VON FRANZ DÜLBERG.

(Hierzu Tafel VI.)

Die Gemäldegalerie des Germanischen Museums in Nürnberg ist seit

einigen Monaten im Besitz eines Gemäldes von Lucas van Leyden, das an

Umfang (h. 1,95, br. 2,40 m) nur seinem Leydener Jüngsten Gericht,

an künstlerischer Bedeutung nur diesem seinem Hauptwerk, sowie

der berühmten Heilung des Bartimeus in der Petersburger Ermitage

und vielleicht den reizenden Kartenspielern bei Lord Pembroke in

Wiltonhouse nachsteht. Die Erwerbung ist erfreulich einerseits, weil

das Bild während des letzten Jahrzehnts den Blicken der Kunstfreunde

völlig entzogen war, andererseits weil es den Meister in der Stadt

Albrecht Dürers vertritt. Hat doch Dürers Werk dem Holländer die Motive

für manche seiner kleineren Stichkompositionen, ja für das Bildnis

Maximilians sogar die Vorlage gegeben, war doch der Nürnberger Meister

in Antwerpen bei Meister Lucas zu Gast geladen, den er dann »mit dem

Stift konterfeite« und hat er doch »den ganzen Druck« des Genossen

teuer um »8 Gulden seiner Kunst« ertauscht! Nur schade, daß von Dürer

selbst so wenig in Nürnberg verblieben ist!

Das Bild stellt den IV. Mose 20, 1-13 erzählten Vorgang dar, wie in

der Felswüste Zin Moses, von den verschmachtenden Israeliten gedrängt,

auf Gottes Geheiß durch den Schlag seines Stabes den Steinen Wasser

entlockt. Der Augenblick nach dem Wunder ist gewählt »et bibit synagoga

et pecora eorum;« doch hat Lucas, dem die Wiedergabe von Tieren nur

einmal, in dem Stiche »Die Melkerin«, trefflich gelang, die Beteiligung

des Viehes auf eine im Hintergrund heranziehende Karawane eingeschränkt.

Die Geschichte Mosis wurde von der alten Leydener Schule oft behandelt:

die Aufrichtung der ehernen Schlange gab Cornelis Engebrechtsz auf

dem rechten Flügel der Leydener Kreuzigung den Stoff zu seiner

bedeutendsten Kompositionsleistung, Lucas selber schuf jenen Tanz um

das goldene Kalb, ein Bild derber Ausgelassenheit, das Sandrart beim

Buchhalter Jan Lossert in Amsterdam sah und das 1709 in unmittelbarer

Nachbarschaft der Darmstädter Holbeinmadonna versteigert wurde[188];

der letzte Ausläufer der Gruppe endlich, Aertgen van Leyden, malte für

den Leydener Quirinck Claesz. den Untergang Pharaos im roten Meere.

Unser Bild hing bis zum Jahre 1891 in Rom in der Villa Borghese, dort

aber der in der borghesischen Sammlung so reich vertretenen Schule

von Ferrara zugezählt. Ein nicht ganz unbegreiflicher Irrtum: sind

doch unter allen italienischen Schulen die Ferraresen am meisten

holländischer Art verwandt -- wie ja Dosso Dossis herrliche Dido

in der Doria-Galerie fast den Eindruck eines Rembrandt macht. Die

richtige Bestimmung auf Lucas van Leyden findet sich zuerst in der

von Bode herausgegebenen 4. Auflage von Bruckhardts »Cicerone«

(1879); Woltmann-Wörmanns Geschichte der Malerei und Hymans’ van

Mander-Ausgabe folgten. Bei der Errichtung des Fideikommisses über

die Galerie Borghese wurde das Bild ausgeschieden; es gelangte an die

Fürsten von Piombino[189] und nach nochmaligem Besitzwechsel 1900

an den Hofkunsthändler Julius Böhler in München[190] von dem es das

Germanische Museum erwarb.

Das Gemälde zeigt auf einem Steinblock links unweit der Mitte die

Jahreszahl 1527 und darunter das L, beides unzweifelhaft echt, in

den von den Stichen her bekannten Zügen des Meisters. So stammt es

also aus dem Jahre jener prunkenden Reise nach Seeland, Flandern und

Brabant, die Lucas in Gemeinschaft Mabuses unternahm und von der er

die Todeskrankheit mitbringen sollte! Übrigens tragen nur noch zwei

seiner bisher bekannten Bilder Zeichen und Jahreszahl von der Hand

des Meisters: das Votivdiptychon in der Münchener Pinakothek aus dem

Besitz des Frans Hooghstraet und Kaiser Rudolphs, von 1522, und die

Mönchspredigt des Ryksmuseums, die rechts über der Thür nicht ganz

deutlich die Zahl 1530 hat.

Die Schicksale des Werkes lassen sich nicht weit zurückverfolgen. Zwar

erwähnt -- worauf Piancastelli hinwies -- schon Scannelli[191] ein

Gemälde von Lucas van Leyden im Besitz der Borghese, doch gibt er den

Gegenstand nicht an. Weder Gerard Hoets Catalogus noch die von Bredius

gesammelten Archivalien geben uns hier Aufschluß. Vielleicht ist uns

hier aber eine Stelle van Manders von Bedeutung, die von einem anderen

Bilde handelt. In Leyden -- ob es bei Dirk van Sonneveldt oder bei

dem Dilettanten Job. Ariaensz. Knotter war, erinnert er sich nicht

mehr genau -- hatte er ein Bild in Tempera auf Leinwand von unseren

Künstler gesehen, das Elieser und Rebekka am Brunnen darstellte: in

schöner, tiefer Landschaft sah man besonders anmutige Frauen in den

abwechslungsreichen Stellungen, zu denen das Wasserholen Anlaß gibt.

Nun ist auch unser Gemälde in Tempera auf Leinwand ausgeführt, es ist

gleichfalls alttestamentlichen Stoffes und vor allem: es wandelt ebenso

das Motiv des Wasserholens in reichster Weise ab. Wäre da die Vermutung

zu kühn, daß unser Bild einst mit jenem Verschollenen über die Wand

desselben Zimmers gespannt war?[192]

Wenn schon 70 Jahre nach Lucas Tode van Mander die Verwüstungen

beklagt, die die Feuchtigkeit der Wände in dessen, damals bei einem

Brauer in Delft befindlichen Temperabildern aus der Geschichte Josephs

angerichtet hatte, so werden wir uns heute nicht wundern dürfen,

daß unser in gleicher Technik ausgeführtes Gemälde nicht unversehrt

auf uns gekommen ist. Zwei der glänzenden Seiten des Meisters, die

feine Abstufung der landschaftlichen Gründe und die geschmackvolle

Farbenwahl, erscheinen hier durch die Unbill der Jahre verkümmert; die

Landschaft ist zumal zu den Seiten verschwommen und ohne Tiefe. Das

Kolorit hat an Geschlossenheit sehr verloren, so daß die ursprüngliche

Farbenwirkung nicht mehr vollkommen augenscheinlich ist. Störend wirkt

jetzt namentlich der mehrmals wiederholte Gegensatz eines stumpfen Grün

und kräftigen Rot. Immerhin bleibt noch ein bedeutender malerischer

Eindruck, der zumal den delikaten Gewandfarben in der -- am besten

erhaltenen -- Hauptgruppe im Moses zu verdanken ist; manches werden wir

uns -- da wir von Lucas ein zweites Temperabild bisher nicht haben --

etwa nach der dem gleichen Schulkreise angehörigen »Sibylle von Tibur«

in der Wiener Akademie rekonstruieren müssen.

Die Ausführung ist von größter Sorgfalt. Wie an Dürers Apostelköpfen in

den Ufizi, ist fast jedes Haar einzeln gemalt. Die Zierrate, zumal an

den Gewändern der vornehmsten Personen, fein mit spärlichem Blattgold

gegeben.

Der Aufbau des Bildes benutzt mit einem seit Geertgens Felsenkoulissen

in der holländischen Malerei eingeführten Kompositionsmittel das

steinige Terrain der Felswüste zur wirkungsvollen Scheidung der

Gruppen; ähnlich wie zumal auf frühen Stichen des Meisters[193]

beherrscht den Mittelpunkt der Landschaft ein zerklüfteter Felshügel

mit schlanken Bäumen, deren Kronen der Rahmen abschneidet. Die Mitte

ist von Figuren leer. Die Führer stehen rechts im zweiten Plan in

hellbeleuchteter, ruhiger Gruppe. Die gelagerte und bewegte Volksmenge

umzieht sie in doppelter, nach links hin schwererer Ellipse; im

vorderen Bogen die Tränkenden und Trinkenden, im hinteren Bogen die

Wasserholenden.

Gesenkten Hauptes steht Moses, träumerisch mehr denn befehlend hält er

den wunderwirkenden Stab in der Rechten. Das feine langbärtige Gesicht

läßt wohl den Kummer über den wundersüchtigen Wankelmut des Volkes,

das Leid der Strafe, die Gott dem Erzwinger des Wunders verkündet

hat, erkennen: »Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen!« Ein

rationalistischer Zug des Künstlers ist es, daß die traditionellen

Hörner einfach als aufgerichtete Haarlocken gegeben sind[194]. Die

Kleidung zeigt geschmackvollen Prunk; der Mantelkragen grau mit

Goldborten, die Oberärmel grün und fleischrot, die Unterärmel blau, das

in Röhrenfalten fallende Gewand hellgrau, die Stiefel violettrötlich.

Vertrauender blickt Mosis linker Nachbar Aaron ihn an. Das kräftige,

viereckige Gesicht mit dem kurzen, breiten Backenbart, das sich

ähnlich an einer zweiten Figur des Bildes wiederholt, und noch mehr

die stolze, senkrechte Linie der Gestalt erinnern an die Typen jenes

halbverschollenen, begabten Schülers unseres Meisters, des Jan Swart

van Groningen; der prachtvolle Fluß des leuchtenden Mantels gibt

Dürers glänzendsten Gewandstudien nichts nach. Aarons Turban ist rot,

graugrün umwunden, der reichbrokatierte Talar von hellstem Violett, der

Mantel hellorange, die Schuhe rot. Wie links der Priester, so steht

rechts der Krieger Moses zur Seite. Mit scharfem Blick wendet er ihm

das gedrungene Gesicht zu; bestimmt spricht die halberhobene Rechte;

die hängende Linke hält sicher das breite Schwert, dessen Griff der

Maler entsprechend seiner Art, alles Ornamentale zu verlebendigen, in

einen Tierkopf auslaufen ließ. Seine Tracht ist prunkend: graugrüner,

schwerer Turban, olivengrüner Schnürrock, merkwürdig gepolsterter,

orangeroter Ärmel. Unter dem halben Dutzend Nebenfiguren der Gruppe

sehen wir einen Phlegmatiker mit Doppelkinn in Vorderansicht, das

Profil eines Greises mit hängender Judennase, hängender Lippe und

gedrehten Bartlocken, der zusammen mit einigen anderen Gestalten

unseres Bildes, auf das auch in der 4 Jahre später gemalten

Heilung des Blinden[195] zu Tage tretende Rassenstudium unseres

Künstlers hinweist, und einen zigeunerhaft schönen, jungen Mann mit

halbentblößtem, hängenden Arm rechts am Abschluß des Kreises.

Eine kleine Novelle erzählen uns die drei als Eckgruppe rechts

vorgelagerten Personen: mit vollem dankbarem Blick empfängt das hübsche

junge Mädchen das Wasser, das der bärtige Mann mit beiden Händen aus

der schweren Kanne in ihre Schale gießt; ehrenfest zu Moses und Aaron

aufsehend, sitzt der bartlose Alte dabei. Die feinen Züge und die

geringelten Locken des Mädchens lassen an manche Köpfe vom linken

Flügel des »Jüngsten Gerichts« denken, die wulstige Kopfbedeckung trägt

auch eine Frau rechts auf der »Heilung des Blinden«. Der Einschenkende

gibt eine zumal mit dem ausgestreckten linken Bein gut raumfüllende

Rückenfigur, zugleich einen Haubenstock für die etwas allzugern

ausgebrachten Kostümstudien des Künstlers: weißer, breitrandiger,

runder Topfhut, geschlitztes, ausgebauschtes und gezacktes rotes Wamms,

olivengrüner Unterrock, grüne Ärmel und gelbe Stiefel. -- Der Alte

erscheint in gelb und orange, das Mädchen in rosa und graugrün. Das

etwas entfernter der eigentlichen Mitte des Bildes nächste Paar zeigt

uns Jugend und Alter. Die bequem gelagerte junge Frau führt ruhig mit

der Rechten die Schale zum Munde und gießt zugleich mit der Linken

aus bauchigem Thonkrug dem knieend zu ihr aufblickenden Alten in den

Napf, den er mühsam am Boden hält. Ihr Gesicht ist üppig und etwas

schwermütig, die Hand an der Schale und der entblößt fortgestreckte

Fuß sind, wie auf Stichen des Meisters, etwa Mars und Venus, ein wenig

knochig und krampfig geraten. Das verschmitzte, breite Antlitz des

Mannes mit der pfropfig aufgestülpten Nase und dem Doppelkinn ist

das einzige bewußt häßliche auf dem Gemälde, noch den Pöbeltypen des

Engebrechtsz, verwandt. Links im Vordergrunde sehen wir zwei Kinder in

guter Kameradschaft: der etwas ältere Knabe kriecht heran und schiebt

den anderen, der mit beiden Händen und vollen Backen gierig zugreift,

die Kürbisflasche an den Mund; jener ist in grünem Röckchen und

trefflich behandeltem weißen Hemd, dieser in Rotorange. Ganz ähnliche

Kinderfiguren tummeln sich ja auch auf dem 2 Jahre früher entstandenen

Prachtstich »Vergil im Korbe« links im Vordergrund herum. Die

mütterliche Pflege vertritt als linke Abschlußgruppe die junge Frau mit

hübschen, etwas abgehärmtem Profil, die aus blauem Glase dem stämmigen

Kinde zu trinken gibt und ihm zärtlich dabei die Hand von hinten her

auf die Schulter legt. Ihr Kragen ist rot, der Ärmel grün; sehr gut ist

die Linie des im Knie aufruhenden rechten Beins unter dem weißen Gewand

ausgedrückt.

Als Vorderste der Wasserholenden erscheinen im Mittelgrunde, der

Mosesgruppe gerade gegenüber, zwei Paare; als Erster an der Quelle

und zugleich als zweite, äußerst geschickt gestellte Rückenfigur

des Bildes, ein Mann, der den Körper nach rechts hin lehnend, den

rechten Arm auf dem bedeutungsvollen, das Zeichen des Künstlers

tragenden Steinblock ruhen läßt, mit beiden Händen eine große Flasche

an den Felsen hält, den Kopf aber ausspähend nach der links aus

der Ferne nahenden Karawane zu wenden scheint. Sein geteilter, am

Ärmel geschlitzter Rock ist feuerrot, der langbetroddelte Kragen

dunkelgrün, das Hemd weiß. Ziemlich gelangweilt blickt die bei ihm

stehende, gewöhnlich aussehende, stumpfnasige Frau in bauschiger Mütze

uns an; der Finger ihrer Linken scheint auf die ihr Kind tränkende

Mutter hinzuweisen, an der Rechten hält sie wie einen Handkoffer, ein

breites, faßartiges Gefäß. Links von Beiden hört ein derbfrisches,

reichgeschmücktes junges Mädchen, eine Henkelkanne an der kräftigen

Hand, einem mit aufgerissenem Auge und spitzer Handbewegung auf sie

einredenden, schwarzhaarigen und bärtigen Orientalen zu, der sich eine

mächtige Tonne auf den Rücken geschnallt hat: sie in gelb und grau

gestreiftem Kragen, roten Ärmeln und Brusttuch und schwarzen Kleid; er

in grünem Rock und roten Ärmeln.

Entfernter naht, durch eine Böschung getrennt, eine zweite

Vierergruppe. Der Vorderste, gerade vor der Spitze des Mittelfelsens

stehend, kommt mit schwerem, breitem Schritt, eine Tonne unter dem

entblößten Arme. Etwas bedenklich richtet er das edel geschnittene,

in der Form dem des Aaron verwandte Gesicht auf die Menge der schon

Trinkenden und bedeutet mit der freien linken Hand den Nachbar, der

ihn mit stechenden Augen unruhig ansieht. Die virtuos gezeichnete

Gestalt läßt in der mächtigen, hochgezogenen Schulter und der starken

Muskulatur des Armes schon etwas den in den Stichen seit 1528

auftretenden, durch Mabuse vermittelten Einfluß italischen Aktprunkes

erkennen. Das Hemd des Mannes ist gelbrot. Der andere hält eine Kanne

an der linken Hand und erscheint mit Knebelbart, Schmachtlocken,

asiatischer spitziger Pelzmütze und graugrüner Kleidung. Tiefer im Wege

folgt eine Frau, die ihr Kind im Gewande am Busen birgt, und, fast von

ihr verdeckt, ein lederfarbener Alter mit lebensvollstem Blick, ein

Kopf, der unmittelbar an Rembrandts Rabbinerbilder gemahnt.

In einer Felsenspalte zwischen dieser Gruppe und denen um Moses sehen

wir noch die wohl auch zu den Wasserholenden gehörende Figur eines

Mannes mit in einander gelegten Händen, die sich in ihrer braunen

Gewandung kaum von den Felsen abhebt.

Ebenso wie diese Gestalt, hat auch die im Hintergrunde links in

kleinem Maßstabe gemalte, mit ihren Kamelen heranziehende Karawane

durch die verwischende Feuchtigkeit gelitten. Nur wenig erkennen wir

von einem Reichtum geistvoller Züge, den Lucas hier ähnlich wie unter

die Patriarchen in der Ferne des Himmels auf seinem ein Jahr früher

entstandenen Leydener Jüngsten Gericht[196], ausgestreut hat.

Links wie rechts im Mittelgrunde erblicken wir die befriedigt mit

dem geholten Wasser Abziehenden. Die linke, weitaus stärkere Gruppe

wird beherrscht durch die Profilgestalt eines Mannes, der tapfer

ausschreitend mit der rechten Hand eine umreifte hölzerne Kanne auf

der linken Schulter festhält und mit dem nervigen linken Arm das

Gewand aufschürzt. Die Haltung, die edlen römischen Züge, der graue,

fließende Bart, die quellenden Locken, durch die sich ein Stirnband

windet, der große Wurf der Gewandung, die Farbenwahl -- graues Hemd,

hellbrauner rot geränderter Rock, schwarze Strümpfe -- das alles ist

mit dem Schwung und der Vornehmheit eines Moretto angelegt. Neben ihm

geht ein Junge, der mit andächtiger Freude die eifrig festgehaltene

Wasserflasche betrachtet; beiden folgt eine Frau in scharfer

Seitenansicht, auf dem Kopf eine edel geformte und ornamentierte Vase

tragend, und ein fast verdeckter kleiner häßlicher Mann in verlorenem

Profil. -- Auf der rechten Seite erkennt man einen abgewendeten Mann

mit der Tonne auf dem Rücken und eine stumpf zurückschauende junge Frau

mit dem Kindchen an der Brust.

In dem ganzen Bilde, welch eine Fülle der Gesichte! Stundenlang

kann man in dem Gemälde spazieren gehen. Zumal manchen Stichen

gegenüber fällt das geringe Vorkommen stehender Typen, der Reichtum

an persönlich durchgebildeten Köpfen auf. Lucas’ altgerühmte Kunst

der Gewandbehandlung zeigt sich auf dieser Leinwand vielleicht am

glanzvollsten. Seine unversiegliche Erfindungskraft beweist er schon

in den unendlich mannigfaltigen Formen der Trink- und Schöpfgefäße.

Einzelne Wiederholungen, wie der zweimal im gleichen Plan nach rechts

ausgestreckte nackte Frauenfuß, die Nachbarschaft dreier Vierergruppen,

die Aufeinanderfolge von je 5 Männern und Frauen in der Diagonale von

links oben nach rechts unten, treten kaum ins Bewußtsein. Nicht nur an

die volkreichen Bibelszenen des großen Lucassammlers Rembrandt, auch

an den in guten Einfällen unerschöpflichen Leydener Jan Steen, der ja

den nicht häufigen Stoff ebenfalls in einem Gemälde des Frankfurter

Städel’schen Instituts behandelte, denkt man gerade vor diesem Bilde.

Im künstlerischen Entwicklungsgang des Lucas van Leyden gehört das

Gemälde in jene lange Reihe figurenreichster Kompositionen, die sich

etwa von den drei großen panoramenartigen Stichen -- Bekehrung Pauli

von 1509, Eccehomo von 1510, Calvarienberg von 1517 -- bis zu der

vielleicht spätesten Malerei des Meisters, der Petersburger Heilung

des Blinden, hinzieht. Das schon bei Geertgen im Wiener Bilde von den

Schicksalen der Gebeine Johannis des Täufers auftretende Bestreben,

die Gestalten ohne einen willkürlich angenommenen Mittelpunkt, der

Zufälligkeit des Lebens entsprechend, anzuordnen, hatte bei Lucas im

Eccehomo und noch mehr im Calvarienberg schließlich dahin geführt,

daß neben der Menge der prächtig gestellten Zuschauergruppen die

eigentlichen Hauptpersonen fast verschwanden, oder, wenn sie im Mittel-

oder Vordergrund verblieben, mit wenig Liebe behandelt wurden. So

lassen uns im Stiche, »Der Tanz der Magdalena« von 1519, dem unser

Gemälde in der Anordnung der gelagerten Vordergrundgestalten recht

verwandt ist, Magdalena selbst und ihr Partner ziemlich gleichgültig.

Noch im Vergil im Korbe von 1525 muß man den Helden der ganzen Anekdote

fast mit der Laterne suchen, und im Leydener Jüngsten Gericht,

jenem merkwürdigen Versuche, das Wunderbarste aller Ereignisse mit

naturalistischen Mitteln darzustellen, ist der Weltenrichter eine

der am wenigsten interessierenden Gestalten. Hier dagegen wird, bei

freiester Gruppenverteilung, bei einer recht eigentlich zentrifugalen

Komposition, die Aufmerksamkeit sofort auf die Führer des Volkes

gelenkt und Moses und Aaron sind die fesselndsten Erscheinungen des

Bildes. In der Heilung des Blinden endlich macht Lucas Christus und

Bartimeus auch räumlich zum Mittelpunkte des Ganzen und setzt zu Beiden

die zahlreichen Nebenpersonen mit größter Kunst in die lebhafteste

Beziehung.

[Illustration: SS. Petrus und Paulus. Stich von Lucas van Leyden.]

[Illustration: Zierleiste von H. Aldegrever.]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 71 / 80 题