(Zweite Folge.)
In einem besondern Kapitel wollen wir jetzt besprechen, welche neuen
geographischen und ethnographischen Thatsachen uns, seitdem wir Uyanzi
oder Magunda Mkali verlassen, in Bezug auf die Länder Unyamwezi,
Ukonongo, Ukawendi, Uvinza, Uhha, Ukaranga, Udschidschi, Urundi, Usowa,
Ukaramba, Ugoma, Uguhha, Rua und Manyuema bekannt geworden sind.
Das erste Land, das wir zu betrachten haben, ist U-nyamwezi, in
welchem das =u= von den Eingeborenen wie das deutsche =u=
oder englische =oo= ausgesprochen wird. Ich erlaube mir in Bezug
auf die eigentliche Bedeutung des Wortes von allen meinen Vorgängern
abzuweichen. Die Herren Krapf und Rebmann, denen die Welt die erste
Anregung zur Erforschung des Innern Ostafrikas verdankt, übersetzen
das Wort U-nya-mwezi als das „Land des Mondes“, wobei U immer das
Praefixum für „Land“ ist, nya „von“ und mwezi „Mond“ bedeutet. Auch der
gelehrte Kapitän Burton scheint sich derselben Ansicht zuzuneigen und
Speke nimmt dieselbe Interpretation unbedenklich an. Bei aller Achtung
für die tüchtigere Kenntniss Afrikas, welche diese Herren im Vergleich
zu mir besitzen, möchte ich doch denen, die Freunde davon sind,
Finessen wie diese zu discutiren, meine Meinung dahin äussern, dass
man einem Kinyamwezi-Wort eine Kiswahili-Definition gegeben hat. In
der Kiswahili-Sprache nämlich würde das Land des Mondes Umwezi genannt
werden; dagegen ist Unyamwezi ein Kinyamwezi-Wort und kann nicht wegen
der Aehnlichkeit der letzten beiden Silben mit dem wohlbekannten
Kiswahili-Worte mwezi, das „Mond“ bedeutet, so gedeutet werden. Wenn
wir uns übrigens das Kiswahili als Maassstab nehmen, um das Wort
U-nya-mwezi zu deuten, so könnten wir ebenso gut die andere Bedeutung
der letzten beiden Silben mwezi, welches in der Kiswahili-Sprache
ebenso wol Dieb wie Mond heisst, annehmen.
Kapitän Burton sagt, Herr Desborough Cooley ziehe die Bedeutung
„Herr der Welt“ für das Wort Unyamwezi vor, welches er „Monomoezi“
buchstabirt. Zwar ziehe ich Cooley’s Deutung der von Burton gegebenen
vor, dennoch erlaube ich mir auch von Herrn Cooley in Bezug auf die
Genauigkeit der Uebersetzung abzuweichen. Soweit ich von Wanyamwezi
und Arabern, die das Land genau kennen, erfahren, lebte einmal ein
König in Ukalaganza -- was der ursprüngliche Name des Landes ist,
unter welchem auch die westlichen Stämme es allein kennen -- welcher
Mwezi hiess und das ganze Land von Uyanzi bis Uvinza beherrschte. Er
war damals der grösste König, niemand konnte vor ihm in der Schlacht
bestehen, keiner herrschte so weise wie er. Nach dem Tode dieses
grossen Königs aber kämpften seine Söhne unter sich um den Besitz der
höchsten Gewalt, und in den verschiedenen darauf folgenden Kriegen
wurden die Districte, welche die Söhne für sich gewonnen hatten, im
Laufe der Zeit mit verschiedenen Namen bezeichnet und von dem mittlern
und grössern Theil des Landes, welches noch den alten Namen Ukalaganza
behielt, unterschieden. Das Volk von Ukalaganza aber, das den vom alten
König Mwezi eingesetzten Erben anerkannte, wurde nach und nach als
Kinder von Mwezi und das Land als Unyamwezi bezeichnet, während die
andern Districte Konongo, Sagozi, Gunda, Simbiri u. s. w. hiessen. Zur
Unterstützung dieser Theorie, die sich auf eine mir vom alten Häuptling
von Masangi, das am Wege nach Mfuto liegt, mitgetheilte Erzählung
gründet, will ich nur anführen, dass der Name des jetzigen Königs von
Urundi Mwezi ist; und es ist bekannt, dass der Name fast jedes Dorfes
in Afrika einfach von einem lebenden oder todten Beherrscher abgeleitet
wird. Als Beispiel mögen die folgenden dienen: das Dorf Misonghi heisst
von Kwihara bis Bagamoyo Kadetamare, was der Name seines Häuptlings
ist; Kapitän Burton kann diese Thatsache bestätigen, da er den Namen
Kadetamare auf seiner eigenen Karte hat. Der District Nyambwa in Ugogo
verliert rasch seinen alten Titel und ist allgemeiner als Pembera Pereh
bekannt, was der Name des altersschwachen Sultans von Nyambwa ist.
Mrera in Ukonongo ist der Name des Häuptlings, wogegen der District
früher als Kasera bezeichnet wurde. Mbogo oder „Büffel“ hat gleichfalls
seinen Namen einem grossen bevölkerten Districte in Ukonongo gegeben.
Dann finden wir noch Pumburu, den Namen eines benachbarten Häuptlings
von Mapunda in Usowa. Uganda schwindet rasch gegen den berühmten Namen
des Königs Mtesa dahin und in einigen, vielleicht schon nach zehn
Jahren werden spätere Reisende die Araber vom grossen Lande Unyamtesa
oder Umtesa sprechen hören. Ich widersetze mich also entschieden der
poetischen Deutung von Unyamwezi als „Land des Mondes“, oder der
übelmeinenden als „Land des Diebes“; denn Unyamwezi bedeutet einfach
„das Land Mwezi’s“.
Aufs entschiedenste weiche ich auch von Kapitän Burton darin ab,
dass er annimmt, dass „Nimeamaye“, ein Land, das vom holländischen
Historiker Dapper als 60 Tagereisen vom Atlantischen Ocean geschildert
wird, Unyamwezi sein kann. Denn ein zu Pferde Reisender konnte die
Entfernung vom Atlantischen Ocean nach Unyamwezi sogar 1671, also vor
200 Jahren, wo das Land sich noch bis auf zehn Tagereisen vom Tanganika
erstreckte, nicht in 60 Tagen zurücklegen; wohl aber hätte ein von
keiner Last beschwerter Eingeborener vielleicht Manyuema in der Zeit
erreichen können und Nimeamaye ist wol eine Verstümmelung, die daraus
entstanden ist, dass man den richtigen Laut Manyuema oder Manyuemaye
falsch aufgefasst hat.
Gegenwärtig dehnt sich Unyamwezi von Osten nach Westen in gerader
Entfernung ungefähr 145 Meilen weit aus, d. h. vom Fluss Ngwhalah
zwischen Mgongo Tembo und Madedita, auf 34° östl. Länge, bis Usenye,
auf 31° 25′ östl. Länge, welches als das westlichste Ende von
Ukalaganza oder Unyamwezi angesehen wird; und von Norden nach Süden,
vom südlichen Ende des Victoria Nyanza auf 3° 51′ südl. Breite bis zum
Gombé-Flusse, auf 5° 40′ südl. Breite, also 149 geographische Meilen
lang, sodass es eine quadratische Fläche von mehr als 24500 Meilen
einnimmt.
Dieser grosse Flächenraum zerfällt in verschiedene Districte:
Unyanyembé, Usagari, Ugunda, Ugara, Nguru, Msalala, Usongo, Khokoro,
Usimbiri, Nasangaro, Ugoro u. s. w. Von diesen ist Unyanyembé, sowol
wegen seiner centralen Lage als auch wegen starker Bevölkerung, der
bedeutendste in Unyamwezi. Das im Norden von Unyanyembé wohnende Volk
ist als Wasukuma bekannt, das im Süden lebende als Watakama. Die
letztere Bezeichnung wird selten in Unyanyembé, aber häufig von den
Wasukuma gebraucht.
Ueberhaupt kann man Unyamwezi als das schönste Land im östlichen
Central-Afrika bezeichnen. Es ist ein grosses, wellenförmiges
Tafelland, das nach Westen sanft zum Tanganika abfällt, der das
Wasser des grössten Theils desselben aufnimmt. Wer sich das Land aus
der Vogelperspective ansähe, würde Wälder, einen in Purpur gefärbten
Laubteppich erblicken, der hier und da von nackten Ebenen und lichten
Strecken unterbrochen wird, die sich nach allen Himmelsrichtungen
erstrecken; hin und wieder erheben sich Massen von felsigen Bergen,
die wie abgestumpfte Kegel über die sanften, sich bis an den Horizont
hinziehenden Landwellen emporragen, welche sich wie die Wogen eines
Meeres nach einem Sturm ausnehmen. Stellt man sich auf irgendeinen
hervorstehenden Punkt, auf einen der riesigen Syenitblöcke, die
aus dem Kamm der Berge um Mgongo Tembo oder den Felsbuckeln von
Ngaraiso hervorragen, so wird man eine Landschaft erblicken, wie man
sie nie vorher gesehen. Es gibt dort keine erhabenen, grossartigen
Berge; nichts malerisches bietet sich dem Blick dar; man könnte die
Landschaft sogar prosaisch, monoton nennen, denn man hat dieselbe schon
hundertmal gesehen, ehe man nach Uyanzi gekommen; aber gerade in dieser
übermässigen Eintönigkeit liegt das Erhabene. Denn der zu Schaum und
wilden Wogen gepeitschte Ocean ist erhaben; ebenso ist es aber auch
der unter der Aequatorialsonne schlummernde, der das tiefe Blau des
Firmaments widerspiegelt und sich ohne eine Spur von Kräuselung weit
ausdehnt. In gleicher Weise liegt etwas Erhabenes in diesem Anblick
der grossen, ewigen, anscheinend unendlichen Ausdehnung von Wäldern
in Unyanyembé. Das Laub ist von allen Farben des Prismas; wenn sich
die Wälder aber in die Ferne hinziehen, umhüllt sie ein stiller,
geheimnissvoller Dunst und lässt sie zuerst hellblau, dann allmählich
dunkelblau erscheinen, bis sie in der Ferne verschwimmen. Blickt man
auf diese hinschwindenden Umrisse, so verfällt man unwillkürlich in
eine träumerische Stimmung, die in ihren Umrissen ebenso unbestimmt
ist wie die Aussicht am Horizont. Ich behaupte, dass sich niemand eine
solche Landschaft lange ansehen kann ohne zu wünschen, dass auch sein
Leben so heiter dahinschwinden möge, wie die Contouren der Wälder in
Unyamwezi.
In der Seegegend fanden wir eine Art pisolitischen Kalkstein; in Ugogo
Thonschiefer und Syenit in abwechselnden Schichten; in Unyamwezi
dagegen erheben sich die ungeheuern, glatten Schichten, welche sich
uns in Uyanzi mit kahlen Buckeln zeigten, zu massigen Hügeln oder
grossen verwitternden Bruchstücken von Felsmassen, die natürlich durch
den Reichthum der Vegetation, die ihre rauhen, unebenen Linien dem
Menschenblick entzieht, gemildert werden.
In Unyamwezi gibt es nur zwei Flüsse, die diesen Namen verdienen,
nämlich der nördliche und südliche Gombé. Der nördliche, unter dem
Namen Kwala, bisweilen auch Wallah bekannte Fluss entsteht südlich
von Rubuga und tritt, nachdem er in einem nordwestlichen Bogen
dahingeflossen, im Norden von Tabora in den Gombé, der hier selbst ein
Strom von ziemlicher Grösse und Wichtigkeit ist. Mit guten, leichten
Booten kann man sich im letzten Theil der Regenzeit ohne Schwierigkeit
etwa acht Meilen von Tabora einschiffen und glücklich bis zum Tanganika
fahren; natürlich nur, wenn alle Stämme es zugeben. In dieser Weise
könnte eine gut ausgerüstete Expedition Wunder bewirken.
Der Nghwhalah-Fluss -- als nördlich von Kusuri entspringend bekannt
und den Weg nach Unyanyembé oft durchschneidend, wie man sehen kann,
wenn man nach Tura kommt -- schlägt einige Meilen östlich von Madedita
eine stetige Richtung nach Süden ein, zieht durch Nguru, wird dann in
Manyara wieder sichtbar und ist hier als südlicher Gombé bekannt, der
jedoch nur während der Höhe der Regenzeit fliessendes Wasser enthält.
Von Manyara läuft er nach dem Lande Ugala in der Richtung Nord zu West
und nimmt vor seiner Verbindung mit dem Malagarazi die Ströme Mrera
und Mtambu auf, die, nachdem sie die östliche Basis der Rusawa-Berge
umsäumt haben, nach Nordosten gegen das Parkland von Uvenda nach dem
Gombé fliessen.
Alle andern Bäche, die in Unyamwezi wenig zahlreich und ohne Bedeutung
sind, entsenden ihre Gewässer entweder in den nördlichen oder südlichen
Gombé. Gewöhnlich bekommt man das Wasser aus grossen Pfuhlen oder
tiefen, länglichen Höhlungen, die man in Indien Nullahs, in Amerika
dagegen Gullies (Rinnen) nennen würde. Wo Nullahs und Pfuhle fehlen
gräbt man sich Gruben, aus welchen man ein blass milchartig aussehendes
Wasser erhält. Diese Farbe des Wassers wird von dem Eingeborenen von
Unyamwezi als ein sicheres Zeichen der Güte angesehen und er legt seine
Bewunderung dieser Eigenschaft an den Tag, indem er auf die Frage, ob
das Wasser gut ist, mit Inbrunst antwortet: „o miope sana“, „o, es ist
ganz weiss!“ woraus man natürlich entnehmen soll, dass es sehr gut sei.
Die Erzeugnisse der Wälder von Unyamwezi sowie von Ukonongo und Uvinza
sind ähnlich denen von Uyanzi, nämlich die allen baumbewachsenen
Hochlanden in der Nähe des Aequators gemeinsamen.
Der riesigste Baum, den man zwischen Uyanzi und dem Tanganika findet,
ist der Mtamba, wilde Feigenbaum, der ebenso gross wird wie die
mächtigen Baobabs von Ugogo. Er trägt eine angenehme Art Feigen,
welche, wenn sie reif sind, von den Eingeborenen gern gegessen
werden. Doch gibt es dieser Sykomoren nur wenige und sie stehen weit
auseinander. Andere in den Wäldern häufig vorkommende Bäume werden
durch die Kiswahili-Worte Mtundu, Miombo, Mkora, Mkurongo, Mbembu,
Mvule, Mtogwe, Msundurusi, Mninga, Mbugu, Matonga bezeichnet.
Erfinderischerweise haben die Eingeborenen für sie alle Nutzanwendungen
gefunden. Der Imbite bildet Balken, die so schön wie die der Ceder sind
und sich zierlich schnitzen lassen. Aus ihm fertigt man auch Thüren
und geschnittene Säulen, welche sich den Veranden entlang ziehen. Das
Holz duftet sehr angenehm und seine dunkelröthlichen mahagoniartigen
Streifen, die mit blassgelben abwechseln, sehen sehr hübsch, ja
prächtig aus.
Der Mkora ist ein schöner, grosser Baum, der in den Wäldern von Ugogo
und einigen Theilen Ukonongos zu stattlichen Proportionen heranwächst;
aus ihm schnitzen sich die Eingeborenen sehr mühselig den Kiti oder
Sessel, der bei den Aeltesten und Häuptlingen Afrikas so allgemein im
Gebrauch ist, sowie auch die grossen Mörser, in welchen das Dourra oder
Sorghum, Korn und Mais zu Mehl gestampft wird.
Der Mkurongo ist der Baum, aus welchem die Stange bereitet wird, deren
sich die Eingeborenen in ganz Central-Afrika als Mörserkeule für das
Zerstampfen des Korns bedienen. Es ist härter und dauerhafter als das
weisse amerikanische Wallnussholz und hat, wenn es polirt ist, ein
weisslich glänzendes Aussehen.
Der Mbugu bringt die weiche, nützliche Rinde hervor, aus welcher
die Eingeborenen ihre Tuche verfertigen. Die Rinde wird, nachdem
sie gut eingeweicht worden, zerstampft und bietet dann, nachdem sie
etwas getrocknet und abgerieben ist, das Aussehen eines dicken, losen
Filzes dar. Auch werden bisweilen Seile daraus gemacht; noch häufiger
aber wird sie zur Fabrikation von Kirindos oder runden Schachteln
gebraucht, die wie urwüchsige Hutschachteln aussehen und mit einer
Mischung verschiedener Lehmsorten bemalt und verziert werden. Diese
Kirindos sind bisweilen riesig und werden zur Aufspeicherung von Korn
gebraucht und über dem Boden von einem starken Unterbau von Holzblöcken
unterstützt, damit die Ameisen nicht heran können. Die Rinde des Mbugu
bildet auch vortreffliche Dächer und wird oft von den Familienvätern
oder luxuriöseren Jünglingen benutzt, um eine Kitanda oder rohe
Bettstelle zu machen. Aus der Rinde dieses Baumes bauen sich auch die
am Rufidschi wohnenden Warori ihre Boote.
Aus dem Mvule-Baume verfertigen sich die Seestämme ihre Canoes. Die
grössten auf dem Tanganika befindlichen sind erheblich mehr als 60 Fuss
lang. Seine bedeutendste Grösse erreicht der Baum in den Schluchten
von Ugoma, das auf dem westlichen Ufer Udschidschi gegenüber liegt.
Uvira, Urundi und Usowa besitzen auch sehr schöne Exemplare desselben.
Es ist eine mühselige Arbeit, diese Bäume umzuhauen und ihre enormen
Holzblöcke zu Booten auszuhöhlen; denn es gehören mehr als drei Monate
dazu, ehe ein Canoe fertig wird, um in See zu stechen. Während der
Aushöhlung des ungeheuern Blocks macht der Besitzer längs der obern
Seite desselben eine Anzahl Feuer aus den Abfällen und bittet seine
Nachbarn, ihm für etwas Korn oder Palmöl dabei behülflich zu sein. Wenn
das Boot bereit ist in See zu gehen, braut er einige Töpfe Pombé und
ladet alle seine Nachbarn ein, es auf den See zu bringen. Nach jedem
angestrengten Versuch stärken sich diese mit dem einheimischen Bier
und machen sich wieder mit erneuter Kraft und grossem Geschrei an die
Arbeit. Man kann ein grosses Canoe für 120 Doti Tuch oder einen Ballen
von etwa 75 Pfund Gewicht kaufen; wenn die Araber und Wadschidschi aber
sich ein Boot kaufen wollen, so nehmen sie gewöhnlich verschiedenerlei
Waaren mit, z. B. ein Dutzend Töpfe Palmöl, ein Dutzend Ziegen und eine
Anzahl verschiedenartiger Zeuge, einige Hacken und einige Beutel voll
Salz und Korn, wodurch der Handel vortheilhafter wird.
Die übrigen Bäume, welche die Wälder Central-Afrikas hervorbringen,
sind der Kolquall oder Kandelaberbaum; der Msundurusi oder Kopalbaum,
welcher in Ukawendi häufig vorkommt; der Moumbo oder Palmyra; der
Miombo; die schöne, duftende Mimose; der Mtundu; und an den Ufern des
Tanganika-Sees sieht man auch den herrlichen Guinea-Palmbaum, welcher
Mtschikitschi heisst, und die Platane.
Das Palmöl wird aus der Frucht der Palme ausgezogen, welche an dieser
nach Art der Dattel herabhängt. Jene wird gestossen und gekocht und das
Oel wird, nachdem es abgekühlt, in grossen irdenen Töpfen gesammelt,
die zehn bis zwanzig Liter enthalten. Für vier Meter oder ein Doti Tuch
kauft man sich den grössten Topf Palmöl, welches wie weiche, gelbe,
ockerfarbige Butter aussieht. Die Wadschidschi und andere bedienen sich
oft dieses Oels zum Kochen.
Aus demselben Baum, der Guineapalme, zieht man einen berauschenden
Saft, der Tembo heisst und ein viel angenehmeres Getränk als das Pombé
oder Bier ist.
Platanen kommen auch häufig in allen an den See grenzenden Dörfern vor.
Der Zogga genannte Punsch wird durch das Einstampfen von Platanen in
den grossen, hölzernen Mörsern, in denen die verschiedenen Kornarten zu
Mehl gestossen werden, bereitet.
Pflanzen aus den Familien der Cacteen und Aloë sieht man im ganzen
Lande, besonders aber in den dürren Ebenen von Ugogo und des südlichen
Uvinza.
Die Tamarindenbäume sind in allen Wäldern häufig, erreichen aber ihre
grösste Höhe in Usagara und westlich von Unyanyembé. Aus ihren Früchten
bereitet man, wenn man sie in Wasser taucht, ein angenehmes säuerliches
Getränk.
Die Tamarisken und verschiedenen Arten Akazien verdienen auch eine
Erwähnung, wenn man nur dafür Raum hätte. Die letztern wachsen überall
und werden den Karavanen wegen ihrer weit ausgebreiteten Zweige
sehr lästig. Die Dornen- und Gummibäume sind den Reisenden mit am
schädlichsten; die ersteren starren von allerlei bösen Dornen. Eines
Tages packte ein solches zudringliches Gewächs meinen Dolmetscher
Selim, als er an der Ruhr erkrankt daher ritt, am Halse und brachte ihm
ganz nahe an der Gurgelader eine hässliche Wunde bei, von der er bis an
sein Lebensende eine Narbe behalten wird.
Von Fruchtbäumen gibt es hier den Mbembu oder Waldpfirsich, die Matonga
oder Brechnuss, die Tamarinde, die Singwe oder Waldpflaume, den
Mtogwe oder Waldapfel, und in Ukawendi sind zahlreiche Arten Trauben.
Ausserdem kommen aber noch eine Menge in diesem Boden heimische
Gattungen vor, von denen einige gefährlich, andere unschädlich sind,
deren Namen und Eigenschaften ich jedoch nicht erfahren konnte.
Unter den von den Arabern von Unyanyembé in ihren Gärten gepflanzten
und sorgfältig gezogenen Obstbäumen befinden sich der Papaw, die Guava,
die Limone, Citrone, Granate, der Mango, die Banane und die Orange.
Die Hauptnahrungsmittel der verschiedenen in Unyamwezi und den
westlichen, bis zum See Tanganika sich erstreckenden Länder bilden
das Matama (Kiswahili) oder Dourra (arabisch) oder Dschowar
(hindostanisch), welches nach Linné den Namen Holcus sorghum führt; das
Badschri (Holcus spicatus); die Hirse (Panicum italicum); das Maweri
oder Sesam und der Mais. Ausserdem gibt es zahlreiche Hülsenfrüchte,
von denen jedoch die Wicke, sowie die Feld- und grosse Gartenbohne die
gewöhnlichsten sind. In Unyanyembé und Udschidschi kommt der Reis in
grossen Mengen vor, während der Weizen nur von den Arabern erbaut wird.
Süsse Kartoffeln, Yamswurzeln und Maniok sind in Unyanyembé und
Udschidschi und in einigen Theilen von Ukawendi in Ueberfluss.
Zuckerrohr gedeiht in Udschidschi.
Es gibt hier nur eine Erntezeit, welche am Tanganika im April, in
Unyamwezi im Mai und in der Seegegend im Juni stattfindet.
Baumwolle, Taback und die Ricinuspflanze werden überall in den
Centralgegenden gezogen. Kürbisse und Gurken sind gleichfalls
zahlreich und in Menge vorhanden. Der Indigo wächst wild.
Unter den in Central-Afrika einheimischen Sträuchern, Pflanzen und
Grasarten sind der wilde Thymian und Salbei, die Stechpalme und
Sonnenblume, der Cayenne-Pfeffer, der Ingwer, die Kurkuma, der Oleander
und die Gloriosa superba (in der Nähe des Tanganika) anzuführen; ebenso
die Mohnblume, die in der Umgegend der Dörfer von Ukawendi wild wächst,
sowie der wilde Senf und Curry. In den grossen den See begrenzenden
Waldungen sieht man hunderte von verschiedenartigen, blühenden
Sträuchern, wundervolle, süsse Düfte aushauchend. Unter den Gräsern
befinden sich das Habichtskraut, Ochsenauge, die in Indien als Bhota
bekannte Grasart, das Nagelkraut und ausserdem noch viele üppige Arten,
wie z. B. das Tiger- und Speergras.
Den Lotus, die Wasser- und blattlosen Lilien trifft man in den stillen
Seen des Gombé und den Pfuhlen von Ukawendi an.
Papyrus- und Mateterohr wächst am Rande aller unbewohnten, auf den
Alluvialebenen der Ufer des Tanganika befindlichen Plätze. Die
Aeschinomenae oder Markbäume sieht man an den Mündungen der grossen,
sich in diesen See ergiessenden Flüsse.
Da die Grenzen, die mir in diesem Kapitel gezogen sind, mich daran
hindern, auf einen detaillirten zoologischen Bericht der Säugethiere
und Vogelgattungen Central-Afrikas einzugehen, so werden die Leser es
mir verzeihen, wenn ich kurz bin.
Ich werde mit den Vierhändern, als den am höchsten organisirten
Thieren, anfangen.
Von diesen ist der grösste der Wanderu-Pavian. Er zeichnet sich durch
Grösse und löwenartiges Aussehen aus. In der Entfernung ähnelt er einem
kleinen Löwen und sein heiseres, dumpfes Brüllen in den dichten Wäldern
von Ukawendi dient nicht wenig dazu, die Täuschung zu vermehren. Eine
lange, gräuliche Mähne umgibt ihm Kopf und Hals. Sein Rückenhaar
ist dunkelgrau mit hellbraun gemischt; sein langer Schwanz endet
büschelförmig. Er wohnt in grossen, ausgehöhlten Bäumen und Höhlen.
Diese Gattung haben wir in der Nähe der Quellen des Rugufu gesehen.
An einigen weiter westlich liegenden Zuflüssen desselben Flusses
erblickten wir zahlreiche Exemplare dieses Pavians, die aber eine
gelbbraune Farbe hatten.
Auf diesen folgt der grosse, hundeähnliche Pavian, von dem ich im
vorhergehenden Kapitel eine Beschreibung gegeben habe. In Ukawendi und
dem westlichen Ukonongo finden sich auch kleinere Arten mit schwarzen
Gesichtern, die dem Tota Abessiniens ähnlich sind. Sie sind sehr
beweglich und klettern vorzüglich, leben in Heerden zusammen und nähren
sich von wilden Beeren, Mbembu oder Waldpfirsichen und Insekten.
Von grössern Katzenarten haben wir den Löwen und Leoparden in den
Wäldern von Ukawendi gesehen. Das Fell des Löwen gehört stets dem
Sultan. Der Löwe bewohnt die dicken Holzumgürtungen an den Bächen und
wird auch überall da in den Waldgegenden gefunden, wo es Jagdthiere
gibt.
Das Geheul der gefleckten Hyäne liess sich auf unserer Reise durch
Afrika besonders in Utanda und Ugogo allnächtlich hören. Dieses Thier
ist von der Grösse eines Bullenbeissers und hat einen mächtigen Kopf,
der sehr starke Kinnladen aufweist. Seine Farbe ist ein schmutziges mit
Grau vermischtes Gelbbraun, das von schwarzen, verblasst aussehenden
Flecken bedeckt ist. Die Ohren sind gross, dick und gleichfalls schwarz
gefleckt. Das Zahnsystem ähnelt dem des Hundes; doch hat die Hyäne drei
falsche Backenzähne in der obern Reihe und vier in der untern. Diese
Zähne sind mit furchtbaren Schneidespitzen bewaffnet, die sie in den
Stand setzen, die grössten Knochen zu zermalmen.
Die von uns gesehenen Schakals ähneln unsern Prairie-Coyoten und ihr
Geschrei ist ebenso scharf und bellend. Sie sind, was ihre Schnauze
betrifft, Füchsen ähnlich und haben dicke, buschige Schwänze. Ihre
Farbe ist dunkelgrau.
Ausserdem sahen wir Elefanten, Rhinozeros, Kameloparden oder
Giraffen, Zebras, Hartebeests, Elenn, Büffel, Springböcke, Pallahs
oder Wasserböcke, schwarze Antilopen, gesprenkelte Gnu, röthliche
und bleifarbene Schweine und wilde Eber, Hyrax oder Kaninchen,
Kudus (Antilope strepsiceros), kleine Perpusilla oder Blauböcke und
zahlreiche Reit- oder Rothböcke (Antilope eliotragus). Da ich diese
schon beschrieben habe, so ist es unnöthig, meine Bemerkungen hier zu
wiederholen. Doch kann ich hier erwähnen, dass ich viele Prairiehunde
oder Erdeichhörnchen an den Ufern des Rugufu und des Gombé gefunden
habe. Auch sahen wir im Kingani, Gombé, dem Malagarazi und dem See
Tanganika zahlreiche Flusspferde und Krokodile.
Von Hausthieren gibt es hier die in allen Ländern gewöhnlichen,
darunter zweierlei Arten Ochsen, von denen die eine in Ugogo,
Unyanyembé und Uhha anzutreffende durch einen zwischen den Schultern
sitzenden Höcker, wie ihn der amerikanische Bison hat, ausgezeichnet
ist; die andere, die wir nur in Udschidschi sahen, charakterisirt sich
durch lange Beine, einen dünnen Körper und enorm lange Hörner.
Schafe sind bei allen Stämmen gewöhnlich und zeichnen sich durch
breite, fette, schwere Schwänze aus. Auch Ziegen sind zahlreich und von
verschiedenen Farben. Die schönsten, die Afrika aufzuweisen hat, sind
die von Manyuema, welche kurze Beine und starke Leiber haben.
Die Esel, von denen viele in Ubanarama vorkommen, sind stark und gross,
aber bösartig und wild.
In jedem Dorfe sieht man viele Hunde. Sie sind von der echten
Pariarasse -- feig und räudig.
Auch zahme Katzen kommen in jedem Dorfe zahlreich vor; sie müssen hier
ein gutes Leben haben, da Ratten jedes von Menschen bewohnte Gebäude
heimsuchen.
In Central-Afrika sind die Vögel ausserordentlich zahlreich. Die uns
am häufigsten aufstossenden waren Fischadler, Bussarde, Weiher, Geier,
weisshalsige Krähen, Turteltauben, Ortolane und sattelschnäblige
Störche; am Gombé, Mpokwa und Rugufu: Ibis nigra und Ibis religiosa,
Tukans, wilde Gänse (deren Flügel mit Sporen bewaffnet sind), wilde
Enten, schwarze Madagaskarenten und Möven; am Tanganika-See: Reisvögel,
Drosseln, hammerköpfige Störche, Pelikans, bleifarbene und mit
Büschen auf dem Kopfe versehene Kraniche, Taucher, Königsfischer,
ägyptische Gänse, geöhrte Silbertaucher, Meerschwalben, Perlhühner,
Wachteln, Schneehühner (Ptarmigan) und Florikans. Auch habe ich in
Ugogo Strausse, am See Ugombo Schwäne, am Tanganika, in der Nähe des
Rusizi-Flusses, Schnepfen und Bachstelzen gesehen; und ausserdem
grosse und kleine Eulen, Fledermäuse, Bartvögel, sowie Balaeniceps und
Sandpfeifer. Sonst erkannte ich noch Wiedehopfe, Papageien, Dohlen,
Zaunkönige, Rothdrosseln, goldene Fliegenfänger und die kleinen
Federbuschreiher. Diese Liste ist, wie man wol sieht, viel zu lang, als
dass ich mich auf eine Beschreibung der einzelnen Gattungen einlassen
könnte.
Von Reptilien sahen wir eine grosse grüne Schlange, die Boa, und
eine kleine Schlange mit silberfarbigem Rücken. Unzählig waren die
Feldeidechsen; auch haben wir Schildkröten, Iguanas, Gymnopus, Kröten,
Frösche und grosse essbare Süsswasserschildkröten gesehen.
Die hauptsächlichsten Insekten waren: die gewöhnliche Hausfliege,
Moskitos, Flöhe, Läuse, Tsetse-, Pferde- und Viehfliegen, ungeheure
Käfer, Drachenflügler, Taranteln, Garten- und Hausspinnen, gelbe
Skorpione, Hundertfüssler, Tausendfüssler, Raupen, Seichameisen,
weisse, rothe und schwarze Ameisen.
Im Tanganika gibt es sehr verschiedenartige Fische:
1. Den Wels, von den Wadschidschi Singa genannt, der nach ihren
Berichten vier, ja sogar bis sechs Fuss lang wird. Ein Wels, den ich
gezeichnet habe, war 38½ Zoll lang und wog 10¾ Pfund, galt aber für
klein. Er ist ein sehr fetter Fisch, der auf dem Rücken schwarzbraun,
am Bauche hellbraun ins weissliche spielend ist. Er hat keine Schuppen
und gehört derselben Art an, die wir in Pfuhlen und Flüssen finden.
Er wird zu hunderten im Gombéfluss gefangen, zerschnitten, getrocknet
und zum Verkauf an Araber, mohammedanisirte Neger und Waswahili nach
Unyanyembé gebracht.
2. Der nächste an Grösse und Bedeutung ist der schuppige Sangara, der
für essbar gilt; der hier auf dem Holzschnitt dargestellte war 23 Zoll
lang, mass 5½ Zoll um den Leib und wog 6½ Pfund.
3. Darauf kommt der Mvuro, ein dicker, fleischiger Fisch, der für
vorzüglich gilt; er hat gleichfalls Schuppen. Der auf der Abbildung
gezeichnete war 18 Zoll lang, hatte 15¼ Zoll Leibesumfang und wog 5¼
Pfund.
[Illustration]
4. Ein schuppiger, Tschai genannter Fisch, den ich abgezeichnet, war
9¼ Zoll lang, hatte einen Leibesumfang von 4 Zoll, eine grünliche
Färbung auf dem Rücken und war am Bauche hell.
5. Ein schuppenloser, 7 Zoll langer, 4 Zoll breiter Fisch, der mit
blassen, tintenartigen, ¼ Zoll breiten Streifen versehen ist, einen
weissen Bauch hat und sehr hübsch aussieht, ist im See sehr zahlreich
und wird täglich in Massen von den Fischern von Udschidschi gefangen.
6. Noch ein schuppenloser, 6 Zoll langer Fisch, mit silberfarbigem
Bauch, schmeckt wie Forellen und ist sehr beliebt.
7. Ein Barsch, der meist 8 Zoll lang ist und 6 Zoll Leibesumfang hat,
ist ein sehr trockener Fisch und wird nur von den Armen gekauft.
8. Ein kurzer, dicker Aal ist von zartem Geschmack. Der hier
gezeichnete war 17 Zoll lang und hatte einen Leibesumfang von 4 Zoll.
Die eben genannten Gattungen sind die bedeutendsten Fische des
Tanganika; es gibt aber noch eine Art, welche, obgleich die kleinste,
doch mehr als jede andere dem Volk als Nahrung dient, nämlich der
kleine Dogara, eine Art Clupea (Ellritze), die in grossen Netzen
zu tausenden gefangen wird. Sie werden zum Trocknen in der Sonne
ausgebreitet oder gesalzen und in dieser Gestalt sogar bis nach
Unyanyembé ausgeführt. Hier gibt es auch verschiedene Varietäten von
Fischen, die wie die Sardinen der französischen Küste aussehen und
mit Angelruthen oder Handnetzen gefangen werden. Auch werden auf den
Märkten von Udschidschi Krabben und eine Art Austern feilgeboten.
Die den hier in Betracht kommenden Völkerschaften bekannten Metalle
sind: Kupfer und Eisen. Das Kupfer wird von der Küste und aus Rua
hergebracht; das bearbeitete Eisen aus Usukuma oder den nördlichen
Staaten von Unyamwezi und aus Uvira. Alle Messingzierathen, die tief
im Innern getragen werden, werden von den Eingeborenen aus dem dicken
Messingdraht, den ihnen die Karavanen verkaufen, fabricirt. Zwar
ist Eisenerz sehr häufig und kommt sogar an vielen Stellen zwischen
Unyamwezi und Udschidschi offen zu Tage liegend zum Vorschein, wird
jedoch selten bearbeitet, obgleich es Beispiele in Ukonongo und Uvinza
gibt, dass die Eingeborenen das Erz schmelzen und sich selbst Eisen
fabriciren.
Die Krankheiten, von denen die Eingeborenen im Westen von Unyanyembé
am meisten heimgesucht werden, sind die acute und chronische Ruhr,
die Cholera, das rückkehrende Fieber, Wechselfieber, der Typhus,
das Nervenfieber, Herzkrankheiten, Rheumatismus, Lähmung, Pocken,
Krätze, Augenentzündungen, Halsentzündungen, Schwindsucht, Kolik,
Hautausschläge, Geschwüre, Syphilis, Tripper, Krämpfe, Mastdarmvorfall,
Nabelbruch und Nierenentzündung.
Die fürchterlichste Geissel von Ost- und Central-Afrika sind aber die
Pocken. Die gebleichten Schädel der Opfer dieser grausamen Krankheit,
die an jeder Karavanenstrasse zu finden sind, zeigen nur zu deutlich
die Verwüstung an, welche sie jährlich nicht nur in den Reihen der
Handelsexpeditionen, sondern auch in den Dörfern der verschiedenen
Stämme anrichten. Manche Karavanen werden durch sie decimirt und es
gibt Dörfer, wo mehr als die halbe Bevölkerung ausgestorben ist. Dr.
Livingstone hat manchen armen Afrikaner durch die Kuhpockenimpfung
gerettet und sein Kummer über die täglichen Verwüstungen, welche die
Pocken unter dem Volk anrichten, hat ihn dazu veranlasst, um Zusendung
von Impfstoff zu bitten.
Die vom Volke selbst gebrauchten Arzneimittel sind entweder einfache
Kräuter oder Abkochungen von Kräutern, die ihnen die Waganga oder
Medicinleute geben. Der Medicinalgebrauch der Ricinuspflanze ist
unbekannt. Das aus den Samen ausgezogene Oel wird nur zum Einsalben des
Kopfes und Körpers gebraucht. Brechmittel bekommt man aus der Rinde
eines gewissen Baumes und die Araber behaupten, dass sie sehr wirksam
sind. Gegen Nierenkrankheiten setzen die Waganga eine Medicin aus der
Wurzel einer Pflanze und den Blättern eines in der Nähe von Unyamwezi
wachsenden Strauches zusammen, dessen Namen sie mir aber nicht nennen
wollten, obgleich ich ihn für ein Tuch zu erkaufen suchte. Obwol ich
einen Menschen diese Medicin einen Monat lang täglich benutzen sah,
habe ich doch keine Wirkung davon beobachtet. Unter den Arabern wird
gegen Nierenleiden Masticgummi in Wasser gekocht und jeden Abend vor
dem Schlafengehen eine Tasse voll davon, oder morgens und abends eine
Tasse frischer Milch getrunken. Gegen Rheumatismus besteht die Cur
darin, dass man sich in die Sonne legt oder tüchtig frottiren lässt.
Die Kolik glaubt man dadurch zu curiren, dass man einen Finger weit
in den Hals steckt und dadurch Brechen erzeugt. Gegen Ruhr werden
warme Steine abwechselnd rund um den Unterleib gelegt. Kranke, die an
miasmatischen Fiebern leiden, hüllen sich in Tücher ein und legen sich
in die Sonne, bis Schweiss eintritt. Diese Behandlung habe ich unter
den Leuten meiner eigenen Expedition mit dem Tode endigen sehen. Bei
den Pocken wird die Quarantäne streng erzwungen und nur diejenigen,
die schon früher die Pocken gehabt haben, wagen sich in die Nähe der
Kranken. Mitglieder einer Karavane, die an Pocken leiden, werden aus
der Gesellschaft der Gesunden ausgeschlossen und man weist ihnen
besondere Behausungen ausserhalb des Lagers an. Bei den nachfolgenden
Karavanen befinden sich jedoch immer leichtsinnige junge Burschen,
die gedankenlos in solche Hütten hineingehen und nach einigen Tagen
sich krank fühlen, über Mangel an Appetit, Schmerzen im Rücken und
schleichendes Fieber klagen; und dann weiss man bald, dass sie erkrankt
sind, worauf sie gleichfalls ausgeschlossen werden, und wenn sie
nicht weiter gehen können, lässt man sie liegen, um zu sterben; denn
keine Colonie duldet es, dass sie sich ihren Pforten nähern, und eine
Karavane kann in der Wüste nicht halt machen. Wer in dieser Weise wie
ein Verfluchter von den übrigen Menschen ausgestossen ist, sucht sich
mit einem Vorrath an Nahrungsmitteln und Wasser ein Dickicht auf, baut
sich eine Hütte und bleibt daselbst bis er gesund wird oder stirbt.
Nachdem man das schöne Parkland und die Wälder von Unyamwezi verlassen,
befindet man sich in Ukonongo, das berühmt ist wegen seiner wilden
Waldpfirsichbäume und des schönen Tekaholzes, sowie wegen der grossen
Lager von Eisenerz, die man auf der Reise nach Süden und Westen häufig
aus der Erde hervorragen sieht. Der östliche Theil desselben bildet
nur die Fortsetzung des Parklandes von Unyamwezi; wenn man sich aber
seiner westlichen Grenze, die an Ukawendi stösst, nähert, so fallen
grosse Bergrücken sehr ins Auge, welche die Wasserscheide für den
Fluss Mrera und die zahlreichen Sumpfschluchten, die sich nach der
Rikwa-Ebene wenden, bilden.
Der erste Anblick, den man von den blauen kegelförmigen Bergen erhält,
welche sich entweder einzeln oder zu dreien über die ausgedehnte, dem
Vernehmen nach über den Rungwa-Fluss hinweg bis zu den Weideländereien
der südlichen Watuta reichende Ebene erheben, ist sehr hübsch und
angenehm, ja man könnte fast sagen malerisch. Viele Zuflüsse des
Rungwa-Flusses entstehen gerade da, wo Ukonongo an Ukawendi stösst.
Einige derselben entspringen im Bezirk von Kasera. Man hat mir gesagt,
der Rungwa-Fluss sei so gross wie der Malagarazi und seine Hauptquelle
läge in Central-Urori. Während der Regenzeit überflutet dieser
Fluss die ihn umgebende Ebene, gerade wie der Mukondokwa es mit der
Makata-Ebene thut. Daher hat Speke auf seiner Karte einen bläulichen
Fleck, welcher die Rikwa-Lagune darstellen soll. Trotz vieler Anfragen
über diesen Punkt habe ich doch nichts darüber erfahren können, ausser
dass die Ebene während der Regenzeit von Wasser bedeckt ist.
Wenn es wahr wäre, dass der Rungwa in Central-Urori entsteht, dann
müssten wir die Behauptung als wahrscheinlich annehmen, dass der
Rufidschi oder Ruhwha-Fluss seine Quellen südwestlich von Ubena, an
einer Gruppe von Bergen hat, die möglicherweise dieselben sind, aus
denen der Chambezi entspringt.
Südlich von Ukonongo befindet sich das Gebiet der Watuta, südöstlich
die Districte der Warori, südwestlich Ufipa und Karungu, westlich
Ukawendi, nördlich Utakama oder die südlichen Provinzen von Unyamwezi.
Wir lernen in Ukawendi ein fast unbewohntes Land mit unregelmässiger
Oberfläche kennen, das bewaldet, von zahlreichen schönen Bächen
durchzogen, fruchtbar und von einer üppigen Fauna und Flora begünstigt
ist. Die einzigen bedeutenderen Ansiedelungen sind die von Mana Msenge
im Norden, von Ngondo und Tongwe im Westen, am Tanganika; die von
Rusawa in der Mitte, Pumburu im Süden und Utanda im Südosten.
Die wichtigsten Flüsse sind der Rugufu, welcher in der Berggruppe nahe
bei Pumburu entspringend parallel mit dem See durch ein tiefes Thal
nach Norden und südlich vom Malagarazi in den See fliesst. Der nächste
ist der Loadscheri, der zwischen den Höhenzügen von Kagungu und Pumburu
entsteht und in der Nähe des Hauptdorfes Urimba in den See einmündet.
Ausserdem gibt es noch zahlreiche Flüsse, wie den Uwelasia, Sigunga,
Mviga und Kivoe.
Ukawendi, welches unter den Ländern der Centralgegend den dritten Rang
einnimmt, erstreckt sich vom Malagarazi-Fluss ungefähr von 5° 10′ bis
etwa zu 6° 18′ südl. Breite. Im Norden wird es vom südlichen Uvinza und
dem Malagarazi-Flusse, im Osten von Ugara und Ukonongo, im Süden von
Usowa und Ufipa und im Westen vom Tanganika-See begrenzt.
Nördlich von Ukawendi kommen wir in das südliche Uvinza, ein Land,
das durch tiefe Schluchten mit wildem Gebirgscharakter und nach allen
Richtungen von dunkeln, nackten Höhenzügen durchschnitten wird. Im
Alluvialthal des Malagarazi findet man zahlreiche Salzgruben, aus denen
die Eingeborenen erhebliche Mengen Salz zu Tage fördern. Nur wenig
Flüsse fliessen durch das Land; unter den ihm eigenthümlichen Producten
befinden sich Ziegen und Korn.
Jenseits des Malagarazi kommt man an einen länglichen, nach der
geographischen Breite sich hinziehenden Streifen ärmlichen Landes,
welches Nord-Uvinza heisst. Der Boden ist arm und nährt nur spärliche
Gebüsche von Gummibäumen, Dornen, Tamarinden, Mimosen und wenige
verkrüppelte Exemplare des Tekabaumes. Sehr ausgedehnt sind die
Salzebenen, und der Besitz derselben und das ausschliessliche Recht
auf sie veranlassen häufig Streitigkeiten zwischen den beiden grossen
Häuptlingen Lokanda Mira und Nzogera.
Der Malagarazi ist an seinem Ursprung als der nördliche Gombé bekannt.
Wo er durch die ausgedehnten Salzebenen fliesst, schmeckt sein Wasser
leicht salzig, aber doch nicht unangenehm. Er fällt südlich von
Udschidschi-Bunder in den Tanganika. Ich glaube, dass er durch Boote
auf seinem ganzen Lauf vom See bis Wilyankuru schiffbar ist; in der
Regenzeit ist er es bestimmt.
Nord-Uvinza wird von dem Weidelande Uhha im Norden, von Ukalaganza und
Usagozi oder West-Unyamwezi im Osten, vom Malagarazi im Süden und von
Ukaranga im Westen begrenzt.
Seine Hauptansiedelungen sind Mpete, Usenye, Yambeho, Siala, Isinga,
Nzogera’s Insel und Lokanda Mira’s Bezirk. Die Hauptproducte sind
Ziegen, Schafe, Korn und Salz.
Von Uvinza kommen wir nach Uhha. Dies ist ein grosses, ebenes Land,
das mit den Prairien von Nebraska Aehnlichkeit hat. Es zerfällt in die
zwei Abtheilungen von Kimenyi und Antari. Uhha, im weitesten Sinne des
Wortes, wird nördlich von Ututa, südlich und östlich von Uvinza und
westlich von Ukaranga und Udschidschi begrenzt.
Der Gebirgszug, welcher die Grenze zwischen Uhha und Ututa bilden soll,
gibt zwei bedeutenden Strömen, dem Rusugi und Rugufu, ihren Ursprung.
Andere Flüsse sind der Sunuzzi, Kanengi und Pombwé. Fast alle Flüsse,
welche durch Uhha laufen, sind etwas salzig, namentlich der Pombwé,
Kanengi und Rusugi.
Auf den kahlen Ebenen von Uhha leben grosse Heerden von Vieh mit
Rückenhöckern und breitschwänzige Schafe. Auch die Ziegen sind hier
sehr schön. Der Boden ist fruchtbar und bringt reiche Ernten von Holcus
sorghum und Mais hervor. Das Klima ist gut und die Hitze wird durch die
Luftströmungen vom Tanganika und durch die Winde von Usagara gemässigt.
Kleine Seen oder grosse Teiche sind ein charakteristischer Zug für
Uhha. Sie nehmen ausgedehnte, seichte, kreisförmige Niederungen oder
Becken ein. Es fehlt nicht an Beweisen, dass ein grosser Theil von Uhha
einmal unter Wasser stand und das Thal des Malagarazi-Flusses nichts
als ein tiefer Arm des Tanganika war. In dieser Gegend würde ein Geolog
von Fach viel Interessantes finden.
Im Westen und jenseits des kleinen Flusses Sunuzzi kommen wir nach
Ukaranga, einem Lande, das einen sehr verschiedenartigen Charakter
darbietet. Im Norden, wo es an Nord-Uhha stösst, ist es gebirgig;
im Süden bildet es eine längliche, ebene Abdachung, die von hohen
Tekabäumen bedeckt wird; in seiner Mitte besteht es aus wellenförmigen
Bergen, die von raschfliessenden, klaren Bächen durchzogen werden,
ein fruchtbarer, herrlicher Bezirk. Vom Osten ziehen sich, in rechten
Winkeln vor dem das nordöstliche Uhha von Ukaranga trennenden
Gebirgsstocke nach Westen zu, eine Anzahl paralleler, mit Bäumen
bewachsener Höhenzüge hin und enden plötzlich in der Nähe des
Alluvialthals des Liutsché.
Die Bäume von Ukaranga sind hauptsächlich Teka-, Mbugu- und
Bambusbäume; das Klima ist besonders mild und feucht. Ein beständiger
Sprühregen scheint sich über die Gipfel der Ukaranga-Berge auszugiessen
und daher entstehen die zahlreichen Bäche, die sich in den Liutsché
ergiessen.
Von den Höhen von Ukaranga tritt man in das Liutsché-Thal hinab und
befindet sich in Udschidschi, einem durch hervorragende Schönheit und
Fruchtbarkeit ausgezeichneten District, und erblickt jenes mächtige
Binnenmeer, dessen Ufer von jetzt ab als geheiligt zu betrachten sind,
weil „die Stätte, die ein guter Mann betritt“ auf ewig geheiligt
ist. Und in der That, die Natur unterstützt uns in unserer Liebe
für die classischen Grenzländer des Tanganika. Niemand, er sei noch
so prosaisch, kann an dem Strande von Udschidschi stehen und bei
Sonnenuntergang nach Westen über den breiten, silbernen Wassergürtel
blicken, ohne im tiefsten Herzen durch die Farben gerührt zu werden,
welche die Sonne ihm am Himmel offenbart. Die Farben des Aethers
kommen und vergehen mit zauberischer Schnelligkeit. Sie sind golden
und azurfarben, rosa und silbern, purpurn und safrangelb; in dünnen
Linien und breiten Streifen verwandeln sich Feder- und Haufenwolken
in glänzendes, farbiges Gold; auf der riesigen, bläulich schwarzen
Scheidewand, welche den Tanganika nach Westen begrenzt, strahlen sie
ihren Glanz ab und offenbaren das ganze Gebirgspanorama, über welches
sie liebliche rosa Farbentöne ausgiessen und das sie in einer Flut von
Silberlicht baden.
Der merkwürdigste Stamm Central-Afrikas sind die Wanyamwezi. Mein
Ideal eines solchen ist ein schlanker Schwarzer mit langen Gliedern
und gutmüthigem Gesicht, auf dem sich stets ein Lächeln zeigt. In der
Mitte der obern Zahnreihe weist er eine kleine Lücke auf, die ihm als
Knaben beigebracht worden, um seinen Stamm anzuzeigen. Hunderte langer,
starrer Locken hängen ihm den Nacken herab; er ist fast nackt und
zeigt eine Gestalt, die ein vorzügliches Modell für einen schwarzen
Apollo abgeben würde. Ich habe viele Individuen dieses Stammes in der
Kleidung der Freigelassenen von Zanzibar gesehen, in einem Turban von
neuer, amerikanischer Leinwand oder im langen Disch-dascheh (Hemd)
der Araber, die ebenso schön und intelligent aussahen, wie irgend ein
Mswahili von der Küste von Zanguebar; aber was ich eben beschrieb, ist
mein Ideal.
Der Mnyamwezi ist der Yankee von Afrika; er ist ein geborener Händler
und Reisender. Seit undenklicher Zeit hat sein Stamm den Gütertransport
von einem Lande ins andere als sein Monopol behandelt. Der Mnyamwezi
ist das Kameel, das Pferd, der Maulesel und Esel, kurz das Lastthier,
nach dem sich alle Reisenden sehnen, um ihr Gepäck von der Küste
ins ferne afrikanische Innere bringen zu lassen. Der Araber kann
ohne seine Hülfe nirgends hinziehen; der weisse Reisende, der eine
Erforschungsexpedition macht, kann nicht ohne ihn auskommen. Meist
findet man ihn in grosser Zahl in Bagamoyo, Konduchi, Kaole, Dar
Salaam und Kilwa, wo er darauf wartet, für eine lange Reise gemiethet
zu werden. Er ist wie der Matrose, der seinen Wohnsitz in gewissen
Miethshäusern der grossen Seestädte hat, und gleicht ihm auch darin,
dass er nirgends Ruhe findet. Die Seeküste ist einem Mnyamwezi, was New
York für einen englischen Matrosen. In New York kann sich der englische
Matrose gegen höhern Lohn verdingen; ebenso kann sich der Mnyamwezi an
der Küste für seinen Rückweg mehr bezahlen lassen, als von Unyamwezi
ans Meer. Es ist eine so grosse Nachfrage nach ihm und wenn es Krieg
gibt, ist er so selten, dass sein Lohn hoch ist und 36–100 Meter Tuch
beträgt. Hundert dieser menschlichen Lastthiere können dem Reisenden
selbst nur für die dreimonatliche Reise bis nach Unyanyembé gegen
10000 Meter Tuch kosten. Dieses Tuch repräsentirt aber in Zanzibar 5000
Dollars Gold. Mit Geduld und strenger Oekonomie kann man sich aber
dieselbe Zahl auch für 3000 Dollars verschaffen.
Auf dem Lualaba, in den Wäldern von Ukawendi, auf den Bergen von
Uganda, den Gebirgen von Karagweh und in den Ebenen von Urori, auf dem
Plateau von Ugogo, in dem Parklande von Ukonongo, in den Sümpfen von
Useguhha, in den Engpässen von Usagara, der Wildniss von Ubena, und
unter den Hirtenstämmen der Watuta, die Ufer des Rufidschi entlang,
im sklavenhandelnden Kilwa, kurz überall in ganz Central-Afrika kann
man die Wanyamwezi finden mit Ballen aus Zanzibar bepackt, welche
Baumwollenwaaren und Fabrikate aus Massachusetts, Calicots aus England,
gedruckte Baumwollenwaaren aus Muskat, Tuche aus Cutsch, Perlen aus
Deutschland, Messingdraht aus Grossbritannien enthalten.
Wenn sie mit Karavanen ziehen, sind sie gelehrig und leicht zu
behandeln; in ihren Dörfern findet man sie als ein lustiges Völkchen;
auf ihren eigenen Handelsexpeditionen zeigen sie sich geschickt und
scharfsinnig; als Ruga-Ruga sind sie gewissenlos und kühn; in Ukonongo
und Ukawendi sind sie Jäger, in Usukuma Eisenschmelzer und Viehtreiber;
in Lunda suchen sie energisch nach Elfenbein und an der Küste staunen
sie schüchtern die neue Umgebung an.
Die Wanyamwezi sterben, wie ich fürchte, aus oder sie sind nach andern
Ländern ausgewandert. Meine erste Behauptung gründe ich darauf,
dass so grosse Landstriche verödet sind, wie z. B. Mgongo Tembo,
Rubuga, Kigwa, Utanda, Mfuto, Masange und Wilyankuru. Unruhige und
unzufriedene Geister wie Manwa Sera, Niongo, Mirambo und Oseto tragen
durch ihre beständigen Streitigkeiten wesentlich dazu bei, Unyamwezi
zu entvölkern. Auch sind die Strapazen der Reise, denen gerade die
Blüte der Nation ausgesetzt ist, der Vermehrung des Volkes nicht
günstig. Von zehn gebleichten Schädeln, die man an den Handelswegen
im Innern erblickt, gehören acht unglücklichen Wanyamwezi an, die den
Gefahren und Entbehrungen, die jeder Karavane auf dem Fusse folgen,
unterlegen sind. Auch die Sklaverei mit ihren Schrecknissen trägt zur
Demoralisation und Ausrottung dieses Volkes bei. Es ist traurig daran
zu denken, dass ein Volk wie das kriegerische Geschlecht der Makololo
noch innerhalb Menschengedenken, seit Livingstone zuerst Linyanti
sah, vom Erdboden verschwunden ist. Wie mächtig könnte nicht eine
philantropische Regierung dieses Volk machen! Welch herrliches Zeugniss
könnte es nicht für die civilisatorische Menschenliebe werden! Was für
gelehrige Convertiten für das Evangelium würde es abgeben, wenn ein
praktischer Missionar sich zu ihm begäbe!
Gross ist in Unyamwezi die Macht der „Uganga“ (Medizin). Mir
sagte man nach, dass ich im Stande sei, Regen zu machen, alle
Brunnen im Lande zu vergiften und alle Krieger Mirambo’s mit einem
Arzneipräparat zu tödten, bis ich mir die Mühe gab, diese mir
zugeschriebene Macht in Abrede zu stellen. Anfangs brachten sie mir
ihre Kranken, mit Geschwüren Behaftete, Syphilitische, Krätzige und
an den Pocken Erkrankte, Schwindsüchtige und an der Ruhr Leidende,
bis sie schliesslich durch meine ernstlichen Versicherungen sich
davon überzeugten, dass ich für dieselben nichts thun könne. Ein
an chronischer Dysenterie leidender Greis brachte mir ein schönes,
fettes Schaf und eine Schüssel Tschoroko (Wicken) als Bezahlung für
eine Kur seiner Krankheit. Ich hätte das Schaf nehmen und ihm eine
werthlose Mischung dafür geben können, sagte ihm aber, dass ich für
seine Krankheit nichts zu thun im Stande sei. Ich schenkte ihm jedoch
ungefähr 100 Gran Dover’sches Pulver und einige Doti gutes Tuch zur
Kleidung für sich und seine Frau, ohne sein Schaf zu nehmen, da mir des
Mannes Leiden so sehr zu Herzen gingen.
Nie begibt sich eine Partie Wanyamwezi auf die Jagd, ohne vorher den
Mganga (Medizinmann) zu Rathe gezogen zu haben, welcher sie gegen
Entgelt mit Zaubermitteln, Tränkchen, Kräutern und Segenssprüchen
versieht. Ein Stückchen vom Ohr eines Zebra, Löwenblut, die Klaue eines
Leoparden, die Lippe eines Büffels, der Schwanz einer Giraffe, die
Augenbraue eines Hartebeet sind Schätze, von denen man sich nur gegen
Bezahlung trennt. Um den Hals hängen sie sich ein dreieckiges Stückchen
polirten Quarzes oder Stückchen geschnitzten Holzes oder einen
allmächtigen Talisman, der in einer Pflanze besteht, die eifersüchtig
in einen ledernen Beutel eingenäht ist.
Im Ganzen sind die Wanyamwezi erzfeige. Ihre Karavanen stehlen sich
demüthig durch Ugogo; wenn sie aber dieses gefürchtete Land hinter sich
haben, renommiren sie sehr unter den andern Stämmen. Während in ihrem
Lande Krieg geführt wird, sind sie gewohnt, sich nie an Karavanen zu
vermiethen. Ihre Häuptlinge rathen dann von allen Handelsunternehmungen
entschieden ab und deren Befehle sind ihnen Gesetz.
Das Regierungssystem in Unyamwezi ist eine Erbmonarchie. Der König
heisst Mtemi. Ausser in Unyanyembé, Usagozi und Ugala verdient jedoch
kein Häuptling diesen Namen, obwol er aus Courtoisie den Häuptlingen
der Districte gegeben wird. Der jetzige König von Unyanyembé heisst
Mkasiwa; Pakalambula ist König von Ugara, und Moto oder „Feuer“ heisst
der König von Usagozi.
Mkasiwa kann 3000 Krieger aus einer Bevölkerung von fast 20,000
Menschen in Unyanyembé ausheben. Die kleinen Districte von Tabora und
Kwihara können allein 1500 Krieger stellen.
Unter den Wanyamwezi gibt es manche sonderbare Gebräuche, z. B. wenn
ein Kind geboren wird, zerschneidet der Vater die Eihäute und bringt
sie an die Grenze seines Districts, wo er sie in der Erde vergräbt. Ist
die Grenze ein Strom, so vergräbt er sie an seinem Ufer. Darauf bringt
er eine Baumwurzel heim und gräbt sie an seiner Thürschwelle ein.
Hierauf ladet er seine Freunde zu einem Feste ein, wozu er einen Ochsen
oder ein halbes Dutzend Ziegen und Pombé hergibt. Werden Zwillinge
geboren, so tödten sie nie einen derselben, sondern halten das für
einen grössern Segen. Die Mutter begibt sich, wenn die Niederkunft
naht, schleunig in den Wald und wird dort von einer Freundin gepflegt.
Die Hochzeitsceremonien sind denen der Wagogo ähnlich; die Frau wird
von dem Vater für Kühe oder Ziegen, je nach den Mitteln der Bewerber,
gekauft.
[Illustration: