6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.

An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das

Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus

bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung

der Würde, die ihm bestimmt ist.

Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten

Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in

die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches

auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze

messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung

hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.

So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem

Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt

etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die

Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung,

in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und

führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«:

diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.

Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur

über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm

durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen.=_ Die Zebedaiden

vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben,

mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu

empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_).

Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle

zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei

hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu

Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine

bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch

das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten?

Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er

sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott

beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung führt, wenn er auch

_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das

Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu

Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen:

in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche

Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird.

7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der

Perspektive.

Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches

offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber

nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein

Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten

war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich

damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den

Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der

Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis

Jesu.=_

Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf _=eine=_ Thatsache:

Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der

Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der

Schrift vorherbestimmt.

Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und

kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das

Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der

Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem

zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat.

Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und

Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke,

den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte

Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis,

dass er für sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das

Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber

konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne

geleistet habe.

In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen«

waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität

Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie

die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen

Verkündigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung

hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar,

denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an

_=Jesus-Christus=_ Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen

daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf

RITSCHL jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den

Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz

andern Voraussetzung ausgehen.

Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so

erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten

Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen

aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen

Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes

hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen

Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines

Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche

Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die

»Sündenvergebung«?

Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die

Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die

_=notwendige Verkümmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum

_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des

Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten.

Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken

Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch

der richtige.

Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und

der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie

verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des

Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die

Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den

Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch

welches sie versittlicht wurde, fällt weg. _=So ist die urchristliche

Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«.=_ Dadurch sinkt sie

wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich

ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv

auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab

gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in

Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Täufers Zeit=_.

Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu

Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen

mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die

Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen

die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der

zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis

war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen

gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der

gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch

die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch

»christlich«, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis

des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.

Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen

auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede

als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive

der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus

von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes

reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu

dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade

aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis

auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der

Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische

Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen

nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.

Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,

obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich

abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung

hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit

dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere

ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht

worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel

getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,

wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang

geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise

eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur

vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt

war.=_

Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden

nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung,

in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche

Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die

Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse

Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie.

Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen

Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das

Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_,

auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im

Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.

Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine

machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem

Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs.

Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie

sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich

gekommen sind.

Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht

hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken

röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt

sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne

selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit

von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien

die Persönlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der

vormessianischen Aera.

In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht,

steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht

an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und

versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich

spiegelt, auflöst. _=Die aufgehende Sonne über dem Horizont=_, so

erschien »_=Jesus Christus=_« der urchristlichen Gemeinde in ihrer

eschatologischen Erwartung.

_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts

von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit,

die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht

erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen,

als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem

Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist

wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse

Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie

aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen,

thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot

malen wollten.

In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und

fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit

Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in

welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint,

unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, _=seine

Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_

und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.

Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und

Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein

Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen übertrug

man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig

klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig

verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus

Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung

erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine übermenschliche

Persönlichkeit aus einem Guss.=_

So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und

psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum

wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine

Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als

»Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen.

Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle

Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar

in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch

modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste

durchdrungen hat.

Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: _=er ist

wirklich eine überirdische Persönlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet

er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich

wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht,

_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist

ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie

belebte und verklärte=_.

Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren

geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende

kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum

Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die

Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie

hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit

Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in

welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form

mit seinem Tod zerstört.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu

dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf.

Als Jesus verschieden war, sagte _=der römische Hauptmann=_, »wahrlich,

dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 _-39-_). So wird seine

Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle

Nationen und für alle Weltanschauungen.

Zehntes Kapitel.

Abriss des Lebens Jesu.

Das »_=Leben Jesu=_« beschränkt sich auf die letzten Monate seines

Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu

Ostern des folgenden Jahres.

Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach _=Wochen=_. Die erste Periode

reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die

Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte

er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern.

Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die

Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen

Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung

statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen,

dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich

nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken,

_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt=_. Er sei ein

Prophet: das war die allgemeine Meinung.

Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im

Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis

seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum

Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine

Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest,

dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine

Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene

Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der

Enddrangsal bewähren und läutern müsse.

_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein

selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der

vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt.=_ Irdische Ereignisse

konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand

er über der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen

wandelte.

Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe.

Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen

bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht,

darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue

Aeon anbricht.

Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und

dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes

hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: _=denn nur

die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist höher als

die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten

weissagten bis Johannes: _=mit dem Täufer aber befindet man sich in der

Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_.

Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit

verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid

tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen,

die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig,

weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_.

Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches

Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in

Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft

gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf

übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich

Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die

überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die

Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen

Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.

In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach

es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur

war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal

gestellt.=_

Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der

altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur

auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird.

In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher

Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um

_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische

Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_

Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte

Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der

Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit

ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn,

denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu

Ende geht.

Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des

Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht

zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an.

Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über

einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran

denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei

der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die

unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.

Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die

vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein,

mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der

Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die

Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich

dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis

zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird

darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.

So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit

den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen

verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die

Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren

Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir

ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat,

beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er

ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein

wird: ihre Seligkeit hängt davon ab.

Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewährung=_ auch noch eine

_=Sühne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von

den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon

verlangt. _=Aber er ist allmächtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er

über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin

einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist

auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht

nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.

Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem

Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name

geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel,

dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und

die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt

entreisst.

Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er

hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin,

Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von

dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn

Städte und eine Reise nach Nazareth.

Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben.

Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren

ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder

beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet

nichts gilt in seinem Vaterlande.

So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche.

Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des

Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die

Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle

Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte

er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth -- denn es war

Erntezeit.=_

Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner

machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der

Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie

sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn

aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers,

den er verkündigt hatte, da sei.

Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn

er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm

solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden

hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man

ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben.

Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »_=Die Zeit ist sehr

vorgeschritten=_« -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem

die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet

in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter

vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit

hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das

Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. _=Der Frager selbst ist der

Elias, wenn sie es begreifen mögen.=_

Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der

Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt

auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder

that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder

sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der

Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht.

So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede

über den Täufer« ab.

Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des

Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und

berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für

ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch

für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen

war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er

hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie

ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.

Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit

den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs

des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die

Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich

zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen

Strand, wo sie gelandet.

Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse,

damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn

ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht

zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und

hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige

Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die

Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie

damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.

Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht,

ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig

Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber.

Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von

Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück

und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt

im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck

der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine

überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die

sie zur Landung ankämpften.

Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich

zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu

verleugnen in der Erniedrigung.

Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er

einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart.

Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei

der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde.

Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen

müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede

über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie

ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen,

dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie

keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher

Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will

es die Schrift.

Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus.

Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese _=erste=_

eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle

Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das

Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische

Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade

diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne

Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in

der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in

einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.

Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich.

Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits

die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen.

In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der

eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen

Verständnis des Lebens Jesu. _=Während den jerusalemitischen Tagen

kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_

Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug

nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung.

Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des

galiläischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der

berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in

unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.=_

Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den

Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es

schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches

Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei

messianische Thatsachen ins Klare kommen.

_=Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe

die messianische Zeit angebrochen?=_

_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens

da sind?=_

In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf

_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in

Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein

Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern

frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben,

Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit

gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit

anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten.

So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten,

bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm

diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor

allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er

hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, _=da ganz Israel sich dort

versammelte=_.

Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf.

Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten

gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte.

Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei

Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus

sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn

bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm

bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum

Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach

Jerusalem.

Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung

auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei

Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart

zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo

Gott redet.

Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem

Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie

zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also

geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen

sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten

sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den

Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie

sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.

Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse.

Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im

Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die

Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben

in dienender Hingabe eine Sühne leisten.

Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche

Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge

auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines

blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der

grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte.

Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem,

welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie

ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt

das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen

Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge

umdrängt.

Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,

bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die

zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde

verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht?

bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder

nicht?

Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es

geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für

die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur

Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit

gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins

an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die

Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch

die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische

Menschennatur=_ abgethan!

Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei

Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken,

dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich

ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt.

_=In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?=_ Wenn sie es wüssten,

dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber

geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde

des Reiches geschlagen hat.

_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids

Herr, also über ihm?=_ Wenn sie das erklären könnten, dann verständen

sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes

hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.

So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise

_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde

Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich

zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum

Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher

Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins

Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!=_

Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge

behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt

hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb

»nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint.

Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so

wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin

brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über

den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_

Jetzt war er verurteilt.

In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften

Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt

das Reich.=_ Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des

messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der

letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und

Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm

zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische

Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich

vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das

Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der

Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe

in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb

den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte

ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_.

Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse

Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal

für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in

der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -- und er braucht sie nicht

zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher

Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung

will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit

vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im

Todesgang gefolgt sind.

Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn

auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe

uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in

seiner Allmacht möge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorübergehen

lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn

zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich

vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm

zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor

sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er

weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen

wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner

Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer

und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen,

er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen.

Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist

gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse

auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.

Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten,

stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität.

»_=Ich bin's=_«, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo

er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln,

erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode

verurteilt.

Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er

laut auf und verschied.

Nachwort.

Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens Jesu können

sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder

litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mögen

sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die

Gestalt Jesu in ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele

zu führen.=_

Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und

unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht

und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige

Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre

entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert,

indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen

gedachte.

Wir müssen dazu zurückkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu

empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, die

in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und

Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trägt=_,

in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen

verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem

Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_.

Anmerkungen des Bearbeiters:

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 64 / 67 题