II. 228.]

Die erste von mir geöffnete Kiste enthielt drei Zinnbüchsen mit

Biscuit, sechs Zinnbüchsen eingemachten Schinken, kleine Dinger, die

nicht viel grösser als Fingerhüte waren und als man sie aufmachte,

nur einen Esslöffel voll reichlich gepfefferten gehackten Fleisches

enthielten. Die Vorräthe des Doctors sanken dadurch 500 Grad unter

Null in meiner Achtung. Darauf kamen fünf Töpfe mit eingemachten

Fruchtsäften, von denen wir einen öffneten. Auch dies erwies sich

als eine Täuschung; denn die Steinkruken wogen 1 Pfund und in jeder

befand sich nur wenig mehr als ein Theelöffel voll Saft. Ja, wir fingen

wirklich an zu glauben, dass unsere Hoffnungen und Erwartungen zu hoch

geschraubt gewesen seien. Darauf kamen drei Flaschen Curry; aber wer

macht sich etwas aus Curry? Noch ein Kasten wurde aufgemacht und es

fiel ein kurzer dicker holländischer Käse heraus, der so hart wie ein

Ziegel, aber sonst gut und unversehrt war; in Unyamwezi ist er freilich

weniger tauglich. Dann kam noch ein Käse zum Vorschein, doch war er

ganz verzehrt, nämlich hohl und blosser Schein. Der dritte Kasten

enthielt nur zwei Zuckerhüte; der vierte Lichte; der fünfte Flaschen

mit Salz, verschiedenen Saucen, Anchovisessenz, Pfeffer und Senf. Um

Gottes willen! was war das für eine Nahrung, um einen Sterbenden, wie

mich, wieder ins Leben zu rufen! Der sechste Kasten enthielt vier

Hemden, zwei paar starke Schuhe, einige Strümpfe und Schuhbänder,

welche den Doctor so entzückten, dass er, als er sie anprobirte,

ausrief: „Nun bin ich wieder ich selbst!“ „Wer Ihnen das geschickt hat,

ist wirklich Ihr Freund!“ meinte ich. „Ja“, sagte er, „das hat mein

Freund Waller gethan.“

Die fünf andern Kisten enthielten eingemachtes Fleisch und Suppen;

die zwölfte aber, die ein Dutzend Flaschen medicinischen Branntwein

enthalten sollte, war fort und durch ein genaues Verhör Asmani’s, des

Führers der Livingstone-Karavane, kam es heraus, dass nicht nur diese

eine Kiste mit Branntwein fehlte, sondern auch zwei Ballen Tuch und

vier Säcke von in Afrika höchst werthvollen Perlen, von Sami-Sami

nämlich, die von den Eingeborenen so viel wie Gold geschätzt werden.

Nachdem die Vorräthe untersucht waren, fühlte ich mich sehr enttäuscht.

Alles erschien mir bei meiner Verstimmung als Täuschung. Unter den

Zinnkasten, die Zwieback enthielten, erwies sich bei der Oeffnung

nur einer als gut und der ganze Inhalt desselben reichte noch nicht

zu einer vollständigen Mahlzeit. Und die Suppen -- wer macht sich

etwas aus Suppen in Afrika? Gibt es dort nicht genug junge Ochsen,

Schafe und Ziegen, aus denen sich eine weit bessere Suppe, als eine

solche eingemachte, bereiten lässt? Erbsen- oder irgendeine andere

Pflanzensuppe wäre prächtig gewesen; aber Hühner- und Wildsuppen! Was

war das für ein Unsinn!

Dann untersuchte ich meine eigenen Vorräthe. Da fand ich noch etwas

schönen, alten Branntwein und eine Flasche Champagner. Als ich jedoch

die Tuchballen ansah, ward es mir offenbar, dass die Unehrlichkeit

auch hier ihre Hand im Spiel gehabt habe und es wurde Asmani, dem von

Dr. Kirk die Livingstone’schen Güter anvertraut worden waren, als der

Schuldige bezeichnet. Als ich seine Habseligkeiten untersuchen liess,

fand ich 8–10 bunte Tücher mit dem Zeichen meines Agenten in Zanzibar.

Da er ausser Stande war, darüber Rechenschaft zu geben, wie sie in

seinen Kasten gekommen seien, confiscirte ich sie sofort und vertheilte

sie unter die verdienstvollsten Leute des Doctors. Einige der Wächter

schuldigten ihn auch an, in meinen Vorrathsraum gegangen zu sein und

2–3 Gorah amerikanischer Baumwollenzeuge aus meinen Ballen gestohlen

und einige Tage später einem meiner Leute die Schlüssel entrissen und

zerbrochen zu haben, damit nicht andere Leute hineinkommen und seine

Schuld beweisen könnten. Da Asmani sich gleichfalls als einer von den

„moralischen Idioten“ auswies, so entliess ihn Livingstone sofort.

Wären wir nicht so bald in Unyanyembé angekommen, so wäre wol der ganze

von Zanzibar hergeschickte Vorrath verschwunden gewesen.

Da Unyanyembé reich an Früchten, Korn und Rindvieh ist, beschlossen

wir, uns noch einmal ein Weihnachtsessen, diesmal aber ein

ordentliches, bereiten zu lassen, und da ich bei ziemlich guter

Gesundheit war, konnte ich die Vorbereitungen dazu selbst

beaufsichtigen. Nie hat man wol in einem Tembé von Unyamwezi eine so

grosse Verschwendung wie im unsrigen gesehen und nie hat es da so viel

Delikatessen gegeben.

Als wir in Unyanyembé ankamen, waren wenig Araber anwesend, da sie

alle die Veste Mirambo’s belagerten. Etwa eine Woche nach unserer

Heimkehr kam das kleine Herrchen Scheikh Sayd bin Salim -- El Wali

--, welcher der Oberbefehlshaber dieser Truppen war, von seinem Heere

nach Kwihara. Der kleine Scheikh hatte es aber nicht so sehr eilig, den

Mann zu begrüssen, dem er so grosses Unrecht gethan. Sobald wir von

seiner Ankunft hörten, ergriffen wir die Gelegenheit, sofort Leute zu

ihm zu schicken wegen der Waaren, die nach Livingstone’s Abreise an die

Mikindany-Bucht an den Wali zur Weiterbeförderung gesandt worden waren.

Als unsere Leute zum ersten mal zu ihm kamen, erklärte sich der Herr

für zu krank, um sich mit dergleichen abgeben zu können; am zweiten

Tage aber wurden sie uns ausgeliefert und die Bitte hinzugefügt, der

Doctor möge über den Zustand derselben nicht zu böse sein, da die

weissen Ameisen alles zerstört hätten.

Die Vorräthe, die dieser Mensch in Unyanyembé zurückbehalten hatte,

befanden sich in sehr traurigem Zustande. Die Kosten ihrer Fracht

nach Udschidschi waren vorher bezahlt; die Güter waren aber seit 1867

absichtlich von Sayd bin Salim hier aufgehalten worden, damit er seine

Liebhaberei für Spirituosa befriedigen und zwei werthvolle Gewehre,

die sich darunter befanden, erben könne. Die weissen Ameisen hatten

aber nicht nur factisch den Kasten, in dem die Gewehre verpackt waren,

sondern auch die Flintenkolben aufgefressen. Die. Läufe waren oxydirt

und die Schlösser ganz zerstört. Auch die Branntweinflaschen waren

merkwürdigerweise diesen gefrässigen, unwiderstehlichen Zerstörern

zum Opfer gefallen, den weissen Ameisen, welche auf irgendeine

unerklärliche Weise den starken Henessy’sehen Branntwein ausgetrunken

und die Korken durch Kornstöpsel ersetzt hatten. Auch die Arzeneien

waren verschwunden, und die Zinktöpfe, in denen sie gut verpackt

waren, durch Zernagung zerstört. Zwei Branntweinflaschen und eine

kleine Zinkschachtel voll Medizin waren das Einzige, was von allen

vernichteten Gütern übrig geblieben war.

Ich bat Livingstone, den Scheikh Sayd auch fragen zu lassen, ob er

die beiden Briefe erhalten, die der Doctor bei seiner ersten Ankunft

in Udschidschi an Dr. Kirk und Lord Clarendon abgeschickt hatte, und

ob er sie dem Befehle gemäss weiter an die Küste befördert habe. Die

Antwort, die er dem Boten gab, lautete bejahend und später erhielt ich

dieselbe Antwort in Livingstone’s Gegenwart.

Am 22. Februar hörten die Regengüsse auf, die uns auf der ganzen

Strecke von Udschidschi hartnäckig verfolgt hatten, und wir bekamen

schönes Wetter. Während ich mich auf meine Heimreise vorbereitete,

schrieb der Doctor fleissig an seinen Briefen und trug Notizen in das

Tagebuch, welches ich seiner Familie mitnehmen sollte. Wenn wir nicht

damit beschäftigt waren, besuchten wir die Araber in Tabora, die uns

beide mit der grossartigen Gastfreundschaft aufnahmen, wegen der sie

berühmt sind.

Unter den Waaren, die ich Dr. Livingstone übergab, als ich die Tuche

sortirte, die ich auf meine Heimreise mitnehmen wollte, befanden sich:

Doti. Yards.

Beste amerikanische Leinewand 285 = 1140

Beste Kaniki (blau) 16 = 64

Mittel Kaniki (blau) 60 = 240

Mittlere Dabwani-Tuche 41 = 164

Barsati-Tuche 28 = 112

Gedruckte Taschentücher 70 = 280

Mittleres Rehani-Tuch 127 = 508

Mittleres Ismahili-Tuch 20 = 80

Mittleres Sohari-Tuch 20 = 80

Vier Stücke schönes Kunguru (roth) 22 = 88

Vier Gorah Rehani 8 = 32

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Gesammtsumme 697 = 2788.

Ausserdem:

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 56 / 88 题