Die alte Frau nickte. „Freilich.“

„Aber, Christine, hast du Verwandte hier?“

„Ja, es ist eine Enkelin von mir, ein kleines Mädchen, so alt wie du.“

„Was, Christine, du hast eine Enkelin?“ rief Suse ganz erstaunt, „und

wir wissen’s nicht. Weiß es denn niemand auf der Welt?“

„Doch, dein Vater und deine Mutter wissen’s. Euch hab’ ich nur nie

davon erzählt, weil ihr zu klein wart und weil ich nicht wollte, daß

ihr auch traurig würdet.“

„Ach, Christine, bitte, bitte, erzähl’ mir. Ich bin ja jetzt schon

sehr groß und werde mich beherrschen, auch wenn deine Erzählung

sterbenstraurig wird. Ganz still will ich sein und dich nicht durch

dummes Reden stören,“ drängte Suse.

-- So erzählte denn Christine, die sonst ihre Sorgen ängstlich vor

aller Welt hütete, ganz verwirrt durch die Ereignisse des Morgens und

erschreckt durch die Eindrücke der geräuschvollen Geigenstunde, Suse

den schweren Kummer ihres Lebens.

Das Doktorskind hörte still zu, und je mehr sie erfuhr, um so schwerer

wurde ihr Herz.

Von einer einzigen Tochter hörte sie ihre Kinderfrau erzählen, die sich

an einen bösen Menschen verheiratet, der getrunken und seine Frau

schlecht behandelt habe und schuld an ihrem Tod geworden sei. Das Kind

aus dieser Ehe, ein kleines Töchterchen, Resi genannt, habe die alte

Frau nach dem Tode ihrer Tochter zu sich nehmen und erziehen wollen.

Aber der Vater des Kindes habe verlangt, sie solle ihr Haus verkaufen,

ihm den Erlös davon geben und mit ihm zusammen in die Stadt ziehen.

Durch Susens Vater sei indes jener Plan vereitelt worden, und Christine

sei von Not und Elend verschont geblieben, wie der „Herr Doktor“ schon

so und so oft gesagt habe.

Der Schwiegersohn der alten Frau habe sich schnell wieder verheiratet

und sei in die Stadt gezogen. Von ihrem Enkelkind habe Christine nie

mehr etwas erfahren, auch dann nicht, wenn sie ihm Geschenke gemacht

oder um seinen Besuch gebeten habe. Nur um Geld habe ihr Schwiegersohn

immer wieder geschrieben. Jetzt sei Christine gekommen, um ihr

Enkelkind zu suchen, damit sie es vor ihrem Tod noch einmal sehe, denn

sie wisse ja nicht, ob sie noch lange lebe.

Da nahm Suse Christine in den Arm und sagte in demselben Ton, in dem

sie gewohnt war, ihre alte Kinderfrau sonst selbst reden zu hören:

„Sei still, Christine, der liebe Gott weiß alles und hilft uns sicher.

Christine, wir finden dein Resi ganz gewiß, und du wirst sehen, es wird

dir viel Freude machen.“

Doch die alte Frau meinte mit Tränen im Auge: „Am Ende läßt mich der

Vater das Kind nicht sehen und schickt mich fort von seinem Hause.“

„Aber nein, Christine, wir gehen ja alle mit, Hans und ich und Theobald

und Toni. -- Wenn wir gleich fünf Mann hoch anrücken, wird er schon

Respekt bekommen. -- Und dann fällt mir noch was ein, Christine, ich

hab’ noch ein Fünfmarkstück von Onkel Fritz für ein schönes Buch

geschenkt bekommen. Das geb’ ich deinem Schwiegersohn. Wenn dieser

scheußliche, geizige Mann das Geldstück sieht, läßt er sicher viel

besser mit sich reden. Und eines von meinen Kleidern nehmen wir auch

mit und eine Schürze und Strümpfe und Schuh.“

Und in Suses Phantasie wurde dieser Gang zu Christines bösartigem

Schwiegersohn zu einem glänzenden Triumphzug, in dem sie sich alle mit

Ruhm bedeckten und Freude über Freude einheimsten.

„Wo wohnt denn dein Enkelkind?“ fragte die eifrige Suse.

Und die alte Frau zog ein Stück Papier hervor, auf dem eine Adresse von

Rosels Hand geschrieben stand.

„Kleinstraße,“ las Suse und schüttelte den Kopf. -- „Kleinstraße, die

kenn’ ich nicht.“

Aber mit einemmal ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und sie rief

strahlend: „Weißt du, wer sie kennt? Fräulein Hirt kennt sie, die

kennt alle Straßen und alle armen Kinder. -- Die ist in vielen frommen

Vereinen. Die weiß es. Komm, komm. Ich glaube bestimmt, daß sie es

weiß. Sie wohnt jetzt über uns im vierten Stock, seit ihre Großmutter

gestorben ist.“

Christine folgte ihr eilig mit trippelnden Schritten, das Herz schon

viel froher und zuversichtlicher als bisher. Nur im Gang blieb sie

wieder einmal erschreckt stehen. Hier streckte nämlich Ursel ihren

Kopf zur Küchentür heraus und verkündete: „Um vier Uhr ist der Kaffee

fertig,“ mit einer Miene, als wollte sie sagen: „Um vier Uhr sollt ihr

alle gefressen werden!“

„Vergelt’s Gott,“ sagte die alte Frau und folgte Suse zur Tür hinaus

und die Treppe hinauf.

In Fräulein Hirts Zimmer wurden die beiden von der liebenswürdigen

Lehrerin auf das freundlichste begrüßt, und Christine bekam sogar den

Ehrenplatz im Sofa angewiesen. Während sie nun dort verschüchtert und

ängstlich saß, den Blick trostheischend auf Suse gerichtet, erzählte

diese mit glühenden Wangen, ganz durchdrungen von dem Ernst der Stunde

und von der Wichtigkeit ihrer Rolle, Christines Schicksal. Ab und zu

flog ein mütterlich beruhigender Blick zu ihrer alten Kinderfrau hin

oder sie streichelte jener sanft die Hand, indem sie sagte: „Es wird

schon gut, es wird schon gut, Christine.“

Fräulein Hirt aber hörte gespannt Susens Erzählungen zu. Und

schließlich, als diese fragte: „Kennen Sie die Straße, wo Resi wohnt?“

antwortete sie lächelnd: „Nicht nur die Straße, ich kenne Resi selbst.

-- Sie ist bei mir in der Sonntagsschule.“

„Resi selbst?“

Suse wurde dunkelrot vor Freude, sprang auf und rief: „Siehst du,

siehst du, Christine! Alles kennt sie, alle Leute, und allen hilft sie

und uns auch. Wir sind gerettet.“

Und das Doktorskind sprang auf, umarmte Fräulein Hirt und Christine und

hätte sie am liebsten sofort zu Resi entführt.

„Weißt du was,“ rief sie, „jetzt warten wir keine Minute mehr! Jetzt

gehen wir sofort zu Resi. Warum noch lange warten! Je eher du Resi

siehst, Christine, je lieber ist’s dir ja doch.“

„Nein, nein,“ wehrte da Fräulein Hirt, „ich hole das Kind allein

hierher. Es ist besser, Christine macht den weiten Weg dorthin nicht.

So viele Anstrengungen nach einer solch langen Reise kann sie nicht

ertragen.“ --

Aber den wahren Grund, weshalb sie den Besuch Christinens bei ihren

Verwandten verhindern wollte, verschwieg sie. Sie fürchtete, daß die

alte Frau von ihres Schwiegersohns Tür gewiesen würde. --

Zur Zeit des Nachmittagskaffes verließen die alte Frau und das kleine

Mädchen ihre liebenswürdige Helferin.

In der Cimhuberschen Wohnung wurden die beiden in größter Ungeduld

von Hans erwartet, dem es gar nicht angenehm gewesen war, unter Herrn

Schnurrs Lehrmethode zu schwitzen, während seine Schwester ihr Leben

genoß.

Auch Toni hatte sich eingefunden, um die Doktorskinder samt ihrem

Besuch zu einer Wagenfahrt abzuholen. Strahlend erzählte sie, ihr Vater

habe ihr fünf Mark für das Vergnügen geschenkt, und Theobald käme

gleich in einer Droschke an.

Bei der Spazierfahrt mit den Kindern konnte Christine von dem weichen

Sitz des Wagens aus bequem die Wunder der Stadt erschauen. Aber so

schön sie auch waren, ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, zurück

nach Frau Cimhubers Haus, wo etwas viel Schöneres und Besseres ihrer

wartete. -- Ihr Enkelkind.

Und nach ihrer Rückkehr aus der Stadt bekam sie das Kind endlich zu

sehen. An Fräulein Hirts Hand drückte sich Resi schüchtern zur Tür

herein und stand verwirrt vor ihr.

Der alten Frau liefen die Tränen über das Gesicht, und sie brachte nur

mühsam die Worte hervor: „Ich bin deine Großmutter, Resi.“

Stumm sah das kleine Mädchen zu ihr auf.

Da nahm Suse sie bei der Hand und sagte strahlend: „Ja, deine

Großmutter, deine liebe Großmutter, unsere gute Christine. Die haben

wir alle schrecklich lieb. Sie gehört dir. -- Willst du ein Stück

Heidelbeerkuchen haben? Den hat Christine uns mitgebracht. Wunderschön

schmeckt er. Komm, iß. -- Und du besuchst deine Großmutter, gelt? Und

dann werden wir Freundinnen. Und Christine hat eine weiße Ziege und

ein kleines Häuschen und viele Blumen im Garten. Das wird dir Freude

machen, wenn du das alles siehst.“

Aber trotz dieser sprudelnden Rede taute Resi nicht auf, und kein Wort

ging über ihre Lippen. Nur ganz am Schluß ihres Besuches, als Suse

sie aufforderte, doch zum Abendessen zu bleiben, schüttelte sie den

Kopf und sagte ängstlich: „Nein, nein, ich muß fort, ich werde sonst

gescholten.“

So wurde sie denn entlassen, nachdem sie aber Fräulein Hirt versprochen

hatte, am andern Tag noch einmal wiederzukommen.

Als Resi fortgegangen, war für Hans endlich der langersehnte Augenblick

gekommen, an dem er Suse über die geheimnisvollen Dinge zur Rede

stellen konnte, die sich hinter seinem Rücken abgespielt hatten. Er

wünschte zu wissen, was für Beziehungen zwischen Christine und dem

kleinen, fremden Mädchen beständen, und warum man gerade ihn nicht

eingeweiht habe.

Nichts Angenehmeres konnte Suse widerfahren, als ihn über alles, was

sich während der Geigenstunde zugetragen hatte, drei lang, drei breit

aufzuklären.

„Christine schien wirklich froh zu sein, daß sie eine Stütze an mir

hatte,“ schloß Suse voll Eingebildetheit ihren Bericht. „Ohne mich

hätte sie Resi sicher nicht so leicht gefunden.“

Sei es nun, daß diese Aufgeblasenheit Hansens Zorn entfachte, oder daß

ihn das schlechte Betragen von Resis Vater Christine gegenüber wirklich

empörte, jedenfalls ergriff er plötzlich den ersten besten Stuhl und

stieß ihn mit einer Gebärde auf, als wolle er ihn seiner vier Beine

berauben. Dazu rief er: „Den Kopf sollte man ihm abhacken, diesem

Lumpen, diesem scheußlichen, gemeinen Kerl, diesem Vater von Resi.“

„Sei still, sei doch still,“ mahnte Suse, „man meint ja gerade, du

seist Herr Schnurr. Nächstens springst du auch hier herum wie von

Sinnen. Wer benimmt sich denn so ungebildet!“

Etwas später, als Suse zu Bett gegangen war, da kam ihr wieder die

Begegnung von heute morgen ins Gedächtnis zurück, und die Schamröte

stieg ihr heiß ins Gesicht.

Sie mußte an die Zeit denken, als Herr Edwin dagewesen war und an ihre

Vorsätze von damals, dem Missionar nachzueifern und immer nur Gutes

zu tun. -- Große Taten wollte sie vollbringen -- in fremde Länder

wollte sie ziehen und unbekannten Menschen helfen. -- Und nun? Ihre

alte Christine hatte sie verleugnet, die Frau, die, solange sie lebte,

ihr nur Gutes getan hatte! -- Wie hatte Herr Edwin doch beim Abschied

gesagt: „Bewahret euch euer reines Herz.“ Da begann Suse laut zu

schluchzen und schlüpfte unter die Bettdecke. Und bat Gott um Hilfe

gegen ihr eitles Herz.

Am folgenden Tage rüstete sich Christine zur Abreise. Ihr Gesicht

strahlte wieder in dem lieben, freundlichen Glanze. Der schwere Gang

in die Stadt war ihr schließlich doch zum Segen ausgeschlagen. Von all

den fremden Menschen, die sie hier kennen gelernt hatte, war ihr nur

Gutes widerfahren. Und was das Schönste war, sie hatte ihr Enkelkind

wiedergefunden. Es bestand sogar Aussicht, daß sie das kleine Mädchen

bald für immer zu sich nehmen konnte. --

Fräulein Hirt hatte ihr Hoffnungen darauf gemacht. Mit mütterlich

beschirmendem Blick hatte Suse ihre Versprechungen angehört und war

sich fast erwachsen vorgekommen. Wußte sie doch viel mehr als Christine

und Hans, nämlich, daß Resi mit Gewalt ihren Eltern genommen werden

würde, weil sie so schlecht behandelt wurde.

Aber Christine sollte davon nichts wissen. Sie sollte leichten Herzens

in ihre Heimat zurückkehren.

Hans und Suse in der Stadt · 第 33 / 38 题