»Seid willkommen auf der Hohkönigsburg, Ihr Herren und Frauen von
Rappoltstein! ich grüße Euch als meine Standesgenossen und hoffe, daß
ich mich guter Nachbarschaft von Euch zu versehen habe.« Mit diesen
erhobenen Hauptes und in lautem Tone gesprochenen Worten empfing Graf
Oswald von Thierstein die Eintretenden und reichte jedem derselben
leicht die Hand. Dann wandte er sich um, winkte und rief in das Gemach
hinein: »Margarethe! Leontine!«
Die Gerufenen, seine Gemahlin und seine Tochter, kamen herbei, und ihre
Begrüßung der drei Rappoltstein'schen Damen war eine sehr herzliche.
Sie drückten sich alle die Hände, schauten sich theilnahmsvoll prüfend
in die Augen, und die Blicke von der einen wie von der anderen Seite
bezeugten ein offenbares Wohlgefallen an einander.
»Verzeiht, Frau Gräfin Rappoltstein,« begann Gräfin Margarethe, »daß
ich mit meiner Tochter noch nicht bei Euch war, aber in diesen zwei
Wochen wußte ich wahrlich nicht --«
»Nur keine Entschuldigung, Gräfin Margarethe!« unterbrach sie
Herzelande in der gewinnendsten Weise, »auch eine Schloßherrin ist in
erster Reihe Hausfrau.«
»Ich danke Euch für Eure Nachsicht und werde das Versäumte nachholen;
bald, sehr bald komme ich zu Euch.«
»Und sollt auf der Ulrichsburg mit offenen Armen empfangen werden.«
»Und Ihr, Gräfin Imagina?« wandte sich die Wirthin zu der Gemahlin
Kaspars, »mein Gott, wie jung noch! Ihr könntet ja meine Tochter sein.«
»Da überschätzt Ihr Euch und unterschätzt mich, Frau Gräfin,« lachte
Imagina, »Euch wie eine Mutter zu verehren wäre eine Beleidigung Eurer
eigenen Jugendlichkeit.«
»Eine Schmeichlerin seid Ihr also? da muß man sich ja vor Euch hüten.«
Und sie lachten sich beide fröhlich ins Gesicht.
Zu Isabella hatte die Gräfin Tochter gesagt: »Laßt uns versuchen,
Freundschaft mit einander zu schließen. Leontine heiße ich und Ihr
Isabella, ich weiß es schon und war sehr begierig, Euch zu sehen. Wir
wollen zusammen reiten; ich weiß noch gar nicht Bescheid hier, habe
mich neulich schon einmal im Walde verirrt, bis ich einen Jägerknecht
traf, der mich zurechtwies. Da führt Ihr mich denn die schönsten,
einsamen Waldpfade durch Thäler und Schluchten, die ich so gern zu
Pferde durchstreife.«
Auch Graf Wilhelm von Thierstein und seine Gemahlin waren zu den
Rappoltsteinern herangetreten und hatten mit ihnen Bekanntschaft
gemacht, indessen Graf Oswald mit Schmasman im Gespräch geblieben
war, das sich in höflichen, aber gemessenen Formen bewegte. Jetzt
aber erschienen neue Festgenossen, denen sich die Thiersteiner widmen
mußten, und die Rappoltsteiner wandten sich den anderen Anwesenden zu
und zerstreuten sich in den zur Verfügung stehenden Gemächern.
Alle, die als Gäste hier erschienen waren, kannten sich unter einander.
Neulinge für einige Herren und die meisten Damen waren nur die Wirthe
selber, die Thiersteiner, die sich unablässig durch die glänzende
Gesellschaft bewegten, um mit jedem der Geladenen verbindliche Worte
zu wechseln. Dabei befleißigten sich die Thierstein'schen Damen der
größten Zuvorkommenheit, die überall Anklang fand und mit ungezwungener
Freundlichkeit erwiedert wurde.
Graf Oswald dagegen bewahrte in seinem Auftreten und Benehmen eine
gewisse Zurückhaltung, die ihm von Vielen als Überhebung ausgelegt
wurde, so daß sie hin und wieder verwunderte Blicke tauschten, wenn er
durch ein strenges Wesen und durch hochfahrende Äußerungen ein allzu
großes Selbstbewußtsein verrieth. Doch konnte er auch von hingebender
Liebenswürdigkeit sein, wenn er wollte, und immer war er dies schönen
Frauen gegenüber ohne noch den Galan spielen zu wollen. Heute freilich,
wo er so zu sagen eine Probe zu bestehen, vor seinen Gästen eine
Prüfung abzulegen hatte, fühlte er sich ein wenig befangen, zumal er
merkte, wie Aller Blicke beobachtend auf ihm ruhten, und weil sein
ganzes Gehaben von dem Wunsch und dem Bestreben geleitet wurde, nicht
nur einen günstigen Eindruck auf die Geladenen zu machen, sondern sich
auch mit einem Schlage eine hervorragende, maßgebende Stellung unter
ihnen zu erobern, denn dies war ja, wie sein kluger Stallmeister wohl
durchschaut hatte, der Hauptzweck des heutigen Festes.
Als Graf Oswald das Gespräch mit Schmasman beenden mußte, war des
Letzteren erster Gedanke: wie mag wohl die Begrüßung zwischen Oswald
und Burkhard ausgefallen sein? Schade, daß ich nicht früher kam,
um dabei Zeuge und nöthigenfalls Vermittler sein zu können! Und er
ging, um seinen alten Freund und Waffenbruder aus mancher kleinen
und größeren Fehde aufzusuchen. Die Gemächer durchschreitend ward er
bald hier, bald da von einem Bekannten angehalten, der ihm die Hand
entgegenstreckte, und unterließ auch nicht, die Damen zu begrüßen,
an denen er vorüberkam. Endlich entdeckte er Burkhard im hintersten
Zimmer, in lebhafter Unterhaltung mit Rudolf von Andlau begriffen.
Schmasman schüttelte beiden die Hand, hielt aber die Burkhards länger
in der seinigen fest und sagte: »Freut mich, daß Du gekommen bist,
alter Brummbär!«
»Danken kann ich Dir kaum dafür, daß Du mich dazu beschwatzt hast,«
erwiederte Burkhard mit leichtem Stirnrunzeln. »Aber nun bin ich einmal
da im Gefolge des gnädigen Herren von der Hohkönigsburg und mache gute
Miene zu dem thörichten Spiel hier.«
»Die Miene, die Du machst, könnte immer noch ein wenig besser sein,«
meinte Schmasman.
Rudolf von Andlau lachte: »Nehmt Euch mit ihm in Acht, Graf
Rappoltstein! er hat heute wieder den rauhen Pelz an und knurrt. Sehet
zu, wie Ihr ihn bändigt; ich hab's nicht fertig gebracht und überlasse
ihn Euch, um Eurer Frau die Hand zu küssen.«
»Thut das, Andlau! sie wird sich freuen, Euch hier zu sehen,« rief der
Graf dem Abgehenden nach.
»Nun, wie war der Willkomm, den Du bei dem Thiersteiner fandest?«
fragte Burkhard sofort, als die Beiden, etwas abseits von den übrigen
Gästen, mit einander allein standen.
»O -- durchaus höflich und freundlich,« erwiederte Schmasman.
»Na, das dank' ihm der Teufel!« brauste Burkhard auf. »Ist das Alles,
was Du darüber zu sagen hast?«
»Freilich, ein wenig herablassend kam mir die Begrüßung vor.«
»Aha!« machte Burkhard, »willst Du wissen, wie es mir vorkommt? Er
empfängt seine Gäste wie ein Reichsfürst seine Vasallen empfängt. --
Ja, ja!« fuhr er fort, als Schmasman darauf schwieg, »Du bist wohl eben
erst angelangt und hast noch nicht bemerkt, wie hoch der Herr Graf den
Kopf trägt, als wollte er über uns Alle hinwegsehen.«
»Er ist noch fremd hier und muß sich erst eingewöhnen unter uns, erst
Fühlung mit uns gewinnen. Dabei müssen wir ihm behilflich sein, ihm
entgegenkommen.«
»Ach was, entgegenkommen!« rief Burkhard ärgerlich. »Zahm und kirre
machen müssen wir ihn und ihm die Zähne zeigen, wenn er sich aufspielen
und großthun will. Gieb mal Acht darauf, wie herausfordernd er hier
in der strotzenden Pracht, die ihm von Rechts wegen garnicht zukommt,
unter seinen Gästen herum stolziert, Huld winkend, Gunst verheißend,
Gnade spendend, als hätte er nur zu geben und wir von ihm zu empfangen.«
»Du hast eine vorgefaßte Meinung gegen ihn, zu der Dich nichts
berechtigt. Ich möchte Dich an seinem Platze sehen.«
»So hochmüthig wäre ich nicht, Schmasman!«
»Nein, Du Ausbund christlicher Demuth und Duldsamkeit!« lachte
Schmasman. »Grob wärst Du, wenn Dir die Nasen Deiner Gäste nicht
gefielen. Ruhig! ich kann Dir das sagen, Bruder! aber ich sage Dir
auch: habe nur den guten Willen, gieb Dir einmal Mühe, Dich auf einen
freundlichen Fuß mit dem Thiersteiner zu stellen, dann wird es schon
gehen. Ich prophezeie Dir: je öfter wir uns fortan mit Graf Oswald
begegnen, je besser werden wir uns mit ihm verstehen und vertragen,
denn er ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Mann von makelloser Ehre.«
»Trage gar kein Verlangen nach öfterem Begegnen.«
»Wird schon von selber kommen; ich verlasse mich auf Dein ehrliches,
ritterliches Herz, denn das ist noch das Beste an Dir.«
Burkhard blinzelte den Freund erst etwas zweifelhaft an, dann gab er
ihm die Hand und sagte: »Jetzt bringe mich zu Deiner Frau, damit ich
auf andere Gedanken komme. Ist das lustige Hexlein, die Imagina, auch
hier?«
»Natürlich! und wenn es Einer versteht, Dir den Kopf zurechtzusetzen,
so ist sie es.«
»Das weiß ich, darum fragte ich ja.«
»So komm, aber erst zu meiner Frau!«
Sie schoben sich durch die Gruppen der plaudernden Gäste, die nicht
müde wurden, die glänzende Einrichtung der Gemächer zu betrachten,
die schönen, figurenreichen Teppiche an den Wänden, die geschnitzten
Gestühle mit bunten Kissen und Polstern, die großen Öfen mit grünen
Kacheln, die messingenen Leuchterkronen, die kunstvollen Glasfenster
und mehr dergleichen, was ihre Bewunderung und ihr Begehren erregte,
es auf ihren Schlössern auch so haben zu können. Die Mächtigsten und
Reichsten unter ihnen, die auch in Behaglichkeit und Bequemlichkeit
wohnten, mußten sich wohl oder übel gestehen: so prunkvoll und
üppig wie hier sah es bei ihnen zu Hause nicht aus. Während des
Wiederaufbaues der Hohkönigsburg hatten sie mit fast ungläubigen Ohren
schon Manches von dem Aufwand, der dabei getrieben wurde, gehört und
waren daher auf allerlei Neues und Sehenswerthes gefaßt, fanden aber
ihre Erwartungen durch das hier, wie Manche meinten, fast prahlerisch
zur Schau Gestellte nun doch noch weit übertroffen.
Um in diese kostbar ausgestatteten Räume möglichst würdig mit
ihrer äußeren Erscheinung hineinzupassen, hatten Männer wie Frauen
ihre auserlesensten Festgewänder angelegt. Da war viel schillernde
Farbenpracht zu sehen an den faltigen Kleidern mit langen Schleppen
und großgemusterten Röcken, unter denen die spitzen Schnabelschuhe
hervorlugten Um die Nacken der Frauen ringelten sich goldene Ketten
mit funkelnden Steinen, auf ihren Häuptern glitzerten gold- und
silberdurchwirkte Hauben und Gebinde, und frische Blumenkränze
krönten die Scheitel der jungen Mädchen. Die älteren Herren trugen
dunkelsammtene oder brokatene Röcke, mit Pelz verbrämt oder mit bunten
Borten umsäumt, die jüngeren aber kurze, seidene Wämser mit breitem,
gesticktem Brustlatz und eng anliegende, gestreifte oder geschachtete
Beinkleider, kleine Barette mit Federstutzen auf dem langen,
gekräuselten Haar, und am schmelzverzierten Gürtel hing der Dolch in
tauschirter Scheide.
Wer von allen Frauen und Jungfrauen hier war die Schönste? Niemand
that diese Frage laut, aber Jeder legte sie sich im Stillen vor und
beantwortete sie sich mit dem Namen Leontine. Sie war das leibhaftige
Bild von Kraft und Gesundheit, mit jedem Liebreiz blühender Jugend
geschmückt und von einer bestrickenden Anmuth im Ausdruck ihrer Züge,
in Haltung und Bewegung, in ihrem ganzen Wesen.
»Was habt Ihr für prachtvolles, rothblondes Haar!« sprach Imagina, als
sie auf ihrem Rundgang durch die Gemächer der Thierstein'schen Tochter
begegnete, die mit ihrem Wuchs die schlanke Gestalt der sie Anredenden
noch eine halbe Spanne lang überragte.
»Sagt nur getrost feuerrothe Mähne!« lachte Leontine und schüttelte die
wallenden Locken, die sich in kein Netz und keine Haube zwingen ließen.
»Man muß wohl schon bei meiner Geburt diesen Löwenkopfputz geahnt haben
und hat mir darum den Namen Leontine gegeben, der mir oder dem ich die
Rechtfertigung nun schuldig war.«
»Die übrigen Attribute sind auch nicht ausgeblieben,« scherzte Imagina
und entschlüpfte der Geneckten durch das Gedränge der Gäste, wobei sie
dem ihr entgegenkommenden Burkhard fast in die Arme lief.
»Halt, Frauchen Imagina!« rief er, »hier kommt Ihr nicht vorbei, und
auf Euch fahnde ich gerade.«
»Auf mich? was wollt Ihr von mir?« entgegnete sie schnippisch.
»Ihr sollt mir das kleine, weiche Pfötchen geben.«