Der Gefangene gab sich verloren. Schon bedachte er, ob er nicht die

Moidi wecken und dann seinen Stutzen von der Wand nehmen und sie und

sich erschießen sollte, um sie vor Ärgerem zu bewahren; da wurde es

draußen auf einmal stiller, und er hörte ein vielfaches Beschwichtigen

und Ruhegebieten, dem nur der Franz nicht gehorchte. Aber auch dessen

Stimme verstummte plötzlich, und statt ihrer vernahm der Lauscher

drinnen im Flur die sanfte, aber feste Stimme der Tante Anna, die

jetzt nur noch wenige Schritte von dem Hause entfernt sein konnte.

Du solltest dich schämen, Franz, hörte er sie sagen, hier am heiligen

Sonntag zu toben und zu fluchen und die anderen Leute aufzuhetzen, die

alle nicht wissen, was sie hier tun. Geh heim, auf der Stelle, und

zieh dein Feiertagsgewand an, und dann komm wieder herab zur Kirche

und bete zu unserm Heiland auf den Knien, daß er dir deine Sünden

nicht schwerer anrechne als dem Andree und der Moidi da drinnen, die

du armseliger Mensch zu Gericht ziehen willst, als wärest du der

Richter, und bist selbst nur ein unwissender, sündiger Mensch, wie wir

alle sind. Steh mir hier nicht länger im Weg, fuhr sie mit erhobener

Stimme fort, und ihr andern geht auch eurer Wege; nur ich habe ein

Recht, an diese Tür zu klopfen, denn daß ihr es nur wißt, da drinnen

wohnt mein Sohn, den ich mit Schmerzen geboren und lange Jahre

verleugnet habe, weil ich ein schwaches Weib gewesen bin und die

Schande vor der Welt gefürchtet habe. Jetzt aber sage und bezeuge ich

vor dem Angesicht Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen

Geistes und vor den Ohren aller, die hier versammelt sind: Mein ist er,

und wer ihn anklagen oder schmähen will, der klage mich an, denn ich

habe es verschuldet, daß er in Schuld und Elend gefallen ist, weil ich

ihn nicht an meiner Hand gehalten habe, wie eine Mutter ihr Kind

halten soll, sondern habe ihn einer Fremden überlassen, die ihn nicht

lieben konnte. Nun wisset ihr's, und nun gehet in die Kirche hinunter

und betet für eine große Sünderin, die ihr für fromm und gerecht

gehalten und geehrt habt, und die von allen Frauen die letzte und

verachtetste sein muß, wenn Gott sich ihrer Reu' und Leiden nicht in

Gnaden erbarmen will.

Als sie das gesprochen hatte, blieb alles stumm, und niemand regte

sich von der Stelle, außer dem Franz, der verstört zurückwich und

jetzt unter der Menge verschwand. Die Anna aber pochte an die Tür des

Hauses, die sich alsbald öffnete. Auf der Schwelle stand der Andree

wie ein Träumender. Da sah er die Augen der Mutter auf ihn gerichtet

und sah, wie sie überflossen und wie ihr die Knie wankten, als sie

einen Schritt ihm entgegen tat, und sie wäre vor ihm niedergefallen,

wenn er nicht beide Arme fest um sie geschlungen und sie wieder

aufgerichtet hätte, daß sie an seiner Brust sicher ruhen und sich

ausweinen konnte. Jetzt erst kam wieder Leben unter die Volkshaufen;

aber sie lösten sich geräuschlos auf, untereinander flüsternd, die

Weiber drückten ihre Tücher gegen die Augen, die Männer gingen

schweigsam hinweg. Viele blieben zurück und starrten in die offene

Türe, in der die Mutter mit ihrem Sohn verschwunden war.

Es währte auch nicht lange, so traten sie wieder heraus, die Mutter in

der Mitte, der Andree zu ihrer Rechten, die Moidi zur Linken, alle

drei Hand in Hand. Sie sprachen nicht miteinander, sie blickten mit

stillen Gesichtern wie verklärt vor sich hin. Und als die Moidi

draußen der Rosel ansichtig wurde, ließ sie auf einen Augenblick die

Hand der Mutter los und fiel der Getreuen mit weinenden Augen um den

Hals. Dann zog sie die Freundin mit sich fort, und die vier wundersam

verbundenen Menschen gingen durch die stillen Haufen des Volks die

Straße hin, die nach der Stadt hinunterführt. Ein lautloser Strom

Andächtiger schloß sich ihnen an.

Unten aber, wo der Marktplatz von Menschen wimmelte, öffnete sich

ihnen eine breite Gasse. Das Gerücht war ihnen vorausgeeilt, an allen

Haustüren und Fenstern standen die Bürger und Bauern, um die Anna

Hirzer zu sehen, die Heilige, die ihren Sohn einherführte, um ihn der

ganzen Stadt zu zeigen und Zeugnis abzulegen, daß sie große Sünde

getan und der Barmherzigkeit ihres Gottes bedürftiger sei als mancher,

der sie heilig gesprochen.

Und eine Stunde später, als die Zehnuhrmesse eingeläutet wurde, kniete

die Mutter mit ihren beiden Kindern ganz vorn zwischen den Stühlen auf

dem kalten Stein. Der Geistliche am Altar sah sie wohl. Seine Stimme

zitterte, als er die ersten Worte sprach. Dann tönte sie immer voller

und freudiger durch den hohen Raum, und als die Orgel zum Schluß

einfiel, sah er mit einem Blick nach oben, als wolle er allen Segen

des Himmels auf das gebeugte graue Haupt und die beiden jugendlichen

ihm zur Seite herabflehen.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Weinhüter, von Paul Heyse.

Der Weinhüter · 第 8 / 8 段