Die erste von mir geöffnete Kiste enthielt drei Zinnbüchsen mit
Biscuit, sechs Zinnbüchsen eingemachten Schinken, kleine Dinger, die
nicht viel grösser als Fingerhüte waren und als man sie aufmachte,
nur einen Esslöffel voll reichlich gepfefferten gehackten Fleisches
enthielten. Die Vorräthe des Doctors sanken dadurch 500 Grad unter
Null in meiner Achtung. Darauf kamen fünf Töpfe mit eingemachten
Fruchtsäften, von denen wir einen öffneten. Auch dies erwies sich
als eine Täuschung; denn die Steinkruken wogen 1 Pfund und in jeder
befand sich nur wenig mehr als ein Theelöffel voll Saft. Ja, wir fingen
wirklich an zu glauben, dass unsere Hoffnungen und Erwartungen zu hoch
geschraubt gewesen seien. Darauf kamen drei Flaschen Curry; aber wer
macht sich etwas aus Curry? Noch ein Kasten wurde aufgemacht und es
fiel ein kurzer dicker holländischer Käse heraus, der so hart wie ein
Ziegel, aber sonst gut und unversehrt war; in Unyamwezi ist er freilich
weniger tauglich. Dann kam noch ein Käse zum Vorschein, doch war er
ganz verzehrt, nämlich hohl und blosser Schein. Der dritte Kasten
enthielt nur zwei Zuckerhüte; der vierte Lichte; der fünfte Flaschen
mit Salz, verschiedenen Saucen, Anchovisessenz, Pfeffer und Senf. Um
Gottes willen! was war das für eine Nahrung, um einen Sterbenden, wie
mich, wieder ins Leben zu rufen! Der sechste Kasten enthielt vier
Hemden, zwei paar starke Schuhe, einige Strümpfe und Schuhbänder,
welche den Doctor so entzückten, dass er, als er sie anprobirte,
ausrief: „Nun bin ich wieder ich selbst!“ „Wer Ihnen das geschickt hat,
ist wirklich Ihr Freund!“ meinte ich. „Ja“, sagte er, „das hat mein
Freund Waller gethan.“
Die fünf andern Kisten enthielten eingemachtes Fleisch und Suppen;
die zwölfte aber, die ein Dutzend Flaschen medicinischen Branntwein
enthalten sollte, war fort und durch ein genaues Verhör Asmani’s, des
Führers der Livingstone-Karavane, kam es heraus, dass nicht nur diese
eine Kiste mit Branntwein fehlte, sondern auch zwei Ballen Tuch und
vier Säcke von in Afrika höchst werthvollen Perlen, von Sami-Sami
nämlich, die von den Eingeborenen so viel wie Gold geschätzt werden.
Nachdem die Vorräthe untersucht waren, fühlte ich mich sehr enttäuscht.
Alles erschien mir bei meiner Verstimmung als Täuschung. Unter den
Zinnkasten, die Zwieback enthielten, erwies sich bei der Oeffnung
nur einer als gut und der ganze Inhalt desselben reichte noch nicht
zu einer vollständigen Mahlzeit. Und die Suppen -- wer macht sich
etwas aus Suppen in Afrika? Gibt es dort nicht genug junge Ochsen,
Schafe und Ziegen, aus denen sich eine weit bessere Suppe, als eine
solche eingemachte, bereiten lässt? Erbsen- oder irgendeine andere
Pflanzensuppe wäre prächtig gewesen; aber Hühner- und Wildsuppen! Was
war das für ein Unsinn!
Dann untersuchte ich meine eigenen Vorräthe. Da fand ich noch etwas
schönen, alten Branntwein und eine Flasche Champagner. Als ich jedoch
die Tuchballen ansah, ward es mir offenbar, dass die Unehrlichkeit
auch hier ihre Hand im Spiel gehabt habe und es wurde Asmani, dem von
Dr. Kirk die Livingstone’schen Güter anvertraut worden waren, als der
Schuldige bezeichnet. Als ich seine Habseligkeiten untersuchen liess,
fand ich 8–10 bunte Tücher mit dem Zeichen meines Agenten in Zanzibar.
Da er ausser Stande war, darüber Rechenschaft zu geben, wie sie in
seinen Kasten gekommen seien, confiscirte ich sie sofort und vertheilte
sie unter die verdienstvollsten Leute des Doctors. Einige der Wächter
schuldigten ihn auch an, in meinen Vorrathsraum gegangen zu sein und
2–3 Gorah amerikanischer Baumwollenzeuge aus meinen Ballen gestohlen
und einige Tage später einem meiner Leute die Schlüssel entrissen und
zerbrochen zu haben, damit nicht andere Leute hineinkommen und seine
Schuld beweisen könnten. Da Asmani sich gleichfalls als einer von den
„moralischen Idioten“ auswies, so entliess ihn Livingstone sofort.
Wären wir nicht so bald in Unyanyembé angekommen, so wäre wol der ganze
von Zanzibar hergeschickte Vorrath verschwunden gewesen.
Da Unyanyembé reich an Früchten, Korn und Rindvieh ist, beschlossen
wir, uns noch einmal ein Weihnachtsessen, diesmal aber ein
ordentliches, bereiten zu lassen, und da ich bei ziemlich guter
Gesundheit war, konnte ich die Vorbereitungen dazu selbst
beaufsichtigen. Nie hat man wol in einem Tembé von Unyamwezi eine so
grosse Verschwendung wie im unsrigen gesehen und nie hat es da so viel
Delikatessen gegeben.
Als wir in Unyanyembé ankamen, waren wenig Araber anwesend, da sie
alle die Veste Mirambo’s belagerten. Etwa eine Woche nach unserer
Heimkehr kam das kleine Herrchen Scheikh Sayd bin Salim -- El Wali
--, welcher der Oberbefehlshaber dieser Truppen war, von seinem Heere
nach Kwihara. Der kleine Scheikh hatte es aber nicht so sehr eilig, den
Mann zu begrüssen, dem er so grosses Unrecht gethan. Sobald wir von
seiner Ankunft hörten, ergriffen wir die Gelegenheit, sofort Leute zu
ihm zu schicken wegen der Waaren, die nach Livingstone’s Abreise an die
Mikindany-Bucht an den Wali zur Weiterbeförderung gesandt worden waren.
Als unsere Leute zum ersten mal zu ihm kamen, erklärte sich der Herr
für zu krank, um sich mit dergleichen abgeben zu können; am zweiten
Tage aber wurden sie uns ausgeliefert und die Bitte hinzugefügt, der
Doctor möge über den Zustand derselben nicht zu böse sein, da die
weissen Ameisen alles zerstört hätten.
Die Vorräthe, die dieser Mensch in Unyanyembé zurückbehalten hatte,
befanden sich in sehr traurigem Zustande. Die Kosten ihrer Fracht
nach Udschidschi waren vorher bezahlt; die Güter waren aber seit 1867
absichtlich von Sayd bin Salim hier aufgehalten worden, damit er seine
Liebhaberei für Spirituosa befriedigen und zwei werthvolle Gewehre,
die sich darunter befanden, erben könne. Die weissen Ameisen hatten
aber nicht nur factisch den Kasten, in dem die Gewehre verpackt waren,
sondern auch die Flintenkolben aufgefressen. Die. Läufe waren oxydirt
und die Schlösser ganz zerstört. Auch die Branntweinflaschen waren
merkwürdigerweise diesen gefrässigen, unwiderstehlichen Zerstörern
zum Opfer gefallen, den weissen Ameisen, welche auf irgendeine
unerklärliche Weise den starken Henessy’sehen Branntwein ausgetrunken
und die Korken durch Kornstöpsel ersetzt hatten. Auch die Arzeneien
waren verschwunden, und die Zinktöpfe, in denen sie gut verpackt
waren, durch Zernagung zerstört. Zwei Branntweinflaschen und eine
kleine Zinkschachtel voll Medizin waren das Einzige, was von allen
vernichteten Gütern übrig geblieben war.
Ich bat Livingstone, den Scheikh Sayd auch fragen zu lassen, ob er
die beiden Briefe erhalten, die der Doctor bei seiner ersten Ankunft
in Udschidschi an Dr. Kirk und Lord Clarendon abgeschickt hatte, und
ob er sie dem Befehle gemäss weiter an die Küste befördert habe. Die
Antwort, die er dem Boten gab, lautete bejahend und später erhielt ich
dieselbe Antwort in Livingstone’s Gegenwart.
Am 22. Februar hörten die Regengüsse auf, die uns auf der ganzen
Strecke von Udschidschi hartnäckig verfolgt hatten, und wir bekamen
schönes Wetter. Während ich mich auf meine Heimreise vorbereitete,
schrieb der Doctor fleissig an seinen Briefen und trug Notizen in das
Tagebuch, welches ich seiner Familie mitnehmen sollte. Wenn wir nicht
damit beschäftigt waren, besuchten wir die Araber in Tabora, die uns
beide mit der grossartigen Gastfreundschaft aufnahmen, wegen der sie
berühmt sind.
Unter den Waaren, die ich Dr. Livingstone übergab, als ich die Tuche
sortirte, die ich auf meine Heimreise mitnehmen wollte, befanden sich:
Doti. Yards.
Beste amerikanische Leinewand 285 = 1140
Beste Kaniki (blau) 16 = 64
Mittel Kaniki (blau) 60 = 240
Mittlere Dabwani-Tuche 41 = 164
Barsati-Tuche 28 = 112
Gedruckte Taschentücher 70 = 280
Mittleres Rehani-Tuch 127 = 508
Mittleres Ismahili-Tuch 20 = 80
Mittleres Sohari-Tuch 20 = 80
Vier Stücke schönes Kunguru (roth) 22 = 88
Vier Gorah Rehani 8 = 32
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Gesammtsumme 697 = 2788.
Ausserdem: