Berlin 1907
Ernst Siegfried Mittler und Sohn
Königliche Hofbuchhandlung
Alle Rechte aus dem Gesetz vom 19. Juni 1901
sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.
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Vorwort.
Die Literatur über Seekriegsgeschichte ist in deutscher Sprache sehr
gering. In fremden Sprachen ist sie reichhaltiger und besonders in den
letzten Jahren angewachsen. Aber auch hier gibt es kaum ein Werk, das die
gesamte Seekriegsgeschichte behandelt. Es sind Geschichten der einzelnen
Marinen, Lebensbeschreibungen berühmter Seeleute, Bearbeitungen einzelner
Kriege, Betrachtungen über das Wesen und die Bedeutung des Seekrieges an
der Hand einzelner Kriege oder kriegerischer Ereignisse; Arbeiten der
letzten Art finden wir jetzt auch häufiger in Deutschland.
Als Sammelwerk besteht nur das des französischen Autors du Sein:
»Histoire de la marine de tous les peuples«, in dem zwar alle Kriege und
ihre wichtigsten Ereignisse aufgenommen sind, jedoch mehr aufzählend, nur
selten genau beschreibend. Ein ähnliches Werk, Randaccio: »Storia navale
universale antica e moderna« ist noch kürzer gefaßt.
Ein vollständigeres derartiges Werk habe ich besonders während meiner
Tätigkeit als Lehrer der Seekriegsgeschichte an der Marine-Akademie sehr
vermißt. Auch sonst ist der Mangel empfunden worden. So griff ich gern
die mir im Jahre 1898 von seiten der Inspektion des Bildungswesens der
Marine zu teil gewordene Anregung auf, eine allgemeine Geschichte der
Seekriege zu verfassen. Um so mehr wuchs mir die Arbeit ans Herz, als der
Herr Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts, Admiral v. =Tirpitz=, der
Verwirklichung des Planes, von seiner Nützlichkeit überzeugt, lebhaftes
Interesse und wertvolle Förderung schenkte.
Eine Seekriegsgeschichte aller Völker und aller Zeiten würde eine Arbeit
erfordert haben, die nur in langen Jahren von =einer= Person zu
bewältigen gewesen sein würde. Deshalb habe ich mir in dem vorliegenden
Buche engere Grenzen gesteckt und die =Hauptaufgabe= gestellt, =die
großen Kriege der Segelschiffszeit= von der Mitte des 17. bis zum Beginn
des 19. Jahrhunderts genauer zu schildern, die von den seemächtigen
Staaten dieser Zeiten um die Herrschaft auf dem Meere geführt sind: von
Holland, England und Frankreich. Diese Kriege haben eine große Rolle in
der Weltgeschichte gespielt und den größten Einfluß auf das
Seekriegswesen geübt, denn ihnen verdanken die modernen stehenden Marinen
ihren Ursprung und zugleich den Antrieb zu ihrer Entwicklung auf allen
Gebieten: im Schiffbau, in der Bewaffnung, dem Personal und der Taktik.
Die Kenntnis dieser Kriege ist mithin am notwendigsten, ihre Betrachtung
am lehrreichsten.
Um den Leser in den Stand zu setzen, zu jeder Zeit die Kriegsmittel, ihre
Gefechtskraft und (auf Grund dessen) die Kriegstaten beurteilen zu
können, schicke ich jedem Abschnitt eine =Betrachtung des Standes des
Seekriegswesens= und jedem Kriege eine Schilderung des jeweiligen
Zustandes der beteiligten Marinen voraus.
Bei dem großen Mangel in unserer Literatur erschien es jedoch
wünschenswert, sowohl auf die früheren Zeiten zurückzugreifen als auch
die kleineren Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts in die Darstellung mit
hineinzuziehen, ja die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien von
1588 (der Zug der »Armada«) bis 1648 schon genauer zu behandeln, weil in
ihnen eine neue Kriegführung zur See auftritt und durch diese Kriege die
bisherige Seeherrschaft Spanien-Portugals gebrochen wird. So wird das
Buch doch gewissermaßen eine Gesamt-Seekriegsgeschichte und vermag
Anregung und Fingerzeige zu Sonderstudien über andere Kriege oder Fragen
des Seekriegswesens zu bieten. Zu diesem Zweck füge ich ein Verzeichnis
aller mir bekannten wichtigeren Quellen bei.
In den Auslassungen über die Entwicklung des Seekriegswesens mußte auf
Kürzung und Zusammenfassung besonderes Gewicht gelegt werden, so daß
Unvollständigkeiten sich hier nicht vermeiden ließen. Auch ist der Anlage
des Buches entsprechend die Entwicklung der Marinen nur für die drei
großen Seemächte genauer durchgeführt, über die der anderen Staaten sind
nur die notwendigsten Angaben gebracht.
Um noch größere Nachsicht muß ich in Betreff der Betrachtungen bitten,
die sich auf die politischen Verhältnisse beziehen. Dem Einfluß, den die
Seekriege auf die Geschichte gehabt haben, wird in den allgemeinen
Geschichtswerken kaum je genügend Rechnung getragen, anderseits sind in
den Werken über Seekriegsgeschichte die politischen Verhältnisse meist
völlig übergangen; erst in neuerer Zeit ist jene Wirkung der Seekriege
zum Gegenstand eingehender Forschung geworden, wie vor allem die
bekannten Werke des Captain Mahan über den »Einfluß der Seemacht auf die
Geschichte« bezeugen. Seinem Beispiel folgend habe ich versucht, die
politischen Verhältnisse, unter denen die Seekriege geführt sind, und
ihre Folgen klarzulegen; wohl wissend, daß meine Kenntnisse nicht
hinreichen, hierin Vollkommenes oder auch nur Neues zu bieten.
Bei der Bearbeitung der Kriege war ich bestrebt, die Quellenwerke --
englische, französische und auch holländische -- die häufig national
gefärbt erscheinen, sorgfältig gegeneinander abzuwägen, um ein
unparteiisches Urteil zu gewinnen; waren Auslassungen oder Angaben in
zwei sonst schätzbaren Werken nicht in Einklang zu bringen, so gebe ich
sie aus beiden. Außergewöhnlich hohe Angaben über Stärke und Verluste der
Streitkräfte, wie sie besonders in den ersten großen Kriegen von einigen
Autoren der gegnerischen Seite gemacht werden, schließe ich von der
Wiedergabe ganz aus.
Den zweiten Band, der die Zeit von 1740-1815 umfassen wird, hoffe ich in
nicht zu langer Frist folgen lassen zu können.
Wenn auch der Inhalt des Werkes in erster Linie allen denen, die in enger
Beziehung zu maritimen Berufen stehen, Interesse bieten dürfte, so geht
mein Wunsch doch auch dahin, daß es gleichfalls im Laienpublikum, dessen
Verständnis für alle maritimen Fragen in erfreulichem Wachsen begriffen
ist, Aufnahme finden und Belehrung und Aufklärung ermöglichen möchte.
=Hannover=, Herbst 1906.
Rittmeyer
Kontre-Admiral z. D.
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Inhaltsverzeichnis.