Während der acht Tage, die auf diese Vorfälle folgten, verließen noch mehr
als dreitausend Bürger die Stadt Brügge und begaben sich nach Ardenberg zu
De Coninck oder nach Damm zu Breydel. Durch den Abzug dieser streitbaren
Männer ermutigt, überließen sich die Franzosen allen Zügellosigkeiten und
behandelten die verbliebenen Einwohner wie gekaufte Sklaven. Es gab aber
auch viele Brügger, denen die Franzosen keine Schwierigkeiten machten, und
die mit ihnen sprachen und scherzten wie mit Brüdern; das waren Vlaemen,
die ihr Vaterland verleugnet hatten und durch Selbsterniedrigung die Gunst
der Feinde zu erlangen suchten. Sie rühmten sich des Schandnamens
»Leliaert«, als wäre er ein Ehrentitel. Die übrigen waren Klauwaerts, echte
Söhne Flanderns, die das Joch mit Ungeduld trugen; aber das Gut, das sie im
Schweiß ihres Angesichts erworben hatten, war ihnen zu teuer, als daß sie
es schutzlos den Händen der fremden Plünderer überlassen hätten.
An diesen Klauwaerts und den Frauen und Kindern der Verbannten ließen die
Franzosen ihre feige Gewalttätigkeit aus. In ihrer schändlichen Rache
ließen sie sich durch nichts hindern; ungestört raubten sie alles nach
Belieben, holten mit Gewalt die Waren aus den Läden und bezahlten sie mit
Schimpfworten und Schmähungen. Dies erbitterte die bedrückten Bürger so
sehr, daß sie sich sämtlich weigerten, den Franzosen auch nur mehr ein
Stück Fleisch oder einen Bissen Brot zu verkaufen und in ihren Läden irgend
etwas auszuhängen. Sie verbargen die Lebensmittel in der Erde, um sie dem
Späherblick des Feindes zu entziehen, und in vier Tagen war die Besatzung
so ausgehungert, daß sie in Scharen auf den Feldern umherlief, um etwas zu
finden. Zu ihrem Glück kam ihnen noch einiges durch die Fürsorge der
Leliaerts zugute; trotzdem aber herrschte fortwährend drückender Mangel in
der Stadt. Die Zunftleute waren ohne Arbeit; sie konnten deshalb die
Schätzungen nicht mehr aufbringen und mußten sich verbergen, um den
Verfolgungen des Zollmeisters Jan van Gistel zu entgehen. Wenn die
Zolldiener Sonnabends herumgingen, um den weißen Pfennig in Empfang zu
nehmen, fanden sie nie einen Mann zu Hause; dann war es, als ob alle
Brügger die Stadt verlassen hätten. Viele von den Zünften klagten bei Jan
van Gistel, daß sie nichts verdienten und deshalb den Zoll nicht bezahlen
könnten. Aber der entartete Vlaeme hörte sie nicht an und wollte die
Abgaben durch Zwang erheben. Viele Bürger wurden ins Gefängnis geworfen,
andere umgebracht.
Herr von Montenay, der französische Stadtvogt und Befehlshaber der
Besatzung, war weniger grausam als der Zollmeister. Er wollte angesichts
dieser drängenden Not die Lasten herabsetzen und sandte zu dem Zweck einen
Boten nach Kortrijk, der dem Feldherrn Châtillon die Hungersnot und die
gefährliche Lage der Besatzung vorstellen und ihn zur Abschaffung des
weißen Pfennigs bewegen sollte. Jan van Gistel, der als abtrünniger Vlaeme
von seinen Landsleuten verachtet und gehaßt wurde, nahm die Gelegenheit
wahr, um Châtillon zur Strenge aufzustacheln. Er schilderte die
Widerspenstigkeit der Brügger in den schwärzesten Farben und bat ihn, für
ihre Starrköpfigkeit Rache zu nehmen, indem er vorgab: sie wollten nicht
arbeiten, um aus anscheinend stichhaltigen Gründen den weißen Pfennig
verweigern zu können. Als Châtillon hiervon benachrichtigt wurde,
entbrannte er in heftigem Zorn. Es ging ihm wider den Strich zu sehen, wie
nutzlos alle von ihm aufgewandte Mühe war, des Königs Befehle auszuführen;
denn das vlaemische Volk war nicht zu bändigen. Täglich gab es Aufläufe in
allen Städten, der Haß gegen die Franzosen brach überall hervor, und an
einigen Orten, wie zum Beispiel in Brügge, wurden die Diener des Königs
Philipp im geheimen, sogar am hellen Tage umgebracht. Noch rauchten die
zerstörten Türme von Male, und das Blut der erschlagenen Franzosen klebte
ungerächt an den Trümmern.
Der Quell all dieses Leides, das sich für Frankreich über ganz Flandern
ergoß, entsprang in Brügge. Hier war die Flamme des Aufruhrs zuerst
aufgetreten. Breydel und De Coninck waren die Häupter des Drachen, der
sich unter Philipps des Schönen Zepter nicht beugen wollte. In dieser
Erwägung beschloß Châtillon, einen kräftigen Anlauf zu nehmen und Flanderns
Freiheit im Blute der Widerspenstigen zu ersticken. Er versammelte
schleunigst siebzehnhundert Reiter aus dem Hennegau, der Picardie und dem
französischen Flandern, nahm noch eine große Abteilung Fußknechte dazu und
zog mit diesem Heer voll Wut nach Brügge. Neben Lebensmitteln und sonstigem
Gut fanden sich in diesem Zuge auch mehrere große Fässer voller Seile und
Schlingen, die Châtillon für einen furchtbaren Zweck bestimmt hatte: De
Coninck, Breydel und all ihre Genossen sollten daran gehängt werden. Um den
Klauwaerts keine Zeit zur Vorbereitung von Meutereien zu lassen, hatte der
französische Landvogt seine Ankunft heimlich Herrn von Montenay angezeigt;
niemand als der Stadtvogt wußte etwas von den schrecklichen Dingen, die da
kommen sollten.
Am 18. Mai 1302 um neun Uhr morgens rückte das französische Heer mit
fliegenden Fahnen in die Stadt. Châtillon ritt an der Spitze seiner
siebzehnhundert Reiter. Sein Blick war wild und drohend; die Bürger befiel
quälende Angst, und sie ahnten bereits einen Teil der Leiden, die ihrer
harrten. Die Klauwaerts konnte man an ihren Gefühlsäußerungen erkennen.
Ihre Häupter waren gebeugt, und schwerster Kummer sprach aus ihren Zügen.
Doch sie glaubten nicht, daß ihnen noch Schlimmeres widerfahren könnte als
die Eintreibung des weißen Pfennigs und allenfalls noch härtere Bedrückung.
Die Leliaerts hatten sich auf dem Freitagsmarkt um die Besatzung geschart.
Ihnen war die Ankunft des Landvogts sehr willkommen, denn er sollte ja auch
sie für die Verachtung seitens der Klauwaerts rächen. Als Châtillon
herankam, riefen die feigen Abtrünnigen immer wieder:
»Heil Frankreich! Heil dem Landvogt!«
Die Neugierde hatte das Volk zusammengetrieben, und es stand nun
dichtgedrängt am Markte. Überall sah man unbeschreibliche Furcht und
Beklemmung. Die Frauen drückten ihre Kinder schweigend ans Herz, und manche
weinten, ohne recht zu wissen, warum. Aber trotz aller Furcht vor der Rache
des Landvogts rief doch keiner: Heil Frankreich! Waren sie auch jetzt
ohnmächtig, so lohte doch der Haß gegen die Unterdrücker Flanderns in ihrem
Herzen, und trotz allen Kummers sprühte noch bisweilen ein drohender Blick
aus ihren Augen, wie ein flüchtiger Strahl; dann dachten sie an Breydel und
De Coninck und träumten von blutiger Rache.
Während sie die Franzosen scharf beobachteten, hatte Châtillon seine Leute
folgendermaßen aufgestellt: An jeder Seite stand eine lange Reihe Reiter,
dazwischen eine Abteilung Söldner, so daß der Platz mit Ausnahme einer
Seite geschlossen war; diese hatte man absichtlich offen gelassen, damit
die Bürger sehen könnten, was vor sich ging. Nachdem diese Anordnung
getroffen war, wurden die übrigen Reiter und Söldner unbemerkt nach den
Stadttoren geschickt, um sie zu schließen und zu bewachen.
Châtillon stand mit einigen Anführern inmitten seiner Reiter. Der Kanzler
Pierre Flotte, der Stadtvogt Montenay und Jan van Gistel, der Leliaert,
schienen mit ihm über etwas sehr Wichtiges zu verhandeln. Ihre Züge
drückten die größte Bestürzung aus. Obgleich sie nicht so laut sprachen,
daß sie von den Bürgern gehört werden konnten, so verstanden doch die
französischen Anführer zuweilen etwas; mancher brave Ritter blickte
mitleidig auf das bange Volk und mit tiefer Verachtung auf den Verräter van
Gistel, als der zum Landvogt sagte:
»Glaubt mir, Herr, ich kenne meine starrköpfigen Landsleute; Eure Gnade
würde ihren Trotz nur steigern. Wärmt keine Schlange an Eurer Brust. Sie
wird Euch tödlich verletzen. Ich weiß aus Erfahrung: die Brügger werden
ihren Nacken nicht beugen, solange die Rädelsführer unter ihnen wohnen;
dieses Unkraut muß man ausrotten, oder man wird nie damit fertig.«
»Herr van Gistel«, bemerkte lächelnd der Kanzler, »scheint seine Landsleute
nicht sehr in sein Herz geschlossen zu haben; würde man auf ihn hören, so
würde morgen keine lebende Seele mehr in Brügge sein.«
»Wirklich, meine Herren,« fuhr Gistel fort, »nur die Liebe zu meinem König
gibt mir diese Worte ein. Ich wiederhole, der Tod der Aufwiegler allein
kann die Flammen des Aufruhrs in unserer Stadt löschen. Ich habe mir die
Namen der hartnäckigsten Klauwaerts gemerkt; solange die Meuterer frei in
Brügge umhergehen können, ist Ruhe ausgeschlossen.«
»Wieviel sind es?« fragte Châtillon.
»Etwa vierzig,« antwortete er kalt.
»Wie?« rief Montenay entrüstet, »Ihr wollt vierzig Bürger hängen lassen?
Diese hier haben solch grausame Strafe nicht verdient, aber wohl die
Aufrührer, die sich in Damm befinden. Die Rädelsführer De Coninck und
Breydel mit ihren Anhängern, diese haben sich des Todes schuldig gemacht,
aber nicht diese schwachen Bürger, die Ihr aus persönlicher Rache gehängt
sehen möchtet.«
»Herr von Montenay,« bemerkte Châtillon, »Ihr habt mich benachrichtigt, daß
sie Euren Söldnern kein Essen mehr verkaufen wollen; ist das nicht genug?«
»Es ist wahr, Herr Landvogt, sie haben das unberechtigterweise verweigert;
es war ihre Untertanenpflicht zu gehorchen. Aber meine Söldner haben auch
in sechs Monaten keine Bezahlung erhalten, und die Vlaemen wollen nur gegen
bares Geld verkaufen. Ich würde es in der Tat bedauern, wenn meine Meldung
so beklagenswerte Folgen hätte.«
»Diese Rücksicht kann Frankreichs Krone großen Schaden tun,« meinte Gistel.
»Es wundert mich, daß Herr von Montenay die aufrührerischen Brügger
verteidigt!«
Montenay wurde sehr zornig über diesen Vorwurf; denn Gistel hatte seine
Worte in sehr verletzender Form geäußert. Der edelmütige Stadtvogt
betrachtete den Leliaert mit Verachtung und antwortete:
»Wenn Ihr Euer Vaterland liebtet, so würdet Ihr den Tod Eurer unglücklichen
Brüder nicht verlangen und ich, als Franzose, brauchte sie nicht zu
verteidigen. Und nun wißt, damit es auch der Landvogt hört: Die Brügger
würden uns die Lebensmittel nicht verweigert haben, wenn Ihr den weißen
Pfennig nicht in so unvernünftig drückender Form eingefordert hättet. Euch
verdanken wir diese Unruhen. Ihr sucht Eure Landsleute nur zu vergewaltigen
und ruft dadurch in ihrem Herzen den bitteren Haß gegen uns hervor.«
»Ihr alle seid meine Zeugen, daß ich die Befehle des Herrn von Châtillon
getreulich ausgeführt habe,« entgegnete van Gistel.
»Das war durchaus nicht Eure Absicht,« erwiderte Montenay, »vielmehr
wolltet Ihr Euch für die Verachtung der Brügger rächen. Es ist ein arger
Mißgriff des Königs, unseres Gebieters, daß er einen Mann, der von allen
verachtet wird, zum Zollmeister über Flandern eingesetzt hat.«
»Herr von Montenay,« rief van Gistel leidenschaftlich, »Ihr werdet mir für
diese Worte einstehen.«
»Meine Herren,« fiel Châtillon ihnen in die Rede, »ich verbiete jede
weitere Auseinandersetzung in meiner Gegenwart; eure Schwerter mögen diesen
Streit entscheiden. Ich sage Euch, Herr von Montenay, Eure Redensarten
haben mir sehr mißfallen. Der Zollmeister hat meinem Willen gemäß
gehandelt. Die Krone von Frankreich muß gerächt werden, und wenn die
Rädelsführer die Stadt nicht verlassen hätten, so würde es mehr Galgen als
Straßenkreuzungen in Brügge geben. Ehe ich nach Damm gehe, um die Zünfte zu
strafen, will ich dieser aufrührerischen Stadt ein abschreckendes Beispiel
bieten. Herr van Gistel, nennt mir die acht starrköpfigsten Klauwaerts,
damit sofort die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme.«
Um nicht um seine Rache zu kommen, ließ Gistel seine Augen über das
bestürzte Volk schweifen und suchte acht der Männer aus der Menge heraus;
diese nannte er dem Landvogt. Darauf mußte ein Herold vor dem Volk
Aufstellung nehmen; nachdem er mit seiner Trompete Stille geboten hatte,
verkündete er:
»Im Namen des mächtigen Königs Philipp, unseres Herrn und Gebieters, werden
die Bürger, deren Namen ich jetzt nennen werde, auf der Stelle vor meinen
Feldherrn Châtillon gerufen und entboten; wer sich nicht einstellt, soll
unverzüglich und ohne Gnade mit dem Tode bestraft werden.«
Dieser Trug glückte vollständig: kaum waren diese Namen bekannt gegeben
worden, so kamen die Klauwaerts aus der Menge zum Markt und begaben sich
ohne Zögern zu Châtillon. Sie wußten wohl, daß sie nichts Gutes zu erwarten
hatten, und würden sich vielleicht durch die Flucht gerettet haben, wenn es
möglich gewesen wäre. Die meisten unter ihnen waren etwa dreißig Jahre alt,
nur ein einziger Greis nahte langsamen Schrittes und gebeugten Hauptes.
Stille Duldung lag in seinen Zügen, und nicht die geringste Furcht war
darin bemerkbar. Er blieb vor Châtillon stehen und betrachtete ihn mit
fragenden Blicken, als ob er sagen wollte: Was verlangt Ihr?
Sobald der letzte der Gerufenen herangekommen war, gab der Landvogt ein
Zeichen, und die acht Klauwaerts wurden ungeachtet ihres Sträubens mit
Stricken gebunden. Klagen und Murren erhob sich im Volke, aber eine
Abteilung der Reiter stellte sich drohend vor ihm auf und machte es bald
verstummen. In wenigen Augenblicken wurde ein langer Galgen auf dem Markte
errichtet und ein Priester den Verurteilten zugeführt. Beim Anblick dieser
schrecklichen Vorbereitungen flehten die Frauen und Brüder der
unglücklichen Klauwaerts um Gnade, und das Volk drängte sich ungestüm
zusammen. Lautes Schluchzen, vermischt mit Verwünschungen und
Rachegeschrei, ertönte aus der Bürgerschar und lief wie ein Vorbote des
Aufruhrs durch die Menge. Alsbald kam ein Trompeter heran und rief:
»Es sei euch kund und zu wissen getan: Wer sich widerspenstig getraut, die
Rechtspflege des Landvogts, meines Herren, durch Rufen oder auf andere
Weise zu stören, soll an demselben Galgen neben den Meuterern aufgehängt
werden!«
Bei dieser Ankündigung erstarb die Klage in aller Munde, und Totenstille
herrschte unter dem bangen Volke. Die Frauen blickten tränenüberströmt gen
Himmel und flehten zu dem, der allein die Menschen versteht und hört, wenn
ein Tyrann ihnen die Sprache raubt. Die Männer verfluchten ihre Ohnmacht
und entflammten in fieberhafter Wut. Sieben Klauwaerts wurden der Reihe
nach an den Galgen gehängt und starben angesichts ihrer Mitbürger. Der
Schmerz der geängsteten Brügger wandelte sich in Verzweiflung. Jedesmal,
wenn einer von der Leiter gestoßen wurde, beugten sie das Haupt zu Boden
und wandten so ihre Augen von dem schrecklichen Schauspiel ab. Sicher
würden viele sich von dem Platz entfernt haben, wenn sie sich hätten
bewegen dürfen; aber das war ihnen verboten, und wenn sich nur die
geringste Unruhe unter ihnen bemerkbar machte, kam ein Söldner mit
entblößtem Schwert, um sie zur Ruhe zu zwingen.
Nur noch ein Klauwaert stand bei Herrn von Châtillon; jetzt war die Reihe,
gehangen zu werden, an ihm. Er hatte gebeichtet und sich bereit gemacht;
dennoch eilte man nicht mit ihm, denn der Landvogt hatte das Zeichen noch
nicht gegeben. Inzwischen bemühte sich Montenay, die Begnadigung des
greisen Vlaemen zu erlangen, aber van Gistel hatte auf diesen Klauwaert
einen besonderen Haß geworfen und gab vor, er sei einer der Rädelsführer
und habe sich der französischen Herrschaft am meisten widersetzt. Auf
Befehl des Landvogts redete er den alten Vlaemen folgendermaßen an:
»Ihr habt gesehen, wie Eure Genossen für ihre Widerspenstigkeit bestraft
worden sind. Gleich ihnen seid auch Ihr verurteilt; dennoch will der
Landvogt aus Ehrfurcht vor Euren grauen Haaren Gnade vor Recht ergehen
lassen. Er schenkt Euch das Leben unter der Bedingung, daß Ihr Euch fortan
wie ein ergebener Untertan Frankreichs unterwerft. Rettet Euch mit dem Ruf:
Heil Frankreich!«
Der Greis warf einen Blick voll Zorn und Verachtung auf den Abtrünnigen und
antwortete mit bitterem Lächeln:
»Wenn ich Euch gliche, würde ich das wohl rufen; ich tät's, wenn ich mein
weißes Haar durch eine niedere Tat besudeln könnte. Doch nein; ich verachte
Euch und trotze Euch bis in den Tod. -- Ihr, Verräter, gleicht der
Schlange, die im Eingeweide ihrer Mutter wühlt; denn Ihr liefert den
Fremden das Land aus, das Euch ernährt hat. Zittert! Ich habe noch Söhne,
die mich rächen werden, und Ihr, Ihr werdet nicht in Eurem Bette sterben!
Ihr wißt, daß ein Mensch in seiner letzten Stunde nicht lügen kann.«
Jan van Gistel erbleichte bei dieser feierlichen Verkündigung des Greises.
Fast bereute er seine Rache, und er versank in trübes Sinnen; ein Verräter
fürchtet den Tod gleich einem Racheboten des Herrn. Châtillon konnte an dem
Gesicht des Klauwaerts hinlänglich bemerken, daß er hartnäckig blieb.
»Nun, was sagt der Meuterer?« fragte er.
»Mein Herr,« antwortete Gistel, »er verhöhnt mich und verachtet Eure
Gnaden.«
»Hängt ihn!« befahl der Landvogt.
Der Söldner, der das Henkeramt versah, nahm den Greis beim Arm, und der
folgte ihm gehorsam bis zum Fuß der Leiter; es vergingen noch einige
Augenblicke, ehe die Schlinge um seinen Hals gelegt war. Er empfing den
letzten Segen des Priesters und setzte endlich seinen Fuß auf die Leiter,
um den Galgen zu besteigen. Aber plötzlich ging trotz der Wachen eine
ungestüme Bewegung durch das Volk. Vor einem unwiderstehlichen Drucke
taumelten einige gegen die Mauern der Häuser, andere wurden vorwärts
gestoßen, und ein Jüngling mit bloßen Armen drang durch die Menge bis auf
den Markt. Kaum war er aus der dichtgedrängten Volksmasse heraus, so
überschaute er mit wildem Blick den Markt, schnellte wie ein Pfeil vorwärts
und rief:
»Vater, Vater! Ihr sollt nicht sterben!«
Mit diesen Worten zückte er einen Dolch und stieß ihn bis an das Heft in
die Brust des Henkers. Der fiel mit einem Schmerzensschrei von der Leiter
und wälzte sich sterbend in seinem Blut. Inzwischen umfaßte der junge
Klauwaert seinen Vater, hob ihn vom Boden auf und lief mit seiner heiligen
Bürde ins Volk zurück. Die Franzosen hatten in regungsloser Erstarrung
diesen Auftritt mit angesehen, doch nur einen Augenblick. Châtillon riß sie
schnell aus ihrer Bestürzung. Ehe noch der Jüngling zehn Schritte weit
gelaufen war, hatten ihn mehr als zwanzig Söldner eingeholt. Er setzte
seinen Vater auf den Boden und drohte seinen Feinden mit dem noch
rauchenden Messer. Aber wohl fünfzig andere Vlaemen scharten sich um ihn,
so daß die Söldner zwischen sie dringen mußten, um ihn zu packen. Aber wie
groß wurde die Wut der Franzosen, als sie ihre zwanzig Gefährten einen nach
dem anderen niederfallen sahen! Jählings blinkten die Messer in den Händen
der umstehenden Klauwaerts, und die Söldner wurden unbarmherzig
niedergestoßen, wobei freilich auch mancher Vlaeme sein Leben ließ.
Nun stürzte sich die ganze Reiterei wütend auf das flüchtende Volk. Die
großen Schlachtschwerter trieben die Menge bald auseinander, und die Pferde
zerstampften die Widerspenstigen. Doch sie waren nicht ungerächt gestorben:
erschlagene Franzosen bildeten ihr Lager. Auch Vater und Sohn waren
geblieben, ein Degen hatte beide durchbohrt. Das Volk floh wie ein
reißender Strom mit ängstlichem Geschrei durch die Straßen hin. Alles eilte
nach seiner Wohnung. Türen und Fenster wurden geschlossen, und einige
Stunden später schien es, als hätte die Stadt keine Einwohner mehr.
Rasend vor Wut über den Tod ihrer Kameraden und von Natur zu
Gewalttätigkeiten geneigt, liefen die Söldner in Scharen durch die
menschenleeren Straßen und ließen sich die Häuser der Klauwaerts von den
Leliaerts bezeichnen. Sie schlugen Türen und Fenster in Stücke, raubten
Geld und Gut und zertrümmerten alles, was ihnen nicht kostbar genug oder zu
schwer war. Die weinenden Mädchen, die man in Kellern oder anderen
Verstecken auffand, wurden grausam mißhandelt. Männer, die ihre Frauen und
Schwestern verteidigen wollten, wurden bald von der rasenden Horde
überwunden und hingemordet. Hier und da lagen vor den Türen der
geplünderten Häuser verstümmelte Leichen zwischen zertrümmertem Hausrat.
Nichts als das wütende Geschrei der Söldner und das Jammern der
unglücklichen Frauen war zu hören. Lachend kamen die Plünderer aus den
verwüsteten Wohnungen, beladen mit geraubtem Gut, triefend von vlaemischem
Blute. Zogen einige von Mord und Raub gesättigt ab, so traten andere,
schlimmere an ihre Stelle, und so trieben die Franzosen Stunden um Stunden
dies schändliche Spiel. Alle Schandtaten, die nur ein zügelloser Feind
begehen kann, wurden durch sie ausgeführt. In der Wohnung Peter De Conincks
blieb kein Stück ganz; selbst die Mauern wären nicht stehen geblieben, wenn
die Plünderer nicht ihre Zeit zu anderen Missetaten gebraucht hätten. Eine
andere Rotte lief geradewegs zum Hause des Obmanns Breydel. In wenig
Augenblicken war die Tür eingestoßen, und zwanzig Söldner traten fluchend
in den Laden; sie trafen niemanden, obgleich sie alle Stuben durchsuchten.
Die Kassen wurden erbrochen, Geld und Gut geraubt und und alles in Trümmer
verwandelt. Während sie müde und ermattet mit boshafter Freude auf die
Schutthaufen starrten, kam einer ihrer Genossen die Treppe herab und
sprach:
»Ich habe auf dem Boden ein Geräusch gehört, sicher verbergen sich Vlaemen
unter dem Dach. Ich glaube, wir werden da noch bessere Beute finden, denn
sie haben gewiß ihr Geld mitgenommen.«
Die Söldner wandten sich hastig nach der Treppe. Jeder wollte zuerst
hinauf, aber die Stimme ihres Genossen hielt sie zurück.
»Wartet, wartet!« rief er, »ihr könnt nicht hinauf, die Bodenluke ist
wenigstens zehn Fuß hoch, und die Leiter haben sie aufgezogen; aber das hat
nichts zu sagen, ich habe eine Leiter im Hofe stehen sehen; ich gehe
schnell hin und hole sie.«
Er kam bald damit zurück und stieg mit seinen Genossen nach oben. Die
Leiter wurde unter die Luke gestellt und man versuchte, sie aufzuheben.
Aber das gelang nicht; ein starker Riegel hinderte sie.
»Schön!« rief einer von ihnen, während er ein schweres Stück Holz vom Boden
aufnahm, »da sie nicht gutwillig öffnen, wollen wir ein anderes Mittel
versuchen.«
Er schlug mit dem Holz gewaltig vor die Luke, doch sie blieb fest und
rührte sich nicht. Ein Wehelaut tönte vom Boden her, so schmerzlich, als ob
jemand sein Leben ausgehaucht hätte.
»Ha, ha,« riefen die Söldner, »sie liegen auf der Luke!«
»Wartet,« meinte ein anderer, »ich werde sie bald wegjagen; wollt ihr mir
etwas helfen?«
Nun nahmen sie einen schweren Balken, hoben ihn zusammen auf und stießen
ihn dann mit solcher Gewalt gegen die Luke, daß die Bretter davon
losbrachen und herabfielen. Mit tobendem Geschrei legten sie rasch die
Leiter an und stürmten alle nach oben. Hier blieben sie plötzlich stehen;
es schien, daß ihre Herzen weicher wurden, denn die Flüche erstarben auf
ihren Lippen, und sie blickten sich unschlüssig an. Im Hintergrund des
Bodens stand ein Knabe, nicht über vierzehn Jahre alt, mit einem
Schlachtbeil in der Hand; bleich vor Angst und bebend hielt er die Waffe
wider die Franzosen erhoben, ohne einen Laut von sich zu geben. Aus seinen
blauen Augen schossen Strahlen von Verzweiflung und Heldenmut. Er war
sichtlich von heftiger Bewegung ergriffen; denn die Muskeln seiner zarten
Wangen zogen sich zusammen und verliehen ihm einen furchtbaren Ausdruck. Er
glich im kleinen einer griechischen Statue. Hinter dem jungen Fleischer
knieten zwei Frauen: Eine alte Mutter mit gefalteten Händen und zum Himmel
erhobenen Augen, und eine zarte Jungfrau mit aufgelöstem Haar. Das
geängstigte Mägdelein hatte sein Gesicht in den Kleidern seiner Mutter
verborgen und hielt sie wie in Todesangst umschlungen. In dieser Haltung
saßen sie regungslos. Kein Seufzer, keine Klage kam über ihre Lippen.
Als sich die Söldner von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, nahten sie
sich den Unglücklichen ungestüm und ergingen sich in Scheltworten gegen
sie. Just wollten sie Hand an sie legen, denn das Kind flößte ihnen nicht
die mindeste Furcht ein. Aber wie packte sie der Zorn, als der junge
Fleischer den linken Fuß zurücksetzte und sein Beil verzweifelt schwang.
Sie stutzten, einen Augenblick wurden sie in ihren schändlichen Plänen
gehemmt. Dann wollte einer von ihnen das Kind durchbohren, aber der Knabe
wehrte den Degen ab und hieb mit verzweifelter Kraft seinem Feind in die
Schulter, so daß dieser wankend seinen Genossen in die Arme fiel. Als hätte
dieser Schlag des Kindes Kraft erschöpft, stürzte es rücklings zu Boden und
blieb regungslos neben den Frauen liegen.
Die Söldner hatten sich um ihren verwundeten Genossen versammelt, und
entkleideten ihn unter Rachegeschrei und Verwünschungen. Derweile weinte
die alte Frau in größter Angst und flehte um Gnade.
»O, ihr Herren!« rief sie und streckte die Arme aus, »habt doch Mitleid mit
uns Unglücklichen! Mordet uns nicht, um der Liebe des Herrn willen! Seht
doch meine Tränen und erbarmt euch unserer Leiden. Was nützt euch der Tod
von zwei wehrlosen Frauen?«
»Es ist die Mutter des Fleischers, der so viele Franzosen zu Male ermordet
hat,« rief einer der Söldner; »sie muß sterben!«
»O nein, nein, mein Herr!« erwiderte die alte Frau, »taucht eure Hände
nicht in mein Blut, ich bitte euch beim bitteren Leiden unseres Erlösers,
laßt uns das Leben! Nehmt alles, was wir besitzen.«
»Heraus mit eurem Geld!« rief eine Stimme.
Daraufhin ergriff die Frau ein Kästchen, das hinter ihr stand, und warf es
dem Söldner zu.
»Da, meine Herren,« sprach sie, »das ist alles, was uns in der Welt
geblieben ist, ich schenke es euch gern.«
Das Kästchen ging auf, und eine Menge Goldstücke und kostbares Geschmeide
rollte auf den Boden. Während die Söldner einander wegstießen, um die Beute
zu haschen, faßte einer das Mädchen beim Arm und schleifte es grausam über
die Erde.
»Mutter, o Mutter, hilf mir!« schluchzte die Jungfrau mit ersterbender
Stimme.
Aus Verzweiflung und Liebe zu ihrem Kinde wurde die Mutter zur rasenden
Furie; ihre Augen sanken tief in ihre Höhlen zurück und funkelten unter den
dichten Brauen wie bei den Wölfen; ihre Lippen bebten im Krampf und ließen
die Zähne sehen, als wäre die Mutter in diesem furchtbaren Augenblick von
der Wildheit einer Tigerin erfaßt. Wütend sprang sie auf den Söldner los,
schlang ihre Arme um seinen Kopf, packte ihn dann mit ihrer Hand wie mit
einer Klaue, preßte ihm die Nägel in das Gesicht und zerfleischte ihm die
Wangen, so daß ihm das Blut über das Kinn lief.
»Mein Kind!« schluchzte sie, »mein Kind, Bösewicht!«
Das Gesicht des Söldners verriet hinlänglich den unerträglichen Schmerz,
denn die Augen traten ihm aus dem Kopfe. Da er das Mägdelein nicht
loslassen wollte, setzte er der Mutter den Degen auf die Brust und
durchbohrte ihr grausam das Herz. Die unglückliche Frau ließ ihren Feind
los und lehnte sich wankend an das Dach. Blut lief über ihre Kleider, ihre
Augen erloschen, ihre Züge erstarben und ihre Hände griffen ins Freie wie
nach einer Stütze. Der Söldner riß das goldene Gehänge aus den Ohren des
jammernden Mägdeleins, zog ihr die Perlenschnur vom Hals, die Ringe vom
Finger. Dann ergriff er mit einem wilden Lachen seinen Degen, durchbohrte
sie, und rief dabei höhnisch der sterbenden Mutter zu:
»Ihr sollt die lange Reise zusammen machen können, vlaemische Brut!«
Die Mutter stieß noch einen Schmerzensschrei aus, stürzte nach vorn und
sank dann auf die Leiche ihres Kindes.
Das alles war in wenigen Augenblicken geschehen, so daß die anderen Söldner
noch immer die Juwelen zusammenrafften, als Mutter und Tochter schon die
Erde mit einer besseren Welt vertauscht hatten. Sobald die fremden
Plünderer alles nur einigermaßen Wertvolle geraubt hatten, verließen sie
das Haus und eilten weiter, um anderswo die gleiche Verwüstung anzurichten.
Die unglücklichen Bürger, die nunmehr aus ihren Wohnungen vertrieben waren
oder nicht darin zu bleiben wagten, irrten wie verloren in den Straßen
umher, und die Franzosen riefen ihnen Schmähworte nach. Wie mußte diese
Verzweiflung, diese Ohnmacht den vlaemischen Herzen nahe gehen! Wie bitter
und leidenschaftlich verwünschten sie alles, was französisch hieß!
Etwa um Mittag ritt eine große Reiterschar durch die Stadt, um die Söldner
wieder zusammenzurufen; denn Herr von Châtillon fand, daß Frankreichs Krone
nun hinlänglich gerächt war. Man ließ ausrufen, die Leichen sollten
begraben werden, und jeder möge nach seiner Wohnung zurückkehren. Einige
Klauwaerts waren in das Haus des Obmannes Breydel gegangen, hatten die
Leichen der beiden Frauen vom Boden geholt und brachten sie auf einer
Tragbahre nach dem Damm-Tor. Hier vollzog sich ein trauriges,
herzzerreißendes Schauspiel. Tausende weinender Frauen, jammernder Kinder
und schwacher Greise baten kniend, die Stadt verlassen zu dürfen; doch den
Söldnern war befohlen, die Tore geschlossen zu halten. Sie hörten auf kein
Flehen und beantworteten die Tränen der geängstigten Bürger mit bitterem
Hohn. Als diese lange Zeit vergebens gebeten hatten, kam eine der Frauen
auf den glücklichen Gedanken, den Wachen ihr Geschmeide zu geben. Viele
andere folgten dem Beispiel, und bald lagen ein großer Haufen von kostbaren
Halsschnüren, Schlössern, Ohrgehänge und anderem reichen Zierat vor dem
Tore. Die Söldner griffen gierig nach dem blinkenden Tande und versprachen,
die Tore zu öffnen, wenn man ihnen all diese Kostbarkeiten schenken würde.
Daraufhin warfen die Frauen hastig ihr Geld und Gut auf den Boden, und die
Tore wurden geöffnet. Frohes Jauchzen begrüßte die glückliche Befreiung.
Die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm, der Sohn stützte den Vater, und
so strömte alles durch das Tor. Die Männer, welche die Leichen der Mutter
und Schwester Jan Breydels trugen, folgten den anderen auf der Flucht, und
hinter ihnen schloß sich wieder das Tor.