Zitternd zeigte Suse auf den Ballen in der Ecke. Theobald umfing ihn
mit kräftigen Armen und schleppte ihn in Susens Zimmer neben der
Negerstube. Aus der Küche tönte es laut: „Weißt du, wieviel Sternlein
stehen?“ Wie im Takt klapperte dazu das Geschirr.
Theobald rollte den Ballen einige Male mit seinem Fuß hin und her und
murmelte: „Na, wenn das ein Pharao ist, bin ich der Sultan von Marokko.“
„Rasch, rasch, mach auf, daß wir sie wieder an ihren Platz
zurückstellen,“ flehte Suse, „rasch, Theobald.“
Die Vettern begannen im Schweiß ihres Angesichts geräuschlos die dicken
Stricke zu lösen, während Suse das Licht hielt und Toni mit einer
Schere die Nähte löste.
Im Nebenzimmer hörte man Frau Cimhuber und ihren Sohn reden. Doch es
währte nicht lange, so verstummten die beiden, und es wurde still.
„Jetzt packt er seine Geschenke aus,“ flüsterte Theobald.
Aber schon nach einer Weile wurde es im Nebenzimmer wieder laut: eine
Geige wurde gestimmt, und gleich darauf begann ein wunderschönes Spiel.
Der Missionar geigte.
„Er spielt,“ sagte Suse verklärt, und ihr ganzes Gesicht leuchtete.
Ihr Vorbild war also doch etwas Besonderes und überstrahlte die andern
Sterblichen. Er spielte so schön, wie sie es noch nie gehört hatte.
„Hans, horch,“ flüsterte sie und faßte ihn am Arm, „horch.“
Aber es bedurfte dieser Aufforderung nicht. Hans stand da mit gänzlich
verändertem Gesicht. Auch ihm kam es vor, als habe er noch nie jemand
so schön spielen hören.
Selbst Theobald lauschte erstaunt und meinte: „Das kann doch nicht Herr
Edwin sein.“
In diesem Augenblick machte Toni ein Zeichen Und wies auf ein Loch
oben in der Wand, durch das einmal ein Klingelzug geführt hatte, und
das unverschlossen geblieben war. Dort konnte man durchsehen. Sofort
schleppten die beiden Mädchen einen Tisch herbei, kletterten darauf und
spähten in das Zimmer nebenan.
„Und ist sein Antlitz auch noch so verbrannt, das Mutteraug’ hat ihn
doch gleich erkannt,“ deklamierte Toni leise vor sich hin; denn im
Nebenzimmer bot sich ihr ein rührendes Bild.
Im Lehnstuhl saß mit gefalteten Händen die Mutter des Missionars,
wandte kein Auge von ihrem Sohn und achtete nicht der Tränen, die
in ihren Schoß fielen. Ihr Kind spielte immer schöner mit einem
weltentrückten Ausdruck, und nur von Zeit zu Zeit streifte ein
leuchtender Blick seine Mutter.
Inzwischen waren auch Hans und Theobald auf den Tisch gestiegen und
drängten ihre Köpfe zwischen den beiden Mädchen durch. Keiner sagte
ein Wort. Alle lauschten atemlos. Schließlich brach der Missionar sein
Spiel ab, legte seine Geige vorsichtig auf das Klavier und sah sich
nach einem Stuhl um.
„Setz dich, Edwin,“ bat die Mutter, „setz dich, mein liebes Kind, und
ruh’ dich aus, es wird dir sonst zuviel für den ersten Abend.“ Und sie
führte ihn zum Sofa und legte ihm vorsichtig ein Kissen in den Rücken.
„Wie schön ist es daheim bei dir, Mutter,“ sagte er und griff dankbar
nach ihrer Hand. -- „Wie schön!“ Er lehnte sich müde zurück und sah sie
leuchtenden Auges an.
„Nimmt der Edwin seiner Mutter alle weichen Kissen weg,“ flüsterte
Theobald. „Na, wenn ich einmal nach Hause käme, und es wär’ vom Krieg
und ich hätt’ eine Kugel im Rücken und könnt’ nur auf einem Bein
herumhuppen, soviel weiß ich, meiner Mutter nähm’ ich die Kissen nicht
weg. Wie unmännlich! -- Komm, Hans, an die Gewehre,“ fuhr er dann fort.
-- Sie kehrten zu der Mumie zurück.
Toni und Suse blieben auf ihrem Beobachtungsposten stehen und
gewahrten, wie Frau Cimhuber sich neben ihrem Sohn niederließ.
„Gelt, Edwin?“ fragte sie, seine Hand nehmend, „nun bist du doch auch
glücklich? Schwer ist dein Beruf. Aber es geschieht ja zur Ehre des
Herrn. Nicht jeder kann ein großer Künstler werden. Und es ist ja auch
der Wunsch deines Vaters immer gewesen, daß du Missionar würdest, und
du bist doch auch glücklich? Nicht wahr? Vielleicht hättest du ja ein
großer Künstler werden können. Aber so führst du doch ein reicheres,
gottwohlgefälligeres Leben?“
Er hustete, und man merkte ihm wohl an, wie erschöpft er war. Dann
sagte er einfach: „Ja, Mutter.“
„Er wollte Künstler werden,“ flüsterte Toni, „genau wie ich. Aber ich
glaube, es wird nichts draus. Der Vater will nichts mehr davon hören.
-- ‚Schwamm drüber‘, hat er gestern gesagt.“
Suse hörte nicht zu. Sie stand noch immer da mit gefalteten Händen und
strahlenden Augen.
Wie schön, wie schön hatte Herr Edwin gegeigt. So schön wie sonst
niemand auf der Welt!
Jetzt sah Toni, wie im Nebenzimmer die Tür zum Gang aufging und Ursel
eintrat. Sich mit ihrer Küchenschürze die Augen abwischend, sagte sie:
„So schön hat der Herr Missionar gespielt, so schön, ich habe gemeint,
die Orgel geht am Sonntag in der Kirche.“
„Setzen Sie sich zu uns, Ursel,“ bat Edwin.
„Ach nein, vielen Dank, ich habe soviel zu tun.“
„Immer, immer zu tun, Ursel,“ meinte Edwin Cimhuber, „gerade noch wie
früher.“
„Ja, die Pflicht geht vor, Herr Edwin,“ philosophierte Ursel, „und
Arbeit versüßt das Leben.“
Wenige Minuten später war sie schon wieder nach der Küche unterwegs.
Toni war begeistert von der Szene, die sie von ihrem Auslug in der Höhe
wahrgenommen hatte.
„Selbst Ursel hat einen versöhnlichen Gesichtsausdruck heute,“
flüsterte sie.
Im nächsten Augenblick aber zitterte sie wie Espenlaub und suchte vor
Schreck nach einem Halt. Auf dem Flur erscholl Geschrei. -- Ursels
Stimme. -- Theobald, Hans und Suse ließen vor Schreck das Bündel, an
dem sie trennten, hinfallen und schauten sich entsetzt an.
„Gestohlen, gestohlen, die Matratze ist fort. Diebe, Diebe,“ rief
es vor der Tür. -- Jetzt in Frau Cimhubers Stube: „Denken Sie, Frau
Pfarrer, die Matratze ist fort, sie ist gestohlen. Vor einer halben
Stunde noch war sie da. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen.
Die Kinder, die haben mal wieder die Tür aufstehen lassen. Sie ist
gestohlen, sie ist gestohlen.“
„Was sagt sie... die Matratze?“ stotterte Theobald.
Im nächsten Augenblick schoß Ursel auch schon wie eine Glucke mit
gesträubtem Gefieder zur Tür herein und erblickte die Kinder mit der
Trennschere und den Messern in der Hand. Sie ergriff ohne Federlesens
das halb ausgepackte Bündel, riß die letzte Hülle los und entrollte vor
den Augen der Verschwörer eine blau und weiß gestreifte Matratze. Keine
Mumie. -- Die geheimnisvolle Mumie war Ursels Matratze.
Suse war blaß wie der Tod.
Und nun stand auch die Pfarrfrau in der Stube, entdeckte den kostbaren
Gegenstand und atmete erleichtert auf.
„Da ist sie ja, Ihre Matratze, Ursel,“ sagte sie, „und schon fix und
fertig ausgepackt.“
„Habt ihr das getan?“ fragte sie Suse. Diese nickte mit schuldigem
Gesicht. Toni aber kletterte beschämt von ihrem Tisch herunter,
Theobald sprang mit höflicher Verbeugung in die Höhe, und Hans machte
ein Gesicht wie die Katze, wenn’s donnert.
Den vier Ertappten war es schwül zumute. Die Pfarrfrau sagte: „Ihr
wolltet Ursel überraschen, ihr wolltet ihr eine Freude machen, nicht
wahr? Sie hat sich eine Matratze von ihren Verwandten kommen lassen.
Ihre eigene hat sie in mein Bett geschafft und meine hat sie meinem
Sohn gegeben. Edwins Matratze ist zu hart. Er muß zwei haben, sonst
kann er nicht schlafen. Er ist krank. -- Ihr lieben, lieben Kinder! Ihr
wußtet, wie sie heute vor lauter Arbeit nicht zu Atem kommt. Nun kommt
mal mit zu meinem Sohn!“
„Hier sind die Diebe, die Missetäter,“ begann sie zu dem Missionar,
indem sie Hans und Suse zärtlich bei der Hand faßte, „unsere kleinen
Heinzelmännchen, die Ursel die Matratze geöffnet haben. Sie wollten ihr
die Arbeit abnehmen. Nicht wahr?“ fragte sie und strich den beiden über
den Kopf.
„Nein, nein,“ stotterte Suse, „helfen wollten wir nicht, wir wollten ja
nur sehen... wir wollten nachsehen -- wir meinten, die Mumie sei drin.“
„Oh, dieser Blödsinn von Suse,“ dachte Theobald und schlug die Augen
zur Decke empor.
„Was sagtest du, mein Kind?“ forschte Frau Cimhuber. Da fühlte Suse
Theobalds Blick auf sich ruhen. Sie schluckte nur zweimal trocken
runter vor Schrecken und stotterte: „Wir... wir... wir...“
Doch Frau Cimhuber drang auch gar nicht weiter in sie, sondern forderte
sie auf, Platz zu nehmen und eingemachte Früchte zu essen und Kuchen,
den sie ihnen hinreichte.
„Du ißt doch auch gern Kuchen, Theobald,“ wandte sie sich an den
Stadtvetter.
„Da, nimm dir hier dieses Stück. Dieses ist besonders gut. Du hast’s
verdient.“
Theobald knirschte innerlich vor Ärger. Wie die kleinen Kinder wurden
sie behandelt, wie die richtigen kleinen Kinder. Und man fütterte sie
wie die Piepmätze.
Lieber schon wäre es ihm gewesen, Ursel und der Missionar wären
plötzlich aufgesprungen und hätten mit ihm zu boxen angefangen. Aber
dazu war wenig Aussicht vorhanden.
Erleichtert atmete er deshalb auf, als Toni nach zehn Minuten aufstand
und sich verabschiedete. Und draußen wurde es ihm erst recht klar, in
was für einem Backofen er gesessen hatte, und mit dem Ruf: „Wie die
Kamele, gerade wie die Kamele haben wir uns benommen,“ sprang er die
Treppe hinunter, drei Stufen auf einmal nehmend.
Auch Hans und Suse zogen sich bald zurück, denn ihr Gewissen schlug
schuldbewußt angesichts der vielen Liebenswürdigkeiten, die Frau
Cimhuber ihnen erwies. --
Am andern Tag zur Mittagszeit sahen sie dann den Missionar wieder. Er
war heute wie in der folgenden Zeit sehr zurückhaltend.
In der Schule, wo Suse so viel von dem Besuch des interessanten
Afrikareisenden erzählt hatte, der Frau Cimhuber und mit ihr ein wenig
auch Hans und Suse beehren werde, begann man sich bereits zu wundern,
daß die spannenden Geschichten, die Suse von ihm erhofft hatte,
ausblieben.
Nun nahm in diesen Tagen Susens Klasse in der Geographiestunde gerade
die Westküste Afrikas durch. -- Dorther kam Herr Edwin -- von der
Goldküste.
„Ach, wenn er doch einmal reden würde,“ dachte Suse voll Verlangens.
Welche interessanten Dinge würde man da zu hören bekommen! Und welch
bedeutenden Eindruck würde Suse in der Schule hervorrufen, wenn sie
verkündete, daß sie einen Menschen kenne, der selbst in jenen Ländern
gewesen war, der mit eigenen Augen die Menschen, die Tiere, die
Pflanzen dort, alles, alles gesehen hatte, der viel mehr wußte, als in
den Geographiebüchern stand. Wenn er nur redete!
Da, am Tage vor der Geographiestunde, konnte Suse sich nicht mehr
beherrschen und fragte mit einemmal bei Tisch, zu Hans gewandt, während
sie im Grunde Herrn Edwin meinte: „Du Hans, wo seid ihr jetzt in der
Geographiestunde? Wir sind jetzt an der Elfenbein-, Sklaven- und
Goldküste; da herum.“
„Wir nicht!“ sagte Hans und aß ruhig weiter. „Wir nehmen Deutschland
durch.“
Frau Cimhuber und ihr Sohn aber hatten von der Unterhaltung überhaupt
nichts gehört.
Suse räusperte sich deshalb und sagte lauter als vorher: „Hans, wir
sind jetzt in der Geographie an der afrikanischen Sklaven-, Gold- und
Elfenbeinküste.“
„Das hast du ja eben erst gesagt,“ meinte Hans und sah sie groß an.
Da wandte sich Suse unter heftigem Erröten an Frau Cimhuber selbst,
indem sie sagte: „Wir sind jetzt in der Geographie an der afrikanischen
Sklaven-, Gold- und Elfenbeinküste, Frau Pfarrer.“
„Nein, das ist ja interessant,“ meinte die Pflegemutter mit einemmal
aufmerksam. „Wie gut trifft sich das. Du, Edwin, die Kinder nehmen
jetzt in der Schule die Goldküste durch,“ sagte sie zu ihrem Sohne. --
„Da weißt du ja am besten Bescheid.
Soll euch mein Sohn einmal davon erzählen?“ fragte sie die Geschwister.
„Ja,“ riefen beide hochbeglückt.
„Heute abend könntest du’s tun, wenn wir vom Spaziergang zurückkommen!“
forderte die Mutter ihren Sohn auf. „Wie denkst du darüber? hast du
Lust?“
„Warum nicht? Sehr gern!“ antwortete er und nickte den beiden zu.
Und sie nahmen seine wohlwollenden Blicke hin, als wär’ es schon der
schönste Anfang einer Geschichte.
Am Abend nach Tisch versammelte sich dann die ganze Gesellschaft; Frau
Cimhuber und ihr Sohn saßen im Sofa, Ursel und die Kinder auf Stühlen,
und auf seinem Ständer in der Ecke der Negergott, der wieder auf seinen
alten Platz verpflanzt worden war, nachdem die Kinder vor anderthalb
Jahren ihre Pflegemutter gebeten hatten, ihn doch wieder hervorzuholen,
sie fürchteten sich nicht mehr vor ihm.
Totenstille herrschte, als Herr Edwin zu erzählen begann. Alles
lauschte. Nur zuweilen hörte man Hans und Suse tief atmen. --
Von den großen Weltmeeren, über die er gefahren war, erzählte er,
von den großen afrikanischen Wüsten, wo nachts der Ruf wilder
Tiere herüberklang, von den undurchdringlichen Urwäldern, wo sich
Schlingpflanzen mit Tausenden von bunten Blumen von Baum zu Baum zögen
und ein köstliches Gewebe vor den Türen des geheimnisvollen Waldes
bildeten.
Hansens und Susens Augen glänzten.
Wie ein Schauer ging es zuweilen durch sie durch, als er von der Größe
und Schönheit von Gottes wunderbarer Welt sprach, und eine große
Sehnsucht nach der Ferne kam über sie. --
Das war ja alles viel, viel tausendmal schöner, als sie sich
vorgestellt hatten.
Da redete Herr Edwin aber mit einemmal von ganz anderen Dingen, und die
Mienen der Kinder verdüsterten sich. Von den armen, elenden Menschen in
den Tropenländern sprach er, die zuweilen ein Leben führten, schlimmer
als die Tiere, die verkamen in geistiger und leiblicher Not. In
ihrer Angst errichteten sie sich selbst Götter, aber was für Götter!
Jammerbilder, Fratzen, sogenannte Fetische, die zuweilen nichts anderes
waren als ein Stück bemalten Holzes oder bemalten Steines.
„Dort die Figur in der Ecke,“ meinte Herr Edwin, auf das Negergöttlein
auf seinem Ständer zeigend, „ist ein ganz besonders schöner Gott,
verglichen mit vielen andern, die ich gesehen habe. -- Ein wirklicher
Staatsgott!“
„Ein Staatsgott?“ sagte Suse ungläubig.
Hans mußte das Lachen verbeißen, wenn er an den drolligen Wicht dort
hinten in der Ecke dachte, dem der rechte Mundwinkel herabhing, als
hätte er jahrelang eine Tabakspfeife drin gehalten und könne die Lippen
nun nicht mehr heraufziehen.
„Den beten sie an?“ fragte Suse erschreckt.
„Ja, das ist ihre Gottheit!“ sagte Herr Edwin fast schmerzlich. „Ein
solches Stück Holz ist ihr Gott.“ -- „Ach, wie leiden sie unter dem
Aberglauben!“ fuhr er fort. „Sie glauben sich von hunderten von bösen
Dämonen umgeben. Das sind die Seelen der Verstorbenen, die sie Tag
und Nacht verfolgen und nur auf Greuel sinnen. -- All ihr Unglück
schreiben sie ihnen zu, alle ihre Krankheiten, und dabei ist es doch
nur die eigene Unsauberkeit und Unwissenheit, die ihre Krankheiten
begünstigen.“ --
Der Herr Missionar erzählte nun den Kindern einzelne Fälle von
besonders unglücklichen Menschen, die er kennen gelernt hatte.
Hans und Suse rückten mit ihren Stühlen immer näher an den Erzähler
heran, fast auf ihn drauf.
Sie waren jetzt ganz mit ihm in Afrika. -- Es war Nachmittag. Sie
fühlten die heiße Tropensonne, die auf sie herunterglühte, sie gingen
durch hohen, gelben Sand, der ihnen stechend wie Nadeln durch die
Kleider drang, sie sahen die Blätter der Palmen, die am Wege in der
Glut der Sonne welkend herabhingen. Sie litten in der erstickenden
Schwüle brennenden Durst. Sie fühlten, wie sie gleich Herrn Edwin von
Fieberschauern geschüttelt wurden und vor Müdigkeit kaum mehr vorwärts
schreiten konnten. -- Aber sie mußten weiter, sie mußten vorwärts,
denn vor dem nächsten Dorf am Wege lag ein Sklave -- man hatte es
ihnen gesagt -- der vom Innern aus den Bergen mit einer Last gekommen
war, und dem durch einen Unfall beide Beine zerschmettert worden
waren. Voll rohen Sinnes hatten ihn seine Begleiter am Wege liegen
lassen, unbekümmert darum, ob er in der Hitze sterbe oder nicht. --
Nur ein Fetischpriester hatte ihm ein Amulett aus Leopardenhaar und
Katzenwirbelknochen verkauft, das sollte ihn wieder gesund machen.
Der Missionar und Hans und Suse erreichten den armen Menschen und sahen
ihn vor sich liegen, ein Bild des Jammers. Herr Edwin verband ihn unter
ihren Augen, und ihr Herz war von Dankbarkeit gegen den Helfer erfüllt.
Je mehr der Herr Missionar erzählte, um so mehr empfand Suse einen
schweren Druck auf ihrer Brust. Es waren ihre Pläne über Afrika, die
sie quälten und bedrückten. Sie sah sich wieder dort mit ihrem Hofstaat
von Affen und Papageien in einem Schloß wohnend, das viel schöner war
als das der „Fremdlinge“, umgeben von Sklaven und gefeiert wie eine
Königin. -- Und daneben erblickte sie Herrn Edwin, der ein so hartes,
ein so einsames und entbehrungsreiches Leben führte, ohne Lohn, ohne
Dank, nur von dem Glauben beseelt, daß er Gutes tue Gott zur Ehre.
Vor Beschämung wagte Suse nicht mehr aufzusehen. Und schließlich, in
einer Pause, da hielt sie’s nicht mehr aus und sagte: „Ich hab’ mir
auch vorgenommen, ich wollte Missionarin werden, Herr Edwin!“
Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen. Suse saß da wie vor ihrem
Todesurteil.
Aber der Herr Missionar sagte ruhig: „Warum solltest du das nicht
werden, Kind?“
Suse glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. -- Was hatte er gesagt? Sie
durfte auch Missionarin werden, sie?
„Das darf ich auch werden?“ fragte sie glückselig. „Gerade so wie Sie,
Herr Missionar?“
„Ja,“ sagte er.
Auch Hans sah begeistert zu ihm hin. Da verdüsterte sich aber Susens
Miene wieder und sie beichtete stockend: „Ich hab’ aber immer gedacht,
Herr Missionar, wenn ich einmal Missionarin bin, möchte ich dafür
schöne Sachen aus fremden Ländern haben.“
„Aber, Suse!“ rief die Pfarrfrau entsetzt.
„Nun,“ sagte der Missionar ganz ruhig, „das ist gar nicht so schlimm.
Du kannst auch schöne Sachen dafür haben. Ich glaube aber, du wirst
selbst bald einsehen, daß die im Grunde nebensächlich sind, und daß
deine schönste Belohnung das Gefühl ist, den Menschen geholfen zu
haben.“
„Helfen wollte ich immer, Herr Missionar,“ sagte Suse mehr flüsternd
als redend.
„Die Helferei kenn’ ich,“ murmelte Ursel. Aber keiner hörte auf diesen
Einwurf. Die Kinder achteten nur auf Herrn Edwin, der jetzt sagte:
„Das ist ein schöner Vorsatz, den du da gefaßt hast, Suse, andern zu
helfen und Gutes zu tun. -- Die Welt ist ja so groß, und für jeden ist
Platz drin, der etwas Tüchtiges und Gutes leisten will. Auch ihr könnt
helfen. Ihr müßt nur die Zeit in euerer Jugend anwenden, damit ihr was
lernt und hernach auch was könnt. Denn wer selbst nichts kann, kann
auch andern nicht helfen.“
„Das hat auch unser Vater schon gesagt,“ fiel Hans ein, „wenn ihr
andern helfen wollt, müßt ihr erst selbst was können.“
Herr Edwin nickte und erzählte weiter, und die beiden hingen jetzt mit
doppelter Begeisterung an seinen Lippen, denn sie hatten die stolze
Empfindung, daß auch sie ein Recht hätten, dermaleinst große Taten zu
vollbringen wie Herr Edwin.
„Sehen Sie, Ursel!“ sagte Suse vor dem Zubettgehen strahlend zu der
alten Magd. „Ich kann auch Missionarin werden. Der Herr Edwin hat’s
gesagt.“
Ursel seufzte und sagte: „Wenn’s der Herr Edwin gesagt hat, wird’s wohl
stimmen.“
Lange konnten die Geschwister heute abend nicht einschlafen. Herrn
Edwins Worte beschäftigten sie noch immer, und sie hatten ein Gefühl,
als wären sie heute ein paar Jahre älter geworden und wüßten mehr als
andere Leute. Die Welt erschien ihnen so groß und wunderbar wie nie
zuvor.
Von Tag zu Tag schlossen sich die Kinder nun mehr an den Besucher an
und hörten manches gute Wort von ihm, das sie nicht so leicht vergaßen.
Fast täglich sah man sie, glühend vor heimlicher Freude, an seiner
Seite durch die Straßen gehen. Wer konnte sich auch rühmen, mit einem
richtigen, leibhaftigen Missionar spazieren zu gehen, der so viele
fremde Länder kannte, und so viel zu erzählen wußte? -- Auch lustige
Dinge berichtete er ihnen hin und wieder. Ach, einmal war sogar ein
Neger, der nicht mehr viel sah, zu Herrn Edwin gekommen und hatte ihn
gebeten, ihm ein paar Hunde- oder Katzenaugen einzusetzen, damit er
wieder besser sehen könne. --
Leider verging die schöne Zeit, in der Herr Edwin da war, nur allzu
rasch. Nach ein paar Wochen schon, als er sich erholt hatte, ging er
wieder fort. Hans und Suse begleiteten ihn allein zur Bahn, da die
Pfarrfrau, von Abschiedsschmerz überwältigt, ihm das Geleite nicht
geben konnte. Sie hatte eine Ahnung, daß sie ihn nie mehr wiedersehen
werde.
Hans sah auf dem Gang zur Bahn finster drein, um seine schmerzlichen
Gefühle zu verbergen. Suse weinte zum Herzzerbrechen. Sie ließ es sich
nicht nehmen, Herrn Edwins Geige bis zuletzt zu tragen und eigenhändig
in das Gepäcknetz über seinen Platz zu legen.
Noch einmal drückte er ihnen die Hand zum Abschied und sagte: „Ich
bitte euch, bewahret euer reines Herz und bleibet immer gut!“