Zwei Jahre waren vergangen, seit Hans und Suse bei Frau Cimhuber,
der Pfarrfrau, in dem hohen weißen Haus am Kanal wohnten, und manch
inhaltsreicher Brief war in dieser Zeit aus der Stadt nach dem
Heimatsort der beiden gewandert. Die Eltern und Freunde der Kinder
waren die glücklichen Empfänger dieser abwechslungsvollen Schreiben
gewesen.
Da erhielt nun eines Tages Christine, ihre alte Kinderfrau, einen ganz
besonders langen Brief Susens. Es traf sich, daß bei seiner Ankunft
gerade Rosel, die Magd der Doktorsleute, zugegen war und die las ihn
vor.
„Jesus, Maria und Joseph,“ schrie sie mit einemmal und sprang mitten
in die Stube. „Hört, Tante, was Suse schreibt: Der Herr Edwin kommt zu
Frau Cimhuber auf Besuch; er hat schon eine Leiche vorausgeschickt. Die
Leiche ist schon viele tausend Jahre tot. Schon viele Jahre vor Christi
Geburt. Sie steht im Gang bei Frau Cimhuber. Sie ist etwas größer als
Hans.“
Das war zuviel für Rosel. Sie schleuderte den Brief weit von sich.
„Scht,“ mahnte Christine, „heb den Brief auf. Das geht nicht mit
rechten Dingen zu. Das ist nicht geheuer, was Suse schreibt. Wir müssen
zur Frau Doktor gehn und ihr den Brief zeigen. Sie weiß Rat.“
Der Brief, der Rosel und Christine in solche Verwirrung versetzte,
war von Suse am vergangenen Sonntag in größter Aufregung geschrieben
worden; denn vor dem Kirchgang hatte Frau Cimhuber plötzlich zu Hans
und ihr gesagt: „Mein Sohn Edwin aus Afrika kommt nach Hause.“ Die
Kinder waren zusammengefahren, und Susens Herz hatte laut geklopft.
Herr Edwin kam! Ihr Held, ihr Vorbild! Alles was groß, schön, herrlich,
erhaben war, verkörperte sich für sie in seiner Person; denn in den
zwei Jahren, die sie bei Frau Cimhuber verbracht, hatte sie soviel
Außergewöhnliches von ihm und seinen Taten gehört, daß er ihr wie ein
Welt- und Meerwunder vorkam.
Herrn Cimhubers Gepäck traf einige Tage vor ihm ein: eine Kiste und
ein umfangreiches, in Sackleinwand eingenähtes, längliches Bündel.
Er selbst verzog noch eine Woche in seinem Missionshaus in einer
entfernten Stadt.
Die Doktorskinder gingen von nun ab nur noch flüsternd durch den Gang,
die Augen in stiller Ehrfurcht auf des Missionars Gepäck gerichtet. Ein
Duft von fremden Ländern haftete ihm an.
Sie berieten hin und her, was es wohl enthielte. Suse meinte, die große
Kiste sei voll schrecklicher Götzen, Schwerter, Spieße und dergleichen
fremdländischer Gegenstände mehr.
Aber was mochte der große Ballen enthalten? Leise strichen die Kinder
darüber. Auch Theobald und seine Geschwister wurden eingeweiht
und tauschten Betrachtungen über den möglichen Inhalt des seltsam
geformten, in Wachstuch genähten Bündels aus.
„Hört,“ meinte Toni mit einemmal, „ich glaub ich hab’s. Herr Edwin
interessiert sich für Altertümer. Es könnte eine Mumie sein.“
„Eine Mumie.... was ist das?“ riefen Hans und Suse.
„Nun, ein einbalsamierter Mensch,“ entgegnete Toni. „Oder besser
gesagt, ein durch Spezereien für alle Zeiten unvergänglich gemachter,
menschlicher Leichnam.“
„Welch ein Blödsinn,“ seufzte Theobald.
„Durchaus nicht, mein lieber Bruder, vielleicht ist die von Herrn
Edwin herbeigeschaffte Mumie sogar eine ägyptische... ein Pharao, ein
ägyptischer König.“
„Ja,“ rief Suse, „ein Pharao.“
Sie war Feuer und Flamme für die Erklärung. Das Bündel, das bei Frau
Cimhuber im Gang stand, konnte nur eine Mumie sein... ein ägyptischer
König, vielleicht jener, der die Kinder Israel aus Ägypten getrieben
hatte. Wie geheimnisvoll!
Auf Zehenspitzen schlich sie von nun an daran vorüber. Alle ihre
Freunde und Bekannten wurden von dem interessanten Paket unterrichtet,
und so geschah es, daß jener oben erwähnte Brief an Christine
geschrieben wurde.
Hans redete weniger von der Mumie als seine Schwester, brannte aber in
demselben Maße wie sie darauf, jene von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Frau Cimhuber mochte er nicht behelligen. So fragte er denn eines
Tages die alte Magd: „Was will denn der Herr Missionar mit der Mumie
anfangen, Ursel?“ Die Magd sperrte den Mund auf. „Was schnatterst du
da?“ rief sie endlich. „Was für ein Kauderwelsch? Willst du mich utzen,
raucht’s dir im Kamin?“
„Nein... nein, Ursel, durchaus nicht... die Mumie mein ich... da
draußen auf dem Gang. -- Er... er... der Pharao, der König von Ägypten.
Kommen Sie, schauen Sie doch her... hier.“
Er lockte die Magd hinaus.
„Saperlott,“ schrie Ursel, als sie nichts sah wie das Bündel. „Willst
du mich zum Besten haben? Soweit ist’s denn doch noch nicht mit uns
gekommen. Ich will sehen, wer Meister ist, du oder ich...“
Hans stürzte Hals über Kopf die Vorplatztür hinaus und in fünf Sätzen
die Treppe hinab.
Am andern Tag hatte er sich aber bereits wieder soweit gefaßt, daß er
von neuem beginnen konnte: „Ursel, sollen denn die Sachen noch lang im
Gang stehen, die Kiste und das andere Paket?“
„Warum frägst du?“ entgegnete die Magd. „Sind sie dir im Weg?“
„Nein, nein, durchaus nicht, im Gegenteil. Ich freue mich, daß die
Sachen da sind. Ich interessiere mich dafür, auch Suse. Wir möchten die
Gegenstände mal von inwendig besehen.“
„Was?“ rief Ursel erzürnt. -- „Die ‚Gegenstände‘ -- -- --. Die
‚Gegenstände‘ wollt ihr durchschmusen? Was habt ihr in meinen Sachen
verloren? Überall müßt ihr eure Nase drin haben.“
„Das sind Ihre Sachen?“ stotterte Hans und machte überlebensgroße
Augen, „den König von Ägypten schenkt er Ihnen -- Ihnen -- Ihnen -- na,
da können Sie sich aber freuen.“
„Freuen soll ich mich?“ rief Ursel und rückte ihm auf den Leib. „Sag’s
noch einmal, und du wirst es büßen.“
Hans flüchtete. Verwirrt keuchte er: „Da können Sie sich aber freuen.
Das hätt’ ich nicht im Schlaf gedacht -- Ihnen -- Ihnen schenkt er den
Pharao.“
Hinterdrein kam Ursel. „Ich will euch lehren, mir Mordgeschichten vom
Pharao zu erzählen,“ schalt sie. „Wartet, euch sticht der Hafer. Nichts
hört man mehr von dir und Suse als vom Pharao. Euch ist eine Schraube
los. Gleich will ich dir einen Pharao mit dem Kochlöffel geben.“ --
„Kriegen wir bald zu sehen, was in den Paketen ist?“ fragte Suse einige
Tage darauf schüchtern Ursel, als Hans sie auf Kundschaft ausgeschickt
hatte.
„Niemals,“ entgegnete Ursel, „zur Strafe für eure Neugier.“
Theobald, der sich ebenfalls für die Mumie interessierte, erklärte
eines Tages, er werde, um allen Streitigkeiten ein für allemal ein Ende
zu machen, hingehen und die Mumie rauben.
„Theobald, das tust du nicht,“ rief Toni mit erschrecktem Gesicht. „Du
weißt doch, Frau Cimhuber verachtet dich. Wie kannst du es wagen, ihr
Haus zu betreten?“
„Abwarten,“ entgegnete Theobald, „die Sache will überlegt sein.“
Inzwischen kam der Tag immer näher heran, an dem der Missionar erwartet
wurde. Immer aufgeregter wurde Frau Cimhuber, und eines Morgens da
konnte sie sich endlich, endlich sagen: „Heute kommt mein Sohn.“ Hoch
schlug ihr Herz, und immer wieder suchte sie das Zimmer auf, das zu
seinem Empfang bereitet war. -- Es war Susens Zimmer, das der Missionar
in seiner Kindheit bewohnt hatte und das er jetzt wieder beziehen
sollte. Drum war das kleine Mädchen in ein Gemach neben der Negerstube
verbannt worden.
Ein Waldstrauß, den die Kinder am Sonntag mit Ursel geholt hatten,
schmückte Herrn Edwins zukünftiges Reich. Die Mullgardinen am Fenster
leuchteten blütenweiß, und in der Ecke stand ein kleiner Schrank,
der angefüllt war mit den Spielsachen aus des Missionars Kinderzeit.
An Frau Cimhubers Seite durften sich die Doktorskinder das festlich
geschmückte Zimmer betrachten. Ihre leuchtenden Augen flogen bewundernd
durch den Raum, und Suse sagte leise vor sich hin: „Wie an einem
Weihnachtsfest so schön ist’s hier.“