Auszug aus meinen Notizen über Livingstone’s Reisen.
„Wenn uns Liebe eint, so wird unser Verkehr unbeschreiblich schön
und nutzbringend sein; wenn nicht, so ist die Zeit verloren und Ihr
werdet mich nur peinigen. Ich werde Euch albern erscheinen und der
Ruf, den ich habe, falsch. Alles Gute in mir ist magnetischer Natur
und ich erziehe nicht durch Unterricht, sondern dadurch, dass ich
meinem eigenen Berufe nachgehe.“
~Emerson’s~ _Representative Men_.
Früh am nächsten Morgen fuhr ich plötzlich aus dem Schlaf empor. Das
Zimmer kam mir fremd vor. Es war ein Haus und nicht mein Zelt. Ach ja!
Jetzt erinnerte ich mich, dass ich Livingstone aufgefunden und mich
in seinem Hause befände. Ich horchte, damit das in mir erwachende
Bewusstsein durch den Ton seiner Stimme bestätigt werde, hörte aber
nichts als das dumpfe Tosen der Wasser.
Ruhig lag ich im Bett; ja, in einem wirklichen Bett; wenn es auch nur
ein sehr einfaches vierbeiniges Gestell war, worauf Palmblätter anstatt
Daunen ausgebreitet lagen und Pferdehaar nebst meinem Bärenfell die
Stelle von Linnen vertraten. Ich fing damit an, mich einer strengen
Geistesprüfung zu unterziehen und mir meine Stellung klar zu machen.
Wozu wurde ich ausgeschickt? Um Livingstone zu finden. Hast du ihn
gefunden? Ja natürlich, bin ich nicht in seinem Hause? Wessen Kompass
hängt dort an dem Holznagel, wessen Kleider, wessen Stiefeln sind das?
Wer liest diese Zeitungen, diese Nummern der Saturday-Review und des
Punch, welche hier auf der Diele liegen? Gut. Was willst du also jetzt
thun? Ich werde ihm morgen mittheilen, wer mich abgesandt hat, was
mich hergebracht hat. Dann werde ich ihn bitten, einen Brief an Herrn
Bennett zu schreiben und ihm soviel neues über sich mitzutheilen, als
er Lust hat. Ich bin ja nicht hierher gekommen, um ihn auszuhorchen,
sondern es genügt mir, dass ich ihn aufgefunden habe. Insoweit ist
mein Erfolg vollständig, doch würde er noch glänzender sein, wenn
Livingstone mir Briefe für Herrn Bennett und eine Anerkenntniss darüber
gibt, dass er mich gesehen hat. Ob er das thun wird? Warum nicht?
Ich bin hergekommen, um ihm einen Dienst zu erweisen; er hat weder
Waaren noch Leute mehr, wol aber ich. Wenn ich ihm eine Freundlichkeit
erweise, wird er sie mir nicht erwidern? Was sagt der Dichter?
„Und hoffe nur, dass der ein Freund Dir werde,
Dem selber Du ein Freund geworden bist.
Dass man die Freundschaft liebt, doch Opfer scheut,
Macht’s, dass auf Erden Freunde selten sind.“
Ich habe mir seine freundschaftlichen Gesinnungen dadurch erkauft, dass
ich soweit gekommen bin, um ihm zu dienen, und glaube nach dem, was
ich gestern Abend von ihm gesehen, dass er durchaus nicht so ungünstig
und misanthropisch gesinnt ist, wie mir jener Mann gesagt, der ihn zu
kennen behauptete. Trotz seiner einsilbigen Begrüssung hat er, als
er mir die Hand reichte, einen bedeutenden Grad von Gemüthsbewegung
an den Tag gelegt; auch ist er ja gar nicht fortgelaufen, wie man es
mir vorher verkündet; freilich vielleicht nur, weil er keine Zeit
dazu hatte. Dennoch, wenn er seiner Natur nach sich dadurch belästigt
gefühlt hätte, dass jemand gekommen, um ihn aufzusuchen, so würde er
mich nicht so empfangen, wie er es gethan, oder gar ersucht haben, bei
ihm zu wohnen, sondern mich griesgrämig meiner Wege geschickt haben.
Auch hat er nichts gegen meine Nationalität, denn er hat gesagt: „Hier
sind Amerikaner und Engländer ganz gleich, wir sprechen dieselbe
Sprache und haben dieselben Ideen.“ „Gewiss, Doctor, da stimme ich mit
Ihnen überein; hier wenigstens sollen Amerikaner und Engländer Brüder
sein, und was ich für Sie thun kann, soll geschehen. Sie können also
über mich so frei verfügen, als ob ich Fleisch von Ihrem Fleisch, Bein
von Ihrem Bein wäre.“
Ich kleidete mich rasch an mit der Absicht, dem Tanganika entlang
zu wandeln, ehe der Doctor aufgestanden sei, öffnete die Thüre, die
schrecklich in ihren Angeln knarrte, und spazierte auf die Veranda.
„Ah, Herr Doctor, Sie sind schon auf? Ich hoffe, Sie haben gut
geschlafen.“
„Guten Morgen, Herr Stanley. Es freut mich, Sie zu sehen; hoffentlich
haben Sie gut geschlafen. Ich war gestern noch spät mit dem Lesen
meiner Briefe beschäftigt. Sie haben mir gute und schlechte Nachrichten
gebracht. Nehmen Sie aber doch Platz.“ Er machte mir an seiner Seite
Platz. „Ja! Viele meiner Freunde sind todt. Meinen ältesten Sohn, d. h.
meinen Sohn Thomas, hat ein schweres Unglück betroffen. Mein zweiter
Sohn Oswald studirt auf der Universität Medicin und es geht ihm gut,
wie ich höre. Meine älteste Tochter Agnes hat sich in einer Jacht mit
«Sir Paraffine» Young und seiner Familie amüsirt. Sir Roderick ist auch
wohl und drückt die Hoffnung aus, mich bald wiederzusehen. Sie haben
mir einen ganzen Sack Briefe mitgebracht.“
Der Mann war also durchaus kein Gespenst und die Scenen des gestrigen
Tages gehörten nicht der Traumwelt an. Ich blickte ihn aufmerksam an,
denn dadurch versicherte ich mich, dass er nicht fortgelaufen sei, was
ich auf dem ganzen Wege nach Udschidschi beständig fürchtete.
„Nun Herr Doctor“, sagte ich, „Sie wundern sich wol, warum ich hierher
gekommen bin?“
„Freilich“, sagte er, „habe ich mich darüber gewundert. Ich glaubte
zuerst, Sie seien ein Abgesandter der französischen Regierung an
Stelle des Lieutenants Le Saint, der einige Meilen jenseits Gondokoro
verstorben ist. Ich hörte, Sie hätten Boote, viele Leute und Vorräthe
bei sich und glaubte wirklich, Sie seien ein französischer Officier,
bis ich die amerikanische Flagge erblickte, und, Ihnen die Wahrheit
zu sagen, es freut mich eigentlich, dass es so ist, denn ich hätte
mich mit jenem auf Französisch nicht unterhalten können, und wenn er
nicht Englisch verstand, so hätten wir ein schönes Paar Weisser in
Udschidschi abgegeben. Gestern wollte ich Sie nicht danach fragen, weil
es mich eigentlich nichts anging.“
„Ja“, sagte ich lachend, „um Ihretwillen freut es mich, dass ich ein
Amerikaner und kein Franzose bin und dass wir einander vollständig ohne
Dolmetscher verstehen können. Ich sehe, die Araber wundern sich, dass
Sie, ein Engländer, und ich, ein Amerikaner, uns gegenseitig verstehen.
Wir müssen uns hüten, ihnen mitzutheilen, dass die Engländer und
Amerikaner sich bekämpft haben, dass es noch Alabama-Forderungen gibt
und dass wir Leute wie die Fenier in Amerika haben, die Sie hassen.
Doch im Ernst, Doctor, erschrecken Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, dass
ich gekommen bin, um Sie zu suchen.“
„Um mich zu suchen?“
„Ja wohl.“
„Wie so?“
„Nun, Sie haben doch wol vom «New York Herald» gehört?“
„Oh gewiss. Wer hätte von dieser Zeitung nicht gehört!“
„St! Herr James Gordon Bennett, der Sohn von Herrn James Gordon
Bennett, des Besitzers des «Herald», hat ohne seines Vaters Wissen
und Genehmigung mich beauftragt, Sie aufzusuchen, mir so viele
Nachrichten, als Sie mir über Ihre Entdeckungen geben wollen, von Ihnen
zu verschaffen und Sie möglichst mit Mitteln zu unterstützen.“
„Wie? Der junge Herr Bennett hat Sie beauftragt, mir nachzureisen, mich
aufzusuchen und mir zu helfen! -- Dann ist es freilich kein Wunder,
dass Sie Herrn Bennett gestern Abend so sehr gelobt haben.“
„Ja, ich kenne ihn und bin stolz darauf, sagen zu können, dass er
durchaus so ist, wie ich ihn geschildert habe, nämlich ein eifriger,
grossmüthiger, aufrichtiger Mann.“
„Nun, ich bin ihm in der That sehr zu Dank verpflichtet und es macht
mich stolz, wenn ich daran denke, dass Ihr Amerikaner soviel auf mich
haltet. Sie sind gerade zur rechten Zeit angekommen, denn ich fing
schon an zu glauben, ich müsse die Araber anbetteln. Selbst diesen
fehlt es an Zeug; auch gibt es nur wenig Perlen in Udschidschi. Dieser
Kerl, der Scherif, hat mich vollständig ausgeplündert. Ich wünschte,
ich könnte Herrn Bennett in passenden Worten meinen Dank ausdrücken;
sollte mir das aber nicht gelingen, so bitte ich Sie, halten Sie mich
darum nicht für weniger dankbar.“
„Und jetzt, Doctor, da wir diese kleine Angelegenheit abgemacht haben,
soll uns Feradschi das Frühstück bringen, wenn Sie nichts dagegen
haben.“
„Sie haben mir Appetit gebracht,“ sagte er. „Halimah ist meine Köchin,
aber sie kennt nicht einmal den Unterschied zwischen Thee und Kaffee.“
Der Koch Feradschi war, wie gewöhnlich, mit trefflichem Thee und
einem Gericht dampfender Kuchen, welche der Doctor „Dampers“ nannte,
zur Hand. Ich habe mir nie viel aus dieser Art Pfannkuchen gemacht,
für Livingstone waren sie aber erwünscht, da er durch die harte
Kost in Lunda fast alle Zähne verloren hatte. Dort war er genöthigt
gewesen, von grünen Maisähren zu leben. Es gab nämlich in jenem
District kein Fleisch und die Anstrengung, an den Kornähren zu nagen,
hatte ihm sämmtliche Zähne gelockert. Ich meinerseits zog die harten
virginischen, aus Korn gebackenen „Scones“ vor, die meiner Ansicht
nach das schmackhafteste Brod abgeben, das man in Central-Afrika haben
kann.
Livingstone sagte, er habe mich schon für einen sehr üppigen reichen
Mann gehalten, als er meine grosse Badewanne erblickte, die mir einer
meiner Leute nachtrug; heute aber halte er mich für noch üppiger,
als meine Gabeln, Messer, Schüsseln und Tassen, silberne Löffel und
silberne Theekanne herrlich glänzend auf dem reichen persischen Teppich
ausgebreitet wurden und ich, wie er sah, durch meine gelben und
schwarzen Mercure gut bedient wurde.
Das war der Anfang meines Lebens in Udschidschi. Ich hatte Livingstone
vor meiner Ankunft nicht persönlich gekannt; früher war er mir nur
ein Gegenstand, ein grosser Artikel für eine Tageszeitung, wie die
meisten Dinge, an welchen das nach Neuigkeiten gierige Publikum Freude
hat. Ich hatte Schlachtfelder besucht; Revolutionen, Bürgerkriege,
Aufstände, Emeuten und Metzeleien mit angesehen; ich hatte nahe bei
dem verurtheilten Mörder gestanden, um über seine letzten Kämpfe
und Seufzer Bericht zu erstatten; niemals aber war es meine Aufgabe
gewesen, über irgendetwas Bericht zu erstatten, das mich so sehr bewegt
hätte wie die grossen Leiden, Entbehrungen und Widerwärtigkeiten
dieses Mannes, die ich jetzt in ihrem ganzen Umfange erfuhr. Ich fing
wahrhaftig an einzusehen, dass „die Götter oben die Angelegenheiten
der Menschen mit gerechten Augen überwachen“ und die Hand einer alles
beherrschenden gütigen Vorsehung zu erkennen.
Das Folgende sind Thatsachen, die wohl überlegt sein wollen. Ich hatte
an einem Tage des October 1869 den Auftrag bekommen, Livingstone
aufzusuchen. Herr Bennett hatte das Geld bereit liegen und ich war
reisefertig. Doch möge der Leser wohl darauf achten, dass ich nicht
sofort meine Expedition antrat. Ich hatte noch viele Aufgaben zu
erfüllen und viele tausend Meilen zu reisen, ehe ich dazu kam. Gesetzt
nun, ich wäre von Paris direct nach Zanzibar gegangen, so hätte ich
mich sieben bis acht Monate nach meiner Ankunft daselbst zwar in
Udschidschi befunden, Livingstone wäre aber dort nicht aufgefunden
worden; denn er war damals auf dem Lualaba und ich hätte ihm durch
die Urwälder von Manyuema, auf unwegsamen Pfaden und längs des krummen
Laufs des Lualaba Hunderte von Meilen folgen müssen. Die Zeit, die
ich dazu brauchte, um den Nil hinauf, nach Jerusalem, Konstantinopel,
Süd-Russland, dem Kaukasus und Persien zu reisen, benutzte Livingstone
zu fruchtbaren Entdeckungen im Westen des Tanganika. Man bedenke
ferner, dass ich in der letzten Hälfte des Juni in Unyanyembé ankam
und daselbst drei Monate lang durch einen Krieg aufgehalten, ein
unzufriedenes, ungeduldiges, ärgerliches Leben führte. Während ich mich
aber so abärgerte und durch eine Reihe von Zufälligkeiten aufgehalten
wurde, war Livingstone in demselben Monat gezwungen, nach Udschidschi
zurückzukehren. Er brauchte die Zeit vom Juni bis zum October, um
nach Udschidschi zu gelangen. Und im September befreite ich mich von
der Knechtschaft, in welche mich der Zufall gebannt hatte, und eilte
südlich nach Ukonongo, dann westlich nach Kawendi, darauf nördlich
nach Uvinza und schliesslich wieder westlich nach Udschidschi, wo ich
ungefähr drei Wochen nach Livingstone ankam, um ihn hier unter der
Veranda seines Hauses ruhend und sehnsüchtig nach Osten blickend zu
finden, nach der Weltgegend, wo ich herkam. Wäre ich direct von Paris
abgegangen, um ihn aufzusuchen, so hätte ich ihn vielleicht nicht
aufgefunden und dasselbe hätte leicht der Fall sein können, wenn ich im
Stande gewesen wäre, direct von Unyanyembé nach Udschidschi zu ziehen.
Unter den Palmen von Udschidschi kamen und gingen die Tage friedlich
und glücklich. Mein Gefährte nahm an Gesundheit und guter Laune
zu. Ihm war das Leben wiedergegeben, die schwindende Lebenskraft
wiederhergestellt worden; der Enthusiasmus für seine Aufgabe erreichte
allmählich wieder die Höhe, die ihn zu dem Wunsche zwang, wieder im
Stande zu sein, etwas zu leisten. Was konnte er aber mit fünf Menschen
und 15 bis 20 Stück Zeug thun?
„Haben Sie das nördliche Ende des Tanganika gesehen?“ fragte ich ihn
eines Tages.
„Nein. Ich habe es versucht dahin zu gehen, doch thaten die
Wadschidschi alles mögliche, um mich auszuziehen, wie sie es mit Burton
und Speke gethan, und ich hatte nicht viel Zeug. Wäre ich an das Ende
des Tanganika gegangen, so hätte ich nicht nach Manyuema ziehen können,
und das mittlere Wassersystem ist das wichtigste, und das ist der
Lualaba. Dem gegenüber ist die Frage, ob es eine Verbindung zwischen
dem Tanganika und dem Albert-Nyanza gibt, höchst unbedeutend. Das
grosse Flusssystem ist der Fluss, welcher vom elften Grad südlicher
Breite abfliesst, den ich sieben Grad nach Norden hin verfolgt habe.
Der Chambezi, wie er an seinem südlichen Ende heisst, entwässert
einen grossen Landstrich, der südlich von der südlichsten Quelle des
Tanganika liegt; deshalb muss er der wichtigste sein. Ich habe nicht
den geringsten Zweifel, dass dieser See der obere Tanganika, und der
Albert-Nyanza Baker’s der untere Tanganika ist, welche durch einen
Fluss verbunden werden, der vom obern in den untern läuft. Das ist
meine Meinung, welche sich auf arabische Berichte und einen Versuch
gründet, den ich mit Wasserpflanzen über seinen Verlauf angestellt
habe. Doch habe ich eigentlich nie viel darüber nachgedacht.“
„Nun, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Doctor, so würde ich, ehe ich
Udschidschi verliess, das untersuchen und die Zweifel über diesen
Gegenstand lösen für den Fall, dass Sie, nachdem Sie hier fortgezogen,
nicht wieder auf demselben Wege zurückkehren. Die Geographische
Gesellschaft legt viel Gewicht auf diese vermeintliche Verbindung
und erklärt, Sie wären der einzige Mann, der die Frage lösen kann.
Wenn ich Ihnen dabei von Nutzen sein kann, so haben Sie über mich zu
befehlen. Obgleich ich nicht als Forscher nach Afrika gekommen, so bin
ich doch in Bezug hierauf ziemlich wissbegierig und würde Sie sehr
gern begleiten. Ich habe ungefähr zwanzig Leute bei mir, die zu rudern
verstehen; auch haben wir hinreichend viel Gewehre, Zeuge und Perlen.
Wenn wir also von den Arabern ein Boot bekommen können, so lässt sich
die Sache leicht machen.“
„O ja, wir können ein Canoe von Sayd bin Madschid bekommen. Dieser Mann
ist sehr freundlich gegen mich gewesen und wenn es einen arabischen
Gentleman gibt, so ist er es.“
„Dann ist es also abgemacht, dass wir gehen?“
„Ja! ich bin dazu bereit, sobald Sie es sind.“
„Ich stehe zu Ihren Befehlen. Hören Sie denn nicht, dass meine Leute
Sie den “grossen Herrn„ und mich den “kleinen Herrn„ nennen? Es würde
sich doch nicht passen, dass der kleine Herr befiehlt.“
Jetzt fing ich an Livingstone zu kennen. Ich behaupte, dass niemand
in seiner Gesellschaft sein kann, ohne ihn vollständig zu ergründen,
denn es ist kein Falsch in ihm und wie er äusserlich erscheint, so ist
auch sein Inneres beschaffen. Ich hoffe, dass ich in meiner Skizze
seines Charakters und seiner Entdeckungen niemand beleidige; denn ich
gebe einfach meine Meinung über den Mann, wie ich ihn gesehen und
erkannt habe, nicht wie er sich selbst darstellt oder wie man ihn
mir geschildert hat. Ich habe vom 10. November 1871 bis zum 14. März
1872 mit ihm zusammen gelebt, sein Leben im Lager und auf dem Marsche
beobachtet und empfinde für ihn unbedingte Bewunderung. Das Lager ist
der beste Ort, um die Schwächen eines Menschen an den Tag zu bringen,
denn hier entwickelt er bestimmt, wenn er launig oder querköpfig
ist, seine Sonderbarkeiten und schwachen Seiten. Ich halte es jedoch
für möglich, dass Livingstone die Gesellschaft eines nicht passenden
Genossen lästig geworden wäre. Ich weiss wenigstens, dass mir das sehr
leicht widerfahren kann, wenn jemand einen so schroffen Charakter hat,
dass es unmöglich ist, mit ihm zu reisen. Ich habe Leute gesehen, in
deren Gesellschaft ich mich so geknechtet fühlte, dass es eine Pflicht
der Selbstachtung war, mich sobald wie möglich von ihnen zu befreien,
wo ich es empfand, dass wir durchaus nicht zueinanderpassten und dass
meine Natur sich der ihrigen nie assimiliren könnte. Livingstone’s
Charakter hingegen ist so, dass ich ihn verehren muss. Er hat meine
ganze Begeisterung und nichts als die aufrichtigste Bewunderung
hervorgerufen.
Dr. Livingstone ist ungefähr 60 Jahre alt, erschien jedoch, nachdem er
völlig wiederhergestellt war, mehr wie ein Mann, der sein funfzigstes
Jahr noch nicht überschritten hat. Sein Haar ist noch von bräunlicher
Farbe, hier und da jedoch an den Schläfen mit etwas grau gemischt.
Backen- und Schnurrbart sind sehr grau; die Augen nussbraun und
ausserordentlich klar; er sieht so scharf wie ein Habicht. Nur die
Zähne zeigen die Schwäche des Alters an, denn die harte Kost in Lunda
hat in ihren Reihen Verheerungen angerichtet. Seine Gestalt, die bald
etwas an Corpulenz gewann, ist ein wenig mehr als mittelgross und etwas
gekrümmt. Wenn er geht hat er einen festen, aber schweren Tritt, der
dem eines überangestrengten oder ermüdeten Mannes gleicht. Gewöhnlich
trägt er eine Matrosenmütze mit grossem runden Schirm, an dem man
ihn in ganz Afrika wiedererkannt hat. Seine Kleidung zeigte, als ich
ihn zuerst sah, Spuren von Flickereien und Ausbesserungen, war aber
pedantisch reinlich.
Man hatte mich zu dem Glauben verleitet, dass Livingstone einen
menschenfeindlichen, griesgrämigen Charakter habe. Einige haben
behauptet, er sei geschwätzig; andere, er sei geistig gestört und
ganz anders geworden als der David Livingstone, den man als Missionär
verehrt habe; er zeichne nur Notizen und Beobachtungen auf, die kein
anderer als er selbst lesen könne; und ehe ich nach Central-Afrika kam,
hiess es, er sei mit einer afrikanischen Prinzessin verheirathet.
Alle diese Behauptungen muss ich entschieden in Abrede stellen. Ich
gebe zu, dass er kein Engel ist, doch nähert er sich einem solchen
Wesen so sehr, als die Natur eines lebenden Menschen es gestattet.
Nie habe ich eine Spur von Menschenfeindlichkeit oder Hypochondrie
an ihm bemerkt, und was die Geschwätzigkeit betrifft, so ist Dr.
Livingstone gerade das Gegentheil; er ist im höchsten Grade reservirt,
und demjenigen, welcher behauptet, Dr. Livingstone habe sich verändert,
kann ich nur erwidern, dass er ihn nie gekannt, denn es ist notorisch,
dass Livingstone einen Fond von ruhigem Humor besitzt, den er zu
jeder Zeit in Gesellschaft von Freunden an den Tag legt. Auch muss
ich mir die Freiheit nehmen den Herrn zu rectificiren, der mir
gesagt, Livingstone schreibe sich weder Notizen noch Beobachtungen
auf. Das grosse Tagebuch, das ich seiner Tochter mitbrachte, ist voll
von Bemerkungen und enthält nicht weniger als zwanzig Bogen voll
Beobachtungen, die er blos während seiner letzten Reise nach Manyuema
gemacht hat. In der Mitte des Buches ist ein Bogen nach dem andern,
eine Spalte nach der andern sorgfältig nur mit Zahlen beschrieben.
Auch enthält ein grosser Brief, den ich von ihm zur Beförderung an
Sir Thomas MacLear erhalten habe, nichts als Beobachtungen. Während
der vier Monate, die ich mit ihm zusammen war, habe ich es jeden
Abend gesehen, wie er sorgfältig Aufzeichnungen machte. Ein grosser
Blechkasten, den er mit sich führt, enthält zahllose Notizbücher, deren
Inhalt, wie ich glaube, noch einmal an das Tageslicht kommen wird. Auch
seine Karten bekunden viel Sorgfalt und Fleiss. Was das Gerücht über
seine afrikanische Heirath betrifft, so ist es überflüssig mehr darüber
zu sagen, als dass es unwahr ist, da es ganz unter der Würde eines
Gentleman ist, so etwas in Verbindung mit dem Namen Livingstone auch
nur anzudeuten.
Man kann jeden Zug in Dr. Livingstone’s Charakter sorgfältig analysiren
und es wird kein Mensch daran etwas auszusetzen finden. Er ist, wie
ich weiss, empfindlich, doch ist das mancher Mann von grossem Geist
und edlem Charakter. Namentlich ist er darüber empfindlich, wenn man
an ihm zweifelt oder kritisirt. Wer bezweifelt ihn aber auch? Das thun
nur stubenhockende Geographen, nicht aber die angestrengt thätigen
Reisenden, die zu hunderten auf der Liste der Königl. Geographischen
Gesellschaft stehen. Ich habe nicht gefunden, dass ein Richard Burton
oder Winwood Reade ihn kritisiren, und es kann einem Manne, der soviel
Mühe und Fleiss daran gewandt hat, nicht angenehm sein, wenn seine
Karten und Beobachtungen nach den Launen unverantwortlicher Leute
abgeändert werden. Livingstone kann in seinen Schlüssen in Bezug auf
manche Dinge im Irrthum sein, doch kann ihn ein Geograph, der zu
Hause bleibt, nur corrigiren, wenn er Daten von Leuten erhalten hat,
welche dieselbe Gegend erforscht haben. Weder Francis Galton noch
Dr. Beke können durch gelehrte Ueberzeugungen die Nichtexistenz des
Tanganika-Sees beweisen, denn vier Reisende haben ihn gesehen und
darüber Bericht erstattet. Weder Francis Galton noch Dr. Beke können
dem Oberst Grant beweisen, dass ein Strom wie der Victoria-Nil nicht
existirt. Und doch, wieviel hat der Oberst Grant von diesem Fluss,
diesem Strom gesehen? Noch keine funfzig Meilen. Da er ihn aber nach
Norden und Nordwesten hat fliessen sehen, glaubte er aufrichtig
und ehrlich, dass es derselbe Fluss ist, den er an Gondokoro hat
vorbeifliessen sehen. So ist auch Livingstone der Meinung, nachdem er
den Chambezi, Luapula und Lualaba über sieben Breitengrade verfolgt
und ihn immer noch nach Norden hat fliessen sehen, auch von den
Eingeborenen gehört hat, dass ein grosser See sich nördlich von dem
Punkt befindet, auf dem er auf seinem gewaltigen Marsche nach Norden
halt machte, als er dem Lauf des mächtigen Lualaba folgte -- dass
dieser Lualaba nichts anders als der Nil ist. Hat er denn nicht ein
Recht dazu, sich dadurch gekränkt zu fühlen, dass stubenhockerische
Geographen eine grosse, über drei Breitengrade sich erstreckende
Gebirgskette hinzeichnen, nur um durch diese schwarze, düster
aussehende Linie zu beweisen, „dass er die Zeit über mit dem Kopfe
gegen eine Steinmauer gerannt sei?“ Livingstone versteht es trotz all
seiner Kenntniss des geheimnissvollen Afrika noch nicht, ein Gebirge
zu fabriciren; er ist zu einfach, um es zu unternehmen, das Aussehen
der Natur nach einer beliebigen Methode, die nur gemüthlich zu Hause
bleibenden Geographen bekannt ist, umzuwandeln.[4]
Ich habe viele liebenswürdige Züge an Livingstone gefunden. Seine
Sanftmuth verlässt ihn niemals; ebenso wenig wie sein hoffnungsvolles
Wesen. Weder aufreibende Sorten, noch Beunruhigungen des Geistes, noch
lange Trennung von Haus und Familie kann ihn zum Klagen bringen. Er
glaubt, alles wird schliesslich doch gut, denn er hat einen festen
Glauben an die Güte der Vorsehung. Er ist, als Spielball unglücklicher
Verhältnisse und der elenden Menschen, die ihm von Zanzibar zugeschickt
worden, getäuscht und fast bis zu Tode gequält worden; dennoch
will er die Aufgabe, die ihm sein Freund Sir Roderick Murchison
gestellt hat, nicht im Stiche lassen. Den strengen Vorschriften der
Pflicht allein hat er Heimat und Bequemlichkeit, Vergnügungen und
Genüsse des civilisirten Lebens geopfert und hat mit dem Heldenmuthe
des Spartaners, der Unbeugsamkeit des Römers, der ausdauernden
Entschlossenheit des Angelsachsen niemals seine Aufgabe hintangesetzt,
wenn sich auch sein Herz nach Hause sehnt, sondern er will seinen
Obliegenheiten nachkommen, bis er Finis unter sein Werk setzen kann.
Livingstone hat eine liebenswürdige Ungezwungenheit, die ich zu
würdigen verstand. So oft er zu lachen anfing war das so ansteckend,
dass ich es ihm nachthun musste. Es war ein Lachen wie das des
„Herrn Teufelsdröck“, das den ganzen Menschen vom Kopf bis zur Zehe
erschüttert. Wenn er eine Geschichte erzählte, so geschah das in einer
Weise, dass man von der Wahrheit derselben überzeugt wurde. Dabei war
sein Gesicht von der überraschenden Komik der Geschichte so verklärt,
dass ich bestimmt wusste, sie sei erzählens- und hörenswerth.
Die hagern Züge, welche mich bei unserer ersten Zusammenkunft
erschreckt hatten, der schwere Tritt, der von Alter und anstrengenden
Reisen sprach, der graue Bart und die leichte Beugung seines Körpers
gaben ein ganz falsches Bild von dem Manne. Unter diesem abstrapazirten
Aeussern lag ein unendlicher Fond von Lustigkeit und unerschöpflichem
Humor; sein rauhes Aeussere schloss ein jugendliches, übersprudelndes
Gemüth in sich. Jeden Tag bekam ich unzählige Scherze, reizende
Anekdoten und interessante Jagdgeschichten zu hören, in denen seine
Freunde Oswell, Webb, Vardon und Gordon Cumming immer die Haupthelden
waren. Im Anfang wusste ich nicht bestimmt, ob nicht diese Jovialität,
dieser Humor und übersprudelnde Witz das Resultat einer nervösen
Aufgeregtheit sei; da ich aber fand, dass sie solange vorhielten als
ich bei ihm war, so muss ich sie für normal halten.
Noch ein Punkt, der meine Aufmerksamkeit besonders auf sich zog, war
sein wunderbares Gedächtniss. Wenn man an die vielen Jahre denkt,
die er in Afrika ohne Bücher zugebracht hat, so kann man es wol als
ein ungewöhnliches Gedächtniss betrachten, dass er ganze Gedichte
aus Byron, Burns, Tennyson, Longfellow, Whittier und Lowell hersagen
kann. Der Grund hierzu liegt wol in der Thatsache, dass er ein fast
ausschliesslich innerliches Leben geführt hat. Zimmermann, der die
Natur des Menschen gründlich studirt hat, sagt in dieser Beziehung:
„So erinnert man sich auch leicht an alles, was man gelesen, gehört,
gethan, erfahren und gedacht hat. Jeder Blick ins Stille erzeugt dann
neue Gedanken und gewährt dem Geiste die reinsten Vergnügungen. Man
schaut zurück auf das Vergangene, schaut vor sich hin auf die Zukunft
und vergisst auch wol Vergangenheit und Zukunft bei dem Genüsse seines
gegenwärtigen Glücks.“ (J. G. Zimmermann, Ueber die Einsamkeit.
Leipzig, 1785.) Er hat ganz in einer innerlichen Welt gelebt, aus der
er selten erwachte, ausser um sich dem zuzuwenden, was für ihn und
seine Leute unmittelbar praktisch nothwendig war. Dann verfiel er
wieder in dieselbe glückliche innere Welt, die er mit seinen eigenen
Freunden, Verwandten, Bekannten, mit ihm vertrauter Lektüre, Gedanken
und Ideenassociationen so bevölkert hat, dass seine eigene Welt
überall, wie seine Umgebung auch beschaffen sein mochte, für seinen
gebildeten Geist mehr Anziehendes als die äussere Umgebung besass.
Die Charakteristik von Dr. Livingstone würde nicht vollständig sein,
wenn wir nicht auch die religiöse Seite seines Charakters in Rücksicht
ziehen. Seine Religion ist nicht theoretischer Natur, sondern eine
beständige ernste, aufrichtige Praxis; sie ist weder demonstrativ
noch laut, sondern zeigt sich in ruhiger, praktischer Weise und ist
beständig thätig; sie ist nie aggressiv, was bisweilen sehr lästig,
wenn nicht gar ungebührlich ist. In ihm zeigt die Religion ihre
lieblichsten Züge; sie beherrscht sein Betragen nicht nur gegen
seine Dienstleute, sondern auch gegen die Eingeborenen, die bigotten
Mohammedaner und alle, die mit ihm in Berührung kommen. Ohne dieselbe
wäre Livingstone mit seinem hitzigen Temperament, seiner Begeisterung,
seinem Muth und strebsamem Geist ein sehr unumgänglicher Mensch und
harter Herr geworden. Die Religion hat ihn gezähmt und ihn zu einem
christlichen Gentleman gemacht; alles Rohe und Eigenwillige ist
dadurch veredelt und unterdrückt worden. Die Religion hat ihn zu dem
umgänglichsten Menschen und nachsichtigsten Herrn gemacht, zu einem
Manne, dessen Gesellschaft im höchsten Grade angenehm ist.
Ich habe oft zugehört, wie unsere Diener unsere verschiedenen
Eigenschaften besprachen. „Euer Herr“, sagten meine Diener zu denen
von Livingstone, „ist ein guter Mann, ein sehr guter Mann; er schlägt
euch nicht, denn er hat ein gutes Herz; aber der unserige -- ach,
der ist scharf und heiss wie Feuer «mkali sana, kana moto».“ Während
er im Anfange bei seiner Ankunft in Udschidschi von den Arabern und
Mischlingen gehasst und in jeder möglichen Weise chicanirt worden ist,
hat er sich durch seine stets gleichbleibende Güte und sein mildes,
angenehmes Temperament Aller Herzen gewonnen. Ich habe es gesehen,
dass ihm allgemeine Achtung gezollt wurde. Selbst die Mohammedaner
gingen nie an seinem Hause vorüber, ohne anzusprechen und ihn zu
begrüssen und ihm ein: «der Segen Gottes ruhe auf Euch!» zuzurufen.
Jeden Sonntag-Morgen versammelte er seine kleine Gemeinde um sich und
las ihnen Gebete und ein Kapitel aus der Bibel in einem natürlichen,
ungezierten und aufrichtigen Tone vor. Darauf hielt er eine kurze
Anrede in der Kiswahili-Sprache über den verlesenen Gegenstand, dem
seine Zuhörer mit offenbarem Interesse und grosser Aufmerksamkeit
folgten.
Es gibt noch einen Punkt in Livingstone’s Charakter, über den
diejenigen, welche seine Bücher lesen und seine Reisen studiren,
Auskunft haben möchten, und das ist seine Fähigkeit, dem schrecklichen
Klima Central-Afrikas Widerstand zu leisten, die consequente Energie,
mit der er seine Forschungen verfolgt. Diese letztere ist ihm und
seiner Rasse angeboren. Er bietet ein schönes Beispiel der Ausdauer,
Standhaftigkeit und Zähigkeit, welche den Angelsachsen auszeichnen;
doch ist seine Fähigkeit, dem Klima Widerstand zu leisten, nicht nur
der glücklichen Constitution, die ihm angeboren ist, sondern auch
dem streng mässigen Leben, das er stets geführt hat, zuzuschreiben.
Ein Trunkenbold oder ein Mann von lasterhaften Angewohnheiten könnte
niemals das Klima von Central-Afrika vertragen.
Am zweiten Tage nach meiner Ankunft in Udschidschi fragte ich
Livingstone, ob er sich nicht bisweilen danach sehne, seine Heimat
wiederzusehen und sich nach sechsjährigen Forschungen etwas auszuruhen.
Die Antwort, die er mir darauf gab, kennzeichnet den ganzen Mann. Er
sagte nämlich:
„Sehr gern würde ich nach Hause gehen und meine Kinder noch einmal
sehen; ich kann es aber nicht über mich gewinnen, die Aufgabe, die ich
mir gesetzt, jetzt im Stiche zu lassen, wo sie fast vollendet ist.
Es gehören nur noch sechs bis sieben Monate dazu, um die wirkliche
Quelle, die ich entdeckt habe, in Zusammenhang zu bringen mit dem
Petherick’schen Arm des Weissen Nils oder mit Sir Samuel Baker’s
Albert-Nyanza, welches der See ist, den die Eingeborenen “Tschowambe„
nennen. Warum sollte ich nach Hause gehen, ehe meine Aufgabe beendet
ist, um wieder zurückkehren zu müssen und dann erst etwas zu leisten,
was ich jetzt gut zu Stande bringen kann?“
„Und warum“, fragte ich, „sind Sie soweit zurückgekehrt, ohne die
Aufgabe, von der Sie sagen, dass sie geleistet werden müsse, zu
beendigen?“
„Einfach, weil ich dazu gezwungen war. Meine Leute wollten nicht einen
Schritt weitergehen. Sie empörten sich und beschlossen heimlich, wenn
ich darauf bestände, weiterzugehen, Unruhen im Lande zu erregen,
und nachdem sie das zu Stande gebracht, mich im Stich zu lassen. In
diesem Falle wäre ich ermordet worden. Es war gefährlich vorwärts
zu gehen. Ich hatte 600 Meilen der Wasserscheide erforscht und die
hauptsächlichsten Flüsse, die ihr Wasser in das Central-Wassersystem
ergiessen, untersucht; als ich aber die letzten 100 Meilen untersuchen
wollte, verloren meine Leute den Muth und machten sich daran, meine
Absicht in jeder möglichen Weise zu vereiteln. Jetzt, wo ich 700 Meilen
zurückgelegt habe, um mir neue Vorräthe und eine neue Begleitung zu
verschaffen, finde ich mich selbst von den Mitteln verlassen, um nur
ein paar Wochen zu leben, und bin krank an Geist und Körper.“
Hier frage ich den Leser, wie er sich wol in einer solchen Krisis
unter einer solchen Last von Schwierigkeiten benommen haben würde.
Viele wären gewiss in grosser Eile gewesen, nach Hause zu kommen,
um die neuen Entdeckungen, die aus den fortgesetzten Forschungen
hervorgegangen, zu veröffentlichen und die Angst der trauernden, auf
seine Rückkehr wartenden Familie und Freunde zu beschwichtigen. Es
war doch sicherlich hinreichend viel für die Lösung des Problems,
das den Geist seiner wissenschaftlichen Genossen in der Königl.
Geographischen Gesellschaft bewegte, geleistet worden. Das war ja keine
unfruchtbare Forschung, sondern schwere, ernste, jahrelange Arbeit voll
Selbstverleugnung, ausdauernder Geduld und erhabener Tapferkeit, wie
sie gewöhnliche Menschen nicht aufzuweisen haben.
Wenn nun Livingstone der Sitte anderer Reisender gefolgt und an die
Küste geeilt wäre, nachdem er den See Bangweolo entdeckt, um der
geographischen Welt darüber Mittheilung zu machen? Wenn er dann
wieder zurückgekehrt wäre, um den Moero zu entdecken und über diesen
Bericht erstattet, und dann dasselbe Verfahren bei der Entdeckung
des Kamolondo abermals eingeschlagen hätte? Er hingegen entdeckt
nicht nur den Chambezi, den See Bangweolo, den Fluss Luapula, den
See Moero, den Fluss Lualaba und den See Kamolondo, sondern dringt
noch weiter vorwärts, um das grossartige See- und Flusssystem in
seinem Zusammenhang vollständig zu erforschen. Wäre er dem Beispiel
gewöhnlicher Reisender gefolgt, so hätte er viel Zeit auf Hin- und
Herreisen verwandt, um Mittheilungen zu machen, statt zu forschen,
und wäre im Stande gewesen, ein Buch über die Entdeckung eines jeden
einzelnen Sees zu schreiben und dadurch viel Geld zu verdienen. Der
Inhalt seiner Bücher besteht aber nicht in den Forschungen weniger
Monate. Seine „Missions-Reisen“ umfassen eine Periode von sechzehn
Jahren; sein Buch über den Zambezi fünf Jahre, und wenn der grosse
Reisende solange lebt um heimzukehren, so wird sein drittes Werk,
das grossartigste von allen, die Berichte von acht bis neun Jahren
enthalten.
Bei Livingstone ist es Princip, was er unternimmt gut durchzuführen,
und im Bewusstsein, dass er dies thut, findet er trotz seiner Sehnsucht
nach der Heimat, die bisweilen überwältigend ist, einen gewissen
Grad von Zufriedenheit, wenn nicht Glückseligkeit. Während anders
geartete Leute einen langen Aufenthalt unter den Wilden Afrikas mit
Schrecken betrachten würden, so findet Livingstone’s Geist Freude und
Nahrung für seine wissenschaftlichen Studien darin. Die Wunder der
Urwelt, die grossen Wälder und hohen Gebirge, die unversieglichen
Ströme und Quellen der grossen Seen, die Wunder der Erde, die
Herrlichkeiten des tropischen Himmels bei Tag und Nacht, kurz alle
Erd- und Himmelserscheinungen sind Manna für einen Mann von solcher
Selbstverleugnung und einem so hingebenden philantropischen Geiste. Der
urwüchsigen Einfachheit der dunkeln Kinder Aethiopiens, unter denen er
so viele Jahre seines Lebens zugebracht hat, kann er Reize abgewinnen.
Er hat einen festen Glauben an ihre Fähigkeiten; sieht Tugend in ihnen,
wo andere nur Barbarei erblicken, und wo er bei ihnen gewesen ist,
hat er versucht das Volk zu heben, das anscheinend von Gott und der
Christenheit vergessen worden ist.
Eines Abends nahm ich mein Notizbuch zur Hand und schrieb ihm die Worte
vom Munde ab, die er mir über seine Reisen mitzutheilen hatte. Ohne
Zaudern erzählte er mir seine Erlebnisse, von denen das Folgende ein
kurzer Abriss ist.
Dr. David Livingstone hat die Insel Zanzibar im März 1866 verlassen.
Am 7. April reiste er von der Mikindiny-Bai mit einer Expedition ins
Innere ab, die aus zwölf Sepoys aus Bombay, neun Johannesen von den
Komoro-Inseln, sieben freigelassenen Sklaven und zwei Leuten aus
Zambezi, die er versuchsweise mitgenommen, nebst sechs Kamelen, drei
Büffeln, zwei Mauleseln und drei Eseln bestand. So hatte er alles in
allem dreissig Leute bei sich, von denen zwölf, nämlich die Sepoys,
als Wächter bei der Expedition dienen sollten. Sie waren meist mit
gezogenen Enfield-Gewehren bewaffnet, welche er von der Regierung in
Bombay geschenkt bekommen hatte. Das Gepäck der Expedition bestand aus
zehn Ballen Zeug und zwei Säcken Perlen, die als Circulationsmittel
zum Einkauf der Lebensbedürfnisse in den Ländern, welche Livingstone
zu besuchen beabsichtigte, verwerthet werden sollten. Ausser diesen
schwerfälligen Tauschmitteln führten sie noch mehrere Kasten voll
Instrumente, wie z. B. Chronometer, Luftthermometer, Sextanten,
künstliche Horizonte, nebst Kisten voll Kleider, Medicin und
persönliche Bedürfnisse mit sich. Die Expedition reiste das linke Ufer
des Rovuma-Flusses hinauf, eine Strasse, die ungemein beschwerlich
ist. Meilenlang mussten Livingstone und seine Begleiter sich den Weg
mit Aexten durch den dichten, fast undurchdringlichen Schilfmoor, der
sich an den Ufern des Flusses hinzieht, bahnen. Der Weg war ein blosser
Fusspfad, der in planlosester Weise in das Dickicht hinein- und wieder
hinausführte, wobei er ohne Rücksicht auf den weitern Verlauf sich
den bequemsten Ausweg suchte. Die Pagazi konnten wol ziemlich bequem
fortkommen, aber die Kamele waren wegen ihrer Grösse nicht im Stande,
einen Schritt vorwärts zu machen, ohne dass ihnen die Aexte der Leute
erst den Weg bahnten. Dieses Instrument war fast überall nothwendig
und das Vorwärtsschreiten der Expedition wurde ausserdem vielfach
aufgehalten durch die bei den Sepoys und Johannesen sich zeigende
Unlust zur Arbeit.
Schon bald nach der Abreise der Expedition von der Küste fing das
Murren und Klagen dieser Leute an, und bei jeder Gelegenheit legten
sie eine entschiedene Abneigung gegen den Weitermarsch an den Tag. Um
die Reise des Doctors zu verhindern und in der Hoffnung, dass sie ihn
zur Rückkehr an die Küste zwingen könnten, behandelten sie die Thiere
so grausam, dass in kürzester Zeit kein einziges mehr am Leben war.
Da aber dieser Plan ihnen mislang, so machten sie sich daran, die
Eingeborenen gegen den Weissen aufzustacheln, den sie frevelhafterweise
ganz eigenthümlicher Dinge beschuldigten. Da ihnen dies wol gelungen
wäre und es gefährlich war, solche Leute in seiner Umgebung zu
haben, so kam der Doctor zu dem Schluss, dass es am besten sei, sie
zu entlassen, und er schickte daher die Sepoys an die Küste zurück,
nachdem er sie mit Lebensmitteln für die Heimreise versehen hatte.
Diese Leute hatten sich in so üblen Ruf gebracht, dass die Eingeborenen
sie als des Doctors Sklaven bezeichneten. Einer ihrer schlimmsten
Fehler war der, dass sie gewohnt waren, ihre Flinten und Munition
dem ersten besten Weib oder Knaben, dem sie begegneten, zum Tragen
zu geben, und diese zu dem Zweck mit Drohungen und Versprechungen
bestürmten, zu deren Verwirklichung sie weder die Macht noch das Recht
hatten. Schon nach einstündigem Marsche waren sie müde und legten sich
dann am Wege hin, um ihr schweres Schicksal zu bejammern und neue Pläne
zu schmieden, wie sie ihres Führers Absichten vereiteln könnten. Gegen
Abend erschienen sie gewöhnlich auf dem Lagergrunde wie halbtodte
Menschen. Derartige Leute waren natürlich eine armselige Begleitung,
denn wäre die Expedition von einem irgendwie erheblichen Stamme
wandernder Eingeborener angegriffen worden, so hätte Livingstone sich
nicht vertheidigen können und es wäre ihm nichts übrig geblieben, als
sich ihnen zu ergeben und unterzugehen.
Am 18. Juli 1866 kam Livingstone und seine kleine Expedition in einem
Dorfe an, das einem Häuptling der Wahiyou gehörte, acht Tagereisen
vom Rovuma entfernt, von wo man die Wasserscheide des Nyassa-Sees
überblickte. Das Gebiet, das zwischen dem Rovuma-Flusse und diesem
Dorfe des Wahiyou-Häuptlings lag, war eine unbewohnte Wildniss, und
Livingstone, sowie seine Expedition, hatte während des Durchschreitens
derselben bedeutend von Hunger und Desertion der Leute zu leiden.
In den ersten Tagen des August 1866 kam der Reisende nach dem Lande
Mponda’s, eines Häuptlings, der in der Nähe des Nyassa-Sees lebt.
Auf dem Wege dahin desertirten ihm zwei Freigelassene. Hier bestand
auch Wekotani -- nicht Wakotani --, ein Schützling des Doctors, auf
seiner Entlassung, angeblich weil er seinen Bruder gefunden habe; die
Unwahrheit dieses Vorwandes stellte sich später heraus. Er behauptete
zugleich, seine Familie lebe auf dem östlichen Ufer des Nyassa-Sees
und Mponda’s Lieblingsfrau sei seine Schwester. Da Livingstone einsah,
dass Wekotani ihn nicht weiter begleiten wolle, brachte er diesen zu
Mponda, der ihn früher weder gesehen, noch je von ihm gehört hatte.
Trotzdem liess er ihn bei diesem Häuptling, nachdem er den undankbaren
Jungen noch mit soviel Zeug und Perlen versehen, dass er davon leben
könne, bis sein „grosser Bruder“ ihn abholen würde, und ausserdem
überzeugte er sich davon, dass Mponda ihn ehrenhaft behandeln werde.
Wekotani konnte lesen und schreiben, was er in der Schule in Bombay
gelernt hatte; Livingstone übergab ihm daher auch Schreibpapier, damit
er, wenn er je dazu Neigung fühlte, Herrn Horace Waller oder ihm selbst
schreiben könne. Ferner schärfte ihm der Doctor ein, sich nicht auf
Sklavenzüge einzulassen, die von seinen Landsleuten, den Nyassanern,
gewöhnlich gegen ihre Nachbarn ausgeführt werden. Als Wekotani fand,
dass sein Entlassungsgesuch Erfolg hatte, versuchte er es, einen andern
Schützling Livingstone’s, den Dschumah, der des Wekotani’s specieller
Gefährte war, gleichfalls dazu zu bewegen, den Dienst zu verlassen und
mit sich fortzunehmen, wobei er ihm als Lohn eine Frau und viel Pombé
von seinem grossen Bruder versprach. Als Dschumah dies dem Doctor
mittheilte, wurde ihm von diesem davon abgerathen, da er den Wekotani
sehr im Verdacht hatte, er wolle Dschumah zum Sklaven machen. Letzterer
zog sich darauf klugerweise von seinem Versucher zurück. Aus dem
Gebiete Mponda’s ging die Reise weiter an das Südende des Nyassa in das
Dorf eines Babisa-Häuptlings, der Arznei gegen eine Hautkrankheit zu
haben wünschte. Mit seiner gewöhnlichen Güte blieb er im Dorf dieses
Häuptlings, um dessen Krankheit zu behandeln.
Während er hier war, kam ein Mann von halb arabischer Abkunft vom
westlichen Ufer des Sees her und berichtete, er sei von einer Bande
Mazitu ausgeplündert worden, an einem Orte, von dem der Doctor und
Musa, der Führer der Johannesen, wohl wussten, dass er wenigstens 150
Meilen nord-nordwestlich von ihrem Aufenthaltsorte entfernt sei. Musa
hörte trotzdem aus Gründen, die wir sofort berichten werden, mit Eifer
der Erzählung des Arabers zu und schenkte ihm vollen Glauben. Nachdem
er sich die schauderhaften Einzelheiten vollständig angeeignet, kam
er zu Livingstone, um ihm das zu berichten, was er selbst so gern
gehört hatte. Der Reisende hörte die Erzählung geduldig an, die
durch Musa’s Bericht nichts von ihrer furchtbaren Bedeutung verlor,
und fragte den letzteren darauf, ob er sie glaube. „Ja“, sagte Musa
rasch in gebrochenem Englisch, „er hat mir die Wahrheit gesagt; ich
habe ihn gut ausgefragt und er sagte mir die Wahrheit.“ Livingstone
erwiderte jedoch, er glaube das nicht, denn die Mazitu würden
sich nicht damit begnügt haben, den Mann blos zu prügeln, sondern
hätten ihn bestimmt ermordet; doch schlug er vor, sie beide möchten
sich, um die Befürchtungen seines muselmännischen Untergebenen zu
beschwichtigen, an den Häuptling, bei dem sie sich aufhielten, wenden,
der als ein verständiger Mann im Stande sein werde, ihnen über die
Wahrscheinlichkeit dieser Erzählung Auskunft zu geben. Sie gingen also
zusammen zum Babisa-Häuptling, der, als er die Geschichte des Arabers
hörte, denselben ohne Zaudern für einen Lügner und seine Geschichte
für vollständig unbegründet erklärte, was er daraus schloss, dass er
sicherlich zeitig von der Anwesenheit der Mazitu gehört hätte, falls
sie vor kurzem in der Gegend gewesen wären.
Musa jedoch brach in die Worte aus: „Nein, nein, Doctor, nein, nein,
nein! Ich wünsche nicht, zu den Mazitu zu gehen. Ich wünsche nicht, von
den Mazitu getödtet zu werden, sondern will Vater, Mutter und Kind in
Johanna wiedersehen. Ich wünsche mir keine Mazitu!“ Das waren Musa’s
eigene Worte.
Livingstone erwiderte hierauf: „Auch ich wünsche nicht von den Mazitu
getödtet zu werden, da Ihr sie aber fürchtet, so verspreche ich Euch,
direct nach Westen zu gehen, bis wir weit aus dem Bereich der Mazitu
heraus sind.“
Musa war jedoch dadurch nicht befriedigt, sondern seufzte und härmte
sich weiter und meinte: „Wenn wir zweihundert Gewehre bei uns hätten,
so würde ich gehen; unsere kleine Expedition wird aber über Nacht
überfallen und getödtet werden.“
Livingstone wiederholte hierauf sein Versprechen, dass er nicht in ihre
Nähe, sondern nach Westen ziehen werde.
Sobald er sich aber nach Westen wandte, liefen Musa und die Johannesen
insgesammt fort.
Als der Doctor sich über Musa’s Betragen ausliess, sagte er, er habe
sich sehr stark versucht gefühlt, Musa und einen andern Rädelsführer
zu erschiessen, sei aber trotzdem froh darüber, seine Hände nicht mit
dem Blute dieser Spitzbuben besudelt zu haben. Ein paar Tage später kam
noch ein anderer von Livingstone’s Leuten, namens Simeon Price, mit
derselben Erzählung über die Mazitu zu ihm; da dieser aber durch die
kleine Zahl seiner Leute gezwungen war, alle derartige Neigungen zur
Desertion und Schwachmüthigkeit zu unterdrücken, so brachte er jenen
sofort zum Schweigen und verbot ihm auf das strengste, noch einmal den
Namen der Mazitu auszusprechen.
Hätten ihm die Eingeborenen nicht beigestanden, so hätte er daran
verzweifeln müssen, je in das wilde, unerforschte Innere, das er jetzt
zu betreten im Begriff stand, zu gelangen. „Zum Glück“, sagte er mit
Salbung, „befand ich mich jetzt, nachdem ich die Ufer des Nyassa
verlassen, in einem Lande, in welches noch nie ein Sklavenhändler den
Fuss gesetzt. Es war ein neues, jungfräuliches Land und infolge dessen
sind, wie ich es stets gefunden habe, die Eingeborenen gut und gastfrei
und sie trugen mir mein Gepäck gegen eine sehr geringe Gabe an Zeug von
Dorf zu Dorf.“ Noch in vielen andern Beziehungen wurde der Reisende in
seiner Noth von diesen noch unverdorbenen, unschuldigen Eingeborenen
freundlich behandelt.
Als Livingstone diese gastfreie Gegend im Anfange des December
1866 verliess, kam er in ein Land, wo die Mazitu ihre gewohnten
Räubereien ausgeführt hatten. Dasselbe war von allen Vorräthen und
Vieh vollständig ausgeplündert worden und das Volk in andere Gegenden,
die ausserhalb des Bereichs dieser wilden Räuber lagen, ausgewandert.
Wiederum wurde die Reisegesellschaft von quälendem Hunger gepeinigt
und musste zu wilden Früchten, die in einigen Theilen dieses Landes
wachsen, ihre Zuflucht nehmen. Zu Zeiten wurde der Zustand dieser
schwer heimgesuchten Expedition noch durch die herzlose Desertion
einiger Mitglieder verschlimmert, die mehr als einmal mit Livingstone’s
persönlichem Gepäck, seinen zum Wechseln bestimmten Kleidern und seiner
Wäsche fortliefen. Unter grössern und kleinern Unglücksfällen, die ihn
hartnäckig verfolgten, kam er doch sicher durch die Länder der Babisa,
Bobemba, Barungu, Ba-ulunga und Lunda.
Im Lande Lunda lebt der berühmte Cazembe, der den Europäern zuerst
durch den portugiesischen Reisenden Dr. Lacerda bekannt geworden ist.
Cazembe ist ein sehr intelligenter Fürst; ein grosser, stämmiger Mann,
der eine eigenthümliche, aus gedruckten rothen Stoffen bestehende
Kleidung, in der Form eines grossen schottischen Männerunterrocks,
trägt. In diesem Staatsanzuge empfing König Cazembe, von seinen
Häuptlingen und Leibwachen umgeben, den Dr. Livingstone. Ein Häuptling,
der vom König und den Aeltesten abgesandt worden, um alle Einzelheiten
über den Weissen zu erfahren, erhob sich darauf vor der Versammlung
und trug das Resultat seiner Untersuchungen mit lauter Stimme vor.
Er hatte erfahren, der Weisse sei angekommen, um sich die Gewässer,
Flüsse und Seen anzusehen und bezweifelte, obwol er nicht begreifen
konnte, wozu der Weisse dies brauche, durchaus nicht, dass sein Zweck
gut sei. Darauf fragte Cazembe den Doctor, was er vorhabe und wohin er
gehen wolle. Dieser erwiderte ihm, er habe daran gedacht, nach Süden
zu ziehen, da er von Seen und Flüssen gehört, die in jener Richtung
lägen. Hierauf fragte Cazembe: „Wozu wollt Ihr dahin gehen? Das Wasser
befindet sich hier ganz in der Nähe. Wir haben in dieser Umgegend viele
grosse Gewässer.“ Ehe die Versammlung auseinanderging, erliess Cazembe
den Befehl, den Weissen überall ungestört und unbelästigt durch sein
Land ziehen zu lassen. Es sei der erste Engländer, den er gesehen,
meinte er, und er habe ihn gern.
Bald nach dieser Einführung beim König kam die Königin in das grosse
Haus, von einer mit Speeren bewaffneten Leibwache von Amazonen umgeben.
Sie war eine schöne, schlanke, stattliche junge Frau und dachte
offenbar, sie werde auf den bäurischen Weissen einen grossen Eindruck
machen, denn sie hatte sich in höchst königlicher Weise angethan und
war mit einem schweren Speer bewaffnet. Doch brachte ihre Erscheinung,
die so ganz anders war, als Livingstone sich eingebildet, diesen zum
Lachen und vereitelte dadurch die beabsichtigte Wirkung vollständig,
denn das Gelächter des Doctors war so ansteckend, dass die Königin
selbst es zuerst nachmachte und die Amazonen in höfischer Weise ihr
folgten. Hierdurch ausser Fassung gebracht, lief die Königin, von ihren
gehorsamen Dämchen begleitet, in höchst würdeloser und im Vergleich
zu der majestätischen Art, in welcher sie aufgezogen war, ziemlich
unköniglicher Weise zurück. Livingstone wird noch viel über seinen
Empfang an diesem Hofe, sowie den interessanten König und seine Königin
zu erzählen haben. Und wer kann wol so gut wie er selbst die von ihm
persönlich erlebten Scenen beschreiben?
Bald nach seiner Ankunft im Lande Lunda oder Londa, noch ehe er den
Bezirk, über den Cazembe herrscht, betreten hatte, war er über den
Chambezi genannten Fluss gekommen, der ein ganz bedeutender Strom
ist. Die Aehnlichkeit des Namens mit dem grossen, schönen, südlichen
Fluss, der auf immer mit Livingstone’s Namen verbunden sein wird,
führte diesen zu der Zeit irre und er zollte ihm daher nicht die
Aufmerksamkeit, die ihm gebührte, sondern hielt den Chambezi nur für
ein Wasser, aus dem der Zambezi entsteht, und glaubte daher, dass er
keine Beziehung zu den Quellen des ägyptischen Flusses habe, die er
aufsuchte. Sein Fehler bestand darin, dass er sich zu sehr auf die
Genauigkeit der portugiesischen Nachrichten verliess und es hat ihm
viele Monate langwieriger Mühen und Reisen gekostet, denselben wieder
gut zu machen.
Seit dem Anfang des Jahres 1867, wo er im Reiche Cazembe’s ankam,
bis Mitte März 1869, der Zeit seiner Ankunft in Udschidschi, war er
meist damit beschäftigt, die Irrthümer und falschen Darstellungen
portugiesischer Reisender zu berichtigen. Wenn die Portugiesen vom
Flusse Chambezi sprechen, so nennen sie ihn immer „unsern eigenen
Zambezi“, welcher nämlich durch die portugiesischen Besitzungen
in Mozambique fliesst. Sie hatten Livingstone gesagt: „Wenn Sie
vom Nyassa zu Cazembe ziehen, so werden Sie unsern eigenen Zambezi
überschreiten“. Diese bestimmte, wiederholte, nicht nur mündlich
abgegebene, sondern auch in ihren Büchern und Karten verzeichnete
Nachricht wirkte natürlich verwirrend. Als Livingstone nun bemerkte,
dass ihre Beschreibungen mit dem, was er selbst gesehen, nicht
übereinstimmten, brach er -- aus einem ernsten Wunsche, Richtiges zu
geben und in Zweifel darüber, ob er sich nicht selbst geirrt habe --
auf, um noch einmal das Stück Land zu bereisen, durch das er schon
gekommen war. Immer aufs neue durchzog er, wie ein ruheloser Geist,
die verschiedenen Länder, die von mehreren Flüssen des complicirten
Wassersystems bewässert werden, und richtete die nämlichen Fragen
an die verschiedenen Völkerschaften, die er besuchte, bis er damit
aufhören musste, um nicht für verrückt zu gelten.
Doch haben seine Reisen und langwierigen Mühsale in Lunda und den
umliegenden Gebieten folgendes über allen Zweifel festgestellt:
erstens, dass der Chambezi ein ganz anderer Fluss als der Zambezi
der Portugiesen ist; und zweitens, dass der Chambezi, der ungefähr
am elften Grad südlicher Breite entspringt, nichts anderes als der
südlichste Zufluss des grossen Nils ist und dadurch diesem berühmten
Flusse eine Länge von mehr als 2000 Meilen, den Breitengraden nach,
gibt, wodurch er zum zweiten Fluss nach dem Mississippi, dem längsten
Strom der Erde, wird. Der wirkliche Name des Zambezi ist Dombazi.
Als Lacerda und seine portugiesischen Nachfolger bei ihrem Besuch
bei Cazembe den Chambezi überschritten und seinen Namen hörten, war
es natürlich, dass sie ihn als „unsern eigenen Zambezi“ bezeichneten
und ihn, ohne weitere Untersuchung, so darstellten, als ob er in der
Richtung dieses Stromes fliesse.
Während seiner Untersuchungen in dieser Gegend, die so reich an
Entdeckungen waren, kam Livingstone an einen See, der nordöstlich von
Cazembe liegt und von den Eingeborenen Liemba genannt wird, nach dem
gleichnamigen Lande, das im Osten und Süden an denselben grenzt. Als er
diesen See nach Norden verfolgte fand er, dass es der Tanganika oder
vielmehr sein südöstlichstes Ende sei, welches auf seiner Karte dem
Umriss von Italien sehr ähnlich sieht. Der Breitengrad des südlichen
Endes dieses grossen Wasserkörpers ist ungefähr 8° 42′ südlicher
Breite, wodurch er eine Länge von 360 engl. geographischen Meilen
von Norden nach Süden erhält. Vom südlichen Ende des Tanganika zog
Livingstone nach Marungu und bekam den See Moero in Sicht. Als er
diesen See, der ungefähr 60 Meilen lang ist, bis an sein südliches Ende
verfolgte, entdeckte er einen Fluss, der Luapula heisst und aus jener
Himmelsgegend in denselben eintritt. Dem Luapula nach Süden folgend
fand er, dass derselbe aus dem grossen See Bangweolo entspringt, der in
seinem Flächenumfang beinahe ebenso gross wie der Tanganika ist. Als er
die Gewässer untersuchte, welche sich in diesen See ergiessen, stellte
sich heraus, dass der Chambezi der bei weitem bedeutendste unter
diesen Zuflüssen sei, sodass er den Chambezi von seiner Quelle bis zum
See Bangweolo und den Ausfluss aus dessen nördlichem Ende, unter dem
Namen Luapula, verfolgt und gefunden hat, dass er in den See Moero
fliesst. Wiederum kehrte er nach dem Reiche Cazembe’s mit der vollen
Ueberzeugung zurück, dass der durch drei Breitengrade nach Norden sich
verlaufende Fluss nicht derselbe sein könne, wie der unter dem Namen
Zambezi nach Süden fliessende, obgleich ihre Namen sehr ähnlich lauten.
In Cazembe’s Wohnsitz fand er ein altes, weissbärtiges, der
Mischlingsrasse angehöriges Individuum, namens Mahommed bin Sali, der
vom Könige, wegen gewisser verdächtiger Umstände bei seiner Ankunft und
seinem Aufenthalte im Lande, als eine Art Staatsgefangener behandelt
wurde. Durch Livingstone’s Einfluss wurde Mahommed bin Sali befreit.
Auf seinem Wege nach Udschidschi hatte er Ursache es sehr zu bereuen,
dass er sich für dieses Halbblutindividuum ins Mittel gelegt hatte.
Er erwies sich nämlich als ein elender, undankbarer Wicht, der die
wenigen Begleiter von Livingstone zu verführen suchte und sich bei
ihnen dadurch beliebt machte, dass er ihnen die Gunstbezeugungen
seiner Concubinen verkaufte, wodurch er sie gewissermassen zu knechten
verstand. Hier wurde der Doctor von allen, mit Ausnahme zweier,
verlassen; denn selbst der treue Susi und Dschumah verliessen ihn, um
in Mahommed bin Sali’s Dienste zu treten. Diese aber trennten sich bald
wieder und kehrten zu ihrem alten Herrn zurück. Von dem Tage an, wo er
den gemeinen alten Kerl in seiner Gesellschaft hatte, verfolgte ihn
schweres Misgeschick bis zu seiner Ankunft in Udschidschi im März 1869.
Nun blieb er bis Ende Juni 1869 in Udschidschi, von wo er die Briefe
schrieb, welche, obwol die Laienwelt es bezweifelte, dass er am Leben
sei, doch der Königl. Geographischen Gesellschaft und seinen intimen
Freunden die Ueberzeugung davon beibrachten, sodass diese Musa’s
Bericht für die zwar scharfsinnige, aber lügenhafte Erfindung eines
feigen Deserteurs hielten. Während dieser Zeit fasste er den Gedanken,
um den Tanganika zu segeln; die Araber und Eingeborenen gingen aber so
darauf aus, ihn zu betrügen, dass, falls er dies wirklich unternommen
hätte, der Rest seiner Waaren ihn nicht in den Stand gesetzt haben
würde, das mittlere Wassersystem zu erforschen, dessen Anfangspunkt
er weit im Süden vom Wohnsitze Cazembe’s, ungefähr am elften Grad
südlicher Breite, im Chambezi-Flusse gefunden hat.
In den Tagen, wo Kapitän Burton nach seinem Marsche von der Küste bei
Zanzibar ermüdet in Udschidschi ausruhte, war das Land, in welches
Livingstone bei seiner Abreise von Udschidschi seine Schritte lenkte,
den Arabern nur durch ungenaue Berichte bekannt. Burton und Speke
haben, wie es scheint, nie davon reden hören. Speke, der Geograph
von Burton’s Expedition, hat zwar von einem Ort, der Urua hiess,
gehört, dem er auf seiner Karte nach der allgemeinen, von den Arabern
angegebenen Richtung eine Stelle gab; doch hatten die unternehmendsten
Araber auf ihren Handelsreisen nach Elfenbein nur die Grenze von Rua
berührt, wie die Eingeborenen und Livingstone es nennen; denn Rua ist
ein ungeheures Land, das sechs Breitengrade lang ist und sich in einer
bisher noch unbekannten Breite von Osten nach Westen erstreckt.
Ende Juni 1869 verliess Livingstone Udschidschi und begab sich über den
See nach dem auf dem westlichen Ufer gelegenen Uguhha, um seine letzte
und grösste Reihe von Erforschungen vorzunehmen. Das Resultat derselben
bestand in einer abermaligen Entdeckung eines Sees von erheblicher
Grösse, der mit dem Moero durch den grossen, Lualaba genannten Fluss
in Verbindung steht und eine Fortsetzung der Kette von Seen bildet, die
er vorher entdeckt hatte.
Vom Hafen von Uguhha ging er mit einer Gesellschaft von Händlern
in fast direct westlicher Richtung nach dem Lande Urua ab. Ein
funfzehntägiger Marsch brachte ihn nach Bambarre, dem ersten wichtigen
Elfenbeindepot in Manyema, oder wie die Eingeborenen es aussprechen:
Manyuema. Fast sechs Monate lang wurde er in Bambarre aufgehalten durch
Geschwüre an den Füssen, aus denen Blutwasser floss, sobald er sie auf
den Boden setzte. Als er sich erholt hatte reiste er in nördlicher
Richtung ab und kam nach mehreren Tagen an einen breiten, seeartigen
Fluss, welcher Lualaba heisst und nach Norden und Westen, an einigen
Stellen nach Süden, in sehr verwirrender Weise dahinfliesst. Der
Fluss war 1–3 engl. Meilen breit. Durch grosse Hartnäckigkeit gelang
es Livingstone, dessen labyrinthischen Lauf zu verfolgen, bis er
entdeckte, dass der Lualaba sich in den schmalen, langen See Kamolondo,
ungefähr 6° 30′ südlicher Breite, ergiesst. Als er diesen nach Süden
zu weiter verfolgte, kam er an den Punkt, wo er den Luapula in den See
Moero eintreten sah.
Wenn man Livingstone’s Beschreibungen der Schönheiten der Landschaft am
Moero anhört, so wird man ganz begeistert. Von allen Seiten von hohen
Bergen eingepfercht, welche bis an den Rand von reicher tropischer
Vegetation bekleidet sind, entlässt der Moero sein überflüssiges
Wasser durch einen tiefen Spalt im Busen der Gebirge. Der ungestüme,
grossartige Fluss donnert durch den Spalt wie ein Wasserfall, dehnt
sich aber, nachdem er dieses enge und tiefe Bett verlassen hat, in
den ruhigen, breiten, sich über Meilen erstreckenden Lualaba aus.
Nachdem er grosse Biegungen nach Westen und Südwesten gemacht hat
und sich darauf nach Norden wendet, tritt er in den Kamolondo. Von
den Eingeborenen wird er Lualaba genannt, Livingstone aber hat, um
ihn von andern Flüssen desselben Namens zu unterscheiden, ihm den
Namen „Webb’s Fluss“ gegeben, nach Herrn Webb, dem reichen Besitzer
von Newstead Abbey, den der Doctor als einen seiner ältesten und
treuesten Freunde verehrt. Südwestlich vom Kamolondo befindet sich
ein anderer grosser See, welcher sein Wasser durch den bedeutenden
Fluss Loeki oder Lomami in den grossen Lualaba ergiesst. Diesem See,
der den Eingeborenen als Tschebungo bekannt ist, hat Livingstone den
Namen „Lincoln“ gegeben, damit er später in Büchern und Karten als
Lincoln-See zum Gedächtniss des ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln
bezeichnet werde. Livingstone that dies in Erinnerung an den lebhaften
Eindruck, den es auf ihn machte, als er einen Theil von Lincoln’s
Eröffnungsrede von einer englischen Kanzel hatte verlesen hören, worin
die Ursachen dargelegt waren, die Lincoln dazu bewogen hatten, seine
Emancipations-Proclamation zu erlassen, durch welche denkwürdige That
vier Millionen Sklaven auf immer befreit wurden. Zum Gedächtniss
dieses Mannes, dessen Wirken zu Gunsten der Negerrasse das Lob aller
guten Menschen verdient, hat Livingstone ein Monument errichtet, das
dauerhafter als Erz oder Stein ist.
In Webb’s Fluss tritt von Südsüdwest, etwas nördlich vom Kamolondo, ein
grosser, Lufira genannter Fluss ein; doch sind die Bäche, welche sich
aus der Wasserscheide in den Lualaba ergiessen, so zahlreich, dass des
Doctors Karte sie nicht alle aufnehmen konnte und er sie, mit Ausnahme
der bedeutendsten, ausgelassen hat. Indem er seinen Weg nach Norden
fortsetzte und den Lualaba durch seine mannichfaltigen Curven bis zum
vierten Grad südlicher Breite verfolgte, kam er an einen Ort, wo er von
einem andern See im Norden hörte, in welchen jener fliesst. Hier kommen
wir aber zu einem vollständigen Stillstand und können nur sagen: „Dies
war der weitliegendste Punkt, von wo Livingstone gezwungen war, auf dem
mühseligen 700 Meilen langen Weg nach Udschidschi zurückzukehren.“
Aus dieser kurzen Skizze von Dr. Livingstone’s wunderbaren Reisen
wird hoffentlich selbst der oberflächlichste Leser sowol als der
eigentliche Geograph dieses grosse System von Seen begreifen, die
durch Webb’s Fluss miteinander verbunden werden, und erkennen, was
Dr. Livingstone während dieser langen Jahre geleistet und wie sehr
er unsere geographischen Kenntnisse von Afrika erweitert hat. Dass
dieser unter verschiedenen Namen bekannte Fluss, der von einem See in
einen andern nach Norden fliesst, trotz aller seiner Krümmungen und
Windungen der Nil ist, darüber hegt Livingstone keinen Zweifel. Eine
lange Zeit hindurch war er wirklich ganz unsicher darüber, wegen der
grossen Biegungen und nach Westen, ja sogar nach Südwesten gerichteten
Krümmungen; nachdem er ihn aber von seinem Ursprung, dem Chambezi,
sieben Breitengrade hindurch, d. h. vom elften Grad bis zum vierten
Grad südlicher Breite verfolgt hat, ist er zu dem Schluss gezwungen,
dass es kein anderer als der Nil sein kann. Er hat ihn zuerst für
den Congo gehalten, als Quellen des Congo aber den Kassai und Kwango
erkannt, zwei Flüsse, welche auf der westlichen Seite der Wasserscheide
des Nils, ungefähr in der Breite des Bangweolo, entspringen; auch hat
er von einem andern Flusse, der Lubilasch heisst, gehört, welcher im
Norden seinen Ursprung nimmt und nach Westen läuft. Der Lualaba kann
dagegen nach Livingstone’s Ansicht, schon wegen seiner Grösse und Masse
sowie seines beständigen, anhaltenden Laufes nach Norden durch ein
breites, ausgedehntes Thal, das von hohen Bergen im Westen und Osten
begrenzt wird, nicht der Congo sein. Die Höhe des nördlichsten Punktes,
bis zu welchem er diesen wunderbaren Fluss verfolgt hat, betrug etwas
mehr als 2000 Fuss; sodass, obgleich Baker behauptet, sein See sei
2700 Fuss über dem Meere, doch der Bahr Ghazal, durch welchen der
Petherick’sche Arm des Weissen Nils sich in den Nil ergiesst, nur 2000
Fuss hoch liegt. In diesem Falle liegt die Möglichkeit vor, dass der
Lualaba nichts anderes als der Petherick’sche Arm sein mag.[5]
Bekanntlich sind Elfenbein-Handelsstationen ungefähr 500 Meilen den
Petherick’schen Arm hinauf gegründet. Diese Thatsache muss man im
Gedächtniss behalten, wenn man hört, dass Gondokoro, auf dem vierten
Grad nördlicher Breite, 2000 Fuss über dem Meere liegt und die Höhe
auf dem vierten Grad südlicher Breite, wo halt gemacht wurde, nur
etwas mehr als 2000 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Dass die beiden
Flüsse, die sich 2000 Fuss über dem Meere befinden sollen und durch
8 Grad Breite voneinander getrennt sind, ein und derselbe Fluss sei,
kann manchen Leuten als eine auffallende Behauptung erscheinen. Doch
muss man mit blossen Ausdrücken der Verwunderung zurückhalten und in
Betracht ziehen, dass dieser mächtige und breite Lualaba ein Seefluss
von grösserer Breite als der Mississippi ist, dass sein Wasser zu
Zeiten ausgedehnte Seen bildet, sich dann wieder in einen breiten Strom
zusammenzieht und abermals einen See bildet u. s. w. bis zum vierten
Breitengrade; und selbst jenseits dieses Punktes hat Livingstone von
einem grossen nach Norden zu liegenden See gehört.
Wir müssen daher warten, bis die Höhe der beiden Flüsse, des Lualaba
nämlich, wo Livingstone halt gemacht, und des südlichen Punktes auf dem
Bahr Ghazal, wo Petherick gewesen ist, genau bekannt sind.
Nimmt man, um der Discussion willen, an, dass dieser namenlose
See sechs Breitengrade einnimmt, da es derselbe sein kann, den
der italienische Reisende Piaggia entdeckt hat, aus welchem der
Petherick’sche Arm des Weissen Nils durch Binsenmoor in den Bahr Ghazal
heraus und von dort, südlich von Gondokoro, in den Weissen Nil tritt,
so könnte man die Flüsse für einen und denselben halten; denn wenn sich
der See über soviel Breitengrade erstreckt, so wird die Schwierigkeit
gehoben, dass man eine Verschiedenheit der Höhe zwischen zwei, 8 Grad
auseinanderliegenden Punkten eines Flusses nothwendig annehmen muss.
Auch können Livingstone’s Beobachtungs- und Höhenmessungs-Instrumente
falsch gewesen sein, und dies ist sehr wahrscheinlich, da sie fast
sechs Jahre lang auf Reisen übel behandelt worden sind. Denn es gibt
trotz der offenbaren Schwierigkeit, welche die Höhenlage zwischen
beiden Punkten bereitet, noch einen andern triftigen Grund, um Webb’s
Fluss oder den Lualaba für den Nil zu halten. Die Wasserscheide des
Flusses nämlich, von der Livingstone 600 Meilen bereist hat, zieht
sich durch ein Thal, das sich zwischen hohen östlichen und westlichen
Gebirgszügen von Süden nach Norden erstreckt.
Dieses Thal oder Wassersystem nimmt nicht den Kassai oder Kwango
auf, sondern Flüsse, die aus einer grossen Entfernung von Westen
herfliessen, z. B. die bedeutenden Zuflüsse Lufira und Lomami, und
grosse Flüsse aus dem Osten, wie den Lindi und Luamo; und während die
intelligentesten portugiesischen Reisenden und Händler behaupten, dass
der Kassai, Kwango und Lubilasch die Quellen des Congo sind, so hat
noch niemand die Vermuthung aufgestellt, dass der grosse nach Norden
fliessende Fluss, der den Eingeborenen als Lualaba bekannt ist, der
Congo sei.
Dieser Fluss könnte aber doch der Congo oder vielleicht der Niger sein.
Wenn der Lualaba nur 2000 Fuss und der Albert-Nyanza 2700 Fuss über
dem Meere liegt, so kann der Lualaba nicht in diesen See fliessen.
Und wenn der Bahr Ghazal sich nicht durch einen Arm acht Grad weit
über Gondokoro hinzieht, dann kann der Lualaba nicht der Nil sein.
Es ist aber voreilig, über diesen Gegenstand doctrinäre Ansichten
auszusprechen. Denn Livingstone wird diesen Punkt selbst aufklären; und
wenn er findet, dass es der Congo ist, so wird er der erste sein, der
seinen Irrthum eingesteht.
Livingstone gibt zu, dass die Quellen des Nils noch nicht entdeckt
sind, obgleich er den Lualaba durch sieben Breitengrade in seiner
Richtung nach Norden verfolgte, und obschon er keinen Zweifel hat,
dass dies der Nil ist, so kann man doch noch nicht behaupten, dass die
Nilfrage ihre endgültige Lösung gefunden hat und zwar aus folgenden
Gründen:
Erstens hat er vom Vorhandensein von vier Quellen gehört, von denen
zwei einem Fluss, der nach Norden fliesst, nämlich dem Webb’s Fluss
oder Lualaba, und zwei einem andern, der nach Süden fliesst, nämlich
dem Zambezi, als Ursprung dienen. Zu wiederholten malen hat er die
Eingeborenen von diesen Quellen reden hören. Mehrmals ist er nur
100–200 Meilen von ihnen entfernt gewesen; doch immer kam etwas
dazwischen, das ihn verhinderte sie selbst zu sehen. Nach dem Berichte
derer, die sie gesehen haben, entstehen sie auf je einer Seite eines
ebenen Walles, der keine Steine enthält. Einige haben ihn als einen
Ameisenhügel bezeichnet. Eine dieser Quellen soll so gross sein,
dass ein Mann, der auf der einen Seite steht, den gegenüberstehenden
nicht sehen kann. Diese Quellen müssen entdeckt und ihre Lage genau
bestimmt werden. Der Doctor nimmt an, dass sie nicht südlich von den
Zuflüssen des Sees Bangweolo liegen. In seinem Briefe an den „Herald“
sagt er: „Diese vier ansehnlichen, wasserreichen Quellen, die so nahe
beieinander entstehen und vier grossen Flüssen ihren Ursprung geben,
entsprechen gewissermassen der Beschreibung Herodot’s, des Vaters aller
Reisenden, die der Schreiber der Minerva in der Stadt Saïs in Aegypten
von den unergründlichen Quellen des Nils gegeben hat.“
Für solche Leser, die das Original nicht zur Hand haben, füge ich hier
die Uebersetzung[6] der Stelle aus Herodot bei:
Ueber die Quellen des Nils aber wollte keiner von denen, mit welchen
ich darüber mich besprach, weder von den Aegyptiern, noch von den
Libyern, noch von den Hellenen etwas sicheres wissen, ausser in
Aegypten in der Stadt Saïs der Schreiber des heiligen Schatzes der
Athene; dieser schien mir jedoch zu scherzen, wenn er behauptete, es
genau zu wissen. Er sprach sich nämlich in folgender Weise darüber
aus: es wären zwei Berge mit spitzauslaufenden Gipfeln, zwischen der
Stadt Syene in der Thebais und zwischen Elephantine gelegen; der eine
derselben hätte den Namen Krophi, der andere den Namen Mophi; mitten
aus diesen Bergen strömten die Quellen des Nils in unergründlicher
Tiefe; die eine Hälfte des Wassers fliesse in der Richtung nach
Aegypten und gegen Norden zu, die andere aber nach Aethiopien hin
und südwärts. Dass aber die Quellen unergründlich seien, das habe,
so versicherte er, Psammetich, der König von Aegypten, zu versuchen
unternommen; er habe nämlich ein Tau von vielen tausend Klaftern
Länge flechten lassen und dasselbe dort hinabgelassen, ohne auf den
Grund zu kommen. Ist dies nun wirklich der Fall gewesen, wie der
Schreiber es erzählte, so liefert er nach meinem Ermessen damit den
Beweis, dass dort gewaltige Wirbel und Gegenströmung sich befinden;
weil nun das Wasser stets an den Bergen sich stösst, so konnte wol
das hinabgeworfene Senkblei nicht auf den Grund kommen.
Von keinem andern konnte ich irgendetwas darüber erfahren, sondern
nur soviel habe ich, soweit meine Forschung reichte, in Erfahrung
gebracht, indem ich bis zur Stadt Elephantine selber als Augenzeuge
gekommen bin, von da an aber nur vom Hörensagen berichten kann. Geht
man von der Stadt Elephantine weiter aufwärts, so ist die Gegend
steil; daher muss man hier an das Fahrzeug von beiden Seiten ein
Tau anbinden, wie an einen Ochsen, und so die Reise machen; reisst
es aber, so schiesst das Fahrzeug, von der Gewalt der Strömung
getrieben, hinab; diese Gegend nimmt eine Fahrt von vier Tagen ein;
der Nil hat hier viele Krümmungen, wie der Mäander; zwölf Schönen
sind es, welche man auf diese Weise durchschiffen muss. Dann kommt
man in eine ganz flache Gegend, in welcher der Nil um eine Insel
herumfliesst, welche den Namen Tachompso führt; es bewohnen aber
das Land von Elephantine aufwärts schon Aethiopier, sowie auch die
Hälfte der Insel, die andere Hälfte bewohnen Aegyptier. An die Insel
stösst ein grosser See, um welchen herum wandernde Aethiopier wohnen;
hat man diesen See durchschifft, so kommt man in das Strombett des
Nils, welcher in diesen See sich ergiesst; dann steigt man aus und
nimmt den Weg längs des Flusses während vierzig Tagen; denn es ragen
spitzige Felsen in dem Nil hervor und sind dort viele Klippen, durch
welche die Schifffahrt unmöglich ist. Hat man nun dieses Land in den
vierzig Tagen durchzogen, so besteigt man wieder ein anderes Fahrzeug
und fährt auf demselben zwölf Tage lang; man gelangt sodann in eine
grosse Stadt, welche den Namen Meroe führt. Diese Stadt wird für die
Mutterstadt der übrigen Aethiopier ausgegeben; die darin Wohnenden
verehren allein unter den Göttern den Zeus und Dionysos, und diese
halten sie in grossen Ehren. Auch haben sie dort ein Orakel des
Zeus: sie ziehen ins Feld, wenn der Gott durch einen Spruch es ihnen
gebietet, und zwar dahin, wohin er gebietet.
Von dieser Stadt gelangt man zu den Automolen in der gleichen
Zeit der Fahrt, in der man von Elephantine zu der Mutterstadt der
Aethiopier gekommen ist. Diese Automolen (Ueberläufer) führen den
Namen Asmah; es bedeutet aber dieses Wort nach der Sprache der
Hellenen soviel als: die zur linken Hand dem Könige stehen. Es waren
diese 24 Myriaden Aegyptier von der Kriegerkaste abgefallen zu den
Aethiopiern aus folgender Ursache. Zur Zeit des Königs Psammetichus
bestanden Wachen in der Stadt Elephantine nach der Seite Aethiopiens
zu, und eine andere Wache in dem Pelusischen Daphnä nach der Seite
Arabiens und Syriens und eine zu Marea nach Libyen zu. Noch zu
meiner Zeit stehen an denselben Orten der Perser Wachen, wie sie
zu Psammetichus’ Zeit standen; denn zu Elephantine wie zu Daphnä
halten Perser Wache. Diese ägyptischen Krieger nun hielten drei
Jahre lang Wache, ohne dass jemand sie ablöste; da beriethen sie
sich miteinander, fassten dann den gemeinsamen Entschluss, von
Psammetichus allesammt abzufallen, und zogen nach Aethiopien. Als
Psammetich dies vernahm, verfolgte er sie, und als er sie eingeholt,
bat er sie mit vielen Worten und forderte sie auf, doch nicht die
vaterländischen Götter, sowie Weiber und Kinder im Stiche zu lassen.
Da soll einer von ihnen auf seine Scham gezeigt und ausgerufen haben,
wo nur diese sei, da würden sie schon Weiber und Kinder bekommen. Als
sie nun nach Aethiopien gekommen waren, übergaben sie sich dem König
der Aethiopier, der sie auf folgende Weise belohnte: er war gerade
damals in Streit mit etlichen von den Aethiopiern gerathen, und nun
forderte er sie auf, diese wegzujagen und ihr Land zu bewohnen.
Nachdem sie auf diese Weise unter die Aethiopier eingebürgert worden
waren, sind diese milder geworden, indem sie ägyptische Sitten
angenommen.
Bis zu einer Reise von vier Monaten zu Wasser und Land kennt man
demnach den Nil, abgesehen von seinem Lauf in Aegypten. Denn so viele
Monate kommen heraus, wenn man zusammenrechnet, was verwendet wird
auf die Reise von Elephantine bis zu diesen Automolen. Es fliesst
aber der Nil von Abend und Sonnenuntergang her. Wie es von da an
weiter geht, kann niemand mit Gewissheit angeben, denn es ist dieses
Land eine Wüste infolge der Hitze.
Folgendes jedoch hörte ich von Männern aus Cyrene, welche vorgaben,
zu dem Orakel des Ammon gekommen zu sein und ein Gespräch mit
Etearchus, dem König der Ammonier, gehabt zu haben; da wären sie denn
nach manchen andern Gesprächen auch über den Nil zu reden gekommen,
wie niemand dessen Quellen kenne; und hätte Etearchus versichert, es
seien einstens zu ihm Männer von dem Stamme der Nasamonen gekommen,
welches ein Libysches Volk ist, das an der Syrte und dem ostwärts von
der Syrte gelegenen Lande in keiner grossen Entfernung wohnt; diese
Nasamonen seien zu ihm gekommen und hätten auf die Frage, ob sie
etwas näheres von den Wüsten Libyens wüssten, erzählt, es hätten bei
ihnen angesehene Männer recht ausgelassene Söhne gehabt, welche, als
sie Männer geworden waren, auf manche unnütze Dinge verfielen, und so
hätten sie denn auch fünf von ihnen durch das Loos erwählt, welche
die Wüsten Libyens besichtigen und zusehen sollten, ob sie nicht
etwas mehr zu sehen bekämen als die, welche die entlegensten Gegenden
je besehen hätten. An dem Theil von Libyen nämlich, der am nördlichen
Meer liegt, von Aegypten angefangen bis zum Vorgebirge Soloeis, wo
Libyen endet, an dieser ganzen Küstenstrecke wohnen Libyer, und
zwar viele Völker der Libyer, ausser dem, was Hellenen und Phöniker
innehaben. Aber über dem Meer und der am Meere sich hinziehenden
Bevölkerung, oberhalb derselben, ist Libyen voll von wilden Thieren,
und oberhalb dieses Landstriches der wilden Thiere ist nur Sand und
eine völlig wasserlose, an allem bare Wüste. Die Jünglinge nun, so
erzählten sie, ausgesendet von ihren Kameraden und wohl versehen
mit Wasser und Lebensmitteln, zogen zuerst durch das bewohnte Land
und kamen, als sie dasselbe durchschritten, in das Land der wilden
Thiere; aus diesem zogen sie dann durch die Wüste, indem sie ihren
Weg in westlicher Richtung nahmen. Und als sie viel sandiges Land
durchzogen hatten und in vielen Tagen erblickten sie mit einem mal
wieder Bäume, welche in einer Ebene wuchsen; da traten sie herzu und
pflückten von der auf den Bäumen befindlichen Frucht; als sie aber
pflückten, kamen kleine Männer herbei, nicht einmal von mittlerer
Grösse, packten sie und schleppten sie weg; es verstanden aber weder
die Nasamonen deren Sprache, noch die, welche sie wegschleppten, die
der Nasamonen. Sie führten sie dann durch grosse Sümpfe, und als sie
durch dieselben waren, gelangten sie in eine Stadt, deren Bewohner
alle an Grösse den frühern gleich waren und schwarz von Farbe; längs
der Stadt floss ein grosser Strom von Abend nach Sonnenaufgang zu und
waren Krokodile in demselben zu sehen.
Insoweit also wäre die Erzählung des Ammoniers Etearchus von
mir angegeben; nun fügte er noch hinzu, es wären die Nasamonen
zurückgekehrt, wie die Cyrenäer behaupten, und diejenigen, zu welchen
sie gekommen, wären lauter Zauberer gewesen. In dem Flusse nun,
welcher (an jener Stadt) vorbeifliesst, glaubte auch Etearchus den
Nil zu erkennen, und erscheint dies auch ganz vernünftig. Denn der
Nil kommt aus Libyen und zwar so, dass er dasselbe in der Mitte
durchschneidet, und ist sein Lauf (wie ich vermuthe, indem ich aus
dem, was offenkundig ist, auf das, was noch nicht erkannt ist,
schliesse) in gleicher Richtung mit dem des Ister. Denn der Ister,
der aus der Kelten Land und von der Stadt Pyrene kommt, nimmt seinen
Lauf so, dass er Europa in der Mitte spaltet; die Kelten wohnen
aber ausserhalb der Säulen des Hercules und sind die Nachbarn der
Kynesier, welche unter allen Bewohnern Europas am äussersten Ende
nach Sonnenuntergang zu wohnen. Es endet aber der Ister, nachdem er
ganz Europa durchlaufen, in das Meer des Pontus Euxeinos, da, wo
milesische Colonisten Istria bewohnen.
Es wird nun der Ister, weil er durch bewohntes Land fliesst, von
vielen gekannt; über die Quellen des Nils aber kann niemand etwas
angeben, denn das Libyen, durch welches er fliesst, ist unbewohnt
und öde; was ich jedoch über seinen Lauf durch meine Erkundigung
soweit als nur immer möglich erfahren konnte, ist hier angegeben; er
kommt nämlich (aus Libyen heraus) nach Aegypten. Aegypten aber liegt
so ziemlich gegenüber dem steinigen Cilicien; von da aber bis nach
Sinope, das am Pontus Euxeinos liegt, ist ein gerader Weg von fünf
Tagen für einen rüstigen Fussgänger. Sinope aber liegt gegenüber der
Mündung des Ister ins Meer. Sonach glaube ich, dass der Nil durch
ganz Libyen in gleicher Weise fliesst, wie der Ister (durch Europa).
Soviel soll nun über den Nil gesagt sein.
Zweitens muss Webb’s Fluss bis an den Ort verfolgt werden, wo er sich
mit irgendeinem Theile des alten Nils verbindet.
Wenn dies beides geleistet worden ist, aber nicht früher, wird das
Geheimniss des Nils aufgeklärt sein. Die beiden Länder, durch welche
der merkwürdige seeartige Fluss Lualaba mit seinen zahlreichen Seen
und weiten Wasserflächen fliesst, sind Rua (das Uruwwa Speke’s) und
Manyuema. Zum ersten male erfährt Europa, dass zwischen dem Tanganika
und den bekannten Quellen des Congo Millionen Neger leben, welche
noch nichts von den weissen Völkern gesehen oder gehört haben, die
ausserhalb Afrikas ein so reges Leben führen. Auf diejenigen unter
ihnen, welche das Glück gehabt haben, das erste Exemplar dieser
merkwürdigen weissen Rasse in der Person von Dr. Livingstone kennen
zu lernen, scheint er einen sehr günstigen Eindruck gemacht zu haben,
obgleich man aus Misverständniss über den Zweck seiner Reise und weil
man ihn mit den Arabern in Verbindung gebracht hat, die dort furchtbar
wüthen, seinem Leben mehr als einmal nachgetrachtet hat. Diese beiden
ausgedehnten Länder Rua und Manyuema werden von wirklichen Heiden
bevölkert und nicht, wie die Reiche Karagweh, Urundi und Uganda,
von despotischen Königen beherrscht, sondern es hat ein jedes Dorf
daselbst seinen eigenen Sultan oder Herrn. Dreissig Meilen ausserhalb
ihres eigenen unmittelbaren Bereiches scheinen die Intelligentesten
dieser kleinen Häuptlinge von nichts mehr zu wissen. Dreissig Meilen
vom Lualaba entfernt gab es nur wenig Leute, die jemals von dem
grossen Fluss etwas gehört hatten. Unwissenheit der Eingeborenen über
ihr eigenes Vaterland vermehrte natürlich die Mühen Livingstone’s.
Mit ihnen verglichen sind alle die Stämme und Völkerschaften, mit
denen Livingstone sonst in Afrika in Berührung kam, als civilisirt
zu betrachten; dennoch sind diese wilden Völker von Manyuema in den
Künsten heimischer Industrie allen andern, die er gesehen, bedeutend
überlegen. Wo andere Stämme und Völkerschaften sich daran genügen
lassen, nachlässig über die Schultern geworfene Thierfelle als
Kleidung zu benutzen, fabricirt das Volk von Manyuema aus feinem Grase
bereitetes Zeug, das sich vortheilhaft mit dem feinsten Grastuch
Indiens vergleichen lässt. Auch verstehen sie die Kunst, dieselben in
verschiedenen Farben, schwarz, gelb und purpurroth, zu färben. Den
Wangwana oder Freigelassenen von Zanzibar fiel die Schönheit dieses
Artikels so auf, dass sie ihre Baumwollenzeuge gern gegen feines
Grastuch umtauschten, und ich habe fast an jedem Schwarzen, der aus
Manyuema kommt, dieses einheimische Tuch in elegant gemachte Damirs
(arabisch, kurze Jacken) umgewandelt gesehen. Diese Länder sind auch
sehr reich an Elfenbein. Das Fieber, nach Manyuema zu gehen, um
bunte Perlen für seine köstlichen Elfenbeinzähne einzutauschen, ist
ebenso gross wie dasjenige, welches die Menschen antrieb, sich in die
Schluchten und Goldgruben von Californien, Colorado, Montana und Idaho
zu begeben, oder nach Australien und in die Cap-Colonie zu ziehen, um
Goldklumpen oder Diamanten zu suchen. Manyuema ist jetzt das Eldorado
der Araber und der Wamrima-Stämme. Es ist nur etwa vier Jahre her,
dass der erste Araber von Manyuema mit einem solchen Reichthum an
Elfenbein und Berichten über die fabelhaften Massen, die sich dort
vorfinden, zurückkehrte, dass seitdem die altgewohnten Wege nach
Karagweh, Uganda, Ufipa und Marungu relativ verlassen worden sind.
Die Einwohner von Manyuema haben in ihrer Unkenntniss des Werthes
dieses kostbaren Artikels ihre Hütten auf Elfenbeinstützen erbaut. In
Manyuema waren Elfenbeinsäulen ein ganz gewöhnlicher Anblick, und wenn
man hiervon hört, kann man sich nicht länger über den Elfenbeinpalast
Salomon’s verwundern. Generationen hindurch haben sie Elfenbeinzähne
als Thürpfosten und Stützen für die Dachtraufen benutzt, bis sie
vollständig verrottet und werthlos geworden waren. Die Ankunft der
Araber hat sie aber bald über den Werth dieses Artikels belehrt, er ist
jetzt bedeutend im Preise gestiegen, obwol er noch fabelhaft billig
ist. In Zanzibar kostet das Frasileh (35 Pfd.) Elfenbein 50–60 Dollars,
je nach seiner Qualität. In Unyanyembé kostet das Pfund ungefähr 1
Dollar 10 Cents; in Manyuema hingegen kann man das Pfund für Kupfer
im Werthe von ½ bis 1¼ Cent kaufen. Die Araber verstehen jedoch die
Kunst, die Märkte durch ihre Habgier und Grausamkeit zu ruiniren. Mit
Musketen bewaffnet ist eine kleine Abtheilung Araber gegen das Volk von
Manyuema unbesiegbar, welches bis vor kurzem noch niemals eine Flinte
hat knallen hören. Das Entladen einer solchen Flinte flösst ihnen einen
tödlichen Schrecken ein und es ist fast unmöglich, sie dazu zu bewegen,
es gegen eine Flinte aufzunehmen. Sie glauben, die Araber hätten den
Blitz gestohlen und dass gegen solche Leute Bogen und Pfeile nur wenig
ausrichten können. Es fehlt ihnen keineswegs an Muth und sie haben
oft erklärt, dass, wenn die Gewehre nicht wären, kein Araber das Land
lebendig verlassen solle. Dies beweist, dass sie sich sehr gern in den
Kampf mit den verhassten Fremdlingen einlassen würden, wenn das Knallen
der Flinten ihnen nicht Schrecken einflösste.
In jedem Lande, das der Araber betritt, bringt er es bald dahin, dass
sein Name und seine Rasse verhasst wird. Die Hauptursache hiervon ist
aber nicht die Naturfarbe oder der Name des Arabers, sondern einfach
der Sklavenhandel. Solange man den Sklavenhandel in Zanzibar bestehen
lässt, wird dies im übrigen unternehmende Volk der Araber den Hass der
Eingeborenen ganz Afrikas auf sich ziehen.
Auf der Hauptreiseroute von Zanzibar ins Innere von Afrika sind
diese grausamen Handlungen aus dem einfachen Grunde unbekannt, weil
die Eingeborenen mit Flinten bewaffnet sind, mit ihnen umzugehen
verstehen und keineswegs zögern, bei günstiger Gelegenheit von
denselben Gebrauch zumachen. Die Araber haben es zu spät eingesehen,
welche Thorheit es war, den Eingeborenen Gewehre zu verkaufen, und
schwören jetzt demjenigen, der in Zukunft das noch thun will, Rache.
Sie haben aber diesen Fehler begangen und es ist sonderbar, dass
sie das Thörichte desselben nicht schon damals eingesehen haben. In
frühern Zeiten konnte der Araber unter dem Schutze seiner mit Flinten
bewaffneten Sklavenescorte durch Useguhha, Urori, Ukonongo, Ufipa,
Karagweh, Unyoro und Uganda mit einem blossen Stock in der Hand reisen;
jetzt jedoch ist das weder für ihn noch für sonst jemand möglich.
Ein jeder Schritt, den er thut, ob bewaffnet oder unbewaffnet, ist
gefahrvoll. Die Waseguhha halten ihn in der Nähe der Küste auf und
verlangen Tribut, wenn er nicht mit ihnen kämpfen will. In Ugogo
ist er täglich denselben drückenden Forderungen oder derselben
Alternative ausgesetzt. Auch die Wanyamwezi zeigen sich bereit, ihn
in der gleichen Weise zu übervortheilen. Der Weg nach Karagweh ist
voll von Beschwerden; da steht ihnen der schreckliche Mirambo im
Wege, der ihre verbündeten Truppen mit Leichtigkeit besiegt und sogar
Ausfälle bis an die Thüren ihrer Häuser in Unyanyembé macht. Glückt
es ihnen aber, an Mirambo vorbeizukommen, so steht Swaruru vor ihnen,
ein Häuptling, welcher den Tribut ballenweise verlangt und gegen
den zu kämpfen vergeblich ist. Diese Bemerkungen beziehen sich auf
den Sklavenhandel, der jetzt von den Arabern in Manyuema eingeführt
wird. Da sie auf dem Wege zwischen Zanzibar und Unyanyembé durch die
bedrohliche Haltung der Eingeborenen, welche die geringste Beleidigung
mit Blut zu rächen bereit sind, belästigt werden, haben die Araber
mit dem Menschenraube zwischen dem Tanganika und dem Meere aufgehört.
In Manyuema dagegen, wo die Eingeborenen furchtsam, unentschlossen
und in kleine Stämme zersplittert sind, treten sie wieder kühn auf
und lassen ihren Neigungen zu jenem schändlichen Handel freien Lauf.
Die Berichte, welche Livingstone aus jenen Gegenden mitbringt, sind
höchst beklagenswerth. Er war z. B. der unfreiwillige Zuschauer bei
einer furchtbaren That -- einer an den Bewohnern eines volkreichen
Bezirks verübten Metzelei, die sich auf dem Marktplatz, an den Ufern
des Lualaba, zutrug, wo sich jene nach uralter Sitte versammelt
hatten. Wie es scheint, lieben die Wamanyuema sehr, auf dem Markte
Handel zu treiben, und halten dies für den höchsten irdischen Genuss.
Sie können gar nicht genug an dem Vergnügen bekommen, mit grossem
Kraftaufwande wegen der unbedeutendsten Summe, der kleinsten Perle zu
feilschen, und wenn sie ihr jeweiliges Ziel erreicht haben, so sind
sie sehr glücklich. Auch die Frauen lieben das Handeln ungemein und
da sie sehr schön sind, so muss der Marktplatz bedeutende Anziehung
auf das männliche Geschlecht ausüben. An einem solchen Markttage
fing nun Tagamoyo, ein arabischer Mischling, mit seiner bewaffneten
Sklavenbegleitung eine allgemeine Metzelei damit an, dass er massenhaft
in die dichte Menschenmenge schiessen liess. Man nimmt an, dass
ungefähr 2000 Menschen anwesend waren und beim ersten Flintenknall
stürzten alle diese armen Leute nach ihren Nachen. In der furchtbaren
Eile der Flucht wurden die Boote von den ersten wenigen Leuten, die
sie glücklich in Besitz nahmen, fortgerudert. Wer nicht so davonkam,
sprang in das tiefe Wasser des Lualaba; hier wurden viele eine Beute
der zahlreichen, auf den Schauplatz stürzenden gefrässigen Krokodile;
der grösste Theil jedoch erlag den Kugeln des unbarmherzigen Tagamoyo
und seiner schurkischen Bande. Livingstone glaubt, wie auch die Araber
selbst, dass hierbei ungefähr 400 Menschen, hauptsächlich Frauen und
Kinder, getödtet und noch viel mehr zu Sklaven gemacht worden sind. Das
ist aber nur einer der vielen Frevel, von denen er unfreiwillig Zeuge
gewesen, und er ist ganz ausser Stande, die Entrüstung zu beschreiben,
welche er gegen die unmenschlichen Verbrecher empfindet. Die Sklaven
von Manyuema werden nämlich wegen ihrer schönen Gestalt und grossen
Gelehrigkeit besser bezahlt als die aus irgendeinem andern Lande. Die
Frauen sind, wie mir Livingstone wiederholt gesagt hat, ganz besonders
hübsch und haben, mit Ausnahme des Haares, nichts mit den Negern der
Westküste gemein. Sie sind von sehr heller Farbe, haben schöne Nasen,
wohlgeformte, nicht zu volle Lippen und nur selten den vorstehenden
Unterkiefer. Diese Weiber werden von den Mischlingen der Ostküste
eifrig zu Frauen gesucht und selbst die echten Omani-Araber verschmähen
es nicht sie zu heirathen. Im Norden von Manyuema kam Livingstone auf
eine helle Rasse, ungefähr von der Farbe der Portugiesen oder unserer
amerikanischen Mischlinge, der Quadronen in Louisiana, die sehr
schön ist und sich besonders durch Scharfsinn und Klugheit im Handel
auszeichnet. Die Weiber derselben tauchen sehr gewandt nach Austern,
die sich in grosser Zahl im Lualaba finden.
Rua ist an einem Orte, der Katanga heisst, reich an Kupfer. Seit
Urzeiten sind die Kupferminen dieses Ortes im Betriebe. In einem
Flussbett hat man Gold gefunden, das in Stücken von der Gestalt von
Stiften oder von der Grösse von Erbsen gefunden wird. Zwei Araber sind
aus Speculation auf dieses Metall hingegangen, da sie aber mit der
Kunst der Goldwäscherei unbekannt sind, so ist es kaum möglich, dass
sie dabei Glück haben werden. An der Verfolgung dieser hochwichtigen
und interessanten Entdeckungen wurde Livingstone, als er sich fast an
der Schwelle des Erfolgs befand, dadurch verhindert, dass seine Leute
sich direct weigerten, ihn weiter zu begleiten. Sie fürchteten sich,
ohne bedeutende Bedeckung weiter zu ziehen, und da man in Manyuema
keine Begleiter bekommen konnte, so kehrte Livingstone sehr wider
seinen Willen nach Udschidschi zurück.
Sein Rückweg war lang und beschwerlich. Die Reise selbst hatte jetzt
kein Interesse für ihn; denn er war denselben Weg nach Westen gezogen
voll grosser Hoffnungen und Bestrebungen, ungeduldig, das Ziel zu
erreichen, das ihm Ruhe von seinen Mühen versprach. Jetzt kehrte
er ohne Erfolg, mit vereitelten Hoffnungen, fast angesichts seines
Zielpunktes wieder um; da war es kein Wunder, dass sein alter, tapferer
Muth, seine starke Constitution der Enttäuschung und Entmuthigung fast
erlag.
Livingstone kam am 16. October in Udschidschi fast sterbend an.
Unterwegs hatte er versucht, da es unmöglich war, gegen die
Hartnäckigkeit seiner Leute anzukämpfen, sich mit dem Gedanken zu
trösten, es werde nicht viel Zeit, höchstens noch fünf bis sechs
Monate, dazu gehören, und darauf käme es nicht an, da es sich doch
nicht vermeiden liesse. In Udschidschi habe er ja seine Waaren und
von dort könne er ja mit neuen Leuten wieder ausziehen. Durch solche
Hoffnungen versuchte er es sich einzureden, dass alles wieder in
Ordnung kommen werde; man kann sich also den Schrecken vorstellen, als
es sich herausstellte, dass der Mann, dem seine Güter in Verwahrung
gegeben waren, sie sämmtlich gegen Elfenbein verkauft hatte.
Am Abend des Tages, als Livingstone nach Udschidschi zurückkehrte, sah
er seine beiden treuen Diener Susi und Dschumah bitterlich weinen. Er
fragte sie, was ihnen fehle, und erfuhr darauf zum ersten male die üble
Botschaft, die seiner wartete. Denn sie sprachen:
„All unser Eigenthum ist verkauft, Herr! Scherif hat alles für
Elfenbein losgeschlagen.“
Später am Abend kam Scherif selbst zu ihm und bot ihm
unverschämterweise die Hand, die Livingstone jedoch mit den Worten
zurückstiess, er könne einem Diebe nicht die Hand reichen. Zu seiner
Entschuldigung führte Scherif an, er habe aus dem Koran gewahrsagt und
daraus erfahren, der Hakim (arabisch für Doctor) sei todt.
Jetzt war Livingstone von allem entblösst und hatte gerade genug, um
sich und seine Leute ungefähr einen Monat zu unterhalten; dann wäre er
genöthigt gewesen die Araber anzubetteln.
Livingstone sprach sich mir gegenüber dahin aus, dass Speke, wenn er
die Höhe des Tanganika zu nur 1800 Fuss über dem Meeresspiegel angibt,
in diesen Fehler durch einen blossen lapsus calami, etwa durch zu
häufiges Schreiben der Jahreszahl unserer Zeitrechnung verfallen sein
müsse; denn die Höhe sei nach seinen Berechnungen 2800 Fuss, wie er sie
durch Bestimmung des Siedepunkts festgestellt, und nach dem Barometer
sogar etwas über 3000 Fuss.
Vielfach beklagte sich Livingstone darüber, dass ihm Sklaven als
Hüter seiner Waaren geschickt worden, nachdem er so häufig die Leute
in Zanzibar gebeten, ihm Freigelassene zu senden. Mit geringer Mühe
hätten die Leute, welche ihm Vorräthe zuzuschicken hatten, sich
gute, treue Freigelassene verschaffen können; wenn sie es aber
dabei bewenden liessen, sich nach Empfang eines Briefes von Dr.
Livingstone wegen der Boten an Ludha Damdschi zu wenden, so ist es
kein Wunder, dass unehrliche, unfähige Sklaven abgesandt wurden. Die
Entdeckung Livingstone’s, dass ein freier Neger hundertmal fähiger
und vertrauenswürdiger als ein Sklave sei, ist nicht neu. Schon vor
Jahrtausenden sprach der Hirt Eumacus zu Ulysses: „Zeus hat gesagt: Der
Tag, der Dich entehrt zum Sklaven, raubt Dir auch den halben Werth.“
Dr. Livingstone behauptet, er habe wiederholt den Dr. Kirk aufs
dringendste ersucht, ihm keine Sklaven zu schicken. Niemand wusste
besser, wie wenig Verlass auf sie sei, und man kann sich vorstellen,
wie hoffnungslos ihm seine Aufgabe erscheinen musste, als er immer
wieder von diesen unfähigen Menschen getäuscht-wurde. Es wird
daher stets den Freunden beider Herren leidthun müssen, dass Dr.
Livingstone’s hierauf gerichtete Bitten nicht mehr berücksichtigt
worden sind.
Es gibt noch einen Punkt, über den ich einige Bemerkungen zu machen
wünsche, das Verfahren nämlich, das die Gelehrten mit Livingstone’s
Depeschen vorgenommen haben. Wenn ein Reisender in Central-Afrika
etwas entdeckt, sei es nun ein See oder Berg, eine Ebene oder ein
Fluss, und Schlüsse in Bezug auf seine Entdeckungen zieht, so
sollten +seine+ Gründe vor allen andern von grösstem Gewicht sein.
Bisweilen hat er deren viele, zu viele wenigstens, um sie in einer
Depesche mitzutheilen, und ist daher genöthigt, aus Mangel an Raum
sie zurückzuhalten, bis er sie selbst in einem Buch veröffentlichen
kann. In einem solchen Falle muss es jedermann einleuchten, dass
stubenhockende Geographen beim Mangel genauer Daten nicht die Depeschen
oder den ursprünglichen Entdecker und Erforscher zu corrigiren
haben, und Ansichten, welche in der Absicht ausgesprochen werden,
um die Thatsachen zu entkräften, sollten von keinem Leser eine
grosse Bedeutung beigemessen werden. Nun hat Livingstone mit der
Geographischen Gesellschaft als Körperschaft nicht correspondirt, wol
aber seinem Freunde Sir Roderick Murchison geschrieben, und dieser
hatte als Präsident der Gesellschaft das Recht, wie Livingstone es
auch erwartete, den Inhalt dieser ziemlich langen Briefe der erhabenen
wissenschaftlichen Körperschaft, deren Haupt er war, vorzulegen. Wie
Livingstone mir selbst gesagt und andern Freunden geschrieben hat, ist
der Grund, warum er es sich versagt hat, Einzelheiten mitzutheilen,
seine Furcht, dass seine Depeschen willkürlichen Verbesserungen,
etwaigen Lieblingstheorien zu Gefallen, ausgesetzt sein könnten,
da viele der Kritiker die Thatsache vergessen, dass er das, was er
erzählt, nur nach anstrengender Forschung kennen gelernt hat.
Es ist wirklich eine beklagenswerthe Thatsache, dass Entdecker die
Wahrheiten, die sie für unzweifelhaft halten, nicht bekannt machen
können ohne dass man annimmt, sie gehörten einer parteiischen Clique
an, welche die Lieblingstheorien gewisser Geographen zu Hause umstürzen
will, oder sie beschuldigt, „wohlbekannte Thatsachen entstellt zu
haben“. Wenn der „gelehrte Herr Cooley“ nach dem Hörensagen eines
Arabers die Umrisse eines grossen Sees zeichnet, welcher ganz
Central-Afrika einnimmt und die verschiedenen Seen Nyassa, Tanganika
und Nyanza in sich schliesst, warum sollte er nicht sofort seinen
Irrthum eingestehen, wenn Livingstone, Burton, Speke, Grant, Wakefield,
New, Roscher, von der Decken und Baker beweisen, dass es mehrere
Seen gibt, die weit auseinanderliegen und verschiedene Namen führen.
Es macht doch nur sehr wenig mehr Mühe, sechs Seen zu zeichnen,
als einen einzigen grossen. Und das Zeugniss einer solchen Menge
Reisender sollte doch gewiss grössere Bedeutung haben, als das eines
Arabers. Trotzdem beschuldigt mich Herr Cooley der Verstocktheit
oder des Misverständnisses, wenn ich behaupte, der See Tanganika
sei ein Wasserkörper für sich, und er ist auch auf Kapitän Burton
böse geworden, seitdem dieser den See entdeckt hat. Bei aller seiner
Gelehrsamkeit in geographischen Dingen fehlt ihm doch der moralische
Muth, einen Irrthum einzugestehen. Herr Cooley ist aber nur der Typus
einer kleinen Anzahl Geographen. Die Cooley’sche Methode ist trotz
grosser Bildung, Erfahrung und Begabung offenbar ansteckend; denn
Herr F. Galton hat mit grosser, aber doch etwas spöttischer Urbanität
meine Vertheidigung des Forschers „eine Sensationsgeschichte“ genannt,
und Dr. Beke hat mit der ganzen Hartnäckigkeit eines Mannes, der ein
Steckenpferd reitet, aufs entschiedenste erklärt, dass Livingstone
die Quellen des Nils nicht entdeckt habe. Diese nachdrückliche
Erklärung einer rasch gebildeten Meinung kann doch nichts als eine
beklagenswerthe Voreingenommenheit seitens des Dr. Beke sein. Keiner
der drei Herren, deren Namen ich hier angeführt habe, verdient
mehr Glauben, als der grosse Forscher, der seine Bemerkungen über
diesen Punkt auf dem 4.° südl. Breite und dem 25.° östl. Länge in
Central-Afrika niedergeschrieben hat.
Dr. Livingstone verabscheut nun diese Cooley’sche Methode, welche
Hartnäckigkeit, Intoleranz und Engherzigkeit bedeutet, und bemerkt,
er werde seine Notizen für sich behalten, und darin hat er nach meiner
unmassgeblichen Ansicht sehr recht. Die Geographische Gesellschaft ist
gegründet worden, um die Kenntniss der wahren Geographie aller Länder
möglichst zu fordern. Wenn die Gesellschaft von dieser Cooley’schen
Methode durchsäuert würde und sich hartnäckig gegen die Offenbarungen
von Forschern sperrte, wie könnte sie jemals den Zweck, für den sie
gegründet ist, erreichen? Würde ein solches Verhalten die Forscher
ermuthigen? Wenn die Mitglieder der Gesellschaft sich von kleinen
Eifersüchteleien, Lieblings Vorstellungen, rohen, unmöglichen Theorien
beherrschen lassen, würden dann wol Leute ausziehen und tausende von
Dollars für die Aufklärung der Welt in Bezug auf das geheimnissvolle
Innere Afrikas ausgeben?
Ich habe keine eigenen Ansichten über irgendetwas, das ich nicht selbst
gesehen, ausgesprochen, da ich nicht danach geize, mehr verunglimpft
zu werden, als es schon geschehen ist. Unglücklicherweise befinde
ich mich im Bann der Ungnade einiger Geographen, weil ich unbewusst
das ausgeführt habe, was, wie sie wünschten, von einem der Ihrigen
geleistet werden sollte.
Ich habe geglaubt -- und in der That theilte die ganze Welt meine
Ueberzeugung --, dass sie um ihren grossen Genossen aufrichtig
besorgt und begierig wären, wie sie sagten, zu wissen, ob David
Livingstone noch am Leben sei. Die Amerikaner theilten diese Sorge und
ein amerikanischer Zeitungsbesitzer unternahm es plötzlich, jemand
nach Central-Afrika auszuschicken, um Livingstone aufzusuchen und
zu unterstützen. Dieser Mensch hatte zufälligerweise Erfolg, kehrte
in die civilisirte Welt zurück und erklärte, dass Livingstone, der
grosse Forscher, noch am Leben sei. Sofort wurde diese Nachricht
mit Hohn aufgenommen! Der Präsident der Königl. Geographischen
Gesellschaft erklärte sie für Unsinn; der Vicepräsident für
eine Sensationsnachricht; die Cooleyiten für Verstocktheit und
Misverständniss, und ein Beke behauptete sogar, die Theorie Dr.
Livingstone’s sei unmöglich. Fast ganz England und ein grosser Theil
von Amerika wurde hierdurch gänzlich verwirrt; allmählich jedoch
kamen Beweise für die grosse Thatsache zum Vorschein, dass Livingstone
nicht nur am Leben sei, sondern auch jeden Buchstaben, der angeblich
von ihm herrühre, ohne irgendwelche Abänderung oder Interpellation von
einer andern Hand selbst geschrieben habe. Dann kamen Angriffe auf den
Charakter des unglücklichen Zeitungscorrespondenten. Ein Individuum
nannte ihn einen „Charlatan und Lügner“; ein anderer meinte, er sei
durchaus nicht, was er zu sein vorgebe; während noch andere meinten,
der vielgeschmähte Journalist habe die Depeschen von einem Boten
gestohlen, und ähnliches gemeines, ungerechtes Zeug.
Man erlaube dem einfachen Zeitungscorrespondenten an alle Geographen,
Redacteure, Kritiker und professionsmässige Verleumder die Frage zu
richten, was wol in aller Welt aus Dr. Livingstone, dem berühmten
Forscher, geworden wäre, wenn sie ihre Debatten, Theorien und
Discussionen, ihre Zänkereien und Speculationen fortgesetzt hätten und
niemand ihm Trost, Gesundheit und Hülfe gebracht hätte?
Dr. Livingstone hat es wol nicht geglaubt, dass sein schlichter Freund
durch solche Angriffe belohnt werden würde und dass man die schwachen
Anstrengungen, denen ich mich, immer nur das eine Ziel im Auge und ohne
an die Möglichkeit von Neidern und Böswilligen zu denken, unterzogen,
so aufnehmen würde. In meiner Unschuld meinte ich, ich brauche blos
meine Geschichte ehrlich und wahr zu erzählen und sie werde sofort
ohne alle Kriteleien und Zweifel aufgenommen werden. Daher ist es wol
natürlich, dass ich mich gekränkt fühle durch Angriffe auf meine Ehre
und Wahrhaftigkeit an Stellen, wo ich sie am wenigsten vermuthet und am
meisten auf einen andern Empfang gehofft hatte.
Dr. Livingstone hatte grosse Zweifel darüber, ob es sich passe, an
die Königl. Geographische Gesellschaft Depeschen zu schicken, ohne
eine Garantie dafür zu haben, dass die Mittheilungen nicht pecuniär
ausgebeutet würden. Zur Privatbelehrung der Mitglieder war er sehr
gern bereit, seine Kenntnisse mitzutheilen; er wünschte aber nicht,
dass seine Entdeckungen einem jeden Mitglied beliebig zur Verfügung
gestellt würden, das Lust hätte, sich auf seine Kosten zu bereichern.
Auch beklagte er sich darüber, dass ein gewisses Mitglied der
Geographischen Gesellschaft gewissenloserweise eine rohe Kartenskizze
benutzt habe, die er der Gesellschaft geschickt hatte, um seinen Weg
zu erläutern. Als Livingstone nun bei seiner Heimkehr den Wunsch
ausgesprochen, es möge eine genaue, nach den vom Observatorium des
Cap der Guten Hoffnung verbesserten und beglaubigten Beobachtungen
berichtigte Karte angefertigt werden, habe dieses Mitglied ihm
entgegnet, er habe fünf bis sechs Monate an der vorliegenden Karte
gearbeitet und könne nicht daran denken, eine neue zu zeichnen, wenn
er nicht etwa 200 £ für seine Mühe bekäme. Ueber derartige Thatsachen
beschwert sich Dr. Livingstone. Vor der Königl. Geographischen
Gesellschaft als Körperschaft hat er die höchste Achtung und denkt
mit Stolz an seine Beziehungen zu derselben. Nur über einige wenige
Mitglieder beklagt er sich, von denen er glaubt, sie hätten seine
Depeschen in ihrer Gelehrsamkeit verunstaltet, wären als doctrinäre
Theoretiker gegen ihn vorgegangen und hätten seine Karten abgeändert,
um ihren eigenen krankhaften Vorstellungen und Phantasien in Cooley’s
Manier Genüge zu leisten. Obgleich es nun nur wenige derartige
Mitglieder gibt, so ist ihr Einfluss doch zu gross, als dass man an
ihnen ohne eine Bemerkung vorübergehen könnte.
* * * * *
Wir verlebten mehrere glückliche Tage in Udschidschi und es wurde
nun Zeit, unsere Fahrt auf dem Tanganika vorzubereiten. Livingstone
erholte sich bei der neuen Kost, mit der ihn mein Koch versah, von
Tag zu Tag. Zwar konnte ich ihm keine Mahle bereiten, wie sie Jupiter
und Merkur in der Hütte von Baucis und Philemon erhielten; denn wir
hatten keine Beeren der keuschen Minerva, eingemachte Kirschen,
Endivien, Radieschen, getrocknete Feigen, Datteln, duftige Aepfel und
Weintrauben, aber wir hatten Käse und Butter, die ich selbst bereitete,
frische Eier, Hühner, Hammelbraten, Fische aus dem See, herrliche
saure Milch, Sahne, Palmwein, Eierpflanzen, Gurken, süsse Kartoffeln,
Erbsennüsse und Bohnen, weissen Honig aus Ukaranga, saftige, süsse
Singwe -- eine pflaumenartige Frucht aus den Wäldern von Udschidschi --
und Maiskuchen statt des Weizenbrotes.
Während der Mittagshitze sassen wir unter unserer Veranda und
unterhielten uns über verschiedene Projecte, und am frühen Morgen und
Abend suchten wir die Ufer des Sees auf und spazierten daselbst, um die
kühlen Lüfte einzuathmen, welche die Oberfläche des Wassers in Bewegung
setzten und die unruhige Brandung weit auf den glatten, weissen Sand
hinaufrollten.
Es war die trockene Jahreszeit und wir hatten herrliches Wetter; die
Temperatur betrug nie mehr als 21° R. im Schatten.
Der Marktplatz, der die breite, silberne Wasserfläche überblickte,
bot uns Belehrung und Unterhaltung. Täglich waren hier Vertreter von
fast allen Stämmen, die in der Nähe des Sees wohnen, zu sehen. Da
gab es die ackerbauenden, heerdenzüchtenden Wadschidschi mit ihren
Heerden; dort die Fischer von Ukaranga und Kaole, aus der Gegend
jenseits Bangwé und selbst von Urundi, mit ihren Breitlingen, die
sie Dogara nennen, mit Welsen, Barschen und andern Fischen; oder die
Palmölhändler, hauptsächlich aus Udschidschi und Urundi, mit grossen,
fünf Gallonen enthaltenden Töpfen voll röthlichen Oels, das so fest
wie Butter ist. Hier standen die Salzhändler aus den Salzebenen von
Uvinza und Uhha; dort die Elfenbeinhändler aus Uvira und Usowa; die
Bootmacher aus Ugoma und Urundi; die Trödler mit billigen Waaren
aus Zanzibar, die dünne, gedruckte Zeuge verkaufen, sowie Wechsler,
die blaue Mutunda-Perlen gegen Sami-Sami und Sungomazzi oder Sofi
umtauschen. Die Sofiperlen sehen wie kleine Stückchen dickes, etwa
halbzölliges Thonpfeifenrohr aus und sind hier sehr gesucht. Hier fand
man Waguhha, Wamanyuema, Wagoma, Wavira, Wasige, Warundi, Wadschidschi,
Waha, Wavinza, Wasowa, Wangwana, Wakawendi, Araber und Waswahili in
lärmendem Handel und Feilschen beschäftigt. Mit unbedecktem Haupt
und fast unbekleidet tändelten die Jünglinge mit schwarzhäutigen,
wollköpfigen Phylissen, die nicht wie ihre weissen Schwestern vor dem
glühenden Blick der Liebe zu erröthen wissen. Alte Weiber klatschten,
wie sie es überall thun; Kinder spielten und lachten und balgten sich,
ebenso wie die Kinder bei uns zu Lande, und auf ihre Speere oder Bogen
gestützte Greise waren gerade ebenso schwatzhaft auf dem Marktplatz von
Udschidschi, wie die alten Leute anderer Himmelsstriche.
[4] Alle Kritiken, die ich über Livingstone’s Entdeckungen gelesen
habe, sind zu sehr von dem odium geographicum gefärbt, als
dass man ihnen das Gewicht beilegen könnte, das den ruhigen,
kühlen Aussprüchen einer gesunden, logischen Ansicht erfahrener
Reisenden und Männern der Wissenschaft zukommt.
[5] [Durch die spätere Reise Stanley’s ist es klargestellt,
dass diese Annahme Livingstone’s nicht zutreffend und dass der
Lualaba in Wirklichkeit doch der Congo ist. In Erinnerung an
den grossen Reisenden führt dieser grosse Strom jetzt den Namen
„Livingstone-Fluss“.]
[6] Herodot, übersetzt von J. Chr. F. Baehr, S. 41–48.
[Illustration: AM TANGANIKA-SEE.]