_Jean_ (sanfter). Ich will nicht auf meinen Anteil an der Ehre, Sie

verführt zu haben, verzichten; aber glauben Sie, daß eine Person in

meiner Stellung gewagt haben würde, die Augen zu Ihnen zu erheben, wenn

Sie nicht selbst dazu aufgefordert hätten! Ich bin noch ganz

verblüfft --

_Julie._ Und stolz --

_Jean._ Warum nicht? Obschon ich bekennen muß, daß der Sieg mir zu

leicht war, um eigentlich einen Rausch geben zu können.

_Julie._ Schlagen Sie mich nur noch mehr!

_Jean_ (steht auf). Nein, verzeihen Sie mir lieber das, was ich schon

gesagt habe! Ich schlage keinen Wehrlosen und am wenigsten ein

Frauenzimmer. Ich kann nicht leugnen, daß es mich einerseits freut,

gesehen zu haben, daß es nur Katzengold war, was uns dort unten

blendete; gesehen zu haben, daß der Rücken des Habichts auch nur grau

ist, daß auf der zarten Wange Puder war, und daß die geschliffenen Nägel

schwarze Ränder haben können, daß das Taschentuch schmutzig war, wenn es

auch nach Parfüm duftete --! Aber es peinigt mich andererseits, gesehen

zu haben, daß das, wonach ich strebte, nichts Höheres, Solideres war;

es peinigt mich, Sie so tief gesunken zu sehen, daß Sie weit unter Ihrer

Köchin stehen: es peinigt mich zu sehen, wie die Herbstblumen von dem

Regen zerschlagen und in Schmutz verwandelt werden.

_Julie._ Sie reden, als wenn Sie bereits über mir ständen.

_Jean._ Das thue ich auch: Sehen Sie, ich könnte Sie in eine Gräfin

verwandeln, aber Sie können mich niemals zum Grafen machen.

_Julie._ Aber ich bin von einem Grafen gezeugt, und das können Sie

niemals werden.

_Jean._ Das ist wahr: aber ich könnte selbst Grafen erzeugen, wenn --

_Julie._ Aber Sie sind ein Dieb, und das bin ich nicht.

_Jean._ Dieb ist nicht das Schlimmste! Es giebt schlimmere Dinge. Und

übrigens: wenn ich in einem Hause diene, betrachte ich mich

gewissermaßen als Mitglied der Familie, als Kind des Hauses, und man

sieht es nicht für Diebstahl an, wenn das Kind eine Beere von einem

vollen Strauch pflückt. (Seine Leidenschaft erwacht wieder von neuem.)

Fräulein Julie, Sie sind ein herrliches Weib, allzu gut für einen

Menschen wie mich! Sie sind die Beute eines Rausches gewesen, und Sie

wollen den Fehler dadurch verdecken, daß Sie sich einbilden, Sie lieben

mich! Das thun Sie aber nicht, es sei denn, daß Sie vielleicht nur mein

Äußeres verlockt -- und dann ist Ihre Liebe nicht besser, als die

meinige; aber ich kann mich niemals damit begnügen, für Sie ein bloßes

Tier zu sein, und Ihre Liebe kann ich nicht erringen.

_Julie._ Sind Sie dessen so sicher?

_Jean._ Sie meinen, es könnte geschehen! Ich könnte Sie lieben, ja,

zweifellos: Sie sind schön, Sie sind fein, (er nähert sich ihr und faßt

ihre Hand) gebildet, liebenswürdig, wenn Sie wollen, und wenn Sie die

Begier eines Mannes erregt haben, erlischt dieselbe wahrscheinlich

niemals. (Er umfaßt sie.) Sie sind wie glühender Wein mit starken

Kräutern, und ein Kuß von Ihnen -- (er versucht sie nach links

hinauszuführen; aber sie ringt sich los).

_Julie._ Lassen Sie mich los! So gewinnen Sie mich nicht!

_Jean._ _Wie_ denn? -- Nicht so! Nicht mit Liebkosungen und schönen

Worten; nicht mit Umsicht für die Zukunft, Rettung vor Schande! _Wie_

denn?

_Julie._ Wie? Wie? Ich weiß nicht! Überhaupt nicht. Ich verabscheue Sie,

wie die Ratten, aber ich kann nicht ohne Sie sein.

_Jean._ Fliehen Sie mit mir!

_Julie_ (macht sich an ihrem Anzug zu schaffen). Fliehen? Ja gewiß

werden wir fliehen! Aber ich bin so müde! Geben Sie mir ein Glas Wein.

_Jean_ (gießt ein).

_Julie_ (sieht nach der Uhr). Aber erst müssen wir reden; wir haben noch

ein wenig Zeit übrig. (Sie trinkt das Glas aus und reicht es nach mehr

dar.)

_Jean._ Trinken Sie nicht so unmäßig, Sie werden berauscht.

_Julie._ Was thut es?

_Jean._ Was es thut? Es ist gemein, sich zu betrinken. Was wollen Sie

mir also sagen?

_Julie._ Wir werden fliehen! Aber erst wollen wir reden; daß heißt, ich

werde reden, denn bisher haben Sie nur allein gesprochen. Sie haben Ihr

Leben erzählt, nun will ich das meinige erzählen, dann kennen wir

einander gründlich, bevor wir die gemeinschaftliche Wanderung antreten.

_Jean._ Einen Augenblick! Verzeihen Sie! Denken Sie nach, ob Sie es

nicht hernach bereuen werden, wenn Sie mir die Geheimnisse Ihres Lebens

preisgegeben haben!

_Julie._ Sind Sie nicht mein Freund?

_Jean._ Ja, bisweilen! Aber trauen Sie mir nicht!

_Julie._ Das sagen Sie nur so. Und übrigens: meine Geheimnisse kennt

jedermann. Sehen Sie, meine Mutter war nicht von adliger, sondern von

ganz einfacher Herkunft. Sie war in den Lehren ihrer Zeit von Gleichheit

und Freiheit des Weibes und all' dem erzogen; und sie hatte eine

entschiedene Abneigung gegen die Ehe. Als daher mein Vater um sie

freite, antwortete sie, sie würde niemals seine Gattin werden wollen,

aber -- dann wurde sie es doch. Ich kam zur Welt -- gegen den Wunsch

meiner Mutter, soweit ich verstehen konnte. Nun sollte ich von meiner

Mutter zu einem Naturkind erzogen werden und zudem sollte ich alles

lernen dürfen, was ein Junge zu lernen bekommt, damit ich ein Beispiel

liefern könnte dafür, daß das Weib ebenso gut wäre, wie der Mann. Ich

durfte in Jungenkleidern gehen, lernte Pferde warten; durfte aber nicht

in die Meierei gehen; ich mußte Pferde striegeln und anschirren und auf

die Jagd gehen, ja ab und zu durfte ich sogar versuchen, Feldarbeit zu

erlernen. Und auf dem Hofe wurde den Männern Weiberarbeit, und den

Weibern Männerarbeit übertragen -- mit dem Erfolg, daß das Besitztum

anfing herunterzukommen, und wir zum Gelächter der ganzen Gegend wurden.

Schließlich muß mein Vater aus seiner Verzauberung erwacht sein und

revoltiert haben, denn es wurde alles nach seinen Wünschen umgeändert.

Meine Mutter wurde krank -- was für eine Krankheit weiß ich nicht --

aber sie litt oft an Krämpfen, versteckte sich auf dem Boden und im

Garten und blieb die ganze Nacht im Freien. Dann kam die große

Feuersbrunst, von der Sie wohl reden gehört haben. Haus,

Wirtschaftsgebäude und Ställe brannten ab und zwar unter Umständen, die

eine Brandstiftung vermuten ließen, denn das Unglück geschah am Tage

nach dem Ablauf des Versicherungsquartals, und die Prämie, die mein

Vater einsandte, wurde durch die Nachlässigkeit des Boten aufgehalten,

sodaß sie nicht zur Zeit hingelangte. (Sie füllt das Glas und trinkt.)

_Jean._ Trinken Sie nicht mehr!

_Julie._ Ach, was macht das! Wir waren obdachlos und mußten im Wagen

schlafen. Mein Vater wußte nicht, wo er zum Wiederaufbau des Hauses Geld

hernehmen sollte. Da giebt Mutter ihm den Rat, einen ihrer

Jugendfreunde, einen Ziegelfabrikanten hier in der Nähe, um ein Darlehn

anzugehen. Vater erhielt das Darlehn, sollte aber keine Zinsen bezahlen,

was ihn in Erstaunen versetzte. Und dann wurde der Hof aufgebaut! (Sie

trinkt wieder.) Wissen Sie, wer den Hof angesteckt hatte?

_Jean._ Ihre Frau Mutter.

_Julie._ Wissen Sie, was der Ziegelfabrikant war?

_Jean._ Der Liebhaber Ihrer Mutter.

_Julie._ Wissen Sie, wem das Geld gehörte?

_Jean._ Warten Sie ein wenig -- nein, das weiß ich nicht.

_Julie._ Meiner Mutter.

_Jean._ Dem Grafen also, wenn sie nicht in getrennten Gütern lebten?

_Julie._ Das thaten sie nicht! Meine Mutter hatte ein kleines Vermögen,

welches sie nicht durch meinen Vater verwalten lassen wollte, und darum

deponierte sie es bei -- dem Freunde.

_Jean._ Der es unterschlug!

_Julie._ Ganz richtig! Er behielt es! Dies alles kommt meinem Vater zu

Ohren; er konnte aber nicht prozessieren, den Liebhaber seiner Gattin

nicht bezahlen, nicht beweisen, daß es das Geld seiner Frau war. Das war

die Rache meiner Mutter dafür, daß er die Gewalt im Hause an sich riß.

Damals hatte er die Absicht, sich zu erschießen! Es ging das Gerücht,

daß er es hätte thun wollen, und daß es mißglückt wäre! Er blieb also am

Leben, und meine Mutter mußte ihre Thaten entgelten! Das war eine böse

Zeit für mich, können Sie sich denken. Ich sympathisierte mit meinem

Vater, aber ich ergriff doch die Partei meiner Mutter, da ich nicht die

Verhältnisse kannte. Von ihr hatte ich Mißtrauen und Haß gegen die

Männer erlernt -- denn sie haßte die Männer, so weit ich gehört habe --

und ich schwor ihr, niemals die Sklavin eines Mannes zu werden.

_Jean._ Und dann verlobten Sie sich mit dem Kronvogt.

_Julie._ Gerade deshalb, daß er mein Sklave werden sollte.

_Jean._ Und das wollte er nicht?

_Julie._ Er wollte wohl, aber es kam nicht dazu! Ich wurde seiner

überdrüssig.

_Jean._ Ich sah es -- im Stall.

_Julie._ Was sahen Sie?

_Jean._ Ich sah, wie er die Verlobung aufhob.

_Julie._ Das ist gelogen! Ich war es, die die Verlobung aufhob. Hat er

gesagt, daß er es that, der Schuft?

_Jean._ Er war wohl kein Schuft! Sie hassen die Männer, Fräulein?

_Julie._ Ja! -- Meistens! Aber bisweilen, wenn die Schwachheit kommt --

o pfui!

_Jean._ So hassen Sie auch mich?

_Julie._ Grenzenlos! Ich könnte Sie töten lassen wie ein Tier --

_Jean._ Der Übelthäter wird zur Strafarbeit verurteilt, das Tier aber

getötet!

_Julie._ Ganz recht!

_Jean._ Aber nun ist hier kein Tier -- und auch kein Ankläger. Was

wollen wir nun thun?

_Julie._ Reisen!

_Jean._ Um einander zu Tode zu quälen?

_Julie._ Nein -- um zwei, drei Jahre, oder so lange man kann, zu

genießen -- und dann zu sterben.

_Jean._ Sterben? So dumm! Da halte ich es für besser, ein Hotel zu

errichten!

_Julie_ (ohne auf Jean zu hören). Am Comersee, wo ewig die Sonne

scheint, wo die Lorbeerbäume zur Weihnachtszeit grünen und die Orangen

glühen.

_Jean._ Der Comersee ist ein Regenloch, und ich sah dort nirgend

Orangen, als bei den Obsthändlern; aber es ist ein guter Fremdenort,

denn es giebt dort viele Villen, die an verliebte Paare vermietet

werden, und das ist eine sehr einträgliche Industrie, wissen Sie warum?

Sie machen Kontrakt auf ein halbes Jahr -- und reisen bereits nach drei

Wochen.

_Julie_ (naiv). Warum nach drei Wochen?

_Jean._ Sie erzürnen sich natürlich! aber die Miete muß trotzdem bezahlt

werden! Und dann vermietet man wieder. Und so geht es einmal nach dem

andern, denn Liebe giebt es bis in alle Ewigkeit -- wenn sie auch nicht

so lange währt.

_Julie._ Sie wollen nicht mit mir sterben?

_Jean._ Ich will überhaupt noch nicht sterben! Einmal, weil mir das

Leben noch gefällt, und dann, weil ich den Selbstmord für ein Verbrechen

gegen die Vorsehung ansehe, die uns das Leben geschenkt hat.

_Julie._ Sie glauben an Gott -- _Sie_?

_Jean._ Ja, gewiß thue ich das? Und ich gehe jeden andern Sonntag in die

Kirche. Aufrichtig gesprochen, bin ich dessen hier jetzt müde und gehe

nun zu Bett.

_Julie._ Ja so, und Sie glauben, daß ich mir damit genügen lasse? Wissen

Sie, was ein Mann einer Frau schuldig ist, die er entehrt hat?

_Jean_ (nimmt sein Portemonnaie hervor und wirft eine Silbermünze auf

den Tisch). Seien Sie so gut! Ich will nichts schuldig sein!

_Julie_ (thut, als wenn sie seinen Schimpf nicht bemerkt). Wissen Sie,

was das Gesetz bestimmt?

_Jean._ Leider kennt das Gesetz keine Strafe für das Weib, das einen

Mann verführt.

_Julie_ (wie vorher). Sehen Sie einen andern Ausweg als den, daß wir

reisen, uns trauen und wieder scheiden lassen?

_Jean._ Und wenn ich mich weigere, die Mesalliance einzugehen?

_Julie._ Mesalliance?

_Jean._ Ja, für mich! Sehen Sie, ich habe feinere Ahnen als Sie, denn

ich habe keine Mordbrenner in meinem Geschlecht!

_Julie._ Können Sie das wissen?

_Jean._ Sie können jedenfalls nicht das Gegenteil beweisen, denn wir

haben keine andern Stammtafeln -- als auf der Polizei! Aber von Ihrem

Stammbaum habe ich in einem Buch auf dem Salontisch gelesen. Wissen Sie,

was Ihr Stammvater war? Ein Müller, bei dessen Frau der König während

des dänischen Krieges eine Nacht verbrachte. Solche Ahnen habe ich

nicht! Ich habe überhaupt keine Ahnen, aber ich kann selbst einer

werden.

_Julie._ Das habe ich davon, daß ich mein Herz einem Unwürdigen

geöffnet, daß ich meine Familienehre preisgegeben habe --

_Jean._ Familienschande wollen Sie sagen! Ja, sehen Sie, das sagte ich

Ihnen ja! man soll nicht trinken, denn dann schwatzt man! Und man _soll_

nicht schwatzen!

_Julie._ O wie ich es bereue, wie ich es bereue! Und wenn Sie mich

wenigstens liebten!

_Jean._ Zum letztenmal -- was wollen Sie? Soll ich weinen, soll ich über

die Reitpeitsche springen, soll ich Sie küssen, auf drei Wochen an den

Comersee locken, und dann -- was soll ich? Was wollen Sie? Es fängt an

peinlich zu werden. Aber das kommt davon, wenn man seine Nase in

Frauenzimmerangelegenheiten hineinsteckt! Fräulein Julie! Ich sehe, daß

Sie unglücklich sind, ich weiß, daß Sie leiden, aber ich kann Sie nicht

verstehen. Wir machen nicht solche Geschichten; wir kennen keinen Haß

gegeneinander! Wir betreiben die Liebe als Spiel, wenn die Arbeit dazu

Zeit läßt; aber wir haben nicht den ganzen Tag und die ganze Nacht dafür

zur Verfügung. Ich sehe Ihnen an, Sie sind krank. Sie sind bestimmt

krank.

_Julie._ Sie müssen gut gegen mich sein, und nun reden Sie wie ein

Mensch. Helfen Sie mir, helfen Sie mir; sagen Sie mir nur, was ich thun

-- welchen Weg ich einschlagen soll?

_Jean._ In Jesu Namen, wenn ich es selbst wüßte.

_Julie._ Ich bin rasend, ich bin verrückt gewesen, aber soll es denn

keine Rettung geben?

_Jean._ Bleiben Sie und seien Sie ruhig! Niemand weiß etwas.

_Julie._ Unmöglich! Die Leute wissen es und Christine weiß es.

_Jean._ Das wissen sie nicht, und sie werden niemals etwas Derartiges

glauben.

_Julie_ (zaudernd). Aber es kann noch einmal geschehen.

_Jean._ Das ist wahr.

_Julie._ Und die Folgen?

_Jean_ (erschreckt). Die Folgen! Wo habe ich meinen Kopf gehabt, daran

nicht zu denken? Ja, dann giebt es nur eins -- fort von hier! Sogleich!

Ich begleite Sie nicht, denn dann ist alles verloren, sondern Sie müssen

allein reisen -- fort -- gleichviel wohin.

_Julie._ Allein? Wohin? Das kann ich nicht.

_Jean._ Sie müssen! Und zwar bevor der Graf zurück ist. Bleiben Sie, so

wissen Sie, was daraus wird! Hat man erst einmal gefehlt, so wird man

damit fortfahren, da der Schaden ja bereits geschehen ist. Dann wird man

dreister und dreister -- schließlich wird man entdeckt. Also reisen Sie!

Schreiben Sie später an den Grafen, und bekennen alles, außer daß ich es

war! Und das wird er nie erraten! Ich glaube auch nicht, daß ihm daran

liegen wird, es zu erfahren!

_Julie._ Ich werde reisen, wenn Sie mitkommen!

_Jean._ Sind Sie rasend, Fräulein? Sie wollen mit Ihrem Bedienten

durchbrennen? Übermorgen stände es in den Zeitungen, und das überlebte

der Graf niemals.

_Julie._ Ich kann nicht reisen! Ich kann nicht bleiben! Helfen Sie mir!

Ich bin so müde, so grenzenlos müde. -- Befehlen Sie mir! Bringen Sie

wieder Leben in mich hinein, denn ich kann nicht mehr denken und nicht

mehr handeln.

_Jean._ Sehen Sie nun, was für ein elendes Geschöpf Sie sind? Warum

blasen Sie sich auf und recken die Nase in die Luft, als wenn Sie der

Herr der Schöpfung wären? Na, dann werde ich Ihnen befehlen! Gehen Sie

und ziehen Sie sich an; versehen Sie sich mit Reisegeld und kommen Sie

dann wieder herunter!

_Julie_ (halblaut). Kommen Sie mit hinauf!

_Jean._ Auf Ihr Zimmer? Nun sind Sie wieder verrückt. (Er zögert einen

Augenblick.) Nein! Gehen Sie! Sofort! (Er faßt sie bei der Hand und

geleitet sie durch die Glasthür hinaus.)

_Julie_ (im Abgehen). Sprich doch freundlich mit mir, Jean.

_Jean._ Ein Befehl klingt immer unfreundlich! Fühlen Sie es nun selbst,

fühlen Sie es! (Beide ab.)

_Jean_ kommt zurück, seufzt erleichtert auf, setzt sich an den Tisch

rechts und zieht sein Notizbuch hervor; er rechnet hie und da laut;

stummes Mienenspiel. _Christine_ kommt von rechts für den Kirchgang

gekleidet, ein weißes Vorhemd und weißes Halstuch in der Hand.

_Christine._ Herr Jesus, wie sieht es hier aus! Was ist denn hier

geschehen?

_Jean._ Ach, das Fräulein hat die Leute hineingerufen. Hast du denn so

fest geschlafen, daß du nichts gehört hast?

_Christine._ Ich habe wie ein Stein geschlafen!

_Jean._ Und bereits für die Kirche angezogen?

_Christine._ Ja! Du hast ja versprochen, mich heute zum Abendmahl zu

begleiten!

_Jean._ Ja, das ist ja wahr! Und da hast du ja auch schon meinen Staat.

Na, komm her. (Er setzt sich rechts.)

_Christine_ (giebt ihm das weiße Vorhemd und Halstuch und ist ihm beim

Umnehmen behilflich).

(Pause.)

_Jean_ (schläfrig). Was für ein Evangelium ist heute?

_Christine._ Es handelt wohl von der Köpfung Johannes des Täufers, denke

ich mir.

_Jean._ Das wird wohl schrecklich lange dauern! Au, du kratzt mich!

O ich bin so schläfrig, so schläfrig!

_Christine._ Ja, was hast du denn die ganze Nacht gemacht; du bist ja

ganz grün im Gesicht?

_Jean._ Ich habe hier gesessen und mit Fräulein Julie geplaudert.

_Christine._ Die weiß doch bei Gott nicht, was sich schickt.

(Pause.)

_Jean._ Du, Christine, hör 'n mal!

_Christine._ Na?

_Jean._ Es ist doch immerhin sonderbar, wenn man darüber nachdenkt!

_Christine._ Was ist denn an ihr so sonderbar?

_Jean._ Alles.

(Pause.)

_Christine_ (erblickt das Glas, welches halb geleert auf dem Tisch

steht). Habt ihr auch zusammen getrunken?

_Jean._ Ja.

_Christine._ Pfui! Sieh mir in die Augen!

_Jean._ Ja!

_Christine._ Ist es möglich? _Ist_ es möglich?

_Jean_ (nach kurzem Bedenken). Ja, es ist!

_Christine._ Gitsch! Das hätte ich doch niemals geglaubt. Nein, pfui!

Pfui!

_Jean._ Du bist doch wohl nicht eifersüchtig auf sie?

_Christine._ Nein, nicht auf sie! Wenn es Klara oder Sophie gewesen

wäre, ja! Das arme Mädchen! Nein, weißt du was, ich will hier nicht

länger im Hause bleiben, wenn man vor seiner Herrschaft keinen Respekt

mehr haben kann.

_Jean._ Warum soll man vor ihnen Respekt haben?

_Christine._ Ja, und das fragst du, der du so schlau bist? Aber willst

du denn Leuten dienen, die sich so unanständig aufführen? Was? Man

schändet sich selbst dabei, scheint mir.

_Jean._ Ja, aber es ist doch ein Trost für uns, daß die andern nicht

besser sind, als wir.

_Christine._ Nein, das finde ich nicht, denn wenn sie nicht besser sind,

so hat es ja keinen Wert darnach zu streben, wie die besseren Leute zu

werden. Und denke an den Grafen! Denke an ihn, der sein Leben lang

soviel Kummer gehabt hat! Nein, ich will nicht länger in diesem Hause

bleiben! Und mit so einem, wie du! Wenn es noch der Kronvogt gewesen

wäre; wenn es ein besserer Mensch gewesen wäre.

_Jean._ Was soll das heißen?

_Christine._ Ja, ja! Du bist ja auch ein ganz braver Kerl; aber es ist

doch immerhin ein Unterschied zwischen Leuten und Leuten. -- Nein, das

kann ich niemals vergessen -- das Fräulein, das so stolz war, so schroff

gegen Männer, so daß man sich gar nicht denken konnte, sie würde sich je

einem Manne hingeben -- und dann so einem! Sie, die gleich die arme

Diana totschießen lassen wollte, weil sie dem Hofhunde nachlief! Na, das

muß ich sagen! Aber hier will ich nicht länger bleiben, und zum

vierundzwanzigsten Oktober geh ich meines Wegs.

_Jean._ Und dann?

_Christine._ Ja, da wir gerade davon reden, es wäre an der Zeit, daß du

dich nach etwas anderem umsiehst, da wir uns doch verheiraten wollen.

_Jean._ Ja, wonach sollte ich mich umsehen? Eine so gute Stelle kann ich

nicht bekommen, wenn ich verheiratet bin.

_Christine._ Selbstverständlich nicht! Und du mußt wohl eine

Portierstelle annehmen, oder sehen, als Diener an einem öffentlichen

Institut Anstellung zu erhalten. Der Kronenkuchen ist knapp, aber

sicher, und dann bekommen dort Frau und Kinder Pension --

_Jean_ (mit einer Grimasse). Das ist zwar sehr nett, aber es paßt nicht

mit meiner Manier, gleich im Anfang daran zu denken, für Frau und Kind

zu sterben. Ich muß gestehen, daß ich wirklich etwas höhere Aussichten

hatte.

_Christine._ Deine Aussichten, ja! Du hast aber auch Verpflichtungen!

Denke nur an sie!

_Jean._ Du sollst mich nicht damit ärgern, daß du von Verpflichtungen

redest. Ich weiß wohl, was ich zu thun habe. (Er lauscht nach außen.)

Darüber nachzudenken haben wir indessen noch gute Zeit. Geh nun hinein

und mache dich fertig, dann gehen wir zur Kirche.

_Christine._ Wer wandert dort oben umher?

_Jean._ Ich weiß nicht, ob es nicht Klara ist.

_Christine_ (geht). Das kann doch nicht etwa gar der Graf sein, der nach

Hause gekommen ist, ohne daß ihn jemand gehört hat.

_Jean_ (ängstlich). Der Graf? Nein, das glaube ich nicht, denn dann

hätte er schon geklingelt.

_Christine._ Ja, weiß der liebe Gott! Niemals habe ich so etwas erlebt!

(Ab nach rechts.)

Die Sonne ist inzwischen aufgegangen und beleuchtet draußen

allmählich die Baumwipfel des Parks; der Schein rückt nach und nach

tiefer, bis er schräg in die Fenster hineinfällt.

_Jean_ (geht zur Glasthür und macht ein Zeichen).

_Julie_ (kommt im Reiseanzug und mit einem kleinen Vogelbauer, das mit

einem Handtuch bedeckt ist und stellt es auf einen Stuhl). Nun bin ich

fertig.

_Jean._ Still! Christine ist wach!

_Julie_ (äußerst erregt während der folgenden Scene). Ahnte sie etwas?

_Jean._ Sie weiß nichts! Aber, mein Gott, wie sehen Sie aus?

_Julie._ Wie? Wie ich aussehe?

_Jean._ Sie sind blaß, wie eine Leiche und -- verzeihen Sie, aber Sie

sind schmutzig im Gesicht.

_Julie._ So geben Sie mir Waschwasser! -- So! (Sie geht zum Waschtisch

und wäscht sich Gesicht und Hände.) Geben Sie mir ein Handtuch! Ach --

die Sonne ist aufgegangen!

_Jean._ Und dann flüchtet der Zauberkobold.

_Julie._ Ja, heute Nacht ist wirklich ein Kobold in Thätigkeit gewesen!

Aber Jean, höre mich! Komme mit mir, denn nun habe ich die Mittel.

_Jean_ (zögernd). Genügend?

_Julie._ Genug für den Anfang! Komm mit mir, denn ich kann heute nicht

allein reisen. Denke, am Johannistage, in einem schwülen Zug, in eine

Masse von Leuten hineingepfropft, die einen anglotzen; auf den Stationen

warten, wenn man fliegen möchte. Nein, ich kann nicht, ich kann nicht!

und dann kommen die Erinnerungen, die Kindheitserinnerungen an die

Johannistage mit der laubgeschmückten Kirche -- Birkenlaub und Flieder;

das Mittagsmahl mit prachtvoll gedecktem Tisch, die Verwandten und

Freunde; der Nachmittag im Park, Tanz, Musik, Blumen und Spiele. Ach,

man flieht und flieht; aber im Gepäckwagen folgen die Erinnerungen, die

Reue und die Gewissensqualen nach!

_Jean._ Ich werde Sie begleiten! Aber dann fort, ehe es zu spät ist.

Jetzt auf der Stelle!

_Julie._ So machen Sie sich fertig! (Sie nimmt das Vogelbauer.)

_Jean._ Aber keine Bagage! Dann sind wir verloren.

_Julie._ Nein, nichts! Nur was man ins Coupé mitnehmen kann.

_Jean_ (hat einen Hut genommen). Was haben Sie denn da? Was ist das?

_Julie._ Das ist nur mein kleiner Zeisig! Den will ich nicht

zurücklassen!

_Jean._ Nanu? Sollen wir nun auch noch das Vogelbauer mitnehmen! Sie

sind rein verrückt! Lassen Sie den Vogel da!

_Julie._ Das Einzige, was ich von Hause mitnehme; das einzige lebende

Wesen, das mich gern hat, seitdem mir Diana untreu geworden ist! Sei

nicht grausam! Laß mich ihn mitnehmen!

_Jean._ Lassen Sie ihn da, sage ich -- und reden Sie nicht so laut.

Christine kann uns hören!

_Julie._ Nein, ich lasse ihn nicht in fremden Händen zurück! Töte ihn

dann lieber!

_Jean._ So geben Sie das kleine Ding denn her, ich werde ihm den Hals

umdrehen!

_Julie._ Ja, aber ihm nicht wehe thun! Nicht -- nein, ich kann es nicht!

_Jean._ Her damit, ich kann's!

_Julie_ (nimmt den Vogel aus dem Bauer und küßt ihn). O mein Sennchen,

sollst du durch deine eigne Herrin sterben?

_Jean._ Seien Sie so gut und machen Sie jetzt keine Scenen; es gilt ja

Ihr Leben, Ihre Wohlfahrt! So, schnell!

(Er reißt ihr den Vogel aus der Hand, trägt ihn zum Hackblock und

nimmt das Küchenmesser.)

_Julie_ (wendet sich ab).

_Jean._ Sie hätten Hühnchen schlachten lernen sollen, statt mit dem

Revolver zu schießen, (haut zu) dann würden Sie nicht vor einem

Blutstropfen ohnmächtig werden.

_Julie_ (schreit). Töte auch mich! Töte mich! Wenn du ein unschuldiges

Tier schlachten kannst, ohne daß dir die Hand bebt! O ich hasse und

verabscheue dich. Zwischen uns steht Blut. Ich fluche der Stunde, da ich

dich sah, ich fluche der Stunde, da ich geboren wurde!

_Jean._ Ja, was hilft es, daß Sie fluchen! Gehen wir!

Fräulein Julie: Naturalistisches Trauerspiel · 第 3 / 4 段