Aus der feierlichen Stimmung, in die sie beim Besuche des Steineckschen
Institutes geraten waren, kamen die Fremden auf dem Rückweg in eine
ergötztere Laune. Denn als sie an der Badeanstalt vorüberfuhren, machte
Reschid Bey den Vorschlag, auszusteigen und ein halbes Stündchen im
Kurhausgarten bei der Musik zu verbringen. Sie verließen ihren
Motorwagen und betraten die schönen Anlagen, in denen jetzt viele Leute
saßen, umherwandelten und den Weisen der Kurkapelle lauschten. Es war
die gemischte Menge der Badeorte: Müßiggänger, geputzte Damen. Unter
den Palmen saßen sie auf Stühlen aus biegsamem Eisenblech, musterten
die Vorübergehenden, klatschten und flirteten, wie man es überall in
der Welt sehen kann.
Kingscourt stellte das mit grimmigem Behagen fest:
„Na also, da sind sie endlich, die Jüdinnen mit den Edelsteinen! Mir
war schon bange danach. Ich dachte mir, das Ganze ist vielleicht doch
eine Fopperei, und wir sind gar nicht im Judenland. Nun seh’ ich erst,
es ist wahr. Da sind die wandelnden Federhüte, die grellen
Seidenkleider, die Juwelen-Israelitinnen. Nichts für ungut, Mrs.
Gothland. Sie sind ja eine andere Nummer.“
Mrs. Gothland nahm es auch durchaus nicht übel, und Professor Steineck
lachte dröhnend.
„Geniert uns gar nicht, Mr. Kingscourt! Solche Bemerkungen konnten uns
in früherer Zeit verletzen, aber jetzt nicht mehr. Sie verstehen?
Früher hat man die Promenadejüngelchen, die Protzen und
Juwelen-Hebräerinnen als die Vertreter der Judenschaft angesehen. Jetzt
weiß man, daß es auch andere Juden giebt. Jetzt können Sie über dieses
Gelichter schimpfen, soviel Sie wollen, edler Fremdling! Wenn es
finster wird, schimpfe ich mit.“
Im Kurgarten erregte die lachende kleine Gesellschaft, wie sie durch
die Hauptallee schritt, Aufsehen. Den Professor kannten offenbar alle
Leute, und darum reckten sie sich auch die Hälse aus nach den
auffallenden Fremden in seiner Begleitung. Um den neugierigen Blicken
zu entkommen, bog Steineck mit den Gefährten in einen Seitenweg ein,
doch da gerieten sie erst recht mitten in den Kreis, dem sie hatten
entrinnen wollen. Da saßen in einer Rundung von Büschen mehrere Damen
und Herren in lebhaftem Geplauder. Einer sprang auf, eilte mit heftigen
Bewegungen der Freude auf Friedrich zu und rief ihm laut entgegen:
„Herr Doktor, Herr Doktor! Von wem meinen Sie, daß wir haben gesprochen
jetzt die ganze Zeit? Nu? Raten Sie! Von Ihnen! Ich bin so froh!“
Dieser frohe Herr war Schiffmann. Er zog Friedrich in den Kreis,
stellte ihn mit sprudelnden Worten vor, schob ihm einen Stuhl zurecht
und drückte ihn auf den Sitz nieder. Das alles geschah so verblüffend
rasch, daß Friedrich, auch wenn er nicht vor Ueberraschung
widerstandslos gewesen wäre, sich kaum hätte wehren können. Die
Ueberraschung aber war, daß er plötzlich seine Jugendliebe Ernestine
Löffler dicht vor sich sah. Sie begrüßte ihn mit Blick und Lächeln,
noch bevor sie sprach, und er fand keine Worte. Indessen war Schiffmann
zu Steineck, den er kannte, und den anderen zurückgeeilt. Er nötigte
sie auch, näherzutreten, ungefähr wie der Straßenverkäufer vor einem
Kleidergeschäft. Der Professor hatte sichtlich keine Lust, der
Einladung zu folgen; aber Kingscourt meinte, man könne Friedrich doch
nicht allein stecken lassen: mitgefangen, mitgehangen. Schiffmann
lachte gefällig über diese zweifelhafte Liebenswürdigkeit. Dann
schleppte er Stühle herbei, nannte die Namen der Anwesenden: Herr, Frau
und Fräulein Schlesinger, Herr und Frau Dr. Walter, Frau Weinberger,
Fräulein Weinberger, die Herren Grün und Blau, Herr Weinberger.
Friedrich sah und hörte dies alles wie durch einen Nebel. Alte Zeiten
standen wolkig auf. Er sah sich wieder an jenem Verlobungsabend im
Löfflerschen Hause. Da war jene unerträgliche Gesellschaft, der er
damals verzweifelnd entfloh. Alle gealtert, und doch noch dieselben.
Nur die beiden jungen Mädchen bedeuteten eine andere Generation. Diese
Zarte, die ihn mit fremden Augen ansah, völlig Ernestinens Ebenbild. Er
hörte von dem Gespräch ringsum nur schwaches, verworrenes Geräusch, so
sehr war er von den Erinnerungen betäubt. Erst als eine Frage ihn
geradezu anfiel, erwachte er.
Herr Grün, der Spaßmacher, hatte ihn angeredet:
„Nun, Herr Doktor Löwenberg, wie gefällt es Ihnen da? Was, Sie finden
keine Worte? Vielleicht sind Ihnen zu viel Juden da?“
Man lachte. Friedrich entgegnete langsam:
„Offen gestanden, Sie sind der Erste, der mich auf diesen Gedanken
bringt.“
„Sehr gut, höhöhö!“ wieherte Schiffmann. Die übrigen stimmten in das
Gelächter ein. Friedrich bemerkte erst daran, daß man seine Antwort für
einen der unartigen Scherze gehalten hatte, die in diesem Kreise üblich
waren. Herr Grün, an ärgeres gewöhnt, nahm es nicht übel. Herr Blau,
der andere Witzbold, nahm aber grinsend die Verfolgung seines Rivalen
auf:
„Grün wär’ imstande, sogar hier die Leute zu Antisemiten zu machen.“
„Ihre Späße werden alt, Herr Blau,“ mischte sich Dr. Walter ein. „Es
giebt ja, Gott sei Dank! keine Antisemiten mehr in der Welt.“
„Wenn ich das sicher wüßt’,“ entgegnete Blau, „möcht’ ich mich in
diesem Geschäft etablieren.“
Kingscourt neigte sich flüsternd ans Ohr des neben ihm sitzenden
Steineck:
„Mein lieber Professor, mir scheint, Sie dürften diesen Herrschaften
nichts von Ihrer Negeridee erzählen. Man würde Sie schön auslachen!“
„Beweist nichts gegen meine Idee,“ erwiderte Steineck ebenso; „diese
Gesellschaft hat auch anfangs den jüdischen Volksgedanken ausgelacht.
Das sind die letzten, denen man etwas Großes erzählen darf.“
Aber Friedrich griff die frühere Bemerkung auf.
„Ist es richtig,“ fragte er, „daß der Judenhaß abgenommen hat?“
„Wie heißt: abgenommen?“ rief Herr Schlesinger. „Sagen Sie:
verschwunden.“
„Darüber,“ sagte Blau keck, „wird Ihnen niemand bessere Auskunft geben,
wie Herr Doktor Veiglstock. Der hat sich benommen, wie ein Kapitän. Er
hat das Schiff zuletzt verlassen.“
Der Advokat ärgerte sich:
„Sie, Herr Blau, ich werd’ Sie bei den Ohren nehmen und Ihnen einsagen,
wie ich heiße. Walter heiße ich ein- für allemal. Merken Sie sich das!
Obwohl ich mich des ehrlichen Namens meines Vaters nie geschämt habe,
das weiß jeder. Früher mußte man den Vorurteilen Konzessionen machen,
wenn man nicht geschunden werden wollte.“
„Und das ist jetzt nicht mehr nötig?“ forschte Friedrich.
„Nein. Uebrigens ist das ausnahmsweise wahr, was Herr Blau in seiner
pseudowitzigen Weise angiebt. Ich bin erst vor kurzem hierher
übersiedelt. Man kann aber daraus nur ersehen, daß ich nicht der Not
gehorchte, sondern dem eigenen Triebe.“
„Ende Jud, alles Jud!“ meckerte der angenehme Herr Grün. Herr Blau
jedoch traute dem Landfrieden nicht mehr und machte daher nur eine ganz
leise Bemerkung, die der Advokat nicht hören konnte, über den
eingetretenen Mangel an Klienten.
Dr. Walter warf sich nun in die Brust und begann zu erzählen, welche
Wirkungen die Auswanderung so vieler Juden in Europa gezeitigt habe.
Für ihn, Dr. Walter, sei es ja von allem Anfang an festgestanden, daß
die zionistische Bewegung sowohl für die Abziehenden wie für die
Zurückbleibenden die heilsamsten Folgen hervorrufen müsse. Er sei einer
der Allerersten gewesen, welche die Nützlichkeit dieser Bewegung
einsahen, und wenn ihm auch seine damalige Lebensstellung nicht
gestattete, seinen Empfindungen und Ueberzeugungen ganz freien Lauf zu
lassen, so habe er doch in einer bescheidenen, unauffälligen Weise für
den Nationalgedanken gewirkt. Als Beweis führte er hierfür an, daß er
damals in seiner Kanzlei einen armen Studenten als Schreiber
beschäftigt hatte, und daß er diesem nicht das Brot entzogen, ihn nicht
weggejagt, obwohl der junge Mann zionistische Versammlungen besucht
hatte. Auch zum Nationalfonds habe er, Dr. Walter sein Scherflein
beigetragen, als dieser Volksschatz bereits mehrere Millionen Pfund
Sterling enthielt, also die Bürgschaften der Sicherheit in der eigenen
Größe hatte.
Herr Blau, der Scherzhafte, suchte eine kleine Revanche für die vorhin
erlittene Demütigung:
„Ein Scherflein? Entschuldigen, Herr Doktor, wenn ich frage. Ist das
eine neue Münze? Scherflein, Scherflein?“
Herr Dr. Walter ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Er
zuckte nur die Achseln, sah über den Frager geringschätzig hinweg und
erzählte weiter. Daß die nach Palästina Gezogenen hier eine glückliche
große Heimat gefunden hätten, sehe und wisse heute schon jeder. Doch
auch den Juden, die an ihren Wohnorten verblieben waren, ging es
endlich gut. Sie waren von Angriffen verschont, seit die jüdische
Konkurrenz schwächer geworden oder ganz verschwunden war. In den mit
Juden überfüllten, oder wie man damals zu sagen pflegte, verjudeten
Ländern war eine bemerkenswerte soziale Erleichterung eingetreten. Der
Abfluß hatte zwar zunächst nur aus den unteren Schichten der Armen und
Proletarier sich ergeben, aber dennoch wurde die Wirkung auch bald in
den mittleren und höheren Schichten fühlbar. Diejenigen, die nichts zu
verlieren und alles zu gewinnen hatten, zogen zuerst nach dem altneuen
Lande. Es ging, da die Wanderung eine ganz freiwillige war, nur wer die
Sicherheit hatte, sich durch die Uebersiedlung sein Los zu verbessern.
Die Arbeitslosen, die Verzweifelnden strömten dahin ab, wo ein breites
Feld von Arbeit und Hoffnung sich eröffnete. Diese Erscheinung war doch
selbstverständlich. In Palästina gab es die weltbekannte Gelegenheit,
in den massenhaft aufsprießenden Unternehmungen sogleich Brot und
binnen kurzem sogar einen gewissen Wohlstand zu erwerben. Dazu die
lockende Freiheit. Keine Zurücksetzung wegen der Konfession und
Nationalität. Schon das war Anziehung genug. Aber es fand auch eine
vernünftige Vereinigung aller längstbestehenden jüdischen
Wohlthätigkeitsgesellschaften statt. Die hatten früher ihre liebe Not
gehabt mit den Glaubensgenossen, die durch Verfolgungen und materielles
Elend von Land zu Land gehetzt wurden. Ehemals war jeder örtliche
Notstand eine allgemeine Plage der Judenheit geworden. Wenn die
Aermsten es in einem der osteuropäischen Länder nicht aushalten konnten
und sich auf die jammervolle Reise begaben, so wurden nach und nach
auch die entlegeneren Gemeinden in Mitleidenschaft gezogen. Man gab und
gab den Wanderbettlern und konnte doch nie ausreichend geben. Unsummen
wurden aufgewendet, ohne die Möglichkeit einer Prüfung im einzelnen
Falle, folglich auch ohne Gewähr, daß nur die Würdigen bedacht wurden.
Und das Ergebnis war keineswegs eine auch nur vorübergehende Linderung
der Misere, sondern im Gegenteile die Züchtung von Professionsbettlern,
die Unterstützung einer schmählichen Elendindustrie. Durch den
zionistischen Gedanken war das Feld gegeben, auf dem sich alle
humanitären jüdischen Bestrebungen vereinigen konnten. Die Gemeinden
der ganzen Welt unterstützten die Ansiedlung ihrer eigenen Armen in
Palästina. Dadurch wurden sie diese hilflosen Kostgänger los, es war
billiger als die frühere unüberlegte Methode des Verschickens in
irgendeine Fremde und es lag darin zugleich die Bürgschaft, daß nur
Arbeitswilligen, Würdigen, unter die Arme gegriffen wurde. Wer etwas
Redliches schaffen wollte, der fand in Palästina jede Möglichkeit, sich
zu bethätigen. Wer behauptete, auch in Palästina kein Fortkommen finden
zu können, der gab sich schon dadurch als Lump und Faulenzer zu
erkennen; er verdiente keine weitere Teilnahme. Es gab in der ersten
Zeit Unverständige, die meinten, eine solche Proletarieransiedlung
könne nicht gedeihen. Wie dumm und ungebildet diese Auffassung war, das
erkannte der Sprecher, Dr. Walter, und alle Leute, die gleich ihm einen
weiteren Horizont hatten, von vornherein. Waren denn nicht im ganzen
Laufe der Weltgeschichte die neuen Ansiedlungen von Hungerleidern
gemacht worden? Die Satten haben keinen Grund, die Grenzen der Kultur
hinauszurücken. Die Satten bleiben zu Hause. Aber den Hungrigen gehört
die Welt. Die im Glauben beunruhigten Puritaner besiedeln Nordamerika.
Die Glücksucher lassen sich in Indien oder Südafrika nieder. Und wo gab
es eine Kolonie, die von schlechteren Elementen geschaffen wurde, als
Australien, das große, blühende, stolze, reiche Australien. Das war zu
Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eine verachtete Sträflingskolonie
und wuchs in wenigen Jahrzehnten zu einem mächtigen, gesunden
Staatswesen heran. Zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts war es ein
Kronjuwel des britischen Weltreiches.
Wie gesagt, Dr. Walter und seinesgleichen, die gebildet genug waren,
lachten über den Einwand, daß Proletarier keine Ansiedlung sollten
gründen können. Wenn arme Sträflinge das in Australien vermochten, um
wieviel eher waren es die Pioniere des jüdischen Volkes imstande, da
sie in ihrer glückverheißenden Arbeit für die Freiheit und Ehre der
Nation vom ganzen Hause Israel unterstützt wurden. Die Ereignisse
bestätigten auch die Voraussicht Dr. Walters, das wollte er in aller
Bescheidenheit betonen. Denn die gewaltigen Besiedlungsarbeiten
erforderten auch ein zahlreiches modern vorgebildetes Personal von
Ingenieuren, juristischen und kommerziellen Beamten. Plötzlich war
damit eine Verwendung für die Massen studierter junger Leute geboten,
die früher, in den antisemitischen Zeiten nirgends hatten ankommen
können. Während die gebildeten Juden vormals bei ihrem Abgange von den
Universitäten, technischen Hochschulen und Handelsakademien ratlos und
hoffnungslos dastanden, bekamen sie in Palästina nun Anstellungen bei
den öffentlichen und privaten Unternehmungen. Die Folge war, daß sie
ihre christlichen Kollegen nicht mehr genierten. Der Jude hörte auf,
ein lästig empfundener Mitbewerber zu sein, und damit schwand natürlich
allmählich der wirtschaftliche Haß und Neid. Mehr noch: die nützlichen
Eigenschaften der Juden fingen an, erkannt zu werden, als das Angebot
auf dem Markte schwächer wurde. Der Wert der Dienste wächst, je weniger
man sie anbietet. Jeder weiß das. Warum hätte das nicht auch von den
Diensten der Juden im wirtschaftlichen Verkehre gelten sollen? Und so
machte sich die Besserung der Zustände von allen Seiten geltend. In
Ländern, wo man nicht mehr Juden auswandern lassen wollte, trat ein
freundlicher Umschwung in der öffentlichen Meinung ein. Man gab den
Juden die volle Gleichberechtigung nicht nur auf dem Papier der
Gesetze, sondern in lebendiger Uebung, im täglichen Umgang, in den
Sitten und Gebräuchen. Zwangsmaßregeln hätten nicht vermocht, die Juden
zur freudigen Mitarbeit in Kunst und Wissenschaft, in Handel und
Verkehr und auf allen übrigen Gebieten der bürgerlichen Bethätigung zu
bewegen. Die Güte aber brachte das zuwege. Erst als die umhergehetzten
Juden in ihrem eigenen Lande zur Ruhe kamen, trat die großgemeinte
Emanzipation in jedem Staate in Kraft. Die sich einem anderen
Volkskörper assimilieren konnten und wollten, durften es nun in einer
offenen, weder feigen noch verlogenen Weise thun. Es gab manche, die
den Glauben der sie umgebenden Volksmehrheit annehmen wollten; sie
konnten es jetzt, ohne den Verdacht der Stellenjägerei oder Streberei
auf sich zu laden. Denn es war nicht mehr nützlich, vom Judentum
abzufallen. Die Juden, die sich in allem, nur nicht im religiösen
Bekenntnis eins fühlten mit ihren Mitbürgern, erfreuten sich der
ungeschmälerten Wertschätzung auch als Angehörige einer
Minoritätskonfession. Denn Duldung kann und wird immer nur auf
Gegenseitigkeit beruhen, und erst als auch die Juden hier, wo sie die
Mehrheit bilden, sich tolerant erwiesen, wurde ihnen aus sittlicher
Reciprocität überall dasselbe zu teil.
„Darum,“ schloß Dr. Walter seinen kleinen Vortrag mit einem gefälligen
Seitenblick auf Professor Steineck; „darum bin ich ein Anhänger und
Verfechter der Ideen, die von der Littwak-Steineckschen Partei
vertreten werden. Ich werde unentwegt, bis zu meinem letzten
Blutstropfen für diese Idee eintreten.“
Herr Blau fügte schneidend hinzu:
„Bitte, vergessen Sie nicht, das Ihrem Herrn Bruder auszurichten, Herr
Professor. Wenn Sie Herrn Dr. Walter auf Ihrer Seite haben, dann haben
Sie die Majorität.“
Der Advokat wurde dunkelrot im Gesichte:
„Was wollen Sie damit sagen, Sie — Sie?“
„Bitte, gar nichts,“ sagte der Witzbold mit gespielter Harmlosigkeit.
„Ich habe Sie noch nie anderswo, als bei der Majorität gesehen. Darum
ist den Leuten, denen Sie sich anschließen, immer zu gratulieren.“
„Wenn Sie mit Ihren faulen Witzen sagen wollen, daß ich meine Ansichten
zu ändern pflege, so kann ich darüber nur lachen. Jeder vernünftige
Mensch wird mit der Zeit klüger. Die Hauptsache ist: wenn ich einmal
von etwas überzeugt bin, so halte ich daran unentwegt fest.“
„Nu ja,“ sagte Herr Grün, indem er sich sein „uneingesäumtes“ Ohr
zwischen Daumen und Zeigefinger rieb; „das versteh’ ich. Wenn Dr.
Walter eine Ueberzeugung hat, so haltet er an ihr fest, unentwegt. Wenn
er aber die Ueberzeugung nicht mehr hat oder eine andere vorzieht, so
wär’ es doch nicht charaktervoll, wenn er die frühere Ueberzeugung, die
er nicht mehr hat, noch mit Gewalt festhalten wollte.“
Herr Schlesinger, der in diesem Kreise als geschäftlicher Vertreter des
Baron Goldstein noch immer ein gewisses Ansehen genoß, warf sich mit
Autorität zwischen die Streitenden:
„Was ist das, meine Herren? Sind wir hier in einer Volksversammlung?
Was gehen uns die Ueberzeugungen an? Ich kenn’ nur zweierlei: Geschäft
und Vergnügen.“
„Bravo!“ rief Kingscourt. „Und zuerst det Jeschäft.“
„Sie sehen, der Herr denkt auch so,“ schloß Schlesinger. „Ist jetzt
Geschäftsstunde? Nein. Also lassen wir uns in Ruh’!“
„Sie treffen doch immer den Nagel auf den Kopf, Herr Schlesinger!“
schmeichelte Schiffmann und wandte sich dann zu Kingscourt und
Friedrich mit einer halblauten Erklärung, die jeder hören konnte:
„Nicht umsonst genießt er das Vertrauen der Barone von Goldstein. Er
ist der Vertreter in Jaffa von diesem großen Haus.“
„Was Sie nicht sagen!“ entgegnete Kingscourt und machte eine
bewundernde Miene.
Herr Schlesinger starrte bescheiden vor sich hin, wie ein berühmter
Mann, der den Leuten gezeigt wird.
Indessen waren die Damen wieder zu ihren früheren Gesprächen über die
neuen Pariser Hüte zurückgekehrt. Frau Laschner führte das große Wort.
Sie bezog ihre Putzgegenstände geradewegs aus der Rue de la Paix.
Frau Ernestine Weinberger aber hatte Friedrich bedeutet, er möge seinen
Sessel näher heranrücken, und sie plauderte leise.
„Ja, und das ist meine Tochter. Was die Zeit vergeht? Wie finden Sie
sie? Hübsch, häßlich?“
„Ganz die Mutter!“ sagte der mechanisch.
„Also häßlich? Sie Schlimmer!“ und dazu ein koketter Augenaufschlag.
Ihm war ganz traurig zu Mute, als er dieses gefallsüchtige, verblühte
Frauenzimmer betrachtete. So sehen die Gründe unserer großen Schmerzen
nach zwanzig Jahren aus. Man versteht nicht mehr, wie man sich um
solches grämen konnte. Ach, die verlorene Zeit!
Sie, die keine Ahnung davon hatte, was in ihm vorging, schäkerte
weiter. Was er denn jetzt vorhabe? Ob er hier bleiben oder nach Europa
gehen wolle? Wenn er im Lande bliebe, würde er nun wohl auch daran
denken, einen Hausstand zu gründen, ein Weib zu freien.
„Ich?“ sagte er verwundert. „Ich, in meinen Jahren? Das habe ich
versäumt, wie manches andere, wichtigere.“
„Jetzt sind Sie nicht ehrlich,“ meinte Frau Ernestine Weinberger. „Sie
befinden sich noch in den Jahren. Sie sehen viel jünger aus, als Sie
sind. Auf Ihrer einsamen Insel haben Sie sich gut konserviert ...
Warten Sie, ich will ein unbefangenes Kind raten lassen, wie alt Sie
sind ... Fifi, rat’ einmal, wie alt Herr Dr. Löwenberg ist.“
Fräulein Fifi Weinberger, das unbefangene Kind, blickte ihn ein bißchen
an, senkte dann die Augen und lispelte:
„Anfang der Dreißig, Mama!“
„Ach nein, liebes Fräulein! Da haben Sie mich nicht genau angesehen.“
„Oh doch!“ lispelte sie wieder. „Ich sah Sie ja neulich in der Oper,
als Sie mit Mirjam Littwak waren.“
„A propos,“ sagte Ernestine, „wie gefällt Ihnen Mirjam Littwak? Ich
meine nicht: äußerlich. Sie ist ja ganz hübsch. Aber ihre Art, ihre
Pose. Sie thut ein bißchen groß mit Pflichterfüllung und solchen
Scherzen. Sie spielt Lehrerin. Das ist jetzt hier das Neueste.“
Friedrich war empört:
„Meine Gnädige, so viel ich weiß, spielt Fräulein Littwak nicht die
Lehrerin, sondern sie ist es wirklich. Sie nimmt ihre Aufgabe so ernst,
wie es sich gebührt.“
„Schau, schau, wie Sie Fräulein Littwak verteidigen!“ spöttelte
Ernestine.
„Mein Freund giebt mir ein Zeichen,“ sprach Friedrich, indem er sich
erhob. „Wir müssen uns verabschieden.“
Er empfahl sich und ging mit seinen Freunden weg. Kingscourt faßte ihn
unter den Arm und sagte:
„Fritz, raten Sie mal, was ich mir die ganze Zeit in der furchtbar
netten Gesellschaft jedacht habe!“
„Keine Ahnung!“
„Daß es für uns Zeit wird, abzureisen. Darum waren wir doch nicht
Räuber und Mörder, um beim Vertreter der Barone von Goldstein zu enden.
Oder wollen Sie vielleicht hier vor Anker jehen?“
„Sie fragen, Kingscourt? Sie wissen sehr gut, daß ich Ihnen gehöre und
mit Ihnen gehe, wann Sie wollen, wohin Sie wollen.“
Da blieb der Alte stehen und drückte ihm die Hand.