Ew. Wohlgeboren ergebenster

der Salamander Lindhorst

p. t. königl. geh. Archivarius.

Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des

Archivarius Lindhorst war mir höchst angenehm. Zwar schien es gewiß, daß

der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines

Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir

selbst, günstiger Leser, verschweigen mußte, wohl unterrichtet sei, aber er

hatte das nicht so übel vermerkt, als ich wohl befürchten konnte. Er bot ja

selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit

Recht schließen, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, daß

seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt

werde. Es kann sein, dachte ich, daß er selbst die Hoffnung daraus schöpft,

desto eher seine beiden noch übrigen Töchter an den Mann zu bringen, denn

vielleicht fällt doch ein Funke in dieses oder jenes Jünglings Brust, der

die Sehnsucht nach der grünen Schlange entzündet, welche er dann in dem

Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Unglück, das

den Anselmus betroffen, als er in die gläserne Flasche gebannt wurde, wird

er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht

ernstlich zu hüten. Punkt elf Uhr löschte ich meine Studierlampe aus und

schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete.

»Sind Sie da -- Hochverehrter! -- nun das ist mir lieb, daß Sie meine

guten Absichten nicht verkennen -- kommen Sie nur!« -- Und damit führte er

mich durch den von blendendem Glanze erfüllten Garten in das azurblaue

Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der

Anselmus gearbeitet. -- Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber

gleich wieder mit einem schönen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine

blaue Flamme hoch emporknisterte. »Hier,« sprach er, »bringe ich Ihnen das

Lieblingsgetränk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. --

Es ist angezündeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie

was weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner

Lust, und um, während Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten

Gesellschaft zu genießen, in dem Pokal auf- und niedersteigen.« -- »Wie es

Ihnen gefällig ist, verehrter Herr Archivarius,« versetzte ich; »aber wenn

ich nun von dem Getränk genießen will, werden Sie nicht« -- »Tragen Sie

keine Sorge, mein Bester!« rief der Archivarius, warf den Schlafrock

schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und

verschwand in den Flammen. -- Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise

weghauchend, von dem Getränk, es war köstlich!

* * * * *

Rühren sich nicht in sanftem Säuseln und Rauschen die smaragdenen Blätter

der Palmbäume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? -- Erwacht aus

dem Schlafe heben und regen sie sich und flüstern geheimnisvoll von den

Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfentöne verkünden! -- Das

Azur löst sich von den Wänden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder,

aber blendende Strahlen schießen durch den Duft, der sich wie in

jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur

unermeßlichen Höhe, die sich über den Palmbäumen wölbt. -- Aber immer

blendender häuft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich

der unabsehbare Hain aufschließt, in dem ich den Anselmus erblicke.

-- Glühende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre schönen Häupter

und ihre Düfte rufen in gar lieblichen Lauten dem Glücklichen zu: wandle,

wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst -- unser Duft ist die

Sehnsucht der Liebe -- wir lieben Dich und sind Dein immerdar! -- Die

goldnen Strahlen brennen in glühenden Tönen: wir sind Feuer von der Liebe

entzündet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen

wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! -- Es rischeln und

rauschen die dunklen Büsche -- die hohen Bäume: Komme zu uns!

-- Glücklicher! -- Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser

kühler Schatten. Wir umsäuseln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns,

weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. -- Die Quellen und Bäche plätschern

und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorüber, schaue in unser

Kristall -- Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast

uns verstanden! -- Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vöglein: Höre

uns, höre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzücken der Liebe!

-- Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich

in weiter Ferne erhebt. Die künstlichen Säulen scheinen Bäume und die

Kapitäle und Gesimse Akanthusblätter, die in wundervollen Gewinden und

Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er

betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten

Stufen. »Ach nein,« ruft er wie im Übermaß des Entzückens, »sie ist nicht

mehr fern!« Da tritt in hoher Schönheit und Anmut Serpentina aus dem Innern

des Tempels, sie trägt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie

entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht glüht in den

holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: »Ach,

Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen -- das Höchste ist

erfüllt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?« Anselmus

umschlingt sie mit der Inbrunst des glühendsten Verlangens -- die Lilie

brennt in flammenden Strahlen über seinem Haupte. Und lauter regen sich

die Bäume und die Büsche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen

-- die Vögel -- allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln -- ein

frohes, freudiges, jubelndes Getümmel in der Luft -- in den Wässern -- auf

der Erde feiert das Fest der Liebe! -- Da zucken Blitze überall leuchtend

durch die Büsche -- Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde

-- hohe Springbäche strahlen aus den Quellen -- seltsame Düfte wehen mit

rauschendem Flügelschlag daher, -- es sind die Elementargeister, die der

Lilie huldigen und des Anselmus Glück verkünden. -- Da erhebt Anselmus das

Haupt wie vom Strahlenglanz der Verklärung umflossen. -- Sind es Blicke?

-- sind es Worte? -- ist es Gesang? -- Vernehmlich klingt es: »Serpentina!

-- der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur

erschlossen! -- Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der

Urkraft der Erde, noch ehe Phosphorus den Gedanken entzündete, entsproß --

sie ist die Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser

Erkenntnis lebe ich in höchster Seligkeit immerdar. -- Ja, ich

Hochbeglückter habe das Höchste erkannt -- ich muß Dich lieben ewiglich, o

Serpentina! -- nimmer verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie

Glaube und Liebe, ist ewig die Erkenntnis.«

* * * * *

Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute

in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den Künsten des Salamanders und

herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem

Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich

von mir selbst aufgeschrieben fand. -- Aber nun fühlte ich mich von jähem

Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach glücklicher Anselmus, der Du die

Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden

Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude

auf Deinem Rittergut in Atlantis! -- Aber ich Armer! -- bald -- ja in

wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein

Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen und die

Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick

ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals

die Lilie schauen werde.« -- Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise

auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so!

-- Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch

dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres

innern Sinns? -- Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als

das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als

tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?«

* * * * *

Ende des Märchens.

Der Goldene Topf · 第 16 / 16 题