XXI.

Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder

körperlicher Schönheit nehmen will?--Wer will ihr die nehmen? Wenn

man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu

solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Fußtapfen einer

verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie ängstlich herumirret,

ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschließt man

ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr

nachsehen muß?

Eben der Homer, welcher sich aller stückweisen Schilderung

körperlicher Schönheiten so geflissentlich enthält, von dem wir kaum

einmal im Vorbeigehen erfahren, daß Helena weiße Arme 1) und schönes

Haar 2) gehabt; eben der Dichter weiß demohngeachtet uns von ihrer

Schönheit einen Begriff zu machen, der alles weit übersteiget, was

die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. Man erinnere

sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der Ältesten des

trojanischen Volkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie, und

einer sprach zu den andern 3):

{1. Iliad. G. v. 121.}

{2. Ibid. v. 329.}

{3. Ibid. v. 156-158.}

Ou nemesiV, TrvaV kai euknhmidaV AcaiouV,

Toihd' amji gunaiki polun cronon algea pascein·

AinvV aJanathsi JehV eiV vpa eoiken.

Was kann eine lebhaftere Idee von SchÖnheit gewÄhren, als das kalte

Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und

so viele Tränen kostet?

Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, läßt er

uns in seiner Wirkung erkennen. Malet uns, Dichter, das Wohlgefallen,

die Zuneigung, die Liebe, das EntzÜcken, welches die Schönheit

verursachet, und ihr habt die Schönheit selbst gemalet. Wer kann

sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie

Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als häßlich denken? Wer

glaubt nicht die schönste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er

mit dem Gefühle sympathisieret, welches nur eine solche Gestalt

erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schönen Körper seiner Lesbia

Teil vor Teil zeiget:

Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos!

Forma papillarum quam fuit apta premi!

Quam castigato planus sub pectore venter!

Quantum et quale latus! quam juvenile femur!

sondern weil er es mit der wollÜstigen Trunkenheit tut, nach der

unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des

Anblickes zu genießen, den er genoß.

Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung

kÖrperlicher Schönheit wiederum einholet, ist dieser, daß sie

Schönheit in Reiz verwandelt. Reiz ist Schönheit in Bewegung, und

eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann

die Bewegung nur erraten lassen, in der Tat aber sind seine Figuren

ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in

der Poesie bleibt er was er ist; ein transitorisches Schönes, das wir

wiederholt zu sehen wünschen. Es kömmt und geht; und da wir uns

überhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern können, als

bloßer Formen oder Farben: so muß der Reiz in dem nÄmlichen

Verhältnisse stärker auf uns wirken, als die Schönheit. Alles, was

noch in dem Gemälde der Alcina gefällt und rühret, ist Reiz. Der

Eindruck, den ihre Augen machen, kömmt nicht daher, daß sie schwarz

und feurig sind, sondern daher, daß sie,

Pietosi a riguardar, a mover parchi,

mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; daß Amor

sie umflattert und seinen ganzen Köcher aus ihnen abschießt. Ihr

Mund entzücket, nicht weil von eigentümlichem Zinnober bedeckte

Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschließen; sondern weil

hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon,

ein Paradies auf Erden eröffnet; weil er es ist, aus dem die

freundlichen Worte tönen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen

bezaubert, weniger weil Milch und Helfenbein und Apfel uns seine

Weiße und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft

auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am äußersten Rande des

Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet:

Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,

Vengono e van, come onda al primo margo,

Quando piacevole aura il mar combatte.

Ich bin versichert, daß lauter solche ZÜge des Reizes, in eine oder

zwei Stanzen zusammengedrÄnget, weit mehr tun würden, als die fünfe

alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zügen der

schÖnen Form, viel zu gelehrt für unsere Empfindungen, durchflochten

hat.

Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit

verfallen, eine Untunlichkeit von dem Maler zu verlangen, als das

Bild seines Mädchens nicht mit Reiz beleben.

Trujerou d' esw geneiou,

Peri lugdinw trachlw

CariteV petointo pasai.

Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem KÜnstler, ihren marmornen Nacken

laß alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem genauesten

Wortverstande? Der ist keiner malerischen Ausführung fÄhig. Der

Maler konnte dem Kinne die schÖnste Ründung, das schönste Grübchen,

Amoris digitulo impressum, (denn das esw scheinet mir ein Grübchen

andeuten zu wollen)--er konnte dem Halse die schönste Karnation geben;

aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schönen Halses,

das Spiel der Muskeln, durch das jenes Grübchen bald mehr bald

weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war über seine Kräfte.

Der Dichter sagte das Höchste, wodurch uns seine Kunst die Schönheit

sinnlich zu machen vermag, damit auch der Maler den höchsten Ausdruck

in seiner Kunst suchen möge. Ein neues Beispiel zu der obigen

Anmerkung, daß der Dichter, auch wenn er von Kunstwerken redet,

dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den

Schranken der Kunst zu halten.

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 27 / 36 题