Kurze Gegend mit Felsen und Bäumen.
Die drei Wladiken kommen, vor ihnen der Knabe mit dem Kissen.
Domaslav. Setz nur das Kissen ab, dort leg es hin,
Indes wir uns beraten was zu tun.
(Der Knabe setzt das Kissen auf ein niedres Felsstück links im Vorgrunde
und geht.--Domaslav dem Knaben nachblickend.)
Mir dünkt ich sehe Spott in seinen Augen.
Biwoy (der sich rechts im Vorgrunde zur Erde niedergeworfen hat, mit
seinem Schwerte spielend).
Hat er nicht recht und sind wir nicht genarrt?
Lapak (im Hintergrunde, die Hände auf dem Rücken, auf und ab gehend).
Das frägt sich noch!
Biwoy. Ei ja, dann klügle du!
Domaslav (der links im Vorgrunde auf das Felsenstück gestützt, unverwandt
die Kette betrachtet)
Wer mir die Kette teilt--
Biwoy. Allein--Wie heißt's?
Lapak (unwillig hervorsprechend).
Allein sie teilt mit keinem dieser Erde.
(Er geht wieder auf und nieder.)
Biwoy. Sie teilt, allein mit niemand. Guter Schwank!
(Aufstehend.)
Ich hab es satt. Ich sag euch, es ist Unsinn.
Der Widerspruch, ja die Unmöglichkeit
Geknüpft in Reimwerk um uns zu verspotten,
Und uns zu bannen fern von ihrem Hof,
Weil sie uns scheut und unsre Nähe fürchtet.
Wenn nicht der Sinn von Rätsel und von Kette
In jener Knechtschaft liegt, die uns ihr Vater
Vor Jahren auferlegt, und die sein Sprößling
Mit zarten Händen gern verdoppeln möchte.
Drum ist mein Rat: Geh' jeder auf sein Schloß;
Du Lapak, du bist weise, Domaslav
Bist reich, hast Diener, Schreiber, die dir helfen
Um auszuklügeln was vielleicht der Sinn.
Ich bin ein Mann des Schwerts. Gebt mir das Kleinod,
Ich will es hüten, daß, gelingt die Lösung,
Nicht einer ernte wo gesät für drei,
Und sich allein das Ziel der Werbung eigne.
Domaslav. Das darf nicht sein!
Biwoy (die Hand am Schwert).
Es darf nicht?
Lapak. Nein und nein!
Biwoy. So laßt das Los denn zwischen uns entscheiden.
Wir werden doch nicht wie die Blinden wandeln
Uns wechselseits umklammernd mit den Händen?
Geführt von jenem Gold als unserm Auge
Und jenem Knaben--Ruft den Knaben her!
Er soll entscheiden, werfen uns das Los.
Domaslav. Damit er rückgekehrt, am Hof Libussas
Uns ihren Weibern schildre zum Gespött?
Biwoy. Da hast du recht!
Lapak. Dort geht ein Wandersmann,
Des Weges scheint's hierher. Er kennt uns nicht;
Sei unser Los sein unbestochnes Wort.
(Da Biwoy sich nach der bezeichneten Seite wendet.)
Tritt du nicht vor! Des Menschen Sinn ist rasch,
Zuerst gesehn ist ihm zuerst gekannt.
Er soll uns gleich, mit einem Male schaun.
(Sie ziehen sich zurück.)
(Primislaus tritt im Vorgrunde von der linken Seite auf.)
Primislaus. Sowie der Wolf rings um die Herde kreist,
Halb Hunger und halb Furcht, schleich ich im stillen
Her um das Haus, das jene Hohe birgt.
Und in der Brust trag ich das reiche Bild,
Das sie mir gab, vielmehr: das ich mir nahm,
So daß, wenn's hier zur linken Seite pocht,
Ich unterscheide kaum, ob es mein Herz,
Ob es ihr Kleinod was so mächtig stürmt;
Und beide drängen hin zu ihrer Herrin.
Doch nah ich ihr, rückstattend meinen Raub,
Lohnt sie mit Gold die Tat, die mich beglückt,
Und bleib ich fern, so deckt ein schnell Vergessen
Was sie kaum weiß mehr und nur hier noch lebt.
Ich sah dort einen Knaben ihres Hauses,
Gekleidet in die Farben seines Diensts,
Vielleicht kann ich ein Wort versteckter Mahnung,
Rückrufender Erinnrung ihm vertraun,
Daß sie gedenkt des Vorfalls jener Nacht.
(Indem er sich nach rückwärts wendet, treten die drei Wladiken vor.)
Lapak. Erschrick nicht, fremder Mann!
Primislaus. Erschrak ich denn?
Domaslav. Du kennst nicht uns, wir dich nicht.
Primislaus. Also scheint's.
Lapak. Zum Schiedsmann bist du demnach wie erlesen.
Primislaus. Was ist zu scheiden und was ist getrennt?
Lapak. Etwa die Kette hier.
Primislaus (für sich).
Libussas Kette.
Domaslav. Sie gab uns eine hohe Frau.
Primislaus. Libussa!
Lapak. So weißt du--?
Primislaus.--Nichts, als nur, daß es die ihre.
Domaslav. So sag denn kurz, wie kurz ist unsre Frage:
Wes von uns dreien soll das Kleinod sein?
Primislaus. Ich bin kein Mann des Zufalls und des Glücks,
Zumal wo's Richterspruch gilt und Entscheidung.
Wollt ihr den nähern Sinn mir nicht vertraun,
So bleibt mit Gott, ich ziehe meines Wegs.
Lapak. Soll ich?
Biwoy. Tu's immerhin, der Mann scheint klug,
Vielleicht verhilft er etwa uns zur Lösung.
Domaslav. Nun also denn: Wir drei, die du hier siehst,
Sind mächtige Wladiken dieses Landes,
Als mächtig eben, stark und reich, berufen
Zu werben um der Fürstin hohe Hand.
Als heute nun wir solcher Absicht nahten,
Gab uns die Fürstin dieses Halsgeschmeid
Und sprach dazu--Wie heißt's?
Primislaus. Laßt mich es hören.
Lapak (lesend).
Wer mir die Kette teilt--
Biwoy. Doch teilt mit keinem.
Es klingt wie Wahnsinn.
Primislaus. Jedes Wort, ich bitte.
Lapak (lesend).
Wer mir die Kette teilt,
Allein sie teilt mit keinem dieser Erde--
(Während die Wladiken neben Lapak stehen und in die Schrift blicken, hat
Primislaus die Kette ergriffen, die hakenförmigen Glieder getrennt und
rasch wieder zusammengefügt.--Lapak fortfahrend.)
Vielmehr sie teilt auf daß sie ganz erst werde;
Domaslav (lesend).
Hinzufügt was, indem man es verlor,
Das Kleinod teurer machte denn zuvor--
(Bei diesen Worten fährt Primislaus schnell nach der linken Seite der
Brust, wo er das Kleinod verborgen.)
Biwoy (ebenfalls lesend).
Er mag sich stellen zu Libussas Wahl;
Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl.
Primislaus. Ich will zu ihr!
Domaslav. Was ficht Euch an? Ihr geht?
Primislaus. Das Rätsel ist gelöst.
Lapak. Wie nur?
Primislaus.--Es schien so,
Doch decket neue Nacht das kaum Erhellte.
Sie sprach's zu euch als Werbern ihrer Hand?
Domaslav. So war's.
Primislaus (von ihnen wegtretend).
Und überließ dem Zufall denn
Ob sie des Rätsels Lösung dennoch fänden?
Und der es fand, er war ja ihr Gemahl!
Fahr hin, mein Glück, dein Flug war allzurasch!
Doch blieb ein Stachel, scheint's, in ihrer Brust.
Laß mich's versuchen denn: ich drück ihn fester,
Ob ihn die Zeit vertieft, ob sie ihn heilt.
(Laut.)
Nun denn: ob des das Kleinod oder jenes
Ist nicht die Frage, scheint's, zu dieser Zeit,
Nicht einen wollte sie vorerst bezeichnen,
Ihr alle sollt zur Werbung euch berecht'gen,
Den einen wird bestimmen ihre Wahl
Weshalb, da sie zu »teilen« euch gebot
Und »mitzuteilen« doch so streng verpönte,
Sie in Gesamtbesitz euch wünscht zugleich:
Gemeinsam haben heißt als Freunde teilen
Gebt acht, ob ich die Wahrheit näher treffe.
Fürst Krokus gab der Töchter Dreizahl, jeder,
Der Mutter Bild umringt von edlen Steinen
In Gürtelspangen künstlich eingefügt;
Die Spangen sie sind hier, das Bildnis fehlt.
Wie sie's verlor, die Fürstin, wer kann's wissen?
Doch daß es fehlt, und damals schon gefehlt,
Als jene Fraun um Böhmens Krone losten,
Sagt das Gerücht in jedes Mannes Mund;
Wie auch, daß durch den Abgang jenes Bildes
Bezeichnet ward als Herzogin Libussa,
Und in der Tat »durch das was man verlor,
Das Kleinod reicher wurde als zuvor«
Denn es trug ein der Böhmen Herzogskrone.
Domaslav. Mir deucht, der Mann hat recht.
Lapak. Mir scheint's nicht minder.
Biwoy. So hätten wir das Rätsel denn!
Primislaus. Das Wort,
Allein die Sache nicht. Sie will das Bildnis.
»Hinzufügt was, indem man es verlor«
Und wie es weiter heißt. Sie will die Sache.
Biwoy. Allein wie finden wir die Sache nun?
Primislaus. Ein Mittel wär' vielleicht. Was gebt ihr dem,
Der euch das Bildnis schafft nach dem ihr strebt?
Lapak (leise zu ihm).
Ein Kornmaß Silber, bringt er's heimlich mir.
Domaslav (ebenso).
Mein Schloß in Kresnagrund, wird's mir zuteil.
Biwoy (laut).
Werd' ich der Böhmen Herzog, all mein Eigen.
Primislaus. Das ist versprochen viel, gegeben wenig.
Erkenntlichkeit ist ein gar schwankend Ding.
Wer zielt, drückt das Geschoß an Brust und Wange,
Doch wenn er traf, wirft er's verächtlich hin.
Die Kette hier ist Gold, und Gold genug
Hat Böhmens Fürstin, habt ihr Herren auch;
Mir wär's ein reicher Schatz. Gebt mir die Kette,
So schaff ich euch das Bild.
Lapak. Nicht so, nicht also.
Biwoy. Wir wollen beides, Bild und Kette.
Domaslav. Ja.
Primislaus. Wer auf den Markt geht, der steckt Geld zu sich.
Für nichts ist nichts. Und somit Gott befohlen!
Domaslav. So habt Ihr selbst das Bild?
(Leise zu den übrigen.)
Wir sind zu drei'n,
Vielleicht daß mit Gewalt--
Primislaus. Wer's nun besitzt!
Der Ort der es verbirgt ist mir bekannt,
Und wer mich schädigt bringt sich um den Schatz.
(Die Hand an ein dolchartiges Messer in seinem Gürtel gelegt.)
Nebstdem daß ich nicht wehrlos, wie ihr seht.
Domaslav. Es sei darum! Doch was soll dir die Kette?
Primislaus. Vielleicht als Zeichen dessen was geschah,
Als Bürgschaft auch vielleicht für euern Dank;
Denn--wiederum vielleicht--geb ich sie später
Für einen Lohn der höher als sie selbst.
Biwoy. Der Handel ist geschlossen. Nun das Bild!
Primislaus (mit Erwartung erregenden Gebärden gegen die auf dem Kissen
liegende Kette gewendet).
Wohl denn, ihr Herrn, betrachtet mir das Kissen.
Die Klugheit gilt gar oft als Zauberkraft,
Und ist's auch oft.--Ihr seht--O weh, es fiel!
(Während die Augen der Wladiken auf das Kissen gerichtet sind, hat er
das Bild aus der Brust gezogen und in die linke Hand genommen. Jetzt
stößt er, die Kette mit der rechten Hand fassend, das Kissen von dem
Felsstück herab, so daß es nach rückwärts fällt, und gleichzeitig läßt
er das Bild in derselben Richtung fallen.)
Und hier das Bild.
Domaslav. Es ist's.
Lapak. Ich sah's zuerst.
Domaslav. Ich hab's zuerst ergriffen.
Biwoy. Nun, und ich?
Man wird mir meinen Teil doch nicht bestreiten?
Domaslav. Doch ob's das rechte nun?
Biwoy. Ja wohl, laßt sehn!
(Sie stehen seitwärts gewendet, das Bild betrachtend, das sie sich
wechselweise aus der Hand nehmen.)
Primislaus (die Kette in den Busen steckend).
Ich nehme meinen Lohn, der mir ein Zeichen
So gut wie jenes andre. Und Libussa
Sie wird erinnert. Hoffnung bleibt wie vor.
(Er entfernt sich nach der linken Seite.)
Domaslav (das Bild in der Hand haltend).
Hier steht es: Krokus hier.
Lapak. Und hier Libussa.
(Sie wenden sich um.)
Wo aber blieb der Mann?
Domaslav. Und wo die Kette?
(Ans Schwert greifend.)
Verräterei!
Biwoy. Verräter? Und warum?
Der Handel ward geschlossen: ihm die Kette
Und uns das Bild. Er ist in seinem Recht.
Wir haben was wir suchten. Laßt uns heim;
Libussa muß nun wählen unter uns,
Die sie verbannt, vielleicht für immer glaubte.
Und sucht sie Ausflucht etwa weiter noch,
Bleibt uns das Schwert.
Lapak. Und was selbst Schwache schützt:
Vereinigung.
Biwoy. Recht gut, fühlt ihr euch schwach,
Ich nicht.--Du Knabe dort, komm nur herbei
(der Knabe kommt vom Hintergrunde links)
Nimm jenes Kissen auf. Und lach nicht wieder,
Wie du vorerst getan.
(Das Bild auf das Kissen legend.)
Hier ist das Rätsel,
Das auch die Lösung ist. Nun lachen wir.
Es soll sich manches ändern hier im Land
Und auch in euerm Haus, geliebt's den Göttern.
Der Fürstin Weisheit ehr ich; doch ein Mann,
Es hat doch andern Schick!
Die beiden. Ja wohl!
Biwoy (sich mit einem verächtlichen Blick von ihnen wendend und dem
Knaben folgend).
Nur vorwärts!
(Die beiden andern, hinter ihm hergehend, reichen sich die Hände, indem
sie ihr Mißtrauen gegen ihn und ihr Einverständnis durch Gebärden ausdrücken.)
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