XXIV.

Obgleich eine starke Abteilung der vlaemischen Truppen den Feind

scharenweise in den Feldern verfolgte, blieben doch noch einige geordnete

Truppenteile auf dem Schlachtfeld zurück. Jan Borluut hatte seine Leute

haltmachen lassen, um dem Kriegsbrauch gemäß das Schlachtfeld bis zum

anderen Tage zu behaupten; nur wenige hatten in heftiger Leidenschaft auf

diesen Befehl nicht geachtet; die Abteilung, die er bei sich hatte, bestand

noch aus dreitausend Gentern; dazu kamen Leute von allen Waffengattungen,

die von Anstrengung oder Wunden ermattet waren, den Feind nicht verfolgen

konnten und deshalb auf dem Schlachtfeld geblieben waren. Jetzt, da der

Kampf gewonnen und die Fesseln des Vaterlands gebrochen waren, jauchzten

die Vlaemen mit inniger Freude:

»Vlaenderen den Leeuw! Sieg! Sieg!«

Alsbald antworteten die Yperner und Kortrijker von den Wällen der Stadt mit

noch lauterem Jubel. Auch sie konnten wohl Sieg rufen; denn während die

beiden Heere einander auf dem Groeninger Kouter bekämpften, war der

Kastellan van Lens mit hundert seiner Leute von dem Kastell in die Stadt

gedrungen und hätte sie vielleicht ganz niedergebrannt. Aber die Yperner

hieben so unverzagt auf seine Schar ein, daß die Franzosen nach langem

Kampf in Unordnung in das Kastell zurückflohen. Als van Lens seine Leute

zählte, fand er, daß nur der zehnte Teil der Wut der Feinde entgangen war.

Die meisten Anführer und Edeln hatten sich in das Lager begeben und um den

goldenen Ritter versammelt; sie drückten ihm alle ihre Dankbarkeit aus, er

aber antwortete nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Gwijde, der bei ihm

stand, wandte sich zu den Rittern und sprach:

»Meine Herren, der Ritter, der uns alle und Flandern so wunderbar errettet

hat, ist ein Kreuzfahrer, der unbekannt zu bleiben wünscht: der edelste

Sohn Flanderns trägt seinen Namen.«

Die Ritter sagten nichts, aber jeder bemühte sich, zu erraten, wer das wohl

sein mochte, der so edel, so tapfer und so stark war. Diejenigen, die bei

der Zusammenkunft in dem Gehölz bei Dale gewesen waren, wußten schon

längst, wer es war, aber sie wagten nicht, ihre Überzeugung zu verkünden,

da sie feierlich gelobt hatten, das Geheimnis zu wahren. Unter den anderen

waren viele, die gar nicht daran zweifelten, daß es der Graf von Flandern

selbst sein müsse; allein sie schwiegen, weil Gwijde den Wunsch des

goldenen Ritters ausgesprochen hatte.

Robrecht hatte schon einige Zeit leise mit Gwijde gesprochen; da ließ er

sein Auge über die anwesenden Scharen schweifen und sagte endlich:

»Ich sehe Adolf van Nieuwland nicht; sollte mein junger Freund unter dem

Schwerte der Feinde gefallen sein? O, das würde mich ewig schmerzen. Und

wie würde meine arme Machteld heiß um ihren guten Bruder weinen!«

»Gefallen wird er nicht sein, Robrecht; mich dünkt, ich hätte soeben noch

seine grüne Feder zwischen den Bäumen des Neerlander Busches gesehen. Gewiß

jagt er nun den übrigen Feinden nach; Ihr habt gesehen, mit welch

unbändiger Wut er sich stets mitten unter die Franzosen wagte. Fürchtet

nichts, Gott hat ihn sicherlich nicht sterben lassen.«

»O Gwijde, ich wollte, Ihr sprächet die Wahrheit! Mein Herz bricht bei dem

Gedanken, daß sich mein unglückliches Kind an einem so frohen Tage nicht

freuen sollte. Ich bitte Euch, mein Bruder, laßt die Leute Borluuts das

Schlachtfeld absuchen, ob Adolf nicht zu finden ist. Ich gehe, um meine

kranke Machteld zu trösten. Die Gegenwart ihres Vaters möchte ihr zum

wenigsten einen frohen Augenblick geben.«

Er grüßte die anwesenden Ritter mit der Hand und eilte nach der Abtei von

Groeningen. Gwijde befahl Jan Borluut, seine Leute über das Schlachtfeld zu

schicken, um die Verwundeten unter den Leichen hervorzuziehen und in das

Lager zu bringen.

Als die Genter das Schlachtfeld betraten, blieben sie anfangs, entsetzt

über den furchtbaren Anblick, stehen. Jetzt, da die Leidenschaft des

Kampfes in ihnen erloschen war, schweiften ihre Augen mit Schaudern über

das ausgedehnte Blutfeld, darauf Tausende von Leichen, Pferden, Fahnen und

allerlei Waffen in wilder Verwirrung durcheinanderlagen. Hie und da sah man

einen Sterbenden den Arm bittend um Hilfe ausstrecken. Schrecklich tönten

über das Schlachtfeld die Stimmen der Verwundeten, die da riefen:

»Trinken, trinken ... gebt uns um Gottes willen zu trinken!«

Die Sonne brannte mit sengender Glut auf ihre offenen Wunden und quälte sie

mit unerträglichem Durst; ihre trockenen Lippen klebten aufeinander, und

nur mit Mühe konnten sie röchelnd die Todesklage hervorbringen. Die Luft

war von schwarzen Raben wie von einer Gewitterwolke erfüllt; das Krächzen

dieser gefräßigen Raubvögel hallte wie der Ruf des Todes über das

Schlachtfeld und erfüllte die Herzen der Überlebenden mit düsterer

Beklemmung. Die kreischenden Vögel stürzten sich auf die Leichen, und die

Verwundeten kämpften mit Angst gegen diese scheußlichen Feinde und

erzitterten bei dem Gedanken, sie könnten eine Beute dieser Tiere werden,

sie sollten keine Ruhestätte nach dem Tode finden, keine geweihte Erde, um

bis zum Jüngsten Tage darin zu schlafen!

Welch schreckliche Aussicht! Welch fürchterlicher Gedanke!

Unzählige Hunde hatte der Geruch des Blutes aus der Stadt gelockt; sie

liefen von einer Leiche zur anderen und heulten sich in furchtbaren Tönen

an. Zu alledem gesellte sich das dumpfe Wiehern oder vielmehr das Röcheln

der sterbenden Rosse und der jauchzende Siegesruf der Leute in der Stadt.

Sowie die Genter sich über das Schlachtfeld hinbreiteten, stiegen die Raben

vor ihnen auf und flogen weiter auf Raub aus. Man untersuchte alle

Gefallenen, und die, deren Herz noch schlug, trug man in das Lager, um sie

in das Leben zurückzurufen. Eine große Schar hatte in allen möglichen

Gefäßen frisches Wasser aus dem Gaverschen Bach geschöpft, um die noch

Lebenden damit zu laben. Es war rührend und ergreifend anzuschauen, wie

gierig die Verwundeten das kühle Wasser einsogen, wie dankbar sie mit einer

Freudenträne diese Labung aus den Händen ihrer Brüder und Feinde

entgegennahmen. War man eben derart mit einem beschäftigt, so reckten sich

in der Nähe flehend eine Menge Arme, und viele schwache Stimmen riefen:

»O, gebt auch mir zu trinken -- nur einen einzigen Tropfen Wasser! Bei den

Leiden unseres Seligmachers, Brüder, befeuchtet meine Lippen und errettet

mich vom Tode!«

Die Genter hatten den Befehl erhalten, die vlaemischen Ritter, die sich

fänden, tot oder lebend in das Lager zu tragen. Sie hatten nun schon fast

die Hälfte des Schlachtfelds abgesucht. Die Leichen der edeln Herren

Salomon van Sevecote, Philipp van Hofstade, Eustachius Sporkijn, Jan van

Severen, Peter van Brügge waren bereits fortgetragen, und man war dabei,

dem verwundeten Jan van Mechelen den Harnisch loszuschnallen. Jetzt waren

sie zu der Stelle gekommen, wo der Kampf am hartnäckigsten getobt hatte;

die Leichen lagen mit Blut bedeckt rings um sie her. Während sie noch damit

beschäftigt waren, Herrn van Mechelen zu laben, hörten sie plötzlich ein

Stöhnen, gleich als stieg es aus dem Boden auf; sie horchten, doch sie

sahen nichts, keine der Leichen ringsumher gab das geringste Lebenszeichen

von sich. Nach einiger Zeit wiederholte sich das Stöhnen, und nun merkten

sie, daß es etwas weiter abseits unter mehreren gefallenen Pferden

hervortönte. Nach langen Mühen hatten sie diese endlich beiseite geschafft

und fanden einen sterbenden Ritter.

Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, ganz mit Blut bedeckt. Sein Harnisch

war von der Last eines darauf gefallenen Pferdes ganz eingedrückt. Mit der

rechten Hand hatte er noch das Schlachtschwert umfaßt, während er in der

linken einen grünen Schleier hielt; seine Wangen waren bleich und trugen

das Zeichen des nahenden Todes. Mit wirrem, mattem Blicke betrachtete er

die Leute, die zu seiner Rettung herbeikamen. Seine Wimper hatte nicht mehr

die Kraft, das brechende Auge vor der Sonne zu schützen.

Jan Borluut erkannte den unglücklichen Adolf van Nieuwland.

In aller Eile wurden die Riemen seines Harnischs gelöst, sein Haupt aus dem

Schlamm emporgehoben und seine Lippen mit erquickendem Wasser benetzt. Mit

ersterbender Stimme flüsterte er einige unverständliche Worte, und seine

Augen schlossen sich, als ob seine Seele aus dem wunden Leib entflohen sei.

Einige Augenblicke war er ganz ohne Bewußtsein; dann kam er wieder zu sich,

doch er blieb äußerst schwach. Er ergriff Jan Borluuts Hand und sprach so

langsam, daß zwischen jedem Wort eine lange Pause war:

»Ich sterbe, Ihr seht es, Herr Jan; meine Seele wird nicht lange mehr auf

Erden weilen. Aber -- beweint mich nicht. Ich sterbe froh, -- da das

Vaterland befreit ist ...«

Sein Atem war zu kurz, als daß er länger hätte sprechen können; er ließ

sein Haupt in den Arm Jan Borluuts sinken und führte den grünen Schleier

langsam an seine Lippen. Dann sank er wie tot an Jan Borluuts Brust. Sein

Herz schlug aber noch, und die Wärme des Lebens verließ ihn nicht. Der

Anführer der Genter ließ den verwundeten Ritter mit aller nur erdenklichen

Vorsicht in das Lager bringen.

Machteld hatte sich mit Adolfs Schwester vor dem Gefecht in eine Zelle der

Abtei Groeningen zurückgezogen. Sicherlich war in diesem Augenblick niemand

in Flandern geängstigter als diese unglückliche Jungfrau. All ihre

Verwandten und ihr Freund Adolf waren im Kampfe. Von dieser Schlacht,

welche die Vlaemen gegen eine so überlegene Macht wagten, hing die Freiheit

ihres Vaters ab; diese Schlacht mußte den Thron von Flandern

wiederherstellen oder für immer vernichten. Wenn die Franzosen den Sieg

errangen, dann mußte sie auf den Tod all derer, die ihr teuer waren, für

sich selbst auf das furchtbarste Los gefaßt sein.

Sobald die Kriegstrompete ihre Töne über das Schlachtfeld sandte,

erzitterten die beiden Frauen und erbleichten, als ob sie zur gleichen Zeit

ein tödlicher Schlag getroffen hätte. In diesem bangen Augenblick

vermochten sie die Gefühle ihrer Seele nicht auszusprechen; sie waren

zugleich auf einen Betstuhl niedergesunken, hatten den Kopf darauf

gestützt, und still flossen Tränen über ihre Wangen. So knieten sie nun

dort in feurigem Gebet, ohne sich zu regen, als wären sie in tiefen Schlaf

versunken gewesen; von Zeit zu Zeit hörte man einen schwachen Seufzer, und

wenn das Tosen der Schlacht lauter anschwoll, dann schluchzte Maria:

»O allmächtiger Gott, Herr der Heerscharen, erbarme dich unser! Steh uns

bei in der Not, o Herr!«

Und Machtelds zarte Stimme erwiderte:

»O süßer Jesus, Seligmacher, schütze ihn! Und rufe ihn nicht zu dir, o

barmherziger Gott!«

»Heilige Mutter Gottes, bitte für uns!«

»O Mutter Christi, Trösterin der Betrübten, bitte für ihn!«

Dann tönte das donnernde Kriegsgetöse noch furchtbarer zu ihnen herüber,

und ihre Hände zitterten vor Angst wie Espenlaub; ihre Häupter beugten sich

tiefer, ihre Tränen flossen reichlicher, und ihr Gebet wurde wieder

unverständlich; denn die Beklemmung raubte ihnen die Sprache.

Der Kampf dauerte lange, das furchtbare Geschrei der widereinander

anstürmenden Scharen schwebte fortwährend über der Abtei von Groeningen,

aber noch länger dauerte das stille Gebet der Frauen; denn als der goldene

Ritter an die Pforte des Klosters klopfte, waren sie noch nicht vom

Betstuhl aufgestanden. Plötzlich vernahmen sie dröhnende Männerschritte in

dem Gange, der zur Zelle führte. Sie wandten das Haupt, und während sie

starr auf die Tür blickten, erbebten beide in einem süßen Vorgefühl des

Trostes.

»Adolf kommt wieder!« schluchzte Maria. »O, unser Gebet ist erhört worden.«

Machteld lauschte sorglicher hin und antwortete niedergeschlagen:

»Nein, nein, er ist es nicht, sein Schritt ist nicht so schwer. O, Maria,

vielleicht ein Unglücksbote!«

In diesem Augenblick hörte man die Tür der Zelle in ihren Angeln knarren;

eine Nonne öffnete sie und ließ den goldenen Ritter hinein. Die zarte

Gestalt Machtelds erstarrte, ihre Augen hefteten sich zweifelnd auf den

Krieger, der mit offenen Armen vor ihr stand, um sie zu empfangen. Erst

schien es ihr, als ob ein falscher Traum sie narrte; aber dies Gefühl war

flüchtiger denn der Blitz, und ungestüm warf sie sich jauchzend an die

Brust des goldenen Ritters.

»Mein Vater,« rief sie, »o mein teurer Vater! Ich sehe Euch wieder, frei,

ohne Ketten! Laßt mich Euch in meine Arme schließen! O Gott, wie gütig bist

du! Entzieht mir Eure Wange nicht, lieber Vater; laßt mich die Freude, die

ich empfinde, ausdrücken.«

Robrecht van Bethune umarmte seine zärtliche Tochter voller Entzücken; er

hielt sie an seine Brust gepreßt, bis ihre Aufregung ein wenig nachgelassen

hatte, und legte dann den Helm und seine eisernen Handschuhe auf den

Betstuhl. Von der Anstrengung des Tages ermattet, zog er einen Sessel

herbei und ließ sich darin nieder. Machteld umschlang seinen Hals mit

beiden Armen; dann betrachtete sie mit Bewunderung und Ehrerbietung den

Mann, dessen Züge sie mit so viel Glück erfüllten, und der sie so zärtlich,

so innig liebte. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den süßen Worten, die

seine geliebte Stimme ihr zuflüsterte.

»Machteld,« sprach er, »mein edles Kind, der Herr hat uns lange geprüft;

aber nun ist all unser Leid zu Ende. Flandern ist frei, das Vaterland ist

gerächt, der schwarze Löwe hat alle Lilien zerrissen, und alle Fremden sind

erschlagen. Fürchte nun nichts mehr, die bösen Söldner, die Johanna von

Navarra ausgeschickt hat, sind tot.«

Machteld horchte mit ängstlicher Begierde den Worten ihres Vaters; sie

blickte träumerisch in seine Augen und lächelte mit gar seltsamem Ausdruck.

Sie war so von Freude erfüllt, daß sie dasaß, als ob sie jeglichen Gefühls

beraubt wäre. Nach einigen Augenblicken merkte sie, daß ihr Vater nicht

mehr sprach, und rief:

»O Herr, das Vaterland ist frei! Die Franzosen sind geschlagen! Und Euch,

meinen Vater, Euch habe ich wieder! Dann wollen wir in unser schönes

Wijnendaal zurückkehren, kein Kummer wird Eure alten Tage mehr verbittern,

und ich werde mein Leben froh und glücklich in Euern Armen verbringen!

Solches Glück konnte ich nicht erwarten, soviel wagte ich nicht von Gott in

meinen Gebeten zu verlangen!«

»Höre, mein Kind, und werde nicht niedergeschlagen, ich bitte Dich: heute

noch muß ich Dich wieder verlassen. Der edelmütige Krieger, der mich

diesmal noch aus meinen Banden freiließ, empfing mein Ehrenwort, daß ich

zurückkehren würde, sobald die Schlacht geliefert wäre.«

Tieftrauernd ließ die Jungfrau bei diesen Worten ihr Haupt auf die Brust

sinken und schluchzte.

»Sie werden Euch ermorden, unglücklicher Vater!«

»Sei doch nicht so furchtsam, Machteld,« erwiderte Robrecht, »mein Bruder

Gwijde hat sechzig französische Ritter von edelm Blute gefangengenommen;

man wird Philipp dem Schönen kundtun, daß ihr Leben für das meine als Pfand

dient, und er darf die übriggebliebenen Helden seiner Rachsucht nicht

opfern. Ich habe nichts mehr zu befürchten, Flandern ist mächtiger denn

Frankreich. Deshalb bitte ich Dich, weine nicht. Sei froh, unser harrt die

schönste Zukunft! Ich werde Wijnendaal wiederherstellen lassen: es soll uns

alle empfangen. Dann werden wir wieder zusammen auf die Falkenjagd gehen;

denke Dir, wie fröhlich unser erster Jagdzug sein wird!«

Ein Lächeln unaussprechlicher Freude und ein herzlicher Kuß waren Machtelds

Antwort. Aber plötzlich schien sich ein quälender Gedanke in ihrem Geist zu

regen, ihre Züge wurden traurig, und schweigend blickte sie zu Boden, wie

jemand, der von Scham ergriffen ist.

Robrecht warf einen forschenden Blick auf seine Tochter und fragte sie:

»Machteld, mein Kind, warum wirst Du plötzlich so traurig?«

Die Jungfrau erhob nur halb ihr Haupt und antwortete mit leiser Stimme:

»Aber, mein lieber Vater, Ihr sprecht ja gar nicht von Adolf, weshalb kommt

er nicht mit Euch?«

Es dauerte einen Augenblick, ehe Robrecht ihre Frage beantwortete; er

glaubte, in Machteld ein Gefühl entdeckt zu haben, das, vielleicht ihr

selbst noch unbewußt, in ihrem Herzen verborgen ruhte. Nicht ohne Absicht

sprach er daher folgende Worte:

»Ihn halten noch einige Geschäfte zurück, mein Kind; noch immer ziehen

zersprengte Feinde im Feld umher; die verfolgt er gewiß. Machteld, ich kann

Dir sagen, daß unser Freund Adolf der edelste und mutigste Ritter ist, den

ich kenne; noch nie sah ich bei jemandem ein so männliches Verhalten.

Zweimal hat er meinem Bruder Gwijde das Leben gerettet, bis unter das

Kronbanner Frankreichs fielen die Feinde haufenweise unter seinem Schwert;

alle Ritter rühmten seine Tapferkeit und gestanden, daß ihm ein großer Teil

an der Befreiung Flanderns zukommt.«

Während Robrecht also sprach, hielt er die Augen auf seine Tochter geheftet

und folgte jeder Regung, die sich in ihren Zügen aussprach. Er sah darin

Freude und Stolz sich ablösen und zweifelte nicht mehr an der Richtigkeit

seiner Ahnung.

Maria stand begeistert vor Robrecht; sie lauschte mit Rührung dem Lobe auf

ihren Bruder.

Während die junge Machteld ihren Vater in größter Erregung anblickte,

vernahm man lautes Stimmengewirr an der Pforte des Klosters; das dauerte

nur wenige Augenblicke, dann wurde alles wieder still. Bald öffnete sich

die Tür der Zelle, und Gwijde, Robrechts Bruder, trat langsam, mit

bedrückter Miene herein; er nahte ihnen und sprach:

»Ein großes Unglück, mein Bruder, trifft uns heute in einem Manne, der uns

allen teuer ist. Die Genter haben ihn auf dem Schlachtfeld unter den Toten

gefunden und hierher in das Kloster gebracht; seine Seele schwebt auf

seinen Lippen, und vielleicht ist seine Sterbestunde nahe. Er wünscht Euch

noch zu sehen, ehe er von der Welt scheidet; deshalb bitte ich Euch, ihm

diese letzte Gunst zu erzeigen.«

Dann wandte er sich zu Adolfs Schwester und fügte hinzu:

»Euch läßt er gleichfalls bitten, edle Dame.«

Ein schmerzlicher Schrei entfloh dem Munde der beiden Frauen.

Machteld fiel ohnmächtig in die Arme ihres Vaters, und Maria eilte, ohne

weiter auf etwas hören zu wollen, mit herzzerreißenden Weherufen zur Tür

und verließ die Zelle. Auf diesen Lärm hin kamen zwei Nonnen herbei und

empfingen die ohnmächtige Machteld aus den Armen des Ritters; der küßte

seine Tochter noch einmal und wollte gehen, um den sterbenden Adolf zu

besuchen. Aber die Jungfrau öffnete die Augen, und als sie die Absicht

ihres Vaters merkte, riß sie sich aus den Händen der Nonnen los,

umklammerte Robrecht und rief:

»Laßt mich mit Euch gehen, Vater, daß er mich noch einmal sieht. Wehe mir,

welch tiefer Schmerz zerreißt mein Herz! Mein Vater, ich sterbe mit ihm --

schon fühle ich den Tod in mir -- ich will ihn sehen: eilt, kommt, o kommt

rasch! -- Er stirbt -- Adolf!«

Robrecht betrachtete seine Tochter voll Mitleid. Jetzt blieb ihm kein

Zweifel mehr über das Gefühl, das im geheimen im Herzen seiner Tochter

Wurzel gefaßt hatte. Diese Gewißheit machte ihn aber weder bestürzt noch

mißmutig. Da es ihm nicht möglich war, seine Tochter durch Worte zu

trösten, so drückte er sie fest an sein Herz. Doch Machteld entwand sich

bald den zärtlichen Banden; sie zog Robrecht bei der Hand fort und rief:

»O, Vater, erbarmt Euch meiner! Kommt, daß ich noch einmal die Stimme

meines guten Bruders höre, daß seine Augen mich noch einmal in diesem Leben

anblicken!«

Sie kniete vor ihm nieder, und während Tränen aus ihren Augen strömten,

fuhr sie fort:

»Ich bitte Euch, mißachtet mein Flehen nicht. Erhört mich, Vater!«

Robrecht hätte am liebsten seine Tochter bei den Nonnen gelassen, denn er

fürchtete, daß der Anblick des sterbenden Ritters sie zu sehr ergreifen

würde. Doch den dringenden Bitten Machtelds konnte er nicht länger

widerstehen; er nahm sie bei der Hand und sprach:

»Wohlan, meine Tochter, geh mit mir und besuche den armen Adolf. Aber,

bitte, betrübe mich nicht zu sehr durch Deine Verzweiflung; bedenke, daß

Gott uns heute so große Gnaden erwiesen hat, und daß er ob Deiner

Verzweiflung zürnen könnte.« Als er diese Worte sprach, waren sie bereits

im Gange vor der Zelle.

Man hatte Adolf in den großen Speisesaal des Klosters gebracht, ein

Federbett auf der Erde hingebreitet und ihn daraufgelegt. Ein Priester, der

in der Heilkunde wohlerfahren war, hatte seinen Körper ganz genau

untersucht und keine offene Wunde an ihm gefunden; lange blaue Striemen

kennzeichneten die empfangenen Schläge auf seiner Haut, und unter den

schweren Quetschungen war das Blut zusammengelaufen und geronnen. Nach

einem Aderlaß wurde er gewaschen und mit kräftigem Balsam gerieben. Durch

die sachverständige Behandlung des Priesters war er schon ein wenig

gekräftigt, doch schien er noch immer seinem Ende nahe, obgleich seine

Augen nicht mehr so trübe und glasig waren. Rund um das Bett standen gar

viele Ritter, die stumm um ihren Freund trauerten. Jan van Renesse, Arnold

van Oudenaarde und Peter De Coninck leisteten dem Priester hilfreiche Hand,

Wilhelm von Jülich, Jan Borluut und Balduin van Papenrode befanden sich zur

Linken, während der junge Gwijde mit Jan Breydel und den anderen

vornehmsten Rittern gebeugten Hauptes am Fußende standen.

Breydel war gräßlich anzuschauen. Seine Hände waren in vielen Stellen

geritzt, und ein blutiges Tuch bedeckte die Hälfte seines Hauptes. Seine

Arme und Kleider waren zerrissen und das stumpf gewordene Beil hing an

seiner Seite. Die anderen Ritter hatten gleichfalls das eine oder andere

Glied mit Tüchern umwickelt, und eines jeden Rüstung zeigte furchtbare

Beulen und war schrecklich zerhackt.

Maria kniete weinend neben ihrem Bruder. Sie hatte seine Hand ergriffen und

benetzte sie mit ihren Tränen, während Adolf sein mattes Auge auf sie

heftete.

Sobald Robrecht mit seiner Tochter den Saal betrat, packte alle Ritter

Staunen und Bewunderung: der Held, der ihnen in der Not so wunderbar zu

Hilfe gekommen war, war der Löwe von Flandern, ihr Graf! Sie beugten alle

mit der größten Ehrerbietung ein Knie zur Erde und sprachen:

»Ehre sei dem Löwen, unserem Herrn!«

Robrecht ließ seine Tochter los, hob die Herren Jan Borluut und van Renesse

auf und küßte beide auf die Wangen. Dann gab er den übrigen ein Zeichen,

sich zu erheben, und sprach:

»Meine treuen Untertanen, meine Freunde! Ihr habt mir heute bewiesen, wie

mächtig ein Heldenvolk ist. Jetzt trage ich die Krone meines kleinen

Reiches mit mehr Hochgefühl als Philipp der Schöne die von Frankreich; denn

auf euch kann ich mit Recht stolz sein.«

Dann ging er zu Adolf, ergriff seine Hand und betrachtete ihn lange; in

beiden Augen des Löwen von Flandern glänzten helle Tränen, die allmählich

schwerer wurden, sich schließlich losrissen und wie Perlen blinkend zu

Boden fielen. Machteld lag schon neben Adolfs Haupt auf den Knien. Sie

hatte den grünen Schleier, der jetzt beschmutzt und blutig war, an sich

genommen und benetzte mit ihren Tränen dieses Zeichen ihrer Zuneigung und

seiner Aufopferung. Sie sprach kein Wort, sah auch Adolf nicht an; denn sie

hielt ihre beiden Hände vor das Gesicht und schluchzte in tiefer Betrübnis,

ohne sich zu rühren.

Der Priester blickte gleichfalls bewegungslos auf den leidenden Ritter. Ihm

schien es, als vollzöge sich eine wunderbare Veränderung in seinen Zügen,

als strömte wieder mehr Leben in ihn über. Und wirklich, seine Augen

erhielten mehr Glanz, und sein Gesicht verlor die Anzeichen des nahenden

Todes. Bald richtete er einen Blick voll Liebe auf Robrecht und sprach

langsam und mit Anstrengung:

»O, mein Herr und Graf, Eure Gegenwart ist mir ein süßer Trost. Nun kann

ich sterben; das Vaterland ist frei! Ihr werdet den Thron in

friedensreichen Tagen besitzen ... Ich verlasse freudig die Welt, jetzt, da

die Zukunft Euch und Eurer edeln Tochter dauerndes Glück verheißt. O,

glaubt mir in meiner Todesstunde! Euer Unglück war für mich, Euren

unwürdigen Diener, ergreifender als für Euch selbst. So manchmal habe ich

in stillen Nächten mein Lager mit Tränen benetzt, wenn ich der traurigen

Lage der edlen Machteld und Eurer Gefangenschaft gedachte ...«

Dann wandte er das Haupt ein wenig zu Machteld, und ihre Tränen flossen

noch reichlicher, als er also sprach:

»Weinet nicht, edle Jungfrau, ich verdiene dieses liebevolle Mitleid nicht.

Es gibt noch ein anderes Leben; dort werde ich meine gute Schwester

wiedersehen! Bleibet auf Erden, um im Alter Eurem Vater eine Stütze zu

sein, und denkt zuweilen in Euren Gebeten an den guten Bruder, der Euch

verlassen muß ...«

Hier brach er plötzlich ab und schaute wie verwundert um sich.

»Aber, mein Gott,« sprach er und sah den Priester fragend an, »was ist das?

Ich fühle neue Kraft, das Blut kreist freier durch meine Adern.«

Machteld erhob sich und betrachtete ihn mit ängstlicher Erwartung.

Alle blickten gespannt auf den Priester. Der hatte inzwischen den Kranken

mit scharfem Blicke gemustert und alle Eindrücke, welche auf ihn gewirkt

hatten, geprüft. Er ergriff Adolfs Hand und fühlte ihm den Puls, während

alle Umstehenden angstvoll seinen Bewegungen folgten; sie schlossen aus den

Mienen des Priesters, daß noch nicht jede Hoffnung dahin war, den Leidenden

am Leben zu erhalten.

Der Geistliche setzte schweigend seine Untersuchung fort. Er hob die

Augenlider des Kranken auf und betrachtete sie, er öffnete ihm den Mund und

ließ die Hand über seine bloße Brust gleiten. Dann wandte er sich zu den

umstehenden Rittern und sprach im Tone der tiefsten Überzeugung:

»Ich sage euch, meine Herren, das Fieber, das diesem jungen Ritter den Tod

bringen mußte, ist vorüber -- er wird nicht sterben.«

Alle wurden so von ihrem Gefühl übermannt, als hätten die Lippen des

Priesters ein Todesurteil ausgesprochen. Aber bald vermochten sie, ihrer

Freude durch Worte und Gebärden Ausdruck zu verleihen.

Maria hatte die Verkündigung des Priesters mit einem lauten Schrei

beantwortet und ihren Bruder in größter Aufregung umarmt. Machteld fiel auf

die Knie nieder, erhob ihre Hände und rief mit lauter Stimme:

»Ich danke Dir, Du gütiger, Du barmherziger Gott, daß Du das Gebet Deiner

demütigen Dienerin erhört hast!«

Nach dieser kurzen Danksagung sprang sie auf und warf sich voll

grenzenloser Freude in die Arme ihres Vaters. »Er bleibt am Leben! Er wird

nicht sterben!« rief sie. »O, jetzt bin ich so glücklich!« und einen

Augenblick ruhte sie ermattet an Robrechts Brust. Aber ebenso rasch kehrte

sie zu Adolf zurück und gab ihrem Entzücken ihm gegenüber Ausdruck.

Was allen wie ein Wunder erschien, war nur eine Folge von Adolfs Zustand.

Er hatte weder offene noch tiefe Wunden empfangen, sondern viele

Quetschungen; die Schmerzen, die er infolgedessen litt, hatten ein

gefährliches Fieber hervorgerufen, das ihm den Tod hätte bringen können.

Aber Machtelds Gegenwart, die seiner Seele Kräfte verdoppelte,

verscheuchte das tödliche Fieber, und so entrann er dem Grabe, das schon

den Rachen nach ihm aufsperrte.

Robrecht van Bethune ließ seine Tochter, die vor Freude ganz außer sich

war, neben Adolf niedersitzen, trat zu den Rittern und redete sie

folgendermaßen an:

»Ihr edeln Männer von Flandern habt heute einen Sieg errungen, der als ein

Beweis eurer großen Tapferkeit auf eure Kinder und Kindeskinder übergehen

wird; ihr habt der ganzen Welt gezeigt, wie es dem Fremden ergeht, der den

Fuß auf unseres Vaterlandes Boden zu setzen wagt. Die Liebe zum Vaterland

hat in euren Heldenseelen unerhörten Mut entflammt und, durch gerechte

Rache gestählt, haben eure Arme die Tyrannen erschlagen. Die Freiheit ist

einem Volke, das sie mit seinem Blute besiegelt hat, teuer; fortan kann

kein Fürst des Westens mehr die Vlaemen auch nur für einen Augenblick zu

Sklaven machen; denn ihr alle würdet lieber sterben, ehe ihr das duldetet.

Doch das brauchen wir ja auch nicht mehr zu befürchten. Flandern hat sich

heute über alle Völker erhoben, und ihr edeln Männer seid es, denen das

Vaterland diesen Ruhm verdankt. Jetzt wünschen wir, daß Friede und Ruhe

unsere Untertanen für ihre Treue belohnt; es wird uns glücklich machen, von

allen mit dem Namen Vater begrüßt zu werden, wenn wir uns durch unsere

fürsorgliche Liebe und das unaufhörliche Bestreben, sie glücklich zu

machen, diesen Namen verdienen können. Sollte es dennoch wieder geschehen,

daß die Franzosen zurückzukommen wagten, so würden wir _noch_ der Löwe von

Flandern sein, und unser Hammer würde euch nochmals zum Kampfe führen. Wir

bitten euch, ihr Herren, sänftigt die Gemüter, sobald ihr in eure Lehen

zurückgekehrt seid, bringt alles zur Ruhe, damit der Sieg nicht durch

Aufruhr befleckt werde, und leidet vor allem nicht, daß das Volk die

Verfolgungen wider die Leliaerts nochmals aufnimmt. Es ist unsere Sache,

über sie zu Gericht zu sitzen. Wir müssen euch nun verlassen. Während

unseres Fernseins werdet ihr unserem Bruder Gwijde als eurem Herrn und

Grafen Gehorsam leisten.«

»Uns verlassen!« rief Jan Borluut ungläubig. »Ihr kehrt nach Frankreich

zurück? Tut es nicht, edler Graf, sie werden ihre Niederlage an Euch

rächen.«

»Meine Herren,« unterbrach ihn Robrecht, »ich frage euch, wer unter euch

möchte aus Furcht vor dem Tode sein Ehrenwort und seine Rittertreue

brechen?«

Alle beugten das Haupt, und keiner sprach ein Wort; voll Schmerz sahen sie

ein, daß nichts ihren Grafen zurückhalten konnte. Der fuhr fort:

»Meister De Coninck, Eure Weisheit hat uns großen Nutzen gebracht und soll

es auch ferner tun; wir berufen Euch in unseren Rat und wünschen, daß Ihr

bei uns an unserem gräflichen Hofe verbleibt. Herr Breydel, Eure Tapferkeit

und Eure Treue verdienen großen Lohn; seid von jetzt an für immerdar

Oberbefehlshaber all Eurer Stadtgenossen, die uns mit den Waffen dienen

können; wir wissen, wie ehrenvoll Ihr dieses Amt ausüben könnt. Zudem sollt

auch Ihr zu unserem Hofe gehören und dorten wohnen können, wenn es Euch

beliebt.«

»Und Ihr, mein Freund Adolf, Ihr verdient noch größeren Lohn. Wir alle

waren Zeugen Eures furchtlosen Mutes; Ihr habt Euch des edeln Namens Eurer

Vorfahren würdig gezeigt. Ich habe Eure Aufopferung nicht vergessen. Ich

weiß, mit welcher Sorge, mit welcher Liebe Ihr mein unglückliches Kind

beschützt und getröstet habt; ich weiß, welch reines, welch inniges Gefühl

in euer beider Herzen, still und euch selbst unbewußt, lodert. Wohlan, ich

will Euch an Edelmut gleichkommen; die durchlauchtige Familie des Grafen

von Flandern vereinige sich mit der der Edelherren van Nieuwland; der

schwarze Löwe glänze auf Eurem Schilde. Ich gebe Euch mein teures Kind,

meine Machteld, zum Weibe!«

Machtelds Brust entfloh nur ein Laut, der Name Adolfs; aber sie ergriff

bewegt seine Hand, zitterte heftig und sah ihm tief in die Augen; dann

strömten ihre Tränen reichlicher; doch jetzt waren sie durch reinste Freude

hervorgelockt. Der junge Ritter sprach gleichfalls kein Wort, sein Glück

war zu innig, zu groß, als daß er es hätte ausdrücken können. Er hob nur

seine glänzenden Augen voll Liebe zu Machteld empor, voll Erkenntlichkeit

zu Robrecht und voll Dankbarkeit zu Gott.

Seit einiger Zeit war lautes Tosen bei dem äußeren Tor der Abtei

vernehmlich geworden. Es klang, als ob sich ein Volksauflauf

zusammenrottete. Dies Getöse nahm ständig mehr und mehr zu und wuchs

bisweilen zu lautem Jauchzen an. Jetzt kam eine Nonne herein und teilte

mit, daß eine große Volksmenge vor dem Tor stehe und unaufhörlich verlange,

den goldenen Ritter zu sehen. Nun, da die Tür des Saales offen stand, war

der Jubelruf »Vlaenderen den Leeuw! Heil unserem Befreier, Heil, Heil!« bei

den Rittern deutlicher zu verstehen.

Robrecht wandte sich zu der Nonne und sprach:

»Wollet ihnen sagen, daß der goldene Ritter, nach dem sie rufen, in wenigen

Augenblicken zu ihnen kommen werde.«

Dann trat er zu dem kranken Ritter, ergriff seine noch schwache Hand und

sprach:

»Adolf van Nieuwland, meine teure Machteld wird nun Eure eheliche Gemahlin.

Der Segen des Allmächtigen komme über eure Häupter und verleihe euren

Kindern die Tapferkeit ihres Vaters, die Tugenden ihrer Mutter. Ihr habt

mehr verdient; aber es steht nicht in meiner Macht, Euch ein kostbareres

Geschenk zu geben, denn das Kind, das der Trost und die Stütze meiner alten

Tage werden sollte.«

Während Adolf von Danksagungen überfloß, schritt Robrecht eilig auf Gwijde

zu.

»Lieber Bruder,« sprach er, »ich will, daß diese Hochzeit so bald als

möglich mit Pracht gefeiert und durch den Segen der Kirche bekräftigt wird;

das ist mein inniger Wunsch. Meine Herren, ich verlasse euch jetzt in der

Hoffnung, bald frei und ungehindert für das Glück meiner treuen Untertanen

wirken zu können. Ich ersuche euch alle, das Geheimnis von dem wahren Namen

des goldenen Ritters aufs sorglichste zu wahren; mein Bruder Gwijde wird

den Leuten der Abtei dies gleichfalls befehlen.«

Nach diesen Worten trat er zu Adolf und küßte ihn auf die Wange.

»Lebe wohl, mein Sohn,« sagte er.

Und seine Machteld ans Herz drückend:

»Lebe wohl, geliebte Machteld. Weine nun nicht mehr über mich; ich bin

glücklich, da das Vaterland gerächt ist, und ich werde nun bald zurück

sein.«

Dann umarmte er noch seinen Bruder Gwijde, Wilhelm von Jülich und seine

anderen Freunde, drückte allen bewegt die Hand und rief:

»Lebt wohl, lebt wohl, ihr alle, edle Söhne von Flandern, treue

Waffenbrüder!«

Auf dem Vorhof legte er seine Rüstung an, stieg zu Pferde, ließ das Visier

seines Helmes fallen und ritt zum Tor hinaus. Eine unübersehbare Volksmenge

hatte sich davor versammelt; sobald sie des goldenen Ritters ansichtig

wurde, teilte sie sich in zwei Reihen, um ihn durchzulassen, und begrüßte

ihn mit jauchzenden Zurufen.

Wohl hundertmal schallte immer wieder der Ruf: »Heil dem goldenen Ritter!

Sieg! Sieg! Unser Befreier!« Sie winkten mit den Händen, um ihre Freude

auszudrücken, und rafften die Erde aus den Hufspuren seines Pferdes wie ein

Heiligtum auf. Ihnen schien, daß der heilige Georg, den man während des

Kampfes in allen Kirchen von Kortrijk angerufen hatte, ihnen in dieser

Gestalt zu Hilfe gekommen war. Daß der Ritter so langsam und schweigsam

dahinritt, festigte sie noch in dieser Meinung, und manche fielen, während

er vorbeiritt, ehrfurchtsvoll auf ihre Knie nieder. Lange folgten sie ihm

nach und schienen sich an seinem Anblick nicht sättigen zu können; denn je

länger es dauerte, um so wundersamer erschien ihnen der goldene Ritter.

Ihre Einbildung lieh ihm eine Gestalt, wie sie sich die Heiligen

vorstellten.

Endlich gab er seinem Pferde den Sporn und verschwand wie ein Pfeil

zwischen den Bäumen des Waldes. Das Volk versuchte, seines goldenen

Harnisches noch zwischen dem Laube gewahr zu werden, aber vergebens; das

Roß hatte seinen Herrn bereits weit aus dem Bereich ihrer Augen entführt.

Da sahen sie denn einander an und sprachen traurig:

»Er ist in sein himmlisches Vaterhaus zurückgekehrt!«

Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien · 第 29 / 31 题