IX

Ich lag und schlief, und schlief recht mild,

Verscheucht war Gram und Leid;

Da kam zu mir ein Traumgebild,

Die allerschönste Maid.

Sie war wie Marmelstein so bleich,

Und heimlich wunderbar;

Im Auge schwamm es perlengleich,

Gar seltsam wallt' ihr Haar.

Und leise, leise sich bewegt

Die marmorblasse Maid,

Und an mein Herz sich niederlegt

Die marmorblasse Maid.

Wie bebt und pocht vor Weh und Lust

Mein Herz, und brennet heiß!

Nicht bebt, nicht pocht der Schönen Brust,

Die ist so kalt wie Eis.

"Nicht bebt, nicht pocht wohl meine Brust,

Die ist wie Eis so kalt;

Doch kenn auch ich der Liebe Lust,

Der Liebe Allgewalt.

"Mir blüht kein Rot auf Mund und Wang,

Mein Herz durchströmt kein Blut;

Doch sträube dich nicht schaudernd bang,

Ich bin dir hold und gut."

Und wilder noch umschlang sie mich,

Und tat mir fast ein Leid;

Da kräht der Hahn -- und stumm entwich

Die marmorblasse Maid.

X

Da hab ich viel blasse Leichen

Beschworen mit Wortesmacht;

Die wollen nun nicht mehr weichen

Zurück in die alte Nacht.

Das zähmende Sprüchlein vom Meister

Vergaß ich vor Schauer und Graus;

Nun ziehn die eignen Geister

Mich selber ins neblichte Haus.

Laßt ab, ihr finstren Dämonen!

Laßt ab, und drängt mich nicht!

Noch manche Freude mag wohnen

Hier oben im Rosenlicht.

Ich muß ja immer streben

Nach der Blume wunderhold;

Was bedeutet' mein ganzes Leben,

Wenn ich sie nicht lieben sollt?

Ich möcht sie nur einmal umfangen

Und pressen ans glühende Herz!

Nur einmal auf Lippen und Wangen

Küssen den seligsten Schmerz!

Nur einmal aus ihrem Munde

Möcht ich hören ein liebendes Wort --

Alsdann wollt ich folgen zur Stunde

Euch, Geister, zum finsteren Ort.

Die Geister habens vernommen,

Und nicken schauerlich.

Feins Liebchen, nun bin ich gekommen;

Feins Liebchen, liebst du mich?

Buch der Lieder · 第 10 / 262 题