Erstes Buch: Die Geschichte einer Familie
Seite
I. Kap. Fedor Pawlowitsch Karamasoff 1
II. „ Der erste Sohn 7
III. „ Die zweite Frau und deren Kinder 12
IV. „ Der dritte Sohn Aljoscha 23
V. „ Die Startzen 38
Zweites Buch: Die unschickliche Versammlung
I. Kap. Die Ankunft im Kloster 55
II. „ Der alte Narr 64
III. „ Die gläubigen Weiber 80
IV. „ Die kleingläubige Dame 94
V. „ Und es geschehe also 108
VI. „ Wozu lebt solch ein Mensch? 125
VII. „ Der Seminarist und Streber 144
VIII. „ Der Skandal 160
Drittes Buch: Die Wollüstlinge
I. Kap. In der Bedientenstube 176
II. „ Lisaweta Ssmerdjäschtschaja 186
III. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Versen 193
IV. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Prosa 208
V. „ Die Beichte des heißen Herzens. „Kopfüber hinab“ 222
VI. „ Ssmerdjäkoff 237
VII. „ Die Kontroverse 247
VIII. „ Beim Gläschen 257
IX. „ Die Wollüstlinge 271
X. „ Beide zusammen 281
XI. „ Noch ein verlorener Ruf 301
Viertes Buch: Ausbrüche
I. Kap. Pater Ferapont 316
II. „ Beim Vater 335
III. „ Die kleinen Schuljungen 344
IV. „ Bei Chochlakoffs 352
V. „ Im Empfangssalon 364
VI. „ In der Stube 385
VII. „ Und in frischer Luft 400
Fünftes Buch: Pro und Contra
I. Kap. Das Verlöbnis 420
II. „ Ssmerdjäkoff mit der Gitarre 440
III. „ Die beiden Brüder 452
IV. „ „Empörung“ 470
V. „ „Der Großinquisitor“ 492
VI. „ Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch 532
VII. „ „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein 553
Vergnügen“
Sechstes Buch: Ein russischer Mönch
I. Kap. Der Staretz Sossima und seine Gäste 569
II. „ Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott
verschiedenen Priestereinsiedlermönches, des
Staretz Sossima, zusammengestellt nach dessen
eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch
Karamasoff. Biographische Aufzeichnungen
a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima 577
b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz 584
Sossima
c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den 594
Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen
Lebens. Das Duell
d) Der geheimnisvolle Gast 607
III. „ Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz
Sossima
e) Einiges über den russischen Mönch und seine 630
Bedeutung
f) Einiges über Herren und Diener: Kann es 635
zwischen Herr und Diener eine geistige
Bruderschaft geben?
g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung 642
mit anderen Welten
h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom 647
Glauben bis ans Ende
i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. Eine 651
mystische Betrachtung
Siebentes Buch: Aljoscha
I. Kap. Der Verwesungsgeruch 656
II. „ Solch ein Augenblick 678
III. „ Das Zwiebelchen 688
IV. „ Die Hochzeit zu Kana in Galiläa 722
Achtes Buch: Mitjä
I. Kap. Kusjma Ssamssonoff 731
II. „ Ljägawyj 750
III. „ Die Goldgruben 763
IV. „ In der Dunkelheit 784
V. „ Der plötzliche Entschluß 795
VI. „ „Ich fahre!“ 825
VII. „ Der Erste und Unbestrittene 840
VIII. „ Rausch 871
Neuntes Buch: Die Voruntersuchung
I. Kap. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin 897
II. „ Der Alarm 910
III. „ Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste 922
Purgatorium
IV. „ Zweites Purgatorium 939
V. „ Das dritte Purgatorium 954
VI. „ Der Staatsanwalt 976
VII. „ Mitjäs großes Geheimnis 991
VIII. „ Die Aussagen der Zeugen. „Das Kindichen“ 1014
IX. „ Wie Mitjä fortgeführt wurde 1032
Zehntes Buch: Die Knaben
I. Kap. Koljä Krassotkin 1041
II. „ Die Gören 1051
III. Kap. Die Schüler 1062
IV. „ Shutschka 1077
V. „ An Iljuschas Bettchen 1092
VI. „ Frühe Entwicklung 1122
VII. „ Iljuscha 1135
Elftes Buch: Iwan Fedorowitsch
I. Kap. Bei Gruschenka 1143
II. „ Das kranke Füßchen 1162
III. „ Das Teufelchen 1182
IV. „ Die Hymne und das Geheimnis 1194
V. „ „Nicht du, nicht du!“ 1221
VI. „ Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff 1233
VII. „ Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff 1252
VIII. „ Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff 1271
IX. „ Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb 1303
X. „ „Das hat Er gesagt!“ 1341
Zwölftes Buch: Der Justizirrtum
I. Kap. Der verhängnisvolle Tag 1352
II. „ Die gefährlichen Zeugen 1366
III. „ Die ärztliche Expertise und die Geschichte von 1383
dem einen Pfund Nüsse
IV. „ Das Glück lächelt Mitjä 1393
V. „ Die Katastrophe 1410
VI. „ Die Rede des Staatsanwalts: Die Charakteristik 1428
VII. „ Der Überblick 1448
VIII. „ Über Ssmerdjäkoff 1459
IX. „ Der Schluß der Rede des Staatsanwalts: Der Gipfel 1479
der Psychologie. Die jagende Troika
X. „ Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei 1503
Enden
XI. „ Kein Geld. Keine Beraubung 1512
XII. „ Und kein Mord 1524
XIII. Kap. Der Übertreter des Gebots 1539
XIV. „ Das Urteil der Bauern 1555
Epilog
I. Kap. Pläne zu Mitjäs Rettung 1569
II. „ Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit 1579
III. „ Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein 1595
Zur Einführung.
Bemerkungen über Dostojewski
Zwanzig Jahre haben wir nach dem Tode Dostojewskis gebraucht, um zu
begreifen, daß wir heute keine zufällige „Degeneration“, keinen
zeitweiligen „Niedergang“, keine, wie man meint, aus dem Westen
herübergebrachte Dekadenz, sondern das lange vorbereitete, natürliche
und notwendige Ende der russischen Literatur erleben. Furchtbar ist es
uns, das einzugestehen. Vielleicht aber liegt in diesem Furchtbaren
zugleich auch Freudiges für uns, vielleicht ist die russische Literatur,
so groß sie auch sein mag, doch noch kleiner als das russische Leben?
Vielleicht ist das Ende der russischen Literatur d. h. unserer großen
russischen Anschauungsweise, der Anfang zu der großen russischen Tat?
Erst jetzt, da die russische Literatur ihr Ende erreicht hat, oder
wenigstens ein vollkommen bestimmter, unwiederholbarer Kreis ihrer
Entwicklung sich abschließt, erst jetzt fangen wir an zu verstehen, was
eigentlich von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren des XIX.
Jahrhunderts in Rußland vor sich gegangen ist, von Puschkins „Onégin“
bis zu „Anna Karenina“ und den „Brüdern Karamasoff“. Um in der
Weltkultur etwas dieser plötzlichen Offenbarung, oder richtiger, etwas
diesem Ausbruch geistiger Kräfte Ähnliches zu finden, müßte man zur
Entwicklung der griechischen Tragödie von Äschylos’ „Prometheus“ bis zu
Euripides’ „Alkestis“ oder zur Geschichte der Malerei der italienischen
Renaissance zurückgreifen.
Acht Jahrhunderte lang, seit dem Anfang Rußlands bis zu Peter, schliefen
wir; in dem Jahrhundert von Peter bis Puschkin begannen wir zu erwachen;
und dann, in dem halben Jahrhundert von Puschkin bis Tolstoj und
Dostojewski, durchlebten wir nach dem plötzlichen Erwachen, das erfolgt
war, drei ganze Jahrtausende der westeuropäischen Menschheit. Der Atem
vergeht einem von dieser Schnelligkeit des Erwachens, die der
Schnelligkeit eines Steinfluges in den Abgrund gleichkommt. L. Tolstoj
und Dostojewski – diese beiden Gipfel der russischen Kultur – wurden vom
ersten Strahl der furchtbaren Sonne erleuchtet, wie bis jetzt noch kein
einziger aller Gipfel der westeuropäischen Kultur erleuchtet worden ist.
Diese furchtbare Sonne aber, das ist der Gedanke an das Ende der
Weltgeschichte.
Ich fühle die mir drohende Gefahr, das Heiligste lächerlich zu machen,
denn für die Kinder dieses Jahrhunderts, für die Menschen der ewigen
Mittelmäßigkeit, des endlosen „Fortschritts“, der Weiterentwicklung der
Welt, gibt es nichts Lächerlicheres, Dümmeres, Unwahrscheinlicheres,
Beleidigenderes als diesen Hauptgedanken des ganzen Christentums – der
Gedanke an das Ende der Welt. Doch ich beruhige mich damit, daß mich
jetzt ja doch niemand oder so gut wie niemand hören wird: meine Worte,
die uns wie Donnergetöse betäuben, werden den „Menschen dieses
Jahrhunderts“ kaum vernehmbares Geflüster scheinen.
„Allem ist das Ende nahe,“ „Kinder, es ist die letzte Stunde,“
wiederholte vor dem Tode der hundertjährige Greis, der geliebte Jünger
des Herrn, der an Seinem Herzen geruht und das Geheimnis dieses Herzens
gehört hatte – Johannes, „der Sohn der Gewitter“. Ja, je näher wir dem
Herzen des Herrn sind, um so verständiger wird dieser sein geheimer
Gedanke – der Gedanke an das Ende.
Fast zwei Jahrtausende sind seit der Zeit vergangen, als dieses Wort
gesagt ward: „Das Ende der Welt ist nahe“ – das Ende aber kommt nicht.
„Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter
entschlafen sind, bleibt alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen
ist“ (Zw. Sendschr. Petri III, 4). Und gerade jetzt glauben die Menschen
mehr denn je, daß es ein Ende überhaupt nicht geben werde, daß eher
seine Worte vergehen werden, als Himmel und Erde. Doch selbst wenn die
Zentripetalkraft unseres Planeten noch für ganze zwei Jahrtausende
ausreichte – für zwei Augenblicke vor dem Angesicht des Ewigen – was hat
das zu sagen? Ist es doch unmöglich, daß wir das _nicht_ sehen, was wir
erblickt haben.
Gleich denen, die, auf einer Höhe stehend, über die Köpfe der Menschen
hinweg das ihnen Nahende erblicken, während dieses der unter ihnen
stehenden Masse vorläufig noch unsichtbar ist, haben wir, über alle
kommenden Jahrhunderte und möglichen geschichtlichen Ereignisse hinweg,
das Ende der Weltgeschichte erblickt.
Das Anzeichen unserer neuen Annäherung an Christus ist dieser plötzlich
zu gleicher Zeit auf allen äußersten, höchsten Punkten des
Menschengeistes aufdämmernde Gedanke an das Ende. „Der Mensch ist etwas,
das überwunden werden muß,“ also spricht Zarathustra-Nietzsche. „Das
Menschengeschlecht muß erlöschen“ – stimmt L. Tolstoj Nietzsche bei.
„Das Ende der Welt kommt,“ gibt auch Dostojewski zu.
Alle drei haben sie sich auf diese für die zeitgenössischen Menschen des
unendlichen „Fortschritts“ lächerlichste und unwahrscheinlichste, für
uns furchtbarste und glaubwürdigste Prophezeiung gleichsam verschworen:
„Das Ende ist nahe“.
Nicht umsonst stimmt das, was auf den höchsten Gipfeln der russischen
und universalen Kultur aufgedämmert ist, mit dem überein, was in dem
tiefsten Elemente des russischen Volkes vor sich geht: nicht umsonst hat
in den letzten drei Jahrhunderten gerade das russische Volk so
hartnäckig und unablässig wie kein einziges der anderen westeuropäischen
Völker über das Ende der Welt nachgedacht.
Wir sind „Dekadente“, obgleich auch unsere „Dekadenz“ vielleicht etwas
Verwandtes, Volkliches, Russisches ist – das nicht von außen, sondern
von innen kommt, nicht aus Westeuropa, sondern aus der Tiefe, aus dem
blutverwandtesten Mutterschoß der russischen Erde (ist denn Dostojewski
vom Gesichtspunkte des klassischen, akademischen Puschkin nicht
„dekadenter“ als wir alle?); vielleicht ist auch unsere „Dekadenz“
gleichfalls etwas Historisch-Natürliches, etwas Notwendiges, denn was
sind wir anderes, als das natürliche und notwendige Ende der russischen
Literatur, die selbst das Ende von etwas noch Größerem ist? Mögen wir
die Schwächsten der Schwachen sein. „In der Schwäche vollendet sich
unsere Kraft.“ Unsere Kraft aber besteht darin, daß uns selbst der
Mächtigste aller Teufel mit keiner einzigen Verlockung der ewigen
Mittelmäßigkeit, des unendlichen „Fortschritts“ gewinnen kann. Wir
nehmen keine Durchschnittsphilosophie an, denn wir glauben an das Ende,
sehen das Ende, wollen das Ende, denn wir selbst – sind das Ende oder
wenigstens der Anfang vom Ende. In unseren Augen liegt ein Ausdruck, der
noch nie in Menschenaugen gelegen hat; in unseren Herzen ist ein Gefühl,
das kein einziger Mensch nun schon seit neunzehn Jahrhunderten mehr
empfunden hat, seit der Zeit, als dem Einsiedler von Pathmos die Vision
erschien: „Und der Geist und die Braut sagen: komm! und der es hört,
sage: komm! Es spricht, der solches zeuget: wahrlich, ich komme bald!
Amen. Wahrlich, komme, Herr Jesus Christus!“
Wir sind wie Gräser auf dem äußersten Rande eines steilen Abhanges, auf
einer Höhe, wo nichts mehr wächst. Dort unten in den Tälern reichen hohe
Eichenbäume mit ihren Wurzeln bis tief hinein in die Erde. Wir aber sind
die Schwachen, Kleinen, von der Erde aus kaum Sichtbaren, wir stehen
unbeschützt vor allen Winden und Stürmen, fast wurzellos, fast verwelkt.
Dafür stehen wir früh morgens, wenn die Wipfel der Eichen noch dunkel
sind, schon im Licht; wir sehen das, was noch niemand sieht; wir sind
die ersten, die die Sonne des großen Tages sehen; wir sind die ersten,
die zu Ihm sagen:
„Wahrlich, Herr, komme!“
Dmitri Mereschkowski.