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Zwei Jahre in New-York.
Schilderung einer Seereise von Havre nach
New-York
und
Charakteristik des New-Yorker politischen
und socialen Lebens.
Nach eigenen Erfahrungen
dargestellt
von
Christoph Vetter.
Hof.
Im Selbstverlage des Verfassers.
1849.
Den Freunden zur Erinnerung!
Den Lesern zur Unterhaltung!
Den Auswanderern zur Belehrung und Warnung!
von
dem Verfasser.
Vorrede.
Es wird keiner Entschuldigung bedürfen, daß der Verfasser der folgenden
Bogen mit einer Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen
Lebens vor das Publikum tritt. In dieser Zeit ernster Kämpfe hat Alles, was
sich auf Amerika bezieht, einen doppelten Reiz erhalten, da Tausende auf
dem westlichen Festlande allein Freiheit, Ruhe und Bürgerglück zu finden
hoffen.
Bei meiner Arbeit hat mich die Ueberzeugung geleitet, daß mancher Leser,
der sein Vaterland nicht zu verlassen gedenkt, nicht ohne einiges Interesse
Kunde von einer Stadt erhalten wird, in der sich großentheils das ganze
amerikanische Leben concentrirt; Auswanderer werden manchen Rath und manche
Anweisung finden, deren Befolgung ihnen um so mehr von Nutzen sein wird,
als den Verfasser die strengste Wahrheitsliebe geleitet hat. Für sie ist
besonders die Schilderung der Seereise geschrieben.
Wenn ich in dem Büchlein hie und da meiner Person Erwähnung that, so möge
dies der Leser nicht etwa einer kleinlichen Eitelkeit, sondern vielmehr
dem aufrichtigen Wunsche zuschreiben, durch eine Darstellung meiner eigenen
Erlebnisse den Auswanderer auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welchen
er entgegengeht; er soll durch die Erzählung meiner Schicksale und
Erfahrungen lernen, den Muth bei getäuschten Hoffnungen zu behaupten, da
Ausdauer immer, wenn auch spät, zum Ziele führt.
Diese Blätter machen keinen Anspruch auf einen höheren Werth; ihr Zweck ist
vollkommen erreicht, wenn sie dem Freunde ein Lächeln entlocken, dem Leser
einige Stunden Unterhaltung bereiten und die Auswanderer zur Vorsicht
ermahnen. Mit der Bitte um eine wohlwollende Beurtheilung sende ich sie
wenige Wochen vor meiner Rückreise in die Welt; ein theurer Wunsch ist mir
erfüllt, wenn sie dazu beitragen, daß mir auch in die Ferne das Wohlwollen
der Leser, wie die Liebe und Erinnerung meiner Freunde und Bekannten folgt.
Rehau, im October 1849.
Der Verfasser.
Inhaltsverzeichniß.
1stes Capitel. Seite
Havre. Eine Landsmännin. Elend armer Auswanderer. Die
Makler im Havre. 1-6
2tes Capitel.
Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart. 6-10
3tes Capitel.
Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen
dieselbe. 10-14
4tes Capitel.
Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein
Taufschein. 15-19
5tes Capitel.
Ein Sturm. Damenhüte. Bemerkungen über die
Einwanderung in Nord-Amerika. 19-25
6tes Capitel.
Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter
Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten. 25-31
7tes Capitel.
Schilderung der Küste. Staatenisland. Die Makler in
New-York. 31-41
8tes Capitel.
Die deutsche Gesellschaft und der deutsche
Volksverein. 41-45
9tes Capitel.
New-York. Die Battery oder der Castlegarden. Der
Broadway. Astorhaus. Das Amerikanische Museum. Der
Park und City-Hall. Die Vorfeier des vierten Juli. 46-54
10tes Capitel.
Die Feier des vierten Juli. Frechheit eines englischen
Matrosen. 54-60
11tes Capitel.
Eine Betrachtung über die Thätigkeit der Amerikaner.
Die Erlangung des Bürgerrechts. 61-68
12tes Capitel.
Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben
von Seite der in Deutschland existirenden Parteien.
Demokraten und Whigs. 68-79
13tes Capitel.
Die Nationalreformer. Deutsche communistische
Colonieen. 80-87
14tes Capitel.
Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte und
eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und
Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei. 88-94
15tes Capitel.
Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast. 95-99
16tes Capitel.
Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit.
Wirthschaften. Brauerei. Ausflüge. Kirchweihen. 99-108
17tes Capitel.
Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine.
Deutsche Bälle. 108-114
18tes Capitel.
Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre
Religiosität. Temperenzmänner. Rechte der Frauen. 115-129
19tes Capitel.
Die Küche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der
Valentinestag. Ihre Gastfreundschaft. 130-135
20stes Capitel.
Die New-Yorker Presse. 135-142
21stes Capitel.
Kunst. Theater. Musik. 143-148
22tes Capitel.
Lasterhöhlen. ~Washington-Street.~ Die ~Five-Points~.
Die Hinrichtungen. 149-155
23stes Capitel.
Allgemeine Notizen für Auswanderer. 155-164
Erstes Capitel.
Havre. Eine Landsmännin. Elend armer Auswanderer. Die Makler im Havre.
Die kurze Zeit, die der Verfasser dem Aufenthalte in Paris widmen konnte,
war um und der Tag der Abreise erschienen. Die wenigen Freunde, an die er
empfohlen war, gaben ihm beim Scheiden den Rath, die Reise von Rouen in's
Havre zu Fuße zu machen, da die Schönheiten des Rhonethales in vieler
Hinsicht denen des Rheinthales gleich kämen. Ich folgte der freundlichen
Mahnung, die zu bereuen ich keine Ursache gehabt haben würde, wäre ich
nicht am zweiten Tage von einem nebligen Regenwetter in Empfang genommen
worden, das mich nicht allein bis auf die Haut durchnäßte, sondern mir auch
den Genuß der reizenden Landschaft gänzlich verkümmerte.
Müde und erschöpft erreichte ich endlich das langgedehnte Incouville, eine
Vorstadt des Havre. Die erste Person, die mir in den menschenleeren Straßen
aufstieß, war ein junges Mädchen, welches trotz des Regens an einem
Brunnen mit Waschen beschäftigt war. »~La couronne d'or, s'il vous plait,
mademoiselle?~« fragte ich, mein Bischen Französisch und meine ganze mir im
Momente zu Gebote stehende Freundlichkeit zusammennehmend, um baldmöglichst
unter Dach und Fach zu gelangen. »Dös versteh' i net, i seyn erst acht
Täg hie!« war die naive Antwort, die mich eine Landsmännin erkennen
ließ. Nachdem ich für ihre freundliche Auskunft in gutem Deutsch auf's
Herzlichste gedankt hatte, gelangte ich endlich nach langem Hin- und
Herwandern in's ersehnte Gasthaus. Eine eigenthümliche Ueberraschung ward
mir gleich beim Eintritt in's Wirthszimmer, denn Gastzimmer will ich
es doch nicht nennen, zu Theil; ohngefähr 80-100 Personen jeden Alters,
Standes und Geschlechtes saßen an zwei langen Tafeln und verzehrten
ziemlich laut ihre Abendkost. Ich konnte mir nun schon eine Vorstellung
von der Gesellschaft machen, mit der ich für 5-6 Wochen in einen engen Raum
zusammengepfercht werden sollte.
Nachdem ich mich von den Reisestrapatzen in Etwas erholt hatte, machte
ich mich auf den Weg, um ein Paar alte Freunde und Landsleute aufzusuchen,
welche mir gleich nach dem Empfange die angenehme Eröffnung machten, daß
ich vor 8-10 Tagen an eine Abreise gar nicht denken dürfe, indem seit
längerer Zeit an 3000 Menschen ihre Einschiffung erwarteten. Diese Leute
hatten sich ihre Plätze bereits contractlich gesichert, was ich zu thun
unterlassen, späterhin aber auch nicht zu bereuen hatte, indem mir durch
gütige Vermittelung meiner Freunde nicht allein ein Platz auf einem guten
Schiffe, sondern auch eine einzelne Bettstelle ausgewirkt wurde, wofür ich
jenen noch heute zum freundlichsten Danke verpflichtet bin, da ich
durch letztere Begünstigung der Gefahr entgieng, von meinen seekranken
Bettgefährten mit unangenehmen Expektorationen belästigt zu werden.
Die Tage im Havre verflossen allmählig; so angenehm manche Stunde dahin
schwand, so schmerzlich wurde das Herz oft von den Leiden und Drangsalen
armer Landsleute berührt. Mancher wenig bemittelte Familienvater hatte sich
mit Weib und Kind aus ferner Heimath nach der weitentlegenen Hafenstadt
durchgeschlagen, um dort nach Aufzehrung der wenigen Habe am fremden
Strande liegen bleiben zu müssen, ohne die Weiterreise zur See antreten
zu können. Einzelne dieser Unglücklichen sind wieder nach Deutschland
zurückgekehrt; mancher Leser wird ihre zweirädrigen Karren an den
Straßenecken stehen sehen haben, welche nichts enthalten, als Lumpen und --
arme halb verhungerte Kinder.
Vielfach wurde von fühlenden Menschenfreunden vor unbedachtsamer
Auswanderung mittelloser Personen gewarnt, die, wenn sie auch zum ersehnten
Hafen gelangt sind, bei dem Ueberflusse von Arbeitern und ihrer Unkenntniß
der Sprache Nichts als ein Leben voll des größten Elendes, des drückendsten
Mangels und der schmerzlichsten Entbehrungen und Täuschungen erwartet. Die
Zahl dieser Unglücklichen ist so groß, daß trotz aller Unterstützung von
Seite mitleidiger Personen an eine gründliche Hülfe nicht zu denken ist.
Ich sah abgemattete und abgemagerte Auswanderer mit Weib und Kind in den
Straßen des Havre liegen und die Vorübergehenden anbetteln. Wurde ihnen
ein Sous zugeworfen, so beeilten sie sich, sich warme Kartoffeln, die
man gekocht auf den Straßen haben kann, einzukaufen, um den Heißhunger
zu stillen. Der Mensch ist gewiß spekulativ, da er selbst noch aus der
schrecklichsten Noth seinen Gewinn zu ziehen weiß!
Möge diese kurze, aber wahre Schilderung eine Warnung für unbemittelte
Personen seyn, welche leichtsinnig über die Noth und die Entbehrungen
hinwegsehen, die ihrer nothwendig auf so weiter Reise warten!
Selbst dem vermögenden Auswanderer drohen Gefahren von Seite betrügerischer
Wirthe und lügenhafter Beutelschneider. Es ist eine Schmach für den
deutschen Namen, daß unter allen Blutsaugern in der Fremde die Deutschen
bei weitem die ersten und gewandtesten sind, und jeder Reisende thut wohl,
dem Deutschen, der ihm seine Dienste freundlich und zuvorkommend anbietet,
von vorn herein unbedingt zu _miß_trauen. Durch alle mögliche Kniffe, Ränke
und Vorwände wird den Auswanderern das Geld aus der Tasche gelockt. Ein
Beispiel, das ich selbst erlebte, möge zur Vorsicht mahnen!
In einer Restauration, die ich öfter besuchte, bearbeitete ein deutscher
Makler einen ziemlich viel Geld führenden jungen Mann, im Havre auf
Spekulation Uhren einzukaufen, da er dieselben bei dem billigen Preise am
dortigen Platze in New-York hoch verwerthen könnte. Dieser wollte Anfangs
auf die Sache nicht eingehen, versprach aber, verlockt durch die Aussicht
auf einen schönen Gewinn, mit seinem Wirthe, der ihm wegen seines
gespickten Geldbeutels immer freundlich und herzlich entgegengekommen war
und ihm daher Vertrauen eingeflößt hatte, Rücksprache zu nehmen. Dieser
aber, ein Bundesgenosse sowohl des Maklers, als des Uhrhändlers, malte ihm
den Gewinn noch bedeutender vor, und der arme Jüngling gieng in die ihm
künstlich gelegte Falle. Er kaufte für circa 800 Franken Uhren, die er
in New-York kaum für den vierten Theil wieder los werden konnte, da er in
jeder Art und Weise auf's Vollkommenste betrogen war.
Reisende, die Rath und Hülfe gebrauchen, thun am besten, wenn sie sich an
ihre betreffenden Consuln wenden, von denen namentlich der b.....sche,
Herr M....l, wegen seiner Gefälligkeit und oft bewiesenen Humanität eine
ehrenvolle und anerkennende Erwähnung verdient. --
Zweites Capitel.
Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart.
Der Tag der Einschiffung nahte allmählig heran. Die Lebensmittel, für die
man im Havre selbst sorgen muß, nebst Bett und dem nöthigen Kochgeschirr
wurden an Bord gebracht. Wie freudig schlug mir das Herz, als ich das
schöne neubemalte Schiff bestieg, auf dem das bunteste und lebendigste
Treiben herrschte. Die poetischen und romantischen Empfindungen, die sich
mir für den Augenblick aufgedrängt hatten, sollten aber sofort in Nichts
zerrinnen, als ich über eine schlüpfrige Stiege in einem finstern Raum
hinabstieg, in dem ich erst nach mehreren Minuten die Gegenstände um mich
her erkennen konnte. Geschrei, Gekreische und Gezänke von Männern und
Weibern und die schrillenden Töne kleiner Kinder empfiengen mich von allen
Seiten und gaben mir bereits einen Vorgeschmack von dem, was ich in der
nächsten Zeit zu bestehen haben sollte.
Nachdem ich mich mit Mühe und Noth bis zu meiner Schlafstelle, die im
hintern Raume in der Nähe des Steuerruders war, hindurchgedrängt hatte,
richtete ich mich so gut wie möglich in meiner neuen Wohnung ein. Gegen
Mittag wurden die Anker gelichtet, und mit einem fröhlichen Hurrah
begrüßten Viele die Abfahrt, welche gewiß nicht so fröhlichen Muthes
gewesen wären, wenn sie eine Ahnung von dem gehabt hätten, was ihrer in
Amerika wartete. Manch feuchtes Auge aber blickte nochmals nach der Küste
und dachte des Vaterlandes und der daheim zurückgebliebenen Lieben, die es
vielleicht nicht mehr schauen sollte.
Ein Dampfschiff bugsirte uns aus dem Hafen; außer dem Lotsen, der im Havre
nie fehlen kann, hatten wir als Begleiter noch mehrere Gensdarmen an Bord,
welche ohngefähr fünf englische Meilen von der Küste die Pässe sämmtlicher
Passagiere untersuchten. Zugleich mußten die quittirten Ueberfahrtsverträge
vorgezeigt werden. Während dieses Aktes war die ganze Reisegesellschaft
auf dem Verdecke, damit von den Matrosen und den Dienern des Gesetzes
das Zwischendeck durchsucht werden könnte, um eingeschlichene Individuen,
welche entweder die Ueberfahrt nicht bezahlt haben oder den Händen der
Gerechtigkeit verfallen sind, aufzufinden. In der That brachten sie auch
einen armen deutschen Handwerksburschen in einem abgeschabten Sammetrocke
zum Vorschein, der die Passagekosten zu berichtigen vergessen hatte und
von einem weichherzigen Bauer unter sein Bett versteckt worden war. Trotz
seines Bittens und Flehens mußte er mit den Gensdarmen die unfreiwillige
Rückreise nach dem Havre machen, das er so bald wieder zu sehen sich wohl
nicht hatte träumen lassen.
Als uns der Lotse und die Gensdarmen mit ihrer Beute verlassen hatten, gab
der Capitain Befehl, das Schiff zu reinigen, was uns selbst sehr
nothwendig schien, da durch das Einladen und Einpacken bis fast zum letzten
Augenblicke der Abfahrt viel Unreinlichkeit und Schmutz auf das Verdeck und
in die unteren Räume gebracht worden war. Nach Beendigung dieser Arbeit,
der auch ich mich unterziehen mußte, da im Zwischendeck vollständige
»Freiheit und _Gleichheit_« herrscht, machte ich mich auf den Weg, um
meine Schiffsgesellschaft zu mustern. Mein nächster Nachbar war ein junger
Rheinbaier, Namens W......., der bereits fünf Jahre in Amerika gelebt
und das amerikanische Bürgerrecht erlangt hatte. Wir schlossen bald
Freundschaft, was das Angenehme für mich hatte, daß ich durch ihn, da er
von der ganzen Reisegesellschaft allein der englischen Sprache mächtig war,
bald in nähere und sehr angenehme Beziehungen zu dem Capitaine kam, welcher
sich durch Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit auszeichnete und sämmtliche
Passagiere ohne Ausnahme mit viel Humanität und Güte behandelte. Dieses ist
um so mehr von ihm zu rühmen, als man dergleichen nicht auf allen Schiffen
findet.
Durch meinen neuen Freund W....... als Dollmetscher erfuhr ich von unserem
Capitaine Higgins, daß seine Lila (so hieß das Schiff) in Baltimore gebaut
und ein sehr gutes Fahrzeug sey und er mit demselben schon die Reise von
Havre nach New-York in 20 Tagen gemacht habe, was für uns Beide nicht
unangenehm zu hören war.
So zuvorkommend sich der Capitain im Ganzen gegen mich benahm, so fiel mir
doch sehr auf, daß er gleich im Anfange unserer Bekanntschaft mit lautem
Lachen ausrief: »~the mustaches!~« Unangenehm berührt fragte ich meinen
Freund W......., was dieses Benehmen zu bedeuten habe? Noch lauter lachend
setzte mir dieser nun auseinander, daß der gute Higgins sich über meinen
»Schnurrbart« freue, der in New-York gewiß viel Aufsehen erregen werde.
Obschon ich bereits aus dem Spiegel die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß
der Schmuck meiner Oberlippe keine besondere Bewunderung verdiene, so
verdroß mich doch der Scherz, der mir von einem Fremden unartig schien,
was Beider Heiterkeit nur noch mehr steigerte. Endlich theilte mir W.......
mit, daß kein Amerikaner einen Schnurrbart[1] trage, und dem Inhaber eines
solchen die Kinder in New-York ebenso nachliefen, wie deutsche Dorfjungen
einem Mohren. Diese Auseinandersetzung bewog mich, sofort in's Zwischendeck
hinabzusteigen und mich meiner Zierde zu entledigen.
[1]: Der Schnurrbart ist seit jener Zeit auch in Amerika emancipirt
worden, da sich viele Europäer, namentlich die Franzosen, mit stoischem
Gleichmuth über den Spott der Amerikaner hinwegsetzten.
Drittes Capitel.
Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe.
Die Schiffsgesellschaft bestand nur aus Deutschen (hauptsächlich Baiern,
Hessen, Würtembergern und Elsässern). Der sogenannte gebildete Stand war
unter ihnen gar nicht vertreten, da außer einem katholischen Geistlichen
aus Tyrol nur Bauern und einige junge Handwerker an Bord waren. Unter
ihnen fand ich jedoch ganz wackere und brave Leute, mit denen man recht
gut verkehren konnte. Diese wurden zufälligerweise größtentheils meine
Bettnachbarn.
Die ersten Unannehmlichkeiten hatten wir mit einem Elsässer Bauern, der
im Vereine mit seinem Knechte eine unübertreffliche Grobheit zu entwickeln
verstand. Dieser Mann hatte nämlich die appetitliche Einrichtung getroffen,
daß seine Frau die theuern Häupter ihrer lieben Kinderchen auf einem Koffer
in der Nähe unserer Bettstellen auf's sorgfältigste untersuchte, da sie
gewissen kleinen Thierchen, die man nicht gerne nennt, einen blutigen
Tod geschworen hatte. Erst nach Beschwerdeführung beim Capitain wurde
der Schauplatz dieser unterhaltenden Beschäftigung an einen anderen Ort
verlegt; wir sollten aber unserem Geschicke trotz aller Vorsicht doch nicht
entgehen, denn wir erhielten, da an strenge Erhaltung der Reinlichkeit bei
dem Zusammendrängen so vieler Menschen auf einen so kleinen Raum nicht zu
denken ist, späterhin dieselbe Einquartierung, die sich bereits bei unserer
guten Elsässer Bauersfrau so mißliebig gemacht hatte. Das ist eines von
den kleinen Leiden des menschlichen Lebens, dem ein Zwischendecks-Passagier
nicht wohl entgehen kann.
Eine weitere Unannehmlichkeit, von der jedoch Manche, wie der Verfasser
selbst, verschont blieben, ist die schon oft beschriebene Seekrankheit.
Gegen diese gibt es leider kein Cardinalmittel! der Kranke muß sich eben
geduldig in sein Schicksal fügen. Jedoch will ich hier nicht unterlassen,
meinen Lesern, die allenfalls noch eine Seereise zu machen gedenken, meine
Erfahrungen über die Art, wie man ihr wenigstens in Etwas begegnen kann,
mitzutheilen. Der Zwischendecksreisende suche seinen Platz in der Mitte
des Schiffes zu erhalten, da hier bei unruhiger See immer die wenigste
Schwankung und geringste Erschütterung ist. Ferner halte man sich so wenig
als möglich im Zwischendecke auf, weil in diesem trotz aller Fürsorge bei
der Ausdünstung so vieler Menschen nie die Luft ganz rein seyn kann. Selbst
wenn die See stürmisch geht, bleibe man auf dem Verdecke und sehe der
wilden Bewegung der Wasser möglichst ruhig zu, damit der Schwindel ferne
bleibt. Als sehr praktisch habe ich auch gefunden, den Bewegungen des
Schiffes, namentlich wenn sie heftig sind und von der Seite kommen, mit dem
Körper nachzugehen, damit der Magen nicht zu sehr erschüttert wird. Läuft
das Schiff unter günstigem Wind, so kann ich das Hinabschauen von den
Seiten des Schiffes in die See als ein Mittel empfehlen, welches ebenfalls
den Schwindel entfernt hält. Viele haben als Präservativmittel einen
äußerst mäßigen Genuß von Speisen und Getränken empfohlen; ich habe aber
hiervon eher die entgegengesetzte Wirkung beobachtet. Der beste Rath ist
wohl der, sich zur See aller der Speisen zu enthalten, zu denen man keinen
Appetit hat oder vor denen man gar Ekel empfindet. Obschon ich gänzlich von
der Seekrankheit befreit blieb, mußte ich mir doch den Genuß von Kaffee
und Wein versagen, da ohnfehlbar Erbrechen erfolgt wäre. Gutes Bier ist den
Seekranken am willkommensten, da es der Magen am wenigsten wieder ausstößt;
leider ist der Transport beschwerlich, da man es nur in Flaschen mit sich
führen kann.
Wer von der Seekrankheit verschont bleibt, hat wirklich alle Ursache, sich
zu gratuliren, denn abgesehen davon, daß dieser Zustand mit vielen Leiden
verbunden ist, entzieht er uns den Genuß aller Reize und Schönheiten, die
die See darbietet. Am meisten überraschte mich ihr schneller Eintritt bei
vielen meiner Mitreisenden. Kaum hatte uns das Dampfschiff, welches uns
aus dem Hafen des Havre gebracht hatte, im Canale unserem Schicksale
überlassen, als sich mit dem Schwanken des Schiffes die von Allen
gefürchtete Seekrankheit einstellte. Freund W....... und ich hatten uns
zu einem jungen Tischler gesellt, welcher mit einem schönen reinen Tenor
Prochs Alpenhorn mit Guitarrebegleitung zum Besten gab. Der größte Theil
der Passagiere lauschte den schönen Tönen; aber noch war das Lied nicht zur
Hälfte beendigt, als von jeder Seite des Schiffes 10-12 Köpfe in die See
hinabschauten, um die von ihnen ohnlängst genossene Nahrung den Fischen als
willkommenes Futter zu spenden.
Einige wurden gleich am ersten Tage von der Seekrankheit mit solcher
Heftigkeit befallen, daß sie während der ganzen Reise das Bett nicht
verlassen konnten, und bei der Ankunft in New-York so matt waren, daß sie
nicht aufrecht zu stehen vermochten. Selbst der geistliche Hirte blieb von
der Krankheit, die den größten Theil seiner Heerde befallen hatte,
nicht verschont, und es nahm sich gar possirlich aus, wenn er mit langem
schwarzen Rock, schwarzen kurzen Hosen und Kanonenstiefeln angethan sein
Haupt neigte, um der Urquelle ihre Spenden zurückzugeben.
Viertes Capitel.
Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein.
Vierzehn Tage lagen hinter uns, als uns ein Ereigniß überraschte, welches
viele Heiterkeit erregte. Wir hatten nämlich auch einen Bauernburschen mit
an Bord, der mit seiner Geliebten, einer runden Dorfschönen, sein Heil in
Amerika versuchen wollte, da ihre Liebe Früchte zu tragen versprach, und
ihnen die Erlangung des Heirathsconsenses zu Hause unmöglich war. Wider
Erwarten des Mädchens stellten sich in Folge der Reise etwas früher die
Wehen ein, welche ihren getreuen Liebhaber, der mit geistigen Gaben
nicht besonders gesegnet war, und in dieser Hinsicht wohl auch noch keine
besonderen Erfahrungen gesammelt haben mochte, in nicht geringe Angst und
Verlegenheit versetzten. Freund W....... erbarmte sich seiner und nahm
mit unserem menschenfreundlichen Capitain Rücksprache, welcher sofort dem
Schiffszimmermann die Errichtung einer Bettstelle befahl, welche durch
umhergehängte Segeltücher von dem übrigen Zwischendecke abgeschlossen
wurde. Kurze Zeit darauf hörten wir einen jungen Republikaner und Bürger
der Vereinigten Staaten[2] in dem künstlich geschaffenen Kabinette
schreien, und unsere Reisegesellschaft hatte nun trotz aller Matrosen und
Gensdarmen ein Mitglied unter sich, welches keine Ueberfahrtskosten zu
entrichten hatte.
[2]: Kinder, welche auf amerikanischen Schiffen geboren werden, haben
dieselben Rechte, wie diejenigen, welche in Amerika das Licht der Welt
erblicken.
Bald nach der Geburt kam der glückliche Vater auf Freund W....... und mich
zu, um von uns in Betreff der Taufhandlung sich einen Rath zu erbitten. Wir
zeigten auf den katholischen Priester hin, der gemächlich, die Hände auf
den Rücken gelegt, auf dem Verdecke hin und her gieng. Aber ein frommes
Entsetzen ergriff den guten Menschen bei dem Gedanken, daß er als
Protestant sein Kind von einem römisch-katholischen Geistlichen taufen
lassen sollte. »Sind Sie denn evangelisch?« fragte er uns ängstlich, und
erst, als wir Beide bejaht hatten, klärte sich sein Antlitz wieder auf.
»Kann denn der das Kind evangelisch taufen?« fragte er abermals. Da wir der
Ansicht waren, daß wir ihm nur mit großer Mühe eine richtige Anschauung der
Sachlage eintrichtern könnten, erklärten wir ihm, daß wir es statt seiner
besorgen wollten, daß der »katholische« Pfarrer sein Kind »evangelisch«
taufe. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Priester, daß er das
Kind in die »christliche« Kirche aufnehmen möge, was er denn auch für den
nächsten Sonntag richtig zusagte.
Der hohe Festtag war erschienen, und das Schiff lag wegen eingetretener
Windstille ruhig auf der spiegelglatten See. Der Capitain hatte sich selbst
zu Gevatter gebeten, was der Bauer als eine große Ehre freudig annahm. Eine
Tonne wurde auf dem Raume vor der Cajüte aufgestellt, mit Brettern belegt
und mit einem großen weißen Tuche bedeckt. Ein Crucifix wurde ebenfalls
mit dem nöthigen Taufgeschirr herbeigeschafft, welches seine Dienste that,
obschon es nur aus einem Waschbecken und einer Obertasse bestand. --
Indessen gieng es im Zwischendecke munter zu. Alles, was gesund war, machte
sich an seine Toilette; die Männer rasirten sich, die Weiber flochten sich
die Haare, der Herr Pfarrer wichste die Kanonenstiefeln und packte seinen
neuen schwarzen Anzug aus, und der Capitain warf sich in der Cajüte in
fashionablen Frack und »Unaussprechliche.«
Als Alles zum feierlichen Akte vorbereitet war, ließ der Capitain mit der
Schiffsglocke ein Zeichen geben, und langsam gieng es aus dem unteren
Raume auf das Verdeck, auf dem sich die Versammlung in zwei langen Reihen
aufstellte.
Die Rede des Geistlichen und die Taufhandlung war einige Stunden vorüber,
als unser Bauer mit rothem Kopfe und einem Blatt Papier in der Hand auf
W....... und mich zukam und uns einen Taufschein überreichte, der ihm auf
sein Verlangen vom Pfarrer ausgestellt worden war. Derselbe enthielt die
Bestätigung, daß das Söhnlein des Bauern ~N. N.~ in die Gemeinschaft der
heiligen römisch-katholischen Kirche aufgenommen worden sey. Nun war
uns die Sache doch nicht mehr zum Spaßen, als wir sahen, daß uns ein
Jesuitenstücklein gespielt worden sey, welches der Herr Pfarrer in
Innsbruck erlernt haben mochte; wir nahmen deßhalb den Taufschein zu uns,
und ich schrieb einen zweiten, in welchem ausdrücklich bemerkt war, daß
von dem katholischen Priester ~N. N.~ das Kind in die Gemeinschaft der
»christlichen« Kirche aufgenommen worden sey. Nachdem dieses neugeschaffene
Dokument vom Capitain als Pathen, von dem Vater und der Mutter des Kindes
als Eltern und von W....... und mir als Zeugen unterschrieben war, gaben
wir es erst dem Herrn Pfarrer zur Unterschrift, der sich dem Geschäft
mit saurem Gesichte unterzog, worauf in seiner Gegenwart der von ihm
geschriebene Taufschein über Bord flog.
Jetzt erst war das tiefgeängstigte Elternpaar wieder guten Muthes. Die
ganze Geschichte wurde aber, trotz aller Bemühungen, sie geheim zu halten,
auf dem Schiffe ruchbar, und die nächste Folge davon war die, daß, als eine
zweite Frau 14 Tage später ebenfalls gebar, der Vater des Kindes dasselbe
um keinen Preis von dem Pfarrer taufen ließ, sondern fest erklärte, ihm
erst in Cleveland, seinem künftigen Wohnsitze, von einem evangelischen
Prediger die Weihe der Kirche ertheilen lassen zu wollen.
Fünftes Capitel.
Ein Sturm. Damenhüte. Bemerkungen über die Einwanderung in Nord-Amerika.
Bis hieher war unsere Reise eine durchaus angenehme; wir hatten immer gutes
Wetter und einige Tage Windstille ausgenommen immer günstigen Wind, so daß
die Hälfte der Reise wider Erwarten rasch gemacht war. Wir sollten aber
auch etwas von den ernsten Unannehmlichkeiten und Gefahren des Seelebens
kosten, nämlich einen Sturm. -- Schön hatte der Tag geendet, und Alles war
bis auf die Matrosen in tiefen Schlaf versunken, als sich der Wind drehte.
Gegen Morgen war der Sturm in vollem Anzuge. Das laute Commando des
Capitains, das Geschrei und der Gesang der Matrosen, die bei dem Nahen der
Gefahr eine ganz besondere Munterkeit befällt, wie das schrille Pfeifen des
Windes weckten Alles im Zwischendecke. Jedes fuhr schnell in die Kleider,
um sich auf dem Verdecke von dem Gange der See zu überzeugen. Die
neugierigere und zartere Hälfte des menschlichen Geschlechts kam zuerst im
Negligé die Schiffstreppe hinauf. Kaum aber hatten die Weiber die Köpfe
aus den Lucken gesteckt, und das Aechzen der Masten und Raaen, sowie das
Brausen der daherrollenden Wogen gehört, als sie sämmtlich nach Unten
eilten, und durch ihr furchtbares Zedergeschrei alle noch schlafenden
Kinder aufweckten, welche den Chorus nach Leibeskräften verstärken halfen.
Rasch stieg ich nun auf das Verdeck, um zu sehen, ob Gefahr vorhanden sey;
aber kaum war ich oben angelangt, als ich mir beim Anblick der tobenden See
meine Unerfahrenheit in solchen Dingen sofort eingestehen mußte.
Mein Freund W....... kam auf mich zu und theilte mir mit, daß der Capitain
guter Dinge sey und ihm versichert habe, daß sein Schiff dergleichen Stürme
auf jeder Reise zu bestehen hätte. Ganz ermuthigt versuchte ich nun, auf
dem Verdecke, das von hereingeworfenem Seewasser so schlüpfrig geworden
war, daß man kaum darauf gehen konnte, in die Nähe einiger Passagiere
zu gelangen, als auf einmal eine große Welle gegen die linke Seite des
Schiffes heranrollte, dasselbe in die Höhe hob, das ganze Verdeck
mit Wasser überschüttete und mich auf die rechte Seite des Schiffes
hinabschleuderte, daß ich in die tobende See hinausgestürzt wäre, hätte
ich mich nicht noch instinktartig an der Gallerie, die um die Cajüte lief,
angeklammert. Ein Matrose sprang mir zur Hülfe und brachte mich zur Lucke,
durch die ich sehr kleinlaut und gequält von Schmerzen am ganzen Körper
hinabstieg, um mich auf meine Matratze von Seegras zu begeben und daselbst
über meine unberufene Neugierde nachzudenken.
Inzwischen hatte der Sturm zugenommen. Weiber und Kinder schrieen nach
Leibeskräften; eine Wassermenge um die andere stürzte durch die Lucken,
die man nicht verschließen durfte, wollte man uns nicht der Gefahr des
Erstickens Preis geben. Durch das heftige und rasche Hin- und Herschwanken
des Schiffes machten sich, um die Verwirrung und den Lärmen noch größer
zu machen, auch noch Koffer, Kisten und sonstige Reiseeffekten von den
Stricken los, mit denen sie befestigt waren, und rollten von einer Seite
zur andern. Zugleich rauschte bei jeder Bewegung des Schiffes das Wasser
im Zwischendeck herüber oder hinüber, was für die meisten Ohren keine sehr
erfreuliche Musik war.
36 Stunden hatte der Sturm so getobt, während welcher Zeit ich mich nur
von rohem Schinken und Schiffszwieback nährte, da man an Kochen gar nicht
denken durfte. Die meisten Passagiere, namentlich die Weiber und die
Kinder, genossen aber, so lange das Unwetter währte, aus Angst und Jammer
gar nichts und viele Andere konnten das wenige Genossene nicht bei sich
behalten, da sie von der Seekrankheit im höchsten Grade befallen waren.
Als ich das Verdeck wieder betrat, war bereits wieder ein Segel an dem
Hauptmast erschienen. Die See ging aber, obschon der Wind bedeutend von
seiner Heftigkeit verloren hatte, noch volle 24 Stunden hoch, und löschte
uns einmal um's anderemal unser mühsam gemachtes Feuer wieder aus, das dem
öden Magen eine warme Suppe verschaffen sollte. --
Aber welches Schauspiel wäre Dir, lieber Leser, geboten worden, hättest
Du jetzt einen Blick in das Zwischendeck werfen können! Blasse Gestalten
krochen hie und da aus den Bettstellen, um in allen Winkeln des Schiffes
ihre entführten Siebensachen aufzusuchen. Nun entstand erst das rechte
Seufzen und Wehklagen, als Viele, die ihre Vorräthe und ihr Gepäcke nicht
vorsichtig genug befestigt hatten, den ungeahnten Schaden bemerkten.
Namentlich gieng viel Wein verloren, den man in großen eingeflochtenen
gläsernen Flaschen mitgenommen hatte, die natürlich eine Carambolage
mit einem Koffer oder einer Kiste nicht auszuhalten vermochten.
Schiffszwieback, vom Seewasser durchweicht, und Unrath aller Art war
über den ganzen Boden verstreut, und gab uns eine angenehme Aussicht auf
appetitliche Beschäftigung. Mehrere Tage vergiengen, ehe Alles wieder im
alten Gleise war.
Den größten Verlust hatte aber unstreitig eine deutsche Putzhändlerin aus
Paris erlitten, die mit mehreren Dutzend Damenhüten vom feinsten Stoffe,
welche mit täuschend nachgemachten Blumen verziert waren, nach New-York
auszuwanderen beschlossen hatte, um die amerikanischen Ladys mit den
Erzeugnissen ihrer Kunst zu beglücken. Sie hatte die Unvorsichtigkeit
begangen, die in einfache Pappschachteln verpackten Hüte unter ihrem Bette
zu verwahren, wo sie von dem Seewasser total verdorben wurden. Manches
Frauenherz wäre gewiß bei dem Anblick des so unbarmherzig vernichteten
Putzes tief bewegt worden! Das ist das Loos des Schönen auf der Erde.
Die Passagiere waren fast ohne Ausnahme vermögende Leute; Einzelne führten
sogar Reichthümer mit sich. Manchem Finanzmanne möchte ich den Rath geben,
einmal auf einem Auswandererschiffe die Reise nach New-York mitzumachen,
damit er nach der Ankunft in Amerika bei der Visitation des Gepäckes durch
die Zollbeamten die großen Geldsäcke mit eigenen Augen sehen könnte, welche
durch die Auswanderer in die Fremde geschafft werden. Die Amerikaner
haben nur zu wohl die ungeheuere Wichtigkeit der Einwanderung erkannt
und begünstigen sie auf alle Weise. Ihnen ist der Reiche wie der Arme
willkommen; der erstere bringt Capitalien, der letztere Arbeitskräfte mit,
die in diesem Lande, in welchem noch so Manches in der Kindheit liegt,
trotz der täglichen Ankunft so vieler Menschen immer noch ihren Werth
behauptet haben, wenn sie sich nur geschickt zu vertheilen wußten.
Nach einer Berechnung soll im Jahre 1847 eine Baarsumme von 5,000,000 fl.
allein von Deutschen in Amerika eingeführt worden seyn, was Niemand Wunder
nehmen wird, der weiß, wie viel reiche Grundbesitzer in diesem Jahre
auswanderten. Jedes Jahr nimmt die Auswanderung zu, und hat selbst im Jahre
1848, wo sich doch der Verwerthung von Gütern und Grundbesitz so bedeutende
Schwierigkeiten entgegensetzten, einen so hohen Grad erreicht, daß die
Bevölkerung Nord-Amerikas in diesem _Einen_ Jahr um 10 Prozent stieg.
Die große Ausfuhr von Baargeld wird mit der Zeit ohne Zweifel sehr fühlbar
werden, denn wenn wir auch gerne zugestehen, daß der Hauptreichthum unserer
Nation in dem Ackerbau besteht, so wird doch Niemand behaupten wollen,
daß wir die Industrie entbehren können und diese ohne flüssige Capitalien
arbeiten kann.
Sechstes Capitel.
Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die
New-Yorker Piloten.
Gerne verkehrten W....... und ich mit einem Bauer aus Schwaben, der eine
große Gemüthlichkeit, einen guten Humor und einen gesunden Menschenverstand
besaß. Er hatte lange als Bauernknecht im Würtembergischen gedient und sich
durch Sparsamkeit ein kleines Vermögen erworben. Auf unsere Frage, was
ihn zur Auswanderung bestimmt hätte, erzählte er uns, daß ein Schul- und
Ortskamerade von ihm vor Jahren nach Amerika ausgewandert sey und ihm
geschrieben habe, daß er hinüberkommen solle, da er in Deutschland doch
nur ein Lump bleibe, während er drüben wie Napoleon leben könne. Von jenem
Augenblicke an hieß er, da uns einige Spottvögel zugehört hatten, allgemein
der Napoleon, und wir lachten oft auf's Herzlichste, wenn ein deutscher
Matrose aus dem Holsteinischen, mit dem er enge Freundschaft geschlossen
hatte, in's Zwischendeck hinabrief: »Napoleon! gehe herauf! Du mußt Holz
hauen und Erdäpfel abschälen.«
Wir näherten uns allmählig dem Ende unserer Reise. Ohne zu wissen, unter
welchem Längen- und Breitengrade wir schwammen, bemerkten wir doch, als
wir noch ungefähr 2-300 engl. Meilen von der Küste entfernt waren, daß die
Küste nahe sein müsse, da eine auffallende Menge von Schiffen in unserem
Gesichtskreise segelte, während wir früher oft in 8 Tagen nur 2-3 Schiffen
begegnet waren.
Endlich gab uns der Capitain die längst ersehnte Kunde, daß wir am anderen
Tage Land erblicken würden. Nun war Alles in der freudigsten Bewegung;
bessere Kleider wurden aus den Koffern genommen; alte, auf der Reise
abgebrauchte Gegenstände flogen in die See und ringsherum sah man fleißige
Hände, die sich eigener und fremder Verschönerung beflißen. Die meiste
Mühe machte die Reinigung der Haut von einem fettigen Schmutze, den das
Seewasser beim Waschen zurückläßt, da Süßwasser hiezu nicht verwendet
werden darf. Ich machte lange vergebliche Versuche mit einem Handtuch und
einem großen Stück Seife zum allgemeinen Ergötzen der Matrosen, die laut
auflachten, daß ich mich vergeblich roth wie ein gesottener Krebs gerieben
hatte, und meine Bemühungen wären wohl erfolglos geblieben, hätte sich
der Landsmann aus Holstein nicht erbarmt und mir eine eigene Art Seife und
einen wollenen Fleck gebracht, welche allein dem Körper die lange entbehrte
Reinlichkeit wieder geben können.
Die geehrten Leser werden der Versicherung wohl Glauben schenken, daß wir
Alle ohne Ausnahme die Nacht in großer Unruhe hinbrachten. Eigene Gefühle
belebten das Herz bei dem Gedanken, in Bälde das neuerwählte Vaterland, dem
Alle hoffnungsvoll entgegeneilten, vor Augen zu haben. Dazu kam noch
die Freude, die lange, wenn auch immerhin glückliche Seereise mit ihren
Gefahren und Entbehrungen überstanden zu haben; W.......s, wie meine
eigene poetische Natur, deren kühner Flug sich auf der Reise manchmal zum
Ueberirdischen aufzuschwingen ver_sucht_ hatte, sank jetzt auf einmal zum
Gemeinen herab und freute sich auf ein Stück frisches Rindfleisch und ein
gutes Glas Bier, während die Frauen laut jubelten bei der sich öffnenden
frohen Aussicht auf -- Milch zum Kaffee.
Fröhlich sprangen wir schon Morgens 4 Uhr aus den Betten, um das gelobte
Land zu erblicken; aber leider war unsere Hoffnung zu Wasser geworden, denn
in der Nacht hatte sich ein neidischer Nebel über die See gelagert, der uns
die Aussicht gänzlich versperrte. Traurig stand ich auf dem Verdeck, als
Freund W....... meinen Aerger noch durch die Mittheilung vermehrte, daß der
Capitain Befehl gegeben habe, Anker auszuwerfen, da er um keinen Preis bei
dem trüben Wetter näher an die gefährliche und klippenreiche Küste fahren,
sondern einen Piloten erwarten wolle. Den ganzen Tag mußten wir so in
einer unerträglichen Langeweile hinbringen, ohne einen Fußbreit vorwärts zu
kommen, da es sich durchaus nicht aushellte. Als der Abend hereingebrochen
war, ließ der Capitain einige Raketen steigen, um einen Lotsen an Bord zu
bekommen, was denn auch zu Aller Freude in der Nacht gelang.
Dieser unvermuthete Aufenthalt in der Nähe der Küste war uns um so
unangenehmer, als wir gerne am 3. Juli in New-York angelangt wären, um am
nächsten Tage das große Fest mitzufeiern, welches die Amerikaner zu Ehren
und zum Gedächtnis der am 4. Juli 1776 von ihren Vätern in Philadelphia
gegebenen Unabhängigkeitserklärung von England mit großem Pompe begehen.
In der Nacht des 2. Juli war der Pilot erst an Bord gestiegen, und es
fragte sich sehr, ob uns ein günstiger Wind in den nächsten 48 Stunden
an's Land treiben würde. Der Capitain lächelte stillvergnügt zu unseren
betrübten Gesichtern, hatte aber ganz im Geheimen bereits Vorsorge
getroffen, sie bald wieder aufzuklären.
Als wir am anderen Tage von unseren zerlegenen und sehr hart gewordenen
Matratzen auf das Verdeck eilten, hatte sich der Nebel gänzlich gelegt, und
-- ein lauter Schrei des Entzückens entfuhr uns, als wir im herrlichsten
Sonnenschein Sandy Hook mit seinen 3 Leuchtthürmen vor uns erblickten.
Reichlich waren wir für das Unangenehme der letzten Tage entschädigt. Die
Staffage dieser herrlichen Seepartie bildeten Hunderte von Schiffen,
welche theils wie wir vor Anker lagen, theils von Dampfschiffen der Bay von
New-York zugeführt wurden. Weithinaus war das Meer, so weit nur das Auge
reichen konnte, mit kleinen Fahrzeugen übersäet, welche theils Pilote,
theils rüstige Fischer trugen, die die ungeheure Stadt täglich mit frischen
Seefischen versehen.
Es sey mir gegönnt, hier Einiges über die New-Yorker Piloten zu sagen.
Diese kühnen Männer, welche nicht allein die genaueste Kenntniß der Küste
mit ihren Klippen und Untiefen, sondern eine eben so gute seemännische
Bildung, wie die Capitaine selbst, haben müssen, da sie sofort nach ihrer
Ankunft an Bord das Commando des Fahrzeugs übernehmen, bilden in
New-York ein wohlorganisirtes Corps. Ihre Dienstzeit ist ihnen regelmäßig
vorgeschrieben und ihr Nahrungsstand gesichert, ob sie nun im Jahre
viele oder wenige Schiffe einbringen. In kleinen, aber scharf und schlank
gebauten, daher auch sehr schnell segelnden Fahrzeugen kreuzen sie oft
mehrere Tage und Nächte in der Nähe der Küste, ja sie wagen sich oft 3-400
engl. Meilen in die offene See hinaus, um ihr menschenfreundliches Geschäft
auszuüben. Selbst beim stürmischsten Wetter halten sie das hohe Meer,
um hülfsbedürftigen Schiffen Rettung bringen zu können. Der Muth und die
Verwegenheit dieser Männer übersteigt allen Glauben, sowie ihre Erfahrung
und Sicherheit allgemeine Bewunderung erregt.
Hier möge auch einer That Erwähnung geschehen, welche nicht allein Amerika,
sondern auch Europa mit gerechtem Erstaunen erfüllte. Ein New-Yorker Pilot
unterzog sich dem gefährlichen Geschäfte, mit seinem Boote[3] Nachrichten
von Wichtigkeit eher nach dem 3000 engl. Meilen entfernten Liverpool zu
bringen, als es dem abgehenden Dampfschiff, welches die Reise gewöhnlich in
13-14 Tagen macht, möglich wäre. Er kam nun zwar später als das Dampfschiff
in England an, aber die in Liverpool anwesenden Seeleute von allen Nationen
der Erde staunten über die Kühnheit einer That, die auszuführen bis zu
dieser Stunde noch keiner für möglich gehalten hatte.
[3]: ~Pilotboat.~
Die New-Yorker Piloten sind, da viele von ihnen als Capitaine weite und
gefahrvolle Reisen nach allen Welttheilen gemacht haben, nicht allein
kühne, sondern auch sehr gebildete Leute, und unterscheiden sich darin
wesentlich von den Lotsen anderer Länder, die zwar auch eine genaue
Kenntniß ihres Terrains, aber nicht den Takt und das Benehmen haben,
welches bei den New-Yorker Piloten einen so wohlthuenden Eindruck macht.
Siebentes Capitel.
Schilderung der Küste. Staatenisland. Die Makler in New-York.
Wir waren sämmtlich noch im Anschauen der reizenden Küste versunken,
als sich uns ein Dampfschiff näherte, welches uns in den Hafen schleppen
sollte. Es hatte den Quarantainearzt an Bord, der den Gesundheitszustand
unseres Schiffes untersuchte und denselben bis auf wenige Seekranke
vortrefflich fand, weßhalb er uns sofort die Erlaubniß zum Einlaufen
ertheilte. Nun war Alles von frohen Empfindungen bewegt; selbst Diejenigen,
welche seit vielen Wochen nicht auf das Verdeck gekommen waren, ließen
sich heraufführen, um mit den Anderen die herrliche Küste und die Bay von
New-York zu bewundern, in die wir bald gelangen sollten.
Plötzlich brauste der Dampf aus dem Rauchfange des Steamers und vorwärts
gieng es dem Lande zu. Wir kamen an mehreren Schiffen vorüber, die
ebenfalls Auswanderer an Bord hatten; ein fröhliches, herzliches Hurrah,
welches wir jedesmal munter erwiderten, ertönte, so oft wir vorbeifuhren.
Als wir Coonyisland, eine kleine Insel, welche die New-Yorker im Sommer
fleißig zum Gebrauche der erfrischenden Seebäder besuchen, aus den
Augen verloren hatten, näherten wir uns allmählig der schmalen Einfahrt
(Harbour), die man nothwendigerweise passiren muß, wenn man in die Bay von
New-York gelangen will. Dieser wichtige Punkt, der Schlüssel von New-York,
ist von den Amerikanern natürlich bedeutend befestigt worden. Zu unserer
Rechten erblickten wir auf einem ziemlich steilen Hügel das Fort Hamilton
mit seinen Casematten und bombenfesten Kasernen, dessen Kanonen drohend
auf uns herabblickten. Lustig flatterte von den Batterieen das stolze
Sternenbanner der Republik. Zur Linken waren ebenfalls dicht an der Küste
starke Werke sichtbar, und um jedes Eindringen von der Seeseite unmöglich
zu machen, liegt fast in der Mitte der Einfahrt ein anderes massives und
bombenfestes Fort, welches im Vereine mit den Strandbatterieen feindlichen
Schiffen sicheres Verderben droht.
Als wir endlich in die Bay selbst gelangten, erblickten wir das liebliche
Staatenisland mit seinen freundlichen Villen und Gartenanlagen, welches
nebst Hoboken der Haupt-Sommeraufenthalt der New-Yorker ist. Fast
alle vermögenden Kaufleute bringen hier mit ihren Familien die heißen
Sommermonate zu. Jeden Morgen fahren sie von da mit den regelmäßig gehenden
Dampfschiffen zur Stadt, um ihre Geschäfte zu besorgen, und kehren dann um
3 Uhr, zu welcher Stunde die größeren Geschäfte geschlossen werden, zurück.
In Staatenisland muß die Quarantaine abgehalten werden, wenn dem
Quarantainearzt der Gesundheitszustand der Passagiere nicht befriedigend
scheint. Die auf der Insel befindlichen Hospitäler, die eine große Anzahl
Kranker aufnehmen können, sind oft überfüllt, namentlich war dies im Jahre
1847 der Fall, in welchem hauptsächlich in den von England und Irland
kommenden Schiffen das Schiffsfieber in grauenerregender Art grassirte.
Ohngeachtet unsere Aufmerksamkeit jeden Augenblick auf einen neuen
interessanten Gegenstand hingelenkt wurde, fiel uns doch der geringfügige
Umstand auf, daß 4-5 Kähne unserem Schiffe beständig zur Seite blieben.
Mein Freund W......., wie immer thätig und wacker für mich sorgend,
theilte mir mit, daß sich in diesen Booten die verrufenen und berüchtigten
deutschen Makler befänden, welche den ankommenden Schiffen 5-6 Meilen
entgegenfahren, um sich ihre Opfer schon auszusuchen, ehe sie nur das Land
betreten haben. Viele Capitaine erlauben ihnen, an Bord zu kommen, damit
durch sie die Passagiere möglichst rasch vom Schiffe geschafft werden;
unser Higgins aber war zu redlich und brav, um diesen unsauberen Gesellen
den Zutritt zu seiner Lila, deren reinen Namen er nicht von ihnen beflecken
lassen wollte, zu gestatten. Ihre anfängliche Höflichkeit verwandelte sich
nach erhaltener abschläglicher Antwort sofort in die gemeinste Rohheit,
und unser guter Capitain würde sich wohl über den Reichthum unserer
Muttersprache an Schimpfwörtern gar sehr gewundert haben, hätte er dieselbe
verstanden.
Bald erblickten wir auch das freundliche New-Jersey und die Castelle von
Governers-Island und Battery, sowie die Masten unzähliger Schiffe, welche
uns die Aussicht auf die Stadt versperrten. Gelingt es auch dem Feinde,
durch die Einfahrt in die Bay zu dringen, so erwartet ihn ein zweites
verheerendes Kreuzfeuer in derselben, welches ihm die Einnahme wohl
unmöglich machen dürfte, obschon die Stadt an und für sich gänzlich frei
und offen daliegt.
Endlich waren wir in dem Northriver, dem einem Arme des Hudson,
eingelaufen; unser Schiff machte eine Wendung und wir lagen am Docke.
Kaum aber hatten die Matrosen die Schiffstreppe an der einen Seite
hinabgelassen, als die uns treu zur Seite gebliebenen Makler an Bord
kamen und ihr feines Gewerbe begannen. Wie diese Art Menschen ihren Köder
auswirft, um gutmüthige Leute zu fangen, welche von ihren Prellereien
nichts ahnen, will ich aus eigner Erfahrung erzählen.