I.

Ihre Herrlichkeiten.

Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne

verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da

und dort verstreuten Zeitungsblätter, durchsuchte die Taschen seines

goldgelben Plüschschlafrocks, durchwühlte auch die seines stahlgrauen

Ueberziehers, der über der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich

dann zurück, während ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an

seiner Stirn sichtbar wurde.

In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Veränderung

der Gesichtszüge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren

Unbehagen Ausdruck zu geben.

Eine leichte Neigung des Oberkörpers deutete darauf hin, daß er sich

sogar einmal bücken wollte, um einen Blick unter den von einer großen,

schwer befranzten Decke verhüllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch

zurück und »geruhte« auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu

drücken.

Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der

Thürschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen.

»Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist,«

sagte Lord Piborne.

John bückte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die Höhe

und richtete sich mit leeren Händen wieder auf.

Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten

Platze nicht.

Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.

»Wo ist Lady Piborne? fragte er.

-- In ihren Gemächern, antwortete der Kammerdiener.

-- Und der Graf Ashton?

-- Er lustwandelt im Parke.

-- Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage

ihr, ich wünsche die Ehre zu haben, sie baldmöglichst zu sprechen.«

John machte steif auf der Stelle Kehrt -- ein stielgerechter Lakei hat

sich im Dienste nicht zu verneigen -- und verließ streng abgemessenen

Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszuführen.

Seine Herrlichkeit Lord Piborne zählt fünfzig Jahre -- fünfzig Jahre,

die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Verstoß gegen die

Ehre des Adels, von keiner Mißheirat befleckten Familie hinzuzurechnen

waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses,

bedauert er in gutem Glauben das Aufhören vieler alten Privilegien der

Feudalzeit, die schöne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgüter und

Domänen, der Macht persönlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen

erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann

ohne Zögern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen

ebenbürtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht

rühmen kann, steht für ihn auf der Stufe des Bauers, des Bürgers,

wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn

folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner

Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen

Welt zu erscheinen. Groß, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen

wie erloschen, so sehr sind sie gewöhnt, Mißachtung auszudrücken, im

Sprechen karg und trocken, repräsentiert Lord Piborne den Typus jener

hochmüthigen Edelleute, die sich in den Hüllen bestaubter Pergamente

vergraben und die -- glücklicher Weise -- selbst in dem aristokratischen

Königreiche Großbritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat

gesetzt scheinen.

Hierzu ist nachzutragen, daß der Marquis englischer Abstammung ist und

daß er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer

Herkunft ist, zum Altare führte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz für

einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen

Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch höher

steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne

Zweifel ein, daß Gott dereinst erst Handschuhe anlegen würde, um sie in

seinem Paradiese nach Gebühr zu empfangen.

Die Thür öffnete sich, und als hätte es sich um den Eintritt einer hohen

Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener:

»Ihre Herrlichkeit Lady Piborne.«

Die Marquise -- eine reife Vierzigerin -- groß, hager, eckig, die Haare

von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dünn, die Nase aristokratisch

adlerartig, die Taille schlank und die Schultern abstehend -- war gewiß

niemals schön gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des

Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging,

hätte Lord Piborne gewiß keine bessere Gemahlin finden können.

John rollte einen wappengeschmückten Lehnstuhl heran, worauf die

Marquise sich niederließ, und zog sich lautlos zurück.

Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame.

»Sie werden verzeihen, Marquise, daß ich Sie ersuchen lassen mußte,

Ihre Gemächer zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem

Cabinet zu gewähren.«

Es braucht nicht Wunder zu nehmen, daß ihre Herrlichkeiten, selbst in

privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das gehört

hier einmal zum guten Ton. Und übrigens waren beide noch in der »Puder-

und Perrückenschule« der früheren Gentry aufgewachsen. Nie hätten sie

sich zu der Vertraulichkeit des landläufigen Geplauders herabgelassen,

das Dickens im Scherze »Perrucobalivernage« genannt hat.

»Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche

Frage hätten Sie an mich zu richten?

-- Ich möchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedächtniß zu Hilfe

zu kommen.

-- Ich höre.

-- Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse

weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren?«

Der Attorney ist der bevollmächtigte Rechtsanwalt, der seinen

Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Königreiches

vertritt.

»Gewiß... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne.

-- Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen

begleitet?

-- Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.

-- Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?

-- Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.

-- Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch

eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie

sich wohl auch, daß ich ein Portefeuille bei mir führte, das die Papiere

betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele

bevorsteht?

-- Jenes ungerechten Processes, den man die Kühnheit, die

Unverschämtheit hat, uns aufzunöthigen! setzte Lady Piborne mit

bezeichnender Geberde hinzu.

-- Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein

sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in

Banknoten, die für unsern Sachwalter bestimmt war.

-- Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.

-- Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in

Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat

uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die

Schriftstücke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat

darauf geantwortet, daß er für jetzt weder des einen noch des andern

bedürfe, unter dem Hinzufügen, daß er selbst nach dem Schlosse

kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaßungen des Kirchspiels

aufzutreten.

-- Gegen die schmählichen Anmaßungen, die früher als Attentate auf die

grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden wären...«

Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in

ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.

»Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, daß

ich mein Portefeuille behalten habe, daß wir bald wieder in den Wagen

gestiegen sind und das Schloß gegen sieben Uhr, als es bereits zu

dunkeln anfing, erreicht haben.«

Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte

Aprilwoche.

»Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt

in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun

nicht mehr finden.

-- Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets

gelegt?

-- Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen

Papieren danach gesucht.

-- Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?

-- Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber

vertrauen...

-- Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady

Piborne.

-- Uebrigens wär' es möglich, fuhr der Marquis fort, daß mein

Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wäre.

-- Das müßte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert

Pfund Sterling nicht für eine gute Prise ansah...

-- Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen

will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte

gegenüber dem Kirchspiel nachweisen...

-- Gegenüber dem Kirchspiel, pah!« sagte Lady Piborne.

Man hörte es, daß das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und daß sie

die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren

Ansprüche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.

»Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen

Proceß verlieren sollten...

-- Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklärte Lord Piborne, wenn wir

jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind...

-- So würde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die

an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domäne der Piborne

gehört haben?

-- Ja, Marquise.

-- Das wäre abscheulich!

-- Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet,

jene Ansprüche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und

Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den

Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der

Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rädelsführer

der Landliga aufknüpfen läßt, weiß ich nicht... oder weiß ich vielmehr

nur zu gut, wie das enden wird...«

Da öffnete sich die Thür des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger

Mann erschien.

»Ah, Sie sind es, Graf Ashton?« unterbrach sich Lord Piborne.

Der Marquis und die Marquise hätten es niemals versäumt, ihrem Sohne

diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten

Pflichten hätte zu vernachlässigen gefürchtet, wenn er darauf nicht

antwortete:

»Ich wünsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!«

Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er würdevoll die Hand

küßte.

Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmäßiges,

doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge gewiß auch später an

Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natürliche

Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei

Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben, jedem Fortschritte

des modernen Lebens abhold erwiesen -- zwei Typen aus der Periode der

Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct

der Rasse bewirkte schon, daß dieser Knabe sich etiquettengerecht

verhielt, daß er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn

die Marquise sehr verwöhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses

»abgerichtet« war, sich allen seinen Launen zu fügen. So besaß er

keine, der für dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die

ungebundene Beweglichkeit des Körpers, noch die Wärme des Herzens oder

den Enthusiasmus der Jugend.

Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief

unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefühl für die Armuth abging, der

zwar in allen Zweigen des Sports -- dem Reiten, Jagen, Wettrennen,

dem Croquett und Lawn-Tennis -- schon recht bewandert, sonst aber

erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern,

die sich vergeblich mit ihm abgemüht hatten.

Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer

Distinguirtheit später als klägliche Schwachköpfe durchs Leben wandern,

zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber

genug, und der Graf Ashton Piborne gehörte unzweifelhaft zu dieser

Sorte.

Er hörte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich,

daß Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus

dem Hause des Sachverwalters zurückkam, und daß er es bei der Abfahrt

von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den

Wagensitz gelegt habe.

»Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.

-- Ja, Milady, und ich glaube nicht, daß das Portefeuille habe aus dem

Wagen fallen können.

-- Dann hätte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden

müssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.

-- Und man kommt zu dem Schlusse, daß es einer der Diener unterschlagen

hat,« setzte Lady Piborne hinzu.

Dieser Ansicht war natürlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein

Vertrauen zu solchen »Kerlen«, die immer spionieren, wenn sie nicht gar

stehlen -- und beides meist zusammen thun -- die man das Recht haben

sollte, wie einst die Leibeigenen Großbritanniens, nach Belieben

auszupeitschen. Woher er etwas von »Leibeignen in Großbritannien« gehört

hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, daß der Marquis

und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen

Groom zugetheilt hatten, der würde schon die Hand des Herren zu fühlen

bekommen haben u. s. w.

Das hieß rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu führen,

mußte man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben.

Die Verhandlung lief also darauf hinaus, daß das Portefeuille gestohlen,

und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, daß darüber eine

Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften

bleibe, sofort der Polizei überwiesen werden müsse, da dem Lord Piborne

das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.

Der Graf Ashton drückte also auf den Knopf der Klingel, und

wenige Augenblicke später erschien der Schloßverwalter vor ihren

Herrlichkeiten.

Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige

Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persönlichkeit,

der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft

des Hauses bestens gehaßt wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne

Aufbrausen und Anmaßung, doch im Grunde schlecht behandelte.

Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die

Unterwürfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten

Geistlichen einer Parochie.

Jetzt erzählte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel

auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch hätte

wiederfinden müssen.

Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und

der Lady Piborne war. Bei der Rückkehr des Wagens hatte er, der sich

in respectvoller Entfernung von dessen Thür hielt, bei der Dunkelheit

natürlich nicht sehen können, ob das Portefeuille an der vom Marquis

bezeichneten Stelle lag.

Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche hätte auf die

Landstraße hinaus gefallen sein können, so hütete er sich doch,

das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der

Unachtsamkeit gefallen wäre; er begnügte sich vielmehr mit der

Bemerkung, daß das Portefeuille selbstverständlich hochwichtige

Schriftstücke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es

die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persönlichkeit, wie dem

Schloßherrn, zu gehören.

»Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, daß hier eine

Fundunterschlagung stattgefunden hat...

-- Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.

-- Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich

nicht allein um eine nicht unbeträchtliche Geldsumme, sondern auch um

Schriftstücke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenüber dem

Kirchspiele nachweisen.«

Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken,

daß das Kirchspiel sich unterfange, überhaupt ein Recht gegen das

vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen -- eine Unverschämtheit,

die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz

unmöglich gewesen wäre -- nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett

nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hände

und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine

Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine

heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.

»Doch wenn ein Diebstahl ausgeführt worden ist... sagte er endlich.

-- Wie... nur _wenn_ er ausgeführt worden wäre? fiel die Marquise

näselnden Tones ein.

-- Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter

hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja

nur...

-- Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton

ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der

Hand gehaltenen Reitgerte.

-- Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen,

den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1] die

Intervention des Gerichtes herbeizuführen, da es einem nicht einmal mehr

auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu üben.

-- Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele führen, fragte der

Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?

-- Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett;

hören Sie? Alle Leute!«

Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurück, worauf auch

die Marquise wieder ihre Gemächer aufsuchte und der Graf Ashton sich zu

seinen Hunden im Park zurückbegab.

Scarlett mußte sich sofort mit der ihm übertragnen Aufgabe befassen,

obgleich er nicht zweifelte, daß das Portefeuille während der Fahrt von

Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine

Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so

wollte er das thun... daß er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen

solchen ermitteln, und hätte er auch einen beliebigen Diener durch

Auslosung bestimmen sollen.

Nun mußten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Küchenchef,

die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloßverwalter

erscheinen. Natürlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl

Scarlett sich über die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet

hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwürfe und

drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder

zum Vorschein käme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert

Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten

auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem

schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute

einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu

wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die

Hand auf den Uebelthäter zu legen, so durfte dieser auf eine

Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn

Lord Piborne war mächtig genug, und einen so großen Herrn zu bestehlen

galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des

Königshauses zu vergreifen.

Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte,

eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Geständniß, der

Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der

hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schloßverwalter, dem Lord

von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen Kenntniß zu geben.

»Die Leute stecken unter _einer_ Decke, erklärte der Marquis, und wer

weiß, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben.

-- Ich glaube, daß Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte

Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich

auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinlänglicher Beweis, daß die

Leute sich untereinander verstehen.

-- Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schränke und Koffer durchsucht,

Scarlett?

-- Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, daß ich das mit Erfolg

nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann.

-- Das ist richtig, bestätigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach

Kanturk... oder besser, verfügen Sie sich selbst dahin. Natürlich darf

keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schloß verlassen.

-- Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgeführt werden.

-- Der Polizeibeamte soll nicht versäumen, einige Leute mitzubringen,

Scarlett...

-- Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird

nicht verfehlen, diesem nachzukommen.

-- Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket,

benachrichtigen, daß ich mit ihm über diesen Vorfall sprechen muß und

ihn schleunigst hier zu sehen wüsche.

-- Noch heute soll er die Mittheilung erhalten....

-- Wann brechen Sie auf?

-- Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurück zu sein.

-- Gut.«

Das Erzählte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu

sagen, was er in Kanturk vorhabe, ließ sich Scarlett eines der besten

Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am

Wirthschaftsthore, nahe dem Wächterhause, eine Glocke ertönte.

Ein Flügel des Thores öffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa

zehn Jahren.

Es war Findling.

Der Findling. Zweiter Band. · 第 17 / 34 题