Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_

gewidmet

in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit

von seinem dankbaren Schüler

=Albert Schweitzer.=

Vorrede.

Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang,

sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich

notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon

früher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft.

Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich _=bis zum Eintritt

des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt

keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen

Tod für notwendig hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend

ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen,

einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben

Jesu _=nach rückwärts und nach vorwärts=_ zu begreifen. Wenn wir den

Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass

wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die

Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein

unmöglich machen?

Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde

eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es

lässt sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_

angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst für den

Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen

scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde

beigelegt=_. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich rätselhaft.

Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, dass er wirkt,

als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, dass seine Würde

und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=öffentlichen Thätigkeit zu

thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jüngern

erst, nachdem seine öffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu

Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und

ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive

der Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert

haben sollen, erklärt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten

auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jünger und das Volk zur

Erkenntnis seiner Messianität hat erziehen wollen?=_

Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die

Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten habe, das »Leben Jesu«

zu erklären vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem

Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag

banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie

versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen

Auffassung der Messianität emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so

aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging

damals ein tiefreligiöser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus

beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?=_

Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den Messias

gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum

Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit ist es

sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner

Messianität nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des

Messiasgeheimnisses an die Zwölf und das Bekenntnis vor dem

Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch

zu erklären. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt

dann überhaupt noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung

bestehen=_?

Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht für

den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den christlichen

Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist für uns

nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem

messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine

Persönlichkeit aus der Reihe anderer Verkündiger der religiösen

Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich

selbst=_ nun nicht für den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um

ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem

_=»Werturteil« der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_!

Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der

man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nämlich die bisherige

»historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins Jesu falsch

ist, weil sie die Geschichte nicht erklärt=_. Geschichtlich ist nur

diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich

für den Messias halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses

sein Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit auf das

messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu

gezwungen war, die messianische Würde seiner Person zu verschweigen!

Warum war seine Messianität Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklären heisst

das Leben Jesu begreifen.

Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue

Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem löst,

das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. Ich veröffentliche die

neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des

Werkes über das Abendmahl gehört. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik

ihrer Grundzüge über manche Punkte des exegetischen Details noch zu

grösserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in

einem ausgearbeiteten »Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.

_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der

Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich

jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter

mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium

steckt, als der erste Blick vermuten liesse.

Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu

von grosser Bedeutung. _=Danach wird nämlich die Komposition der

Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der

man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die

Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer

sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so

gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und

Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto,

sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft

geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die

damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der

evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue

Auffassung des Lebens Jesu.

Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven

Stellungnahme=_ den Berichten gegenüber, _=sondern sie ist

herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die

urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die

Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage

ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden.

_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die

Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem

Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem

Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass

er die _=Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet

und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«=_ hat. Denn

das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent

gegenüber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben

nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine

Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man

dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem

Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den

Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens

Jesu gab es überhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch

nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen

Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer

Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und

uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem

Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische

Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung

des Lebens Jesu=_ führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen

Thätigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass

dieser Prozess sie hätte _=berühren können=_. Das _=vierte Evangelium=_

bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der

synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die

Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern=_. Der Unterschied

zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade

darin, dass das erstere ein »_=Leben Jesu=_« bietet, während die

Synoptiker von seiner _=öffentlichen Wirksamkeit berichten=_.

Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen

Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die

deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während

der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine

unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung

beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei

sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf

die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher

anzunehmen geneigt war=_.

_=Strassburg=_, im August 1901.

Inhaltsangabe des zweiten Heftes.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 6 / 67 题