_Peterchen_
Mutti, da sitzt ein Maikäfer dran,
Ein ganz dicker, den lassen wir fliegen ...
_Mutter_
(sieht nach)
Unsinn! -- Ihr sollt jetzt im Bettchen liegen
Und schlafen und an gar nichts denken.
Wer schläft, dem will ich was Schönes schenken;
Fünf Äpfelchen für jedes Kind,
Wenn beide hübsch ausgeschlafen sind.
(Sie stellt zwei kleine, bunte Körbchen mit Äpfeln auf den Tisch.)
_Peterchen_
Ei, Mutti, Mutti, ich danke schön!
(hängt sich ihr an den Hals -- besichtigt dann die Äpfel.)
_Mutter_
(führt ihn zum Bett.)
Erst schlafen, morgen früh besehen!
_Peterchen_
Anneliese, Äpfel, zwei Körbchen voll!
_Anneliese_
(legt der Mutter die Ärmchen um den Hals.)
Danke schön, Muttchen!
_Mutter_
(küßt sie)
Mein kleiner Troll!
(legt Peterchen ins Bett, deckt beide Kinder zu.)
So, es ist schon furchtbar spät. --
Nun sprecht noch schnell euer Nachtgebet!
_Anneliese_
(faltet die Hände.)
Ich bin noch klein, mein Herz ist rein,
Soll niemand drin wohnen, als Jesus allein. -- Amen.
_Peterchen_
(faltet die Hände.)
Lieber Herr Jesus, mach mich fromm,
Daß ich in den Himmel komm'. -- Amen.
_Mutter_
(küßt beide.)
_Peterchen_
Mutti, meinen Hampelmann!
_Anneliese_
Und meine Puppe, bitte, bitte!
_Mutter_
(holt beides.)
So, hier zwischen euch in die Mitte.
_Peterchen_
Mutti, nun sing noch, eh' wir schlafen!
_Mutter_
(setzt sich am Bett.)
Was denn? vom Prinzen, vom Schäfchen, vom Grafen?
_Peterchen_
Nein, vom Maikäfer muß es sein!
_Mutter_
Also, das Lied vom Maikäferlein:
(Sie beginnt.)
War einst ein kleines Käferlein,
Summ -- Summ -- Summ,
Hatte zwei braune Flügelein,
Summ -- Summ -- Summ,
Und sechs Beinchen hatte es auch
Unter seinem schwarzweißen Bauch,
Summ -- Summ -- Summ.
Saß auf einem grünen Baum,
Summ -- Summ -- Summ,
Träumte einen schönen Traum,
Summ -- Summ -- Summ,
Träumte von Sonne, Mond und Sternen
Und von fremden Länderfernen,
Summ -- Summ -- Summ.
Als der dunkle Abend kam,
Summ -- Summ -- Summ,
Käferlein sein Ränzel nahm,
Summ -- Summ -- Summ,
Wollt' auf die weite Reise gehn
Und die große Welt beseh'n,
Summ -- Summ -- Summ.
Flog über einen breiten Bach,
Summ -- Summ -- Summ,
Verlor ein kleines Beinchen, ach --
Summ -- Summ -- Summ,
Reiste nur noch mit fünf Beinen,
Tat so bitterlich drum weinen,
Summ -- Summ -- Summ.
Flog es nach dem Mond geschwind,
Summ -- Summ -- Summ,
Kam ein großer Wirbelwind,
Summ -- Summ -- Summ,
Brach ein Flügelchen entzwei,
Ach, das gab ein groß' Geschrei --
Summ -- Summ -- Summ.
Fiel in einen tiefen Wald,
Summ -- Summ -- Summ,
Starb an seinem Kummer bald,
Summ -- Summ -- Summ,
Muß die Reis' ein Ende haben,
Sandmännchen hat's eingegraben,
Summ -- Summ -- Summ.
(Refr.) Muß die Reis' ein Ende haben,
Sandmännchen hat's eingegraben,
Summ -- Summ -- Summ.
(Während des Gesanges der Mutter ist es allmählich dunkel im Zimmer
geworden. Sie wiederholt die letzten Zeilen leise, während schon die
Melodie von einer Geige aufgenommen wird. -- Die Mutter schweigt, und
die Geige spielt weiter. Es wird allmählich heller im Zimmer, aber es
ist ein anderes, etwas bläuliches Licht. Die Mutter ist verschwunden.
Statt ihrer sieht man einen großen Maikäfer mit übergeschlagenen
Unterbeinchen auf dem Tische sitzen. Er spielt auf einer kleinen,
silbernen Geige. Eines seiner mittleren Beinchen fehlt. Nach einer
kleinen Zeit setzt er die Geige ab).
_Maikäfer_
Ja, so starb er, der kleine Kerl. Warum war er auch so vorwitzig und
wollte nach dem Mond fliegen? Das ist nichts für so kleine Maikäfer,
dazu muß man schon ein großer Maikäfer sein. -- Ach ja, ich weiß nicht,
mir kommen immer die Tränen in die Augen, wenn ich die Geschichte höre;
sie ist auch zu rührend. (Er holt ein großes, grünes Blatt hervor und
wischt sich die Augen.) Und dann fällt mir auch immer mein eines
Beinchen ein, das mir fehlt; und das ist noch viel trauriger. (Er wischt
sich wieder die Augen.) Ich möchte aber doch wissen, wo ich hier
eigentlich bin? Kam da eben so mir nichts, dir nichts hereingebrumst,
und der kleine Junge hat mich natürlich gleich bemerkt; beinahe hätte
mich auch die dicke Minna totgequetscht; -- na, das war 'ne Angst!
(Wischt sich die Stirn.) Und dann sagt die dumme Person immer:
»Papperlapapp, papperlapapp, kein Maikäfer ist da!« Als ob ich nicht ein
ganz dicker wäre, einer von den allerdicksten! -- Darauf ist meine Frau
immer so stolz gewesen, die gute Seele. Ein Huhn hat sie neulich
gefressen; sie ruhe sanft! -- (Er wischt sich die Augen.) Aber, das kann
alles nichts mehr nützen; ich bin eben Witwer geworden und habe ihr zu
Ehren jetzt schwarze Beine statt rote. Früher sagten die Jungens, ich
sei ein König; jetzt sagen sie Schuster zu mir. Aber das ist eine
Dummheit; ich trage Trauer -- so ist es! (Er geht im Zimmer mit komisch
gravitätischen Schritten umher.) Hm, hm, -- Puppenstube, Schaukelpferd
-- na ja -- und Äpfel -- hm, hm, die mag ich nicht. Ich esse lieber
Salat, Lindensalat oder so was dergleichen. (dreht sich herum.) Scheint
aber nicht hier zu sein. Übrigens sind die Kinder recht ordentlich.
Gegen das Peterchen habe ich eigentlich etwas; er wollte mich mit seinem
Pantoffel kaputt machen. -- Wo ist denn eigentlich der Pantoffel? -- (am
Bett) Aha, da haben wir ihn! (Er nimmt ein kleines, rotes Pantöffelchen
auf.) So, so -- (schlägt damit auf den Tisch, als wolle er eine Fliege
klatschen) schwupp, weg war ich! -- Na, das wär' 'ne schöne Geschichte
gewesen! (Er wirft das Pantöffelchen an seinen Platz.) Dummes Peterchen!
-- Die kleine Anneliese ist besser, die hat mir das Leben gerettet. Aber
Zucker wollte sie mir geben -- Zucker?? (schüttelt sich komisch) Puh!!
Na, da hätt' ich schöne Bauchschmerzen gekriegt! Ein Maikäfer und
Zucker! -- (Er fängt an, unbändig zu lachen und komisch hin und her zu
torkeln.) Als ob ich 'ne Ameise wäre! Nein, ist das komisch, nein, ist
das lächerlich! So eine kleine, dumme Anneliese! -- ha ha ha! -- (Er
fällt plötzlich versehentlich und liegt auf dem Rücken.) Hoppla!! -- O,
das ist eine fatale Situation! -- Ja, das durfte mir eigentlich nicht
passieren! (Er angelt mit seinen fünf Beinen in der Luft.) Das ist eine
sehr peinliche Lage für einen wohlsituierten Maikäfer wie mich. Gut, daß
mich keiner sieht. -- Aber, was soll man tun? Totstellen, nützt nichts.
Die Kinder rufen, nein, die lachen mich aus. Peterchen ist sowieso nicht
auf den Mund gefallen. Bis morgen früh liegen bleiben? Dann tritt mich
die Minna mit ihren großen Latschen tot. -- O, das ist 'ne unangenehme
Geschichte! Aber, ich weiß schon, es kommt vom Lachen. -- Na, da wollen
wir noch mal 'ne tüchtige Anstrengung machen, ob wir uns selber -- hoch
-- rappeln -- können! -- (Er kreiselt sich während der letzten Worte
schnell herum -- dann erschöpft:) Nein, so geht's nicht. Bei dem
Karussellfahren wird man außerdem schwindlig. -- Halt, ich sehe Rettung!
Da ist ein Tischbein (greift mit dem Vorderbeinchen darnach.) So, nun
geht's! -- Hopp -- hopp -- hoppla! -- (Er kugelt sich herum, kommt auf
die Beine und steht auf.) Uff, das war 'ne Arbeit! -- (Er wischt sich
mit dem Blatt den Schweiß.) So, wahrscheinlich hat mein schöner, brauner
Rock nun wieder Flecken. Aber schließlich, meine Frau ist tot, und da
ist es zu ertragen. Die wußte immer gleich, wenn ich mal auf den Rücken
gefallen war, und dann schimpfte sie: »Na, du alter Torkelfritze, hast
dir wieder einen über den Durst genehmigt? Unanständigkeiten!
Unanständigkeiten!« -- -- Ach ja, das Huhn hat sie gefressen. Schade
drum. Sie hielt auf gutes Benehmen. -- (Er reckt die Beine energisch.)
So, jetzt muß ich mal sehen, ob ich noch fliegen kann. (Er stellt sich
in Positur, entfaltet die Flügel, ein lautes Summen beginnt, und er
fliegt ein paar Meter über den Boden hin.) Famos, famos, es geht noch!
(Er läßt sich wieder zur Erde herab.) -- Aber eingesperrt haben sie mich
hier. Das Fenster ist zu; dagegen fliegen nützt nichts; so dumm bin ich
auch nicht mehr; das machen bloß die kleinen Käferhosenmätze; es gibt
scheußliche Kopfschmerzen. Also, man muß sich, so gut es geht, die Zeit
vertreiben. Ich werde mir mal ein lustiges Liedchen spielen. (Er nimmt
die Geige, spielt eine Tanzmelodie, singt dazu und springt in grotesken
Sätzen im Zimmer umher.)
Eins, zwei, drei -- eins, zwei, drei,
Fiel eine Biene in den Brei;
Plumsdibums,
Dideldumdei!
Alle Käfer sitzen drum herum,
Lachen sich schief,
Lachen sich krumm,
Brumm, brumm!
Vier, fünf, sechs -- vier, fünf, sechs,
Macht eine Fliege einen Klecks,
Putschpitschpatsch,
Klickklackklecks!
Pfui, ruft jeder rechte Käfermann,
Seht sie an,
Was sie kann,
Heran, heran!
(Peterchen und Anneliese stecken die Köpfe aus den Vorhängen ihres
Bettchens und sehen ihm halb erstaunt, halb belustigt zu.)
Sieben, acht, neun -- sieben, acht, neun,
Tanzen alle kleinen Käferlein!
Ringelreih,
Dideldudeldei,
Um die dicke Linde mit Gesumm,
Rechts herum,
Links herum,
Brumm, brumm!
(Die Kinder lachen hell auf und klatschen in die Hände.)
_Maikäfer_
(hält inne, sieht sie an.)
Nanu? Was gibt es denn da zu lachen? -- Das ist ein ganz bekannter
Maikäfertanz!
_Peterchen_
Ja, der ist sehr komisch!
_Maikäfer_
So, meinst du? -- Ihr braucht mich aber deshalb nicht auszulachen!
_Anneliese_
Nein, Herr Maikäfer, das haben wir auch gar nicht so gemeint. Wir bitten
schön um Entschuldigung.
_Maikäfer_
Nun also, da ist mir's recht. -- Aber, sagt mal, warum habt ihr mich
denn hier eingesperrt?
_Peterchen_
Das waren wir nicht!
_Anneliese_
Das war Minna, Herr Maikäfer!
_Maikäfer_
Na ja, die ist auch so eine dumme Trine und weiß nicht, was sich gehört.
Wenn Besuch da ist, dann schließt man ihn doch nicht ein!
_Peterchen_
Ja, ich hab' es ihr gleich gesagt, daß du da wärst; aber die Minna,
nein, die ist auch wirklich zu dumm!
_Maikäfer_
(tritt ans Bett.)
Höre mal, Peterchen, eigentlich bin ich gar nicht gut auf dich zu
sprechen. Du hast mich da vorhin mit deinem Pantöffelchen kaputt machen
wollen!
_Peterchen_
(etwas verlegen)
Ach, weißt du, das hab' ich man bloß so gesagt; getan hätt' ich es
sicher nicht!
_Maikäfer_
So, so, man bloß so gesagt?!
_Peterchen_
(schnell)
Weil Anneliese solche Angst hatte.
_Anneliese_
Jetzt hab' ich aber gar keine Angst mehr, Herr Maikäfer, nicht ein
bißchen!
_Maikäfer_
Gut. -- Aber sagt mal, wie komm' ich denn hier heraus? Die Nacht ist
sehr schön, und ich hab' keine Lust, hier eingesperrt zu bleiben.
_Anneliese_
(huscht aus dem Bettchen zum Fenster.)
Hier, Herr Maikäfer, aus dem Fenster. Soll ich dir aufmachen?
_Peterchen_
(springt ebenfalls aus dem Bett -- energisch:)
Nein, Anneliese, nicht aufmachen! -- Bitte, Herr Maikäfer, bleib doch
noch ein bißchen bei uns und erzähl' uns was aus deinem Maikäferland!
Nachher lassen wir dich auch heraus.
_Maikäfer_
Nun ja, man könnte das wohl tun; aber da ist jetzt nicht viel zu
erzählen; es steht schlecht um die Maikäfer; es werden viele
totgeschlagen, und wenn ich an meine liebe Frau denke, die von einem
Huhn gefressen wurde --
_Anneliese_
O, das tut uns aber leid!
_Peterchen_
War das unser Huhn? Da reiß' ich ihm dafür mal gleich ein paar
Schwanzfedern aus. Ich glaube, das tut mächtig weh!
_Maikäfer_
Ja, liebes Peterchen, ich weiß es nicht genau, welches Huhn es war, und
das ist das Schlimme dabei.
_Peterchen_
(nachdenklich)
Na, weißt du, das ist allerdings schlimm. Allen Hühnern kann ich die
Schwanzfedern nicht ausreißen; ich glaube, da bekäme ich doch Prügel.
_Maikäfer_
Dann wollen wir es lieber lassen, Peterchen, und ich will meine Frau im
stillen beweinen.
(Er wischt sich die Augen mit dem Blatt.)
_Anneliese_
(mitleidig)
Herr Maikäfer, willst du etwas Zucker haben? In der Puppenstube ist
welcher.
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Danke schön, danke verbindlichst, Anneliese; aber mein Magen verträgt
das Zuckerige nicht.
_Anneliese_
(aufrichtig)
Ach, da tust du mir aber wirklich leid.
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
O bitte, bitte, keine Ursache.
_Anneliese_
Aber vielleicht ißt du einen Apfel?
_Maikäfer_
Danke verbindlichst, nur Salat, frischen Salat von Linde oder Kastanie.
_Anneliese_
Ja, den haben wir leider nicht.
_Peterchen_
Na, ich kann ja schnell mal auf die dicke Kastanie klettern.
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Bitte, bemühe dich nicht, ich kann ja fliegen.
_Beide_
(bewundernd)
Ach ja, das ist wahr.
_Peterchen_
(neugierig)
Sag' mal, wo hast du denn deine silberne Geige her?
_Maikäfer_
O, das ist ein altes Familienerbstück; denn eigentlich spielen die
Maikäfer nur den Brummbaß, oder höchstens die Pauke. Aber mein
Urgroßvater, er hieß Sumsemann, der wohnte nahe bei einer großen Wiese
und war mit einer Grille befreundet, Zirpedirp hieß sie, das steht hier
auf der Geige eingraviert; und von der Grille bekam er die Geige
geschenkt, weil er ihr einmal das Leben gerettet hatte, als sie zu hoch
auf einen Baum gestiegen war und einen Schwindelanfall bekam. Und
seitdem spielen wir Sumsemanns die Violine statt der Baßgeige. Das
ärgert zwar die anderen Maikäfer; sie meinen, es sei geschmacklos, und
die Sumsemanns seien ein entartetes Geschlecht; aber wir finden das
vornehmer, weil es etwas Besonderes ist. Man muß auf das
Außergewöhnliche halten.
_Anneliese_
Ja, das ist auch wahr.
_Peterchen_
Na, und warum hast du denn nur fünf Beinchen? Das ist wohl auch etwas
Außergewöhnliches?
_Maikäfer_
(mit einem tiefen Seufzer)