Steineck machte ein verzweifeltes Gesicht. Mit Stegreifreden hatte er
gewöhnlich kein Glück.
Im Haufen der Landleute öffnete sich eine Gasse. „Reb Schmul kommt!“
hatten einige gerufen, und man machte ihm ehrfurchtsvoll Platz.
Rabbi Samuel war ein alter, gebückt einhergehender Mann von ungemein
mildem Wesen. Er nahm Davids Hand in seine zitternden Greisenhände und
begrüßte ihn herzlich, so daß man sehen konnte, er stehe nicht auf der
Seite Mendels und der Trotzigen.
Mirjam aber erzählte den Fremden in leisem Tone, wer dieser weißbärtige
Rabbi war. Er sei mit den ersten Einwanderern ins Land gekommen, als
diese jetzt so fruchtbare Ebene dürftig dalag und die Ebene von Asochis
dort hinter den nördlichen Höhen noch von Sümpfen durchzogen war, und
im Süden die weite Ebene von Jesreel noch die alte Mißwirtschaft
aufwies. Rabbi Samuel war der Tröster und Seelsorger der Männer von
Neudorf gewesen, die zum größten Teile von Rußland herkamen und den
Kulturkampf mit dem alten Boden aufnahmen. Er war und blieb der
einfache Landrabbiner, harrte bei seiner Gemeinde aus, obwohl er von
größeren Stadtgemeinden oft genug berufen worden war. Denn er wurde
wegen seines gottesfürchtigen und weisen Lebenswandels allgemein
verehrt. Der östliche Teil der Ortschaft, wo das Häuschen des Rabbiners
stand, hieß der Garten Samuels. Und an den Festtagen, wenn Rabbi Samuel
im Tempel von Neudorf predigte, kamen die Andächtigen von weit her, um
seinen Worten zu lauschen.
Der Vorsteher Friedmann ließ jetzt den Gästen den Willkommstrunk und
einen Imbiß reichen. Auf dem Platze hinter dem Gemeindehause war eine
luftige Halle improvisiert. An hohen Stangen und Baumästen waren lange
Streifen von Segeltuch gespannt, die genügenden Schatten gewährten.
Dahin begab sich die Menge.
Ein leichtes Gerüst war als Rednerbühne aufgerichtet. Davor, in der
ersten Reihe, standen Stühle für Rabbi Samuel und die Gäste. Die
Uebrigen hatten Bänke, oder sie mußten stehen.
Friedmann sprach zuerst und ermahnte die Zuhörer, die Redner nicht zu
stören, auch wenn man nicht mit allem Vorgebrachten einverstanden wäre.
Das verlange der gute Ruf von Neudorf. Dann gab er dem Architekten
Steineck das Wort. Dieser bestieg die Erhöhung, räusperte sich mehrmals
und begann, erst stockend, dann immer lebhafter:
„Liebe Genossen! Mir ist — hm ein — hm — Unfall zugestoßen, auf der
Reise — hm. Ich habe nämlich meine — hm — meine Rede verloren. Ich habe
mir nämlich für euch eine Rede ausgearbeitet. Es war eine gute, schöne
Rede, das müßt ihr mir glauben, weil ihr sie nicht kennen lernen
werdet.“
Einige lachten. Steineck fuhr fort:
„Wir sind in unserer neuen Gesellschaft — hm — an einem Wendepunkt
angelangt — hm — an einem Wendepunkt. Ich sage euch nichts als das: an
einem Wendepunkt!“
Redner wischte sich den Schweiß ab.
„Worin besteht dieser Wendepunkt, meine lieben Freunde? ... Aber bevor
ich mich diesem Wendepunkt — hm — zuwende, möchte ich — hm — auf die
Vergangenheit zurückgreifen. Was war die Vergangenheit, eure, unsere
Vergangenheit? Hm? Das Ghetto!“