5. Auftritt.

[Ein Stubenmädchen öffnet die Tür und läßt Roden und Norry

eintreten.]

=Norry= [indem er Frau Hasselstein begrüßt]. Ich gratuliere Ihnen,

gnädige Frau, zu Ihrem Sohne. Ein ausdauernder Forscher und ein

liebenswürdiger Kamerad!

=Roden= [Fr. Hasselstein begrüßend]. Gnädige Frau haben alle Ursache

stolz auf ihn zu sein. Die Wissenschaft verdankt ihm wichtige Aufschlüsse

über die antarktische Tier- und Pflanzenwelt, ganz besonders aber über

die Lebens- und Fortpflanzungsweise mehrerer bisher noch ganz unbekannt

gewesener Infusorien. Er hat eine glänzende Zukunft vor sich.

=Hasselstein= [lächelnd]. Ja, ich bin wirklich stolz auf meinen Jungen und

so froh ihn wieder bei mir zu haben.

=Frau Pottenmiller= [zu Norry, nachdem alle wieder Platz genommen]. Helfen

Sie uns, Herr Doktor, ihm den Kopf zurechtzusetzen.

=Ada Brunnick= [zu Roden]. Wir sind eben im Begriff über seine Zukunft

zu entscheiden -- wir wollen daß er endlich eine vernünftige Laufbahn

einschlägt -- sich hier niederläßt.

=Frau Knute= [heftig zu beiden Herren]. Denken Sie sich, man hat ihm eine

Stelle am hiesigen k. u. k. Staatsgymnasium angeboten -- eine Versorgung

mit Pension -- und er sagt -- der unmögliche Mensch sagt, daß er noch

nicht weiß, ob er das Angebot auch annehmen wird.

=Die Herren Pottenmiller und Knute= [sagen gehorsam nach]. Er weiß noch

nicht, ob er sie annehmen wird.

=Frau Knute= [mit einen Blick gegen den Himmel]. Wenn er doch endlich

vernünftig sein wollte!

=Die beiden alten Herren= [auf aufmunternde Blicke ihrer Ehehälften hin].

-- vernünftig sein wollte!

=Roden= [sich erhebend]. Da bitten wir um Entschuldigung gestört zu haben.

Ein Familienkonklave wollen wir um keinen Preis unterbrechen.

=Frau Knute und Pottenmiller.= Im Gegenteil, Sie müssen bleiben und uns

helfen. [Sie drücken ihn mit Gewalt in den Stuhl zurück.]

=Ada= [indem sie Norry festhält, der gleichfalls aufgestanden]. Auf Ihre

Worte wird er eher hören -- Fremden gehorcht er immer lieber als uns,

seinen allernächsten Verwandten!

=Die drei Herren= [auf ein Zeichen ihrer Gemahlinnen]. -- seinen nächsten

Verwandten!

=Roden= [sich vergeblich zu befreien suchend]. Wir kamen nur um Professor

Hasselstein zu fragen, ob er bereit sein würde sich der in schon drei

Wochen abgehenden Forschungsexpedition nach Mikrosenien anzuschließen.

=Norry.= Unser Herr Kollege war nicht ganz sicher, ob er in Kringhausen

verbleiben würde oder nicht. Nun ist es aber notwendig, daß alle

Teilnehmer spätestens heute ihren Entschluß mitteilen und die Liste

der Teilnehmer unterzeichnen. Sonst hätten wir die Herrschaften nicht

gestört.

=Alle Damen= [die Hände ringend]. Er will schon wieder auf Abenteuer

ausfliegen!

=Ladislaja= [vorwurfsvoll]. So etwas! Ein solch' greller Undank,

nachdem ich mich für ihn bemüht habe und mir der hiesige Regimentsarzt

versprochen hat Hans Georg zweimal die Woche als Privatlehrer ins Haus

kommen zu lassen. [Zu Norry.] Ein junger Mann verdient ja nie zu viel.

=Roden= [leise und erbittert zu Norry]. Himmel welche Menschen! Sie würden

einen Michelangelo zum Zaunstreichen verwenden.

=Hermine= [die Daumen drehend]. Eine gesicherte Stellung ist eine

gesicherte Stellung. An den Südpol fahren und ähnliche Dummheiten

machen, das mag in jungen Jahren ganz entschuldigbar, wenn auch ganz ohne

praktischen Wert sein, aber im Alter sehnt man sich nach Ordnung, nach

einem Heim, nach Ruhe --

=Alle drei Herren= [mit tiefen Seufzern]. -- nach Ruhe, nach Frieden!

=Frau Knute.= Und nach einer braven, häuslichen Frau.

=Die drei Herren= [leiser, noch seufzend]. Nach einer braven -- nach einer

stillen Frau!

=Hermine= [einen Strickstrumpf herausziehend und die Nadeln zurechtlegend].

Bäckers Linchen ist zum Beispiel ein sehr wohl erzogenes, fleißiges und

ehrbares junges Mädchen --

=Hans Georg= [trocken]. Von dreißig Jahren mindestens!

=Ada Brunnick= [mit blitzenden Augen und allen Anzeigen höchster

Entrüstung]. Eine Bäckerstochter in unserer Familie! [Mit gespieltem

Mitleid.] Tante Hermine wird altersschwach!

=Frau Knute.= Oder Doktors Röschen? Niemand in ganz Kringhausen kann eine

bessere Fleischsulz zubereiten als --

=Hans Georg= [trocken]. Verstand oder Gemüt braucht meine künftige Frau

Eurer Ansicht nach nicht zu haben. Ich kann statt dessen ja jede Woche

einmal eine vorzügliche Fleischsulz essen.

=Herr Brunnick= [seufzend]. Bester Hans Georg, eine geistreiche Frau

ist -- [er verbessert sich schnell] -- kann zur Geißel werden!

=Roden= [leise zu Norry]. Der arme Tropf spricht sicher aus Ueberzeugung.

=Norry= [leise zu Roden, während die Damen unter sich lebhaft

gestikulierend plaudern]. Die Männer sehen allesamt nicht aus, als ob

sie das Pulver erfunden hätten -- die Frauen haben mehr Grütze, aber

Zungen --

=Roden= [im selben Ton]. Quantitativ genommen sehen die Männer nicht übel

aus --

=Norry= [leise lachend]. Die größten Orangen haben die allerdickste

Schale --

=Ada= [befehlend zu den beiden Forschern]. So reden Sie doch mit! Hans

Georg hört nicht auf unsere wohlerwogenen --

=Frau Knute= [sich aufrichtend]. -- und weisen Ratschläge --

=Roden= [sarkastisch lächelnd]. Professor Hasselstein ist zweifelsohne

imstande das für ihn Beste richtig zu wählen.

=Alle Damen= [mit Ueberzeugung und viel Geschrei]. O glauben Sie das

nicht!!!

=Ada Brunnick= [verächtlich]. Hans Georg hat noch keine Lebenserfahrung!

=Frau Pottenmiller.= Er kennt die Fallstricke des Daseins noch nicht. Mein

Mann zum Beispiel wäre ohne mich -- [sie bemerkt plötzlich, daß er ganz

ruhig eingeschlafen und schüttelt ihn nun kräftig].

=Regierungsrat Pottenmiller= [fährt jäh aus dem angenehmen Schläfchen

empor]. Aaah -- was -- was -- schon Zeit zum Aufstehen! Gleich, gleich,

beste Frederike -- wo sind meine Socken? [Er ist jetzt ganz wach geworden.]

=Ada= [verächtlich auf den Vater blickend, zu Roden]. Ja, ja, der Papa!

Wenn er uns nicht hätte!

=Norry= [leise zu Roden von der andern Seite]. Ich glaube, daß er da viel

glücklicher wäre.

=Ada= [ruft zu Norry, den sie etwas murmeln hört]. Pardon! Sagten Herr

Doktor mir etwas?

=Norry= [lächelnd]. Ich wollte nur fragen ob die Tatsache, daß

Professor Hasselstein den Gefahren und Beschwerden einer langen

Südpolforschungsreise getrotzt hat, als Erfahrung so gar nicht ins Gewicht

fällt.

=Ada Brunnick= [verächtlich mit ihrer kreischenden Stimme]. Bester Herr

Doktor, welche Frage! »Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein

Charakter in dem Strom der Welt«, so sagt ja unser großer Denker!

=Alle drei Damen.= So sagt er!

=Frau Pottenmiller= [stolz]. Ach, unsere Aderl, die weiß alles!

=Roden= [lächelnd]. Ich verstehe vollkommen, man muß eben den Strom in

Kringhausen mitgemacht haben.

=Norry= [leise]. V--t viele Wirbel und Strudel darin!

=Roden= [im gleichen Ton]. Und statt Seejungfrauen gibt es Seeelefanten --

[laut] Hasselstein, welchen Entschluß haben Sie gefaßt! Wollen Sie dem

schönen Kringhausen treulos den Rücken kehren oder --

=Ada= [entrüstet]. Er wird doch nicht wieder -- Der Mensch hat so gar

keine Charakterfestigkeit!

=Frau Knute= [das Haupt schüttelnd]. Statt Haus und Heim zu gründen --

=Frau Pottenmiller.= Wirst du das sichere Brot fahren lassen?

=Die drei Herren= [auf einen ermahnenden Puff von Frau Knute im Chor]. Das

Brot fahren lassen!

=Hermine= [streng]. Die Möglichkeit, dir eine Position zu schaffen --

endlich ein solides Leben zu führen --

=Hans Georg= [lachend]. Ich erinnere mich nicht am Südpol, in der

Antarktis überhaupt, unsolid gelebt zu haben. [Roden und Norry lachen

mit.]

=Frau Pottenmiller= [wirft dem Kleeblatt einen vernichtenden Blick zu]. In

meiner Jugend -- man hielt damals noch auf guten Ton -- hätte ein junger

Mann es nicht gewagt bei einer verdienten Zurechtweisung zu lachen und eine

so -- so --

=Herr Pottenmiller= [aufhelfend]. -- so schnauzige Antwort --

=Ada Brunnick= [ihm einen vernichtenden Blick zuwerfend]. Papa!

[Pottenmiller sinkt ganz und gar in sich zusammen und schweigt.] Gewiß

hat sich der Papa im »weißen Hirschen« eine so vulgäre Ausdrucksweise

angewöhnt.

=Ladislaja= [lächelt dummvergnügt vor sich hin]. Otto wird bald nicht

mehr zimmerrein sein. [Hans Georg und die beiden Forscher lachen, die Damen

sind entsetzt.]

=Alle Damen.= Ladislaja! Ladislajaaaaaaaaaa!!!!!

=Ada= [leise zu Roden]. Die Tante leidet sicher an Gehirnerweichung.

=Frau Knute= [in gebietendem Tone]. Hans Georg!

=Hans Georg= [gelassen]. Du befiehlst, Tante?

=Frau Knute= [kategorisch]. Ich habe schon eine Frau für dich bestimmt.

Von deiner Abreise ist natürlich keine Rede, sondern du heiratest, läßt

dich hier nieder und zur Belohnung für deinen Gehorsam verspreche ich dir,

daß ich deiner Frau mit Rat und Tat selbst an die Hand gehen werde. So ein

junges Ding bedarf der Anleitung. Von mir unterstützt aber --

=Hans Georg= [sich verbeugend]. Du bist außerordentlich liebenswürdig,

liebe Tante, indessen -- ist meine Wahl schon getroffen.

=Alle.= Schoooon getroffen!!!!

=Frau Pottenmiller.= Und davon schwiegst du?

=Frau Knute.= Und du machtest uns ein Geheimnis daraus?

=Hans Georg= [ruhig]. Nein, ich bin noch nicht zu Wort gekommen.

=Frau Knute.= Lieber Neffe, in solchen delikaten Angelegenheiten ist es

immer am besten sich zuerst bei seinen weiblichen Anverwandten -- [mit

einem Blick auf die drei Herren] -- die männlichen taugen nichts, -- Rat

zu holen.

=Frau Pottenmiller= [ernst]. Glaube mir, lieber Neffe, eine Frau ist in

solchen Fällen weit besser imstande zu sagen, ob die Auserwählte auch

allen Ansprüchen gerecht zu werden verspricht, ob sie --

=Hans Georg= [dem endlich die Geduld reißt]. Zum Teufel auch! Soll ich

oder werdet Ihr mit ihr leben?

=Ada Brunnick= [mit sichtbarer Befriedigung]. Sein ungezügeltes

Temperament gewinnt die Oberhand -- wie immer!

=Roden= [leise zu Norry]. Jean Baptiste Rousseau hat recht, wenn er sagt:

»~Le pire venin est celui des serpents du genre feminin~«.

=Frau Pottenmiller= [entrüstet]. Wo bleibt deine mütterliche Autorität,

Schwester?

=Hasselstein= [scheu]. Hans Georg liebt sie -- [sie seufzt] -- er will

sie -- allerdings gegen meinen Willen, trotz meiner Bitten -- heiraten und

was soll -- was kann ich -- [etwas entschlossener, da sie auf ihn blickt]

-- er liebt seine Braut und ich -- ich bin Mutter! [Sie bricht in Tränen

aus, Hans Georg ist aufgestanden, neigt sich über ihren Stuhl und küßt

sie. Er bleibt dort stehen.]

=Frau Knute= [streng]. Dein Sohn hat leider nie zu gehorchen gelernt!

=Ada= [mit gespieltem Mitleid]. Die gute Tante hat den Erziehungskarren

total verfahren.

=Frau Pottenmiller= [stößt mühsam hervor]. Wer ist sie?

=Ladislaja= [den Hals ausstreckend]. Ist sie reich?

=Hermine.= -- und tugendhaft -- religiös, -- streng christlich erzogen?

=Frau Knute.= Ist deine Braut häuslich?

=Herr Pottenmiller= [schüchtern]. Ist sie hübsch?

=Ada= [streng]. Papa!

=Frau Pottenmiller= [in belehrendem Tone]. Darauf kommt es am

allerwenigsten an. Je weniger auffallend die Erscheinung um so

anspruchloser --

=Ada.= -- und biegsamer --

=Frau Knute.= -- und weniger zur Koketterie geneigt --

=Ladislaja.= -- und reineren Herzens --

=Hermine= [langsam und feierlich, Silbe für Silbe]. -- und passender für

die heilige Ehe ist so ein Mädchen!

=Alle= [zu Frau Hasselstein]. Tante! Schwester! Sprich!

=Frau Hasselstein= [gleitet unruhig auf dem Stuhle hin und her und sagt

endlich stotternd]. Die -- se -- ses -- Määä -- äd -- chen ist --

ist --

=Alle= [gebietend]. Ist!!!!? Schwester!!!!!! Ist!!!!

=Frau Hasselstein= [nach kurzer Ueberwindung, leise]. Es ist -- Berta --

Berta Heller!

=Ada Brunnick= [bissig]. Diese Verlorene -- diese -- diese --

=Frau Pottenmiller= [mit tugendhaftem Grauen in der Stimme, während die

anderen sprechende Blicke austauschen]. Eine arme jugendliche Verunglückte

-- ein Paria!

=Frau Knute= [rücksichtslos wie immer, laut]. Eine Dirne!

=Hans Georg= [dessen Zorn jetzt den Höhepunkt erreicht hat, mit donnernder

Stimme indem er mitten unter sie tritt]. Nein! Schweigt! Ein junges

Mädchen besser als alle die fälschlich als so tugendhaft betrachteten

fraglichen Grazien Kringhausens, das das Unglück gehabt hat als

ahnungsloses Kind einem Elenden in die Hände zu fallen. Ihr wagt es,

meine Braut zu beschimpfen, sie deren Gedanken edler, reiner und

menschenfreundlicher sind als die vieler, die mir gut bekannt. [Er blickt

auf sie der Reihe nach.] Ihr wagt einer Unglücklichen etwas vorzuwerfen,

woran sie keine Schuld trägt! Pfui! [Er wendet sich ab und geht ruhelos im

Zimmer auf und nieder.]

=Ada Brunnick= [erholt sich zuerst]. Und solchem Wahnsinn hältst du die

Stange, Tante? [Sie mißt sie kalt. Zu ihrem Vater] Papa, sprich!

=Herr Pottenmiller= [sich aufraffend]. Wie -- soll ich mich im »weißen

Hirschen« zeigen können, wenn die Verlobung bekannt wird, Hans Georg?

Niemand wird von etwas anderem sprechen, man wird hundert Fragen an mich

stellen --

=Hans Georg= [bleibt einen Augenblick stehen]. So bleib' zu Hause, wenn du

dich fürchtest! [Er nimmt seine Wanderung wieder auf, Herr Pottenmiller

erneuert seinen Ueberredungsversuch nicht.]

=Hermine= [weinerlich]. Und wie kann ich zu den Schneiderabenden des

katholischen Jungfrauenvereins gehen? Ich müßte zu sehr erröten, wenn

man Anspielungen -- an -- an machen würde. [Sie bedeckt das Gesicht mit

den Händen.]

=Ladislaja= [mit ihrer dünnen Fistelstimme]. Ach, und wie könnte ich dem

jungen Prediger nur in die Augen schauen -- nein, nein, ich müßte vor

Scham in die Erde sinken -- vergehen -- Er, der mich und unsere Familie

den anderen Jungfrauen des Vereins als Muster hinstellt! Mit so einer

Verwandten -- so ein Skandal! --

=Roden= [leise zu Norry]. Vor zwanzig Jahren hat ihre Jungfräulichkeit

vielleicht noch einen Wert gehabt.

=Norry= [im gleichen Ton]. Sagen wir ruhig: vor einem Vierteljahrhundert!

=Frau Knute= [streng]. Mir ins Haus darfst du so eine -- [sie verstummt vor

H. G.'s Blick].

=Hans Georg= [kalt]. Fürchte dich nicht -- wir werden uns allein genügen!

=Frau Pottenmiller.= Auf die Stelle am hiesigen Gymnasium darfst du in dem

Fall auch nicht rechnen, ebenso wenig wie auf die Protektion meines Mannes

-- Wer die Jugend erziehen will muß vor allem selbst unerschütterliche

sittliche Grundsätze haben --

=Frau Hasselstein= [traurig]. Das haben die Damen der Tarockgesellschaft

auch gesagt.

=Hans Georg= [verächtlich]. Alte Klatschbasen! Hast du also mit ihnen

über meine Zukunft Rat gepflogen?

=Frau Hasselstein= [schüchtern]. Sie erzählten, daß die ganze Stadt

davon spricht, daß es deiner Zukunft schaden, dich gesellschaftlich zum

Paria --

=Hans Georg= [kalt]. In Kringhausen machen wird, nicht wahr? Die Welt

besteht Gott sei Dank nicht ausschließlich aus Kringhausen und --

Kringhäuslern!

=Frau Knute.= Gehe wohin du willst, du wirst überall einen schweren Stand

haben. Es gibt immer Menschen, die freundlich genug sind einen solchen

Fleck im Namen einer Frau an irgend eine gute Freundin zu schreiben, die

diese Neuigkeit hierauf die Runde im Städtchen machen läßt.

=Hans Georg= [spöttisch]. Ich zweifle nicht daran. Hoffentlich wird mein

Name dennoch Kraft genug besitzen meine Frau zu schützen.

=Frau Pottenmiller= [mit Nachdruck]. Keine Frau deiner Kollegen wird

mit dir in gesellschaftliche Verbindungen treten wollen, -- kurz, deine

Laufbahn ist vernichtet, wir alle mit Schande überhäuft, dein toter Vater

im Grabe --

=Hans Georg= [streng]. Laß die Toten in Frieden ruhen -- wir haben mit den

Lebendigen mehr als genug.

=Frau Hasselstein= [weinend]. Er würde sich im Grabe umwenden, wenn er

eine Ahnung hätte! [Alle sprechen durcheinander, Hans Georg geht erbittert

auf und ab.]

=Roden= [zu Norry]. Der Arme dreht sich sicher nicht um, der muß totmüde

sein und verwendet die ersten hundert Jahre seiner Befreiung gewiß dazu,

das Ohrensausen loszuwerden. Lieber unter Krokodilen als zwei Tage unter

Kringhäuslern!

=Frau Pottenmiller.= Hoffentlich wird dich die Rücksicht auf deine Mutter

bestimmen -- =wir= beanspruchen nichts -- diese verrückte Idee aufzugeben

und keinen derartigen Skandal heraufzubeschwören. Wir werden alles tun um

unsere unglückliche Schwester von der Torheit eines solchen Vorhabens zu

überzeugen.

=Hans Georg= [bitter]. Ich zweifle nicht daran! [Weich zu seiner Mutter.]

Mama, die Herren warten und diesem peinlichen, höchst unerquicklichen

Auftritt muß ein Ende gemacht werden. Als uns die Verwandten unterbrachen,

hattest du mich eben unbeschreiblich glücklich gemacht. [Er ergreift ihre

Hand.] Bist du, Teure, noch der Meinung, daß wir zusammen ein Leben voll

Glück und Frieden führen könnten? Die Stürme, die nun aufgewühlt

worden sind, sie legen sich bald und auf sie folgen schöne, frohe, sonnige

Tage stiller Zufriedenheit, reinen Glücks. Darf ich deine Entscheidung

von vorhin als bindend ansehen, soll ich meinen geschätzten Kollegen

mitteilen, daß ich mit meiner Frau bei meiner Mutter bleiben oder --

=Alle= [auf sie einschreiend]. Tante! Schwester, um Himmelswillen laß

dich nicht zu solchem Wahnsinn hinreißen! Denke an deine gesellschaftliche

Stellung, was du dir und uns allen in der Hinsicht schuldest, denke an

die gerechte moralische Entrüstung der gesamten Einwohnerschaft von

Kringhausen --

=Hans Georg= [laut, mit Nachdruck]. Die Angelegenheit, die hier erörtert

wird, geht nur meine Mutter und mich selbst an! Darf ich daher um Schweigen

bitten! [Weich zu Fr. H.] Was sagst du mir, Mutterl! Soll ich in deiner

Nähe bleiben oder wieder hinausziehen in die weite Welt? Zweimal komme ich

wohl kaum zurück!

=Frau Knute.= Du brauchst ja nicht zu gehen! Es gibt genug andere Mädchen

in Kringhausen.

=Hasselstein= [mit Würde]. Aber nur ein einziges Mädchen für mich

-- meine Braut! [Die Hände seiner Mutter ergreifend und mit milder

Ueberredung.] Bedenke, du mein teures Mütterchen, daß es sich hier um

unser Glück und nicht um die Meinung anderer Leute handelt. Nach einigen

Monaten schon werden die Kringhäusler diese Ueberraschung verwunden haben

und alles, was ich tun kann soll geschehen um dir diese kurze Zeit so

leicht, so erträglich als möglich zu gestalten. Willst du, daß ich mit

Berta auf Reisen gehe und erst nach Ablauf von mehreren Monaten heimkehre?

Willst du, Teure, nicht mit uns kommen? Sag mir nur eins: -- Willst du

meine Braut willkommen heißen, willst du in unserer Mitte, bei ihr, bei

mir, in Zukunft verweilen?

=Frau Hasselstein= [schwankend]. Wenn nur -- aber du kennst die Leute --

die Tanten sind auch der Ansicht -- ganz wie meine anderen Bekannten -- die

Damen der Tarockpartie -- ach, es wird ein solches Gerede geben --

=Hans Georg= [ernst]. Ich frage nicht nach der Meinung der Verwandten --

gleichgültig ist mir die Ansicht der Kringhäusler solange ich nur nicht

vor =mir selbst= erröten muß, -- ich frage dich, dich, meine innigst

geliebte Mutter, ob ich gehen soll, wieder hinausziehen in unbekannte

Gefahren, von dir scheiden um nie wiederzukehren -- ich frage =dich=, ob du

die Liebe zu mir oder die öffentliche Meinung wirst siegen lassen. Sprich,

Mutter!

=Frau Hasselstein= [leidenschaftlich]. Ach, geh' nicht -- verlasse mich

nicht -- schon nähere ich mich dem Grabe -- bleib' bei mir, du, du mein

einziger Sohn!

=Hans Georg= [einen Arm um ihre Schultern legend]. Bei wem würde ich wohl

lieber als bei dir verweilen, Mütterchen, doch nicht kann ich mein Wort

Berta gegenüber brechen, mein Lebensglück und das ihre eines Vorurteils

willen in den Staub treten. Ein solches Dasein hätte für mich jeden Wert

verloren, wäre ein Zeugnis meiner moralischen Schwäche, hinterließe

einen ewigen nagenden Vorwurf in meinem Innern, der das Beste in mir

langsam aber sicher zerstören würde. Wenn du mich liebst, Mutter --

=Frau Hasselstein= [weinend]. O Hansi, Hansi, ich kann dich nicht ziehen

lassen! Bleib' hier, selbst --

=Frau Knute= [scharf]. Schwester, ich beschwöre dich, bedenke --

=Frau Pottenmiller= [gleichfalls]. Was werden deine Bekannten dazu sagen?

Du bist gesellschaftlich zugrundegerichtet, kein Mensch --

=Ada= [kalt und hart]. Sei kein Schwächling, Tante, wenn er das Mädchen

dir vorzieht, so lasse ihn laufen.

=Frau Knute.= Er wird schnell genug einsehen lernen, was eine Heirat mit so

einem Wesen bedeutet.

=Alle drei Herren= [sich aufraffend]. Ja, er wird schon sehen, er wird

schon sehen!

=Hans Georg= [sich ängstlich und zärtlich zugleich über seine Mutter

neigend, besorgt]. Wem stimmst du bei, Mama, den Tanten als Sprachrohr der

Kringhäusler oder mir, deinem einzigen Sohne?

=Frau Hasselstein= [nach einigen Sekunden inneren Kampfes, unsicher]. Hans

Georg! [Schwer atmend und die Hände gegen das Herz gepreßt.] Siehst du,

die Tanten haben recht -- du wirst nie hier geachtet leben können und ich

-- ich zittere wenn ich an alle Bemerkungen -- an all das Gerede denke. Wir

sind -- eine -- geachtete Familie -- und --

=Hans Georg= [läßt die Hand, die er auf der Schulter der Mutter liegen

gehabt, matt herabgleiten und entfernt sich etwas, sodann mit dumpfer

Stimme, die Mutter noch einmal bittend ansehend]. Da ist es wohl am besten

ich nehme das Anerbieten der Expedition an. Sind wir nur beide, Berta und

ich, von Kringhausen fort und erfährt man einmal, daß du selbst meine

Entfernung gewünscht, so vergeben dir sowohl die Verwandten als auch die

Kringhäusler großmütig einen so entarteten Sohn zu haben. [Leise und

traurig.] Möge nie der Tag kommen, an dem du fühlst, daß du es dir

selbst nicht vergibst mich fortgeschickt -- eines kleinlichen Vorurteils

halber fortgeschickt zu haben. [Er streckt müde die Hand nach dem

Schriftstück aus, daß ihm Roden, düster schweigend reicht.]

=Frau Hasselstein= [weinend]. Die öffentliche Meinung -- fern von hier, wo

man Berta nicht kennt -- wo niemand unsere Sprache spricht --

=Frau Knute= [scharf]. -- irgendwo unter den Wilden --

=Roden= [ernst]. Gnädige Frau, ich habe Wilde gekannt, die den

Kringhäuslern in Menschlichkeit bedeutend überlegen sind! [Er läßt

seinen Blick kalt über sie hingleiten.]

=Hans Georg= [reicht Norry das nun unterzeichnete Dokument]. Bitte! [Norry

steckt es ein, betrübt vor sich hinblickend.] Es ist am besten so -- für

uns alle!

=Frau Knute= [Rodens Bemerkung beantwortend]. Die Herren der Schöpfung --

ob nun wilden oder civilisierten Völkern angehörend, vergeben immer gerne

ein kleines Abweichen vom engen Pfad der Tugend.

=Roden= [ernst]. Und dennoch gehört gerade das Vergeben zu den edelsten

Vorrechten der Frau --

=Frau Knute= [ihn heftig unterbrechend]. Nicht --

=Roden= [sich verbeugend und zurückweichend]. Ich verstehe, gnädige Frau!

Nicht unter den Kringhäuslern!

=Hans Georg= [traurig zu seiner Mutter]. Die Würfel sind gefallen!

=Frau Pottenmiller= [sie unter dem Arm nehmend und mit sich auf die Tür

zur Linken führend]. Du hast verständig gehandelt, Schwester, sehr

verständig.

=Ada= [ihr folgend]. Laß' ihn nur erst draußen einsehen lernen, welche

Schätze er in der Heimat zurückgelassen, da wird er schon kürre werden.

Eine Scheidung --

=Frau Knute= [ebenfalls der Schwester nacheilend und sie mit Gewalt

fortziehend, als sie noch einmal auf den Sohn zurückblickt und zu zögern

scheint]. Du hast endlich, wenn auch spät, die gewünschte mütterliche

Autorität geltend werden lassen. Bravo!

=Frau Hasselstein= [zweifelnd, unter Tränen]. Glaubt -- meint Ihr -- ach,

wenn er doch die Stelle am hiesigen Gymnasium angenommen und ein anderes

Mädchen --

=Frau Pottenmiller= [scharf]. Er hat das Gute, die vielen Vorteile des

Aufenthalts in einer wichtigen Stadt wie Kringhausen nie zu schätzen, zu

würdigen verstanden!

=Ada= [hart]. Wein' nicht, Tante, sei stark! Klagen dienen niemand und

Tränen führen zu nichts. [Sie gehen links ab, alle die anderen mit

Ausnahme von Norry, Roden und Hasselstein folgen.]

Die Kringhäusler: Drama in drei Akten · 第 14 / 20 题