treuverbundene Freundin und Gevatterin
Stephania von Rathsamhausen.
Schmasman war vom Lesen dieses Briefes tief erschüttert. Er schritt ein
paarmal schwer athmend im Zimmer auf und ab und rief mit grollender
Stimme: »Wortbrüchig, bundbrüchig nennt er mich, -- das ertrag' ich
nicht!« Dann blieb er vor Herzelande stehen. »Hab' ich es euch nicht
gesagt: ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort? Sie hat ganz Recht,
ich kann nicht zurück, ich muß steifhalten, was ich gelobt habe. Ein
Wortbruch ist das Abscheulichste, was ich kenne.«
»Und willst ihm helfen, die Hohkönigsburg zu erstürmen und sich darin
festzusetzen?« fragte Herzelande.
»Nein! das nicht, das nicht!«
»Ja, was dann? der andere Endzweck, von dem Stephania spricht, liegt
doch für uns klar auf der Hand.«
»Dabei hat der Kaiser auch noch mitzureden; er ist der oberste
Lehnsherr.«
»Der Kaiser!« sagte sie mit geringschätziger Miene, »Du weißt besser
als ich, wie weit des Kaisers Macht reicht und wie weit sie nicht
reicht. Und was ist denn schlimmer, Wortbruch oder Friedensbruch?«
Er drückte die geballten Fäuste gegen die Stirn und stöhnte: »Es ist
grausam, vor eine solche Wahl gestellt zu sein.«
»Entscheiden mußt Du Dich für's eine oder für's andere.«
»Mach mich nicht rasend, Frau! ich weiß mir nicht aus noch ein.
Wortbrüchig! wortbrüchig!« und wieder lief er hin und her wie ein Löwe
im Käfig. Dann riß er die Thür auf und rief hinaus, daß es laut durch
die Gänge schallte: »Reimar! Reimar!« Der Kämmerling erschien. »Geh
hinauf zum Thürmer; er soll blasen, daß meine Brüder kommen, sogleich
kommen.«
Der Hornruf ertönte, und nun horchten sie auf die Antwort. Bald klang
es von Giersberg und auch von Hohrappoltstein zurück: ich komme.
»Wozu Wilhelm rathen wird, weiß ich im Voraus,« sprach Herzelande.
»Bei Kaspar ist es mir zweifelhaft, er ist eine friedliebende Natur.«
»Sie werden beide so rathlos sein wie ich.«
»Ich hoffe, ihr werdet einen ehrenvollen Ausweg finden.«
»Einen anderen gehen wir nicht, Herzelande!« sagte Schmasman. »Ich
erwarte sie oben bei mir; sorge, daß wir nicht gestört werden.« Damit
schritt er hinaus und stieg die Treppe hinan.
Kaum hatte er das Gemach verlassen, als Isabella und Egenolf zugleich
eintraten, die Eine in den Augen die stumme, der Andere auf den
Lippen die laute Frage: »Was ist geschehen, Mutter? die Oheime sind
herberufen; etwa Nachricht von Herrn Burkhard?«
»Nicht von ihm selber, aber von Frau Stephania,« erwiederte Herzelande
mit einem Tone, aus dem Leid und Sorge herauszuhören waren.
»Willst Du mir sagen, Mutter --«
»Herr Burkhard besteht auf blutiger Fehde gegen die Thiersteiner und
verlangt des Vaters Beistand.«
»Und der Vater?«
»Ist in der schwierigsten Lage und weiß nicht, was er thun oder lassen
soll. Er will mit seinen Brüdern Raths pflegen.«
»Was sie ihm auch rathen werden,« sprach Egenolf, »ich kann mir nicht
denken, daß sich der Vater zur Absage an Graf Oswald entschließen wird.«
»Dann giebt es Fehde mit Burkhard,« sagte Herzelande.
»O mein Gott!« entfuhr es Isabella's zuckendem Munde.
Darauf schwiegen die Drei, und Jeder gab sich seinen trüben Gedanken
hin.
Graf Kaspar traf als der Nächstwohnende zuerst auf der St. Ulrichsburg
ein und mit ihm seine Gattin Imagina.
»Na, vergnügte Gesichter macht ihr grade nicht, seht aus, als wäre
euch Gott weiß was verregnet.« Mit diesen Worten begrüßte Imagina beim
Eintritt ins Gemach die Anwesenden, von einem zum andern blickend. »Was
ist denn los hier?«
»Der Teufel ist los,« brummte Egenolf.
»Burkhard speit Feuer und Flammen, nicht wahr?« fragte Kaspar.
Herzelande nickte: »Er hält Schmasman bei seinem Worte fest, -- Fehde
gegen Thierstein.«
»Brr!« machte Imagina, »da spielen wir nicht mit.«
»Werden wohl müssen,« sagte Kaspar ärgerlich.
»Schmasman erwartet Dich oben, und Gott gebe euch einen guten Rath
ein,« erinnerte Herzelande ihren Schwager, und dieser ging nun zu Dem,
der seiner harrte.
»Könnt' ich nur dabei sein bei ihrer Berathung!« sprach Egenolf
unwillig.
»Der Vater wird seine besonderen Gründe haben, daß er Dich nicht dazu
aufgefordert hat,« meinte Herzelande.
Bald kam auch Graf Wilhelm an, aber ohne seine Gemahlin, und begab sich
sofort hinauf zu seinen Brüdern.
»Mich werdet ihr hier nicht los, bis ich erfahre, was sie da oben
ausgeheckt haben,« sprach Imagina und kauerte sich wie ein Kätzchen so
recht behaglich in einen bequemen Lehnstuhl.
»Wenn sie's uns überhaupt anvertrauen,« warf Egenolf ein.
»Hm!« lächelte Imagina und sah ihn mit einem Blick an, der wohl sagen
sollte: dafür laß mich sorgen.
Egenolf hätte sich am liebsten in den Sattel geschwungen und in einem
scharfen Ritt seine Unruhe vertrieben, aber auch er wollte nicht von
hinnen, ehe er wußte, wie die Entscheidung ausgefallen war, zumal
er noch immer hoffte, daß nichts Feindliches gegen die Thiersteiner
beschlossen wurde.
Eine Viertelstunde nach der anderen verging in banger Erwartung.
Isabella schnürte die Angst die Kehle zu, daß es gegen die
Rathsamhausen gehen könnte, und auch Herzelande ward es schwer, ihre
innere Erregung vor den Andern zu verbergen. Nur Imagina behielt ihren
Gleichmuth; sie blinzelte schläfrig mit den Augen, und ihr rothes
Mündchen öffnete sich, so weit es konnte, zu einem lieblichen Gähnen,
das sie mit der Hand zu verdecken suchte. »Kinder, ist das langweilig!«
sagte sie dann, »Geduld ist meine starke Seite nicht.«
Die Anderen beharrten in ihrem Schweigen, und die Minuten schlichen
stumm durch die endlose Zeit. Ein tiefer Athemzug, ein halb
unterdrückter Seufzer waren die einzigen bemerkbaren Geräusche.
Plötzlich aber ließ sich vor dem Gemach ein Rauschen und Zischeln
vernehmen; die Thür ward aufgestoßen, und Leontine kam hereingeschossen.
»Grüß Gott!« rief sie fröhlich, »da komm' ich gestoben wie der
Wirbelwind über die Stoppeln. Ja, was thut ihr denn hier? sitzt da zu
Vieren, und kein Laut ist zu hören? haltet ihr hier eine stille Andacht
ab?«
»Jawohl,« lachte Imagina, die sich zuerst faßte und aufgesprungen war,
»ich habe soeben gebetet, der Himmel möchte uns irgend ein kleines
blaues Wunder bescheren, und nun haben wir's leibhaftig vor uns, und
größer als ich's mir in meiner Bescheidenheit gewünscht habe.«
Leontine flog nun aus einem Arm in den andern, und Alle beherrschten
sich so gut, daß die Ahnungslose von ihrer Bestürzung über dieses
höchst seltsame Zusammentreffen nichts gewahr wurde.
»Ich kann Euch nicht sagen, wie willkommen Ihr mir seid, Leontine!«
sprach Herzelande mit einer eigenthümlichen Bewegung im Tone. Ihr
brachte Leontinens Erscheinen Erleichterung und Erlösung von marternder
Pein, und es war ihr, als käme der Schutzgeist des Hauses Thierstein
eilends dahergeschwebt, dem Unheil zu wehren, das sich vielleicht in
dieser Stunde über dem Hause zusammenzog. Nun konnten doch unmöglich
die Drei da oben Feindschaft gegen den Grafen Oswald beschließen,
während seine Tochter vertrauensvoll als Gast unter Schmasmans Dache
weilte.
»Du bleibst doch recht lange hier, hoff' ich,« sprach Isabella und
hielt Leontinen umschlungen, als wollte sie die eben Gekommene nun auch
so bald nicht wieder freigeben.
»Leider muß ich heut Abend wieder zurück,« erwiederte Leontine, »wir
erwarten Besuch aus Straßburg, und da muß ich zu Hause sein.«
»Wie Schade!«
»Ich komme bald einmal wieder; es trieb mich unwiderstehlich, Dich
schnell einmal wiederzusehen, und ich weiß nicht, wie lange unsere
Gäste bleiben werden.«
»Es wird ihnen auf der Hohkönigsburg schon zu längerem Aufenthalt
gefallen,« meinte Herzelande; »sie ist gar schön und prächtig nach
ihrem Wiederaufbau. Die weißhaarige Greisin läßt sich nun wohl nicht
mehr sehen?«
»Welche weißhaarige Greisin?« fragte Leontine neugierig.
»Wißt Ihr davon nichts?« sprach Herzelande. »In den langen Jahren, wo
die Burg in Trümmern lag, wandelte, so erzählt man sich, eine Greisin
mit wallendem weißen Haar in hellen Vollmondnächten auf den gebrochenen
Mauern gespenstisch umher, rang stumm klagend die Hände und erhob sie
flehend zum Himmel. Eine verstorbene Gräfin Öttingen soll es sein, die
vor Trauer über den Verfall der Burg in ihrem Grabe nicht schlafen
konnte. Nun aber, da sie in alter Größe wieder hoch und herrlich
dasteht, wird ihre einstige Herrin wohl die ewige Ruhe gefunden haben
und, so hoff' ich zu Gott, nie wieder darin gestört werden.«
»Davon habe ich noch nie gehört.«
»Weiße Frauen gehen nächtens auf vielen Burgen im Wasigen um,« fuhr
Herzelande fort, »auch auf der unsrigen hier, obwohl sie von uns
Lebenden noch keiner gesehen hat. Auf Schloß Rathsamhausen, auf der
Dagsburg, Haselburg, Spesburg, Plixburg, Ochsenstein, Greifenstein und
anderen Burgen zeigen sie sich, und ihr Erscheinen bedeutet stets eine
drohende Gefahr oder ein bevorstehendes Unglück.«
»Nur Unglück prophezeien sie?«
»Unglück und Gefahr; sie sind Ahnfrauen, die ihr nachfolgendes
Geschlecht vor allem Bösen warnen und behüten wollen,« erwiederte
Herzelande. »Achtet man ihres Kommens nicht, so bricht das Verderben
herein. So geschah es einmal auf den Ottrotter Schlössern. Auf den
Burgen Rathsamhausen und Lützelburg, die kaum einen Pfeilschuß weit
auseinander liegen, wohnten einst zwei Brüder, die zuweilen in der
Frühe selbander auf die Pirsch zu gehen pflegten. Sie weckten sich
gegenseitig dadurch, daß der zuerst Erwachende beim grauenden Morgen
einen Pfeil gegen den geschlossenen Fensterladen des Bruders schoß,
und kannten aus langer Übung die Richtung so genau, daß sie auch im
Halbdunkel ihres Zieles nicht fehlten. Eines Morgens aber öffnen beide
gleichzeitig den Laden; Jeder schießt im selben Augenblick, und Jeder
sinkt, vom Pfeile des Bruders getroffen, sterbend danieder. Drei Nächte
vorher war beiden die weiße Frau erschienen.«
»Schrecklich!« sprach Leontine.
»Wißt ihr noch mehr so grauliche Geschichten?« frug Imagina. »So
am helllichten Tage lasse ich sie mir gefallen, aber kurz vor
Schlafenszeit halte ich mir die Ohren davor zu, sonst träumt man davon.«
»Du hast Recht,« sagte Herzelande, »wir wollen unsere liebe Leontine
nicht mit so schauerlichen Geschichten unterhalten.«
»O ich fürchte mich nicht,« lachte Leontine und sah sich in dem
schönen, ganz durchsonnten Zimmer aufmerksam um. Auf ein gemaltes
Fenster zeigend fragte sie: »Ist das Euer Wappen?«
»Ja, das ist unser Wappen,« erwiederte Herzelande, »und wenn ich nicht
irre, haben es die Rappoltsteiner schon von den Saliern, den Kaisern
Heinrich IV. und V., die das Geschlecht mit den drei Burgen, auf denen
wir heute noch wohnen, einst belehnten.«
»So? Wie kommt es denn aber, daß sich ganz dasselbe Wappen am
Zunfthause der Maler in Straßburg befindet?«
»Es ist nicht ganz dasselbe,« belehrte sie Herzelande, »sondern zeigt
die umgekehrten Farben, nicht drei rothe Schildlein in weißem Felde
wie dies hier, sondern drei weiße Schildlein in rothem Felde, und es
hat damit eine eigene Bewandtniß. Als vor langen Jahren Meister Ulrich
von Ensingen den Thurmbau des Straßburger Münsters leitete, arbeiteten
unter ihm drei berühmte Künstler, drei Brüder Jungherren von Prag,
als Baumeister, Bildhauer und Maler. Ein Vorfahr meines Mannes, ein
Herr von Rappoltstein, beleidigte sie, ich weiß nicht mehr womit. Sie
beklagten sich beim Kaiser Sigismund, als dieser bald darauf nach
Straßburg kam, und der Kaiser gab den Jungherren nicht nur Recht,
sondern verlieh ihnen auch zur Sühne das nur in den Farben veränderte
Wappen ihres Beleidigers. Und seitdem führen alle Malerzünfte im ganzen
deutschen Reiche das Rappoltstein'sche Wappen, aber in den umgekehrten
Farben: drei weiße Schildlein in rothem Felde.«
»Das ist ja merkwürdig,« sagte Leontine. »Ihr wißt so Vieles zu
erzählen, Gräfin Herzelande! ich könnte Euch Tage lang zuhören.«
»Und ich würde nicht fertig werden damit,« lächelte Herzelande, »ich
weiß noch viel, viel mehr, denn unser alter, schöner Wasigen steckt
so voll von Sagen und Geschichten wie kein anderer deutscher Gau.
Ich könnte Euch von der Fee Haband am Schlüsselstein erzählen, die
bei Kerzenlicht die Mähnen der Rosse strählt und Nachts mit einem
spukhaften Gefolge weißverschleierter Fräulein weit umherzieht, vom
Weingeigerlein von Brunstatt, das zur Zeit der Rebenblüthe einen guten
oder schlechten Herbst verkündet, vom böttgernden Küfer im Falkenstein,
der dasselbe thut, von dem Gnom im Silberschacht bei Mariakirch, der
sich in die Tochter des Steigers verliebte und weil sie ihn nicht
erhörte, den Schacht mit allen seinen Schätzen auf ewig verschloß, von
den Eisenringen in der Heidenmauer an der Tänchelwand, wo die Schiffe
festgebunden wurden, die den großen See, der sich einst dort befand,
befuhren, von Schwänen umkreist, und von noch mehr so wunderbaren
Dingen. Aber das verspare ich mir auf ein ander Mal, denn ich höre die
Herren kommen.«
Die drei Brüder traten herein, und auf ihren sehr ernsten, noch
etwas erregten Gesichtern spiegelte sich Verwunderung und einige
Verlegenheit, grade zu dieser Stunde Leontinen hier zu begegnen.
»Sieh da! die Herren Grafen alle drei beisammen!« rief Leontine sich
erhebend. »Ihr staunt, mich hier zu sehen, und ich fürchte fast,
ich bin in einen wichtigen Familienrath recht ungelegen und störend
hineingeschneit.«
»Weder störend noch ungelegen, Gräfin Leontine!« erwiederte Schmasman
freundlich und reichte ihr die Hand. »Wir waren nur nicht auf die
Freude vorbereitet, einen so lieben Gast hier zu finden; seid
willkommen!«
Auch Wilhelm und Kaspar begrüßten Leontinen mit ritterlicher
Höflichkeit.
Vier Augenpaare bohrten sich mit forschenden Blicken in die Gesichter
der drei Brüder, aber in ihnen war nichts von dem zu lesen, was sie
beschlossen hatten und danach zu fragen wagte in Leontinens Gegenwart
Niemand.
Graf Wilhelm verabschiedete sich, um zu seiner Gemahlin zurückzukehren.
Kaspar aber und Imagina blieben zur Mittagstafel, an der man es sich so
wohl sein ließ wie dies den auf die getroffene Entscheidung angstvoll
Gespannten möglich war. Imagina und Leontine waren die Muntersten
bei Tische, und Schmasman und Herzelande führten die Unterhaltung so
ungezwungen und geschickt, daß Leontine von dem Banne, der auf Allen
lag, nichts merkte.
Egenolf hatte sich Leontinen gegenüber gesetzt, aß und trank wenig und
war ziemlich wortkarg. Seine Augen suchten die ihrigen, und sehr oft
traf ihn ein schüchterner Blick von ihr, über den sie dann schnell die
Wimpern senkte, aber doch nicht schnell genug, daß er den leuchtenden
Blitz nicht gesehen hätte. Sie aber wußte sich das Gemisch von
Sehnsucht und Sorge, mit dem er sie immer wieder und wieder anschaute,
nicht zu deuten. Wovor bangte ihm? Konnte er denn noch in Ungewißheit
sein, wie sie über ihn dachte, was sie tief im Herzen für ihn fühlte?
Die heimlich beobachtende Imagina hatte wohl erkannt, was da wie
schwellende Knospen zum freudigen Aufblühen trieb und drängte, und
nahm sich vor, den Beiden zu ihrem Glücke zu verhelfen, wobei sie auf
Isabella's Beistand rechnen konnte.
Nachdem man vom Tische aufgestanden war, sagte sie zu ihrem Gatten: »Du
hast wohl mit Schmasman noch Manches zu ordnen; wir gehen derweilen in
den Wald, und ich treffe Dich später zu Hause.« Dann that sie noch eine
leise Frage an ihn, auf die eine kurze, von Niemand sonst verstandene
Antwort erfolgte.
Es kam auch so, wie Imagina vorgeschlagen hatte. Sie, Leontine und
Isabella wandelten bald, von Egenolf begleitet, auf einem stillen
Waldpfade, wo der Wind, im welkenden Laube raschelnd, sein wehmüthiges
Herbstlied sang und bald hier, bald dort ein gelbes Blatt vom Zweige
brach, das aus dem Wipfel lautlos zu Boden flatterte.
Anfangs gingen sie zu Vieren, paarweise getheilt, mit einander, und
die Unterhaltung war eine gemeinsame. Nach einiger Zeit aber wußte
es Imagina so einzurichten, daß sie mit Isabella vorn war und diese,
Arm in Arm mit ihr, zu rascherem Vorwärtsschreiten veranlaßte, so daß
Egenolf und Leontine etwas hinter ihnen zurückblieben. Leontine schien
nicht darauf zu achten und plauderte ruhig weiter. Als sich die beiden
Anderen aber immer mehr von ihnen entfernten, durchschaute sie deren
Absicht, Egenolf Gelegenheit zu einer Aussprache mit ihr zu geben, und
das war ihr durchaus nicht recht. Sie wollte zum Alleinsein mit ihm
nicht so auffällig hingeleitet, hingestoßen sein, am wenigsten hier und
heute, wo es ja den Anschein haben konnte, als wäre sie eigens dazu
nach der St. Ulrichsburg gekommen. Darum beschleunigte nun auch sie
ihren Schritt und zwang Egenolf damit, dasselbe zu thun. Er verstand
sie und versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Aber etwas hatte er ihr
doch zu sagen, was jene Beiden nicht zu hören brauchten. Daher begann
er, ehe sie die Voranschreitenden einholten: »Wie lange wird Euer
Straßburger Besuch auf der Hohkönigsburg bleiben?«
»Ich denke, zwei oder drei Tage, länger gewiß nicht,« erwiederte sie.
»Warum fragt Ihr danach?«
»Weil ich eine Bitte an Euch habe, Gräfin Leontine,« sprach er. »Ich
möchte mit Euch gern einmal einen Ritt durch den Wald machen. Wollt Ihr
mir diese Gunst gewähren?«
Sie fühlte sich erröthen, neigte das Haupt tiefer und sagte leise:
»Wenn Ihr es wünscht, Graf Egenolf, so will ich es gern.«
»O wie dank' ich Euch! Ist es Euch recht, daß wir uns am vierten Tage
von heute um die neunte Stunde dort treffen, wo wir uns zum ersten Male
gesehen haben, wo das Echo wohnt?«
»Wo das Echo wohnt,« lächelte sie; »hört Ihr's? es antwortet auch hier.«
»Und aus Eurem Munde, Leontine!« jubelte er.
Weiter sprachen sie nichts, denn sie waren jetzt schon nahe an die
Beiden herangekommen, mit denen sie sich nun wieder vereinigten und zur
Burg zurückkehrten.
Als sie durch das Thor schritten, machte sich Egenolf an Imagina's
Seite und flüsterte: »Weißt Du's, was beschlossen ist?«
»Ja, ich weiß es,« erwiederte sie mit einem mitleidigen Blick, »Fehde
gegen Thierstein.«
Es traf ihn wie ein Schlag aufs Herz, aber er schwieg und verrieth,
so lange Leontine noch blieb, mit keinem Wort und keiner Miene seinen
verzweifelten Gemüthszustand, in dem er das Schicksal, das seiner
Hoffnung holde Blüthen erbarmungslos niedertreten wollte, schon
herankommen sah.
Bald brach Leontine auf. Als sie im Burghof schon zu Pferde saß,
schüttelte ihr Egenolf noch einmal die Hand, und nicht die Lippen, aber
die Augen beider sprachen: Auf Wiedersehen!