2. KAPITEL.

Die Nachtischfeier folgte, und als sie mit allen Vorschriften der

Hagadah fertig waren, gingen sie in den Salon hinüber, wo schon der

Phonograph mit Joes Erzählung auf einem Tischchen bereit stand. Es war

der Kingscourt wohlbekannte Apparat, verbessert durch eine einfache

automatische Vorrichtung, welche die Rollen nacheinander abgleiten

ließ. Die ganze Erzählung konnte so abgespielt werden, ohne daß eine

Unterbrechung fühlbar geworden wäre. Wollte man aber eine Pause machen

oder sich etwas wiederholen lassen, so genügte ein Handgriff, um die

Walze aufzuhalten oder einige Sätze weit zurückzustellen. Alle hatten

auf Lehnstühlen und Sofas Platz genommen. David setzte sich an das

Tischchen, stellte den Schalltrichter nach den Zuhörern hin, rückte

einen kleinen Knopf an dem Apparat und sagte:

„Unser Freund Joe Levy hat das Wort.“

Im Phonographen schnurrte es ein wenig, dann wurde mit völliger

Deutlichkeit eine kraftvolle Mannesstimme laut:

„Meine geehrten Anwesenden!

Ich soll Ihnen über die neue Judenwanderung berichten. Die ganze Sache

war sehr einfach. Ich glaube, es wird zuviel Wesens daraus gemacht. Um

die politische Vorbereitung hatte ich mich nicht zu kümmern.

Glücklicherweise. Ich bin kein Politiker, war es nie, werde es nie

sein. Ich hatte meinen Auftrag und führte ihn aus. Unsere Gesellschaft

war unter dem Titel „Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von

Palästina“ gegründet worden. Sie hatte mit der türkischen Regierung

einen Besiedlungsvertrag geschlossen. Die Bedingungen dieses Abkommens

sind aller Welt bekannt. Als ich vor Abschluß des Charters gefragt

wurde, ob wir die großen Geldleistungen an den türkischen Staatsschatz

alljährlich würden erschwingen können, bejahte ich es unbedingt. Bei

Unterzeichnung des Charters hatten wir der türkischen Regierung zwei

Millionen Pfund Sterling bar zu erlegen. Dazu kam noch die jährliche

Abgabe von fünfzigtausend Pfund Sterling jährlich durch dreißig Jahre

und ein Viertel des Reinerträgnisses der „Neuen Gesellschaft für die

Kolonisierung von Palästina“, ebenfalls an den türkischen Staatsschatz

zu entrichten. Nach Ablauf der ersten dreißig Jahre aber werden wir

bekanntlich den Reinertrag der Neuen Gesellschaft mit der türkischen

Regierung teilen, falls diese es nicht vorzieht, den letzten

zehnjährigen Durchschnitt der von uns erhaltenen Geldleistungen als für

immer gleichbleibende Abgabe zu beziehen. Die Erklärung hierüber hat

uns die türkische Regierung im siebenundzwanzigsten Vertragsjahre

kundzumachen. Wir können allerdings schon heute vermuten, daß die

türkische Regierung lieber den halben Reinertrag der Neuen Gesellschaft

in Anspruch nehmen wird, weil dabei für sie viel mehr herauskommt. Für

diese Abgaben erhielten wir die Verwaltung der zu besiedelnden

Gebietsteile, deren Oberhoheit dem Sultan dabei erhalten blieb.

Nun waren das freilich sehr große Geldleistungen, und es regten sich

anfänglich Zweifel, ob die Neue Gesellschaft so gedeihen könne. Das

Land war bettelarm und unsere Ansiedler sollten aus dem Proletariat

aller Länder herkommen. Zwar gab es mehrere große Stiftungen für

jüdische Nationalzwecke. Ihr Gesamtbetrag wurde Ende 1900 mit zwölf

Millionen Pfund Sterling festgestellt. Aber es waren ja außer den

Zahlungen an die türkische Regierung noch große Aufwendungen für den

privatrechtlichen Ankauf von Grund und Boden, für das Ansiedeln ganz

mittelloser Menschen, für die Urbarmachung, Bepflanzung, Aufbesserung

des Landes nötig. Woraus sollten alle diese Erfordernisse bestritten

werden? In unserem engeren Komitee gab es Furchtsame, die den

Zusammenbruch des Unternehmens vorhersagten. Meine Freunde und ich

trugen den Sieg über diese Bedenken davon. Es gelang uns, darzuthun,

daß wir die Berechnung nicht nur auf Grund des Vorhandenen anstellen

müßten, sondern auch auf Grund dessen, was nach aller menschlichen

Erfahrung durch den Beginn unserer Arbeiten hinzukommen würde. Unser

für die Zukunft errichtetes Werk würde auch durch diese selbst erhalten

und gestärkt werden. Nach zehn Jahren sind die Knaben, die wir

hinführen, Männer. Wenn wir Menschen haben, haben wir alles. Die

Menschen aber bringen wir selber hin, erziehen sie, wie wir sie

brauchen und benützen sie, wie es uns und ihnen, das heißt der

Gemeinschaft, frommt. Es ist das einfachste Raisonnement von der Welt.

Man macht es im kleinsten Ländchen, bei den unbedeutendsten Völkern.

Nur die Juden hatten dieses ABC des Volkstums verlernt.

Es kam noch ein Wichtigeres hinzu, das unsere Juden merkwürdigerweise

nicht wußten, obwohl sie es täglich auf anderen Gebieten ausübten: die

Unternehmungslust! Ich will dazu ein Beispiel geben. Als zu Ende des

neunzehnten Jahrhunderts die Goldfunde im unwirtlichen Klondyke gemacht

wurden, strömten erwerbshungrige Scharen nach dem eisigen Alaska. Ich

spreche nicht von den Goldsuchern, sondern von den Unternehmern, die

sich den Goldsuchern an die Fersen hefteten. Plötzlich wanderten

Betten, Tische, Stühle, Hemden, Stiefel, Röcke, Konserven,

Weinflaschen, Aerzte, Lehrer, Sänger nach Klondyke — mit einem Wort,

alles was man braucht und nicht braucht, wanderte hin, weil einige

Leute dort Geld in der konzentriertesten Form erlangten. Die

Nachströmenden waren nur zum Teile Goldgräber. Sie gingen nicht dem

Verdienste nach, der in der Erde verborgen war, sondern dem, der schon

zu Tage lag. Sie wollten an dem bereits gefundenen Golde verdienen.“

Der Professor konnte sich an dieser Stelle nicht enthalten, ein lautes

„Sie verstehen?“ dazwischenzurufen, aber sein Bruder zischte ihn so

heftig nieder, daß er beschämt schwieg. Und der Phonograph sprach

weiter:

„Ich habe dieses grelle Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie jede

Erwerbsgelegenheit, wenn sie den Unternehmungsgeist anspricht, schnell

noch andere Erwerbsgelegenheiten schafft. Jeder praktische Mensch weiß

das beinahe instinktiv, ohne erst auf die Professoren der

Nationalökonomie zu warten, die es ihm in geheimnisvollen Ausdrücken

erklären. Thatsächlich gehörten wir Juden schon seit langer Zeit zu den

findigsten Unternehmern. Nur auf unsere eigene Zukunft hatten wir

früher nie wirtschaftliche Hoffnungen gebaut. Warum? Weil die

Sicherheiten fehlten. Wenn die Sicherheiten aber geschaffen wurden,

mußten wir in diesem Lande mindestens dieselbe Unternehmungskraft

bethätigen, wie in anderen Ländern.

Darum machte mir das Hervorkommen der notwendigen Kapitalien keine

übermäßige Sorge. War das Land bereit und die Einwanderung eingeleitet,

so mußte jedes angemessene Gelderfordernis aufzubringen sein. Und darum

bejahte ich die Frage, ob wir die Geldleistungen an die türkische

Regierung in diesem Umfange auf uns nehmen könnten, ohne befürchten zu

müssen, daß es uns dann an den Investitions-Kapitalien fehlen werde.

Das war von mir kein Experiment. Es war die Anwendung von weltalten

Thatsachen und Erfahrungen.

Der Charter wurde abgeschlossen. Wir erlegten die Bezahlung. Da mir von

diesem Augenblick an die Leitung der Kolonisation übertragen war,

bedang ich mir vor allem aus, daß der Charter vorläufig noch nicht

veröffentlicht werden dürfe. Ich wollte kein tumultuarisches Einwandern

haben. Es wäre gewiß zu argen Unordnungen gekommen. Die ärmsten,

gierigsten Leute wären hierhergestürzt, Kranke und Alte hätten sich

hergeschleppt. Wir würden vor allem anderen Hungersnot und Epidemien

gehabt haben. Es giebt ein altes französisches Theaterstück, das heißt:

die Furcht vor der Freude. So wie es darin zugeht, so hatte auch ich

Furcht vor der Freude meiner armen Juden. Ich mußte sie behutsam

vorbereiten. Ich mußte auch uns vorbereiten.

Das Direktorium der Neuen Gesellschaft wurde eingesetzt. Das

Direktorium ernannte mich zum General-Manager auf fünf Jahre. Dann

erhielt ich für die ersten Ausgaben den Kredit von einer Million Pfund

eingeräumt. Einer meiner Ingenieure meinte, das sei wenig ...“

„Verdammt wenig!“ schrie Kingscourt und winkte heftig: „Stoppen Sie

’mal den Klapperkasten!“

David hatte den Phonographen schon zum Stillstand gebracht.

„Wenn Sie mich ollen Meerjreis ernstlich aufklären wollen, müssen Sie

mir jefälligst einiges sagen, sonst versteh’ ich Ihren janzen Joe

mitsamt seinem Telephonographen nicht ... Was ist das für ’ne neue

Jesellschaft? Ist das dieselbe, von der in Neudorf mehrstenteils die

Rede war? Und was ist das für’n Direktorium? Und woher haben sie das

Jeld, wenn’s auch nich viel ist?“

David nickte mit dem Kopfe:

„Alle diese Fragen begreife ich. Joe Levy glaubte freilich nicht, daß

er davon erzählen müsse, weil jedes Kind es weiß. Die Neue Gesellschaft

von damals und heute sind eins und dennoch verschieden. Es war

ursprünglich eine Aktiengesellschaft und ist heute eine Genossenschaft.

Die Genossenschaft ist vermögensrechtlich die Erbin der

Aktiengesellschaft.“

„Sie verstehen?“ rief der Professor.

„Nee! Haben die Aktionäre ihr Jeld hergeschenkt? Dann ist es ’n

Märchen.“

„Mr. Kingscourt,“ entgegnete David, „es wird Ihnen gleich klar sein,

wenn Sie die verschiedenen Rechtspersönlichkeiten auseinanderhalten.

Wir haben da drei juristische oder moralische Personen. Eine Person:

die Stiftungen, die Ende 1900 ein Vermögen von zwölf Millionen Pfund

hatten. Zweite Person: die Aktiengesellschaft, die von den unserer

Sache ergebenen Londoner Financiers mit einem Kapital von zehn

Millionen Pfund Sterling gegründet wurde, nachdem die Erteilung des

Charters gesichert war. Dritte Person: die Genossenschaft der

Kolonisten. Die letzteren waren durch ihre auf den Kongressen gewählten

Führer vertreten. Diese Führer setzten die Massen erst dann in

Bewegung, als sie mit der Aktiengesellschaft über deren spätere

Vergenossenschaftlichung einig geworden waren.“

„Sie erstaunen mich, edler Märchenprinz!“ lachte Kingscourt. „Auf

solche Sache wären Aktienmenschen, Syndikatshyänen eingegangen?“

„Es waren keine Syndikatshyänen, Mr. Kingscourt,“ erwiderte David. „Es

waren anständige Geschäftsleute, die sich mit einem anständigen Gewinne

begnügten. Das Abkommen wurde zwischen Kapital und Arbeit gerecht

getroffen. Das Geld allein, die Arbeit allein konnten den

Schwierigkeiten nicht beikommen. Die Geldleute sollten ihre Sicherheit

haben, die Arbeitsleute auch. Wäre das nicht vorher in Ordnung gebracht

worden, so mußte mit der Zeit eine oder die andere Ungerechtigkeit

eintreten: entweder hätte sich das Volk über die Rechte der Aktionäre

hinweggesetzt, oder es wäre in ihre Sklaverei geraten. Beidem wurde

durch die Vereinbarung vorgebeugt, daß die Genossenschaft der

Kolonisten berechtigt sei, nach Ablauf von zehn Jahren die Aktien der

Neuen Gesellschaft einzulösen. Als Ablösungssumme wurde die

fünfperzentige Kapitalisierung des in den letzten fünf Jahren erzielten

Durchschnittsertrages bestimmt. Die Ablösungssumme durfte aber nicht

weniger als das thatsächlich eingezahlte Aktienkapital nebst Zinsen

betragen.“

Hier wagte Friedrich ein wenig schüchtern die Bemerkung:

„Das scheint mir doch eine unmögliche Bedingung. Woher sollten die

mittellosen Kolonisten solche Summen erschwingen, um die Aktien der

Gesellschaft zurückzukaufen?“

„Nee, mein Sohn,“ meinte Kingscourt, „mir ist es jetzt schon klar wie

Kloßbrühe. Wenn die Kolonisation gelang, waren die Kolonisten nicht in

Verlegenheit, sich das Geld zu verschaffen. Sie konnten es als

aufstrebende Genossenschaft auch jepumpt kriegen.“

„Richtig!“ sagte David, „als die Genossenschaft an die Einlösung der

Aktien zu gehen beschloß, nahm sie das notwendige Geld in Form einer

vierprozentigen Anleihe auf. Schon daran hat die Genossenschaft ein

gutes Geschäft gemacht. Der Reinertrag vom fünften bis zum zehnten

Jahre war durchschnittlich eine Million Pfund gewesen. Für die

Einlösung der Aktien waren also zwanzig Millionen erforderlich. Mit

einer jährlichen Zinsverpflichtung, die dem bisherigen Reinertrage

gleichkam, konnte aber die Genossenschaft zu vier Perzent

fünfundzwanzig Millionen Kapital erhalten. Es blieben somit nach

Erwerbung des Aktienvermögens noch fünf Millionen Gewinn von dieser

Operation übrig.“

„Verdammte Jungens!“ staunte Kingscourt. „Wodurch war denn die

Aktiengesellschaft so reich geworden?“

„Hauptsächlich durch die Wertsteigerung des Bodens, den sie angekauft

hatte,“ sagte David. „Diese Werterhöhung war den Arbeitern zu

verdanken, und ihnen mußte sie schließlich gerechterweise zu gute

kommen. Sie sehen jetzt auch, wie wir den Uebergang des Bodens an die

Gemeinschaft vollziehen konnten. Das Gemeingut wurde Eigentum der

Genossenschaft, die von da ab den offiziellen Namen ’Neue Gesellschaft’

trug.“

Architekt Steineck rief:

„Unseren lieben Gästen wird es vielleicht nicht gefallen, daß wir uns

solcher anrüchiger Mittel, wie Aktien und dergleichen bedient haben.

Wir konnten uns aber nicht anders helfen.“

„Da irren Sie sich groß,“ erwiderte Kingscourt, „wenn Sie mich für ’n

solches Hornvieh halten. Ich habe ja in Amerika jelebt. Ich weiß doch,

was ’ne Harke ist. Eine Aktiengesellschaft ist ’n Jefäß, da kann man

Jutes und Schlechtes hineinthun. Ebenso könnte einer sagen, eine

Flasche sei verwerflich, weil man sie mit Gift oder Fusel füllen kann.

Auch solche Kolonialgesellschaften hat’s doch in der Jeschichte jenug

jegeben. Es waren miserable und ausjezeichnete drunter. Die Ostindische

Kompagnie war doch nicht schlecht. In Eurer Neuen Jesellschaft find’

ich sogar ’nen sittlichen Grundzug. Das mit der

Verjenossenschaftlichung ... Nu möcht’ ich aber hören, wie’s weiter

war. Lassen Sie doch ’mal Ihren Klapperkasten wieder laufen.“

Altneuland · 第 47 / 77 题