Verfallene Gräberreihen ziehen sich den Hang hinan. Der Totengräber,
der sie schuf, hat längst seine letzte Schicht verfahren. Und die
Hände, die sich einstmals liebend um diese Hügel mühten, haben sich
lange schon zum Ewigkeitsschlummer gefaltet, wer weiß wo. Der alte
Gottesacker am Berg ist eine Stätte des Verlassenseins geworden, der
Pflege des Herrgotts anvertraut.
Hier ruhen unsere Urgroßväter und Großväter aus von der Wallfahrt
im Harzheimatland. Eine stillgewordene Berggemeinde. Ihre Zeit ist
abgetan. Das ist das stille Leid, das über diesen Hügeln liegt und das
alles Bergblumenblühen nicht zu bannen vermag. Auf schiefen Kreuzen
und zerbröckelnden Schiefertafeln verwittern die Namen versunkener
Geschlechter, verblassen fromme Sprüche. Über die Gräber wächst der
Rasen. Langsam ebnet er Hügel um Hügel und breitet über Not und Tod
Vergessensein. Erde zu Erde.
Es ist kein Friedhof voll Prunk und Pracht. Schlicht und herbe, wie das
Leben der Bergstadtleute dahinfloß, ist auch ihre letzte Ruhestatt.
Und Prunk und Pracht hätten nicht hergepaßt an diesen Blumenhang,
auf dem jedes Grab und jedes Totenmal wie zufällig aus einer
Bergwiese hervorgewachsen zu sein scheint. Als habe sich jeder ein
Plätzchen gesucht, das ihm gefiel: der eine unter Bergwohlverleih und
Hirschzunge, der andere unter Margeritten und Glockenblumen, der dritte
unter Tausendgüldenkraut und Thymian und Bärwurz.
Da schlafen müdegewordene Holzhauer, denen in knöcherigen Händen
die Axt zu schwer ward. Hier hat der Reitende Förster sein letztes
Ruhebett im Grünen gefunden. Die Fichte über seinem Grab rauscht ihm
Grüße hernieder von Wald und Wild, und am Hubertusmorgen wehts durch
ihre Äste wie verlorenes Halali aus Hannoverschem Jägerhorn. Dort ging
der Fuhrherr zur Ruhe. Wenn über die Bergstraße ein Langholzwagen
bollert, Peitschenknall an der Waldwand drüben das Echo weckt und an
den Kummeten und Zäumen der Pferde die Messingbeschläge klingeln,
mag des Schläfers totes Herz unterm Leinenkittel zucken. Former und
Schmelzer rasten von hartheißer Arbeit am Schmelzofen und träumen
dem Silberblick der Ewigkeit entgegen. Zerstampft vom Pochwerk Leben
sagten hier Pochjunge und Pochsteiger der Erde Valet. Mit stummem
Glückauf begrüßen sich Bergmann und Königlicher Bergrat beim großen
Feierabend, der unter der Erde sie alle gleichmacht, die vom Leder
und die von der Feder. Wenn die Morgensonne früh über die Waldhöhen
guckt, gilt ihr erster Strahlengruß den Toten im Gottesacker am Berg.
Dann sprüht Tauperlengefunkel zwischen den Gräbern. In Trauereschen
und Lebensbäumen blänkern lang verweinte Tränen. Spinnennetze, die
zwischen Wiesenschwingel und Knäuelgras ihr Seidengewebe ausspannen,
werden zu kostbarem Filigran. Rostige Kreuze flackern wie braunrotes
Gold in den Himmel hinein. Goldbronzerestchen, die sich kümmerlich an
verwitterten Inschriften festhielten, schimmern im Sonnenschein, als
wollten sie verlöschendes Erinnern an einen Toten lebendig machen. Um
die Totenmale fließt stille Verklärung. Vergessene Seelchen huschen
hervor. Sie hocken rings auf Hügeln und verfallenen Einfassungen. Mit
weiten Träumeraugen schauen sie auf die Bergstadt hernieder, die Heimat
im Tal, die eine andere ward.
Da pfeift von fernher der Morgenzug. Eine Sirene zerreißt die
Morgenstille und ruft heulend zur Frühschicht. Die Seelchen huschen
erschrocken hinab und schütteln die Köpfe ob der neuen Zeit.
Glockenblumen läuten über den Hang, und in armseligem Rosengerank singt
eine Grasmücke ihre Litanei: Ruhn in Frieden alle Seelen.