XXII.

Am nächsten Morgen ertönte vom Bergfried der St. Ulrichsburg wieder

der Hornruf des Thürmers, durch den Schmasman seine Brüder Wilhelm und

Kaspar zu sich bescheiden ließ. Sie kamen auch alsbald, waren über

die Einkerkerung und Todesbedrohung Loders in gleichem Maße empört

wie Schmasman und völlig einverstanden mit ihm, daß zur Befreiung des

Gefangenen Alles gethan werden müßte, was in ihrer Macht stand. Alle

drei beschlossen, die Fehde gegen Burkhard sofort nach Zusammenziehung

der verfügbaren Streitkräfte zu beginnen und ihm Angesichts seiner

unritterlichen Handlungsweise gar nicht erst förmlich abzusagen.

Nun galt es zunächst, die Freunde zu benachrichtigen und die Lehnsleute

aufzubieten. Es wurden kurze Briefe und Befehle geschrieben und Boten

zu ihrer Überbringung an die nah und fern hausenden Kampfgenossen

abgefertigt. Tags darauf, weil heute keine Zeit mehr zu weiten

Ritten übrig geblieben war, sollten die Grafen Wilhelm und Kaspar zu

Rudolf von Andlau und Johann von Kageneck reiten und ihnen mit der

Rathsamhausen'schen Unthat zugleich die zu Stande gekommene Einigung

Schmasmans und Oswalds sowie das auf der Hohkönigsburg stattgehabte

Verlöbniß Egenolfs und Leontinens mittheilen. Egenolf aber sollte heute

noch dem Grafen Oswald von den jüngsten Ereignissen und den Beschlüssen

der Brüder Rappoltstein Kunde geben.

Wie schnell und weit herum das widrige Geschick Loders bekannt geworden

war, und welche große Theilnahme es in der Pfeiferbruderschaft gefunden

hatte, davon gab die Menge der von allen Seiten herbeiströmenden

Spielleute ein beweiskräftiges Zeugniß. Vom frühen Morgen an kamen sie

in Rappoltsweiler hereingewandert, einzeln, zu Paaren und Mehreren

gesellt, auch solche, die Loder im Pfeifergericht schon einmal mit

harten Bußen belegt hatte und die sich doch nun um ihn bangten und für

ihn eintreten wollten. Auch ältere und jüngere Frauen und Mädchen kamen

mit, und unter ihnen mochte manch Eine sein, die aus früherer Zeit

her noch mit alter Liebe an ihm hing. Denn der unbekehrte Hagestolz

war in jungen Jahren mit seiner schlanken Gestalt und den lachenden,

feurigen Augen ein gar schmucker, geschwinder Gesell gewesen, dem die

heiß klopfenden, nicht eben spröden Herzen der weiblichen Fahrenden in

Hulden geneigt und ergeben waren, und auch später noch sollte er bei

Vielen Hahn im Korbe gewesen sein und sich großer Gunst zu erfreuen

gehabt haben; dem liebenswürdigen, verführerisch kecken Trumpeterhans

könnte man nichts abschlagen, hieß es stets. Nun waren die einstigen

trauten Freundinnen von ihm mitgekommen, um Genaueres über sein

Schicksal zu erfahren, und Syfritz war beständig von Fahrenden

umgeben, denen er immer und immer wieder Red und Antwort stehen mußte.

Nachmittags hielten sie vor den Thoren der Stadt eine Versammlung ab,

in der sie den Gefühlen ihres Herzens mit leidenschaftlichen Worten und

heftigen Forderungen Luft machten und sich dahin einigten, allesammt

nach der St. Ulrichsburg hinaufzuziehen und von ihrem Schutz- und

Schirmherrn die gewaltsame Befreiung Loders zu verlangen. Gegen Abend

trafen sie in einer fast zweihundert Köpfe zählenden Schaar im Burghof

ein und wünschten den Herrn Grafen zu sprechen. Als Schmasman auf dem

Altan, wo er ihre Huldigung am zweiten Pfeifertage entgegengenommen

hatte, erschien, riefen sie ihm mit erhobenen Händen in wilder Erregung

zu: »Loder befreien! Hans Loder retten! wir wollen unsern Pfeiferkönig

wiederhaben!« Er winkte ihnen Schweigen, sagte ihnen, daß er sich über

ihre anhängliche Treue zu dem Schwerbedrohten von Herzen freue, und

versicherte sie, daß er selber zu dessen Rettung fest entschlossen sei

und die dazu nöthigen Schritte bereits eingeleitet habe; der Kampf

gegen Rathsamhausen würde in den nächsten Tagen seinen Anfang nehmen

und sollte mit allem Nachdruck geführt werden. Da jubelten sie ihm

stürmisch und freudig zu, schwangen die Hüte und schrieen und jauchzten

ohne Unterlaß. Dank und Segenswünsche für Schmasman wechselten mit

zornlodernden Flüchen gegen Burkhard, bis Einer aus der Menge mit

einer alle anderen übertönenden Stimme als Sprecher auftrat und zum

Altan hinaufrief: »Euer Gnaden Herr Graf, wir Spielleut verstehen

uns schlecht auf Kriegsbrauch und Handhabung der Waffen, aber Tag und

Nacht, mit Leib und Leben wollen wir Euch helfen und bitten Euch,

unsere Dienste nicht zu verschmähen. Wir wollen auf der Lauer liegen

und kundschaften, was von den Unternehmungen des Feindes zu erspüren

ist. Mit Spähern wollen wir ihn umstellen, damit Ihr erfahrt, was gegen

Euch im Werk ist, wo sich reisig Volk blicken läßt, und Alles, was zu

wissen Euch nützen und ihm schaden kann, wollen wir Euch sicher und

schnell zutragen.« »Ja, das wollen wir! das wollen wir! Tag und Nacht

wollen wir Spielleut für Euch auf der Hut sein,« fiel die ganze Schaar

begeistert ein.

»Ich dank euch, liebe Freunde, und nehme eure guten Dienste gern an,«

sprach der Graf. »Ich weiß, daß ich mich auf euch verlassen kann, und

wenn Hans Loder zu retten ist, so rett' ich ihn, darauf geb' ich euch

mein Wort. Und damit Gottbefohlen! fahretwohl!«

Er trat vom Altan in das Innere des Schlosses zurück, und wie ein

tosender Sturmwind brauste ihm der Jubel der Menge aus dem Burghof

nach. Dann zogen sie wieder ab und in froher Hoffnung singend und

lärmend den Berg hinunter.

Als Egenolf Abends von der Hohkönigsburg zurückkehrte, fand er

seine Eltern mit Isabella schon beim Nachtimbiß. Er hatte ein paar

glückliche Stunden bei den Thiersteinern verbracht und bestellte

von ihnen, namentlich von Leontinen, die freundlichsten Grüße. Über

den Eindruck, den seine Nachrichten dort gemacht hatten, konnte er

seinem Vater berichten, daß Graf Oswald das allem ritterlichen Brauch

hohnsprechende Verfahren Burkhards mit den schärfsten Ausdrücken

verurtheilt, dagegen die Mittheilung von dem Beschlusse, nunmehr, nach

einer so verdammenswerthen Herausforderung, ohne Zaudern zum Angriff zu

schreiten, mit sichtlicher Genugthuung aufgenommen hätte. Er selber,

ließ er sagen, wäre gerüstet und würde seine Freunde Fleckenstein und

Hattstadt sofort benachrichtigen, sich gleichfalls kampfbereit zu

machen.

Danach ward es still im Gemach unter den Vieren. Sie waren von Sorgen

erfüllt und begaben sich frühzeitig zur Ruhe, obwohl sie nicht

schlafmüde waren.

Egenolf lag noch lange wach und stellte über die kommenden Ereignisse

Betrachtungen an, die ihn auf abenteuerliche, waghalsige Pläne

brachten, bis sich ihm die Gedanken allmählich verwirrten und er

einschlief. Im hellen Lichte des Tages aber sah er die Dinge klarer und

erhob sich endlich vom Lager mit einem gefaßten Entschlusse, dessen

Ausführung er jedoch bis zur Rückkehr seiner beiden Oheime von ihrem

Ritt nach den Burgen aufschieben wollte.

Gegen Abend kamen die Grafen Wilhelm und Kaspar, Einer nach dem Andern,

auf der St. Ulrichsburg an und hatten ihrem Bruder nur Gutes und

Günstiges von den befreundeten Rittern zu melden.

Als Egenolf darauf mit seinem Vater allein war, theilte er diesem

seine Absicht mit, morgen früh einen Beobachtungsritt in die weitere

Umgegend zu unternehmen. Er wollte sich überzeugen, ob die fahrenden

Leute, wie sie versprochen, auf dem Posten wären und aufpaßten, und

wollte sie nach Neuigkeiten ausfragen.

Schmasman willigte darein, weil es ihm sehr darum zu thun war,

Zuverlässiges zu erfahren. Doch ermahnte er den Sohn, scharf Umschau

zu halten und sich wohl zu hüten, daß er nicht etwa streifenden

Rathsamhausen'schen Reitern in die Hände fiele, die ihn aufheben und

als zweite, noch werthvollere Geißel an Burkhard ausliefern würden.

»Seid unbesorgt, Vater!« erwiederte Egenolf, »sie sollen mich nicht

fangen, und wo es auf den Wegen nicht recht geheuer ist, werden mich ja

die Spielleute warnen.«

Egenolf hatte seinem Vater das Wichtigste seines Vorhabens

verschwiegen. Er wollte gelegentlich auch nach den Fahrenden sehen,

hatte aber noch ein anderes Ziel, dessen Verfolgung ihm sein Vater

vielleicht nicht erlaubt hätte.

In der nächsten Morgenfrühe ritt er, zur Vorsicht mit Sturmhaube,

Brustharnisch und langem Schwert gewappnet, von der St. Ulrichsburg

ab. --

Drei Tage schon saß Loder in dem hoch gelegenen Gemach auf

Rathsamhausen eingeschlossen und bekam keinen anderen Menschen zu sehen

als den Knecht, der ihm Speise und Trank, beides gut und reichlich,

brachte, ihm aber auf keine seiner Fragen Antwort gab. So wußte er

nichts von dem, was außerhalb seines Gefängnisses vorging, und

lauschte vergeblich auf Waffengetöse und den Ansturm seiner Befreier,

allerdings mit der trüben Aussicht, daß dann wohl sein letztes

Stündlein schlagen würde. Jetzt war es Nacht, schon dem Morgen nahe,

und Grabesstille im Schloß und rings umher. Der Mond schien in das

Zimmer, und Loder konnte nicht schlafen. Er lag in quälenden Gedanken,

die aber mit Todesfurcht nichts gemein hatten, sondern zumeist auf

seinen lieben gnädigen Herrn gerichtet waren, wie der sich um ihn

grämen und sorgen würde, und wie es wohl um den Gang der Fehde stünde,

die er seinetwegen nicht aufgehoben oder aufgeschoben wünschte, wenn

er auch ihr erstes Opfer werden sollte. Da glaubte er plötzlich in

dem Schornstein des großen Kamins ein Geräusch zu vernehmen, als wenn

etwas wie ein Kehrbesen die inneren Wände streifte. Er horchte, und

das Rascheln wiederholte sich. Schnell sprang er auf und stellte sich

abwartend vor den Kamin. Da erblickte er denn beim Schein des Mondes

ein aus dem Schornstein herabhängendes Seil, an das in regelmäßigen

Abständen Querhölzer geknüpft waren. Es schwankte hin und her, und

jetzt kamen zwei Füße, dann zwei Beine und endlich ein ganzer Mensch

zum Vorschein, der nun aus dem Kamin heraustrat, -- Seppele von Ottrott.

»Seppele! wo fährst Du her?« rief Loder in maßlosem Staunen.

»Das hast Du doch gesehen, Hans!« lachte der Hochhergekommene. »Wozu

ist man denn Ofenheizer und Kaminfeger? Schnell zieh Dich an! ich helfe

Dir aus.«

»Fort? in die Freiheit?« fragte Loder, bebend vor Freude.

»Natürlich! der Strick da ist so fest und sicher wie eine Leiter und

der Weg zum Söller hinauf nicht weit. Dort ist eine eiserne Thür im

Schornstein, durch die ich einsteige, wenn ich den Kamin fegen will.

Vom Söller schleichen wir die Treppe hinab und unbehindert durch

ein Hinterpförtchen aus der Burg hinaus ins Freie; ich habe Alles

vorgesehen. Der wachthabende Knecht ist mein Trautgesell und wird taub

und blind sein.«

»Seppele! Seppele, das vergeß ich Dir in meinem Leben nicht!« sprach

Loder gerührt. »Ich wollte Dich einfangen, Dich mitnehmen und wieder

einsperren, und nun giebst Du mir die Freiheit!«

»Komm nur, komm!« drängte Seppele, »das können wir draußen abmachen;

der Morgen graut. Ich bringe Dich so weit, bis Du außer Gefahr bist,

stundenweit, wenn Du willst.«

»Bringst Du Dich auch nicht selber in Gefahr damit?«

»Nein,« sprach Seppele, »um mich brauchst Du Dich nicht zu sorgen.

Niemand weiß, daß ich im Schlosse war, denn ich hause jetzt noch in

Ottrott, habe mich in der Dämmerung hineingestohlen und Alles zu Deiner

Flucht vorbereitet. Das stand fest bei mir von dem Tage, wo ich Dich

hier oben in der Klemme wußte, denn Deine Schmach that mir wehe. Bist

Du fertig? Dann vorwärts! ich klettere voran, und Du folgst mir; das

nennt man Abschied hinter der Thür nehmen.«

Sie stiegen nun beide, Einer hinter dem Andern, den weiten Schornstein

hinan und gelangten durch die eiserne Thür oben glücklich auf den

Söller. Seppele nahm das Seil mit und führte seinen Schützling, beide

die Schuhe in der Hand, so leise wie möglich auftretend, die Treppe

hinab. In der äußeren Umwallung wußte er eine niedrige Stelle, dort

knüpfte er das Seil an einen vorspringenden Stein, und beide glitten

daran in den trockenen Graben. Hans Loder war gerettet.

»Aber da hängt nun der Strick,« sprach er, »der wird uns verrathen.«

»Wird er nicht,« erwiederte Seppele, »mein guter Freund nimmt ihn weg

und versteckt ihn, ehe die Hähne krähen. Nun hotterum, Hans! hier

rechts durch die Büsche müssen wir kriechen und die Wege vermeiden, bis

wir jenseits Ottrott sind. Dann wirst Du wohl sicher sein, und ehbevor

sie Deine Flucht merken, bist Du über alle Berge.«

»Herr Burkhard wird Augen machen, wenn er erfährt, daß der Vogel

davongeflogen ist, dem er an den Kragen wollte,« sagte Loder. »Was sie

wohl glauben werden, wie ich ausgekommen bin!«

»Kerle wie wir, Hans, müssen überall heraus und hinein wischen können

wie der Pfeifer ins Wirthshaus,« lachte Seppele.

Sie wanden sich langsam durch das Gebüsch bergab. Endlich unten

angekommen, sprach Loder: »Seppele, ich habe noch was vergessen. Ist

die Hexe, die Zigeunerin Haschop noch hier oder in Ottrott?«

»Oben im Schloß ist sie gewesen, aber ich habe sie nicht zu Gesicht

bekommen,« erwiederte Seppele.

»Wenn Du sie triffst, schmeiß sie ins Wasser und ersäuf sie!«

»Das nützt nichts, Hans. Hexen gehen nicht unter, die schwimmen oben.«

»So dreh ihr den Hals um.«

»Wäre Schade drum, sie hat so 'nen schönen Hals. Laß sie leben, Hans!

uns wird sie ja nicht behexen.«

Loder brummte etwas Unverständliches in den Bart, und sie wanderten in

einem großen Bogen um Ottrott herum im Walde weiter. Mittlerweile war

es Tag geworden, aber trüb und wolkig. Seppele wollte noch immer nicht

umkehren und brachte Loder nun auf den begangenen Weg, von wo er nicht

mehr fehlgehen konnte, auf dem aber sein Befreier noch bei ihm blieb. --

Egenolf war, wo er irgend konnte, in der schnellsten Gangart geritten

und hatte sein Pferd sehr angestrengt. Hie und da war er einem

Fahrenden begegnet, der ihm aber nichts mitzutheilen wußte, weil er

streifende Söldner nicht bemerkt hatte. Als er jetzt über St. Nabor

hinaus auf dem Wege nach Ottrott war, sah er zwei Männer daherkommen,

die er anfänglich ebenfalls für fahrende Leute hielt. Aber -- täuschte

ihn denn sein scharfes Jägerauge? -- wenn der Eine von den Beiden nicht

Hans Loder mit seinem langen, grauen Barte war, so konnte er keinen

Bären mehr von einem Wolf unterscheiden. Er sprengte auf sie los, und

»Hans! Hans!« rief er jubelnd, »bist Du's wahr und wahrhaftig? oder

äfft mich ein Spuk am hellen, lichten Tage?«

»Bin's, Herr Graf! bin's lebendig und leibhaftig,« antwortete ihm Loder

und schwenkte den Hut.

Egenolf sprang aus den Bügeln und fiel dem Alten um den Hals. Aber

schnell zuckte er zurück, packte Loder bei den Schultern, drehte ihn

hin und her und besah ihn rechts und links. »Hans!« rief er dann, »Du

hast ja zwei Lauscher am Kopfe!«

»Ja, habt Ihr schon einmal einen Menschen gesehen, der _drei_ Ohren

hatte, Graf Egenolf?« erwiederte Loder.

»Aber sie haben Dir doch eins abgeschnitten.«

»Mir? daß ich nicht wüßte! ich habe nichts gemerkt.« Er faßte sich mit

der Hand erst nach dem einen, dann nach dem anderen Ohr und sagte: »Sie

sitzen alle beide noch an der richtigen Stelle.«

Seppele schüttelte sich vor Lachen. »Ich kann's Euch erklären, Herr

Graf,« sprach er. »Hans weiß nichts davon, und ich wollt' es ihm auch

nicht sagen. Im Schloß Rathsamhausen war gerade eine alte Scheuerfrau

gestorben, der hat man, aber wie sie schon todt war, auf Befehl des

Herrn Burkhard ein Ohr abgeschnitten und es Syfritz mitgegeben, daß

er's dem Herrn Grafen Schmasman als ein Ohr von Hans Loder überbrächte,

um Euch zu schrecken und einzuschüchtern.«

»Was? ein Altweiberohr für ein Ohr von mir ausgegeben?« rief Loder

entrüstet. »Als ob ich Ohren wie ein altes Weib hätte!«

»Das ist eine offenbare Beleidigung, Hans,« neckte ihn Egenolf. »Da

hättest Du wohl lieber eins von Deinen eigenen hergegeben.«

Dann stimmten sie aber beide in Seppele's Lachen von Herzen ein.

»Ich bin hergeritten, Hans,« sprach Egenolf, »um zu versuchen, ob ich

Dich mit Hilfe meines Freundes Bruno heimlich aus Deiner Haft lösen

könnte, und nun bist Du schon frei. Wie geht das zu?«

»Der hier hat mir ausgeholfen,« sagte Loder auf Seppele zeigend. »Aber

Jungherr Bruno darf es nicht wissen, Herr Graf!«

»Der Seppele von Ottrott? da bin ich doch neugierig; das mußt Du mir

nachher erzählen. Und Du, Seppele,« wandte sich Egenolf an diesen,

»ich bitte Dich, geh jetzt zurück und sage dem Jungherrn Bruno, da ich

einmal hier in der Nähe wäre, würde ich mich sehr freuen, ihn sprechen

zu können und erwartete ihn -- ja, wo denn? -- in Sanct Nabor. Weißt Du

kein Wirthshaus in Sanct Nabor, Seppele?«

»Aber Herr Graf! ich und kein Wirthshaus wissen!« lachte der Spielmann.

»Geht nur in den ›wackelnden Stern‹ da ist's gut. Querwaldein bin ich

in einer kleinen halben Stunde auf Schloß Rathsamhausen und bestelle

Euch den Jungherrn nach Sanct Nabor. Fahrwohl, Hans! sperrst mich auch

nicht wieder ein?«

»Nein, Du treue Seele! Deine heutige That macht Alles wett, bist dafür

in Gnaden aller Beschwerden entledigt,« versicherte Loder den eilig

Scheidenden mit einem warmen Händedruck.

»Komm, Hans!« sprach Egenolf, »wir wollen in dem wackelnden Stern Angst

und Schrecken mit Weinaufgießen beschwichtigen.«

Vor der Herberge in St. Nabor angekommen, befahl er, seinen Braunen in

den Stall zu führen und abzureiben, aber noch nicht gleich Wasser zu

geben. Dann traten sie ein und setzten sich an einen glatt gehobelten

Tisch.

»Alten oder Neuen?« fragte der Wirth diensteifrig.

»Alten Klevner,« bestimmte Egenolf.

Als die bildsaubere Schenkin den Wein brachte, hielt sie Loder an ihren

langen, blonden Zöpfen fest und scherzte mit ihr: »Mädel, wozu brauchst

Du Deinen kirschrothen Mund am liebsten? zum Essen und Trinken, zum

Schwatzen oder zum Küssen?«

»Euch zu sagen, daß Ihr ein rechter Schalk seid, Pfeiferkönig!«

antwortete sie muthwillig, machte sich von ihm los und lief hinaus.

»Da hast Du's, Alter!« lachte Egenolf. »Wozu brauchst Du auch noch zu

schäkern und zu tändeln!«

»Man muß kurzweilig sein mit den Leuten, die Gänse verstehen es nicht,«

erwiederte Loder schmunzelnd. »Aber daß der Racker mich kennt!«

»Siehst Du! Die wird Dir einen feinen Leumund machen. Zum Wohl!«

Sie thaten jeder einen kräftigen Zug, und nun mußte Loder erzählen.

Als er mit dem umständlichen Bericht von seinem Wortstreit mit Burkhard

und dem Hergang seiner Befreiung durch Seppele zu Ende war, sprach

Egenolf: »Wir haben uns schwer um Dich gesorgt, Alles war in Aufruhr

Deinetwegen. Deine Pfeiferbrüder, die Spielleute, kamen zu Hunderten

auf die Ulrichsburg gezogen und bestürmten meinen Vater, Dich mit

Gewalt zu befreien. Er versprach es ihnen auch, aber dabei stand zu

befürchten, daß Du gehenkt würdest. Darum beschloß ich, auf eigene

Faust und ganz verstohlen einen fein ausgesponnenen Befreiungsversuch

zu unternehmen. Dazu bin ich nun zu spät gekommen, aber dabeisein

möchte ich, wenn Du heut in Rappoltsweiler einwanderst und noch dazu

mit beiden Ohren am Kopfe. Weißt Du was? Geh Du schnell voraus, ich

komme Dir später langsam nach und hole Dich unterwegs ein, oder Einer

wartet an einem bestimmten Punkte auf den Anderen, und wir ziehen beide

zusammen in Rappoltsweiler ein. Ich setze Dich auf mein Pferd, gehe als

Dein Knappe nebenher und bringe Dich im Triumph durch die Gassen und

auf die Burg. Was meinst Du dazu?«

»Ja, so wollen wir's machen,« erwiederte Loder, »aber auf's Pferd setze

ich mich nicht, wenn Ihr zu Fuße nebenher geht. Ich breche jetzt auf,

werde rüstig ausschreiten und, wenn Ihr mich nicht früher einholt, in

Sanct Pilt auf Euch warten. Von da an bleiben wir bei einander. Also

auf Wiedersehen, Graf Egenolf!«

»In Sanct Pilt.«

Loder ging ab, und Egenolf blieb allein. Aber nicht lange währte es, da

vernahm er Hufschlag vor der Herberge. Bruno war es, und Egenolf eilte

hinaus, ihn zu empfangen. Die Begrüßung der Freunde war eine herzliche,

aber wehmüthige, und jeder verstand den andern auch ohne Worte. »Komm

herein!« sprach Egenolf.

»Nein, wir sind hier nicht sicher genug,« erwiederte Bruno. »Wir sind

hier zu nahe bei Rathsamhausen, und dort dürfen sie nicht wissen, daß

wir uns getroffen haben, was ihnen von hieraus leicht hinterbracht

werden könnte. Laß uns nach Kloster Truttenhausen reiten; ich kenne

den Prior, er wird uns gern eine kurze Rast gönnen, und wir sind dort

ungestört und unbelauscht.«

Egenolf ließ sein Pferd vorführen. Sie saßen auf und trabten nach dem

von Herrad von Landsberg gegründeten Kloster, das sie in kaum einer

Viertelstunde erreichten.

In Truttenhausen wurden sie vom Prior Albertus freundlich aufgenommen

und in das Refectorium geleitet, wo er ihnen guten Wein und einen Imbiß

auftischen ließ. Nachdem er ihnen den Willkommstrunk dargebracht, zog

er sich zurück, da er wohl merkte, daß die Beiden allein sein wollten.

»Du bist in Wehr und Waffen,« fing Bruno an, auf Egenolfs Harnisch

deutend, »und ich kann Dir's wahrlich nicht verdenken, daß Du Dich für

alle Fälle vorsiehst.«

»Wir werden uns, Gott sei's geklagt! bald schwerer bewaffnet begegnen,«

sagte Egenolf. »Es ist traurig, daß unsere Väter, alte Freunde wie wir

es sind und unter allen Umständen bleiben werden, gegen einander zu

Felde ziehen, aber Dein Vater _will_ die Fehde.«

»Leider ist es so,« seufzte Bruno. »Meine Mutter hat ihm unablässig

mit Bitten und Flehen in den Ohren gelegen, Frieden zu halten, aber

vergeblich. Er ist beständig in einer furchtbaren, krankhaften Erregung

und will sich durchaus an dem Grafen Oswald blutig rächen.«

»Ach, Bruno, das steht ihm erst in zweiter Reihe,« sprach Egenolf. »Wir

wissen, welches brennende Verlangen ihn zum Kampfe spornt; sein Ziel

ist die Hohkönigsburg. Und wir können die Thiersteiner dabei nicht im

Stich lassen. Du wirst erfahren haben, daß Leontine meine Verlobte ist.«

»O verzeihe, daß ich daran noch nicht dachte, und nimm meinen

Glückwunsch von Herzen!« sagte Bruno und drückte dem Freunde die Hand.

»Ich danke Dir, und nun, Bruno, laß uns wie immer offen gegen einander

sein. Ich weiß, was Dich bei dem unseligen Zwist unserer Väter am

schwersten bedrückt. Du liebst meine Schwester Isabella.«

»Ob ich sie liebe!«

»Und zweifelst nicht daran, daß sie Dich wiederliebt.«

»Wenn ich das wüßte!«

»Sie hat mir kein Wort gesagt, aber Du kannst dessen so sicher sein,

wie daß ich hier Dir gegenüber sitze.«

»Egenolf!«

»Ja! darüber sei ohne Sorge. Aber ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der

die Tochter seines Feindes liebt; war ich doch in der gleichen Lage wie

Du jetzt. Soll ich es Isabella sagen, daß Du sie liebst?«

»Nein, nein! Das soll sie zuerst aus meinem Munde hören.«

»Recht so! aber eine leise Andeutung, nicht in Deinem Auftrage, darf

ich ihr doch machen, um ihrem bangenden Herzen Ruhe und Sicherheit zu

geben. Darf ich, Bruno?«

»Ja! bestelle ihr einen Gruß von mir, so innig, wie Du ihn in Worte zu

kleiden vermagst.«

»Soll geschehen,« sprach Egenolf und erhob sich. »Ich muß fort, denn

ich habe einen weiten Weg.«

Sie ließen sich beim Prior melden, um sich von ihm zu verabschieden und

ihm für seine Gastfreundlichkeit zu danken. Nachdem sie dies gethan,

bestiegen sie die Pferde, sagten sich herzlich Lebewohl und ritten von

dannen, der Eine nach Norden, der Andere gen Süden. Des durch Seppele

befreiten Gefangenen hatte keiner von beiden mit einem Wort Erwähnung

gethan. --

Als die Klosterglocke von St. Pilt das Ave läutete, erblickte Egenolf

den mit langen Schritten ausgreifenden Loder in einiger Entfernung vor

sich. Er setzte sein Pferd in Trab und hatte ihn bald erreicht. »Bist

wohl mit Siebenmeilenstiefeln gewandert,« rief er ihm zu, »ich dachte

nicht, daß Du so weit kommen würdest, ehe ich Dich einholte.«

»Rasch gehen ist meine Art von früher Gewohnheit aus der Zeit, da ich

noch als junger Fahrender durch die Welt lief, und ich kann es auch in

meinem betagten Alter noch,« erwiederte Loder.

»In Rappoltsweiler willst Du nicht hoch zu Roß einziehen,« sprach

Egenolf, »aber jetzt steigst Du auf und ruhst Dich im Sattel ein wenig

aus, ich will es so. Soll ich Dir den Bügel halten?«

»Na, das fehlte noch!« lachte Loder, gehorchte aber gern und saß auf.

Egenolf ging nebenher und hielt mit dem Reitenden gleichen Schritt.

»In Rappoltsweiler wissen sie's jetzt wahrscheinlich schon, daß ich

frei geworden bin,« sagte Loder. »Ich traf zwei Pfeiferbrüder, die

vorausgerannt sind, meine Rückkehr zu verkünden.«

»Da wird es nun von Mund zu Munde heißen: der Pfeiferkönig kommt

wieder! und sie werden Dich großartig empfangen. Wie herrlich wäre es

nun, wenn Du eingeritten kämst! thu es doch, Hans!« suchte Egenolf ihn

zu bereden.

»Nein, das thu ich nicht. Ja, wenn wir zwei Pferde hätten, ich den

alten, dicken Schimmel aus dem Gnadenstall der Ulrichsburg, daß wir

beide neben einander reiten könnten, das ließ' ich mir gefallen,

aber Ihr gehen und ich reiten, -- nein, das bring ich nicht fertig,«

erklärte der Alte.

Dicht vor Rappoltsweiler stieg er ab, und Egenolf schwang sich wieder

auf. Am Thore, zum Theil vor dem Thore standen Haufen von Menschen,

und als die Beiden herankamen, als brächte Egenolf den befreiten

Liebling seinem harrenden Volke wie im Siegeszuge zurück, da brach

der helle Jubel los. »Willkommen! willkommen, Hans!« schrieen sie ihm

zu, und Alles drängte sich an ihn heran, ihm die Hände zu schütteln.

Einer der Fahrenden, die seine Rückkehr verkündet hatten, sprang herzu,

strich ihm die langen, grauen Locken an beiden Schläfen zurück und

rief: »Seht her! kein einziges von seinen Ohren fehlt ihm!« was die

Freude des Wiedersehens noch erhöhte. Viele, die von seiner Flucht

noch nichts Näheres gehört hatten, jauchzten auch Egenolf dankbar

zu, weil sie glaubten, er hätte den Pfeiferkönig befreit und aus

Rathsamhausen zurückgeholt, und Egenolf kam in dem Lärm nicht zu Worte,

die unverdiente Ehrung abzulehnen. Das ging so durch die ganze Stadt,

bis die Zwei durch das Thor des Metzgerthurmes wieder heraus waren, um

sich zur St. Ulrichsburg hinaufzubegeben, denn dahin mußte Loder mit;

Egenolf ließ es sich nicht nehmen, ihn seinem Vater lebendig und heil

zuzuführen.

Als er dann mit dem Geretteten plötzlich oben in das Gemach trat, wo er

die Seinigen mit Kaspar und Imagina beisammen fand, waren Überraschung

und Freude erst recht groß. Sie flogen förmlich von ihren Sitzen,

umringten Loder und bestürmten ihn mit tausend Fragen. Da machte es

Egenolf so wie unten in der Stadt jener Fahrende: er zeigte ihnen

Loders beide unversehrte Ohren. Der Pfeiferkönig mußte zum Abendessen

und auch die Nacht auf der Burg bleiben, und bei Tische erzählte er

ausführlich seine Erlebnisse.

Schmasman ärgerte sich zwar über den höhnischen Schimpf und Possen,

den ihm Burkhard mit dem untergeschobenen Ohr gespielt hatte, war aber

froh, daß es nur ein heimtückischer Narrenstreich gewesen war, und

freute sich von Herzen, seinen lieben Hans lebendig wieder zu haben.

Lächelnd sprach er: »Nun verzeihst Du mir auch wohl, Hans, daß ich den

Seppele ohne Deine Erlaubniß frei gelassen habe. Oder hast Du ihn, wie

Du ja wolltest, wirklich wieder mitgebracht, um ihn einzusperren?«

»Nein, Herr Graf, heute hab' ich ihn begnadigt,« lachte der Alte.

Nach Tische flüsterte Egenolf seiner Schwester Isabella ein paar Worte

zu, die ihre Augen aufleuchten und ihre Wangen erglühen machten.

Da trat Imagina, der nichts entging, was in ihrer Gegenwart geschah,

auf ihn zu und sagte leise: »Egenolf, wenn das nicht ein Gruß von Bruno

war, so will ich fortan mit Eulen statt mit Falken baizen.«

»Was sollte es wohl sonst gewesen sein, Du Allwissende!« gab er ihr

lachend zurück.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 36 / 49 题