Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz

Baarsch folgte.

Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn

nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt

worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein

Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu

machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle

seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig

entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon

in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum

Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich

in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor

sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von

heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum

ersten Male wieder leicht und frei.

Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte

Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese

Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel

fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte:

»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?«

»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig

sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.«

»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe,

Baarsch?«

»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!«

»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?«

»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....«

»Wie das?«

»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch=

nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.«

»Aber woher wußtet Ihr denn davon?«

»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die

Bilders kamen ....«

»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der

Wette? Hoch?«

»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor

jed' een.«

»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die

Wette bezahlen.«

Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les

pots cassés_.«

Achtzehntes Kapitel.

Fata Morgana

Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb

er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen

Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein

Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn

heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin

ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche

Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon

gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich

beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese

neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die

länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine

Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er

hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu

zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch

und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit

auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.«

Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon

vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet.

Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu

begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr

Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch

=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen,

sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht

zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen

in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt

zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese

Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt,

jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen

gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder

einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene

Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie

dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen

und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft.

Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie

ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth

auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte

vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles

was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war

doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo

Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit

einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den

Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach

bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle

geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.

Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire.

Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er

trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der

Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah

und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel,

er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten

Thränen das Auge der Mutter.

Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach,

der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen

Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die

nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur

wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese

Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre

langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath

Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte

dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des

herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse

nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn

die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie

persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt --

werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen

Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer

Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen

Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über

Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam

und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine

Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur

Seufzerbrücke erhoben werde.

So ging das Geplauder, und so verging der Besuch.

Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an

dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen

Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt

täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme

balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war.

Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als

sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück

unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu

zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er

mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren

zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse,

daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden

würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei

dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung

gehabt, sich überraschen zu lassen.«

Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante

Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um

so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der

Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau

von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und

Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig

fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach.

Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei

oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.«

Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber

auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze

Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in

Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo

die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber

ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig

wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und

während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne

sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme

säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand,

und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze

geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter

sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese

Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel!

Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner

Schilderung.

Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer

Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=.

Neunzehntes Kapitel.

Die Hochzeit.

Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten

sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen

großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel

der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von

Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies

erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte

Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit

beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von

Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen

und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in

erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren

hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste

beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden,

weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei

Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war,

ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite

her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in

Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre.

Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der

herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath

gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu

bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses,

dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und

zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen

Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich

aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den

»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich

begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der

Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an

der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich

schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid

und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen

=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen

mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt

geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte:

Tante Marguerite wünsche zu sprechen.

Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann

ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer

anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath

hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth,

das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war,

worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde,

die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber

als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste

bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen

Paares zu trinken.«

Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft

entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen,

was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei

kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie

hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach

Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es

wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten

Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten

hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der

Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie

das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür

auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal

etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so

glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der

ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern

gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man

doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten

Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß

die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre.

Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ

seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu

können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons

umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare

Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen

Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich

von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante

Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von

Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die

der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt

wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so

bedeutungsvoll.«

Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar

nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand

des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender

Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach

sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus.

In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern

begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine

zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der

Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.«

Und sie ging ihm dahin vorauf.

»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz

nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen

Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten

Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch

manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter

kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns

wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde

machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie,

lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr

nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung

ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von

Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.«

Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und

tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam

aus dem zierlichen kleinen Löffel.

»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen

wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war

in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr

als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen

Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit

Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich

habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und

habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_

geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die

mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.«

Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt

sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen

gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser

Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen

wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns

ohnehin schon vermißt haben.«

Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours

à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend

aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.«

Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und

sagte: »Nun, was war es?«

»Eine Liebeserklärung.«

»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr?

Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen

Tochter geben.«

Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben

und Nostitz ihnen gesellten.

In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob

er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er

sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor

hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire

war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein

halber Tagesschein flimmerte.

»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging.

Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte

leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«

Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks

=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder

hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und

küßte sie.

»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«

Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel

die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter.

Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener

sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an

diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres

bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die

Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß

von unten her verspürt worden wäre.

»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_«

»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter

Feldwebel.«

»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like

shooting._«

»Schuting? Na nu.«

»_Yes; pistol-shooting ...._«

Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs

Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem

Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag,

ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der

Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das

Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und

jammerte: »_Heavens, he is dead._«

Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine

Wohnung hinauf.

Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil

er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine

diplomatische Natur wie alle Bauern.

Zwanzigstes Kapitel.

Bülow an Sander.

=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander,

auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger

Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich

die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine

Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu

schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne,

was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben

und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu

vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß

mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner

symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist

durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,

ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und

Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und

Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen

unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer

Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur

noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein

wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge

vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich

die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder

mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod.

Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß 'Ehre' das

dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant 'auf Ehre', eine

Schimmelstute magnifique 'auf Ehre', ja, mir sind Wucherer empfohlen und

vorgestellt worden, die süperb 'auf Ehre' waren. Und dies beständige

Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt

und die richtige Ehre todt gemacht.

All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der,

all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war.

Schach von Wuthenow Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes · 第 10 / 11 段