»Ich sollte Philippa wieder hergeben!« fiel sie ihm ins Wort. »Aber
Majestät, überlegt Ihr denn nicht, was Ihr da sagt? Sie vermählt sich dann
mit dem Sohne Eduards von England, und Euer eigenes Kind wird um diese
Hoffnung betrogen. Nein, um keinen Preis! Ihr könnt Euch drauf verlassen;
das wird niemals geschehen. Außerdem ist Philippa ja meine Gefangene, und
es wird Euch nicht gelingen, sie mir zu entreißen!«
»Aber, Madame,« rief Philipp aus, »da irrt Ihr Euch nun doch! Vergeßt auch
nicht, daß mir Eure hochmütigen Worte sehr mißfallen, und daß ich Euch
meinen Unwillen fühlen lassen kann, sobald es mir beliebt. Mein Wille ist
zugleich der Wille Eures Fürsten.«
»Und Ihr wollt Flandern dem trotzigen Gwijde wiedergeben? Ihr wollt es ihm
möglich machen, Euch nochmals den Krieg zu erklären? Diese Unklugheit soll
Euch noch teuer zu stehen kommen! Ich werde mich, da ich jetzt gesehen
habe, wie wenig Ihr mich achtet, mit Philippa in mein Königreich Navarra
zurückziehen!«
Diese letzten Worte trafen den König hart. Navarra war der wertvollste Teil
Frankreichs, und er hätte es nicht gern entbehrt. Da Johanna diese Drohung
schon mehrmals ausgesprochen hatte, fürchtete er, sie könnte sie endlich
verwirklichen. Nach einigem Bedenken sagte er:
»Ihr regt Euch unnütz auf, Madame. Wie könnt Ihr behaupten, daß ich
Flandern zurückgeben wollte? Ich habe in dieser Angelegenheit noch gar
keinen Entschluß gefaßt!«
»Eure Worte waren deutlich genug,« antwortete Johanna. »Aber wie dem auch
sei, ich erkläre Euch: verwerft Ihr meinen Rat, so verlasse ich Euch; denn
ich mag die Folgen Eurer Unvorsichtigkeit nicht tragen. Der Krieg gegen
Flandern hat des Reiches Schatzkammern erschöpft, und nun wollt Ihr die
Meuterer in Gnaden aufnehmen, da Ihr doch in der Lage seid, Euch wieder
alles Nötige zu beschaffen! Nie hat unsere Geldlage schlechter dagestanden!
Das kann Euch Herr von Marigny beweisen.«
Bei diesen Worten trat Enguerrand von Marigny vor den König.
»Sire, es ist unmöglich, die Soldaten noch weiter zu löhnen,« sagte er;
»das Volk will die Lasten nicht mehr aufbringen. Der Obmann der Pariser
Kaufleute hat den Zuschuß verweigert, und bald vermag ich die Ausgaben des
königlichen Hauses nicht mehr zu bestreiten. Auch die Münzen dürfen nicht
weiter entwertet werden. Flandern allein kann uns retten. Die Zollbeamten,
die ich dahin geschickt habe, treiben die Gelder ein, die uns aus dieser
Verlegenheit erretten sollen. Bedenket, Sire, welch großem Unheil Ihr Euch
aussetzt.«
»Ist denn alles Geld bereits dahin, das dem dritten Stande auferlegt
wurde?« fragte der König mißgestimmt.
»Sire,« antwortete Enguerrand, »die Gelder, welche die Zollpächter von
Paris Eurer Majestät geliehen hatten, habe ich Etienne Barbette
zurückerstattet. Im Reichsschatz blieb nichts oder doch nur sehr wenig.«
Die Königin merkte voll Freude, wie sehr diese Nachricht den König
erschütterte. Ihr dünkte, nun würde das Urteil über Gwijde unschwer zu
erlangen sein. Listig trat sie zu ihrem Gemahl und sprach:
»Ihr sehet wohl, Sire, wie vorteilhaft mein Rat für Euch ist. Wie könnt Ihr
Frankreichs Heil aus den Augen lassen, um Aufrührer zu begünstigen? Sie
haben Euch und mich verhöhnt, unsern Feinden geholfen und es gewagt, unsern
Befehlen zu trotzen. Der Besitz des Goldes macht sie stolz und aufgeblasen.
Nichts ist leichter, als sie dieses überflüssigen Geldes zu entledigen; sie
sollten Eure königliche Hand küssen, die ihnen das Leben läßt, denn
allesamt haben sie den Tod verdient.«
»Aber Herr von Marigny,« fragte der König, »findet Ihr denn gar keine
Möglichkeit, noch für einige Zeit die Ausgaben des Reiches aufzubringen?
Denn ich glaube nicht, daß die Gelder aus Flandern so bald kommen werden.
Dieser Zustand bringt mich in die größte Verlegenheit.«
»Keine, Sire, wir haben schon zu viel versucht.« Johanna mischte sich ein:
»Wenn Ihr meinem Rate folgen und mit Gwijde verfahren wollt, wie ich's
begehre, so werde ich eine außerordentliche Steuer in meinem Königreiche
Navarra erheben, und für lange Zeit werden wir dann dieser lästigen Sorgen
enthoben sein.«
Mochte nun Schwäche oder Geldgier den König bestimmen, jedenfalls gab er
Johannas Drängen nach, und so ward ihr der alte Gwijde ausgeliefert. Das
arglistige Weib beschloß, den Grafen von Flandern den Fußfall tun zu
lassen; doch in sein Vaterland sollte er nicht mehr zurückkehren.