Sternenwiese auf dem Mond. Eine weite, schneeweiße Fläche, mit vielen
kleinen, weißen Pyramidenhügelchen bestanden. Auf jedem dieser kleinen
Hügelchen sitzt ein kleines Mädchen in silbernem Kleid mit silbernem
Haar. Alle haben auf den Knien große Strahlenkronen von Silber, an denen
sie emsig mit goldenen Läppchen putzen. Im Vordergrunde steht rechts
eine große silberne Pauke und links ein silbernes Fernrohr; an dieses
angelehnt ein großes Pustrohr. Im Hintergrunde ist ein weißer Stall. Vom
Himmel herab hängt ein silberner Glockenstrang. Zwischen Pauke und
Fernrohr wandert das Sandmännchen steifbeinig auf und nieder. Es hat ein
rotes, lustiges Gesicht, kugelrunde, große Augen, mit denen es immerfort
zwinkert, eine spitze, lange Nase und ein spitzes Bäuchlein. Auf dem
Kopfe sitzt ihm eine seltsame Zipfelmütze. Es hat einen himmelblauen
Schlafrock an und himmelblaue Pantoffel. Schlafrock und Pantoffel sind
mit kleinen, weißen Sternchen bestickt. In den Händen, die es meistens
gravitätisch auf dem Rücken verschränkt hat, hält es einen großen
Paukenstock. Über diesem allen spannt sich ein schwarzer Himmel ohne
irgendwelche Sterne. Auf der Wiese herrscht magisches, bläulich-weißes
Leuchten, das vom Boden auszugehen scheint. Als der Vorhang sich teilt,
geht ein silbernes Lachen von den vielen kleinen Sternenmädchen über die
Wiese.
_Sandmännchen_
Was lacht ihr denn so, ihr dummen Dinger?
Guckt mir lieber auf eure Finger!
Sonst gibt's wieder blinde Flecken am Himmel,
Grünspan am Mond, auf der Milchstraße Schimmel!
Es kommt jetzt bald der Onkel Komet,
Und wenn da nicht alles am Schnürchen geht,
Frißt er von euch gleich ein Dutzend zur Strafe,
Rips -- raps -- rups, wie der Wolf die Schafe!
Also, jetzt wird mir flott geschruppt
Und nicht gelacht oder sterngeschnuppt!
(haut auf die Pauke.)
_Drittes Sternchen_
Sandmännchen, mein Strahl hat 'nen Fleck!
_Sandmännchen_
Putze nur tüchtig, dann geht er weg!
_Drittes Sternchen_
Ach, mein Kind ist nicht artig gewesen.
_Sandmännchen_
Gut, dann nimm mal den Scheuerbesen!
(Das Sternchen holt eine Bürste hervor und scheuert.)
_Viertes Sternchen_
Sandmännchen, mein Strahl hat 'ne Scharte!
_Sandmännchen_
Ei, da nimm nur den Schleifstein, warte!
_Viertes Sternchen_
Ach, mein Kind hat Kuchen stibitzt!
_Sandmännchen_
So, dann schleife nur, bis du schwitzt!
(Das Sternchen schleift seinen Strahl auf einem kleinen Schleifstein.)
_Fünftes Sternchen_
Sandmännchen, mein Strahl ist verbogen!
_Sandmännchen_
So, dann hat dein Kind wohl gelogen?
_Fünftes Sternchen_
Ja, ich glaube, schon wieder einmal.
_Sandmännchen_
Hier ist der Hammer, klopfe den Strahl!
(Das Sternchen klopft mit dem Hämmerchen.)
_Sandmännchen_
Ja, wenn die Kinder doch artig wären!
Wissen gar nicht, wie sie uns hier
Auf der Mondwiese das Leben erschweren. --
Wir müssen putzen und klopfen und schaben,
Wenn sie ihr Sternchen bekleckert haben.
(zum Publikum)
Himmel Bomben und tausend Granaten,
Seid mir ja artig -- das will ich euch raten!
(Es rollt fürchterlich mit den Augen, schnaubt sich und haut auf die
Pauke.)
So, jetzt wird wieder ein Lied gesungen,
Damit die kleinen Mädchen und Jungen,
Die auf der Erde im Bettchen liegen,
Im Traum was Nettes zu hören kriegen.
(Die Sternchen singen gemeinsam, während das Sandmännchen mit dem
Paukenstock den Takt schlägt.)
Singe, singe, sing', die Sternelein
Sitzen alle rings im Reih'n,
Putzen ihre Zicke-Zacken fein,
Müssen blitze-blinke-sauber sein --
Bums! (Das Sandmännchen haut auf die Pauke.)
Husche, husche, husche, in der Nacht,
Wenn die Welt sich dunkel macht,
Finke-funkeln alle, welche Pracht,
Und der ganze Himmel blitzt und lacht --
Bums!
Surre, surre, surre, schläft das Kind,
Summ, summ geht der Wind.
Silbersand aus Sandmanns Säckchen rinnt,
Siebenhunderttausend Sternlein sind --
Bums!
_Sandmännchen_
(sieht auf eine riesengroße Taschenuhr, die es mit vieler
Umständlichkeit aus dem Schlafrock praktiziert)
Hallo, die Sonne ist untergegangen
Auf der Erde, (es lauscht) die Abendglocken klangen; --
Seid ihr fertig mit eurer Putzerei?
_Die Sternchen_
Ja, Sandmännchen, ja!
_Sandmännchen_
Dann eins, zwei, drei,
Die Strahlen auf, ich ziehe die Bimmel,
Und jedes huscht auf sein Plätzchen am Himmel!
(Alle Sternchen setzen ihre Strahlenkronen auf und erheben sich. Jedes
holt ein kleines Spiegelchen hervor und ordnet sich die silbernen
Locken. Alsdann zieht das Sandmännchen an dem Glockenstrang, und es
ertönt ein Klingen wie von tausend silbernen Glöckchen aus der Höhe.)
_Sandmännchen_
(läutet).
_Die Sternchen_
(singen)
Auf der Erde ist Frieden,
Auf der Erde ist Ruh,
Alle Kinderlein schlafen,
Haben die Äuglein zu.
Alle Tierlein auf dem Felde,
Alle Vöglein im Wald,
Alle Fischlein im Wasser
Träumen nun bald.
Hoch am Himmel, im Schweigen
Der heiligen Nacht,
Halten viel tausend Sternlein
Treu ihre Wacht.
Silberglöckchen, die läuten,
Und Silberlicht rinnt,
Und die Sternlein, die singen, --
Süß träumt das Kind.
(Alle Sternchen verschwinden mit einem Schlage. Im gleichen Augenblick
ist der bis dahin schwarze Himmel tiefsammetblau und von Sternen
übersät. Das Sandmännchen läutet noch eine kleine Zeit und hört dann
auf.)
_Sandmännchen_
So, nun muß ich noch mal sehen,
Ob sie auch alle richtig stehen!
(geht ans Fernrohr, richtet es und sucht den Himmel ab.)
Ihr da, ihr beiden, ihr steht mir zu dicht!
(Zwei Sternchen rücken voneinander fort.)
Und du da, du Kleiner, das geht so nicht;
Du mußt ein klein wenig höher stehen,
Sonst kann man dich von der Erde nicht sehen!
(Das Sternchen rückt.)
Hallo -- was ist denn das für ein Klumpen?
Wollt ihr wohl auseinander, ihr Lumpen!
(Ein Haufen Sternchen stiebt auseinander.)
Die haben sich immer was zu erzählen;
Na, wartet nur, das könnte mir fehlen!
(Es läßt das Fernrohr.)
So, nun scheinen sie richtig zu stehen. --
Da will ich mal nach den Mondschäfchen sehen,
Die müssen mir auch auf die Himmelsweide!
(wischt sich den Schweiß.)
Ach ja, man hat schon so seine Freude!
Ist eines von den schwierigsten Dingen,
So einen Himmel in Ordnung zu bringen.
(Es geht zum Stall im Hintergrund und macht die Tür auf.)
Heraus, heraus auf die Himmelswiese!
Es gibt wieder herrliches Schnuppengemüse!
(Es stürzen etwa ein Dutzend kleine, weiße Schäfchen heraus, nach Art
der Kinderschäfchen auf kleinen Rollbrettchen. Sie rollen quer über die
Szene und verschwinden rechts. Gleich darauf zieht eine Kette silberner
Lämmerwölkchen von rechts am Himmel auf.)
Die hätten, was sie brauchen; und nun
Muß ich noch das Wichtigste tun.
Alles soll hübsch nach der Reihe gehen;
Jetzt will ich nach Säckchen und Pustrohr sehen.
Muß den Kindern noch in die Äugelein
Meinen silbernen Schlafsand streu'n,
Damit sie hübsch stille im Bettchen liegen
Und ordentlich rote Bäckchen kriegen.
(Es nimmt das Pustrohr, füllt es aus dem Säckchen, geht nach dem
Hintergrund und bläst viermal einen silbernen, leuchtenden Staub in die
Luft. Alsdann kommt es nach vorn und sieht noch einmal über den ganzen
Himmel hin.)
So, nun ist Ordnung für diese Nacht!
(selbstzufrieden mit den Augen rollend.)
Sandmännchen hat's wieder gut gemacht. --
Ich denke, es wäre jetzt ganz schön,
Auf der Milchstraße ein wenig spazieren zu gehen.
(Es dreht sich herum und zieht seine Uhr.)
Um zwölf Uhr bin ich zum Kaffee geladen
Bei der Nachtfee. -- Nun, da kann es nichts schaden,
Wenn ich mir noch etwas Bewegung verschaffe.
Er ist überhaupt viel zu stark, der Kaffee,
Den die Nachtfee braut; kann ihn gar nicht vertragen
Und kriege immer das Kullern im Magen.
(reibt sich mit komischem Fratzenschneiden den Magen.)
Und die Sahne, die ist auch viel zu dünn;
Weshalb ich bestimmt der Ansicht bin,
Es ist eine Krankheit unter den Himmelskühen,
Und man müßte den Wendekreistierarzt bemühen.
(schwenkt herum.)
Na also, ich geh' mal zum Milchstraßenmann,
Ob mir der darüber was sagen kann.
(wirft noch einen Blick auf den Himmel.)
Hübsch ist mein Himmel, so blank und fein,
Kein Königsmantel kann sauberer sein.
(Es stutzt plötzlich und legt die Hand über die Augen.)