß des Apure liegt unter
7° 36′ 23″ der Breite. Pater GUMILLA gibt 5° 5′, D’ANVILLE 7° 3′, CAULIN
7° 26′ an. Die Länge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhöhen, die
ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69° 7′ 29″, oder 1° 12′ 41″ östlich
vom Meridian von San Fernando.
*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist,
welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zuführt. Derselbe Strom,
der nach meinen Messungen beim *Caño ricco* noch 136 Toisen breit war, maß
an seiner Ausmündung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier
nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und
den Caño del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico
laufen; aber der größte Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern
herzurühren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Strömung
bei der Ausmündung war nur 3 Fuß in der Secunde, so daß ich die ganze
Wassermasse leicht berechnen könnte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen
Abständen alle Dimensionen des Querschnitts bekannt wären. Der Barometer,
der in San Fernando, 28 Fuß über dem mittleren Wasserstand des Apure, um
9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der
Ausmündung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die
ganze Länge des Wegs (die Krümmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94
Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der
stündlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in
Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefälle von 13 Zoll auf die
Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL
glauben, daß der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich
kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile beträgt.
Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die
Anschwemmungen sind beim Zusammenfluß der beiden Ströme ungeheuer groß.
Wir mußten uns längs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast
zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der
Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung
ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich
einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, über den Grasfluren steht! Gegen
Süd sahen wir die einzelnstehenden Hügel bei Coruato; im Osten fingen die
Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del
Tirano* an über den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefühl der
Rührung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die
Gewässer des Orinoco, an einem von der Meeresküste so weit entfernten
Punkte.
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1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im
Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stoßen die
Stacheln mit den Füßen ab, und man sieht welche in Folge dieses
Verfahrens hinken.
2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco
(acht Tagereisen) 10 Piaster für die Lancha, und außerdem dem
Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der
indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn.
3 Es ist dieß der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren,
CUVIERs _Crocodilus acutus_.
4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberfläche zu ermitteln,
maaß ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuß ab und bemerkte
mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender
Körper brauchte, um dieselbe Strecke zurückzulegen.