Jetzt lärmten wieder seine Anhänger: „Warum, warum?“

„Die Gründe, verehrter Kongreß, sind einfach. Ich fühle in mir noch die

Kraft, zu arbeiten, und wenn Sie mit mir zufrieden sind, so lassen Sie

mich weiterarbeiten. Wenn Sie mich wählen, schicken Sie mich eigentlich

in Pension. Ich glaube, dazu bin ich trotz meiner grauen Haare noch zu

jung. Im übrigen wird Ihnen Herr Dr. Marcus meine Meinung sagen. Ich

habe ihn nämlich heute früh, gleich nach meiner Ankunft aufgesucht,

weil er, wie ich hörte, der Gegenkandidat ist. Wir haben uns

verständigt. Wir sind nämlich nicht so weit auseinander, wie unsere

beiderseitigen Freunde ...“ (Heiterkeit.) „Herr Dr. Marcus wird Ihnen

seine und meine Ansicht sagen — besser als ich es kann. Was mich

anbelangt, bei meinem Entschluß bleibt es. Meine lieben Freunde, ich

danke Euch für die Absicht! Geehrte Kongreßmitglieder, wählen Sie mich

nicht!“

Es entstand nun eine allgemeine Unruhe im Saale. Rufe des Unwillens,

der Ueberraschung, der Enttäuschung rauschten auf. Levy, der die

Tribüne verließ, wurde von seinen Anhängern umringt und mit Fragen

bestürmt. Er lächelte und zuckte die Achseln.

„Der Mann jefällt mir,“ sagte oben Kingscourt. „Reden kann er nicht,

aber ein nobler Kerl scheint er zu sein.“

Anders wurde der Vorfall im Affenkäfig kommentiert.

„Die Trauben werden ihm zu sauer gewesen sein,“ vermutete Blau.

„Seine Nation is die Resignation,“ bemerkte Grün witzig.

Schiffmann aber sagte:

„Nu, Herr Schlesinger? Da is gleich einer, der kein Amt schnappen will.

Was sagen Sie jetzt?“

„Wie heißt, was ich sag’? Weiß ich denn, was ihm seine jetzige Stellung

eintragt? Wahrscheinlich kann er bestehen. Ein praktischer Mensch is er

ja. Wer weiß, was er abgemacht hat mit Marcus? Das müßte man auch

wissen.“

Friedrich hörte diese Bemerkungen und war empört, obwohl er dem Dr.

Marcus erst einmal begegnet war und Mr. Joe Levy heute zum ersten Male

sah. Er hatte nur den Wunsch, daß Kingscourt und Reschid Bey diese

Abscheulichkeiten nicht ebenfalls hören mögen. Er schämte sich des

Affenkäfigs. Zum Glück waren die beiden mit den Vorgängen im Saale

beschäftigt.

Der Vorsitzende läutete stark, um Ruhe zu schaffen für den

Akademie-Präsidenten Marcus, der das Wort erbeten hatte. Dr. Marcus

stieg nicht ohne Mühe die wenigen Stufen hinan, und er wartete, bis der

Saal ganz ruhig war, sonst hätten sie seine schwache Stimme nicht

vernommen. Jetzt war lautlose Stille eingetreten, und er sprach:

„Geehrter Kongreß! Mein Freund Levy hat in seiner tüchtigen Weise vom

Zeitsparen gesprochen. Ich glaube, wir werden mit der kostbaren Zeit

der Neuen Gesellschaft gut zu Rate gehen, wenn wir uns vor allem

verstehen. Erst verstehen, dann entschließen!

Wir sind hier nicht, um ein Staatsoberhaupt zu wählen, denn wir sind

kein Staat.

Wir sind eine Gemeinschaft, in neuen Formen zwar, aber zu einem Zwecke,

der so alt ist, daß er schon im ersten Buche von den Königen vorkommt.

Dort heißt es, daß Juda und Israel sicher wohneten, ein jeglicher unter

seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis gen

Beer-Seba.

Wir sind einfach eine Genossenschaft, eine große Genossenschaft,

innerhalb deren es wieder eine Anzahl kleinerer Zweckgenossenschaften

giebt. Und dieser unser Kongreß ist im Grunde nichts als die

Generalversammlung der Genossenschaft, welche die Neue Gesellschaft

genannt wird. Dennoch aber fühlen wir alle, daß es hier um mehr geht,

als um die rein materiellen Interessen einer Erwerbs- und

Wirtschaftsgenossenschaft. Wir pflanzen Parks und Schulen, wir

bekümmern uns über die gemeine Deutlichkeit und Nützlichkeit der Dinge

hinweg auch um die Weisheit und Schönheit. Denn auch dies wird als ein

Vorteil der Genossenschaft von uns verstanden. Wir verstehen, daß für

eine Gemeinschaft von Menschen das Ideal ein Nutzen, ein Vorteil —

sagen wir es heraus: daß es unentbehrlich ist. Das Ideal zieht uns

hinan. Auch diese Wahrnehmung haben wir nicht zuerst gemacht, sie ist

alt wie die Welt. Was für den einzelnen Wasser und Brot ist, das ist

für die Gesamtheit das Ideal. Und unser Zionismus, der uns hierher

führte und höher hinaufführen soll in noch unbekannte Regionen der

Gesittung, er ist nichts anderes, als ein endloses, endloses Ideal.

Glaubt jemand, ich sei abgeschweift? Nein, Freunde, ich bin bei der

Sache, bei unserer Wahl. Der, den wir an die Spitze unserer Neuen

Gesellschaft wählen sollen, der hat nur ein Pfleger des Ideals zu sein.

Das Materielle geht ihn nichts an, umsomehr das Ideale. Er soll dabei

ein ruhiger Mann, ein Gerechter und Bescheidener sein, entrückt dem

Streite augenblicklicher Meinungen. Wir wählen ihn ja auf sieben Jahre.

Freund Levy hat die Wahl abgelehnt, weil er in solchen sieben Jahren

uns durch seine Arbeit mehr glaubt nützen zu können. Ich pflichte ihm

bei. Aber auch ich lehne meine Wahl ab. Ich bin zu alt. Ich glaube

nicht, daß ich die sieben Jahre noch leben werde. Zu häufige Wahlen

sind aber nicht gut, sie reizen die Ehrbegierde in einer ungesunden

Weise auf, sie führen zu persönlichen Parteiungen. Wählen Sie mich

nicht, ich bin zu alt. Ich habe nicht mehr die Beweglichkeit des

Körpers, vielleicht auch nicht mehr die des Geistes. Vielleicht

verstehe ich die Ideale jüngerer Menschen nicht mehr. Denn auch das

Ideal wird immer neugeboren, und es giebt Renaissancen, die unsereiner

nicht mehr begreift.

Aber Levy und ich wollen nicht nur Nein sagen. Wir wollen Ihnen auch

einen Vorschlag machen. Der Vorschlag ist von Levy, der sich auf die

Auswahl von Menschen versteht, und das empfiehlt den Vorschlag; ich

habe ihm nur von ganzem Herzen zugestimmt.

Der Mann, den wir Ihnen empfehlen wollen, ist noch jung, jünger als

Levy, viel, viel jünger als ich. Er ist einer von den neuen Menschen,

welche diese alte Erde wieder fruchtbar und schön machten. Er ist an

der Seite seines Vaters hinter dem Pfluge gegangen, er hat aber auch

hinter den Büchern gesessen. Er hat einen gesunden Sinn für das

öffentliche Leben, ohne sich hervorzudrängen. Ich sehe ihn jetzt nicht

im Saale. Wenn er aber hier ist, so ist er gewiß der Letzte, der meine

Worte auf sich bezieht, so wahr ist seine Demut. Er ist auch tüchtig in

seinen eigenen Angelegenheiten. Er hat sich aus den bescheidensten

Verhältnissen ehrlich hinaufgearbeitet, ein Emporkömmling ist er nicht.

Und gerade, daß er von ganz unten aufgestiegen ist, macht ihn uns wert.

Wenn wir ihn wählen, so ehren wir nicht nur den wackeren Mann, der er

ist, wir eifern auch eine ganze Jugend zu den edelsten Anstrengungen

an, wir thun damit ein Werk von unermeßlicher Bedeutung für die Zukunft

unserer Neuen Gesellschaft. Jeder Sohn Venedigs konnte Doge werden.

Jedes Mitglied der Neuen Gesellschaft soll auf den höchsten Sitz

gelangen können.“

Brausend erhob sich bei diesen Worten der Beifall im Hause. Viele

riefen: „Den Namen, den Namen! Wer ist es?“ Dr. Marcus hob die Hand zum

Zeichen, daß er noch etwas hinzufügen wolle. Da wurde es still, und er

sagte:

„Ich will den Namen unseres Kandidaten nicht von der Tribüne herab

nennen, weil es nach unserer hergebrachten Uebung nicht angeht, den

Wahlkongreß zu einer Wahlbesprechung zu machen. Ich bitte den Herrn

Vorsitzenden, die Sitzung zu unterbrechen.“

Dies geschah. In großer Bewegung verließen die Delegierten ihre Plätze.

Marcus und Levy wurden umringt. Sie standen den stürmisch auf sie

Eindringenden Rede. Sie nannten den Namen ihres Kandidaten. Die

Näherstehenden schrieen ihn den Ferneren zu, in immer stärkeren Zurufen

schwirrte der Name durch den Saal, und nach wenigen Minuten kam er zu

den Galerien hinaufgeflogen, der Name — David Littwak.

„Donner und Gloria!“ schrie Kingscourt begeistert.

Friedrich drückte ihm bewegt die Hand: „Und er sitzt jetzt am

Sterbebette seiner Mutter ... Soll man es ihm telegraphieren?“

„Nee, mein Junge. Wir wollen was Jescheiteres thun. Der arme Kerl hat

jetzt jenug Aufregung mit seiner Mutter. Wozu sollen wir ihn noch mit

der Wahl quälen. Am Ende wird er jarnicht jewählt. Nehmen wir lieber

den nächsten Zug nach Tiberias. Bis die hier mit der Wahl fertig sind,

können wir dort sein. Dann treten wir ein und fragen einfach: Wohnt

hier der Präsident der Neuen Jesellschaft, Herr Littwak?“

Reschid Bey wurde ins Vertrauen gezogen. Er solle ihnen das Resultat

der Wahl schleunigst nach Tiberias telegraphieren. Den Aufenthaltsort

Davids möge er aber bis nach der Wahl geheimhalten.

Im Affenkäfig wurde die Kandidatur Davids mit gemischten Gefühlen

aufgenommen. Grün und Blau machten schauerliche Witze.

Altneuland · 第 61 / 77 题