Herzvogel mein, du Vogel schön,

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[Illustration: Eduard Mörike

nach dem Bilde von Bonaventura Weiß 1851.]

Hausbücherei

16

Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

16. Band

[Illustration]

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1910

11.--20. Tausend

Auswahl

aus den Dichtungen

Eduard Mörikes

Herausgegeben und eingeleitet von

~Dr.~ J. Loewenberg

Mit einem Bilde Mörikes von Weiß

[Illustration]

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1910

11.--20. Tausend

Den Einband schmückt die Silhouette Mörikes von _Paul Konewka_

Inhaltsverzeichnis

Seite

Inhaltsverzeichnis 5--7

Einleitung von ~Dr.~ J. Loewenberg 9--18

Gedichte Eduard Mörikes 21--103

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang 21

Nächtliche Fahrt 22

Der Knabe und das Immlein 24

Begegnung 25

Der Jäger 26

Ein Stündlein wohl vor Tag 28

Storchenbotschaft 28

Suschens Vogel 29

In der Frühe 30

Er ist's 31

Im Frühling 31

Fußreise 32

An eine Äolsharfe 33

Mein Fluß 34

Auf der Reise 36

Frage und Antwort 37

Lebewohl 37

Heimweh 38

Gesang zu zweien in der Nacht 38

Die traurige Krönung 39

Jung Volker 41

Nimmersatte Liebe 42

Der Gärtner 42

Schön-Rohtraut 43

Lied vom Winde 44

Das verlassene Mägdelein 46

Agnes 46

Elfenlied 47

Die Soldatenbraut 48

Der Feuerreiter 49

Die Tochter der Heide 51

Die Geister am Mummelsee 52

Die schöne Buche 53

Auf das Grab von Schillers Mutter 55

Lose Ware 56

Erinna an Sappho 57

Scherz 59

Septembermorgen 60

Verborgenheit 61

Früh im Wagen 61

Denk' es, o Seele 62

Peregrina 1 63

Peregrina 2 64

Peregrina 3 65

Peregrina 4 66

Peregrina 5 67

Um Mitternacht 67

Auf einer Wanderung 68

Am Rheinfall 69

An meine Mutter 70

Zum Neuen Jahr 70

Auf ein altes Bild 71

Sehnsucht 71

Zu viel 73

Nur zu! 73

An die Geliebte 74

Wo find ich Trost? 75

Gebet 75

Nixe Binsefuß 76

Zwei Liebchen 77

Der Zauberleuchtturm 78

Der alte Turmhahn 80

An Wilhelm Hartlaub 90

Ach nur einmal noch im Leben! 92

Der Tambour 94

Häusliche Szene 95

Selbstgeständnis 102

Restauration 102

Nachts 103

Die Historie von der schönen Lau 104--139

Mozart auf der Reise nach Prag 140--235

[Illustration]

Einleitung.

Eine Auswahl aus Mörike und insbesondere eine Auswahl aus Mörikes

Gedichten -- ist sie gerechtfertigt, da doch der Dichter selbst bei

der Sammlung seiner Gedichte so sorgfältig wählte und schied? Der

Zweck unserer Ausgaben, die in erster Linie für die weitesten Kreise

unseres Volkes bestimmt sind, möge es erklären, daß wir von dem Guten

nur das Beste bringen, daß wir alle Übersetzungen und die meisten

Gelegenheitsgedichte fortgelassen haben. Wenn sich auch in vielen

irgend etwas dichterisch Schönes findet, so sind sie im Vergleich zu

den anderen Gedichten doch minderwertig. Und scheint es nicht, als ob

unsere Zeit mit der Fülle ihrer Erscheinungen und Forderungen, mit

der ruhelosen Hast, in die uns der Kampf eines jeden Tages treibt,

geradezu zu einer Auswahl drängt? Ist es nicht mehr als Zufall, daß

unsere ersten lebenden Lyriker wie Liliencron, Dehmel, Falke selber

eine Auswahl ihrer Gedichte veranstaltet haben? Wir sind nicht mehr

die fröhlich dahinschreitenden Wanderer, die in behaglicher Muße den

Fluß entlang ziehen. Wir werfen von der Höhe des Weges einen sehnenden

Blick in sein liebliches Tal, steigen in der Hitze des Tages wohl zu

ihm herab und erquicken uns an einem vollen Trunk, aber dann weiter,

weiter! Hat er uns wohlgetan, dann denken wir des Spenders in dankbarem

Gemüte, und in gesegneter Stunde kehren wir gern zu ihm zurück, um eine

weit größere Strecke, wenn möglich den ganzen Weg mit ihm zu wandern. --

Eduard Friedrich _Mörike_ wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg

geboren, der kleinen württembergischen Residenzstadt, die uns auch

Justinus Kerner, Friedrich Theodor Vischer, den Dichter von »Auch

Einer«, und David Strauß, den Verfasser des »Lebens Jesu«, geschenkt

hat. Der Vater, der Arzt gewesen, starb, als Eduard erst dreizehn Jahre

alt war, und nun blieb der Mutter die Sorge für sieben unversorgte

Kinder. Sie war eine lebhafte, heitere, phantasiebegabte Frau, und

des Dichters geistiges Erbe stammte wohl zumeist von ihr. So ungern

sie sich auch von ihrem Eduard trennte, so mußte sie es doch dankbar

annehmen, daß sein Oheim, der Obertribunalpräsident Georgii, ihn zu

sich nach Stuttgart nahm, um seine Erziehung zu leiten.

Da Mörike Theologie studieren wollte und sollte, kam er im folgenden

Jahre (1818) in das Seminar zu Urach. Hier schloß er Freundschaft mit

Wilhelm Hartlaub, der ihm Zeit seines Lebens aufs treuste zugetan

war. Mit mancherlei Anlagen ausgerüstet, mit ausgesprochenem Talent

für Zeichnen, mit tiefer Neigung für Musik verriet er auch schon hier

seine poetische Begabung, und als er im Jahre 1822 in das Seminar zu

Tübingen, das sogenannte »Stift«, eintrat, fand er sich bald mit dem

poetisch veranlagten Ludwig Bauer zusammen, mit dem im Bunde er seinen

phantastischen und poetischen Neigungen nachgehen konnte.

Von früh auf suchte der scheue, stille Knabe die Einsamkeit, fand

seine tiefsten Freuden in der Natur und liebte es, sich in eine bunte,

romantische Märchenwelt einzuspinnen. Nun trieben die Freunde »in

einsamer Abgeschlossenheit im Walde, in einem Felsenloch, in einem

verlassenen Brunnenstübchen ihr Wesen, machten den Tag zur erkünstelten

Nacht, deren Dunkel eine matte Lampe erhellte, und lasen sich da Homer

und Shakespeare vor. Nixen, Elfen und Geister aller Art beschworen sie

mit ihrer Phantasie und träumten sich auf eine einsame Wunderinsel

Orplid versetzt.«

In seiner Tübinger Studienzeit wurde Mörike von einer

leidenschaftlichen Liebe zu Marie Meyer, einem abenteuernden Mädchen,

ergriffen, dessen Wesen und Schicksal noch heute nicht ganz aufgehellt

ist. Nach schweren inneren Kämpfen erkannte er, daß seine Liebe, die er

in dem Gedichtcyklus »Peregrina« verewigt hat, auf Irrwege gegangen,

und schwer krank kehrte er zur Mutter zurück. Wenn je ein Mann der

liebenden, sorgenden und stützenden Hand des Weibes bedurfte, so war

es Mörike, der so unerfahren in allen praktischen Dingen war, der

sich so scheu von aller Welt zurückzog, daß er einmal später Geibel

gestand: »Wenn Sie wüßten, welchen Entschluß schon es mich kostet,

einer Gesellschaft zuliebe in einen andern Rock zu schlüpfen!« Er, der

sich so sehr nach einem Heim sehnte, mußte jahrelang, nachdem er 1826

sein theologisches Examen abgelegt, von einem Orte Schwabens zum andern

wandern, um als Pfarrvikar tätig zu sein. Kaum fing er an, irgendwo

zu wurzeln, so mußte er sich wieder losreißen, bis er endlich 1834

die Pfarre von Cleversulzbach erhielt. Ein Jahr zuvor hatte er sein

langjähriges Verlöbnis mit Luise Rau lösen müssen. Ihre Sorge um die

Sicherheit ihrer Zukunft, Mißtrauen in seine Kraft und in seinen Willen

hatten ein Verhältnis gelockert, das Liebe und Vertrauen geknüpft

hatten. Nun bereiteten ihm die Mutter und die Schwester, die schon 1832

zu ihm gezogen waren, ein behagliches, stilles Heim, das wohl dem nicht

ganz unähnlich war, das er in seinem fein humoristischen Idyll »Der

Turmhahn« geschildert hat.

Es war ein schwerer Schlag für ihn, als die Mutter 1841 starb. Er ließ

sie neben Schillers Mutter betten, auf deren fast vergessenem Grab er

ein Kreuz hatte aufrichten lassen, und der er in seinem Gedicht »Auf

das Grab von Schillers Mutter« ein Denkmal seiner Verehrung setzte.

Fortwährende Kränkeleien -- so recht gesund fühlte sich Mörike nie --

bestimmten ihn 1843 dazu, sein kirchliches Amt ganz aufzugeben. Hatten

ihn im Anfang seiner Laufbahn oft religiöse Zweifel gequält, so hatte

er sich allmählich in praktischer, ratender und helfender Tätigkeit

zurechtgefunden, so daß er aus seinem Amte nicht leichten Herzens

schied. Sein literarischer Ruhm war inzwischen stetig gewachsen.

1832 war sein großer Roman »_Maler Nolten_«, in den der Dichter

manche Ereignisse seines Lebens hineingesponnen, erschienen. 1839

veröffentlichte er »Iris, eine Sammlung erzählender und dramatischer

Dichtungen«, und ein Jahr früher hatte er die erste Sammlung seiner

_Gedichte_ herausgegeben. Fanden sie auch bei dem großen Publikum

nur geringen Widerhall, die Kundigen wußten, was sie galten, wußten,

daß ein neuer starker Dichter erstanden war. Hermann Kurz durfte

scherzen, er werde ihn beschuldigen, daß er Goethes verlorene Lieder

unrechtmäßigerweise an sich gebracht habe, um sich nun damit zu brüsten.

Nachdem Mörike sein Amt niedergelegt hatte, siedelte er nach kurzem

Aufenthalt in Schwäbisch-Hall nach Mergentheim über. Hier entstand die

»_Idylle vom Bodensee_«, die er 1846 veröffentlichte. 1851 ging er

nach Stuttgart, wo er am Katharinenstift, einer höheren Töchterschule,

eine Anstellung erhielt. In Stuttgart verheiratete er sich auch, zwei

Töchter entsprossen dieser Ehe, und Mörike, der große Kinderfreund,

jubelte über sein spätes Vaterglück; aber der Bund war trotzdem kein

glücklicher. Die beiden Gatten standen sich innerlich zu fern, und

anstatt zusammenzuwachsen, wurden sie sich immer fremder, so daß

schließlich eine Trennung erfolgte.

In Stuttgart wurden auch zwei andre Kinder Mörikes geboren, seine

beiden feinsten Prosadichtungen: das farbenprächtige, volkstümliche

Märchen vom _Stuttgarter Hutzelmännlein_ (1852), aus dem wir die

köstliche »Historie von der schönen Lau« bringen,[1] und die

ergreifende Novelle »_Mozart auf der Reise nach Prag_« (1856). Sie

mutet uns wie eine biographische Erzählung an, so wahr scheint Wesen,

Charakter und Sprache des großen Komponisten getroffen; und doch ist's

eigentlich auch ein Märchen, ein Märchen, wie ein Dichter sich einen

Glückstag aus dem Leben eines Künstlers träumt, ein Tag, wo alle

Erdenfreude ihm noch einmal hell leuchtet, kurz bevor die Lebenssonne

zur Rüste geht. Von jeher hatte die Musik die tiefste Wirkung auf

Mörike geübt, und was er einmal von seiner Lieblingsoper Don Juan sagt,

das schlägt uns auch aus seiner Dichtung entgegen: »ein Überschwall von

allem Duft, Schmerz und Schönheit«.

[1] Es sei hier auf die Hessesche Gesamtausgabe von Mörikes

Werken mit der vortrefflichen Einleitung von Rudolf Krauß

hingewiesen.

Aus Gesundheitsrücksichten gab Mörike 1866 seine Stuttgarter Stelle auf

und zog mit seiner Schwester nach Lorch. Mannigfache Auszeichnungen

waren ihm inzwischen zu teil geworden. Die Tübinger Universität

hatte ihn zum Ehrendoktor ernannt; der König Max von Bayern, der ihn

gern in den Münchener Dichterkreis gezogen hätte, erwählte ihn zum

Ritter des Maximilianordens, und die Schillerstiftung verlieh ihm

eine lebenslängliche Jahrespension. Berühmte Dichter und Künstler

suchten seine Freundschaft. Theodor Storm, der wesensverwandte

norddeutsche Dichter, wies schon früh auf Mörikes Bedeutung hin. In

seinen »Erinnerungen an Mörike« spricht er es aus, was der Dichter

ihm gewesen, und in seinem Hausbuch deutscher Lyriker betont er, daß

»Mörikes Gedichte in keiner Bibliothek fehlen dürften, in der unsere

poetische Literatur, wenn auch nur andeutungsweise, vertreten ist«.

Moriz von Schwind und Ludwig Richter schufen Bilder zu seinen Werken,

und hervorragende Komponisten vertonten seine Lieder. Er hätte in

Lorch, wo er die »langersehnte, absolute Ruhe und Stille« fand, einen

behaglichen Lebensabend verbringen können, wenn ihn sein häusliches

Unglück nicht tief gequält hätte. Ihm fehlte, was er an Schwinds Frau

rühmte, »die treue, so ganz für ihn geschaffene Gefährtin«. Noch kurz

vor seinem Tode rief er seine Frau zu sich und söhnte sich mit ihr

aus, und am Morgen des 4. Juni 1875 endete ein Leben, das scheinbar

ruhig und still verlief, das aber reich war an allem, was nur ein

Menschenherz erregen und bewegen kann, an Leiden und Enttäuschungen,

an schweren Kämpfen und stillen Siegen.

_Mörike der Lyriker_ ist, wie Hebbel der Dramatiker, erst in

unsern Tagen zu seinem vollen Recht gekommen. Es liegt in seinen

Dichtungen nichts Hinreißendes, Leidenschaftliches, nichts Großes,

Überwältigendes, das gleich auf den ersten Blick fesselt. Und doch

fehlt es ihnen nicht an Größe und Leidenschaft. Nur wurzeln sie ebenso

tief unter der Erde, wie sie oberhalb wachsen und grünen. Sie tragen

die stille Schönheit seiner Heimat in sich: Hügel und Täler, Wald

und Wiese und Fluß. Dem vorüberhastenden Blick erschließen sie nicht

ihren Reiz, man muß sich darin ergehen. Aber dann findet jeder ein

Stück Heimatland da, das Heimatland seiner Seele: »Ja, so haben wir's

gefühlt, so haben wir's genossen! Das lag wohl immer schon so in uns,

Mörike hat es nicht erfunden, hat es uns selber nur entdeckt.« Seine

Dichtungen wirken so, wie er einmal in einem Brief an seinen Freund

Waiblinger von dem frischen Sommerregen schreibt: »Unser Innerliches

fühlt sich sonderbar geborgen und guckt wie ein Kind, das sich mit

verhaltenem Jauchzen vor dem nassen Ungestüm draußen versteckt,

mit hellen Augen durchs Vorhängel, bald aus jenem, bald aus diesem

vergnügten Winkelchen.«

Und mit Kindesaugen sieht der Dichter in die Welt. Da ist nichts so

klein, daß es, mit seinen Blicken betrachtet, nicht Wert erhielte,

nichts so unscheinbar, daß es, von dem Strahl seines hellen Gemüts

getroffen, nicht leuchtete und glänzte, und nichts so groß, daß er

nicht damit spielen könnte. »Mörike,« sagt Fr. Strauß, »nimmt eine

Handvoll Erde, drückt sie ein wenig, und alsbald fliegt ein Vögelchen

davon.« Das ist die göttliche Urkraft der Phantasie, die in jedem

Kinde lebendig ist und sich in jedem Dichter betätigt. Da gibt es

nichts Großes und Kleines, nichts Lebendes und Totes. Da berühren sich

überall Himmel und Erde, und jeder Mensch trägt das Gottesgnadentum,

König zu werden, in sich. Aus dieser Märchenwelt kam Mörike nie heraus.

Alles um ihn her, Stein und Pflanze und Tier, war ihm Gefährte und

redete in seiner Sprache zu ihm. Weltfremd und menschenscheu, war er

doch auf jedem Fleckchen grüner Erde daheim und vertraut mit allem,

was Menschenherz bewegt. War es wunder, daß er Märchen dichtete? Er

lebte sie ja. Märchenbildungen wie die Insel Orplid, wie der sichre

Mann Suckelhorst wurden ihm so lebendig, daß sie in seiner Rede als

gegenständlich vorkamen oder umherliefen.

In seinen Märchennovellen ist das Wunderbare und Alltägliche so

gemischt, daß wir das eine wie das andre glauben. Daß die schöne Lau

in den Blautopf verbannt ist, erscheint uns ebenso natürlich, wie daß

sie lachen muß, als sie »das Enkelein mit rotgeschlafenen Backen hemdig

und einen Apfel in der Hand auf einem runden Stühlchen von guter Ulmer

Hafnerarbeit, grünverglaset« sitzen sah.

Manche seiner Dichtungen sind in dem wenig volkstümlichen Hexameter

verfaßt, und Mörike ist oft stark von der antiken Dichtung beeinflußt,

so daß er, wie Keller treffend bemerkt, uns anmutet, als ob er der Sohn

des Horaz und einer feinen Schwäbin sei.

Aber trotz dieses fremden Elements lebt in Mörike so viel Naives und

Volkstümliches, so viel Naturgefühl und Phantasie, so viel sonniger

Humor und tiefe Lebensweisheit, daß wir getrost den Worten, die

Friedrich Vischer dem Freunde am Grabe nachrief, vertrauen können: »Es

gibt eine Gemeinde -- und nur in der Vergleichung mit der breiten Menge

ist sie klein -- die sich labt und entzückt an deinen wunderbaren,

hellen, seligen Träumen und die hohe Wahrheit schaut in diesen Träumen.

Es gibt eine Gemeinde, die den Dichter nicht nach rednerischen Worten

schätzt, die den feineren Wohllaut trinkt, der aus ursprünglichem

Naturgefühl der Sprache quillt. Und sie wird wachsen, diese Gemeinde,

sich erweitern zu Kreis um Kreis, Bund um Bund wird sich bilden von

Einverstandenen in deinem Verständnis.«

Hamburg im Dezember 1905.

J. Loewenberg.

Dichtungen

von

Eduard Mörike

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang.

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!

Welch neue Welt bewegest du in mir?

Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir

Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,

Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;

Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,

Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,

Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft

Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken:

Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.

Seh' ich hinab in lichte Feenreiche?

Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken

Zur Pforte meines Herzens hergeladen,

Die glänzend sich in diesem Busen baden,

Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,

Wie um die Krippe jener Wundernacht,

Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;

Wer hat das friedenselige Gedränge

In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,

Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!

Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt,

Fühl' ich mir Mut zu jedem frommen Werke.

Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,

Der Genius jauchzt in mir. Doch sage!

Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?

Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?

Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?

-- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:

Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn.

Dort, sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon.

Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;

Die Purpurlippe, die geschlossen lag,

Haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge:

Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag

Beginnt im Sprung die königlichen Flüge.

Nächtliche Fahrt.

Jüngst im Traum ward ich getragen

Über fremdes Heideland;

Vor den halbverschlossnen Wagen

Schien ein Trauerzug gespannt.

Dann durch mondbeglänzte Wälder

Ging die sonderbare Fahrt,

Bis der Anblick offner Felder

Endlich mir bekannter ward.

Wie im lustigen Gewimmel

Tanzt nun Busch und Baum vorbei!

Und ein Dorf nun -- guter Himmel!

O mir ahnet, was es sei.

Sah ich doch vorzeiten gerne

Diese Häuser oft und viel,

Die am Wagen die Laterne

Streift im stummen Schattenspiel.

Ja, dort unterm Giebeldache

Schlummerst du, vergeßlich Herz!

Und daß dein Getreuer wache,

Sagt dir kein geheimer Schmerz. --

Ferne waren schon die Hütten:

Sieh! da flattert's durch den Wind.

Eine Gabe zu erbitten

Schien ein armes, holdes Kind.

Wie vom bösen Geist getrieben,

Werf' ich rasch der Bettlerin

Ein Geschenk von meiner Lieben,

Jene goldne Kette, hin.

Plötzlich scheint ein Rad gebunden,

Und der Wagen steht gebannt,

Und das schöne Mädchen unten

Hält mich schelmisch bei der Hand.

»Denkt man so damit zu schalten?

So entdeck' ich den Betrug?

Doch den Wagen festzuhalten,

War die Kette stark genug.

Willst du, daß ich dir verzeihe,

Sei erst selber wieder gut!

Oder wo ist deine Treue,

Böser Junge, falsches Blut?«

Und sie streichelt mir die Wange,

Küßt mir das erfrorne Kinn,

Steht und lächelt, weinet lange

Als die schönste Büßerin.

Doch mir bleibt der Mund verschlossen,

Und kaum weiß ich, was geschehn;

Ganz in ihren Arm gegossen,

Schien ich selig zu vergehn.

Und nun fliegt mit uns, ihr Pferde,

In die graue Welt hinein!

Unter uns vergeh' die Erde,

Und kein Morgen soll mehr sein!

Der Knabe und das Immlein.

Im Weinberg auf der Höhe

Ein Häuslein steht so windebang,

Hat weder Tür noch Fenster;

Die Weile wird ihm lang.

Und ist der Tag so schwüle,

Sind all' verstummt die Vögelein,

Summt an der Sonnenblume

Ein Immlein ganz allein.

Mein Lieb hat einen Garten,

Da steht ein hübsches Immenhaus:

Kommst du daher geflogen?

Schickt sie dich nach mir aus?

»O nein, du feiner Knabe,

Es hieß mich niemand Boten gehn;

Dies Kind weiß nichts von Lieben,

Hat dich noch kaum gesehn.

Was wüßten auch die Mädchen,

Wenn sie kaum aus der Schule sind!

Dein herzallerliebstes Schätzchen

Ist noch ein Mutterkind.

Ich bring' ihm Wachs und Honig;

Ade! -- ich hab' ein ganzes Pfund.

Wie wird das Schätzchen lachen!

Ihm wässert schon der Mund.«

Ach, wolltest du ihr sagen,

Ich wüßte, was viel süßer ist:

Nichts Lieblichers auf Erden,

Als wenn man herzt und küßt!

Begegnung.

Was doch heut nacht ein Sturm gewesen,

Bis erst der Morgen sich geregt!

Wie hat der ungebetne Besen

Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,

Das halb verschüchtert um sich sieht;

Wie Rosen, die der Wind zerblasen,

So unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,

Er will ihr voll Entzücken nahn:

Wie sehn sich freudig und verlegen

Die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen

Die Zöpfe schon zurecht gemacht,

Die heute nacht im offnen Stübchen

Ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen,

Die ihm das süße Kind getauscht,

Er steht, von Anmut hingerissen,

Derweil sie um die Ecke rauscht.

Der Jäger.

Drei Tage Regen fort und fort,

Kein Sonnenschein zur Stunde;

Drei Tage lang kein gutes Wort

Aus meiner Liebsten Munde!

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr --

So hat sie's haben wollen;

Mir aber nagt's am Herzen hier,

Das Schmollen und das Grollen.

Willkommen denn, des Jägers Lust,

Gewittersturm und Regen!

Fest zugeknöpft die heiße Brust

Und jauchzend euch entgegen!

Nun sitzt sie wohl daheim und lacht

Und scherzt mit den Geschwistern;

Ich höre in des Waldes Nacht

Die alten Blätter flüstern.

Nun sitzt sie wohl und weinet laut

Im Kämmerlein in Sorgen;

Mir ist es wie dem Wilde traut,

In Finsternis geborgen.

Kein Hirsch und Rehlein überall:

Ein Schuß zum Zeitvertreibe!

Gesunder Knall und Widerhall

Erfrischt das Mark im Leibe.

Doch wie der Donner nun verhallt

In Tälern durch die Runde,

Ein plötzlich Weh mich überwallt,

Mir sinkt das Herz zu Grunde.

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr --

So hat sie's haben wollen;

Mir aber frißt's am Herzen hier,

Das Schmollen und das Grollen.

Und auf! und nach der Liebsten Haus!

Und sie gefaßt ums Mieder! --

»Drück mir die nassen Locken aus

Und küß und hab mich wieder!«

Ein Stündlein wohl vor Tag.

Derweil ich schlafend lag,

Ein Stündlein wohl vor Tag,

Sang vor dem Fenster auf dem Baum

Ein Schwälblein mir, ich hört' es kaum --

Ein Stündlein wohl vor Tag.

»Hör an, was ich dir sag'!

Dein Schätzlein ich verklag':

Derweil ich dieses singen tu':

Herzt er ein Lieb in guter Ruh',

Ein Stündlein wohl vor Tag.«

O weh! nicht weiter sag!

O still! nichts hören mag.

Flieg ab, flieg ab von meinem Baum! --

Ach, Lieb' und Treu' ist wie ein Traum

Ein Stündlein wohl vor Tag.

Storchenbotschaft.

Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad,

Steht hoch auf der Heiden, so frühe wie spat;

Und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hätt'!

Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett.

Und käm' ihm zur Nacht auch was Seltsames vor,

Er betet sein Sprüchel und legt sich aufs Ohr;

Ein Geistlein, ein Hexlein, so lustige Wicht',

Sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.

Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt:

Es knopert am Laden, es winselt der Hund;

Nun ziehet mein Schäfer den Riegel -- ei schau!

Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau.

Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment,

Es möchte gern reden -- ach, wenn es nur könnt'!

Was will mir das Ziefer? ist so was erhört?

Doch ist mir wohl fröhliche Botschaft beschert.

Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein?

Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein?

Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr,

Sie wünschet den Herzallerliebsten sich her?

Und wünschet daneben die Taufe bestellt:

Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld?

So sagt nur, ich käm' in zwei Tag' oder drei.

Und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei!

Doch halt! warum stellt ihr zu zweien euch ein?

Es werden doch, hoff' ich, nicht Zwillinge sein? --

Da klappern die Störche im lustigsten Ton,

Sie nicken und knixen und fliegen davon.

Suschens Vogel.

Ich hatt' ein Vöglein, ach, wie fein!

Kein schöners mag wohl nimmer sein:

Hätt' auf der Brust ein Herzlein rot

Und sung und sung sich schier zu Tod.

Herzvogel mein, du Vogel schön,

Nun sollt du mit zu Markte gehn! --

Und als ich in das Städtlein kam,

Er saß auf meiner Achsel zahm.

Und als ich ging am Haus vorbei

Des Knaben, dem ich brach die Treu',

Der Knab' just aus dem Fenster sah,

Mit seinem Finger schnalzt er da:

Wie horchet gleich mein Vogel auf!

Zum Knaben fliegt er husch! hinauf.

Der koset ihn so lieb und hold;

Ich wußt' nicht, was ich machen sollt',

Und stund, im Herzen so erschreckt,

Mit Händen mein Gesichte deckt',

Und schlich davon und weinet' sehr

Ich hört' ihn rufen hinterher:

»Du falsche Maid, behüt dich Gott!

Ich hab' doch wieder mein Herzlein rot.«

In der Frühe.

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,

Dort gehet schon der Tag herfür

An meinem Kammerfenster.

Es wühlet mein verstörter Sinn

Noch zwischen Zweifeln her und hin

Und schaffet Nachtgespenster. --

Ängste, quäle

Dich nicht länger, meine Seele!

Freu dich! schon sind da und dorten

Morgenglocken wach geworden.

Er ist's.

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen. --

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist's!

Dich hab' ich vernommen!

Im Frühling.

Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel:

Die Wolke wird mein Flügel,

Ein Vogel fliegt mir voraus.

Ach, sag mir, alleinzige Liebe,

Wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!

Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,

Sehnend,

Sich dehnend

In Lieben und Hoffen.

Frühling, was bist du gewillt?

Wann werd' ich gestillt?

Die Wolke seh' ich wandeln und den Fluß,

Es dringt der Sonne goldner Kuß

Mir tief bis ins Geblüt hinein;

Die Augen, wunderbar berauschet,

Tun, als schliefen sie ein,

Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,

Ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was:

Halb ist es Lust, halb ist es Klage;

Mein Herz, o sage,

Was webst du für Erinnerung

In golden grüner Zweige Dämmerung? --

Alte unnennbare Tage!

Fußreise.

Am frischgeschnittnen Wanderstab

Wenn ich in der Frühe

So durch Wälder ziehe,

Hügel auf und ab:

Dann, wie 's Vögelein im Laube

Singet und sich rührt,

Oder wie die goldne Traube

Wonnegeister spürt

In der ersten Morgensonne,

So fühlt auch mein alter, lieber

Adam Herbst- und Frühlingsfieber,

Gottbeherzte,

Nie verscherzte

Erstlings-Paradieseswonne.

Also bist du nicht so schlimm, o alter

Adam, wie die strengen Lehrer sagen:

Liebst und lobst du immer doch,

Singst und preisest immer noch,

Wie an ewig neuen Schöpfungstagen,

Deinen lieben Schöpfer und Erhalter!

Möcht' es dieser geben,

Und mein ganzes Leben

Wär' im leichten Wanderschweiße

Eine solche Morgenreise.

An eine Äolsharfe.

Angelehnt an die Efeuwand

Dieser alten Terrasse,

Du, einer luftgebornen Muse

Geheimnisvolles Saitenspiel,

Fang an,

Fange wieder an

Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herüber

Ach! von des Knaben,

Der mir so lieb war,

Frisch grünendem Hügel.

Und Frühlingsblüten unterwegs streifend,

Übersättigt mit Wohlgerüchen,

Wie süß bedrängt ihr dies Herz

Und säuselt her in die Saiten,

Angezogen von wohllautender Wehmut,

Wachsend im Zug meiner Sehnsucht

Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,

Wie der Wind heftiger herstößt,

Ein holder Schrei der Harfe

Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,

Meiner Seele plötzliche Regung,

Und hier -- die volle Rose streut, geschüttelt,

All ihre Blätter vor meine Füße.

Mein Fluß.

O Fluß, mein Fluß im Morgenstrahl!

Empfange nun, empfange

Den sehnsuchtsvollen Leib einmal

Und küsse Brust und Wange! --

Er fühlt mir schon herauf die Brust,

Er kühlt mit Liebesschauerlust

Und jauchzendem Gesange.

Es schlüpft der goldne Sonnenschein

In Tropfen an mir nieder,

Die Woge wieget aus und ein

Die hingegebnen Glieder,

Die Arme hab' ich ausgespannt:

Sie kommt auf mich herzugerannt,

Sie faßt und läßt mich wieder.

Du murmelst so, mein Fluß; warum?

Du trägst seit alten Tagen

Ein seltsam Märchen mit dir um

Und mühst dich, es zu sagen;

Du eilst so sehr und läufst so sehr,

Als müßtest du im Land umher,

Man weiß nicht wen, drum fragen.

Der Himmel, blau und kinderrein,

Worin die Wellen singen,

Der Himmel ist die Seele dein:

O laß mich ihn durchdringen!

Ich tauche mich mit Geist und Sinn

Durch die vertiefte Bläue hin

Und kann sie nicht erschwingen.

Was ist so tief, so tief wie sie?

Die Liebe nur alleine.

Sie wird nicht satt und sättigt nie

Mit ihrem Wechselscheine. --

Schwill an, mein Fluß, und hebe dich,

Mit Grausen übergieße mich!

Mein Leben um das deine!

Du weisest schmeichelnd mich zurück

Zu deiner Blumenschwelle.

So trage denn allein dein Glück

Und wieg auf deiner Welle

Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh'!

Nach tausend Irren kehrest du

Zur ew'gen Mutterquelle.

Auf der Reise.

Zwischen süßem Schmerz,

Zwischen dumpfem Wohlbehagen

Sitz' ich nächtlich in dem Reisewagen,

Lasse mich so weit von dir, mein Herz,

Weit und immer weiter tragen.

Schweigend sitz' ich und allein,

Ich wiege mich in bunten Träumen,

Das muntre Posthorn klingt darein

Es tanzt der liebe Mondenschein

Nach diesem Ton auf Quellen und auf Bäumen,

Sogar zu mir durchs enge Fensterlein.

Ich wünsche mir nun dies und das.

O könnt' ich jetzo durch ein Zauberglas

Ins Goldgewebe deines Traumes blicken!

Vielleicht dann säh' ich wieder mit Entzücken

Dich in der Laube wohlbekannt.

Ich sähe Genovefens Hand

Auf deiner Schulter traulich liegen,

Am Ende säh' ich selber mich,

Halb keck und halb bescheidentlich,

An deine holde Wange schmiegen.

Doch nein! wie dürft' ich auch nur hoffen,

Daß jetzt mein Schatten bei dir sei!

Ach, stünden deine Träume für mich offen,

Du winktest wohl auch wachend mich herbei!

Frage und Antwort.

Fragst du mich, woher die bange

Liebe mir zum Herzen kam,

Und warum ich ihr nicht lange

Schon den bittern Stachel nahm?

Sprich, warum mit Geisterschnelle

Wohl der Wind die Flügel rührt,

Und woher die süße Quelle

Die verborgnen Wasser führt!

Banne du auf seiner Fährte

Mir den Wind in vollem Lauf!

Halte mit der Zaubergerte

Du die süßen Quellen auf!

Lebewohl.

»Lebe wohl!« -- Du fühlest nicht,

Was es heißt, dies Wort der Schmerzen:

Mit getrostem Angesicht

Sagtest du's und leichtem Herzen.

Lebe wohl! -- Ach, tausendmal

Hab' ich mir es vorgesprochen.

Und in nimmersatter Qual

Mir das Herz damit gebrochen.

Heimweh.

Anders wird die Welt mit jedem Schritt,

Den ich weiter von der Liebsten mache;

Mein Herz, das will nicht weiter mit.

Hier scheint die Sonne kalt ins Land,

Hier deucht mir alles unbekannt,

Sogar die Blumen am Bache!

Hat jede Sache

So fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.

Das Bächlein murmelt wohl und spricht:

Armer Knabe, komm bei mir vorüber!

Siehst auch hier Vergißmeinnicht. --

Ja, die sind schön an jedem Ort,

Aber nicht wie dort.

Fort, nur fort!

Die Augen gehn mir über!

Gesang zu zweien in der Nacht.

_Sie_:

Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift

Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft!

Da noch der freche Tag verstummt,

Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge,

Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge

Der reingestimmten Lüfte summt.

_Er_:

Vernehm' ich doch die wunderbarsten Stimmen,

Vom lauen Wind wollüstig hingeschleift,

Indes, mit ungewissem Licht gestreift,

Der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen.

_Sie_:

Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal,

Durchsichtiger und heller aufzuwehen;

Dazwischen hört man weiche Töne gehen

Von sel'gen Feen, die im blauen Saal,

Zum Sphärenklang

Und fleißig mit Gesang,

Silberne Spindeln hin und wieder drehen.

_Er_:

O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt

Auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet,

Und luftig schwirrender Musik bedienet

Sich nun dein Fuß zum leichten Schritt,

Womit du Stund' um Stunde missest,

Dich lieblich in dir selbst vergissest --

Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit.

Die traurige Krönung.

Es war ein König Milesint,

Von dem will ich euch sagen:

Der meuchelte sein Bruderskind,

Wollte selbst die Krone tragen.

Die Krönung ward mit Prangen

Auf Liffey-Schloß begangen.

O Irland! Irland! warest du so blind?

Der König sitzt um Mitternacht

Im leeren Marmorsaale,

Sieht irr in all die neue Pracht,

Wie trunken von dem Mahle;

Er spricht zu seinem Sohne:

»Noch einmal bring die Krone!

Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?«

Da kommt ein seltsam Totenspiel,

Ein Zug mit leisen Tritten,

Vermummte Gäste groß und viel,

Eine Krone schwankt inmitten;

Es drängt sich durch die Pforte

Mit Flüstern ohne Worte;

Dem Könige, dem wird so geisterschwül.

Und aus der schwarzen Menge blickt

Ein Kind mit frischer Wunde;

Es lächelt sterbensweh und nickt,

Es macht im Saal die Runde,

Es trippelt zu dem Throne,

Es reichet eine Krone

Dem Könige, des Herze tief erschrickt.

Darauf der Zug von dannen strich,

Von Morgenluft berauschet,

Die Kerzen flackern wunderlich,

Der Mond am Fenster lauschet;

Der Sohn mit Angst und Schweigen

Zum Vater tät sich neigen --

Er neiget über eine Leiche sich.

Jung Volker.

Gesang der Räuber.

Jung Volker, das ist unser Räuberhauptmann,

Mit Fiedel und mit Flinte,

Damit er geigen und schießen kann,

Nachdem just Wetter und Winde.

Fiedel und die Flint',

Fiedel und die Flint'!

Volker spielt auf.

Ich sah ihn hoch im Sonnenschein

Auf einem Hügel sitzen:

Da spielt er die Geig' und schluckt roten Wein,

Seine blauen Augen ihm blitzen.

Fiedel und die Flint',

Fiedel und die Flint'!

Volker spielt auf.

Auf einmal er schleudert die Geig' in die Luft,

Auf einmal er wirft sich zu Pferde.

Der Feind kommt! Da stößt er ins Pfeifchen und ruft:

»Brecht ein wie der Wolf in die Herde!«

Fiedel und die Flint',

Fiedel und die Flint'!

Volker spielt auf.

Nimmersatte Liebe.

So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!

Mit Küssen nicht zu stillen!

Wer ist der Tor und will ein Sieb

Mit eitel Wasser füllen?

Und schöpfst du an die tausend Jahr'

Und küssest ewig, ewig gar,

Du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund'

Neu wunderlich Gelüsten:

Wir bissen uns die Lippen wund,

Da wir uns heute küßten.

Das Mädchen hielt in guter Ruh',

Wie 's Lämmlein unterm Messer,

Ihr Auge bat: Nur immer zu!

Je weher, desto besser!

So ist die Lieb'! und war auch so

Wie lang' es Liebe gibt,

Und anders war Herr Salomo,

Der Weise, nicht verliebt.

Der Gärtner.

Auf ihrem Leibrößlein,

So weiß wie der Schnee,

Die schönste Prinzessin

Reit't durch die Allee.

Der Weg, den das Rößlein

Hintanzet so hold,

Der Sand, den ich streute,

Er blinket wie Gold.

Du rosenfarbs Hütlein,

Wohl auf und wohl ab,

O wirf eine Feder

Verstohlen herab!

Und willst du dagegen

Eine Blüte von mir,

Nimm tausend für eine,

Nimm alle dafür!

Schön-Rohtraut.

Wie heißt König Ringangs Töchterlein?

Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag,

Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?

Tut fischen und jagen.

O daß ich doch ihr Jäger wär'!

Fischen und jagen freute mich sehr.

-- Schweig stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil',

Rohtraut, Schön-Rohtraut,

So dient der Knab' auf Ringangs Schloß

In Jägertracht und hat ein Roß

Mit Rohtraut zu jagen.

O daß ich doch ein Königssohn wär'!

Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr.

-- Schweig stille, mein Herze!

Einsmals sie ruhten am Eichenbaum,

Da lacht Schön-Rohtraut:

Was siehst mich an so wunniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!

Ach! erschrak der Knabe!

Doch denket er: mir ist's vergunnt,

Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.

-- Schweig stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim,

Rohtraut, Schön-Rohtraut;

Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:

Und würd'st du heute Kaiserin,

Mich sollt's nicht kränken:

Ihr tausend Blätter im Walde wißt,

Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt!

-- Schweig stille, mein Herze!

Lied vom Winde.

Sausewind, Brausewind,

Dort und hier!

Deine Heimat sage mir!

»Kindlein, wir fahren

Seit viel vielen Jahren

Durch die weit weite Welt

Und möchten's erfragen,

Die Antwort erjagen

Bei den Bergen, den Meeren,

Bei des Himmels klingenden Heeren:

Die wissen es nie.

Bist du klüger als sie,

Magst du es sagen! --

Fort, wohlauf!

Halt uns nicht auf!

Kommen andre nach, unsre Brüder,

Da frag wieder!«

Halt an! Gemach

Eine kleine Frist!

Sagt, wo der Liebe Heimat ist,

Ihr Anfang, ihr Ende!

»Wer's nennen könnte!

Schelmisches Kind,

Lieb' ist wie Wind,

Rasch und lebendig,

Ruhet nie,

Ewig ist sie,

Aber nicht immer beständig. --

Fort, wohlauf! auf!

Halt uns nicht auf!

Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen!

Wenn ich dein Schätzchen seh',

Will ich es grüßen.

Kindlein, ade!«

Das verlassene Mägdlein.

Früh, wann die Hähne krähn,

Eh' die Sternlein verschwinden,

Muß ich am Herde stehn,

Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein,

Es springen die Funken;

Ich schaue so drein,

In Leid versunken.

Plötzlich da kommt es mir,

Treuloser Knabe,

Daß ich die Nacht von dir

Geträumet habe.

Träne auf Träne dann

Stürzet hernieder:

So kommt der Tag heran --

O ging' er wieder!

Agnes.

Rosenzeit, wie schnell vorbei,

Schnell vorbei

Bist du doch gegangen!

Wär' mein Lieb nur blieben treu,

Blieben treu,

Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut,

Wohlgemut

Schnitterinnen singen.

Aber ach! mir kranken Blut,

Mir kranken Blut

Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,

So durchs Tal,

Als im Traum verloren,

Nach dem Berg, da tausendmal,

Tausendmal

Er mir Treu' geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,

Abgewandt,

Wein' ich bei der Linde;

An dem Hut mein Rosenband,

Von seiner Hand,

Spielet in dem Winde.

Elfenlied.

Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:

»Elfe!«

Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief --

Wohl um die Elfe --

Und meint, es rief' ihm aus dem Tal

Bei seinem Namen die Nachtigall,

Oder Silpelit hätt' ihm gerufen.

Reibt sich der Elf die Augen aus,

Begibt sich vor sein Schneckenhaus

Und ist als wie ein trunken Mann,

Sein Schläflein war nicht voll getan,

Und humpelt also tippe tapp

Durchs Haselholz ins Tal hinab,

Schlupft an der Mauer hin so dicht,

Da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht.

»Was sind das helle Fensterlein?

Da drin wird eine Hochzeit sein:

Die Kleinen sitzen beim Mahle

Und treiben's in dem Saale;

Da guck' ich wohl ein wenig 'nein.« --

Pfui, stößt den Kopf an harten Stein!

Elfe, gelt, du hast genug?

Guckuck! Guckuck!

Die Soldatenbraut.

Ach, wenn's nur der König auch wüßt',

Wie wacker mein Schätzelein ist!

Für den König da ließ' er sein Blut,

Für mich aber ebensogut.

Mein Schatz hat kein Band und kein' Stern,

Kein Kreuz, wie die vornehmen Herrn;

Mein Schatz wird auch kein General, --

Hätt' er nur seinen Abschied einmal!

Es scheinen drei Sterne so hell

Dort über Marien-Kapell:

Da knüpft uns ein rosenrot Band,

Und ein Hauskreuz ist auch bei der Hand.

Der Feuerreiter.

Sehet ihr am Fensterlein

Dort die rote Mütze wieder?

Nicht geheuer muß es sein,

Denn er geht schon auf und nieder.

Und auf einmal welch Gewühle

Bei der Brücke, nach dem Feld!

Horch! das Feuerglöcklein gellt:

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Brennt es in der Mühle!

Schaut! da sprengt er wütend schier

Durch das Tor, der Feuerreiter,

Auf dem rippendürren Tier,

Als auf einer Feuerleiter!

Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle

Rennt er schon und ist am Ort!

Drüben schallt es fort und fort:

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Brennt es in der Mühle!

Der so oft den roten Hahn

Meilenweit von fern gerochen,

Mit des heil'gen Kreuzes Span

Freventlich die Glut besprochen --

Weh! dir grinst am Dachgestühle

Dort der Feind im Höllenschein.

Gnade Gott der Seele dein!

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Rast er in der Mühle!

Keine Stunde hielt es an,

Bis die Mühle barst in Trümmer;

Doch den kecken Reitersmann

Sah man von der Stunde nimmer.

Volk und Wagen im Gewühle

Kehren heim von all dem Graus;

Auch das Glöcklein klinget aus:

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Brennt's! --

Nach der Zeit ein Müller fand

Ein Gerippe samt der Mützen

Aufrecht an der Kellerwand

Auf der beinern Mähre sitzen:

Feuerreiter, wie so kühle

Reitest du in deinem Grab!

Husch! da fällt's in Asche ab.

Ruhe wohl,

Ruhe wohl

Drunten in der Mühle!

Die Tochter der Heide.

Wasch dich, mein Schwesterchen, wasch dich!

Zu Robins Hochzeit gehn wir heut:

Er hat die stolze Ruth gefreit.

Wir kommen ungebeten;

Wir schmausen nicht, wir tanzen nicht,

Und nicht mit lachendem Gesicht

Komm' ich vor ihn zu treten.

Strähl' dich, mein Schwesterchen, strähl' dich!

Wir wollen ihm singen ein Rätsellied,

Wir wollen ihm klingen ein böses Lied;

Die Ohren sollen ihm gellen.

Ich will ihr schenken einen Kranz

Von Nesseln und von Dornen ganz:

Damit fährt sie zur Höllen!

Schmück dich, mein Schwesterchen, schmück dich!

Derweil sie alle sind am Schmaus,

Soll rot in Flammen stehn das Haus,

Die Gäste schreien und rennen.

Zwei sollen sitzen unverwandt,

Zwei hat ein Sprüchlein fest gebannt;

Zu Kohle müssen sie brennen.

Lustig, mein Schwesterchen, lustig!

Das war ein alter Ammensang.

Den falschen Rob vergaß ich lang.

Er soll mich sehen lachen!

Hab' ich doch einen andern Schatz,

Der mit mir tanzet auf dem Platz --

Sie werden Augen machen!

Die Geister am Mummelsee.

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät

Mit Fackeln so prächtig herunter?

Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?

Mir klingen die Lieder so munter.

O nein!

So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,

Und was du da hörest, sind Klagen.

Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,

Und Geister nur sind's, die ihn tragen.

O weh!

So sind es die Geister vom See!

Sie schweben hernieder ins Mummelseetal --

Sie haben den See schon betreten --

Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal --

Sie schwirren in leisen Gebeten --

O schau,

Am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;

Gib acht, nun tauchen sie nieder!

Es schwankt eine lebende Treppe hervor,

Und -- drunten schon summen die Lieder.

Hörst du?

Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!

Sie spielen in grünendem Feuer;

Es geisten die Nebel am Ufer dahin,

Zum Meere verzieht sich der Weiher --

Nur still!

Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten -- o Himmel! ach hilf!

Ich glaube, sie nahen, sie kommen!

Es orgelt im Rohr, und es klirret im Schilf;

Nur hurtig, die Flucht nur genommen!

Davon!

Sie wittern, sie haschen mich schon!

Die schöne Buche.

Ganz verborgen im Wald kenn' ich ein Plätzchen, da stehet

Eine Buche: man sieht schöner im Bilde sie nicht.

Rein und glatt, in gediegenem Wuchs erhebt sie sich einzeln,

Keiner der Nachbarn rührt ihr an den seidenen Schmuck.

Rings, so weit sein Gezweig der stattliche Baum ausbreitet,

Grünet der Rasen, das Aug' still zu erquicken, umher.

Gleich nach allen Seiten umzirkt er den Stamm in der Mitte;

Kunstlos schuf die Natur selber dies liebliche Rund.

Zartes Gebüsch umkränzet es erst, hochstämmige Bäume,

Folgend in dichtem Gedräng', wehren dem himmlischen Blau.

Neben der dunkleren Fülle des Eichbaums wieget die Birke

Ihr jungfräuliches Haupt schüchtern im goldenen Licht.

Nur wo, verdeckt vom Felsen, der Fußsteig jäh sich hinabschlingt,

Lässet die Hellung mich ahnen das offene Feld. --

Als ich unlängst einsam, von neuen Gestalten des Sommers

Ab dem Pfade gelockt, dort im Gebüsch mich verlor,

Führt' ein freundlicher Geist, des Hains auflauschende Gottheit,

Hier mich zum erstenmal plötzlich, den Staunenden, ein.

Welch Entzücken! Es war um die hohe Stunde des Mittags:

Lautlos alles, es schwieg selber der Vogel im Laub.

Und ich zauderte noch, auf den zierlichen Teppich zu treten;

Festlich empfing er den Fuß, leise beschritt ich ihn nur.

Jetzo, gelehnt an den Stamm (er trägt sein breites Gewölbe

Nicht zu hoch), ließ ich rundum die Augen ergehn,

Wo den beschatteten Kreis die feurig strahlende Sonne,

Fast gleich messend umher, säumte mit blendendem Rand.

Aber ich stand und rührte mich nicht, dämonischer Stille,

Unergründlicher Ruh' lauschte mein innerer Sinn.

Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen Zauber-

Gürtel, o Einsamkeit, fühlt' ich und dachte nur dich.

Auf das Grab von Schillers Mutter.

Nach der Seite des Dorfs, wo jener alternde Zaun dort

Ländliche Gräber umschließt, wall' ich in Einsamkeit oft.

Sieh den gesunkenen Hügel! Es kennen die ältesten Greise

Kaum ihn noch, und es ahnt niemand ein Heiligtum hier.

Jegliche Zierde gebricht und jedes deutende Zeichen;

Dürftig breitet ein Baum schützende Arme umher.

Wilde Rose, dich find' ich allein statt anderer Blumen;

Ja, beschäme sie nur, brich als ein Wunder hervor!

Tausendblättrig eröffne dein Herz! entzünde dich herrlich

Am begeisternden Duft, den aus der Tiefe du ziehst!

Eines Unsterblichen Mutter liegt hier bestattet: es richten

Deutschlands Männer und Frau'n eben den Marmor ihm auf.

Lose Ware.

»Tinte! Tinte, wer braucht! Schön schwarze Tinte verkauf' ich,«

Rief ein Bübchen gar hell Straßen hinauf und hinab.

Lachend traf sein feuriger Blick mich oben im Fenster:

Eh' ich mich's irgend versah, huscht er ins Zimmer herein. --

Knabe, dich rief niemand. -- »Herr, meine Ware versucht nur!«

Und sein Fäßchen behend schwang er vom Rücken herum.

Da verschob sich das halb zerrissene Jäckchen ein wenig

An der Schulter, und hell schimmert' ein Flügel hervor. --

Ei, laß sehen, mein Sohn! Du führst auch Federn im Handel?

Amor, verkleideter Schelm! soll ich dich rupfen sogleich? --

Und er lächelt, entlarvt, und legt auf die Lippen den Finger:

»Stille! sie sind nicht verzollt. Stört die Geschäfte mir nicht!

Gebt das Gefäß! ich füll' es umsonst, und bleiben wir Freunde!«

Dies gesagt und getan, schlüpft er zur Türe hinaus. --

Angeführt hat er mich doch; denn will ich was Nützliches schreiben,

Gleich wird ein Liebesbrief, gleich ein Erotikon draus.

Erinna an Sappho.

(Erinna, eine hochgepriesene junge Dichterin des griechischen

Altertums um 600 v. Chr., Freundin und Schülerin Sapphos zu

Mitylene auf Lesbos. Sie starb als Mädchen mit neunzehn Jahren.

Ihr berühmtestes Werk war ein episches Gedicht, »Die Spindel«,

von dem man jedoch nichts Näheres weiß. Überhaupt haben sich

von ihren Poesien nur einige Bruchstücke von wenigen Zeilen und

drei Epigramme erhalten. Es wurden ihr zwei Statuen errichtet,

und die Anthologie hat mehrere Epigramme zu ihrem Ruhme von

verschiedenen Verfassern.)

»Vielfach sind zum Hades die Pfade,« heißt ein

Altes Liedchen, »und einen gehst du selber,

Zweifle nicht!« Wer, süßeste Sappho, zweifelt?

Sagt es nicht jeglicher Tag?

Doch den Lebenden haftet nur leicht im Busen

Solch ein Wort, und dem Meer anwohnend ein Fischer von Kind auf

Hört im stumpferen Ohr der Wogen Geräusch nicht mehr. --

Wundersam aber erschrak mir heute das Herz. Vernimm!

Sonniger Morgenglanz im Garten,

Ergossen um der Bäume Wipfel,

Lockte die Langschläferin (denn so schaltest du jüngst Erinna)

Früh vom schwüligen Lager hinweg.

Stille war mein Gemüt, in den Adern aber

Unstet klopfte das Blut bei der Wangen Blässe.

Als ich am Putztisch jetzo die Flechten löste,

Dann mit nardeduftendem Kamm vor der Stirn den Haar-

Schleier teilte: seltsam betraf mich im Spiegel Blick in Blick.

Augen, sagt' ich, ihr Augen, was wollt ihr?

Du, mein Geist, heute noch sicher behaust da drinne,

Lebendigen Sinnen traulich vermählt,

Wie mit fremdendem Ernst, lächelnd halb, ein Dämon,

Nickst du mich an, Tod weissagend! --

Ha, da mit eins durchzuckt' es mich

Wie Wetterschein, wie wenn, schwarzgefiedert, ein tödlicher Pfeil

Streifte die Schläfe hart vorbei,

Daß ich, die Hände gedeckt aufs Antlitz, lange

Staunend blieb, in die nachtschaurige Kluft schwindelnd hinab.

Und das eigene Todesgeschick erwog ich,

Trockenen Augs noch erst,

Bis da ich dein, o Sappho, dachte

Und der Freundinnen all

Und anmutiger Musenkunst:

Gleich da quollen die Tränen mir.

Und dort blinkte vom Tisch das schöne Kopfnetz, dein Geschenk,

Köstliches Byssosgeweb, von goldnen Bienlein schwärmend.

Dieses, wenn wir demnächst das blumige Fest

Feiern der herrlichen Tochter Demeters,

Möcht' ich ihr weihn für meinen Teil und deinen,

Daß sie hold uns bleibe (denn viel vermag sie),

Daß du zu früh dir nicht die braune Locke mögest

Für Erinna vom lieben Haupte trennen.

Scherz.

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes · 第 1 / 11 段