II. S. 169.

1. Kornspeicher.

2. Dreschen.

3. Kleine Hütte.

4. Pfeifen.

5. Pfeifenkopf.

6. Kriegsbeil.

7. Schnittmesser.

8. Beinringe.

9. Handgelenkringe.

10. Trommel.

11. Messingdrahtschmuck.

12. Sessel.

13. Manyuema-Speer.

14. Udschidschi-Speer.

15. Assegai.

16. Signalhorn der Kirangozi.

17. Guitarre.

18. Musikinstrument.]

Die zu üblen Zwecken angewandte Zauberkunst wird mit dem Tode

bestraft. Auch ist die unter den Wagogo gebräuchliche Ceremonie, um

Bösewichter zu entdecken und zu überführen, ähnlich der in Unyamwezi

angewandten. Verbrechen gegen den Staat und die Gemeinde werden auch

mit dem Tode bestraft. Ein entdeckter Dieb, der seiner Schuld überführt

ist, kann entweder sofort getödtet oder je nach dem Urtheil des Königs

(Mtemi) zum Sklaven des Besitzers des Gutes werden, das er zu stehlen

versucht hat.

Nach dem Tode tragen die Wanyamwezi die Leichen entweder ins Gestrüpp

oder begraben die Vornehmeren in sitzender Stellung oder seitwärts

liegend, wie die Wagogo. Auf dem Marsch wird eine Leiche einfach bei

Seite geworfen und der Hyäne zur Beute überlassen, welche am besten für

die Reinigung des Waldes sorgt. Der Sultan wird innerhalb des Dorfes

begraben.

Die nördlichen Wanyamwezi sind ein sehr fleissiges Volk. Sie schmelzen

sich das Eisen selbst und fabriziren fast alle vom Tanganika bis

Usagara gebrauchten Hacken. Keine Karavane kehrt von Unyanyembé zurück,

ohne sich Hacken zu kaufen, mit welchen sie den Wagogo den Tribut für

die Rückreise bezahlen. Das in dieser Weise eingeführte Eisen wird von

den östlichen und westlichen Stämmen zu verschiedenen Instrumenten

verwendet. Aus demselben verfertigen sie sich Speere, Pfeilspitzen,

Sicheln und Kriegsbeile. In Unyanyembé sieht man oft den eingebornen

Handwerker mit diesen Mordinstrumenten einen Hausirhandel gegen Tuch

treiben. Für zwei Meter kann man einen neuen Speer oder ein Dutzend

Pfeile kaufen. Vier Meter Leinwand gibt man für einen Bogen bester

Art, der mit Messing- und Kupferdraht verziert ist; zwei Meter für ein

furchtbar aussehendes Beil. Diese letztere Waffe ist, wie man aus den

beigegebenen Abbildungen ersehen kann, derjenigen ähnlich, welcher sich

die Picten im Steinalter und die Römer und Aegypter in ihren frühesten

historischen Perioden bedient haben, und es ist genau dieselbe, wie sie

von Bagomoyo bis San Salvador, von Nubien bis zum Kaffernlande benutzt

wird.

Auf Kinyamwezi heisst die Gottheit Miringu, auf Kigogo Mulungu, auf

Kiswahili Mienzi Mungu. Die Wanyamwezi betrachten Gott als den

Schöpfer und Austheiler aller Reichthümer. Er wird fast nur angebetet,

um ihn um weltliche Reichthümer anzuflehen. Wenn der Tod ein Mitglied

einer Familie in Unyamwezi geraubt hat, so sagen die Verwandten vom

Todten, dass „Miringu ihn genommen hat“, oder dass „er verloren

gegangen ist;“ „es ist Gottes Werk.“ Der ehrfurchtsvolle Ton, in

welchem sie davon sprechen, zeigt auch, dass die Thatsache in ihren

Augen wunderbar ist.

„Kann ein Mädchen seinen Schmuck vergessen oder eine Braut ihre

Zierrathen?“ Bei den Wanyamwezi scheint es nicht der Fall zu sein. Von

der Stunde an, dass sie Mama zu rufen beginnt, sind ihre Zierrathen der

beständige Gegenstand ihrer Besorgnisse. Sie liebt es, die hübschen

aus rothen, gelben, weissen und grünen Perlen bestehenden Armbänder zu

betrachten, die in solchem Contrast zu ihrer dunklen Hautfarbe stehen;

ihre Finger durch die langen aus bunten Perlen bestehenden Halsbänder,

die an ihrem Halse herabhängen, gleiten zu lassen; oder mit dem

Perlengürtel zu spielen, der ihre Taille umgibt; sie steckt sie sich

sogar ins Haar und hört es gern, wenn man ihr sagt, dass sie ihr gut

stehen. Sie freut sich, einen spiralförmigen Drahtgürtel zu besitzen,

selbst wenn sie kein Kleidungsstück besitzt, das ihn nöthig macht. Mit

Ungeduld erwartet sie den Tag, wo sie sich verheirathen und ein Tuch

besitzen kann, um es um ihren Leib zu falten, und wo sie das Recht hat,

über ihre Hühner zu verfügen und sie gegen das billige von arabischen

Kaufleuten verkaufte Flitterwerk auszutauschen.

Die in angelsächsischen Ländern vorkommenden Theegesellschaften haben

ein hohes Alter. Als die Aegypter das erste Culturvolk waren, waren sie

oder wenigstens ihnen ähnliche Versammlungen Mode. Wer hat nicht auf

den Bildern des alten Aegyptens, die sich auf den Mauern des wieder

aufgefundenen Memphis befinden, Damengesellschaften erblickt? Ich habe

diese Gastmäler in Abessinien, diesem so conservativen Lande, gesehen.

In Unyamwezi kann man auch Damengesellschaften sehen und selten habe

ich etwas erblickt, das sich der Glückseligkeit und vollständigen

Zufriedenheit so nähert, wie die Gesichter der alten und jungen Frauen

eines Kinyamwezi-Tembé, wenn sie sich gegen Sonnenuntergang aus den

verschiedenen Häusern versammelt haben und die Ereignisse des Tages

oder die trivialen Interessen besprechen, über die sich ein geselliger

Kreis von Wanyamwezi zu unterhalten pflegt. Jedes Frauenzimmer hat

ihren kleinen Schemel und ihre heranwachsende Tochter an der Seite,

die, während die Mutter mit vor Zufriedenheit glänzendem Gesichte

schwatzt und raucht, ihre flinken Hände dazu verwendet, die wolligen

Locken der Mutter in eine Anzahl Flechten und Löckchen zu verwandeln.

Die ältern Frauenzimmer sitzen mit untergeschlagenen Beinen im Kreise

herum und erzählen, wie Schwalben schwatzend, ihre Erfahrungen. Die

Eine spricht davon, wie ihre Kuh aufgehört hat, Milch zu geben; die

Andere, wie gut sie ihre Milch an den Weissen verkauft hat; eine Dritte

von ihren Erlebnissen im Felde, während sie daselbst mit der Hacke

beschäftigt war; eine Vierte berichtet, wie ihr Gatte noch nicht aus

der Kinyamwezi-Hauptstadt zurückgekehrt, wohin er gezogen, um Korn zu

verkaufen.

Während die Dorfmatronen sich ihrer harmlosen Unterhaltung hingeben,

findet man den Pater familias auf der Börse, dem Etablissement, wo

die jungen Leute ihre Gespräche führen, wo die Preise der Artikel und

die Politik ihres Districts vielleicht mit ebenso viel Scharfsinn und

Verstand besprochen wird, wie an ähnlichen Orten civilisirterer Länder.

Dieser öffentliche Versammlungsort eines Kinyamwezidorfes heisst in der

Volkssprache „Wanza“ oder „Uwanza“ und befindet sich meist auf einer

Seite eines quadratischen innerhalb des Dorfes liegenden Platzes. Wenn

es nicht viel zu thun gibt -- und es ist selten, dass hier viel zu thun

ist -- rauchen die Männer hier und unterhalten sich, auf den Hacken

sitzend, vielleicht gerade über dieselben Gegenstände, die eben bei den

Weibern verhandelt werden. Am wahrscheinlichsten bildet wol der Weisse,

der eben angekommen ist, den Gegenstand ihrer Unterhaltung, denn dieser

bietet ihnen unzweifelhaft das interessanteste Thema, obgleich sie

trotz des Interesses und der Neugierde, die sich an ihn heftet, nie

so unverschämt sind, die Thatsache zu bezweifeln, dass er ein Weisser

ist, oder seine Aussagen zu bestreiten, wie es gewissen Leuten die

sich civilisirt nennen, zu thun beliebt. Wenn jemand einen Speer zu

schleifen, ein Schwert zu verzieren, einen Axtstiel zu machen, eine

Pfeife zu rauchen oder Neuigkeiten mitzutheilen hat, so geht er in die

Wanza. Wenn niemand da ist, so macht er seine Arbeit rasch ab und sucht

sich die Gruppe unter dem grossen Baum auf, der sich stets in dem Dorfe

befindet, unter dessen Schatten er seiner Liebhaberei für intelligente

Unterhaltung nachgehen kann. Was die Agora für Athen und die Börse

für die modernen Hauptstädte ist, das ist die Wanza für ein Dorf in

Unyamwezi.

Aus den vorhergehenden Bemerkungen kann man sehen, dass die Wanyamwezi

gern rauchen. Wenn man sich die Darstellungen der verschiedenen

Pfeifenarten ansieht, bemerkt man, dass sie eine bedeutende

Geschicklichkeit in der Fabrikation an den Tag legen. Auch sieht man,

dass dieselben denen der nordamerikanischen Indianer sehr ähnlich

sind. Während aber die Indianer rothen Seifenstein für ihre Pfeifen

verwenden, bedienen sich die Wanyamwezi des schwarzen, wie er sich im

westlichen Usukuma findet. Da dieser weiche Stein jedoch nicht ganz

leicht zu bekommen ist, so fabriciren sie sich die Pfeifen auch aus

schwarzem Lehm, der mit fein gehacktem Stroh gemischt wird. Der Taback

ist in Unyamwezi nicht besonders gut. Man fabricirt ihn in derselben

Gestalt wie die Laiber in Abessynien. Für ein Doti oder vier Meter

Tuch kauft man einen Laib von drei Pfund; ebenso viel kostet eine aus

schwarzem Seifenstein fabricirte Pfeife, deren Rohr reichlich mit

schönem Messing- oder Kupferdraht verziert ist.

Die Eingeborenen lieben es auch sehr, indischen Hanf mit ihrem Taback

zu mischen. Ihre Nargileh ist aber ein sehr einfacher Apparat, der aus

einem Kürbis und einem hohlen Stock besteht. Schon ein paar Züge aus

demselben genügen, schreckliche Hustenanfälle hervorzurufen, welche

den ganzen Körper zu martern scheinen. Das macht ihnen aber Vergnügen,

denn sie greifen oft dazu, obwol ihr lärmender, rauher Husten

unbeschreiblich widerlich ist.

Die Wanyamwezi von Unyanyembé besitzen viele Viehheerden. Von jedem

Lande, wo man Vieh sieht, lässt sich mit Bestimmtheit annehmen, dass

es selten von Krieg überzogen wird. Zwischen der Küste und Udschidschi

fanden wir Vieh nur in Usagara, Ugogo, Unyanyembé und Uhha; alle

übrigen Länder züchteten nur Ziegen, Schafe und Hühner. Einige der

reicheren Araber von Unyanyembé besitzen grosse Viehheerden und haben

40–50 Milchkühe; doch gibt es nur wenige Wanyamwezi, die deren mehr als

30 besitzen. Eine Milchkuh ist 20–30 Doti oder 75–110 Meter Leinwand

werth. In Usukuma hingegen kann man eine Kuh für zwei bis vier Doti

kaufen. 2½ Liter Milch gilt als reichliches Maass für eine Kuh. Das

ist aber nicht das Gewöhnliche; vielmehr bringt meines Erachtens eine

Kuh durchschnittlich nur 1¾ Liter. Ich liess mir zehn Tage lang

täglich 4½ Liter Milch für vier Meter Tuch (Kitambi, ein farbiges

Zeug) geben. Hieraus machte ich mir selbst Butter und Käse, was in

Unyanyembé der grösste materielle Genuss ist, den ein Weisser haben

kann.

Wie alle Neger liebt dieser Stamm die Musik sehr. Freilich ist sie

barbarisch und wird bald monoton, aber ihre besten Musiker verstehen

sie doch immer amüsant zu machen. Es gibt viele Improvisatoren unter

ihnen. Die letzte Scandalgeschichte, politische Nachrichten oder

persönlicher Klatsch wird bestimmt, wenn er hinreichend das öffentliche

Interesse in Anspruch nimmt, auch in Musik gesetzt. Schon eine Woche,

nachdem Mirambo den Krieg erklärt hatte, gab es in ganz Unyamwezi kein

Dorf, das nicht Mirambo’s in irgend einer Weise des Abends in seinen

Liedern Erwähnung gethan hätte; und da es lauter bekannte Melodien

waren, so wurde nur der Name des jetzt berühmten Königs an die Stelle

eines früher gebrauchten gesetzt. Auch der Musungu oder Muzungu, wie

es bisweilen ausgesprochen wird, wurde bald nach seiner Ankunft ein

beliebtes Thema, das aber in kurzer Zeit den Reiz der Neuheit verlor.

Die Nahrung dieser Eingeborenen, wie überhaupt aller Bewohner

Central-Afrikas, besteht aus Matamamehl, dem Holcus sorghum (dem

arabischen Dourra oder Dura), das in eine Art dicken Brei, ein

einfach aufgebrühtes Gericht, verwandelt wird. Dazu werden Blätter

von Gartenpflanzen, wie z. B. Bohnen und Gurkenpflanzen, gekocht und

hineingerührt. Nur selten essen die Eingeborenen Fleisch, da es zu

theuer sein würde, und es gibt viele Thiere, die sie nicht mögen. Mit

wahrem Genuss verzehren sie aber Fötusse und Eingeweide und wenn sie

Fleisch auf anderer Leute Kosten bekommen können, so stopfen sie sich

gern damit voll. Wenn meine Jagden vom Glück begünstigt waren, so

pflegten die zu meiner Karavane gehörigen Wanyamwezi die ganze Nacht

aufzubleiben, um ihre Fleischportionen aufzuzehren, als ob dies eine

heilige Pflicht sei. Der amerikanische, aus Mais verfertigte Mehlbrei

ist in ganz Central-Afrika wohl bekannt. Wenn dieses einfache Gericht

gekocht wird, versammeln sich die Männer der Familien um den Topf,

holen sich eine grosse Handvoll heraus, tunken sie in eine Schüssel

Grünkraut oder Ghee (geschmolzene Butter) und stopfen sich das Ganze in

den Mund. Die Frauen essen für sich allein, da es der männlichen Würde

nicht geziemt, zusammen mit den weiblichen Verwandten zu speisen.

In Central-Afrika wird selten ein sehr hohes Alter erreicht, obwol

man in jedem Dorfe graues Haar und gekrümmte Rücken sieht. Die

ältesten Leute habe ich in Ugogo und Unyanyembé gesehen, was sichere,

wohlgeordnete Länder sind. Magombo, den Sohn von Kanyenyi, würde ich

für fast 90 Jahre alt halten. Schon im Jahre 1858, also vor 14 Jahren,

erwähnt ihn Kapitän Burton als alt und hochbetagt. Noch lebt er zwar,

ist aber ausser Stande, ohne Beistand weit zu gehen. Sein ältester Sohn

Kisewah muss bedeutend über 60 Jahre und sein jüngster Sohn Mtundu

Ngondeh fast 50 Jahre alt sein. Der Sultan von Mizanza, welcher Sny bin

Amer, den Freund Burton’s und Speke’s, erschlug, kann meiner Ansicht

nach nicht weniger als 80 Jahre alt sein, und Pembera Pereh, der

Häuptling von Nyambwa, muss ungefähr dasselbe Alter erreicht haben.

Die Wakonongo und Wakawendi haben, meines Erachtens, früher demselben

Geschlecht, wie die Wanyamwezi angehört, denn ihre Sprache, Manieren

und Gewohnheiten sind dieselben. Wenn man aber den Malagarazi

überschreitet und nach Uvinza kommt, so befindet man sich unter einem

anderen Volke. Bei der Beschreibung der Sitten und Gebräuche der

Wavinza schliesse ich die Wadschidschi, Wakaranga, Warundi, Wavira,

Watuta und Watusi mit ein.

Schon der Gruss, den man bei der Ankunft in Uvinza vernimmt, deutet auf

neue Stämme und neue Gewohnheiten hin, die man im Begriff ist kennen

zu lernen. Zwischen zwei Wavinza ist eine erste Einführung eine sehr

langweilige Ceremonie. Wenn sie sich nähern, so strecken sie beide

Hände gegen einander aus und sprechen die Worte „Wake, Wake“; dann

fassen sie sich gegenseitig an die Ellenbogen, reiben einander die Arme

und sagen rasch „Wake, Wake, Waky, Waky“, was mit den Grunztönen „Huh,

Huh“, die gegenseitige Freude bedeuten, endet. Die Weiber begrüssen die

Männer -- ja selbst halberwachsene Jünglinge -- indem sie sich soweit

vorwärts beugen, bis ihre Fingerspitzen auf den Fusszehen ruhen oder

indem sie ihre Körper seitlich beugen und die Hände zusammenschlagen

mit dem Ausrufe: „Wake, Wake, Waky, Waky; Huh, Huh“. Dies erwidern die

Männer, indem sie ihre Hände zusammenschlagen und mit denselben Worten

antworten.

Die Kleidung aller dieser Menschen, wenn sie nicht reich genug sind,

sich von durchziehenden Karavanen Tuch zu kaufen, oder geschickt genug,

sich ihre eigenen Zeuge zu fabriciren wie die Wadschidschi und Warundi

es thun, besteht aus einer Ziegenhaut, die durch einen Knoten über der

Schulter befestigt ist und an einer Seite ihres Körpers herabfällt.

Als Zierrathen lieben sie solide Messingringe um Knöchel und Handgelenk

oder das Kitindi, Messingdraht, der spiralförmig gedreht ist. Auch

sind polirte Eberhauer oder ein polirtes Stück von dünnem, gebogenem

Elfenbein Lieblingszierrathen für den Hals in ganz Uvinza, Uhha,

Udschidschi und Urundi.

Die Wadschidschi fabriciren ihr eigenes Tuch aus der von ihnen

erbauten Baumwolle sehr geschickt; das Gewebe desselben ist dem

des mexikanischen Serape ähnlich. Wie die Wakaranga sind sie ein

abergläubisches Geschlecht. In Niamtaga habe ich, nicht weit von der

Dorfpforte, ihre Schutzgottheit gesehen, einen in Holz geschnitzten,

bemalten, männlichen Kopf. Das Gesicht war weiss angestrichen

und hatte schwarze starrende Augen; die Figur hatte viereckige,

hochstehende Schultern und eine Art Kopfputz, der gelb angemalt war.

Ein Jeder verbeugte sich bei seinem Eintritt in das Thor aufs tiefste

vor dem Götzenbilde, wie Katholiken es vor dem Bilde der heiligen

Jungfrau zu thun pflegen.

[Illustration: EIN GÖTZENBILD.]

Die Wadschidschi glauben Macht über Krokodile zu besitzen und mit

diesen Reptilien auf so freundschaftlichem Fusse zu stehen, dass sie

dieselben zu allem, was sie wünschen, zwingen können. In Udschidschi

läuft das Gerücht um, dass es ein Krokodil gibt, das ebenso gelehrt

ist, wie der im Barnum’schen Museum in New York befindliche Seehund,

sodass es den Befehlen seiner Freunde unbedingt gehorcht und sogar

auf Befehl einen Menschen aus seinem Hause in den See bringt oder auf

einen gedrängten Marktplatz geht, um einen Dieb mitten in einer grossen

Versammlung zu entdecken. Die am westlichen Ufer des Sees befindlichen

Höhlen von Kabogo sind den Wadschidschi schrecklich, und so oft sie an

diesem Ort vorüberziehen, vergessen sie nicht, die erzürnte Gottheit

des Sees dadurch zu besänftigen, dass sie Perlen und Tuch ins Wasser

werfen. Dies soll nach ihrer Aussage nothwendig sein und ebenso soll

der Gott die weissen (Merikani-) Perlen allen andern vorziehen. Dieser

hergebrachten Sitte müssen die Wangwana aus Zanzibar und die Araber

nachkommen, bevor die Wadschidschi sie ans andere Ufer bringen. Auch

muss jedes Boot, das an Bemba vorbeifährt, eine bestimmte Portion von

dem dortigen Pfeifenthon abbrechen, ehe es mit Sicherheit auf eine gute

Reise rechnen kann. Dass dies eine seit vielen Generationen bestehende

und befolgte Sitte ist, geht aus den ungeheuern Aushöhlungen hervor,

die in der Kreideklippe gemacht worden sind.

Nirgends habe ich eine grössere Verschiedenheit der Sitten in Bezug

auf die Haartracht gesehen, als in Urundi und Udschidschi. Entweder

wird das Haar völlig abrasirt oder man lässt es in Diagonalen oder

horizontalen Linien stehen. Entweder bildet es Kämme, Büsche,

Streifen, kleine Locken an den Schläfen und der Stirn; oder es wird in

Stirnbändern und bisweilen in schmalen, welligen oder geraden Linien

getragen. Hieraus kann man schliessen, dass die Kunst des Friseurs

in barbarischen Ländern ebenso hoch steht, wie in civilisirten. Was

die Schmückung ihrer Leiber durch Tätowiren betrifft, so stehen sie

darin höher als andere Stämme. Man findet hier ein tätowirtes Rad um

den Nabel und um jede Brust. Auf den Armen besteht das Tätowiren in

wellenförmigen Linien oder in concentrischen Falten oder in Linien, die

diagonal über die Brust zur Schulter laufen, ebenso in Armbändern um

das Handgelenk oder in einem verwickelten System von wellenförmigen und

horizontalen Linien, die sich von der linken Schulter zur rechten Hüfte

oder von der rechten Schulter zur linken Hüfte über die Magengegend

hinziehen. Auf dem Unterleib sieht man grosse Flecken, die gar keine

Zeichnung haben. Uebrigens muss das Tätowiren schmerzhaft sein,

wenn man nach den ungeheuren Blasen urtheilen darf, welche nach dem

Punktiren entstehen.

Die Eitelkeit des Negers auf Zierrathen wird nur durch seine Armuth

beschränkt. Wer im Stande ist, es zu bezahlen, trägt 30–40 Halsbänder

von Sami-Sami, Merikani, Sofi oder Pfeifenrohrperlen, Kadunduguru und

Rosaperlen. Hierbei spreche ich von den Wadschidschi und Warundi,

besonders von den letzteren. Am Halse hängen ihnen dünne geschnitzte

Stücke Elfenbein, Flusspferdzähne und Eberhauer herab und hinten vom

Nacken schwere Stücke geschnitzten Elfenbeins. Einige tragen am Halse

lange, schmale Glöckchen aus einheimischem Eisen, zusammengedrehten

Eisendraht und Zaubermittel oder weisse, polirte Steine und Schalen

als Amulets. Um die Handgelenke haben sie Armbänder von Sami-Sami oder

blauen Mutunda, welch letztere besonders beliebt sind; auch umgeben

Gürtel von diesen Perlen ihre Taille.

Ihre Kleidung besteht aus einem gegerbten Ziegen-, Kalb- oder

Schaffell, das mit dem rothen porösen Lehm, der von den Bächen durch

die Schluchten herabgetrieben wird, gefärbt ist. Auch werden diese

Fellkleider mit schwarzen Linien, Flecken und Kreisen verziert nach Art

der unter den amerikanischen Indianern herrschenden Sitte.

Wie die Wagogo, und vielleicht noch mehr, lieben die Warundi den Ocker

auf dem Körper. Ausser dass sie denselben mit dieser Lehmart einreihen,

was seine Farbe bedeutend heller macht, schmieren sie sich auch das

Gesicht, den Kopf, die Augenlider und Augenbrauen damit dunkelroth an.

Ihre Frauen haben die Sitte, sich die langen beutelförmigen Brüste mit

einem um den Leib gebundenen Strick auf dem Brustkasten festzubinden.

Zum Schutz oder aus Gewohnheit tragen sie lange Röcke, die bisweilen am

obern Ende mit der Figur einer kleinen Eidechse oder eines Krokodils

verziert sind.

Die am See wohnenden Stämme haben schwere Speere für den Nahekampf oder

um einen Menschen zu viertheilen, und leichte Assegai, die sie mit

grosser Genauigkeit 50–60 Meter schleudern können. Die hier benutzten

Bogen sind kürzer als die der Wanyamwezi und Wakonongo, die Pfeile

sind aber dieselben, nur dass sie mit grösserer Geschicklichkeit und

bedeutenderem Geschmack gemacht sind.

Die Wabembe oder Wavembe (Kannibalen, welche die schroffen

Felsenketten im Westen des Tanganika und gegenüber dem nordöstlichen

Urundi bewohnen) sind ein Volk, das selten von den Reisenden auf dem

See gesehen wird. Sie scheinen aus ihren eigenen Gewohnheiten den

Schluss zu ziehen, dass auch andere Menschen Menschenfresser sind, und

wenn sich Araber und Wangwana in ihrer Nähe zeigen, so bleiben sie in

ihren eigenen Bergdörfern. Sie sollen, obgleich ich für die Wahrheit

dieses Berichtes nicht einstehe, arabischen Kaufleuten, von denen sie

wussten, dass sie einen kranken oder sterbenden Sklaven hatten, das

Anerbieten gemacht haben, ihn für Korn und Vegetabilien zu kaufen, und

wenn sie einen ungewöhnlich fetten Freigelassenen aus Zanzibar sehen,

so sollen sie ihre Hände in den Mund stecken und verwundert ausrufen:

„Tschukula, ngema sana, hapa! Tschumvi mengi!“ Futter, gut, in der

That, hier! Salz in Menge!

Die Wasansi oder Basansi, wie Dr. Livingstone meint, dass sie heissen

sollten, sind Nachbarn der Wabembe und gehören, wie ich fürchte,

gleichfalls zur Klasse der Kannibalen. Es waren Wasansi, die uns,

dem Doctor und mir, am Cap Luvumba wegen des Mordes des Sohnes des

Sultans Kisesa durch den Belutsch Khamis den Skandal machten und uns

erklärten, sie wollten nie wieder einen „Murungwana“ (Freigelassenen

aus Zanzibar) sehen. Nie habe ich in meinem Leben eine solche Aufregung

gesehen, wie sie diese Leute zeigten, als sie bemerkten, dass einer

meiner Soldaten eine Ziege zerlegte, um sie zu vertheilen. Es schien,

als ob sie beim Anblick des Fleisches von einer Art Wahnsinn ergriffen

würden, wie man ihn etwa bei einem hungrigen fleischfressenden Thier

erwarten könnte. Mit wilden Augen flehten sie um das kleinste Theilchen

Fleisch und kämpften unter einander, als einer meiner Leute ein Stück

unter sie warf. Eifrig sammelten sie sich die Blutgerinsel, die von

der Ziege stammten, vom Boden auf und blickten mit heisshungriger

Gier jeden Bissen Fleisch an, den einer meiner Leute ass. Was an dem

Kannibalismus der Wabembe Wahres sein mag, weiss ich nicht, doch bin

ich überzeugt, dass die Wasansi Menschenfresser sind.

Die Bewohner von Manyuema sind die geschicktesten Fabrikanten von

Waffen, was man aus den hier abgebildeten Speerspitzen und Dolchen

ersehen kann.

[Illustration: DOLCHE UND SPEERSPITZEN.]

[Illustration: UNSER LAGER IN URIMBA.]

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 46 / 88 题