Ach!! --

_Maikäfer_

Ja, wie ist es da hinaufgekommen? so denkt ihr, und das ist es eben.

Vor vielen hundert Jahren war es, als der erste Maikäfer Sumsemann sich

gerade verheiratet hatte und des Sonntags abends im Wald mit seiner Frau

spazieren flog. Sie hatten viel gegessen und ruhten sich ein wenig auf

einem Birkenzweiglein aus, und da sie sehr mit sich selbst beschäftigt

waren, denn sie waren jung verheiratet, merkten sie nicht, wie ein böser

schwarzer Mann, ein Holzdieb, kam; der schwang plötzlich seine Axt und

hieb die Birke um; und so schrecklich schlug er zu, daß er dem

Urgroßvater Sumsemann ein Beinchen mit abschlug. -- Fürchterlich war es!

-- Und sie fielen auf den Rücken und wurden ohnmächtig vor Angst. Nach

einiger Zeit aber kamen sie zu sich von einem hellen Schein, der um sie

leuchtete. Da stand eine schöne Fee vor ihnen im Walde und sagte: »Der

böse Mann ist bestraft für seinen Waldfrevel am Sonntag. Ich bin die Fee

der Nacht und habe es vom Monde aus gesehen. Zur Strafe ist er nun mit

dem Holz, das er umgeschlagen hat, auf den höchsten Mondberg verbannt.

Dort muß er bleiben in alle Ewigkeit, Bäume abhauen und Ruten

schleppen.«

Aber der Urgroßvater schrie und sagte: »Wo ist mein Beinchen, wo ist

mein Beinchen, wo ist mein kleines sechstes Beinchen?« Da erschrak die

Fee. »Ach,« sagte sie, »das tut mir sehr leid; es ist wohl an der Birke

hängen geblieben und nun mit auf den Mond gekommen.« »O, o, mein

Beinchen, mein kleines sechstes Beinchen!« schrie mein Urgroßvater, und

seine kleine Frau weinte schrecklich, denn sie wußte, daß nun alle ihre

Kinder nur fünf Beinchen haben würden -- und das war schlimm.

Und als die Fee den großen Jammer sah, hatte sie Mitleid und sagte: »Ein

Mensch ist zwar sehr viel mehr als ein Maikäfer, und deshalb kann ich

die Strafe für den bösen Menschen nicht aufheben; aber ich will

erlauben, daß gute Menschen, wenn ihr sie findet, euch das Beinchen

wiederbringen können. Wenn ihr zwei Kinder findet, die niemals ein

Tierchen quälten, dann dürft ihr auf den Mond mit ihnen und das Beinchen

wieder holen.«

Da waren sie etwas getröstet. Aber sie fanden keine Kinder, und ihre

Kinder und Enkel auch nicht, so viel sie auch suchten. Immer wurden die

Sumsemänner, die Fünfbeinigen, totgeschlagen, wenn sie des Nachts in die

Stuben kamen, um die Kinder zu bitten; oft von den rohen und

unverständigen Dienstmädchen, oft auch von den Kindern selbst. Ach, das

ist schrecklich, das ist der Fluch der Familie! Und nun bin ich der

Letzte des berühmten Geschlechtes und wäre doch auch fast totgeschlagen

worden vorhin vom Peterchen. (Er wischt sich mit dem Blatt die Tränen.)

_Peterchen_

(zu Tränen gerührt)

Ach, lieber Maikäfer, das tut mir jetzt so leid; aber ich habe noch

niemals ein Tierchen gequält, ganz gewiß nicht.

_Anneliese_

Nein, und ich auch nicht; und nun weine nicht, lieber Maikäfer, wir

meinen es sehr gut mit dir. (Sie streichelt ihn.)

_Peterchen_

(streichelt ihn auch.)

Ja, und wir würden dir dein Beinchen schon wieder besorgen, aber, weißt

du, auf dem Mond? Der ist sehr weit, und da muß man fliegen können, und

das können wir leider nicht.

_Anneliese_

Nein, das können wir nicht; dann fallen wir 'runter vom Mond und gehen

kaputt.

_Maikäfer_

(plötzlich lebendig)

O, wenn ihr wollt, wenn ihr wollt, dann geht das alles, ihr lieben

Kinderchen. -- Fliegen? Pah, das ist gar nicht so schlimm, wenn man

weiß, wie es gemacht wird. Das bring' ich euch sehr schnell bei.

_Die Kinder_

(erstaunt)

Peterchens Mondfahrt: Ein Märchenspiel · 第 7 / 32 题