„Doktor Eichenstamm!“ ergänzte David. „Er ist der Präsident, den wir
uns gewählt haben.“
„Und der hat uns nach zwanzig Jahren wiedererkannt?“ staunte Kingscourt
noch immer.
Dr. Werkin sagte: „Seine Tochter hat die Herren erkannt und den
Präsidenten auf Sie aufmerksam gemacht.“
David wandte sich an den Sekretär:
„Darf ich mitkommen, Herr Doktor?“
„Gewiß, Herr Littwak. Der Präsident möchte von Ihnen etwas über Ihren
Kampf mit dem Geyer hören.“
Sie ließen sich von Dr. Werkin nach der Präsidentenloge führen. In dem
eleganten kleinen Salon, der durch einen Thürvorhang vom offenen Teile
der Loge getrennt war, erwartete sie der alte Präsident stehend, auf
einen Stock gestützt.
„Welch ein Wiedersehen, meine lieben Herren, nicht wahr?“ sprach der
Alte mit leise zitternder Stimme und reichte einem nach dem anderen die
freie Hand.
„Ja, hol’ mich der Deibel, Herr Präsident, wenn ich das alles erwartet
habe.“
„Wir wollen uns setzen, meine lieben Herren — ich bin nicht mehr sehr
rüstig, Sie sehen!“ lächelte der Präsident und sank in den Lehnstuhl,
den ein Diener heranschob. „Ja, ja — für unser Volk ist dies jetzt die
bessere Zeit, aber für mich war es jene. Sie wissen: senectus ipsa
morbus ... Nun, wie es kommt, so muß es uns Menschen recht sein.“
Dann deutete er auf die neben ihm stehende Dame, die sehr einfach in
schwarze Seide gekleidet war: „Meine Tochter Doktor Sascha hat Sie
erkannt und mich an den Tag von der Klagemauer erinnert. Ach, das ist
weit, meine lieben Herren!... Ja, ja, die einstige Klagemauer!“
„Die einstige?“ sagte Friedrich. „Ist sie auch nicht mehr? Nicht einmal
dieser letzte Rest?“
Der Präsident betrachtete ihn kopfschüttelnd: „Sie waren wohl noch
nicht in Jerusalem, da Sie so fragen?“
David näherte sich bescheiden:
„Nein, Herr Präsident! Die Herren sind erst angekommen. Sie haben noch
sehr wenig sehen können.“
Der Präsident legte dem Sprecher freundlich die Hand auf den Arm: „Ich
freue mich, Sie zu sehen, mein lieber Littwak. Ich freue mich immer
über Sie, besonders jetzt. Halten Sie nur aus in dem Kampfe! Sie haben
Recht, Geyer hat Unrecht. Mein letztes Wort an unsere Juden wird sein:
Der Fremde soll sich bei uns wohlfühlen! Und Sie, Littwak, Gott erhalte
Sie so, wie Sie sind ... Sie haben noch wenig von unserem Lande kennen
gelernt, meine lieben Herren? O doch, Sie kennen einen unserer Besten.
Auf diesen David Littwak da bin ich stolz, wie wenn ich etwas dafür
könnte, daß er so tüchtig und rechtschaffen ist.“
David war blutrot geworden. Er senkte die Augen, wie ein Knabe und
stammelte: „Herr Präsident! ...“
„Lassen Sie es sich gefallen, Littwak, daß ich Sie ins Gesicht lobe.
Ich bin ein alter Mann und will von Ihnen nichts erschmeicheln ...
Sehen Sie, meine lieben Herren aus der Fremde: ich bin die Welle, die
geht, und er ist die Welle, die kommt ... Gieb mir auch ein Täßchen
Thee, Sascha!“
Der Thee wurde nach russischer Art serviert. Als die Herren im Laufe
des Gespräches erwähnten, daß sie zwanzig Jahre ferne von der
Kulturwelt gelebt hätten, meinte Dr. Sascha:
„Thut es Ihnen nicht leid um die versäumte Zeit? Sie hätten an so viel
Großem mitwirken, so vielen Menschen Gutes erweisen können.“
„Nee, gar nicht leid, Fräulein Doktor!“ erklärte Kingscourt. „Wir sind
zwei ausgepichte Menschenfeinde. Wir wollen niemandem Gutes thun, als
uns selbst. Das ist unser olles Programm. Was, Fritze?“
„Sie scherzen!“ sagte Sascha darauf. „Ich verstehe wohl, daß Sie
scherzen. Gutes thun, ist doch ein Glück, dem nichts anderes
gleichkommt.“
David sprach: „Fräulein Sascha redet aus Erfahrung, denn sie kennt
dieses Glück. Sie leitet die größte Augenklinik der Welt. Wenn Sie es
erlauben, Fräulein Doktor, will ich die Herren in Ihre Anstalt führen,
sobald wir nach Jerusalem kommen. Dort ist schon vielen Menschen das
Augenlicht gerettet oder wiedergegeben worden. Es war eine ungeheure
Wohlthat für die orientalischen Länder. Patienten kommen aus ganz Asien
und Nordafrika. Der Segen, der von unseren Heilanstalten wie ein Strom
ausgegangen ist, hat uns hier in Palästina und in den Nachbarländern
noch mehr Freunde gemacht, als alle unseren technischen und
industriellen Einrichtungen.“
Fräulein Sascha wehrte das Lob ab: „Herr Littwak überschätzt meine
geringen Leistungen. Ich habe nichts neues gemacht. Aber wir haben
einen großen Mann im Lande, das ist Steineck, der Bakteriologe. Das
Institut Steineck müssen Sie kennen lernen, da werden Sie Ehrfucht
empfinden.“
„Haben Sie schon einen Reiseplan, meine lieben Herren?“ fragte der alte
Dr. Eichenstamm.
„Zunächst will ich meine Gäste nach Tiberias führen, Herr Präsident.
Wir fahren morgen zu meinen Eltern.“
„Zum Pessachfeste, nicht wahr?“ sagte der Präsident. „Grüßen Sie Ihre
Eltern von mir, Littwak! Und wenn die Herren nach Jerusalem kommen,
bringen Sie sie auch in mein Haus. Ich rechne darauf.“
Er reichte wieder jedem der Herren die Hand, und sie nahmen Abschied,
weil die hereindrängenden Klänge des Orchesters den Beginn des dritten
Aktes anzeigten.
Als sie nun durch das leere Foyer schritten, rief Kingscourt:
„Scheint ein braver Kerl zu sein, Euer Präsident. Aber ’n bißchen alt
und gebrechlich. Warum habt Ihr Euch gerade den ausgesucht?“
„Das kann ich Ihnen mit einem Wort sagen, Mr. Kingscourt,“ erwiderte
David. „Wir haben ihn gewählt, weil er es nicht wollte.“
„Oho, das ist noch schöner.“
„Ja, wir haben einen Grundsatz bei unseren Weisen gefunden: Die Ehren
gebe man dem, der sie nicht sucht!“