Da sich die Stadt Brügge jetzt ganz in der Macht der Franzosen befand, so
begann Châtillon, ernstlich an die Erfüllung der Wünsche der Königin zu
denken. Sie hatte ihn angewiesen, die junge Machteld van Bethune nach
Frankreich zu schleppen. Daran schien ihn nichts zu hindern, weil seine
Kriegsknechte die Stadt besetzt hielten. Aber Gründe der Klugheit hielten
ihn vorerst davon zurück. Vor allem wollte er seine Macht in Brügge
befestigen, die Zünfte knechten, ein Kastell bauen[26]. Dann erst gedachte
er, die Tochter des Löwen von Flandern gefangenzunehmen und der Königin
auszuliefern.
[26] Man fing in der Tat mit dem Bau des Kastells dort an, wo
jetzt die Wassermühlen stehen; jedoch wurde er nicht vollendet.
Adolf van Nieuwland war beim Einzug der Franzosen um Machteld höchlichst
besorgt gewesen, da er sie jetzt schutzlos den Feinden preisgegeben
glaubte. De Conincks tägliche Besuche und seine ununterbrochene Wachsamkeit
vermochten ihn anfangs nicht zu beruhigen, und erst als die Franzosen
mehrere Wochen hindurch nichts Feindseliges unternommen hatten, begann er
anzunehmen, daß sie das Edelfräulein van Bethune vergessen hatten und ihr
kein Leid antun würden. Sein kräftiger Körper und die sorgfältige
Behandlung Meister Rogaerts hatten seine Wunden zur Heilung gebracht; er
bekam wieder Leben und Farbe, aber eine tiefe Traurigkeit lag noch auf
seinem Antlitz. Der unglückliche Ritter sah die Tochter seines Fürsten und
Wohltäters täglich bleicher werden, von trüben Gedanken gepeinigt siechte
Machteld matt und krank dahin, wie eine welkende Blume. Und er, der ihrer
aufopfernden Pflege das Leben verdankte, konnte ihr nicht helfen, sie nicht
trösten. Waren auch seine Worte noch so freundlich, sie vermochten nichts
bei dem gebeugten Mägdelein, das beständig um den Vater seufzte und weinte.
Noch keine Kunde hatte sie bisher von ihm erhalten, und sie sah sich für
immer von ihrer teuren Familie getrennt. Adolf suchte ihren Gram zu
verscheuchen; er dichtete Verse und Lieder für sie, spielte auf der Harfe
oder besang Robrechts Heldentaten; aber das alles beeinflußte die Stimmung
des Mädchens nicht, ihre düsteren Gedanken waren durch nichts zu bannen.
Sie war sanft, freundlich und dankbar, doch ohne Leben, ohne Empfindung
oder irgendeine Neigung; selbst ihr Falke trauerte einsam und vergessen.
Wenige Wochen nach seiner völligen Genesung wagte sich Adolf langsamen
Schrittes aus der Stadt und wandelte sinnend bei Sevecote[27] durch die
Felder. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und der Westen flammte in
leuchtenden Farben. Gesenkten Hauptes, von bitteren Gedanken erfüllt
schritt Adolf weiter, ohne auf den Weg zu achten. Eine Träne des Schmerzes
feuchtete sein Auge, und zuweilen hob ein Seufzer seine Brust. Tausenderlei
Mittel bedachte er, um das Los der jungen Machteld erträglicher zu
gestalten, doch seine Verzweiflung nahm nur zu, denn er fand keinen Trost
für sie. Er sah sie täglich weinen, immer mehr dahinsiechen, ohne daß man
ihr raten, helfen konnte. Für einen mutigen Ritter wie er, war das Gefühl
solcher Ohnmacht peinigend, und bisweilen knirschte er erbittert mit den
Zähnen -- aber was nützt das? Nur eines blieb ihm: Tränen des Schmerzes zu
weinen und von besseren Tagen zu träumen.
[27] Ein Weiler bei Brügge.
Schon weit ab von der Stadt setzte er sich, voll trüber Gedanken, am Rande
des Weges nieder. Er starrte zu Boden und hing seinen traurigen
Vorstellungen nach. Während er also schweren Herzens dasaß, kam ein Mann
des Weges. Er trug eine baumwollene Mönchskutte, daran eine weite Kapuze
die bis zum Rücken niederhing; ein Greisenbart wallte auf seine Brust
herab, und starke Wimpern überschatteten die schwarzen Augen; seine hohlen
Wangen waren gebräunt und die Stirn voll tiefer Falten.
Langsamen Schrittes, wie ein müder Reisender, nahte der Mönch mählich dem
Platze, wo sich Adolf niedergelassen hatte, und blieb plötzlich vor ihm
stehen. Freudige Überraschung belebte seine Züge; offenbar war ihm Adolf
wohlbekannt. Aber sein Gesicht wurde gleich wieder ernst und kalt, als
wollte er sich verstellen.
Adolf merkte erst jetzt die Anwesenheit des Mönches. Er stand auf und
begrüßte ihn mit höflichen Worten.
»Mein Herr,« erwiderte der Mönch, »ich bin von einer weiten Reise ermüdet,
Euer Sitz lockt auch mich zu ruhen. Bitte, laßt Euch durch mich nicht
stören.«
Er ließ sich auf den Rasen nieder und winkte Adolf, ihm nachzutun. Der nahm
voll Ehrfurcht, doch gern seinen vorigen Platz wieder ein und setzte sich
neben den Fremdling. Freilich erregte dessen Stimme seine Aufmerksamkeit:
es schien ihm, als hätte er sie schon öfters gehört. Doch er schlug sich
diesen Gedanken aus dem Sinne, weil er sich nicht erinnern konnte, wo er
diesen Priester gesehen hätte.
Der Mönch schaute den jungen Ritter eine Weile durchdringend an; dann
fragte er:
»Ich habe Flandern schon vor geraumer Zeit verlassen; deshalb hätte ich
gern von Euch gehört, was sich überhaupt in unserer Stadt Brügge zuträgt.«
»O mein Vater,« antwortete Adolf, »damit kann ich Euch gern dienen. In
unserer Stadt Brügge sieht es schlimm aus: die Franzosen haben sie
eingenommen.«
»Das scheint Euch nicht zu gefallen? Ich hörte aber doch, daß die meisten
Adligen ihren rechtmäßigen Grafen verleugnet und die Fremden liebevoll
empfangen haben.«
»Ach, das ist nur zu wahr! Der unglückliche Graf Gwijde ist von vielen
seiner Untertanen verlassen, und gar mancher hat seinen alten Ruhm
vergessen; aber nicht allen ist das vlaemische Blut in den Adern versiegt,
noch gibt es Herzen, die den Fremdlingen nicht gewogen sind.«
Bei diesen Worten leuchtete sichtliche Freude aus den Zügen des Mönches,
und er erwiderte:
»Eure Gefühle, Herr, sind löblich und meiner Achtung wert. Es freut mich
aufrichtig, einen edlen Menschen zu finden, in dem noch nicht alle Liebe zu
dem unglücklichen Landesherrn Gwijde erloschen ist. Gott lohne Euch Eure
Treue.«
»O mein Vater,« rief Adolf, »wäre es Euch vergönnt, meinem Herzen auf den
Grund zu schauen und zu fassen, welche Liebe ich für meinen unglücklichen
Herrn Gwijde und die Seinen hege! Ich schwöre Euch: der glücklichste
Augenblick meines Lebens wäre der, da ich den letzten Blutstropfen für ihn
dahingeben könnte.«
Der Mönch kannte das Menschenherz genügend, um fest an die Worte des jungen
Ritters und an seine innige Liebe zu dem gefangenen Gwijde zu glauben. Nach
kurzem Sinnen hub er an:
»Wenn ich Euch Gelegenheit gäbe, diesem Eide gemäß zu handeln, würdet Ihr
nicht zurücktreten, sondern als Mann allen Gefahren trotzen?«
»Bitte, Vater,« rief Adolf flehentlich, »bitte, zweifelt weder an meiner
Treue noch an meinem Mute. Sprecht rasch, Euer Schweigen drückt mich ...«
»So hört denn aufmerksam zu. Ich bin dem Hause Gwijde von Flandern ob
mancher Wohltat die größte Dankbarkeit schuldig; Liebe und Erkenntlichkeit,
wie ich sie stets für meinen gnädigen Fürsten hegte, trieben mich an, ihm
in seiner Bedrängnis beizustehen. Mit diesem Vorsatz verließ ich mein
Kloster und zog nach Frankreich. Dort ermöglichten mir Bitten, Geld und
mein geistlicher Stand, zu all den edlen Gefangenen Zutritt zu erlangen,
und so überbrachte ich dem Vater die Worte des Sohnes, dem Sohne den Segen
des Vaters. Im Kerker des Louvre habe ich mit der armen Philippa geseufzt
und geweint. Derart habe ich ihre Pein gelindert, ihre Einsamkeit für kurze
Zeit unterbrochen. Ganze Nächte hindurch bin ich gereist; oft wurde ich
verjagt, geschmäht und verhöhnt. Aber des achtete ich nicht, angesichts des
Glückes, meinem rechtmäßigen Fürsten in seiner Bedrängnis dienen zu können.
Die Tränen der Dankbarkeit, die bei meinem Kommen flossen, waren mir ein
Lohn, den alle Güter der Welt nicht aufwiegen können.«
»Seid gesegnet, edelmütiger Priester,« rief Adolf, »der Himmel wird es Euch
lohnen; aber sagt mir, ich bitte Euch, wie geht es Herrn van Bethune?«
»Er sitzt in einem Turme zu Bourges, im Lande Berry. Sein Los ist nicht zu
schlimm, denn er ist von Banden und Ketten frei. Sein Gefangenenwärter ist
ein alter Soldat, der im sizilischen Kriege mannhaft unter dem Banner des
schwarzen Löwen gefochten hat. So ist er eher Herrn Robrechts Freund als
sein Wächter.«
Adolf lauschte mit größter Aufmerksamkeit; mitunter wollte er seine Freude
in Worten künden, doch er hielt an sich. Der Mönch fuhr fort:
»Seine Gefangenschaft würde ihn weniger hart bedünken, wenn ihn nicht sein
Herz von hinnen zöge; er ist Vater und trübe Ahnungen quälen sein Herz.
Seine Tochter ist in Flandern geblieben, und er fürchtet, die tückische,
grausame Königin von Navarra wird auch dieses Kind verfolgen und schwere
Leiden über sie verhängen. Dieser schmerzliche Gedanke foltert den
zärtlichen Vater, und sein Kerker wird ihm unerträglich; bitterste
Verzweiflung durchtobt sein Herz, und jeder Tag seines Lebens gleicht den
Qualen einer verdammten Seele. Überlegt Euch nun, ob Ihr wirklich
entschlossen seid, Euer Leben für den Löwen, Euren Herrn, zu wagen. Der
Kastellan von Bourges will ihn gegen Ehrenwort für einige Zeit in Freiheit
setzen, falls ein treuer, opferbereiter Untertan sich aus Liebe zu ihm an
seiner Statt einkerkern lassen will.«
Der junge Ritter warf sich vor dem Priester nieder und küßte ihm
ehrfürchtig die Hand.
»O selig die Stunde!« rief er, »da ich Machteld diesen Trost verschaffen
kann. Sie soll ihren Vater sehen, o Gott! und ich soll diese heilige
Sendung vollbringen? Wie pocht mein Herz so froh! Der glücklichste Mensch
auf Erden sitzt zu Euren Füßen, ehrwürdiger Priester! Wißt Ihr, in welche
Seligkeit, in welch reine Freude mich Eure Worte stürzen? Ja, dankbar will
ich die Ketten wie einen kostbaren Schmuck entgegennehmen. Nichts soll mir
über diese eisernen Fesseln gehen! O Machteld, Machteld! Könnten dir doch
die Lüfte diese Freudenbotschaft künden.«
Der Mönch unterbrach die Begeisterung des Ritters nicht und stand auf;
langsam schritt Adolf hinter ihm her, der Stadt zu.
»Mein Herr,« begann jener schließlich, »Eure edlen Gefühle erfüllen mich
mit berechtigter Bewunderung. Wohl zweifle ich nicht an Eurem Mute; aber
habt Ihr auch bedacht, welchen Gefahren Ihr Euch aussetzt? Wenn die List
entdeckt würde, müßtet Ihr Euer Opfer mit dem Leben büßen.«
»Ein vlaemischer Ritter fürchtet den Tod nicht,« entgegnete Adolf, »nichts
kann mich schrecken. Wenn Ihr wüßtet, wie ich seit sechs Monden Tag und
Nacht mein Gehirn martere, nach einer Gelegenheit suche, um für das Haus
Flandern mein Leben zu wagen, -- Ihr würdet mir nicht von Furcht und Gefahr
reden. Noch eben, da ich trostlos am Wege saß, bat ich um eine göttliche
Eingebung, und durch Euch hat Gott zu mir gesprochen.«
»Wir müssen noch heute nacht fort von hier, damit man nicht hinter unser
Geheimnis kommt.«
»Je eher, je lieber! Denn meine Gedanken weilen schon in Bourges bei dem
Löwen von Flandern, meinem Herrn und Fürsten.«
»Ihr seid jung, Herr Ritter; aber sonst gleichen Eure Gesichtszüge wohl
denen von Herrn Robrecht; nur im Alter seid Ihr gar verschieden. Dies soll
uns jedoch nicht hindern; denn meine Kunst wird Euch schnell die fehlenden
Jahre verleihen.«
»Was wollt Ihr damit sagen, Vater? Könnt Ihr mich älter machen, als ich
bin?«
»O nein. Aber ich kann Euer Gesicht so verändern, daß Ihr Euch selbst nicht
wiederkennen sollt. Dazu verwende ich Kräuter, deren Wirkungen ich kenne;
denkt aber nicht, daß ich gottlosen Künsten fröhne. Doch nun sind wir ja
dicht bei der Stadt: könnt Ihr mir sagen, wo ein gewisser Adolf van
Nieuwland wohnt?«
»Adolf van Nieuwland?« rief der Ritter, »der bin ich ja, mit dem Ihr
sprecht!«
Der Priester schien baß verwundert. Er blieb mitten auf dem Wege stehen und
blickte den Junker mit geheucheltem Staunen an.
»Wie, Ihr seid Adolf van Nieuwland? Dann ist also Machteld van Bethune in
Eurer Wohnung!«
»Diese Ehre ist meinem Haus zuteil geworden,« antwortete Adolf. »Eure
Ankunft wird sie höchlich freuen. Fast kommt der Trost zu spät, den Ihr
bringt; denn trauernd siecht sie dahin, als ob sie sterben wollte.«
»Hier, diesen Brief von ihrem Vater könnt Ihr Machteld geben; denn ich
merke wohl, daß es Euch glücklich machen wird, ihr Trost zu bringen.«
Dabei holte er unter der Kutte ein Pergament hervor, das mit einem seidenen
Faden und durch Siegel verschlossen war und übergab es dem Ritter. Der
beschaute es schweigend in höchster Erregung. Seine Vorstellung trug ihn
schon zu Machteld, und er spürte die eigne Freude an des Mägdeleins
Glückseligkeit. Nunmehr ging ihm der Mönch viel zu langsam; er war immer
etwas voraus, denn Ungeduld beflügelte seine Schritte. Als sie in der Stadt
bei Adolfs Wohnung angelangt waren, betrachtete der Mönch das Haus, als
wollte er es sich einprägen, und sprach:
»Gott mit Euch! Herr van Nieuwland! Heute abend, vielleicht ziemlich spät,
komme ich wieder zu Euch. Richtet derweile Euer Gepäck.«
»Wollt Ihr nicht mit mir zu der Jungfrau gehen? Ihr seid so ermüdet: nehmt
bitte mit meiner Wohnung vorlieb.«
»Ich danke Euch, Herr; meine Priesterpflichten machen mich anderen Orts
nötig. Gegen zehn Uhr treffe ich Euch wieder. Gott nehme Euch in seinen
Schutz!«
Damit verließ er den erstaunten Ritter und ging in die Wollstraße, wo er in
De Conincks Hause verschwand. Voller Freude über dies unerwartete Glück,
das ihm wie ein goldener Traum erschien, pochte Adolf mit heißer Ungeduld
an seine Tür. Der Brief des Herrn van Bethune brannte ihm in der Hand, und
als der Diener ihm öffnete, stürmte er ungestüm ins Haus.
»Wo ist Machteld? Wo ist Fräulein Machteld?« fragte er hastig.
»Im Saale an der Straße,« entgegnete der Diener.
Der Ritter flog die Treppe hinan und öffnete stürmisch die Tür des Saales.
»O edle Machteld,« rief er, »trocknet Eure Tränen. Nun lacht sonnige
Freude, denn unser Unglück ist vorbei!«
Die junge Gräfin saß beim Eintritt Adolfs traurig am Fenster. Sie
betrachtete den aufgeregten Junker mit Zweifel und Unglauben.
»Was sagt Ihr?« rief sie endlich, stand auf und setzte ihren Falken rasch
auf den Stuhl, »unser Unglück ist vorbei?«
»Ja, edle Frau, nun harret Euer ein besseres Los. Hier ist ein
glückbringendes Schreiben -- sagt Euer Herz Euch nicht, von welcher teuren
Hand?«
Ehe er noch ausgesprochen hatte, lief Machteld in höchster Aufregung auf
ihn zu und riß ihm den Brief aus den Händen. Ungewöhnte Glut färbte ihre
Wangen mit flammendem Rot, und Freudentränen entströmten ihren Augen. Sie
erbrach das gräfliche Siegel und las den Brief dreimal, ehe sie irgendein
Wort zu verstehen schien -- ach nein, sie verstand ihn nur zu wohl, das
unglückliche Mägdelein. Unaufhaltsam flossen ihre Tränen, aber es war nicht
mehr Freude; herber Schmerz entlockte ihr diese Zähren.
»Herr Adolf,« rief sie schmerzbewegt, »Eure Freude zerreißt mir das Herz.
Unser Unglück ist vorbei, sagt Ihr? Da -- leset selbst und beweint mit mir
meinen unglücklichen Vater.«
Der Ritter ergriff den Brief aus Machtelds Hand und begann ihn gesenkten
Hauptes zu lesen. Anfangs glaubte er, der Priester habe ihn betrogen und
als Boten einer schrecklichen Nachricht gebraucht; als er aber den ganzen
Inhalt des Schreibens kannte, schwand sein Argwohn. Einige Augenblicke sann
er schweigend über seine unvorsichtigen Worte nach. Als ihn Machteld so
bekümmert sah, bereute sie innerlich den Vorwurf, den sie ihm gemacht
hatte; sie trat zu dem traurigen Junker und sagte freundlich:
»Vergebt mir, Herr Adolf. Seid nicht traurig und glaubt nicht, daß ich Euch
gram bin, weil Ihr mir zu viel Glück verheißen habt. Ich weiß, wie glühend
Ihr auf das Wohl eines armen Mägdeleins bedacht seid. Seid überzeugt,
Adolf, daß ich für Eure edelmütige Aufopferung nicht undankbar bin.«
»Edle Machteld,« rief er, »ein großes Glück kann ich Euch verheißen. Nein,
meine Freude ist nicht dahin. Den Inhalt des Briefes kannte ich; aber der
war nicht der Grund meiner Freude. Trocknet Eure Tränen, Machteld; ich
wiederhole Euch, grämt Euch nicht mehr, denn bald werdet Ihr lange an Eures
Vaters Brust ruhen können.«
»O, welches Glück,« schluchzte Machteld, »sollte es wahr werden? Sollte ich
meinen Vater sehen und sprechen? Aber warum quält Ihr mich, Herr Adolf?
Weshalb klärt Ihr mir dies Rätsel nicht auf? Sprecht doch, damit meine
Zweifel schwinden.«
Ein flüchtiger Schatten verdüsterte die heiteren Züge des Junkers. Er hätte
Machtelden die geforderte Erklärung so gern gegeben, aber seine edle Seele
duldete nicht, von den eigenen Verdiensten zu sprechen. Mit hörbarer
Betrübnis erwiderte er:
»Vergebt es mir, bitte, edle Jungfrau, wenn ich schweige. Seid gewiß, daß
Ihr Euren Durchlauchtigen Vater sehen werdet, daß er seine teure Tochter
auf dem Boden der Heimat sprechen und umarmen wird; aber mehr darf ich Euch
nicht sagen.«
Die junge Gräfin gab sich damit nicht zufrieden. Zweierlei drängte sie,
dies Rätsel zu lösen: weibliche Neugier und die noch haftenden Zweifel. In
sichtlichem Ärger preßte sie die Lippen aufeinander und sagte schließlich:
»Ach, Herr Adolf, enthüllt mir doch, was Ihr mir verbergen wollt; haltet
mich nicht für so unbesonnen, daß ich es zu meinem eigenen Schaden
preisgeben würde.«
»Ich darf, ich kann nicht.«
»Es würde mich doch so froh machen, Herr Adolf. Nun also glaube ich Euren
Worten nicht. Ihr raubt mir die Freude, die ich erlebt hätte. Sagt mir es
doch.«
»Ich bitte Euch, verschont mich, edles Fräulein, ich kann nicht.«
Bei jedem Wort des Ritters wuchs die Neugierde Machtelds. Immer wieder
fragte sie ihn nach dem Geheimnis, -- vergebens. Endlich packte sie die
Ungeduld: als alle Bitten nichts nützten, begann sie aus Ärger wie ein Kind
zu weinen. Beim Anblick ihrer Tränen entschloß er sich endlich, ihr alles
zu sagen, mochte ihm auch das Eingeständnis der eigenen Aufopferung noch so
viel kosten. Machteld las in seinen Zügen ihren Sieg und nahte ihm in
froher Erwartung, während er also zu ihr sprach:
»Hört denn, Machteld, wie wundersam ich den Brief und die frohe Nachricht
erhielt. In tiefem Sinnen saß ich bei Sevecote und flehte in glühendem
Gebet die Gnade des Himmels auf meinen unglücklichen Landesherrn herab. Wie
groß war mein Staunen, als ich plötzlich einen Priester vor mir stehen sah!
Sofort dachte ich, mein Gebet sei erhört und dieser Mann werde mir Trost
bringen -- und so war es auch; denn aus seiner Hand empfing ich den Brief,
aus seinem Mund vernahm ich die Kunde: Euer Vater kann sein Gefängnis auf
einige Tage verlassen, aber ein anderer Ritter muß die Ketten für ihn
tragen.«
»Welche Freude!« rief Machteld aus, »ich werde ihn sehen und sprechen. O
mein Vater, mein teurer Vater! Wie dürstet meine Seele nach Eurer Umarmung!
Adolf, Ihr macht mich überglücklich; Eure Worte tun so wohl! Aber wer wird
die Stelle meines Vaters einnehmen wollen?«
»Der Mann ist schon gefunden,« gab der Ritter zur Antwort.
»Der Segen des Himmels komme über ihn!« rief die Jungfrau. »Welch Edelmut,
meinen Vater solcherart zu befreien, mir das Leben wiederzugeben! O, stets
werde ich diesen Mann lieben, allzeit ihm dankbar sein; er verdient noch
mehr. Aber wer ist denn dieser edelmütige Ritter?«
Adolf ließ sich auf ein Knie vor der Jungfrau nieder und rief:
»Wer anders als Euer Diener Adolf, o edle Tochter des Löwen, meines
Herrn!«
Machteld blickte den Jüngling voll inniger Rührung an, hob ihn vom Boden
auf und sprach:
»Adolf, mein guter Bruder, wie kann ich Euch je Eure Hingabe lohnen? O, ich
weiß, was Ihr alles getan habt, um mein Schicksal zu erleichtern. Es ist
mir nicht entgangen: auf mein Wohlergehen war Euer ganzes Leben gerichtet.
Nun wollt Ihr gar die Ketten meines Vaters auf Euch nehmen und geht
vielleicht in den Tod, um mir einen glücklichen Augenblick zu schaffen. Ich
unfrohes, trauriges Ding habe das nicht verdient.«
Seltsam feurig erglänzten die Augen des Ritters. Begeistert rief er:
»Fließt nicht das Blut meiner Grafen in Euren Adern, edle Frau? Seid Ihr
nicht der teure Sproß des Löwen, des Fürsten, der meines Vaterlandes Ruhm
verkörpert? Nie, niemals kann ich ihm seine Wohltaten vergelten; mein Blut,
mein Leben habe ich Eurem Durchlauchtigen Hause geweiht. Alles, was der
Löwe liebt, ist mir heilig!«
Während Machteld ihn bewundernd anschaute, meldete ein Diener den Priester,
und dieser wurde auf Adolfs Geheiß in den Saal geführt.
»Seid gegrüßt, durchlauchtige Tochter des Löwen, unseres Herrn,« sprach er
mit ehrerbietiger Verneigung, während er die Kappe seiner Kutte zurückwarf.
Machteld betrachtete forschend den Mönch und strengte ihr Gedächtnis an, um
sich seines Namens zu entsinnen; denn seine Stimme griff ihr tief ins Herz.
Plötzlich nahm sie seine Hand; ihre Augen glänzten vor Freude, und sie rief
leidenschaftlich bewegt:
»O Gott! Der Herzensfreund meines Vaters -- Herr Dietrich! Ich glaubte,
alle außer Herrn van Nieuwland hätten uns verlassen. Nun sei dem Himmel
Dank, er hat mir einen zweiten Beschützer gesandt! Und ich -- ich wagte
Euch in Gedanken der Untreue zu beschuldigen! Vergebt meinem bekümmerten
Herzen diesen Irrtum, Herr Dietrich.«
Dietrich war ganz verdutzt, daß seine Kunst von einem Frauenauge
durchschaut worden war. Ärgerlich legte er seinen Bart ab und erschien nun
der Jungfrau in kenntlicherer Gestalt. Adolf erging sich in Danksagungen
und drückte ihm mit inniger Freundschaft die Hand. Dann wandte sich
Dietrich zu Machteld und sprach:
»Fürwahr, edles Fräulein, ich muß gestehen, Ihr habt ein scharfes Auge.
Jetzt freilich heißt es wieder natürlich sprechen. Und doch wäre ich lieber
unerkannt geblieben; denn die Maske, die Ihr durchschaut habt, ist für das
Wohl meines Gebieters, des Löwen, unentbehrlich. Ich bitte Euch deshalb,
nennt bei niemandem meinen Namen, das könnte mir das Leben kosten. Euer
Antlitz, edle Jungfrau, trägt die Spuren Eures langen, tiefen Schmerzes;
aber die sollen nicht dauern, wenn sich unsere Hoffnungen verwirklichen.
Sollte sich jedoch die Gefangenschaft Eures Vaters gegen all' unsere
Hoffnung länger hinziehen, so gebietet Euch die Religion, auf die
Gerechtigkeit des Herrn zu vertrauen. Ich habe Herrn van Bethune gesehen
und gesprochen. Sein Los ist durch das Wohlwollen des Kastellans
erleichtert, und er ersucht Euch, seinetwegen nicht zu weinen.«
»Erzählt mir doch, was er Euch gesagt hat, Herr Dietrich. Beschreibt mir
seinen Kerker, sein Leben. Nur seinen teuren Namen zu hören, tut meinem
Herzen schon wohl.«
Dietrich der Fuchs begann eine eingehende Beschreibung des Turmes von
Bourges und erzählte dem Mägdelein alles, was er wußte. Mit der größten
Bereitwilligkeit beantwortete er jede kleinste Frage und tröstete sie durch
erheuchelte Fröhlichkeit.
Inzwischen war Adolf aus dem Saal gegangen, um mit seiner Schwester Maria
seine Reise zu besprechen und anzuordnen, daß man hierzu sein Pferd und
seine Waffen instand setzte. Auch hatte er durch einen treuen Diener De
Coninck und Breydel benachrichtigt und aufgefordert, über die junge Gräfin
zu wachen. Das war freilich unnötig, da Dietrich der Fuchs schon mit
geheimen Befehlen beim Weber gewesen war. Sobald Adolf zurückkam, erhob
sich Dietrich von dem Sessel und sprach:
»Herr van Nieuwland, ich kann nicht länger bleiben. Geduldet Euch nun,
bitte, nur ein wenig, damit ich Eurem Gesicht das nötige Alter verleihe.
Fürchtet nicht, daß es Euch irgendwie schaden könnte, und laßt mich gleich
beginnen.«
Der Ritter setzte sich vor Dietrich auf einen Sessel und lehnte sein Haupt
zurück. Machteld, die dies alles nicht begreifen konnte, stand verwundert
neben ihnen. Neugierig verfolgte sie, wie Dietrichs Finger auf Adolfs
Gesicht zahlreiche graue Flecken und schwarze Linien zeichneten. Bei jedem
Strich erstaunte das Mägdelein mehr; denn die Züge des Ritters veränderten
sich und erinnerten an die ihres Vaters. Beim Anblick dieser Wunder pochte
der Jungfrau Herz gar ungestüm. Als dann alle Linien recht dastanden,
befeuchtete Dietrich Adolfs Wangen und Stirn mit einem bläulichen Wasser
und ersuchte ihn, aufzustehen.
»Wir sind fertig,« sagte er, »Ihr gleicht Herrn van Bethune, als ob ihr
beide Kinder desselben Vaters wäret. Und hätte ich Euch nicht selbst so
umgestaltet, ich würde Euch mit dem Namen des durchlauchtigsten Löwen
begrüßen. Ja, glaubt es mir, ich empfinde wirklich Ehrfurcht vor Eurem
neuen Gesicht.«
Die junge Machteld stand sprachlos und wie von Sinnen vor Adolf. Sie konnte
sich nicht sattsehen und betrachtete abwechselnd die beiden Ritter, wie man
nach der Erklärung eines unbegreiflichen Vorganges fragt. Adolf glich Herrn
van Bethune so genau, daß sie hätte glauben können, ihr Vater stände
wirklich vor ihr.
»Herr van Nieuwland,« sagte Dietrich der Fuchs, »wenn Ihr Euer edles
Vorhaben glücklich ausführen wollt, so ist es ratsam, daß wir schleunigst
abreisen. Wenn Euch ein Feind oder ungetreuer Diener so erblickt, dann
schwebt Ihr in der größten Gefahr, Euer Leben nutzlos aufs Spiel zu
setzen.«
Adolf sah ein, daß er die Wahrheit sprach.
»Lebt wohl, edle Jungfrau,« rief er, »lebt wohl und denkt zuweilen an Euren
Diener Adolf.«
Sie schluckte die Tränen herunter, die schon in ihren Augen glänzten, und
löste ihren grünen Schleier.
»Hier,« sprach sie, »empfanget das aus den Händen Eurer dankbaren
Schwester. Er mag Euch an mich erinnern, die Eure edle Tat nie vergessen
wird. Es ist meine Lieblingsfarbe.«
Der Ritter sank auf ein Knie, als er dies Pfand empfing, und drückte es mit
dankbarem Blick an seine Lippen.
»O Machteld!« rief er, »ich habe diese Gunst nicht verdient. Möchte
dereinst der Augenblick kommen, da ich mein Blut für das Haus von Flandern
vergießen kann: dann werde ich mich Eurer Freundschaft und Güte würdig
zeigen.«
»Es ist Zeit; bitte, unterbrecht Eure Danksagungen,« bemerkte Dietrich.
»Lebt wohl, Machteld!«
»Lebt wohl, Adolf!«
Und der Ritter verließ rasch den Saal. Im Vorhof schwangen er und Dietrich
sich in den Sattel; einige Augenblicke später hallten die einsamen Straßen
der Stadt von dem Tritt zweier Pferde wieder, bis sie unter dem Genter Tor
verschwanden.