Wo der Monolog unwahrscheinlich werden sollte, habe ich zur

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Fräulein Julie

Naturalistisches Trauerspiel

von

August Strindberg

Aus dem Schwedischen

von

E. Brausewetter

Autorisierte deutsche Ausgabe

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

_Alle Rechte vorbehalten._

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

Das Aufführungsrecht ist von der Firma _Kühling & Güttner_ Berlin W. 56,

Markgrafenstraße 53, zu erwerben.

Von Strindberg erschien in der Universal-Bibliothek:

Nr. 2489. Der Vater. Trauerspiel in drei Aufzügen.

Nr. 4103. Gläubiger. Tragikomödie in einem Aufzug.

Nr. 5126. Kameraden. Komödie in zwei Aufzügen.

Nr. 5514. Meister Olaf. Schauspiel in fünf Aufzügen.

Vorwort.

Das Theater ist mir schon lange, gleichwie die Kunst überhaupt, wie eine

"Biblia pauperum" erschienen, eine Bibel in Bildern für diejenigen,

welche nicht Gedrucktes oder Geschriebenes lesen können, und der

Theaterschriftsteller wie ein Laienpriester, welcher die Gedanken der

Zeit in populärer Form kolportiert, so populär, daß die Mittelklasse,

welche hauptsächlich das Theater füllt, ohne viel Kopfzerbrechen fassen

kann, worum es sich handelt. Das Theater ist daher immer eine

Volksschule für die Jugend, die Halbgebildeten und die Frauen gewesen,

welche noch das Vermögen zurückbehalten haben, sich selbst zu täuschen

und sich täuschen lassen, das heißt die Illusion zu bekommen, vom

Verfasser die Suggestion zu empfangen. Es ist mir daher in unserer Zeit,

da das rudimentäre, unvollständige Denken, welches sich durch die

Phantasie vollzieht, sich zur Reflexion, zur Untersuchung und Prüfung zu

entwickeln scheint, so vorgekommen, als wenn das Theater, gleichwie die

Religion, auf dem Wege wäre, sich gleich einer aussterbenden Form

hinzubetten, zu deren Genuß uns die erforderlichen Voraussetzungen

fehlen. Für diese Annahme spricht die durchgehende Theaterkrisis, welche

jetzt in ganz Europa herrscht, und nicht zum wenigsten der Umstand, daß

in den Kulturländern, welche die größten Denker der Gegenwart

hervorbringen, nämlich England und Deutschland, die Dramatik tot ist,

gleichwie größtenteils die andern schönen Künste.

In andern Ländern wieder hat man geglaubt sich ein neues Drama schaffen

zu können, indem man die alten Formen mit dem Gehalt der neueren Zeit

erfüllte; aber teils haben die neuen Gedanken noch nicht Zeit gehabt,

populär zu werden, sodaß das Publikum den Verstand besäße zu erfassen,

worum es sich handelt, teils haben Parteistreitigkeiten die Gemüter

erregt, sodaß ein rein objektiver Genuß nicht hat eintreten können,

da man sich hier in seinem Innersten widersprochen sah und dort eine

applaudierende oder zischende Majorität ihren Druck so öffentlich

ausübte, als es in einem Theatersaal möglich ist, teils hat man nicht

die neue Form für den neuen Gehalt gefunden, sodaß der neue Wein die

alten Flaschen gesprengt hat.

In dem vorliegenden Drama habe ich nicht versucht etwas _Neues_ zu

bringen -- denn das kann man nicht -- sondern nur die Form gemäß den

Forderungen zu modernisieren, welche, nach meiner Meinung, die neuen

Menschen unserer Zeit an diese Kunst stellen sollten. Und zu diesem

Zwecke habe ich gewählt oder mich ergreifen lassen von einem Motiv, von

welchem man sagen kann, es liegt außerhalb der Parteikämpfe des Tages,

da ja das Problem vom socialen Steigen oder Fallen, von Höherem und

Niedrigerem, Besserem oder Schlechterem, Mann oder Weib, von bleibendem

Interesse ist, gewesen ist und sein wird. Als ich dieses Motiv aus dem

Leben nahm, so, wie ich es vor einer Reihe von Jahren erzählen hörte,

als das Ereignis einen starken Eindruck auf mich machte, fand ich, daß

es sich für ein Trauerspiel eigne, denn noch macht es einen traurigen

Eindruck: ein unter glücklichen Verhältnissen lebendes Individuum

untergehen zu sehen, um wieviel mehr also ein Geschlecht aussterben zu

sehen. Aber es wird vielleicht eine Zeit kommen, da wir uns so

entwickeln, so aufgeklärt werden, daß wir gleichgültig diesem jetzt

rohen, cynischen und herzlosen Schauspiel, welches das Leben darbietet,

zusehen werden, da wir diese niedrigeren und unzuverlässigen

Gedankenmaschinen, welche Gefühle genannt werden, abgelegt haben, weil

sie überflüssig und schädlich werden, sobald unsere Urteilskraft

ausgewachsen ist. Dieses, daß die Heldin Mitleid erweckt, beruht nur auf

unserer Schwäche, da wir dem Gefühle der Furcht nicht widerstehen

können, dasselbe Schicksal könnte auch uns treffen. Ein sehr

gefühlvoller Zuschauer wird vielleicht jedoch nicht durch dieses Mitleid

befriedigt sein, und der Zukunftsmensch wird vielleicht einige positive

Vorschläge, dem Übel abzuhelfen, eine Art Programm mit andern Worten,

fordern. Aber erstens giebt es kein absolutes Übel, denn daß ein

Geschlecht untergeht, ist ja etwas Gutes für ein anderes Geschlecht,

welches dadurch emporkommen kann, und der Wechsel von Steigen und Fallen

bildet gerade eine der größten Annehmlichkeiten des Lebens, da das Glück

nur in dem Vergleich liegt. Und den Programmenschen, welcher dem

peinlichen Umstande, daß der Raubvogel die Taube frißt und die Laus

wieder den Raubvogel, will ich fragen: warum soll dem abgeholfen werden?

Das Leben ist nicht so mathematisch-idiotisch, daß nur die Großen die

Kleinen auffressen, sondern es kommt oft vor, daß die Biene den Löwen

tötet oder ihn zum wenigsten toll macht.

Daß mein Trauerspiel einen traurigen Eindruck auf viele macht, ist also

der Fehler dieser. Wenn wir stark werden, wie die ersten französischen

Revolutionsmänner, wird es unbedingt einen guten und frohen Eindruck

machen, der Ausrottung eines Parkes von morschen, überjährigen Bäumen

zuzusehen, welche anderen zu lange im Wege standen, die ebenfalls das

gleiche Recht hatten, ihre Zeit zu vegetieren -- einen guten Eindruck,

gleich wie wenn man einen unheilbar Kranken sieht, der endlich sterben

kann.

Man warf kürzlich meinem Trauerspiel »Der Vater«[A] vor, es wäre so

traurig, gleich als wenn man ein lustiges Trauerspiel forderte. Man ruft

anspruchsvoll nach der Lebensfreude, und die Theaterdirektoren fordern

Farcen, gleich als wenn die Lebensfreude darin läge, albern zu sein und

Menschen zu zeichnen, welche allesamt am Veitstanz oder Idiotismus

litten. Ich finde die Lebensfreude in den starken, grausigen Kämpfen des

Lebens, und es bereitet mir Genuß, etwas erfahren, etwas lernen zu

können. Und darum habe ich einen ungewöhnlichen, aber lehrreichen Fall

gewählt, mit einem Wort eine Ausnahme, aber eine große Ausnahme, welche

die Regel bekräftigt, was sicherlich diejenigen, die das Alltägliche

lieben, verletzen wird. Was ferner bei einzelnen Anstoß erregen wird,

ist, daß meine Motivierung der Handlung nicht einfach ist, und es nicht

nur einen Gesichtspunkt dafür giebt. Ein Ereignis im Leben -- und das

ist eine ziemlich neue Entdeckung -- wird gewöhnlich von einer ganzen

Reihe mehr oder minder tiefliegender Motive hervorgerufen, aber der

Zuschauer wählt meistens dasjenige, welches seiner Urteilskraft das am

leichtesten faßliche oder für seine Urteilsgabe das ehrenvollste ist.

Es ist z.B. ein Selbstmord begangen worden. »Schlechte Geschäfte!« sagt

der Bürger. -- »Unglückliche Liebe!« sagen die Frauenzimmer. --

»Krankheit!« der Kranke. -- »Getäuschte Hoffnungen!« der Schiffbrüchige.

Aber nun kann es vorkommen, daß das Motiv hier überall oder nirgend zu

suchen war, und daß der Verstorbene das Grundmotiv dadurch verbarg, daß

er ein ganz anderes vorschob, welches das vorteilhafteste Licht über

sein Gedächtnis werfen könnte!

[Anmerkung A: Deutsche Ausgabe von E. Brausewetter,

Universal-Bibliothek Nr. 2489.]

Fräulein Juliens trauriges Schicksal habe ich durch eine ganze Menge von

Umständen motiviert: die Grundinstinkte der Mutter; die falsche

Erziehung des Mädchens durch den Vater; das eigene Naturell und die

Suggestionen des Bräutigams auf das schwache degenerierte Hirn; sodann

auch momentane: die Feststimmung der Johannisnacht; die Abwesenheit des

Vaters; die Beschäftigung mit dem Tiere; der aufregende Einfluß des

Tanzes; die Dämmerung der Nacht; die starke, berauschende Wirkung der

Blumen; und schließlich der Zufall, welcher die beiden in einen geheimen

Raum zusammentreibt, sowie die aufregende Zudringlichkeit des Mannes.

Ich bin also nicht einseitig physiologisch verfahren, auch nicht monoman

psychologisch, ich habe die Schuld nicht nur der Vererbung von der

Mutter oder ausschließlich der »Unsittlichkeit« aufgebürdet, noch bloß

Moral gepredigt.

Dieser Mannigfaltigkeit der Motive will ich mich rühmen, da sie mit der

Forderung der Zeit übereinstimmt! Und haben es andere schon vor mir so

gemacht, so rühme ich mich mit meinen Paradoxen, wie alle Entdeckungen

genannt werden, nicht allein zu stehen.

Was die Charakterzeichnung anbetrifft, so habe ich die Figuren ziemlich

»charakterlos« gezeichnet und zwar aus folgenden Gründen:

Das Wort Charakter hat im Lauf der Zeiten eine mehrfache Bedeutung

bekommen. Es bedeutete wohl ursprünglich den herrschenden Grundzug im

Seelenkomplex und wurde mit Temperament verwechselt. Dann wurde es der

Ausdruck der Mittelklasse für den Automaten; sodaß ein Individuum,

welches ein für allemal bei seinem Naturell stehen geblieben ist oder

sich einer gewissen Rolle im Leben angepaßt hat, welches also mit einem

Wort gesagt, aufgehört hat zu wachsen, ein Charakter genannt wurde, und

der in der Entwickelung Befindliche, der geschickte Schiffer auf dem

Strome des Lebens, welcher nicht mit fester Schote segelt, sondern den

Kahn vor dem Windstoß fallen läßt, um ihn hernach wieder aufzuluven,

wurde charakterlos genannt. Im herabsetzenden Sinne natürlich, da er ja

so schwer einzufangen, einzuregistrieren und zu kontrollieren war.

Dieser bürgerliche Begriff von der Unveränderlichkeit der Seele wurde

dann auf das Theater übertragen, wo ja das Bürgerliche immer geherrscht

hat. Ein Charakter war dort ein Herr, welcher fix und fertig war,

welcher unveränderlich als Betrunkener, als Spaßmacher, als Betrübter

auftrat; und um zu charakterisieren bedurfte es nur, dem Körper ein

Gebrechen anzudichten, einen Klumpfuß, ein hölzernes Bein, eine rote

Nase, oder daß man den Betreffenden einen Ausruf gebrauchen ließ wie

diesen: »das war galant«, »Barkis will gern« oder dergleichen. Bei

dieser Art und Weise, die Menschen so einseitig aufzufassen, bleibt noch

sogar der große Molière stehen. Harpagon ist nur geizig, obgleich

Harpagon hätte geizig und zugleich ein ausgezeichneter Finanzier, ein

prächtiger Vater, ein guter Bürger sein können, und was schlimmer ist,

sein Gebrechen ist gerade äußerst vorteilhaft für seine Tochter und

seinen Schwiegersohn, welche ihn beerben und ihn daher nicht tadeln

dürfen, wenn sie auch ein wenig warten müssen, bis sie sich kriegen.

Daher glaube ich nicht an einfache Theatercharaktere. Und gegen das

summarische Urteil der Verfasser über die Menschen: der ist dumm, der

ist brutal, der ist eifersüchtig, der ist geizig u.s.w. sollte von den

Naturalisten Einspruch erhoben werden, welche wissen, wie reich der

Seelenkomplex ist, und welche verstehen, daß das Laster eine Rückseite

hat, welche sehr stark der Tugend ähnelt.

Als moderne Charaktere, die in einer Übergangszeit leben, welche mehr

eilig hysterisch als zum mindesten die vorhergehende ist, habe ich meine

Figuren schwankender, zerrissener, von Altem und Neuem zusammengesetzter

geschildert, und es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß

moderne Ideen durch die Zeitungen und Gespräche auch in die

Gesellschaftsschichten hinabgedrungen sein können, in denen selbst

ein Dienstbote sich bewegt.

Meine Seelen (Charaktere) sind Konglomerate von vergangenen Kulturgraden

und Brocken der angehenden Zeit, welche aus Büchern und Zeitungen

entlehnt wurden, Stücke von Menschen, abgerissene Fetzen von

Feiertagskleidern, welche zu Lumpen geworden sind, ganz wie die

Seele zusammengeflickt ist. Und ich habe außerdem ein wenig

Entwicklungsgeschichte gegeben, indem ich den Schwächeren stehlen und

Worte wiederholen lasse von dem Stärkeren, die Seelen »Ideen«,

Suggestionen, wie es genannt wird, voneinander holen lasse.

Fräulein Julie ist ein moderner Charakter, nicht als wenn es das

Halbweib, die Männerhasserin, nicht zu allen Zeiten sollte gegeben

haben, sondern darum, weil es jetzt entdeckt, hervorgetreten ist und

Lärm gemacht hat. Das Halbweib ist ein Typus, welcher sich hervordrängt,

sich jetzt für Macht, Ansehn, Auszeichnungen und Diplome, sowie früher

für Geld verkauft und die Entartung andeutet. Es ist keine gute Art,

denn sie ist nicht lebensfähig, pflanzt sich aber leider mit all' ihrem

Elend noch ein Glied fort, und entartete Männer scheinen unbewußt die

Auswahl unter ihnen zu treffen, sodaß sie sich vermehren und Wesen

unbestimmten Geschlechtes hervorbringen, welchen das Leben eine Qual

ist, die aber glücklicherweise zu Grunde gehen, entweder in Disharmonie

mit der Wirklichkeit oder infolge unaufhaltsamen Hervorbrechens des

unterdrückten Triebes, oder der getäuschten Hoffnungen den Mann nicht

erlangen zu können. Der Typus ist tragisch, da er das Schauspiel eines

verzweifelten Kampfes gegen die Natur darbietet, tragisch als ein

romantisches Erbe, welches nun von dem Naturalismus zerstreut wird, der

nur das Glück will, und zum Glücke gehören starke und lebensfähige

Arten.

Aber Fräulein Julie ist auch ein Überbleibsel des alten Kriegeradels,

welcher jetzt vor dem neuen Nerven- oder Großgehirn-Adel untergeht; ein

Opfer der Disharmonie, welche der Mutter »Schuld« in eine Familie

hineinbringt, ein Opfer der Verirrungen der Zeit, der Umstände und ihrer

eigenen schwächlichen Konstitution, was alles zusammen soviel bedeutet,

als: das Schicksal früherer Zeiten oder die Weltordnung. Die Schuld hat

der Naturalist mit Gott zusammen ausgestrichen, aber die Folgen der

That, die Strafe, Haftbarkeit oder die Furcht davor, kann nicht

gestrichen werden, aus dem einfachen Grunde, weil sie bestehen bleiben,

ob er nun freispricht oder nicht, denn die Leute, denen Unrecht

geschehen, sind nicht so wohlwollend gestimmt, wie diejenigen, denen

keins widerfahren, es billig sein können. Selbst wenn der Vater aus

zwingenden Gründen auf die Strafe verzichten sollte, würde die Tochter

sie an sich selbst vollziehen müssen, wie sie es hier thut, infolge des

angeborenen oder erworbenen Ehrgefühls, welches die höheren Klassen

ererben -- von wo? Von der Barbarei, von der asiatischen Urheimat, von

dem Rittertum des Mittelalters? -- und welches sehr schön ist, jetzt

aber unvorteilheit für das Bestehen der Art. Es ist des Edelmannes

»Harakiri«, des Japanesen Gewissensgesetz, welches ihm gebietet sich

den Leib aufzuschlitzen, wenn ein anderer ihn beschimpft, welches in

modifizierter Form im Duell, dem Adelsprivilegium, weiterlebt. Darum

bleibt der Bediente Jean am Leben, aber Fräulein Julie kann nicht leben

ohne Ehre. Das ist der Vorzug des Knechtes vor dem Herrn, daß er frei

ist von diesem lebensgefährlichen Vorurteil betreffs der Ehre; und in

uns alten Ariern existiert etwas vom Edelmann oder Don Quijote, was

bewirkt, daß wir mit dem Selbstmörder sympathisieren, welcher eine

ehrlose Handlung begangen und so seine Ehre verloren hat, und wir sind

genug Edelleute, um Schmerz zu empfinden, wenn wir eine gefallene Größe

daliegen sehen, selbst wenn der Gefallene sich erheben könnte, und

suchen es durch ehrenvolle Handlungen wiedergutzumachen. Der Diener Jean

ist ein Artbilder, einer, bei welchem sich die Differenzierung bemerkbar

macht. Er ist ein Kätners Sohn und hat sich nun zu einem werdenden Herrn

ausgebildet. Es ist ihm leicht geworden zu lernen, da er fein

entwickelte Sinne hatte (Geruch, Geschmack, Gesicht) und Schönheitssinn.

Er hat sich bereits emporgeschwungen und ist stark genug, es sich nicht

übel zu nehmen, aus den Diensten anderer Menschen Vorteile zu ziehen. Er

ist seiner Umgebung bereits fremd, welche er als zurückgelegtes Stadium

verachtet und dennoch fürchtet und flieht, da sie seine Geheimnisse

kennen, seine Absichten ausspüren, voll Neid sein Steigen sehen und mit

Vergnügen seinen Fall erwarten. Daher sein zweideutiger, unentschiedener

Charakter, der zwischen Sympathie für das, was auf der Höhe steht, und

Haß gegen diejenigen, die nun oben sind, hin- und herschwankt. Er ist,

wie er selbst sagt, Aristokrat, hat die Geheimnisse der guten

Gesellschaft gelernt, ist gewandt im Benehmen, aber bisweilen roh, trägt

bereits mit Eleganz den Überrock, ohne jedoch eine Garantie zu bieten,

daß er rein auf dem Körper ist.

Er hat Respekt vor dem Fräulein, aber Angst vor Christine, da sie seine

gefährlichen Geheimnisse kennt; er ist gefühllos genug, nicht die

Ereignisse der Nacht störend in seine Zukunftspläne eingreifen zu

lassen. Mit der Rohheit des Knechtes und dem Mangel an Weichherzigkeit

des Herrschers kann er Blut sehen, ohne zu erblassen, ein Mißgeschick

auf den Rücken nehmen und es aus dem Wege schleudern; darum geht er auch

unverwundet aus dem Kampfe hervor und endet wahrscheinlich als

Hotelwirt, und wenn _er_ nicht rumänischer Graf wird, so wird sein Sohn

wahrscheinlich Student und möglicherweise Kronvogt.

Es sind übrigens recht wichtige Aufklärungen, die er über die

Lebensauffassung der unteren Klassen giebt, wenn er nämlich die Wahrheit

spricht, was nicht oft der Fall ist, denn er spricht mehr, was für ihn

vorteilhaft, als was wahr ist. Wenn Fräulein Julie die Vermutung

aufwirft, daß alle in den unteren Klassen den Druck von oben so schwer

empfinden, so stimmt Jean natürlich bei, da es ja seine Absicht ist,

ihre Sympathie zu gewinnen, aber er korrigiert sofort seine Äußerung,

wenn er es für vorteilhafter hält, sich von der Masse zu scheiden.

Außerdem daß Jean ein Steigender ist, steht er auch darin über dem

Fräulein, daß er ein Mann ist. Geschlechtlich ist er Aristokrat durch

seine männliche Stärke, seine feiner entwickelten Sinne und seine

Fähigkeit zur Initiative. Seine Unterlegenheit besteht zunächst in dem

zufälligen socialen Milieu, in welchem er lebt, und welches er

wahrscheinlich mit dem Bedientenrock ablegen kann.

Der Knechtssinn äußert sich in seiner Hochachtung für den Grafen (die

Stiefeln) und seinem religiösen Aberglauben; aber er achtet den Grafen

vornehmlich als den Inhaber des höheren Platzes, nach welchem er strebt;

und diese Achtung bleibt sogar noch zurück, wenn er die Tochter des

Hauses erobert hat und gesehen, wie leer die schöne Schale war.

Daß ein Liebesverhältnis in »höherem« Sinne zwischen zwei Seelen von so

ungleichem Gehalt entstehen könnte, glaube ich nicht, und darum lasse

ich Fräulein Juliens Liebe von ihr selbst als Entschuldigung oder

Verteidigung erdichten; und Jean lasse ich vermuten, daß seine Liebe

noch unter andern socialen Verhältnissen würde hervorwachsen können.

Ich denke, es ist mit der Liebe wohl wie mit der Hyacinthe, welche im

Dunkeln Wurzel schlagen soll, bevor sie eine kräftige Blüte treiben

kann. Hier schießt sie empor und setzt Blüten an, und darum erstirbt das

Gewächs so schnell.

Christine endlich ist ein weiblicher Knecht, voll Unselbständigkeit und

Stumpfsinn, den sie am Herdfeuer erworben, vollgepropft mit Moral und

Religion als Deckmantel und Sündenbock. Sie geht zur Kirche, um leicht

und schnell ihre Hausdiebstähle auf Jesus abzuwälzen und eine neue

Ladung Sündenvergebung einzunehmen. Übrigens ist sie eine Nebenperson

und darum absichtlich nur skizziert, wie ich es mit dem Pfarrer und

Doktor im »Vater« gemacht habe, da ich sie gerade als Alltagsmenschen

haben wollte, wie Landpfarrer und Provinzialärzte es meist zu sein

pflegen. Und daß diese meine Nebenfiguren etwas abstrakt erscheinen,

beruht darauf, daß die Alltagsmenschen in gewissem Sinne in Ausübung

ihres Berufes abstrakt, das heißt unselbständig sind; sie zeigen bei

der Verrichtung ihres Berufes nur eine Seite, und solange der Zuschauer

nicht das Bedürfnis empfindet sie von mehreren Seiten zu sehen, ist

meine abstrakte Schilderung ziemlich richtig.

Was schließlich den Dialog anbetrifft, so habe ich mit der Tradition

insofern ein wenig gebrochen, als ich meine Personen nicht zu Katecheten

gemacht habe, welche sitzen und dumme Fragen stellen, um eine prompte

Replik hervorzurufen. Ich habe das Symmetrische, das Mathematische in

dem französisch konstruierten Dialog vermieden und die Gehirne

ungehindert arbeiten lassen, wie sie es in der Wirklichkeit thun, wo in

einem Gespräch das Thema ja nicht völlig erschöpft wird, sondern das

eine Gehirn von dem andern gleichsam aufs Geratewohl einen Radzahn

empfängt, in welchen es eingreifen kann. Und darum wogt der Dialog auch

hin und her, versieht sich in den ersten Scenen mit einem Material,

welches später bearbeitet, wiederaufgenommen, repetiert, entwickelt und

wiederaufgelegt wird, gleich dem Thema in einer musikalischen

Komposition.

Die Handlung ist reich genug, und da sie eigentlich nur zwei Personen

angeht, habe ich mich auf sie beschränkt, und nur eine Nebenperson

eingeführt, die Köchin, und den unglücklichen Geist des Vaters über und

hinter dem Ganzen schweben lassen. Dieses Letztere habe ich gethan, da

ich zu bemerken geglaubt habe, daß für Menschen der neueren Zeit die

psychologische Entwicklung das ist, was sie am meisten interessiert, und

unsere wißbegierigen Seelen sich nicht damit begnügen, etwas vor sich

gehen zu sehen, ohne zu erfahren, wie es zugeht! Wir wollen gerade die

Fäden, die Maschinerie sehen, die doppelbodige Schachtel untersuchen,

den Zauberring in die Hand nehmen, um die Fuge zu finden, in die Karten

gucken, um zu entdecken, mit was für Zeichen sie versehen sind.

Was das Technische in der Komposition anbetrifft, so habe ich die

Akteinteilung gestrichen, weil ich bemerkt habe, daß unser Mangel an

Fähigkeit, uns von einer Illusion beherrschen zu lassen, möglicherweise

durch Zwischenakte erzeugt wird, in denen der Zuschauer Zeit bekommt zu

reflektieren und sich dabei dem suggestiven Einfluß des

Verfasser-Magnetiseurs zu entziehen. Mein Drama währt wahrscheinlich

sechs Viertelstunden, und wenn man eine Vorlesung, eine Predigt oder

eine Kongreßverhandlung ebenso lange und länger anhören kann, so habe

ich mir gedacht, daß ein Theaterstück während anderthalb Stunden nicht

ermüden würde.

Der Monolog ist von unsern Realisten als unwahr verbannt, aber wenn ich

ihn motiviere, mache ich ihn wahrscheinlich und kann ihn also mit

Vorteil verwenden. Es ist ja wahrscheinlich, daß ein Redner allein in

seinem Zimmer auf- und abgeht und laut seine Rede durchgeht,

wahrscheinlich, daß ein Schauspieler laut seine Rolle memoriert, daß ein

Mädchen mit seiner Katze plaudert, eine Mutter mit ihrem Kinde scherzt,

ein altes Fräulein mit ihrem Papagei schwatzt, ein Schlafender im

Schlafe spricht. Und um einmal dem Schauspieler zu selbständiger Arbeit

Gelegenheit zu geben und einen Augenblick dem Zeigefinger des Verfassers

zu entschlüpfen, ist es am besten, daß die Monologe nicht ausgeführt,

sondern nur angedeutet werden. Denn da es ziemlich gleichgültig ist, was

im Schlafe, zum Papagei oder zur Katze gesprochen wird, da es ja keinen

Einfluß auf die Handlung ausübt, so kann ein begabter Schauspieler, der

mitten in der Stimmung und Situation drinnen ist, dies besser

improvisieren, als der Verfasser, der nicht im voraus berechnen kann,

wieviel und wie lange geschwatzt werden kann, bis das Publikum aus der

Illusion erweckt wird.

Wo der Monolog unwahrscheinlich werden sollte, habe ich zur Pantomime

gegriffen und hier lasse ich dem Schauspieler noch mehr Freiheit, zu

dichten und selbständig Ehre zu gewinnen. Um gleichwohl das Publikum

nicht zu stark auf die Probe zu stellen, habe ich die Musik, die durch

den Tanz in der Johannisnacht wohl motiviert ist, ihre verführerische

Macht während des stummen Spiels ausüben lassen, und bitte den

Musikdirektor wohl zu beherzigen, daß er nicht fremde Stimmungen

erwecken darf durch die Erinnerung an das Operetten- oder Tanzrepertoire

des Tages oder durch allzu ethnographisch volkstümliche Melodieen.

Das Ballett,[B] welches ich eingeführt habe, konnte durch keine

Volksscene ersetzt werden, da Volksscenen schlecht gespielt werden, und

eine Menge Spaßmacher die Gelegenheit benutzen würden, sich bemerkbar zu

machen und dadurch die Illusion stören. Da das Volk seine

Böswilligkeiten nicht selbst improvisiert, sondern bereits fertiges

Material benutzt, das einen doppelten Sinn geben kann, habe ich das

»Schmähgedicht« nicht gedichtet, sondern ein weniger bekanntes Tanzspiel

benutzt, welches ich selbst in der Umgebung von Stockholm aufgezeichnet

habe. Die Worte treffen ungefähr die Sache, und das genügt völlig, denn

die Feigheit der Menge gestattet ihr nicht direkte Angriffe.[C] Also

keine ausgesprochenen Späße in einer ernsten Handlung, kein rohes

Grinsen gegenüber einer Situation, die den Deckel auf den Sarg eines

Geschlechtes legt.

[Anmerkung B: Der Verfasser meint hier mit Ballett natürlich einen

Tanz, einen Volkstanz, und denkt nicht etwa an die berühmten kurzen

Röckchen und die fleischfarbenen Tricots. Der Übers.]

[Anmerkung C: Um dieser Absicht des Dichters möglichst genau

gerecht zu werden, wählte ich dafür ein älteres deutsches

»Gesellschaftslied«. Der Übers.]

Was die Dekorationen anbetrifft, so habe ich von der impressionistischen

Malerei das Unsymmetrische und Abgeschnittene entlehnt und glaube

dadurch die Illusion zu erhöhen; denn dadurch, daß man nicht die ganze

Scene und das ganze Möblement sieht, ist es einem möglich gemacht den

Raum zu ahnen: die Phantasie wird erregt und ersetzt das Fehlende. Auch

habe ich es dadurch erreicht, daß ich das ermüdende Gehen und Kommen

durch die Thüren los wurde, besonders da die Theaterthüren aus Leinwand

sind und bei der geringsten Bewegung flattern. Ebenso habe ich mich an

eine einzelne Dekoration gehalten, damit die Personen sich mit der

Umgebung verschmelzen können, und um mit dem Dekorationsluxus zu

brechen.

Ich habe die Hintergrundsdekoration und den Tisch _schräg_ gestellt,

um die Schauspieler zu veranlassen "en face" und in halbem Profil zu

spielen, wenn sie am Tisch einander gegenüber sitzen.

Eine andere vielleicht nicht unnötige Verbesserung würde die Entfernung

der Rampe sein. Dieses Licht von unten scheint die Aufgabe zu haben die

Schauspieler im Gesichte voller erscheinen zu lassen; aber ich muß

fragen: Warum sollen alle Schauspieler volle Gesichter haben? Ob das

Licht von unten nicht eine Menge feiner Züge in den unteren Partieen des

Gesichtes, namentlich der Kiefer, verwischt, ob es nicht die Form der

Nase verändert und Schatten über die Augen wirft? Und wenn nicht, so ist

doch sicher, daß es den Augen des Schauspielers unangenehm ist, sodaß

das wirkungsvolle Spiel des Blicks verloren geht, denn das Licht der

Rampe trifft die Netzhaut auf Stellen, die sonst geschützt sind und

darum sieht man selten andere Bewegungen der Augen, als ein dummes

Starren zur Seite oder hinauf zu den Logenreihen, sodaß das Weiße im

Auge zu sehen ist. Möglicherweise kann man derselben Ursache das müde

Blinzeln mit dem Augendeckel bei den Schauspielern und namentlich bei

den Schauspielerinnen zuschreiben. Und wenn jemand auf der Bühne mit den

Augen sprechen will, kann er nur geradeaus ins Publikum sehen, mit dem

er (oder sie) außerhalb des Rahmens des Stückes eine direkte

Korrespondenz einleitet; eine Unsitte, die mit Recht oder Unrecht

»Bekannte begrüßen« genannt wird.

Sollte nicht genügend starkes Seitenlicht (mit Reflektoren oder

dergleichen) dem Schauspieler dieses neue Hilfsmittel bieten können: die

Mimik durch den ausdrucksvollsten Teil des Gesichtes, die Augen, zu

stärken?

Die Illusion, die Schauspieler dahin zu vermögen, für und nicht mit dem

Publikum zu spielen, nähre ich nicht, wenn dieses auch in hohem Grade

wünschenswert wäre. Ich glaube nicht, daß ich eine ganze Scene hindurch

den ganzen Rücken eines Schauspielers werde zu sehen bekommen, aber ich

wünsche von ganzem Herzen, daß die Hauptscenen nicht, gleich Duetten,

vorn am Souffleurkasten gespielt werden mögen, in der Absicht, Beifall

zu ernten, sondern ich will sie auf einen Platz haben, der zu der

Situation paßt. Also keine Revolution, sondern nur kleine

Modifikationen.

Wenn ich nun beginne vom Schminken zu sprechen, so nähre ich keine

Hoffnung, von den Damen gehört zu werden, die lieber hübsch, als wahr

sein wollen. Aber der Schauspieler sollte doch genau überlegen, ob es

für ihn vorteilhaft ist, durch das Schminken seinem Gesichte einen

abstrakten Charakter zu geben, der wie eine Maske auf demselben sitzen

bleibt. Denken wir uns einen Herrn, der sich mit Kohle einen scharfen,

zornigen Zug zwischen den Augen anbringt, und nehmen wir an, daß dieser

ständig zornig aussehende Mensch bei einer Replik lachen soll. Welch'

schauderhafte Grimasse wird das nicht werden? Und wie soll eine falsche

Stirn, die blank ist, wie eine Billardkugel, gerunzelt werden können,

wenn der Alte zornig wird.

Mit einem modernen psychologischen Drama, wo die feinsten seelischen

Empfindungen sich mehr in den Gesichtszügen als in den Bewegungen und im

Geschrei widerspiegeln sollen, thäte man wohl am besten, es mit starkem

Seitenlicht auf einer kleinen Bühne und mit Schauspielern ohne Schminke

oder zum mindesten einem Minimum davon zu versuchen.

Könnten wir das sichtbare Orchester mit seinem störenden Lampenlicht und

den gegen das Publikum gewandten Gesichtern loswerden; würde das Parkett

so erhöht, daß die Augen des Zuschauers höher träfen, als auf die Kniee

des Schauspielers; schafften wir die Prosceniumslogen ab und dazu

vollständige Dunkelheit im Theater während der Vorstellung, sowie zuerst

und vor allem eine _kleine_ Bühne und einen _kleinen_ Zuschauerraum,

dann könnte vielleicht eine neue dramatische Kunst erstehen, und das

Theater wieder eine Institution zur Freude der Intelligenteren werden.

Indem wir auf dieses Theater warten, müssen wir auf Lager schreiben und

das Repertoire der Zukunft vorbereiten.

Ich habe einen Versuch gemacht! Ist er mißglückt, so ist noch Zeit

genug, einen neuen zu machen.

_Kopenhagen_ im Sommer 1888.

_Der Verfasser._

Fräulein Julie.

_Personen:_

_Fräulein Julie_, 25 Jahre alt.

_Jean_, Diener, 30 Jahre alt.

_Christine_, Köchin, 35 Jahre alt.

Die Handlung spielt in der Johannisnacht in einer gräflichen Küche.

Schauplatz:

Eine große Küche, deren Decke und Seitenwände von den Draperien und

Soffiten verdeckt werden. Die Hinterwand zieht sich von links schräg in

die Scene hinein; auf der linken Seite zwei Gestelle mit Kupfer-,

Messing-, Eisen- und Zinngeschirr; die Gestelle sind mit zackigem Papier

garniert; etwas weiter rechts sieht man dreiviertel des großen gewölbten

Ausganges mit zwei Glasthüren, durch welche ein Springbrunnen mit einem

Amor, blühende Fliederbüsche und einige Pappelbäume sichtbar sind.

Eingänge rechts und links.

Links auf der Bühne eine Ecke eines großen Kachelherdes mit einem Teil

des Rauchfanges.

Rechts das eine Ende eines Gesindeeßtisches aus weißem Fichtenholz mit

einigen Stühlen; auf dem Tisch eine große japanische Kruke mit Flieder.

Der Herd ist mit Birkenzweigen ausgeputzt, der Boden mit Wachholder

bestreut.

Ein Eisschrank, ein Waschtisch und ein Aufwaschtisch. Eine große,

altertümliche Schlaguhr über der Thüre und ein Sprachrohr auf der linken

Seite derselben.

_Christine_ steht links am Herd und bratet etwas in einer Pfanne;

sie hat ein helles Kattunkleid an und eine Küchenschürze um. _Jean_

kommt durch die Glasthür hinein, in Livree; er trägt in der Hand ein

paar große Reitstiefel mit Sporen, die er auf einer sichtbaren

Stelle hinten auf den Boden stellt.

_Jean._ Heute Abend ist das Fräulein Julie wieder verrückt, total

verrückt!

_Christine._ So, du bist jetzt hier?

_Jean._ Ich begleitete den Herrn Grafen zur Station, und als ich auf dem

Rückweg an der Scheune vorüberkam, ging ich hinein, um zu tanzen.

Fräulein Julie tanzte gerade mit dem Förster; als sie mich aber gewahr

wurde, fährt sie gerade auf mich los und fordert mich zum Damenwalzer

auf. Und seitdem hat sie in einer Weise getanzt, daß ich nie etwas

derartiges gesehen habe. Sie ist einfach verrückt.

_Christine._ Das ist sie ja immer gewesen, aber niemals so, wie die

letzten vierzehn Tage, seitdem die Verlobung aufgehoben wurde.

_Jean._ Ja, was war das eigentlich für eine Geschichte. Es war doch ein

feiner Kerl, wenn er auch nicht reich war. Ach ja! sie haben so viele

Launen! (Er setzt sich rechts an den Tisch.) Es ist in jedem Fall

sonderbar von dem Fräulein, daß sie lieber bei den Leuten zu Hause

bleiben will, als ihren Vater zu ihren Verwandten begleiten? Nicht?

_Christine._ Ja, sie fühlt sich wohl gleichsam ein wenig geniert nach

der Geschichte mit ihrem Bräutigam.

_Jean._ Kann schon sein! Aber es war doch in jedem Fall ein tüchtiger

Kerl. Weißt du, Christine, wie es kam? Ich sah es mit an, obgleich ich

mir nichts merken lassen wollte.

_Christine._ Wie? Du sahst es mit an?

_Jean._ Ja, das that ich. Sie waren eines Abends unten im Stallhof, und

das Fräulein »tränierte« ihn, wie sie es nannte -- weißt du, was sie

machte? Sie ließ ihn über die Reitpeitsche springen, wie einen Hund, den

man »hop« machen lehrt. Zweimal sprang er hinüber und bekam jedesmal

einen Schlag; aber das dritte Mal nahm er ihr die Reitpeitsche aus der

Hand, zerbrach sie in tausend Stücke und -- ging.

_Christine._ So kam es? Nein, was du sagst!

_Jean._ Ja, so kam es! Aber kannst du mir nun nicht etwas Gutes zu essen

geben, Christine?

_Christine_ (legt aus der Pfanne auf und setzt es Jean vor). Ach, nur

ein bißchen Nieren, die ich aus dem Kalbsbraten herausgeschnitten habe!

_Jean_ (beriecht das Essen). Ah! Sehr schön, das ist mein größtes

Delice! (Er befühlt den Teller.) Aber du hättest den Teller wärmen

können!

_Christine._ Du bist noch krittlicher, als selbst der Graf, wenn du erst

einmal anfängst. (Sie zieht ihn liebkosend am Haar.)

_Jean_ (böse). Au! Du mußt mich nicht so reißen, du weißt ja, wie

empfindlich ich bin.

_Christine._ Na, na, es war ja nur aus Liebe.

_Jean_ (ißt).

_Christine_ (zieht eine Flasche Bier auf).

_Jean._ Bier in der Johannisnacht? Nein, danke bestens! Da habe ich

selbst was Besseres. (Er öffnet die Tischschublade und nimmt eine

Flasche Rotwein mit gelbem Lack heraus.) Gelber Lack, siehst du! Gieb

mir nun ein Glas! Ein Fußglas, versteht sich, wenn man _reinen_ Wein

trinkt.

_Christine_ (wendet sich wieder zum Herd und setzt eine kleine Kasserole

auf). Gott sei der gnädig, die dich einmal zum Mann bekommt! So ein

Kräkler!

_Jean._ Ach red' doch nicht! Du wärst sehr vergnügt, wenn du so'n feinen

Kerl, wie mich, bekämst; und ich glaube nicht, daß du davon Schaden

hast, daß man mich deinen Liebsten nennt! (Er schmeckt den Wein.) Ah!

Sehr fein! Sehr fein! Nur etwas zu wenig temperiert! (Er wärmt das Glas

mit der Hand.) Den haben wir in Dijon gekauft. Und er kam vier Francs

der Liter ohne Glas; und dann noch der Zoll dazu! Was kochst du denn

jetzt? Das stinkt ja infernalisch!

_Christine._ Ach, das ist so ein Teufelsdreck, den Fräulein Julie für

die Diana haben will.

_Jean._ Du solltest dich ein wenig zierlicher ausdrücken, Christine!

Aber warum mußt du am heiligen Abend dastehen und für das Beest kochen?

Ist es krank, was?

_Christine._ Jawohl! Sie hat sich zu dem Hofhund hinausgeschlichen --

und da haben sie Unsinn gemacht -- und siehst du, davon will das

Fräulein nichts wissen.

_Jean._ Ja, in einer Beziehung ist das Fräulein zu stolz und in anderer

zu wenig stolz, ganz wie die Gräfin bei Lebzeiten. Sie fühlte sich am

wohlsten in der Küche und im Stall, aber sie wollte niemals mit _einem_

Pferd fahren; sie ging mit schmutzigen Manschetten, mußte aber die

Grafenkrone auf den Knöpfen haben. Das Fräulein, um nun von ihr zu

reden, nimmt sich und ihre Person nicht genug in acht. Ich möchte sagen,

sie ist nicht fein. Jetzt eben, als sie in der Scheune tanzte, riß sie

den Förster von Annas Seite fort und forderte ihn selbst auf. Wir würden

uns nicht so benehmen; aber so geht es, wenn die Herrschaften sich

gemein machen, dann -- werden sie gemein! Aber stattlich ist sie!

Prachtvoll! O! Diese Schultern! Dieser Busen! und -- &c.!

_Christine._ Na, dabei ist auch viel Kunst! Ich weiß, was Klara gesagt

hat, die ihr beim Anziehen hilft.

_Jean._ Pah, Klara! Ihr seid immer neidisch aufeinander! Ich bin mit ihr

ausgewesen und habe sie reiten sehen -- Und dann, wie sie tanzt!

_Christine._ Höre einmal, Jean! Willst du nicht mit mir tanzen, wenn ich

fertig bin?

_Jean._ Ja, natürlich will ich das.

_Christine._ Versprichst du es mir?

_Jean._ Versprechen? Wenn ich sage, ich thue es, dann thue ich es auch!

Indessen besten Dank für das Essen. Es war sehr gut. (Er schlägt den

Pfropfen in die Flasche hinein.)

_Das Fräulein_ (in der Glasthür, spricht nach außen). Ich bin sogleich

wieder da! Geht nur solange voran!

_Jean_ (verbirgt die Weinflasche in der Tischschublade und steht dann

ehrerbietig auf).

_Fräulein Julie_ (tritt ein und geht zu Christine an den Herd). Na! Ist

es fertig?

_Christine_ (giebt ihr durch Zeichen zu verstehen, daß Jean zugegen

ist).

_Jean_ (galant). Haben die Damen Geheimnisse vor?

_Julie_ (schlägt ihm mit dem Taschentuch ins Gesicht). Ist Er neugierig?

_Jean._ Ach, wie schön das nach Veilchen duftete!

_Julie_ (kokett). Unverschämter! Versteht Er sich auch auf Parfüms?

Tanzen kann Er -- Nicht hersehen! Geh Er fort! (Sie tritt hinter den

Tisch.)

_Jean_ (naseweis, aber artig). Ist es ein Zaubertrank, was die Damen da

in der Johannisnacht brauen? Etwas, um dann in den Sternen des Glückes

zu lesen, sodaß man seine Zukünftige zu sehen bekommt!

_Julie_ (scharf). Ja, wenn Er die zu sehen bekommt, dann muß Er gute

Augen haben! (Zu Christine.) Gieße es in eine halbe Flasche hinein und

korke es fest zu. Komm Er nun und tanze einen Schottisch mit mir, Jean

-- (Sie läßt ihr Taschentuch auf dem Tisch liegen.)

_Jean_ (zögernd). Ich will gegen niemand unartig sein, aber diesen Tanz

hatte ich Christinen versprochen --

_Julie._ Na, sie kann ja einen andern bekommen. (Sie tritt zu

Christine.) Oder wie, Christine? willst du mir den Jean nicht leihen?

_Christine._ Das hängt nicht von mir ab. Wenn das gnädige Fräulein so

herablassend ist, so paßt es sich nicht, daß er nein sagt. Geh nur! und

bedanke dich für die Ehre.

_Jean._ Aufrichtig gesprochen, aber ohne Sie verletzen zu wollen, ist es

klug von Ihnen, Fräulein Julie, zweimal hintereinander mit demselben

Herrn zu tanzen, besonders da die Leute hier sehr geneigt sind,

allerhand Schlüsse zu ziehen --

_Julie_ (braust auf). Was soll das heißen? Was für Schlüsse? Was meint

Er damit?

_Jean_ (ausweichend). Da das Fräulein mich nicht verstehen wollen, muß

ich deutlicher reden. Es sieht nicht gut aus, wenn Sie einen Ihrer

Untergebenen den andern, die dieselbe ungewöhnliche Ehre erwarten,

vorziehen --

_Julie._ Vorziehen! Was bildet Er sich ein! Ich bin ganz erstaunt! Ich,

die Herrin des Hauses, beehre den Tanz der Leute mit meiner Gegenwart,

und wenn ich nun wirklich tanzen will, so will ich es mit einem, der

führen kann, sodaß ich dem entgehe, ausgelacht zu werden.

_Jean._ Wie das Fräulein befehlen! Ich stehe zu Diensten!

_Julie_ (sanft). Sprechen Sie jetzt nicht von befehlen. Heute Abend sind

wir ja als frohe Menschen auf dem Fest und legen allen Rang ab! So,

geben Sie mir denn Ihren Arm! Sei ganz ruhig, Christine! Ich werde dir

deinen Schatz nicht entführen!

_Jean_ (bietet ihr seinen Arm und führt sie durch die Glasthür hinaus).

_Christine_ allein.[D]

Schwache Violinenmusik in einiger Entfernung im Takt eines

Schottisch.

_Christine_ (summt die Musik mit, räumt den Tisch ab, wo Jean gegessen

hat, wäscht den Teller am Aufwaschtisch ab, trocknet ihn ab und setzt

ihn in einen Schrank. Dann legt sie die Küchenschürze ab, nimmt einen

kleinen Spiegel aus der Tischschublade, stellt ihn gegen die Krucke mit

Flieder auf dem Tisch, zündet ein Talglicht an und macht eine Haarnadel

heiß, mit der sie ihre Stirnhaare kräuselt. Darauf geht sie an die

Glasthüre und lauscht, kommt wieder an den Tisch zurück, findet das

Taschentuch des Fräuleins, das dieselbe vergessen, nimmt es und riecht

daran; dann breitet sie es in Gedanken aus, reckt es, streicht es glatt

und legt es viermal zusammen).

[Anmerkung D: Diese stumme Scene muß gespielt werden, als wenn die

Schauspielerin wirklich allein wäre: also sie muß nach Bedürfnis

dem Publikum den Rücken zuwenden und nicht in den Zuschauerraum

hineinsehen; auch sich nicht übereilen, als wenn sie fürchtete,

das Publikum könnte ungeduldig werden. Der Verfasser.]

_Jean_ (kommt allein durch die Glasthür zurück). Ja, sie ist verrückt.

So zu tanzen! Und die Leute stehen an den Thüren und grinsen über sie.

Was sagst du dazu, Christine?

_Christine._ Ach, es ist ja jetzt ihre Zeit, und da ist sie immer so

sonderbar. Aber willst du jetzt kommen und mit mir tanzen?

_Jean._ Du bist doch wohl nicht böse, daß ich dir echappierte?

_Christine._ Nein! Nicht im geringsten, das weißt du ja; und ich kenne

auch meine Stellung --

_Jean_ (legt die Hand um ihre Taille). Du bist ein verständiges Mädchen,

Christine, und würdest eine tüchtige Hausfrau werden --

_Julie_ (kommt durch die Glasthüre herein; sie ist unangenehm

überrascht; mit erzwungener Munterkeit). Sie sind ja ein scharmanter

Kavalier -- der seiner Dame davonspringt.

_Jean._ Im Gegenteil, Fräulein Julie, wie Sie sehen, habe ich mich

beeilt, die Verlassene aufzusuchen!

_Julie_ (in anderm Ton). Wissen Sie, daß Sie wie kein anderer tanzen!

Aber warum gehen Sie am Festabend in Livree? Legen Sie sie gleich ab!

_Jean._ Dann muß ich das Fräulein bitten, sich einen Augenblick zu

entfernen, denn mein schwarzer Rock hängt hier -- (Er geht mit

entsprechender Gebärde nach rechts.)

_Julie._ Geniert Er sich vor mir! Um einen Rock zu wechseln! Geh' Er

denn in sein Zimmer und komme wieder zurück! Übrigens kann Er auch

hierbleiben, ich drehe mich um!

_Jean._ Mit Ihrer Erlaubnis, mein Fräulein. (Er geht nach links, man

sieht seinen Arm, wenn er den Rock wechselt.)

_Julie_ (zu Christine). Höre, Christine; ist Jean dein Schatz, da er so

vertraut mit dir ist?

_Christine_ (nach dem Herd gehend). Schatz? Ja, wenn man so will! Wir

nennen es so.

_Julie._ Nennen?

_Christine._ Na, das Fräulein haben ja selbst einen Schatz gehabt,

und --

_Julie._ Ja, wir waren richtig verlobt --

_Christine._ Aber es wurde ja doch nichts daraus -- (Sie setzt sich und

schläft nach und nach ein.)

_Jean_ (in schwarzem Rock und mit schwarzem Hut).

_Julie._ Très gentil, monsieur Jean! Très gentil!

_Jean._ Vous voulez plaisanter, madame!

_Julie._ Et vouz voulez parlez français! Wo haben Sie das gelernt?

_Jean._ In der Schweiz, als ich in einem der ersten Hotels in Luzern

Zimmerkellner war!

_Julie._ Aber Sie sehen in dem Rock ja wie ein Gentleman aus! Charmant!

(Sie setzt sich an den Tisch rechts.)

_Jean._ Ach, Sie schmeicheln!

_Julie_ (verletzt). Schmeicheln? Ihm?

_Jean._ Meine angeborene Bescheidenheit erlaubt mir nicht zu glauben,

daß Sie einem Menschen, wie mir, veritable Artigkeiten sagen, und darum

erlaubte ich mir, anzunehmen, daß Sie übertrieben, oder wie man zu sagen

pflegt, schmeichelten!

_Julie._ Wo haben Sie es gelernt, so Ihre Worte zu setzen? Sie müssen

das Theater viel besucht haben?

_Jean._ Gewiß! Ich habe viele Orte besucht!

_Julie._ Aber Sie sind doch hier in der Gegend geboren?

_Jean._ Mein Vater war Instmann bei dem Staatsanwalt dieses Bezirks, und

ich habe auch das Fräulein als Kind gesehen, obgleich das Fräulein mich

nicht bemerkt haben!

_Julie._ Wirklich?

_Jean._ Ja, und auf einmal besinne ich mich namentlich -- ja, aber davon

kann ich nicht reden!

_Julie._ O ja -- thun Sie es doch! Wie? Mir zum Gefallen!

_Jean._ Nein, ich kann jetzt wirklich nicht! Ein andermal vielleicht.

_Julie._ Ein andermal ist gar keinmal. Ist es denn jetzt so gefährlich?

_Jean._ Gefährlich ist es nicht, aber es ist doch am besten, es zu

unterlassen! Sehen Sie nur, die da! (Er zeigt auf Christine, die auf

einem Stuhl am Herde eingeschlafen ist.)

_Julie._ Das wird eine muntere Frau. Vielleicht schnarcht sie auch?

_Jean._ Das thut sie nicht; aber sie spricht im Schlaf.

_Julie._ Woher wissen Sie, daß sie im Schlaf spricht?

_Jean._ Ich habe es gehört!

(Pause, in der sie einander betrachten.)

_Julie._ Warum setzen Sie sich nicht?

_Jean._ Das darf ich mir in Ihrer Gegenwart nicht erlauben!

_Julie._ Und wenn ich es befehle?

_Jean._ Dann gehorche ich.

_Julie._ Setzen Sie sich! -- Aber warten Sie! Können Sie mir nicht etwas

zu trinken geben?

_Jean._ Ich weiß nicht, was sich hier im Eisschrank vorfindet. Ich

glaube, es ist nur Bier.

_Julie._ Das ist nicht zu verachten! und ich meinesteils habe einen so

einfachen Geschmack, daß ich es dem Wein vorziehe.

_Jean_ (nimmt eine Bierflasche aus dem Eisschrank, welche er aufzieht;

er sucht im Schrank nach einem Glas und einem Teller, auf dem er

serviert). Darf ich bitten!

_Julie._ Danke! Wollen Sie nicht auch trinken?

_Jean._ Ich bin gerade kein Bierfreund, aber wenn das Fräulein befehlen!

_Julie._ Befehlen? Mir scheint, als höflicher Kavalier könnten Sie Ihrer

Dame Gesellschaft leisten.

_Jean._ Das ist sehr richtig bemerkt! (Er zieht noch eine Flasche auf

und nimmt ein Glas.)

_Julie._ Trinken Sie nun auf mein Wohl!

_Jean_ (zögert).

_Julie._ Ich glaube, der alte Kerl ist schüchtern!

_Jean_ (auf den Knieen scherzhaft parodierend, erhebt sein Glas). Das

Wohl meiner Herrin!

_Julie._ Bravo! -- Nun müssen Sie auch meinen Schuh küssen, dann ist es

vollständig.

_Jean_ (zögert, faßt dann aber dreist ihren Fuß und küßt ihn flüchtig).

_Julie._ Ausgezeichnet! Sie hätten Schauspieler werden sollen.

_Jean_ (erhebt sich). Das geht nicht so weiter, Fräulein! Es könnte

jemand kommen und uns sehen.

_Julie._ Was thäte das?

_Jean._ Die Leute würden ganz einfach darüber sprechen. Und wenn das

Fräulein wüßten, wie die Mäuler schon vorhin gingen, dann --

_Julie._ Was sagten sie denn? Erzählen Sie es mir! Aber setzen Sie sich!

_Jean_ (setzt sich). Ich möchte Sie nicht kränken, aber sie gebrauchten

Ausdrücke -- die Vermutungen der Art andeuteten, daß -- ja, Sie werden

das ja wohl selbst verstehen! Sie sind ja kein Kind mehr, und wenn man

eine Dame allein mit einem Mann zusammen trinken sieht -- sei es auch

nur ein Bedienter -- zumal noch in der Nacht -- dann --

_Julie._ Was dann? Und übrigens sind wir nicht allein. Christine ist ja

hier.

_Jean._ Ja, sie schläft.

_Julie._ Dann werde ich sie wecken. (Sie steht auf.) Christine!

Schläfst du?

_Christine_ (im Schlaf). Bla--bla--bla--bla!

_Julie._ Christine! -- Die kann schlafen!

_Christine_ (im Schlaf). Die Stiefeln des Grafen sind geputzt -- Kaffee

aufsetzen -- sofort, sofort, sofort. -- O, o! -- Puh!

_Julie_ (faßt sie bei der Nase). Willst du aufwachen!

_Jean_ (streng). Stören Sie einen Schlafenden nicht!

_Julie_ (scharf). Wie?

_Jean._ Wer den ganzen Tag am Herd gestanden hat, kann müde sein, wenn

die Nacht kommt. Und den Schlaf soll man respektieren.

_Julie_ (in anderm Ton). Das ist hübsch gedacht, und das ehrt Ihn --

Danke! (Sie reicht Jean die Hand.) Kommen Sie nun hinaus und pflücken

Sie mir etwas Flieder!

_Christine_ (erwacht während des Folgenden und geht schlaftrunken nach

rechts ab, um sich zu Bett zu begeben).

_Jean._ Mit dem Fräulein?

_Julie._ Mit mir!

_Jean._ Das geht nicht! Absolut nicht!

_Julie._ Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Sollte es möglich sein, daß

Sie sich etwas einbilden?

_Jean._ Ich nicht, aber die Leute!

_Julie._ Was? Daß ich in einen Bedienten verliebt wäre?

_Jean._ Ich bin kein eingebildeter Mensch, aber man hat Beispiele

gesehen -- und den Leuten ist nichts heilig.

_Julie._ Er ist, glaube ich, Aristokrat!

_Jean._ Ja, das bin ich.

_Julie._ Und ich steige herab --

Fräulein Julie: Naturalistisches Trauerspiel · 第 1 / 4 段