[Mutter und Sohn allein.]
=Hans Georg= [führt seine Mutter zu einem Lehnstuhl zur Linken, legt einen
Polster für sie zurecht, schiebt einen kleinen Fußstuhl unter die Füße
und bleibt dann, gegen die Kredenz im Hintergrund gelehnt stehen.] Seit
meiner Heimkehr ist es mir noch nicht gelungen ein einziges trauliches
Plauderstündchen mit dir zu halten und dennoch habe ich so vieles auf dem
Herzen, das alles bald besprochen werden muß.
=Hasselstein= [mit Stolz auf den hübschen jungen Mann blickend]. Sprich,
mein Kind, ich bin begierig deine Pläne zu hören!
=Hans Georg= [ernst]. Mutter! Es handelt sich um meine ganze Zukunft,
um mein Glück! Als ich vor mehr als zwei Jahren der Heimat den Rücken
kehrte, so geschah es, wie du dich erinnern wirst in zweiter Linie um mein
Wissen zu vergrößern, Abenteuer zu bestehen, neue Entdeckungen zu machen
-- Ich wagte mein Leben in unerforschten, unwirtlichen Gegenden --
=Hasselstein= [erregt]. Welche Sorge habe ich um dich, liebster Hans
ausgestanden, wieviel Tränen --
=Hans Georg= [ernst]. Ich weiß es, Mama! Ich habe oft gewünscht, daß
ich dir alle diese Leiden und Sorgen hätte ersparen können, aber eine
Trennung war notwendig -- [leiser] -- für uns beide. Ich zog aus um
neue Horizonte zu finden und dadurch auch neue, reinere, nachsichtigere
Anschauungen zu gewinnen, um dir, liebes Mutterl, Zeit zu geben die Liebe
zu deinem Sohne auf die Probe zu stellen, um dich in den Stand zu setzen
dich allmählich von der Wahrheit meiner Worte mit bezug auf eine mir teure
Person zu überzeugen und um einst heimkehren zu können in ein Heim, von
denen die Schatten engherziger Beurteilung gewichen, -- gewichen, auf daß
Nachsicht, Liebe und Vertrauen dort ihren Einzug halten. Auch ich habe
sowohl mein Herz als auch meine innerste Ueberzeugung zu prüfen Zeit
gehabt -- lange, ja lange sind die Stunden der düsteren Polarnacht und oft
lag ich überlegend, prüfend, erwägend im Schlafsack, wenn der süße,
traum- und sorgenlose Schlummer sich lange schon auf meine glücklicheren
Kameraden gesenkt hatte. Ich prüfte mich, Mutter, und weiß, daß
mein Entschluß unwiderruflich, daß Berta für meine Zukunft die beste
Gefährtin, zu meinem Lebensglücke unerläßlich ist. Wie vor zwei Jahren
bitte ich dich heute: Lass' mich sie, die mir schon seit Jahren teuer,
zu dir bringen -- finde statt eines Kindes =zwei=! [Weich.] Zwei die dich
lieben, zwei die für dich sorgen, zwei die alles aufbieten werden dir dein
Alter zu verschönen, deinen Lebensabend friedvoll und heiter zu gestalten!
=Hasselstein= [erregt]. Ach, Hans Georg! Nach all meinen Bitten --
=Hans Georg= [ernst nähertretend]. Es handelt sich um mein =Glück=,
Mutter!
=Hasselstein= [seufzend]. Du weißt, daß ich stets nur an dein Wohl, dein
Bestes denke!
=Hans Georg= [weich]. Ich weiß es Mütterchen! Aber du darfst nicht
vergessen, daß die Zeiten sich ändern, daß die Anschauungen der heutigen
Jugend notwendigerweise von denen, die verwichen vor vierzig Jahren
geherrscht, verschieden sind. Wir gehen gottlob einer aufgeklärten Epoche
entgegen, einer milder denkenden, verständnisvolleren und daher auch einer
nachsichtigeren --
=Hasselstein= [heftig, sich aufrichtend]. Recht wird immer Recht, Unrecht
eben Unrecht bleiben, Hans Georg! Die heutige Jugend genießt größere --
[sie seufzt und schweigt einen Augenblick] -- vielleicht allzu große
Freiheit, aber der Ruf eines Mädchens bleibt heute wie vor vierzig Jahren
ihr größter Schatz, der Prüfstein ihres Wertes!
=Hans Georg= [bitter]. Selbst wenn sie den Verlust desselben einem
gewissenlosen Schurken und nicht eigener Schuld verdankt?
=Hasselstein= [das Haupt schüttelnd]. So ein Fall ist ein großes Unglück
für das Mädchen -- aber -- in den Augen der Welt --
=Hans Georg= [mit wachsender Erregung]. Und woraus besteht diese »Welt«?
Aus einigen beschäftigungslosen Pensionisten, vielen alten Klatschweibern
und wenigen gedankenlosen Nachplapperern dieser beiden Kategorien --
Menschen, von denen die erste Gattung das Füttern der Vögel im
Stadtparke und die zweite das Amfenstersitzen und Kartenspielen zur
Hauptbeschäftigung hat. Und über ihr Urteil kannst du dich deines
einzigen Sohnes willen, der nur wie durch ein Wunder überhaupt
zurückkehrte, nicht hinwegsetzen?
=Hasselstein= [betrübt]. Mein Sohn! Die Welt besteht aus allen jenen
Menschen, mit denen wir zusammentreffen, in deren Mitte wir leben müssen.
=Hans Georg= [die Brauen hochziehend]. Müssen? Man kann unliebsamen
Personen aus dem Wege gehen.
=Hasselstein= [müde]. Einigen vielleicht -- doch nicht allen. Der Mensch
ist ein Gesellschaftstier und wir sind daher der öffentlichen Meinung
unterworfen.
=Hans Georg= [erregt auf und abgehend]. Ist es also besser sich selbst
unglücklich zu machen als der sogenannten öffentlichen Meinung mutig die
Stirne zu bieten?
=Hasselstein.= Törichtes Kind! Glaubst du, daß dein Glück von Dauer sein
würde, so du der Achtung deiner Mitmenschen beraubt wärest?
=Hans Georg= [wirft stolz das Haupt zurück]. Vorurteile muß man eben
bekämpfen -- der Anfang mag schwer, der Erfolg ein langsamer sein, aber
endlich muß der Sieg errungen werden!
=Hasselstein= [ernst]. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer -- ein
Fall verändert noch nicht lange die traditionell gewordenen Gesetze von
Jahrhunderten, die in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen
sind. [weich und bittend.] Ach, Hans Georg, lasse dich hier als
Gymnasialprofessor nieder, wähle dir ein Mädchen aus gutem Hause und von
tadellosem Rufe --
=Hans Georg= [bitter]. -- und führe ein Spießbürgerleben anseiten einer
ungeliebten aber in den Augen der guten Kringhäusler hochachtbaren Frau --
danke!
=Hasselstein= [weich]. Mein Jungchen! [Nach einer kurzen Pause.] Sag' mir,
du mein Leben, mein Stolz, meine Freude, daß du auf deine alte Mutter
hören willst, daß du nicht ernstlich daran denkst diese -- diese Berta
Heller -- zu heiraten. Beim Andenken deines verstorbenen Vaters beschwöre
ich dich --
=Hans Georg= [sinkt vor seiner Mutter in die Knie, stützt sich auf
ihren Schoß und blickt zärtlich in ihr Antlitz]. Lassen wir Vater -- er
genießt die Ruhe, um die ich ihn oft beneidet habe! [weich und bittend].
Kannst du es wirklich nicht über dich gewinnen den Kringhäuslern um
meinetwegen zu trotzen? Hast du, während ich begraben unter Eis und
Schnee, fern -- -- ach, so fern von dir -- ein gefahrvolles Leben führte,
stets bereit vom Schauplatze irdischer und meist leider so nichtiger
Kämpfe zu anderen Sphären berufen zu werden, hast du da nie gedacht, wie
es sein würde, wenn ich nie wiederkäme, wenn ein Mitglied der Expedition
dir statt des gesunden Sohnes die Nachricht seines frühen Todes zugeführt
hätte, wenn du deinen Lebensabend einsam hier verleben müßtest, --
ohne daß die Stimmen froher Enkel in diesen Mauern widerhallen würden
-- einzig von den Verwandten, einzig von den geschwätzigen Tarockdamen
besucht. Hast du nie dir vorgestellt --
=Hasselstein= [sich die Tränen abtrocknend]. Oh mein Junge, mein geliebter
Hans Georg! Wie oft lag ich stundenlang betend vor meinem Lager, wie oft
saß ich weinend gerade hier, wenn die Einsamkeit mich allzu unerträglich
deuchte, die Sorge um dich, du mein höchster Schatz, mein Herz
zusammenkrampfte. Ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden, wenn [Mutter
und Sohn halten sich lange umschlungen].
=Hans Georg= [sie liebkosend]. Hast du dir nie vorgestellt,
Herzensmütterchen, wie schön unser Zusammenleben sein würde, wenn
Berta -- wenn ich und sie dir immer nahe wären und alle deine Wünsche
ausführen könnten -- Wünsche, die nur ein Sohn, eine liebende Tochter
erfüllen können. Dachtest du nie, wie süß die Enkelchen -- ihre und
meine Kinder --
=Hasselstein= [leidenschaftlich]. Deine Kinder -- doch nicht sie ins Haus
-- nicht sie zu deiner Frau -- Oh, Hans Georg!
=Hans Georg= [müde]. Warum nicht? Weil ein Schurke ohnegleichen es gewagt
hatte die kaum sechzehnjährige liebliche Menschenblüte mit Gewalt
zu brechen? Sie die sowohl vor wie auch nachher ein tadelloses,
mustergültiges Leben führte, sie, die außer ihrer Schönheit ein edles
Gemüt, ein warmes Herz, einen regen Geist und künstlerische Anlagen
besitzt und die dem kranken Bruder ihr Erbteil abgetreten, ihren Vater
jahrelang aufopfernd gepflegt hat, sie, an deren Seite einzig ich mein
Glück finden kann? Vor zwei Jahren konnte ich noch zweifeln -- heute nicht
mehr. Oft, wenn die Bitterkeit dieses schwache Herz erfüllte und es
zu sprengen drohte, da stieg inmitten der Schneewüste das Bild Bertas
tröstend vor mir auf und die Wellen des Abscheus gegen alle engherzigen
Seelen daheim sanken in nichts zusammen, -- wenn ich mich freute mir einen
Namen errungen zu haben, so war es, weil er ihr Schutz gewähren sollte
gegen alle -- --
=Hasselstein= [ihn abwehrend unterbrechend]. Sie wird deinen reinen
geachteten Namen in den Schmutz ziehen -- das weiße Tuch wird schwarz,
wenn es mit Ruß in Berührung kommt, nicht der schwarze Ruß weiß vom
Tuche. [Vorwurfsvoll.] Du denkst immer zuerst an sie -- erst hierauf an
deine Mutter.
=Hans Georg= [ihre Hände ergreifend]. An wen könnte ich mehr denken als
an meine Mutter, aber siehst du, Berta ist bereit mir alles zu opfern, mit
mir bis an das Ende der Welt zu ziehen, falls wir das Heim, das erhoffte
Glück nicht bei dir, nicht in der Heimat finden können. Sie will gerne
das schwere Leben eines Forschers in fremden Erdstrichen mit mir teilen,
sie opfert mir willig Heimat, die Annehmlichkeiten der civilisierten
Länder mit ihren Vergnügungen, ihren reichen Abwechselungen -- und du,
ach, du willst deinem Sohn nicht einmal die Kringhäusler und ihre nichtige
Meinung aufopfern!
=Hasselstein= [besorgt]. Du sprichst von neuen Forschungsfahrten -- wärest
du imstande mich wieder zu verlassen, mich neuem Kummer, neuen Sorgen
auszusetzen?
=Hans Georg= [weich]. Wie gerne, wie innig gerne verbliebe ich bei dir,
doch du selbst schickst mich wieder hinaus in die weite Welt. Auch Berta,
liebste Mutter, auch ich, wir beide haben gleich dir Anspruch auf Freude,
auf Glück, auf eine sonnige Zukunft. Wäre mein Lieb' ein schlechter
Charakter, ein leichtsinniges Mädchen, so würde ich nie ein solches
Opfer, eine Ueberwindung von dir begehren -- aber einem Vorurteil allein
kann ich nicht das Glück und die Zukunft eines ganzen Daseins opfern.
[Weich.] Zieh' mit uns, Mutter verlasse Kringhausen und in einem fremden
Orte -- unsere Heimat ist groß -- wollen wir ein neues Heim uns gründen.
=Hasselstein= [müde]. Gerüchte erreichen auch entfernte Orte.
=Hans Georg= [ihre Hände mutlos fallen lassend]. Du liebst die
Kringhäusler mehr als deinen Sohn! [Nach düstern Schweigen leise.] Es
sei, Mutter, wie schwer mir der Abschied auch wird, wie hart der Schlag,
der meine schönsten Hoffnungen vernichtet, mich auch getroffen. [Fester,
lauter.] Noch gibt es Völker, wo mein Name, meine Persönlichkeit
allein genügen werden, dem Weibe, das ich liebe, das ich zu meiner
Lebensgefährtin erwählt habe, Achtung zu verschaffen. [Er entfernt sich
mit gesenktem Haupte etwas von Fr. H.]
=Hasselstein= [nach einer peinlichen Pause]. Hans Georg!
=Hans Georg= [sich müde umwendend]. Mutter!
=Hasselstein= [die Hände nach ihm ausstreckend]. Komm' zu mir, mein
Kind! [Er sinkt langsam wieder vor der Mutter in die Knie und hält sie
umschlungen.] Kannst du nur mit Berta glücklich werden?
=Hans Georg= [ernst]. Ja, Mütterchen, mit ihr allein!
=Hasselstein= [weich und mit tränenerstickender Stimme indem sie ihn an
sich zieht]. Mein Liebling, ich kann eine neue Trennung nicht ertragen,
ich kann dich nicht wieder in die Fremde ziehen lassen -- ich muß daher
wohl -- [sie küßt ihn].
=Hans Georg= [jubelnd]. Mama! O du mein süßes, o du mein geliebtes
Mutterl --