Nie ist ihm der Gedanke gekommen, Lieschen könnte die Stelle gewechselt
haben. Genau so arglos wie Großmutter Bohn scheint der Jachl zu sein.
Nur hatte sie es besser wie er. Sie brauchte sich nicht suchend aufs
Einwohnermeldeamt zu begeben; sie erfuhr nie, wie oft Trude die Stelle
gewechselt hatte, bis sie überhaupt mit »Stellenannehmen« fertig
war. -- --
Etwas Furchtbares ist ein Einwohnermeldeamt. So ruhig Jachl sich bis
dahin in Berlin bewegt hat, auf den langen Korridoren des
Polizeipräsidiums wird ihm doch ganz schwindlig. Zweimal muß der kleine
Maler, der noch vor dem Hause Schaperstraße 24 stand, als Jachl
herunterkam, erinnern, daß die Auskunft fünfundzwanzig Pfennige koste.
Dann sucht Jachl so lange in seinem Portemonnaie, als könne er nicht
mehr eine Mark von zehn Pfennigen unterscheiden. --
»Sie suchen Lieschen Müller?«
Der kleine Maler bejaht die Frage.
Minutenlanges Blättern.
»Lieschen Müller, zurzeit im Mütterheim, Akazienallee.« --
Erledigt! Fertig!
Jachl steht auf der Straße. Er hört nicht, was sein Führer redet. Er hat
so furchtbares Sausen im Kopf, als führen alle Autos geradeswegs durch
seinen Kopf, immer nur durch seinen Kopf.
Hin zu ihr muß er. Dabei ist nichts zu besinnen.
Gegen vier Uhr hat er sich bis zur Akazienallee durchgefragt. Der Weg
war lang. Jachl wünschte, er wäre noch viel länger gewesen. --
Ein ganz kleines Schild ist am Eingang angebracht. »Mütterheim« steht
darauf.
Die erste, die ihm auf dem Hofe des Gebäudes begegnet, ist Lieschen. Sie
trägt ein Kind auf dem Arm, das genau ihre Augen und ihre Nase und ihren
Mund hat. Sofort erkennt das Jachl, obwohl er eigentlich alles wie durch
Nebel sieht. --
In einen Winkel des Hofes sind sie getreten. Lieschen ist kalkbleich
geworden. Sie weiß nicht, was sie sagen soll.
»Es ist ja gar nicht sowas Schlimmes«, begehrt sie endlich fast zornig
auf. --
Wut, Schmerz, Eifersucht reißen an Jachl. Zorn übermannt ihn. Sein Arm
zittert. Er möchte die Hand heben und sie schlagen; er möchte sie
erwürgen. --
Das Kind schützt Lieschen. So viel Verstand hat er behalten: dem Kinde
will er nicht weh tun. --