Friedrich sagte: „Ja, ich bin heute auch zu Löfflers eingeladen.“

Herr Schiffmann hatte eine Zeitung in die Hand genommen und rief aus:

„Das ist doch sonderbar!“

„Was denn?“

„Diese Annonce!“

„Ah, Sie lesen auch die Annoncen?“ sagte Friedrich ironisch lächelnd.

„Wie heißt: auch?“ erwiderte Schiffmann. „Ich lese hauptsächlich die

Annoncen. Die sind das Interessanteste in der Zeitung — vom

Börsenbericht abgesehen.“

„So? Ich habe den Börsenbericht noch nie gelesen.“

„Nun ja, Sie! ... Aber ich! Ich brauche nur einen Blick auf den

Kurszettel, so sag’ ich Ihnen die ganze europäische Lage ... Dann

kommen aber gleich die Annoncen. Sie haben keine Ahnung, was da alles

drin steht. Das ist, wie wenn ich auf einen Markt geh’. Da giebt es

eine Menge Sachen und Menschen zu verkaufen. Das heißt: zu verkaufen

ist ja eigentlich alles in der Welt — nur der Preis ist nicht immer zu

erschwingen ... Wenn ich da hereinschau’ in den Inseratenteil, erfahr’

ich immer, was es für Gelegenheiten giebt. Alles soll man wissen,

nichts soll man brauchen ... Aber da seh’ ich schon seit ein paar Tagen

eine Annonce, die ich nicht versteh’.“

„Ist sie in einer fremden Sprache?“

„Da sehen Sie her, Doktor!“ Schiffmann hielt ihm das Blatt hin und

deutete auf eine kleine Anzeige, die so lautete:

„Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit

ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu machen. Anträge unter

N. O. Body an die Expedition.“

„Ja, Sie haben recht,“ sagte Friedrich, „das ist ein merkwürdiges

Inserat. Ein gebildeter und verzweifelter junger Mann! Solche sind

vielleicht zu finden. Aber der Nachsatz macht die Sache schwerer. Wie

verzweifelt muß einer sein, wenn er mit seinem Leben ein letztes

Experiment wagen soll.“

„Er scheint ihn auch nicht gefunden zu haben, der Herr Body. Ich seh’

die Annonce immer wieder. Wissen möcht’ ich aber doch, wer dieser Body

mit dem sonderbaren Geschmack ist.“

„Das ist niemand.“

„Wie heißt niemand?“

„N. O. Body — nobody. Niemand auf Englisch.“

„Ah, so ... Ans Englische hab’ ich nicht gedacht. Alles soll man

wissen, nichts soll man brauchen ... Aber es wird Zeit, wenn wir nicht

zu spät zu Löfflers kommen wollen. G’rad’ heute muß man pünktlich

sein.“

„Warum gerade heute?“ fragte Löwenberg.

„Bedaure! Kann ich nicht sagen. Bei mir ist Diskretion Ehrensache ...

Aber Sie können sich auf eine Ueberraschung gefaßt machen ... Kellner!

Zahlen!“

Eine Ueberraschung? Friedrich empfand plötzlich eine unbestimmte Angst.

Als er mit Schiffmann das Kaffeehaus verließ, bemerkte er einen Knaben

von etwa zehn Jahren außen in der Thürnische. Der Junge hatte in seinem

dünnen Röckchen die Schultern hoch hinaufgezogen, die Arme verschränkt

an den Leib geklemmt, und er stampfte mit den Füßen den leicht

herangewehten Schnee dieses geschützten Winkels. Das Hüpfen nahm sich

beinahe possierlich aus. Aber Friedrich sah, daß das arme Kind in den

zerrissenen Schuhen bitterlich fror. Er griff in die Tasche, suchte

beim Scheine der nächsten Laterne drei Kupferkreuzer aus dem Kleingelde

hervor und gab sie dem Knaben. Dieser nahm sie, sagte leise mit

fröstelnder Stimme „Dank!“ und lief schnell davon.

„Was? Sie unterstützen den Straßenbettel?“ sagte Schiffmann indigniert.

„Ich glaube nicht, daß dieser Kleine sich zum Vergnügen im

Dezemberschnee herumtreibt ... Mir scheint auch, es war ein

Judenjunge.“

„Dann soll er sich an die Kultusgemeinde wenden oder an die

israelitische Allianz und nicht am Abend bei Kaffeehäusern

herumstehen!“

„Regen Sie sich nicht auf, Herr Schiffmann, Sie haben ihm doch nichts

gegeben.“

„Mein lieber Doktor,“ sagte Schiffmann bestimmt, „ich bin Mitglied des

Vereins gegen Verarmung und Bettelei. Jahresbeitrag ein Gulden.“

Altneuland · 第 7 / 77 题