Und die andern riefen zustimmend: „Ja.“ --

So war Hans gerettet. Und er schämte sich nicht wenig, als er inne

wurde, wie schnell eine Sache, von der er so viel Aufhebens gemacht

hatte, aus der Welt geschafft worden war.

Suse aber blieb daheim und saß lange Zeit neben Frau Cimhuber auf dem

Sofa und hatte ihren Kopf an die Schulter ihrer Pflegemutter gelehnt

und hörte, wie diese freundlich sagte: „Willst du denn nicht mehr bei

uns bleiben, liebe Suse, gefällt es dir wirklich nicht bei uns? Glaub’

nicht, daß ich dich nicht lieb habe. Ich muß nur immer an meinen Sohn

in Afrika denken. Der ist krank, und ich bin in großer Sorge um ihn.“

Und die Pfarrfrau fuhr fort, von ihrem Sohn Edwin zu reden, besonders

von seiner Kindheit, und betonte immer wieder, was für ein liebes,

gutes Kind er gewesen sei, und wie er ihr stets nur Freude gemacht habe.

„Der wäre nicht fortgelaufen von fremden Leuten, wie wir!“ sagte Suse

leise und schuldbewußt.

Ihre Pflegemutter schwieg.

Und während es so still in der Stube wurde, wanderten Susens Blicke

scheu nach dem Negergotte hin, der mit seinem schiefgezogenen Munde

aussah, als wollte er durch eine Zahnlücke zischen: Nichtsnutze!

Nichtsnutze! Schon wieder mal was angestellt? Mein Kopf! Mein Kopf! O

mein armer Kopf!

„Er guckt!“ flüsterte Suse.

Da nickte die Pfarrfrau, stand langsam auf, ging auf den Götzen zu und

trug ihn unter viel Beschwerden in ihren Kleiderschrank, damit er dort

hinter düsteren Gewändern einsam sitze.

Und dann nahm sie wieder neben Suse Platz.

Und Suse kam sich mit einem Male geborgen vor, wie bei ihren Eltern

daheim.

Sie war ja nicht mehr auf dem Bahnhof, wo alle Menschen sie so streng,

so feindlich ansahen. -- Sie saß hier neben Frau Cimhuber und konnte

sich fest an sie schmiegen.

Gegen zehn Uhr erschien auch Ursel und war endlich einmal wieder von

ihren Wolltüchern befreit; denn sie hatte sich ihren kranken Zahn

ziehen lassen und sah milde und freundlich drein. Und als sie sich auf

dem Küchenstuhl niedergelassen hatte, begann sie zu erzählen: Bei ihrer

Abfahrt heute morgen vom Bahnhof habe sie plötzlich entdeckt, daß sie

verkehrt gefahren wäre, und eine gräßliche, eine fürchterliche Wut habe

sie gepackt. -- Ihr Zorn sei aber noch zehnmal größer geworden, als

sie auf der nächsten Station entdeckt habe, daß sie noch zwei Stunden

warten müsse, bis sie wieder heimfahren könne. Da sei sie davongerannt

wie von Sinnen in die Stadt hinein, zum ersten, besten Zahnarzt, vier

Treppen hinauf, und habe sich ihren Zahn ziehen lassen. Und jetzt sei

ihr so wohl, so wohl, wie in ihrem ganzen Leben noch nicht.

Dann wandte sie sich an Suse und verlangte von ihr zu wissen, was

sich eigentlich mit Hans und ihr zugetragen habe. Zitternd begann das

kleine Mädchen seine Beichte. Aber sie war noch ganz im Anfang damit,

da unterbrach Ursel sie schon: „Hör’ auf, ich will nichts mehr hören.

-- Wer ist an allem schuld, Frau Cimhuber, wer? -- dieser Nichtsnutz,

dieser Tunichtgut, dieser Theobald! -- Wissen Sie noch, Frau Pfarrer,

wie er unserem Spitzchen einmal auf den Schwanz getreten hat? Da haben

Sie ihm eine Ohrfeige gegeben. So war’s recht. Das tat ihm gut. --

Schade, daß er so eine nicht jeden Tag bekommt. Das hab’ ich damals

gleich gesagt.“

Und nach diesem harten Urteil wurde Ursel wieder friedfertig, sprach

froh über ihre Erlösung vom Zahnweh und forderte Suse auf, doch ein

wenig mit ihr in der Küche zu bleiben.

Und die beiden Frauen setzten Suse ein Stück Kuchen vor. Aber als

sie einmal in den Keller gingen und wiederkamen, fanden sie Suse

eingeschlafen auf ihrem Küchenstuhl sitzen und brachten sie zu Bett.

Am späten Nachmittag erwachte Suse aus schweren Träumen. Ihr hatte

geträumt, der Bahnhofvorsteher und die Frau mit den drei Kindern und

der Kellner seien hinter ihr hergesprungen und hätten sie am Kopf

gepackt und geschüttelt, daß ihr die Haarschleife davongeflogen sei.

Da schlug sie die Augen auf und sah Hans vor sich stehen, der mit

heiterer Miene erklärte: „Endlich wachst du auf. Fein war’s heute in

der Schule. Kurt hat gesagt, daß er die Papierkugel geworfen hat, und

da war alles wieder gut.“

Und als Suse noch ganz verschlafen und erstaunt nach ihm hinsah, kam

Frau Cimhuber, legte ihr die Hand auf die Stirn und fragte, ob ihr

Kopfweh vorüber sei, und ob sie all ihre Schulaufgaben gemacht habe.

Da fiel Suse etwas ein. Ängstlich hub sie an: „Ich hab’ das Rechnen

noch nicht gemacht, Frau Pfarrer; das Rechnen ist immer am schwersten

hier. Bei uns machen sie es ganz anders. Bei uns machen sie es von

rechts nach links, und hier von links nach rechts. Und jetzt weiß

ich nicht, ob ich bei der Division den langen Schwanz, die vielen

Rechenkästchen mein ich, auf die rechte Seite setzen soll oder auf die

linke.“

Da setzte Frau Cimhuber ihre Brille auf, holte Susens Ranzen herbei,

verglich das Rechenbuch mit dem Heft und gestand schließlich, daß sie

es auch anders gelernt habe in der Schule.

Nun sei aber kein Grund, deshalb betrübt zu sein. Sie wolle schon für

Hilfe sorgen. Und während Suse noch nicht wußte, wie ihr geschah, da

stand Frau Cimhuber schon zum Ausgehen bereit da und forderte Suse auf,

mit ihr zu der Tochter ihrer Freundin zu gehen, einem jungen Mädchen,

die eben jetzt das Lehrerinnenexamen gemacht habe, und die ihr gerne

helfen werde.

Das junge Mädchen sah sich wirklich auch mit größter Bereitwilligkeit

Susens Heft an, merkte, daß nur eine Kleinigkeit falsch war und

erklärte dem Kind noch einmal die ganze Aufgabe von vorn.

Suse verstand in Kürze alles und betrachtete mit dankbarem Blick bald

die junge Lehrerin, bald strahlend ihr Heft, bald Frau Cimhuber.

Und am Abend da sagte sie zu ihrem Bruder: „Du, Hans, das hätte ich

doch nicht geglaubt, daß Frau Cimhuber einmal so gut gegen uns wäre!“

„Ich auch nicht,“ entgegnete der Bruder.

Einige Tage später erhielten die Geschwister Nachricht von ihren

Eltern, denn Frau Cimhuber hatte diese von allem unterrichtet, was sich

zugetragen hatte. Die Worte von Vater und Mutter gingen den Kindern

sehr zu Herzen.

„Mein lieber Hans,“ schrieb der Doktor unter anderm an seinen Sohn,

„ich hätte nicht gedacht, daß Du Dein Versprechen so bald brechen und

davonrennen würdest wie ein Soldat, der seine Flinte ins Korn wirft. --

Das war kein schöner Streich von Euch. Was soll aus Euch werden, wenn

Ihr nicht beizeiten lernt, die Zähne zusammenzubeißen und auszuhalten

auch dann, wenn es Euch nicht gefällt! Und wann wirst Du, lieber Hans,

endlich anfangen, Deinen Willen durchzusetzen und nicht immer Susens

dummen Einfällen folgen...“

Dem Knaben stieg das Blut ins Gesicht, und er schlich beschämt zur Tür

hinaus. -- Wie jämmerlich stand er nun in den Augen der Eltern da!

Suse las derweil den Brief ihrer Mutter mit großer Andacht.

„Ich brauche Dir nicht zu sagen, liebe Suse,“ schrieb die Doktorsfrau,

„daß Dein Vater und ich tief betrübt waren, als wir von Eurer Flucht

hörten. Wir hätten nie gedacht, daß Ihr so etwas fertig brächtet. --

Du schreibst, Du möchtest gern in einem großen Hause wohnen, wo es

einen Garten gibt, und Blumen und Kinder. Wie gern, wie gern schickten

wir Euch dorthin, mein liebes Kind! Aber wir können es nicht. Wir sind

viel zu arm dazu. Glaube mir, wir haben uns wohl den Kopf zerbrochen,

wie es möglich zu machen wäre. Aber unsere Mittel reichen nicht dazu.

Ich wollte Dir dies eigentlich nicht sagen, um Dich nicht traurig zu

machen, aber nun tu’ ich es doch, damit Du siehst, weshalb Ihr bei Frau

Cimhuber bleiben müßt. -- Du bist ja auch schon ein großes Mädchen und

mußt vernünftig darüber denken. -- Und dann grüble auch nicht immer

darüber nach, ob Frau Cimhuber und Ursel und die Kinder in der Schule

Dich gern haben. Sie kennen Dich ja noch kaum. Du wirst schon sehen,

wenn sie Dich erst einmal kennen und sehen, daß Du immer freundlich und

höflich zu ihnen bist, werden sie Dich schon lieb gewinnen. Und nun

denkt an das Pfingstfest, das bald kommt. Dann dürft Ihr nach Hause

fahren.“

„Der Vater und die Mutter sind sehr, sehr traurig,“ sagte Suse

seufzend, als sie mit Lesen fertig war. „Wir müssen ihnen gleich

schreiben, Hans, daß nun alles gut ist und daß Frau Cimhuber jetzt sehr

lieb zu uns ist, und daß wir sogar schon vorwärtskommen in der Schule.

-- Und weißt du, Hans, jetzt schreiben wir noch, wir wollen auch

Pfingsten nicht nach Haus, dann sparen sie das Geld für die Reise, und

damit machen wir ihnen eine große Freude.“

Hans war Feuer und Flamme für diesen schönen Plan. Aber die Geschwister

hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. -- Kaum hatte Ursel davon

vernommen, so rief sie laut: „Was? jetzt war ich g’rad froh, daß es mal

Luft gibt, und jetzt wollt ihr hier bleiben. Nein, nein, das gibt’s

nicht. Ich will doch auch mal aufatmen.“

Und der Doktorskinder Herz begann gar freudig zu klopfen, als ihr

heldenhafter Entschluß so schnell vereitelt wurde.

Hans und Suse in der Stadt · 第 22 / 38 题