3) Die Vorhut der Verbündeten bestand aus Holländern; die Nachhut
geben französische Quellen als von beiden Nationen gemischt an,
Clowes und de Jonge erwähnen es nicht, nach den Namen der Schiffe
scheint es nicht der Fall. (Namen der Schiffe und Kommandanten im
Clowes für alle 3 Nationen; in Bonfils und Delarbre für die
Franzosen.)
[Illustration: Schlacht bei Beachy Head, 10. Juli 1690.]
=Die Flaggoffiziere nach Segelorder= der Geschwader und Divisionen.
=Verbündete.= Vorhut: Vizeadmiral von Callenburgh, Leutnantadmiral
Cornelis Evertsen, Vizeadmiral v. d. Putte (zu jeder Division ein
Konteradmiral).
Mitte: Vizeadmiral Sir John Ashby, =Admiral Herbert, Earl of
Torrington=, Kontreadmiral Rooke.
Nachhut: Vizeadmiral Sir Ralph Delaval (Divisionschefs nicht
angegeben).
=Franzosen.= Vorhut: Generalleutnant de Villette, Generalleutnant
Château-Renault, Chef d'Escadre de Langeron.
Mitte: Chef d'E. de Nesmond, =Vizeadmiral der Levante Tourville= und 2
Chefs d'E. als Vorder- und Hintermann, Generalleutnant d'Amfreville.
Nachhut: Chef d'E. de Flacourt, Vizeadmiral des Atlantik d'Estrées
(seinem Vater im Dienstgrade gefolgt), Leutnantgeneral de Gabaret und 1
Chef d'Escadre als Schlußschiff.
$Die Schilderung der Schlacht bei Beachy Head$ ist in allen Quellen[236]
ziemlich klar, nahezu übereinstimmend, und kann sehr kurz gegeben werden.
[236] Hier benutzt: Clowes, Teil II; de Jonge, Teil III, am
ausführlichsten, was die Holländer betrifft; Delarbre; Bonfils,
Teil I; Mahan, Teil I.
Die verbündete Flotte hielt zugleich auf den Feind ab, Geschwader gegen
Geschwader. Die Vorhut, Evertsen, ging dicht heran, holte an den Wind
(9 Uhr vormittags), und es entspann sich ein blutiges Gefecht auf nahe
Entfernung mit wenig Fahrt (unter »Backen und Füllen«). Genau so
verfuhr die Nachhut, Delaval; sie stieß 9^{30} Uhr vorm. mit ihrem
Gegner zusammen. Herbert mit der Mitte steuerte nicht genau Schiff auf
Schiff auf den Feind, sondern zuerst etwas südlicher; dadurch entstand
eine Lücke zwischen ihm und seiner Vorhut. Die erste Division der
Mitte, Ashby, sah diese Lücke zu groß werden und versuchte sich der
Vorhut zu nähern, ihm folgten dann auch Herbert und Rooke. Die drei
Divisionen der Mitte sind infolge dieses Manövers, wenn auch in sich
gut geschlossen etwas voneinander getrennt; auch halten sie sich auf
weitere Entfernung vom Feinde, bis sie um 10 Uhr vormittags ins Gefecht
eingreifen.
Im Kampfe der Nachhuten blieben sich die Aussichten etwa gleich; da
bald nach dem Zusammenstoß einige Schiffe der Franzosen aus dem Gefecht
holen mußten, wurde ihre Überlegenheit ziemlich ausgeglichen.
Die Holländer aber kamen in eine üble Lage. Beim Heransegeln hatten
sie, wie gewöhnlich, mehr gelitten als ihre Gegner (vielleicht hatten
sie auch nicht genau Spitze auf Spitze getroffen); Château-Renault sah
dies, ließ seine erste Division (de Villette) vorsegeln, wenden und die
Holländer von Luward aus dublieren (1 Uhr nachmittags). Von der
französischen Mitte, die durch Herbert ja nicht scharf engagiert war
und die den Angriff Ashbys abgeschlagen hatte, kam die erste Division
(de Nesmond) von hinten auf und dublierte gleichfalls; so war die
Vorhut der Verbündeten fast ganz in die Mitte genommen und litt schwer.
Bald darauf versuchte dann auch Tourville selbst, mit seiner Division
hier einzugreifen; Herbert, der jetzt näher herankommen wollte, war
hierzu bei dem flauer gewordenen Winde zu weit ab.
Die Holländer würden völlig vernichtet sein, wenn nicht der Zufall und
Evertsens Geschicklichkeit ihnen zu Hilfe gekommen wären. Um 3 Uhr
nachmittags wurde es nämlich still, Tourville mußte sich mit Booten
tauen; Evertsen aber benutzte die Stille, um sich aus der bedrängten
Lage zu befreien, er gab Befehl, mit stehenden Segeln zu ankern, als um
5 Uhr nachmittags die Ebbe stark lief. Die ganze Flotte folgte dann
diesem Beispiel; die Franzosen bemerkten oder verstanden dieses Manöver
nicht sogleich. Als auch hier der Befehl zum Ankern gegeben wurde,
waren sie schon durch den Strom nach Lee (Südwest) aus Schußweite
getrieben; damit endete der Kampf.
Die Franzosen geben ihren =Verlust= auf 500 Tote und Verwundete an. Der
der Verbündeten wird größer gewesen sein, besonders aber hatten die
Schiffe der Vorhut und Nachhut sehr gelitten; verschiedene der
Holländer waren ganz oder teilweise entmastet, andere mit allen Pumpen
kaum noch über Wasser zu halten, zwei holländische Kontreadmirale waren
gefallen. Zwar war nur ein holländisches Schiff, das nicht geankert
hatte und mit forttrieb, genommen worden (es sank später), aber der
Zustand der Schiffe -- nach de Jonge waren nur noch drei völlig
gefechtsfähig; »noch nie sei eine Flotte im ganzen so zugerichtet« --
sollte in der Folge die Schlacht zu einer völligen Niederlage machen.
Die =Gründe der Niederlage= liegen auf der Hand. Wie stets bei dieser
Art des Angriffs kam die Vorhut zuerst und allein ins Gefecht, hatte
die heftigste Wirkung des feindlichen Feuers auszuhalten und wurde
nicht rechtzeitig entlastet. Was bewog Herbert, der Vorhut nicht zu
folgen? Nach Hoste (»tactique navale«) hat Herbert die Absicht gehabt,
besonders die französische Nachhut anzugreifen und sie zu dublieren
(die französische Mitte soll zufällig oder mit Absicht etwas nach Lee
eingebogen zur Vorhut und Nachhut gestanden haben; dies soll dem
englischen Admiral den Gedanken eingegeben haben). Dann aber war es
falsch, zu diesem Zweck zwischen sich und seiner Vorhut eine Lücke
entstehen zu lassen und der Vorhut zu erlauben, auf ein ernstes
Nahgefecht einzugehen. Er hätte wie Ruyter bei Texel soviel Schiffe des
Feindes, von hinten gerechnet, angreifen müssen, wie er niederkämpfen
zu können glaubte. Die Vorhut mußte den Befehl haben, die vorderen
Feinde nur zu beschäftigen; die geringere Zahl ihrer Schiffe mußte
hierzu durch größere Abstände zwischen ihnen, nicht aber durch Lücken
zwischen den Geschwadern ausgeglichen werden. Wenn Herbert diese
Absicht gehabt hat, so muß er sie doch gleich wieder aufgegeben haben,
wohl weil er erkannte, daß Tourville imstande war, die englische
Nachhut zu dublieren; um dies stets hindern zu können, hielt er dann
vielleicht seine Mitte überhaupt zurück. Zu diesem Verfahren kann und
wird ihn aber auch -- trotz des Befehls der Königin -- seine uns
bekannte Ansicht über die Wichtigkeit der Erhaltung der Flotte bewogen
haben; wir kommen hierauf bei den Betrachtungen über Strategie (am
Schluß des Kapitels) nochmals zurück.
Die Leistungen der Holländer in der Schlacht wurden von den Franzosen
und Engländern, von Wilhelm III. und der Königin besonders, anerkannt;
Herbert wurde in Haft genommen, zwar kriegsgerichtlich freigesprochen
aber nicht wieder verwendet.
Die Schilderung zeigt uns die Niederlage der Verbündeten, der
=Hauptverlust= trat erst =nach der Schlacht= ein. Ein zusammengerufener
Kriegsrat sah ein, daß ein zweites Gefecht unmöglich sei, ja daß man
selbst nicht um zurückbleibende Schiffe kämpfen könne, sondern diese
zerstören müsse. Abends 9 Uhr mit Einsetzen der Flut trat man den Rückzug
nach Osten an, die schwerstbeschädigten Schiffe im Tau von Fregatten. Der
flaue Gegenwind zwang häufig während der Ebbe zu ankern, aber mit der
besseren Kenntnis der Stromverhältnisse entzog man sich immer mehr den
folgenden Franzosen. Tourville hatte zur Verfolgung erst etwas später
Anker gelichtet und segelte stets in Formation, anstatt eine allgemeine
Jagd anzuordnen; immerhin fiel ihm ein großer Teil der beschädigten
Schiffe zum Opfer.
Im Laufe der nächsten Tage mußten zwei mastenlose Holländer verbrannt
werden; eins sank vor Anker. Vier setzten sich bei Rye auf den Strand:
drei verbrannten sich, nur eins wurde durch Geschicklichkeit und
Umsicht seines Kommandanten gerettet. Er ließ sein Schiff halb voll
laufen, brachte Kanonen am Lande in Stellung und schlug verschiedene
Branderangriffe ab. Auch ein englisches Schiff ging verloren.
Sicher würde der Verlust größer gewesen sein, wenn Tourville seine
Galeren zur Stelle gehabt, und vor allem auch, wenn er anders verfahren
hätte. Einen geschlagenen und in voller Flucht zurückgehenden Feind soll
man mit Ungestüm verfolgen, auf die eigene Ordnung nur soweit Rücksicht
nehmen, als nötig ist, um den verfolgenden Schiffen die gegenseitige
Unterstützung zu sichern.
=Warum nutzte Tourville die Verfolgung nicht besser aus=? Mahan sagt
(gekürzt): »Die Vorsicht bei der Verfolgung entsprang demselben
Charakterzuge Tourvilles, der ihn zwei Jahre später bei La Hogue seine
Flotte der fast sicheren Vernichtung entgegenführen ließ, bloß weil er
den Befehl seines Königs in der Tasche hatte, so verschieden auch beide
Handlungen zu sein scheinen. Er war tapfer genug, um alles zu tun, aber
nicht stark genug, um die schwersten Lasten zu tragen.« (Man denke an
Seignelays Ausspruch: »Poltron de tête, mais brave de coeur«.) »Er war
nach Beachy Head mit seinen Leistungen in der Schlacht zufrieden, aber
kein Nelson, der sagte: Wenn wir von elf Schiffen zehn genommen und das
elfte hätten entwischen lassen, während wir es nehmen konnten, so würde
ich dies niemals für ein gutes Tagewerk halten. Tourville war der
Vorgänger der geschickten aber vorsichtigen Taktiker der kommenden Zeit,
allerdings noch voll jener Lust zum Draufgehen, die für die Flottenführer
des 17. Jahrh. so bezeichnend ist.«
Am 18. Juli gaben die Franzosen die Verfolgung ganz auf; die Verbündeten
ankerten am 20. bei Sheerness. Tourville ging, da auch viele seiner
Schiffe schwer beschädigt und knapp an Munition[237] waren, nach Havre;
es erregte dies das Mißfallen Seignelays, aber der Admiral war der
Ansicht, hier die Flotte schneller wieder gefechtsfähig machen zu können.
Nach erfolgter Wiederausrüstung unternahm =Tourville= nichts von
Bedeutung mehr, obgleich man wußte, daß die Verbündeten vor dem 10.
September nicht auslaufen würden. Auf Drängen Seignelays, der mit der
Leistung der Flotte nach dem großen Siege durchaus nicht zufrieden war,
ging er schon am 29. Juli, jetzt mit den Galeren, =wieder in See=,
richtete aber nichts aus. Er erschien vor Torbay, landete (5. August)
eine kleine Abteilung, verbrannte einige Häuser und kleine Fahrzeuge in
Teignmouth, wurde jedoch durch die aufgebotene Miliz bald zum
Wiedereinschiffen gezwungen, anstatt die gehoffte Unterstützung im Lande
zu finden. Er zeigte sich auch vor Plymouth, wo Killigrew mit seinem
Geschwader und dem Convoi (150-200 Schiffe) lag, hielt es aber nicht für
angebracht, den Hafen zu forcieren wie ihm befohlen; nach de Jonge hatten
sich dort die Kriegsschiffe in guter Verteidigungsstellung vermoort,
Forts und Batterien waren durch die Mannschaften der Kauffahrer
verstärkt. Ende August kehrte Tourville =nach Brest zurück=.
[237] Munitionsmangel herrschte bei allen drei Nationen und wird
überall der schlechten Ausrüstung, nicht der Dauer der Aktion
zugeschrieben.
So war die Schlacht bei =Beachy Head= zwar ein =großer Sieg= gewesen --
der hervorragendste Einzelerfolg, den die Franzosen je über die Engländer
errungen --, =aber kein entscheidender= geworden, weil er weder taktisch
noch strategisch genügend ausgenutzt wurde. Die Flotte der Verbündeten
war zunächst völlig außer Gefecht gesetzt. Die Schiffe beider Nationen
besserten in England aus und erst am 26. September lag wieder eine
aktionsfähige Macht -- jetzt unter dem Befehl von =drei Joint-Admirals=:
Haddock, Killigrew, Ashby -- in Spithead; sie zählte gegen 50
Linienschiffe, weil das Mittelmeergeschwader hinzugestoßen war. Also zehn
Wochen lang hatten die Franzosen unbestritten die Herrschaft im Kanal --
auch in Holland fürchtete man eine Landung und bot die Bürgerwehren auf,
um die wichtigsten Küstenplätze zu besetzen --; sie nutzte ihnen nur
dadurch, daß ihre Freibeuter unbehindert den feindlichen Handel
schädigten.
Für den =Landkrieg in Irland= war der Seesieg ohne jede Folge, hier war
fast an demselben Tage am Boyne die Lage zugunsten Wilhelms schon
entschieden.
Jakob II. hatte sich unnütz mit der Belagerung von Städten (z. B.
Londonderry) aufgehalten. Nach Wilhelms Landung in Irland hatte ihm
Ludwig (dessen Flotte besser die Landung gehindert hätte) geraten, eine
entscheidende Schlacht zu vermeiden und sich an den Shannon, in einen
ihm völlig ergebenen Teil des Landes, vorläufig zurückzuziehen. Aber
=Jakob= wollte Dublin nicht aufgeben, um seiner Sache nicht moralisch
zu schaden; er nahm zur Deckung seiner Hauptstadt eine Stellung am
=Boyne= ein. Hier wurde er am 11. Juli =vollständig geschlagen= und
schiffte sich in Kingsale auf der erwähnten Flottille französischer
Fregatten, die eigentlich den St. Georgs-Kanal hätten bewachen sollen,
nach Frankreich ein. Er bestürmte nun den König, den Sieg von Beachy
Head zu benutzen und ihn mit einer größeren Armee in England landen zu
lassen. Ludwig aber, ungehalten über ihn, schlug dies ab und befahl
sogar, die französischen Truppen aus Irland zurückzuziehen.
Inwieweit die Rücksicht auf die Trümmer der verbündeten Flotte als immer
noch einer »fleet in being« Tourvilles Lauheit im August hervorgerufen
hat, entzieht sich der Beurteilung; Herbert legte in seinem Prozeß großen
Wert auf diesen Umstand. Für die frühe Heimkehr der französischen Flotte
im August wurden als Gründe »der Zustand der Schiffe« und »die
herannahende schlechte Jahreszeit« angegeben; vielleicht hat auch die
augenblickliche Verstimmung Ludwigs gegen Jakob dazu beigetragen. Ende
September ging nur noch ein Teil der Flotte unter d'Amfreville nach
Irland hinüber und holte die französischen Truppen zurück. Die Flotte der
Verbündeten war noch nicht imstande, dies zu hindern. Am 30. September
erschien dann ein Teil mit 7000-8000 Mann unter Marlborough vor Cork.
Unter Mitwirkung leichter Schiffe ward diese Stadt genommen, 300
Offiziere und 5000 Mann Jakobs wurden zur Kapitulation gezwungen, bald
darauf fiel auch Kingsale und damit die letzte Stadt Jakobs im Süden
Irlands. Ein anderer Teil der Flotte hatte den Handelsschutz gegen die
Freibeuter Dünkirchens übernommen; die unbedingte Seeherrschaft
Frankreichs war also zu Ende.
Im Oktober legte man, wie üblich, mit Ausnahme der Wintergeschwader auf,
einige englische Schiffe blieben ferner in den irischen Gewässern.
$Das Jahr 1691. Tourvilles Hochsee-Kreuztour.$ Für das Jahr 1691 rüsteten
beide Gegner mit Macht. Die Franzosen zogen wieder fast alle Streitkräfte
in Brest zusammen. Hier lag unter Tourville im Juni eine Flotte von 120
Segeln, darunter wie im Vorjahre 70 Linienschiffe; im Mittelmeer fanden
nur etwa 12 Linienschiffe zur Unterstützung des Krieges gegen Spanien
Verwendung. Die Verbündeten entwickelten jetzt trotz oder gerade infolge
der Niederlage und der Verluste bei Beachy Head eine weit bedeutendere
Kraft als im Vorjahre; es kennzeichnet dies wohl im Gegensatz zu
Frankreich später den Unterschied zweier Marinen, von denen die eine eine
rein militärische Einrichtung ist, während die andere ihre Grundlage in
dem Charakter und der Beschäftigung des Volkes hat. Die Flotte der
Verbündeten bestand aus etwa 100 Linienschiffen mit Zubehör, darunter 39
Holländer; daneben waren ein gemeinsames Geschwader von 11 Linienschiffen
nebst reichlich Fregatten gegen die Freibeuter Dünkirchens sowie
zahlreiche Convoischiffe (Holländer 20 zu 20-50 Kanonen) in Dienst
gestellt. Aber obgleich die Rüstungen frühzeitig beschlossen und eifrig
betrieben wurden, um den Franzosen zuvorzukommen, war die Flotte doch
erst wieder Anfang Juni in den Downs seeklar.
In den Niederlanden war der Anstoß zu starker Rüstung wie stets von der
Provinz Holland ausgegangen. Die Gründe der Verzögerung waren die
alten: Geldmangel infolge des daniederliegenden Handels und Lässigkeit
der Landprovinzen; Personalmangel infolge der eigenen Freibeuterei,
besonders in Seeland. In England war immer noch der mangelhafte Zustand
der Verwaltung ein Hemmnis.
So ist es in den Quellen zu lesen! Wenn man aber immer wieder bei
neueren Schriftstellern aller Völker die Klage über »verspätete«
Operationsbereitschaft liest, so drängt sich doch die Frage auf, ob
wirklich immer unbeabsichtigte »Verzögerungen« die Schuld trugen. Auch
in den Landkriegen begannen in jenen Zeiten die Operationen häufig erst
im späten Frühjahr, selbst noch im Siebenjährigen Kriege.
Die Flotte stand unter dem Befehl des Admiral of the Fleet =Russell=, das
holländische Kontingent unter =de Almonde=; Tromp war zum Chef bestimmt,
starb aber am 29. Mai. Gegenwinde und »andere Umstände« -- wohl
hauptsächlich diese, d. h. Nichtbereitschaft -- hinderten das Auslaufen
bis zum 20. Juni, auch dann brauchte man zehn Tage, um bis Torbay
zukommen.
So waren die =Franzosen zuerst in See=, aber mit ganz anderen Orders als
im Vorjahre. Der feurige und ehrgeizige Marineminister Seignelay, der
stets die schärfste Offensive gegen die feindlichen Seestreitkräfte im
Auge gehabt hatte, war gestorben; sein Nachfolger =Pontchartrin= war
anderer Ansicht. Er bestimmte die Flotte für den Schutz der eigenen
Küsten und für die Vernichtung des feindlichen Handels; demgemäß war der
Befehl, daß hauptsächlich ein im Juni im Kanal erwarteter großer Convoi
englischer und holländischer Levantefahrer abgefangen werden sollte.
=Der Befehl=[238] =lautete= (gekürzt): Der englisch-holländische
Smyrnaconvoi, auf 30 Millionen Lire Wert geschätzt, am 7. Mai bei
Alicante gemeldet und Anfang Juni im Eingange des Kanals erwartet, ist
erstes Angriffsobjekt. »Der Fang dieses reichen Convois ist für den
König nützlicher als ein zweiter großer Seesieg. Auch andere Convois
können der Flotte in die Hände fallen, ohne etwas aufs Spiel zu
setzen.«
[238] In Delarbre »Tourville«, Seite 349 ff., findet man den Befehl
(vom 20. Mai) sowie Berichte Tourvilles mit Vorstellungen
dagegen; aus diesem Schriftwechsel ist das geringe seemännische
Verständnis des Ministers zu ersehen.
Die feindliche Kriegsflotte wird an Zahl stärker sein, aber der König
hält die seinige in jeder Hinsicht für besser. Dennoch ist der Feind
nicht zu suchen, sondern zu vermeiden. Zu schlagen ist nur, wenn man
auf wesentlich schwächere Kräfte trifft oder wenn der Feind gegen die
französischen Küsten operiert. Dieses letzte aber auch nur, wenn
westlich von La Hogue; wenn der Feind östlich im Kanal operiert, sind
erst Befehle einzuholen (vielleicht, weil dort keine Zufluchtshäfen
waren?).
Wenn bis August nichts vorgefallen ist, wird der Feind viele Kranke
haben, dann soll offensiv vorgegangen werden; deshalb größte Sorgfalt
für Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes auf der eigenen Flotte.
Jedenfalls soll die Flotte bis zum 1. September in See bleiben und darf
bis dahin nur einige (angeführte) »Rheden« anlaufen, keinenfalls den
Hafen von Brest, falls nicht die Folgen einer Schlacht dies verlangen.
(Ist der letzte Teil des Befehls nicht ein Mißtrauensvotum für
Tourville?)
=Tourville= wandte verschiedenes gegen den Befehl ein, so vor allem, daß
das Abfangen des Smyrnaconvois ein Kreuzen bei den Scillys verlange, die
Aufgabe, die Küsten unter allen Umständen zu sichern, aber ein Verlassen
der Küsten nicht erlaube. Er erhielt nur ausweichende Antworten und
scheint dann stets die zweite Aufgabe als die wichtigere angesehen zu
haben. Dementsprechend operierte er auf seiner sogenannten
»=Hochseekreuztour=«, durch die er den Feind fünfzig Tage lang
beschäftigte; diese »=Campagne du large=« lebt noch heute als eine der
glänzendsten strategischen und taktischen Leistungen in der französischen
Marine.
=Tourville= lief am 25. Juni von Brest aus und kreuzte etwa 20-40
Seemeilen westlich vor der Mitte der Linie Scillys-Ouessant; er
richtete einen vorzüglichen Aufklärungsdienst nach allen Seiten ein,
um sowohl nach dem erwarteten Convoi wie nach der feindlichen Flotte zu
spähen. =Russell= erfuhr dies Anfang Juli in Torbay und beeilte sich
auch, nach dem Eingang des Kanals zu kommen, um den Convoi aufzunehmen;
er kreuzte auf der genannten Linie, ohne vom Feinde Kundschaft zu
erhalten.
Tourville bekam am 16. Juli (oder kurz vorher) Meldung, daß der Convoi
am 8. südlich von der französischen Flotte gestanden habe. Da aber seit
dem Tage südwestliche Winde mit unsichtigem Wetter geweht hatten und er
auch von der Anwesenheit Russells rechtzeitig unterrichtet war, nahm er
an, daß der Convoi bereits Irland erreicht habe und unter dem Schutz
der feindlichen Flotte stehe; er sah deshalb von einer ernstlichen
Verfolgung ab, zumal da er auch durch Stillen und Nebel behindert war.
Seine Annahme war richtig; der Convoi war am 16. in Kingsale
eingetroffen; Russell, der um diese Zeit gerade sein erfolgloses Suchen
eingestellt hatte und unter die irische Küste gegangen war, traf auf
ihn und führte ihn zunächst etwas den Kanal hinauf.
Dagegen erfuhr Tourville von einem aufgegriffenen Kauffahrer, daß ein
englischer Transport von zwölf Schiffen nahe, mit Munition und andern
Bedarfsartikeln für Westindien, nur gedeckt durch zwei Kriegsschiffe;
oder es war ein etwa gleichstarker Convoi von Jamaica; die Quellen
weichen ab, doch ist dies wohl ohne Belang. Es gelang ihm während
Russells Abwesenheit, die zwei Kriegsschiffe und einige der Transporter
zu fangen; dann hielt er sich südlicher, zu Luward von Brest, etwa auf
dem 48. Breitengrade. Auch Russell kehrte auf seine alte
Beobachtungslinie zurück und suchte den Feind. Es begann nun ein Spiel,
das von dem französischen Admiral vorzüglich durchgeführt wurde. Die
Kreuzer Russells scheinen stets durch geschickte Manöver getäuscht zu
sein; nie wußte man genau, wo Tourville stand. Dieser jedoch war stets
unterrichtet, und so gelang es ihm, den Feind die ganze zweite Hälfte
des Juli und die erste Hälfte des August hinter sich herzuziehen -- auf
einem Seeraum vom 49. Breitengrade bis zu dem von Lorient und nach
Westen bis auf 120 sm. von Ouessant --, sich dabei stets die
Luvstellung und eine Entfernung von 15-30 sm. zwischen den beiden
Flotten wahrend. Am 14. August lief Tourville wieder in Brest ein, um
neu auszurüsten, und auch Russell ging auf die Kunde hiervon zu
gleichem Zweck nach Torbay.
Es war also Tourville nicht gelungen, den reichen Smyrnaconvoi
wegzunehmen; nur ein Teil des englischen Transports nach Westindien und
einige wenige andere Kauffahrer fielen ihm in die Hände. Er hat aber
erreicht, daß die Verbündeten den ganzen Sommer über von ihrer Übermacht
keinen Gebrauch machen konnten. Auch zwang er sie, ihre Streitkräfte
zusammenzuhalten, und die französischen Freibeuter fanden so die See
frei. Wie stets zeichnete sich =Dünkirchen= im kleinen Kriege aus; das
gegen diesen Hafen aufgestellte Geschwader der Verbündeten war nicht
imstande, ein Auslaufen völlig zu hindern. Allerdings war der Verlust des
englischen Handels nicht so bedeutend, wie er in den nächsten Jahren
werden sollte, aber der holländische Nordseehandel litt schwer (auf den
kleinen Krieg und besonders auch diesen Umstand kommen wir noch zurück).
Endlich war der Verkehr zwischen Frankreich und Irland frei; verschiedene
Transporte gingen hinüber.
Ludwig XIV. war von seinem in der ersten Verstimmung über Jakobs
Ungeschicklichkeit gefaßtem Beschlusse zurückgekommen und sandte 1691
doch wieder Unterstützung nach Irland. Die vermehrten Anforderungen des
Festlandskrieges gestatteten ihm jedoch nicht, dies in ausreichendem
Maße zu tun. Im Laufe des Jahres =unterwarf Wilhelm III. die
ganze Insel= und im Anfang Oktober ergab sich der Rest der
irisch-französischen Truppen bei Limerik unter der Bedingung freien
Abzuges nach Frankreich.
Die englisch-holländische Flotte ging am 7. September nochmals nach dem
Eingange des Kanals. Am 9. aber setzte ein schwerer Sturm ein und
versprengte sie völlig; 3 englische Linienschiffe gingen verloren, die
Mehrzahl der Schiffe erlitt schwere Beschädigungen und erst nach und nach
sammelte man sich wieder in Spithead. Bald darauf wurde mit der Abrüstung
begonnen, zunächst durch Außerdienststellung der schweren Schiffe. Ein
Geschwader von 24 Linienschiffen wurde für das Mittelmeer bestimmt,
jedoch vor Abgang festgehalten; ein anderes gleich starkes blieb bis Ende
November an der irischen Küste, ein Teil davon brachte dann einen Convoi
nach Gibraltar und führte Ostindienfahrer zurück. Im Dezember wurde sonst
bis auf ein kleines gemischtes Wintergeschwader allgemein aufgelegt.
=Weshalb Tourville nicht wieder in See ging=, ist aus den Quellen nicht
recht zu ersehen. Allerdings war nach Auffüllung der Vorräte und nach
Ausführung der nötigen Ausbesserungen wohl fast der 1. September
herangekommen, der in seiner ersten Order als Schluß der Operationen
vorläufig angesetzt war; er erhielt jedoch keine neuen Befehle. Wir
wissen, daß 1691 auch der Landkrieg im allgemeinen lauer geführt wurde,
und französischerseits scheinen die Sommerfeldzüge zur See stets noch
kürzer, als so schon üblich, bemessen zu sein. Wiederum mußte er sich
darüber verantworten, daß er nicht genug getan habe, und er hatte doch
seinem Befehle entsprochen; freilich war ihm der Smyrnaconvoi entgangen
-- aber doch hauptsächlich, weil dieser vom Wetter begünstigt -- und an
leitender Stelle hatte man gerade gehofft, hierdurch dem Gegner einen
schweren Schlag zu versetzen und die eigenen Kassen zu füllen. Sein
Einlaufen in Brest vor dem erlaubten Zeitpunkt begründete Tourville
damit, daß er dort die Flotte hätte schneller und sicherer wieder
schlagfertig machen können als auf Rhede.
Von der französischen Atlantikflotte ging 1691 nur noch ein Geschwader im
November nach Irland, um die Trümmer der Armee, gemäß den
Kapitulationsbedingungen, und einige Tausend auswandernder Irländer nach
Frankreich zu holen.
$Im Mittelmeer$[239] beteiligte sich während des Sommers $1691$ ein
Geschwader von 12 Linienschiffen, einigen Fregatten und Mörserbooten
sowie 26 Galeren unter d'=Estrées= an Catinats Belagerung von Villafranca
und bombardierte Oneglia; dann unternahm man Demonstrationen mit
Beschießungen gegen einige andere spanische Küstenstädte (Alicante und
Barcelona). Bei der letzteren Gelegenheit wurden die französischen
Seestreitkräfte durch ein überlegenes spanisches Geschwader -- 17
Linienschiffe -- vertrieben, als Barcelona fast zur Zahlung einer
bedeutenden Kontribution gezwungen war; zum Zusammenstoß auf See kam es
jedoch hierbei nicht.
[239] Etwas Genaueres hierüber in Troude, Teil I.
$Das Jahr 1692. Schlacht bei Cap Barfleur-La Hogue.$ Im Frühjahr 1692
wurde der Krieg, wie bereits erwähnt, überall wieder besonders heftig
aufgenommen. Wilhelm III. war in Holland eingetroffen und belebte die
Kriegführung auf seiten des Bundes; Ludwig griff energisch auf allen
Kriegstheatern des Kontinents an und plante daneben eine Invasion in
England -- einen letzten großen Versuch zugunsten Jakobs, der
gleichzeitig Wilhelm und dessen Truppen vom Festlande abziehen sollte.
=Zum Einfall in England= wurde eine Armee von 20000 Mann -- nach den
neuesten französischen Quellen gar 30000 -- unter =König Jakob= und dem
=Marschall de Belfonds=, denen in der Person des Generalintendanten der
Justiz und Finanzen der Marine de Bonrepaus (ursprünglich Seeoffizier)
ein seemännisch-technischer Beirat gegeben war, an den Küsten des Kanals
zusammengezogen -- die Infanterie in der Nachbarschaft der Rhede von La
Hogue, in Caën und Cherbourg; die Kavallerie, die Munition usw. der
leichteren Einschiffung wegen in Havre -- und eine Transportflotte von
300 (neuere Angabe 500) Fahrzeugen gesammelt. Eine Flotte von 70
Linienschiffen, in Brest, Rochefort und Toulon in Dienst gestellt, sollte
unter =Tourville= die Überführung der Truppen nach England gegen Ende
April sichern.
=Ludwig rechnete= für den Erfolg der Expedition =mit folgenden
Umständen=: Daß seine Flotte der feindlichen an Kraft und Leistung
überlegen wäre; daß sie vor der Vereinigung der Seestreitkräfte Englands
und Hollands auftreten würde; daß man in England eine wesentliche
Unterstützung durch einen großen Aufstand der Jakobiten fände und daß im
besonderen ein großer Teil der englischen Flotte -- etwa die Hälfte --
nicht gegen ihn fechten würde. In allen diesen Vermutungen täuschte er
sich; zunächst wurden seine =Rüstungen nicht rechtzeitig fertig= und der
Beginn der Operationen mußte verschoben werden.
Die Befehle für die Rüstungen waren am 20. Februar erlassen, am 25.
April sollte die Flotte von Brest in See gehen und den Armeetransport
von La Hogue abholen; man hatte also nur zwei Monate ungünstiger
Jahreszeit, um die Flotte in Dienst zu stellen, in Brest zu vereinigen,
die Truppen und Transporter zu versammeln.
Bei dem mangelhaften Zustande in der Verwaltung der Werften wurden die
Schiffe nicht rechtzeitig fertig. In Rochefort und Toulon waren sie
erst Anfang Mai seeklar; auch in Brest konnte eine größere Zahl der
Schiffe wegen Personalmangels nur nach und nach bemannt werden. Am 23.
April erging deshalb der Befehl an Tourville, die Abfahrt wenigstens
bis zum Eintreffen der Rochefort-Schiffe aufzuschieben.
=Tourville lag Anfang Mai= mit nur erst 39 Linienschiffen segelfertig vor
Brest, die Ankunft von 5 Schiffen aus Rochefort stand bevor und von Brest
hoffte man noch Verstärkungen zu erhalten; so ging er am 12. in See. An
leitender Stelle glaubte man, daß die Gegner auch noch nicht fertig seien
und schätzte diese, selbst wenn vereinigt, nur auf 60 Schlachtschiffe;
man rechnete immer noch mit der Unzuverlässigkeit vieler englischer
Offiziere, mit der Spannung zwischen Engländern und Holländern, mit der
Überlegenheit der eigenen Flotte an Zahl und Güte der Schiffe.
Wie sehr der König auf die Überlegenheit seiner Flotte baute, geht aus
dem Tenor seiner =Instruktion an Tourville=[240] vom 16. März hervor:
Der Admiral soll am 25. April mit den Schiffen, die bereit sind, in
See gehen; soll durch ein vorauszuschickendes Detachement gut segelnder
Schiffe die Transporter mit der Kavallerie nach La Hogue holen lassen;
er selbst soll auf dieser Rhede die Infanterie -- auch auf den
Kriegsschiffen -- einschiffen; soll nach England gehen, Ort der Landung
nach Angabe Jakobs, Bellefonds' und Bonrepaus'; soll nach der Landung
die Transporter zurücksenden und selbst zur Verfügung der Armee im
Kanal bleiben; soll die Seeherrschaft wahren.
[240] Nach Delarbre »Tourville« im Auszuge; dieses Werk ist hier
besonders benutzt, vergleichend mit anderen französischen
Quellen, aber auch mit Clowes, Mahan, de Jonge.
Er soll »unbedingt« am 25. April auslaufen, auch wenn er gehört, daß
der Feind stärker als er selbst in See sei, in diesem Falle nur nichts
detachieren. Trifft er den Gegner unterwegs, so soll er ihn »unter
allen Umständen« angreifen und vernichten oder in seine Häfen treiben;
liegt der Feind bei Wight, so soll er zu demselben Zweck dorthin gehen;
in beiden Fällen die Armee dann überführen.
Kommt der Feind, wenn der Transport unterwegs oder schon in der Landung
begriffen ist, soll angegriffen und so hartnäckig gefochten werden, daß
die Landung doch ausgeführt werden kann, »es koste was es wolle.«
Nur wenn der Gegner nach vollendeter Landung erschiene, darf der
Admiral einem Gefechte ausweichen, »falls der Feind mehr als 10
Linienschiffe stärker sei«; hiervon habe er sich aber »persönlich,
nicht nur durch Aufklärungsschiffe«, zu vergewissern.
Dieser Befehl ward noch verschärft durch den handschriftlichen Zusatz
des Königs: »Ich füge eigenhändig hinzu, daß dies mein strikt zu
befolgender Wille ist.«
Aber auch =die Verbündeten= hatten =stark gerüstet= und waren infolge der
Verzögerung auf französischer Seite noch rechtzeitig fertig geworden.
Wilhelm III. war gleichfalls mit dem Gedanken einer Landung in Frankreich
umgegangen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diesem Plane waren
die Niederlande nicht geneigt, da sie fürchteten, daß dann englische
Truppen vom Festlande zurückgezogen würden; anderseits sahen sie ein, daß
eine England drohende Landung dieselbe Maßnahme nach sich ziehen müsse.
Sie waren deshalb bereit, ein starkes Kontingent zur gemeinsamen Flotte
zu stellen und beschlossen die frühzeitige Indienststellung von 48
Linienschiffen mit reichlichem Zubehör. Die alten Gründe verzögerten
wieder die Ausrüstung; erst Anfang Mai gingen die ersten Schiffe nach dem
Sammelpunkt bei Rye, nach und nach folgten weitere, doch fehlten bei
Beginn der Operationen noch etwa 20 Linienschiffe, die erst nach der
großen Schlacht zur Flotte stießen. In England hatte man bei Portsmouth
zusammengezogen, was an Truppen aufzustellen war, und die Königin drückte
persönlich auf Beschleunigung der Indienststellung einer großen Zahl von
Schiffen. Auch hier hinderten die Verhältnisse wie im Vorjahre die
Ausrüstung; erst am 18. Mai trafen etwa 30 Linienschiffe bei Rye ein. So
kam es wohl, daß die Franzosen noch Mitte Mai immer nur mit 50-60
Schiffen der Gegner rechneten; es waren aber noch zwei englische
Geschwader im Dienst und nahe bei der Hand.
Diese kreuzten schon seit April unter Delaval und Carteret im Kanal zur
Beobachtung der französischen Küste bis La Hogue; eins war mit Convoi
aus dem Mittelmeer zurückgekehrt, das andere eigens zu diesem Zweck aus
den zuerst fertigen Schiffen zusammengestellt.
Diese vereinigten sich am 23. Mai auf der Rhede von St. Helens mit der
Hauptflotte unter =Russell=, die dadurch 88 Linienschiffe über 50 Kanonen
stark wurde. Da man Tourvilles Auslaufen erfahren hatte, wurden sofort
Fregatten vorgeschickt und die Hauptflotte =ging= am 28. mittags =zur
französischen Küste hinüber=. Die Holländer sagen, Russell habe hierzu
erst Befehl von London einholen wollen, der holländische Chef =Almonde=
aber im Kriegsrate auf sofortigem Segeln bestanden; wenn dies richtig, so
ist es der Sache sehr dienlich gewesen.
Die Franzosen traten somit weder überlegen noch überraschend auf.
=Tourville= war nach dem Inseegehen noch durch Westwinde unter der Küste
festgehalten, dann mußte er im Eingang des Kanals gegen steifen Nordost
aufkreuzen. Während dieser Zeit stießen zwar die 5 Schiffe von Rochefort
zu ihm, aber weitere Verstärkungen aus Brest und vor allem die Schiffe
aus Toulon kamen nicht.
[Illustration: Edward Russell.]
Von Toulon waren Anfang Mai 13 Linienschiffe unter d'Estrées
ausgelaufen. In der Straße von Gibraltar traf sie am 18. Mai ein
schwerer Sturm; 2 Schiffe strandeten bei Ceuta, die übrigen wurden
schwer beschädigt: erst im Juli erreichte das Geschwader Brest.
Am 27. Mai endlich wurde der Wind günstig und =Tourville steuerte
kanalaufwärts=. Es war =zu seinem Verderben=; länger festgehalten, würde
ihn voraussichtlich noch rechtzeitig der Befehl erreicht haben, weiter
vor Brest zu kreuzen, bis d'Estrées und andere Verstärkungen eingetroffen
seien. (Dasselbe wäre möglicherweise der Fall gewesen, wenn die
Verbündeten gegen Almondes Rat nicht sofort gesegelt wären.) Ludwig, der
bei der Belagerung von Namur anwesend war, hatte sich Anfang Mai doch
überzeugt, daß alle seine Voraussetzungen für einen Erfolg in die Brüche
gegangen seien. Seine Flotte hatte nicht die beabsichtigte Stärke
erreicht; die Vereinigung der Gegner stand bevor; die Hoffnung auf den
Abfall englischer Offiziere war erschüttert. Infolgedessen wurden bald
Befehle gegeben, die den veränderten Verhältnissen Rechnung trugen (nach
Delarbre datiert vom 9. und 12. Mai). Sie erreichten Tourville nicht und
ebensowenig ein letzter, der ihm Kenntnis von Änderungen im
Operationsplan sowie von der nun schon erfolgten Vereinigung der Gegner
geben sollte und den Befehl des Zurückgehens wiederholte. Dieser letzte
Befehl wurde am 27. Mai durch 10 Schnellsegler von verschiedenen
Kanalhäfen aus abgesandt; die Fahrzeuge stießen, teilweise durch Nebel
behindert, nicht auf die Flotte.
In England waren allerdings die Jakobiten eifrig am Werke gewesen. Es
sollen die Aufstellung verschiedener Regimenter für Jakob völlig
vorbereitet gewesen und hohe Personen, die bisher zu Oranien hielten,
für ersteren gewonnen oder doch unsicher gemacht sein. (Marlborough!
Russell!?) Ludwig war über alles dieses gut unterrichtet; freilich wird
gesagt, daß derartige Gerüchte teilweise auch von Gutgesinnten
ausgesprengt seien, um Ludwig zu täuschen. Doch selbst die Königin
hegte Befürchtungen; sie schrieb diese an Russell mit dem Hinzufügen,
sie könne sich nicht denken, daß die Flotte ihre Pflicht vergäße.
Daraufhin aber traten am 25. Mai die Flagg- und Stabsoffiziere zusammen
und unterzeichneten eine Ergebenheitsadresse (Russell war abwesend
durch Zufall oder mit Absicht? Seine politische Zuverlässigkeit wird
von mehreren Autoren angezweifelt). Auch dies kam sofort zu Ludwigs
Kenntnis. Schon früher war das Triumvirat der Führer in La Hogue durch
die Verzögerung der Expedition unsicher geworden und hatte den
Operationsplan geändert; wir brauchen nicht darauf einzugehen, da die
Beschlüsse nie zur Ausführung kamen (Näheres vgl. Delarbre).
Bemerkenswert ist nur, daß auch in diesen, vom König genehmigten
Beschlüssen immer noch eine Unterschätzung des Feindes (65 Schiffe) und
eine Überschätzung der eigenen Kraft (augenblicklich 52, nach Ankommen
der Verstärkungen 70 Schiffe) zu ersehen ist.
Am 29. Mai, zwischen 3 und 4 Uhr morgens, =sichteten sich die Gegner=
einige Seemeilen =nördlich vom Cap Barfleur=; es wehte leichter Südost
und war diesig; die Franzosen standen zu Luward. Beide Flotten formierten
die Gefechtslinie über Backbord-Bug und Tourville führte dann die seinige
zum Angriff heran, Geschwader gegen Geschwader und Flaggschiff gegen
Flaggschiff.