Die Nachtischfeier folgte, und als sie mit allen Vorschriften der
Hagadah fertig waren, gingen sie in den Salon hinüber, wo schon der
Phonograph mit Joes Erzählung auf einem Tischchen bereit stand. Es war
der Kingscourt wohlbekannte Apparat, verbessert durch eine einfache
automatische Vorrichtung, welche die Rollen nacheinander abgleiten
ließ. Die ganze Erzählung konnte so abgespielt werden, ohne daß eine
Unterbrechung fühlbar geworden wäre. Wollte man aber eine Pause machen
oder sich etwas wiederholen lassen, so genügte ein Handgriff, um die
Walze aufzuhalten oder einige Sätze weit zurückzustellen. Alle hatten
auf Lehnstühlen und Sofas Platz genommen. David setzte sich an das
Tischchen, stellte den Schalltrichter nach den Zuhörern hin, rückte
einen kleinen Knopf an dem Apparat und sagte:
„Unser Freund Joe Levy hat das Wort.“
Im Phonographen schnurrte es ein wenig, dann wurde mit völliger
Deutlichkeit eine kraftvolle Mannesstimme laut:
„Meine geehrten Anwesenden!
Ich soll Ihnen über die neue Judenwanderung berichten. Die ganze Sache
war sehr einfach. Ich glaube, es wird zuviel Wesens daraus gemacht. Um
die politische Vorbereitung hatte ich mich nicht zu kümmern.
Glücklicherweise. Ich bin kein Politiker, war es nie, werde es nie
sein. Ich hatte meinen Auftrag und führte ihn aus. Unsere Gesellschaft
war unter dem Titel „Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von
Palästina“ gegründet worden. Sie hatte mit der türkischen Regierung
einen Besiedlungsvertrag geschlossen. Die Bedingungen dieses Abkommens
sind aller Welt bekannt. Als ich vor Abschluß des Charters gefragt
wurde, ob wir die großen Geldleistungen an den türkischen Staatsschatz
alljährlich würden erschwingen können, bejahte ich es unbedingt. Bei
Unterzeichnung des Charters hatten wir der türkischen Regierung zwei
Millionen Pfund Sterling bar zu erlegen. Dazu kam noch die jährliche
Abgabe von fünfzigtausend Pfund Sterling jährlich durch dreißig Jahre
und ein Viertel des Reinerträgnisses der „Neuen Gesellschaft für die
Kolonisierung von Palästina“, ebenfalls an den türkischen Staatsschatz
zu entrichten. Nach Ablauf der ersten dreißig Jahre aber werden wir
bekanntlich den Reinertrag der Neuen Gesellschaft mit der türkischen
Regierung teilen, falls diese es nicht vorzieht, den letzten
zehnjährigen Durchschnitt der von uns erhaltenen Geldleistungen als für
immer gleichbleibende Abgabe zu beziehen. Die Erklärung hierüber hat
uns die türkische Regierung im siebenundzwanzigsten Vertragsjahre
kundzumachen. Wir können allerdings schon heute vermuten, daß die
türkische Regierung lieber den halben Reinertrag der Neuen Gesellschaft
in Anspruch nehmen wird, weil dabei für sie viel mehr herauskommt. Für
diese Abgaben erhielten wir die Verwaltung der zu besiedelnden
Gebietsteile, deren Oberhoheit dem Sultan dabei erhalten blieb.
Nun waren das freilich sehr große Geldleistungen, und es regten sich
anfänglich Zweifel, ob die Neue Gesellschaft so gedeihen könne. Das
Land war bettelarm und unsere Ansiedler sollten aus dem Proletariat
aller Länder herkommen. Zwar gab es mehrere große Stiftungen für
jüdische Nationalzwecke. Ihr Gesamtbetrag wurde Ende 1900 mit zwölf
Millionen Pfund Sterling festgestellt. Aber es waren ja außer den
Zahlungen an die türkische Regierung noch große Aufwendungen für den
privatrechtlichen Ankauf von Grund und Boden, für das Ansiedeln ganz
mittelloser Menschen, für die Urbarmachung, Bepflanzung, Aufbesserung
des Landes nötig. Woraus sollten alle diese Erfordernisse bestritten
werden? In unserem engeren Komitee gab es Furchtsame, die den
Zusammenbruch des Unternehmens vorhersagten. Meine Freunde und ich
trugen den Sieg über diese Bedenken davon. Es gelang uns, darzuthun,
daß wir die Berechnung nicht nur auf Grund des Vorhandenen anstellen
müßten, sondern auch auf Grund dessen, was nach aller menschlichen
Erfahrung durch den Beginn unserer Arbeiten hinzukommen würde. Unser
für die Zukunft errichtetes Werk würde auch durch diese selbst erhalten
und gestärkt werden. Nach zehn Jahren sind die Knaben, die wir
hinführen, Männer. Wenn wir Menschen haben, haben wir alles. Die
Menschen aber bringen wir selber hin, erziehen sie, wie wir sie
brauchen und benützen sie, wie es uns und ihnen, das heißt der
Gemeinschaft, frommt. Es ist das einfachste Raisonnement von der Welt.
Man macht es im kleinsten Ländchen, bei den unbedeutendsten Völkern.
Nur die Juden hatten dieses ABC des Volkstums verlernt.
Es kam noch ein Wichtigeres hinzu, das unsere Juden merkwürdigerweise
nicht wußten, obwohl sie es täglich auf anderen Gebieten ausübten: die
Unternehmungslust! Ich will dazu ein Beispiel geben. Als zu Ende des
neunzehnten Jahrhunderts die Goldfunde im unwirtlichen Klondyke gemacht
wurden, strömten erwerbshungrige Scharen nach dem eisigen Alaska. Ich
spreche nicht von den Goldsuchern, sondern von den Unternehmern, die
sich den Goldsuchern an die Fersen hefteten. Plötzlich wanderten
Betten, Tische, Stühle, Hemden, Stiefel, Röcke, Konserven,
Weinflaschen, Aerzte, Lehrer, Sänger nach Klondyke — mit einem Wort,
alles was man braucht und nicht braucht, wanderte hin, weil einige
Leute dort Geld in der konzentriertesten Form erlangten. Die
Nachströmenden waren nur zum Teile Goldgräber. Sie gingen nicht dem
Verdienste nach, der in der Erde verborgen war, sondern dem, der schon
zu Tage lag. Sie wollten an dem bereits gefundenen Golde verdienen.“
Der Professor konnte sich an dieser Stelle nicht enthalten, ein lautes
„Sie verstehen?“ dazwischenzurufen, aber sein Bruder zischte ihn so
heftig nieder, daß er beschämt schwieg. Und der Phonograph sprach
weiter:
„Ich habe dieses grelle Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie jede
Erwerbsgelegenheit, wenn sie den Unternehmungsgeist anspricht, schnell
noch andere Erwerbsgelegenheiten schafft. Jeder praktische Mensch weiß
das beinahe instinktiv, ohne erst auf die Professoren der
Nationalökonomie zu warten, die es ihm in geheimnisvollen Ausdrücken
erklären. Thatsächlich gehörten wir Juden schon seit langer Zeit zu den
findigsten Unternehmern. Nur auf unsere eigene Zukunft hatten wir
früher nie wirtschaftliche Hoffnungen gebaut. Warum? Weil die
Sicherheiten fehlten. Wenn die Sicherheiten aber geschaffen wurden,
mußten wir in diesem Lande mindestens dieselbe Unternehmungskraft
bethätigen, wie in anderen Ländern.
Darum machte mir das Hervorkommen der notwendigen Kapitalien keine
übermäßige Sorge. War das Land bereit und die Einwanderung eingeleitet,
so mußte jedes angemessene Gelderfordernis aufzubringen sein. Und darum
bejahte ich die Frage, ob wir die Geldleistungen an die türkische
Regierung in diesem Umfange auf uns nehmen könnten, ohne befürchten zu
müssen, daß es uns dann an den Investitions-Kapitalien fehlen werde.
Das war von mir kein Experiment. Es war die Anwendung von weltalten
Thatsachen und Erfahrungen.
Der Charter wurde abgeschlossen. Wir erlegten die Bezahlung. Da mir von
diesem Augenblick an die Leitung der Kolonisation übertragen war,
bedang ich mir vor allem aus, daß der Charter vorläufig noch nicht
veröffentlicht werden dürfe. Ich wollte kein tumultuarisches Einwandern
haben. Es wäre gewiß zu argen Unordnungen gekommen. Die ärmsten,
gierigsten Leute wären hierhergestürzt, Kranke und Alte hätten sich
hergeschleppt. Wir würden vor allem anderen Hungersnot und Epidemien
gehabt haben. Es giebt ein altes französisches Theaterstück, das heißt:
die Furcht vor der Freude. So wie es darin zugeht, so hatte auch ich
Furcht vor der Freude meiner armen Juden. Ich mußte sie behutsam
vorbereiten. Ich mußte auch uns vorbereiten.
Das Direktorium der Neuen Gesellschaft wurde eingesetzt. Das
Direktorium ernannte mich zum General-Manager auf fünf Jahre. Dann
erhielt ich für die ersten Ausgaben den Kredit von einer Million Pfund
eingeräumt. Einer meiner Ingenieure meinte, das sei wenig ...“
„Verdammt wenig!“ schrie Kingscourt und winkte heftig: „Stoppen Sie
’mal den Klapperkasten!“
David hatte den Phonographen schon zum Stillstand gebracht.
„Wenn Sie mich ollen Meerjreis ernstlich aufklären wollen, müssen Sie
mir jefälligst einiges sagen, sonst versteh’ ich Ihren janzen Joe
mitsamt seinem Telephonographen nicht ... Was ist das für ’ne neue
Jesellschaft? Ist das dieselbe, von der in Neudorf mehrstenteils die
Rede war? Und was ist das für’n Direktorium? Und woher haben sie das
Jeld, wenn’s auch nich viel ist?“
David nickte mit dem Kopfe:
„Alle diese Fragen begreife ich. Joe Levy glaubte freilich nicht, daß
er davon erzählen müsse, weil jedes Kind es weiß. Die Neue Gesellschaft
von damals und heute sind eins und dennoch verschieden. Es war
ursprünglich eine Aktiengesellschaft und ist heute eine Genossenschaft.
Die Genossenschaft ist vermögensrechtlich die Erbin der
Aktiengesellschaft.“
„Sie verstehen?“ rief der Professor.
„Nee! Haben die Aktionäre ihr Jeld hergeschenkt? Dann ist es ’n
Märchen.“
„Mr. Kingscourt,“ entgegnete David, „es wird Ihnen gleich klar sein,
wenn Sie die verschiedenen Rechtspersönlichkeiten auseinanderhalten.
Wir haben da drei juristische oder moralische Personen. Eine Person:
die Stiftungen, die Ende 1900 ein Vermögen von zwölf Millionen Pfund
hatten. Zweite Person: die Aktiengesellschaft, die von den unserer
Sache ergebenen Londoner Financiers mit einem Kapital von zehn
Millionen Pfund Sterling gegründet wurde, nachdem die Erteilung des
Charters gesichert war. Dritte Person: die Genossenschaft der
Kolonisten. Die letzteren waren durch ihre auf den Kongressen gewählten
Führer vertreten. Diese Führer setzten die Massen erst dann in
Bewegung, als sie mit der Aktiengesellschaft über deren spätere
Vergenossenschaftlichung einig geworden waren.“
„Sie erstaunen mich, edler Märchenprinz!“ lachte Kingscourt. „Auf
solche Sache wären Aktienmenschen, Syndikatshyänen eingegangen?“
„Es waren keine Syndikatshyänen, Mr. Kingscourt,“ erwiderte David. „Es
waren anständige Geschäftsleute, die sich mit einem anständigen Gewinne
begnügten. Das Abkommen wurde zwischen Kapital und Arbeit gerecht
getroffen. Das Geld allein, die Arbeit allein konnten den
Schwierigkeiten nicht beikommen. Die Geldleute sollten ihre Sicherheit
haben, die Arbeitsleute auch. Wäre das nicht vorher in Ordnung gebracht
worden, so mußte mit der Zeit eine oder die andere Ungerechtigkeit
eintreten: entweder hätte sich das Volk über die Rechte der Aktionäre
hinweggesetzt, oder es wäre in ihre Sklaverei geraten. Beidem wurde
durch die Vereinbarung vorgebeugt, daß die Genossenschaft der
Kolonisten berechtigt sei, nach Ablauf von zehn Jahren die Aktien der
Neuen Gesellschaft einzulösen. Als Ablösungssumme wurde die
fünfperzentige Kapitalisierung des in den letzten fünf Jahren erzielten
Durchschnittsertrages bestimmt. Die Ablösungssumme durfte aber nicht
weniger als das thatsächlich eingezahlte Aktienkapital nebst Zinsen
betragen.“
Hier wagte Friedrich ein wenig schüchtern die Bemerkung:
„Das scheint mir doch eine unmögliche Bedingung. Woher sollten die
mittellosen Kolonisten solche Summen erschwingen, um die Aktien der
Gesellschaft zurückzukaufen?“
„Nee, mein Sohn,“ meinte Kingscourt, „mir ist es jetzt schon klar wie
Kloßbrühe. Wenn die Kolonisation gelang, waren die Kolonisten nicht in
Verlegenheit, sich das Geld zu verschaffen. Sie konnten es als
aufstrebende Genossenschaft auch jepumpt kriegen.“
„Richtig!“ sagte David, „als die Genossenschaft an die Einlösung der
Aktien zu gehen beschloß, nahm sie das notwendige Geld in Form einer
vierprozentigen Anleihe auf. Schon daran hat die Genossenschaft ein
gutes Geschäft gemacht. Der Reinertrag vom fünften bis zum zehnten
Jahre war durchschnittlich eine Million Pfund gewesen. Für die
Einlösung der Aktien waren also zwanzig Millionen erforderlich. Mit
einer jährlichen Zinsverpflichtung, die dem bisherigen Reinertrage
gleichkam, konnte aber die Genossenschaft zu vier Perzent
fünfundzwanzig Millionen Kapital erhalten. Es blieben somit nach
Erwerbung des Aktienvermögens noch fünf Millionen Gewinn von dieser
Operation übrig.“
„Verdammte Jungens!“ staunte Kingscourt. „Wodurch war denn die
Aktiengesellschaft so reich geworden?“
„Hauptsächlich durch die Wertsteigerung des Bodens, den sie angekauft
hatte,“ sagte David. „Diese Werterhöhung war den Arbeitern zu
verdanken, und ihnen mußte sie schließlich gerechterweise zu gute
kommen. Sie sehen jetzt auch, wie wir den Uebergang des Bodens an die
Gemeinschaft vollziehen konnten. Das Gemeingut wurde Eigentum der
Genossenschaft, die von da ab den offiziellen Namen ’Neue Gesellschaft’
trug.“
Architekt Steineck rief:
„Unseren lieben Gästen wird es vielleicht nicht gefallen, daß wir uns
solcher anrüchiger Mittel, wie Aktien und dergleichen bedient haben.
Wir konnten uns aber nicht anders helfen.“
„Da irren Sie sich groß,“ erwiderte Kingscourt, „wenn Sie mich für ’n
solches Hornvieh halten. Ich habe ja in Amerika jelebt. Ich weiß doch,
was ’ne Harke ist. Eine Aktiengesellschaft ist ’n Jefäß, da kann man
Jutes und Schlechtes hineinthun. Ebenso könnte einer sagen, eine
Flasche sei verwerflich, weil man sie mit Gift oder Fusel füllen kann.
Auch solche Kolonialgesellschaften hat’s doch in der Jeschichte jenug
jegeben. Es waren miserable und ausjezeichnete drunter. Die Ostindische
Kompagnie war doch nicht schlecht. In Eurer Neuen Jesellschaft find’
ich sogar ’nen sittlichen Grundzug. Das mit der
Verjenossenschaftlichung ... Nu möcht’ ich aber hören, wie’s weiter
war. Lassen Sie doch ’mal Ihren Klapperkasten wieder laufen.“