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Dostojewski als Publizist IX
Vorbemerkung XV
Zur Lebensgeschichte Dostojewskis. Von Orest Miller
Kindheit und Jugend 1
Der Anfang seiner literarischen Tätigkeit 51
Die Katastrophe 78
Verbannung und Befreiung 132
Petersburg 151
Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke
Erstes Kapitel: Statt eines Vorworts 179
Zweites Kapitel: Im Waggon 188
Das dritte und vollkommen überflüssige Kapitel 196
Das vierte und für Reisende nicht überflüssige Kapitel 221
Fünftes Kapitel: Baal 229
Sechstes Kapitel: Ein Versuch über den Bourgeois 244
Siebentes Kapitel: Fortsetzung des Vorhergehenden 264
Achtes Kapitel: Bribri und Mabisch 282
„Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873
Einführung 302
Menschen von damals 313
Eine der zeitgemäßen Fälschungen 323
„Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1876
George Sands Tod 352
Ein paar Worte über George Sand 357
„Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1877
Alte Erinnerungen 370
Ich muß gestehen, daß ich diese Aufsätze nicht nur
für meine Leser schreibe, sondern auch für mich
selbst.
Aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“.
Dostojewski als Publizist.
Zur Einführung in die Bände 11, 12, 13 sowie 23, 24, 25 der Ausgabe.
Die früheste publizistische Tätigkeit Dostojewskis fällt in die Zeit
nach seiner Rückkehr aus Sibirien im Herbst 1859. Im Jahre 1860 begann
er mit den Vorarbeiten für eine politisch-literarische Monatsschrift
„Die Zeit“ („Wremjä“), die er dann seit dem Januar 1861 in Gemeinschaft
mit seinem älteren Bruder Michail herausgab, bis die Zeitschrift im Mai
1863 infolge eines Irrtums der Zensoren verboten wurde. Ihre Fortsetzung
„Die Epoche“ („Epocha“ erschien vom März 1864 bis zum Frühjahr 1865) war
finanziell, im Gegensatz zur „Zeit“, ein vollkommener Mißerfolg und
hinterließ Dostojewski nach ihrem Eingehn noch eine erhebliche
Schuldenlast.
Die rein publizistischen Artikel, die von Dostojewski aus diesen Jahren
vorliegen – fünf kritische Artikel aus dem Jahre 1861 und der
Reisebericht „Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke“, den er nach
seiner ersten Auslandsreise im Sommer 1862 schrieb und in der „Zeit“
veröffentlichte – bezeugen deutlich die Aufnahme und Verarbeitung der
Ideen seiner Mitarbeiter an der „Zeit“ Apollon Grigorjeff und N. N.
Strachoff: der Idee des Slawophilentums und der Hegelischen Idee vom
Staat, sowie der ideellen Auffassung Alexander Herzens von Westeuropa.
Diese erste publizistische Tätigkeit, die Dostojewski durch den
täglichen Verkehr mit dem Naturwissenschaftler und Philosophen Strachoff
und den literarischen Kreisen Petersburgs zwar einerseits die
wichtigsten Anregungen eintrug – ganz abgesehen von denjenigen, die er
auf seinen zwei ersten Sommerreisen nach Europa empfing, die ihn 1862
nach Deutschland, Paris, London, Genf, Florenz, 1863 u. a. auch nach Rom
führten –, nahm andererseits seine Zeit doch so in Anspruch, daß er in
diesen Jahren bis zum Frühjahr 1865 an künstlerischen Arbeiten nur die
Anekdote „Eine dumme Geschichte“, die Novelle „Aus dem Dunkel der
Großstadt“ und die kleine Satire „Das Krokodil“ geschrieben hat. Nun
folgte, nach einer dritten Reise nach Deutschland und Kopenhagen im
Herbst 1865, eine Zeit der äußeren Einsamkeit bei größter künstlerischer
Produktivität. Zunächst begann er (1865) seinen ersten großen Roman:
„Rodion Raskolnikoff“, der 1866 erschien und dem schon zu Ende des
Jahres der kleinere Roman „Der Spieler“ folgte. Nach seiner zweiten
Verheiratung – er vermählte sich am 15. Februar 1867 mit Anna
Grigorjewna Ssnitkina – reiste er am 14. April zum vierten Male ins
Ausland. Diese vierte Reise dehnte sich infolge der erwähnten
Schuldenlast, die abzutragen umso schwerer war, als er außer für seinen
Stiefsohn aus erster Ehe auch noch die Familie seines im Juni 1864
verstorbenen Bruders Michail zu unterstützen hatte, zu einem mehr als
vierjährigen Aufenthalte in der Fremde aus. Dostojewski und seine Frau
reisten über Baden-Baden, wo der Dichter des „Spielers“ wiederum spielte
und diesmal empfindlich verlor, nach Genf, von dort später nach Mailand
und Florenz, von wo sie im August 1869 über Venedig, Wien und Prag nach
Dresden übersiedelten. Im Juli 1871 kehrte Dostojewski trotz der noch
unabgetragenen Schulden nach Petersburg zurück, da der Russe in ihm das
Leben im Auslande nicht mehr ertrug. In diesen Jahren aber, die er mit
seiner Frau in der Fremde ganz einsam, ohne Beziehung zu den russischen
Emigranten, meist in größten Geldsorgen verbrachte, entstanden: 1867–68
der zweite große Roman „Der Idiot“, 1869 der kleinere Roman „Der ewige
Gatte“ und 1870–72 „Die Dämonen“. Mithin hat Strachoff nicht so Unrecht,
wenn er den Bankrott der „Epoche“, der Dostojewskis publizistischer
Tätigkeit 1865 vorläufig ein Ende machte, ein Glück für den Künstler
Dostojewski nennt.
Das Jahr 1873 sieht dann Dostojewski zum zweitenmal als Publizisten,
jetzt als offiziell bestätigten Schriftleiter des „Bürger“
(„Grashdanin“, s. S. 302 Anm.), den er bis zum Frühjahr 1874 leitete und
in dem er in der ersten Hälfte des Jahres unter dem Gesamttitel
„Tagebuch eines Schriftstellers“ – als handelte es sich um Blätter aus
einem Tagebuch, das er, wie er einmal bemerkt, nicht nur für seine
Leser, sondern auch für sich selbst schrieb – fünfzehn Beiträge und im
Dezember noch einen sechzehnten Beitrag über verschiedene Themata unter
entsprechenden Sondertiteln, u. a. auch zwei dichterische Skizzen,
veröffentlichte. In der zweiten Hälfte des Jahres 1873 schrieb er sodann
für den „Bürger“ „Überblicke über die auswärtigen Ereignisse“ – im
ganzen zwölf Artikel –, die er jedoch nicht mit seinem Namen zeichnete.
Im März 1874 wurde er wegen einer Verletzung der Zensurvorschriften
vorübergehend verhaftet, worauf er die Schriftleitung niederlegte und
sich später auf sein Landhaus in Staraja Russa (am Ilmen-See, südlich
von Petersburg) zurückzog. Dort verblieb er auch den ganzen folgenden
Winter und schrieb in dieser Stille seinen vierten großen Roman: „Der
Jüngling“, der 1875 erschien.
Erst hierauf beginnt dann seine wichtigste publizistische Tätigkeit: in
den Jahren 1876 und 77.
Dostojewski war nun in der Lage, im Selbstverlage eine Monatsschrift
herauszugeben, die er ganz allein schrieb und für die er den 1873 für
seine Beiträge im „Bürger“ gewählten Gesamttitel „Tagebuch eines
Schriftstellers“ als Titel beibehielt, da dieser dem Inhalt den
weitesten Spielraum ließ und den Artikeln über alles, was ihn gerade
beschäftigte, den Charakter einer persönlichen Aussprache gab. Und da er
nun einmal für seine Schriften dieser Art die Möglichkeit einer
Veröffentlichung im Selbstverlage besaß, veröffentlichte er 1876 und 77
auch die künstlerischen Skizzen, Novellen und Erzählungen, die er in
diesen Jahren zwischendurch schrieb, in diesen monatlich erscheinenden
Heften.
Im Jahre 1878 zog sich Dostojewski aus diesem zweijährigen unmittelbaren
Kampfe der Tagesmeinungen, den er als Publizist namentlich in dem
aufregenden Kriegsjahre 1877 für die Balkanslawen mit Leidenschaft
geführt hatte, abermals zurück und schrieb nun, wiederum fern aller
Publizistik, sein größtes und letztes Werk: „Die Brüder Karamasoff“, in
dem er zum Teil zur Ausführung brachte, was er schon 1868 für einen
Roman „Der Atheismus“ geplant hatte. „Die Brüder Karamasoff“ waren das
letzte Wort des Dichters. Als Publizist aber hat er dann noch im letzten
halben Jahr seines Lebens zwei weitere Hefte des „Tagebuch eines
Schriftstellers“ herausgegeben: im August 1880 und im Januar 1881.
Von diesen letzten gelegentlich herausgegebenen Einzelheften enthält das
erstere vom Jahre 1880 die berühmte Puschkinrede, die Dostojewski am 8.
Juni zur Puschkinfeier in Moskau gehalten hatte und die er mit dem
alsbald darauf erfolgten Angriff eines Westlers sowie seiner eigenen
Abwehr, die nun seinerseits zu einem scharfen Angriff wurde, im August
als Einzelheft herausgab (in „Literarische Schriften“, Band 12 der
deutschen Ausgabe). Und das letzte, rein politische Heft, das am Tage
seiner Beerdigung, am 31. Januar 1881, erschien, und zwar ohne
Zensurlücken, trotz der von Dostojewski mehrfach ausgesprochenen
Befürchtung, daß ihm wohl manches gestrichen werden würde, enthielt vier
Artikel, in denen er erstens nicht für die Einberufung eines Parlaments
(einer „Schwatzbude mit Schwätzern“), sondern eines Bauernrates (der
„grauen Kittel“, wie er sich vorsichtigerweise umschreibend ausdrückt)
eintrat; zweitens der von Peter ausgebauten Bürokratie die
Zweckmäßigkeit nicht absprach; und in zwei letzten Kapiteln sich von der
früher von ihm verfochtenen Großmachtpolitik Rußlands in Europa abwandte
und Rußland „nach Asien“ rief (in „Politische Schriften“, Band 13 der
deutschen Ausgabe, die Artikel: „Russische Finanzen“, „Die Meinung eines
geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen und Westler“, „Was ist
Asien für uns?“ und „Fragen und Antworten“).
Aus diesem ganzen überaus umfangreichen Material, das von Dostojewski in
publizistischer Form vorliegt (also aus seinen Beiträgen in der
Monatsschrift „Die Zeit“, wie aus den Beiträgen im „Bürger“ und den
Monatsheften „Tagebuch eines Schriftstellers“) wurden für die deutsche
Ausgabe zunächst die erwähnten ausgesprochen dichterischen Arbeiten
ausgeschieden und die Erzählungen den entsprechenden Novellenbänden,
Band 20 und 22, zugewiesen. Ferner wurden die „Kleinen Bilder“, Skizzen
und Beobachtungen aus dem russischen Volksleben und europäischen
Völkerleben zu einem 24. Bande vereint. Schließlich wurde für die
kriminalpsychologischen Studien, die Dostojewski in den Jahren seiner
publizistischen Tätigkeit verfaßt hat, Band 23 der deutschen Ausgabe
vorgesehen: „Russische Prozesse“. Der ganze große verbleibende Rest des
nunmehr nur publizistischen Materials wurde sodann nach inhaltlichen
Gesichtspunkten geordnet. Auf diese Weise wurden die „Autobiographische
Schriften“, Band 11, „Literarische Schriften“, Band 12 und „Politische
Schriften“, Band 13 der deutschen Ausgabe gewonnen, während ein letzter,
der 25. Band der deutschen Ausgabe denjenigen Aufsätzen vorbehalten
blieb, die im wesentlichen als Studien oder Vorläufer späterer Artikel
zu betrachten sind.