3. Auftritt.

[Mutter und Sohn allein.]

=Hans Georg= [führt seine Mutter zu einem Lehnstuhl zur Linken, legt einen

Polster für sie zurecht, schiebt einen kleinen Fußstuhl unter die Füße

und bleibt dann, gegen die Kredenz im Hintergrund gelehnt stehen.] Seit

meiner Heimkehr ist es mir noch nicht gelungen ein einziges trauliches

Plauderstündchen mit dir zu halten und dennoch habe ich so vieles auf dem

Herzen, das alles bald besprochen werden muß.

=Hasselstein= [mit Stolz auf den hübschen jungen Mann blickend]. Sprich,

mein Kind, ich bin begierig deine Pläne zu hören!

=Hans Georg= [ernst]. Mutter! Es handelt sich um meine ganze Zukunft,

um mein Glück! Als ich vor mehr als zwei Jahren der Heimat den Rücken

kehrte, so geschah es, wie du dich erinnern wirst in zweiter Linie um mein

Wissen zu vergrößern, Abenteuer zu bestehen, neue Entdeckungen zu machen

-- Ich wagte mein Leben in unerforschten, unwirtlichen Gegenden --

=Hasselstein= [erregt]. Welche Sorge habe ich um dich, liebster Hans

ausgestanden, wieviel Tränen --

=Hans Georg= [ernst]. Ich weiß es, Mama! Ich habe oft gewünscht, daß

ich dir alle diese Leiden und Sorgen hätte ersparen können, aber eine

Trennung war notwendig -- [leiser] -- für uns beide. Ich zog aus um

neue Horizonte zu finden und dadurch auch neue, reinere, nachsichtigere

Anschauungen zu gewinnen, um dir, liebes Mutterl, Zeit zu geben die Liebe

zu deinem Sohne auf die Probe zu stellen, um dich in den Stand zu setzen

dich allmählich von der Wahrheit meiner Worte mit bezug auf eine mir teure

Person zu überzeugen und um einst heimkehren zu können in ein Heim, von

denen die Schatten engherziger Beurteilung gewichen, -- gewichen, auf daß

Nachsicht, Liebe und Vertrauen dort ihren Einzug halten. Auch ich habe

sowohl mein Herz als auch meine innerste Ueberzeugung zu prüfen Zeit

gehabt -- lange, ja lange sind die Stunden der düsteren Polarnacht und oft

lag ich überlegend, prüfend, erwägend im Schlafsack, wenn der süße,

traum- und sorgenlose Schlummer sich lange schon auf meine glücklicheren

Kameraden gesenkt hatte. Ich prüfte mich, Mutter, und weiß, daß

mein Entschluß unwiderruflich, daß Berta für meine Zukunft die beste

Gefährtin, zu meinem Lebensglücke unerläßlich ist. Wie vor zwei Jahren

bitte ich dich heute: Lass' mich sie, die mir schon seit Jahren teuer,

zu dir bringen -- finde statt eines Kindes =zwei=! [Weich.] Zwei die dich

lieben, zwei die für dich sorgen, zwei die alles aufbieten werden dir dein

Alter zu verschönen, deinen Lebensabend friedvoll und heiter zu gestalten!

=Hasselstein= [erregt]. Ach, Hans Georg! Nach all meinen Bitten --

=Hans Georg= [ernst nähertretend]. Es handelt sich um mein =Glück=,

Mutter!

=Hasselstein= [seufzend]. Du weißt, daß ich stets nur an dein Wohl, dein

Bestes denke!

=Hans Georg= [weich]. Ich weiß es Mütterchen! Aber du darfst nicht

vergessen, daß die Zeiten sich ändern, daß die Anschauungen der heutigen

Jugend notwendigerweise von denen, die verwichen vor vierzig Jahren

geherrscht, verschieden sind. Wir gehen gottlob einer aufgeklärten Epoche

entgegen, einer milder denkenden, verständnisvolleren und daher auch einer

nachsichtigeren --

=Hasselstein= [heftig, sich aufrichtend]. Recht wird immer Recht, Unrecht

eben Unrecht bleiben, Hans Georg! Die heutige Jugend genießt größere --

[sie seufzt und schweigt einen Augenblick] -- vielleicht allzu große

Freiheit, aber der Ruf eines Mädchens bleibt heute wie vor vierzig Jahren

ihr größter Schatz, der Prüfstein ihres Wertes!

=Hans Georg= [bitter]. Selbst wenn sie den Verlust desselben einem

gewissenlosen Schurken und nicht eigener Schuld verdankt?

=Hasselstein= [das Haupt schüttelnd]. So ein Fall ist ein großes Unglück

für das Mädchen -- aber -- in den Augen der Welt --

=Hans Georg= [mit wachsender Erregung]. Und woraus besteht diese »Welt«?

Aus einigen beschäftigungslosen Pensionisten, vielen alten Klatschweibern

und wenigen gedankenlosen Nachplapperern dieser beiden Kategorien --

Menschen, von denen die erste Gattung das Füttern der Vögel im

Stadtparke und die zweite das Amfenstersitzen und Kartenspielen zur

Hauptbeschäftigung hat. Und über ihr Urteil kannst du dich deines

einzigen Sohnes willen, der nur wie durch ein Wunder überhaupt

zurückkehrte, nicht hinwegsetzen?

=Hasselstein= [betrübt]. Mein Sohn! Die Welt besteht aus allen jenen

Menschen, mit denen wir zusammentreffen, in deren Mitte wir leben müssen.

=Hans Georg= [die Brauen hochziehend]. Müssen? Man kann unliebsamen

Personen aus dem Wege gehen.

=Hasselstein= [müde]. Einigen vielleicht -- doch nicht allen. Der Mensch

ist ein Gesellschaftstier und wir sind daher der öffentlichen Meinung

unterworfen.

=Hans Georg= [erregt auf und abgehend]. Ist es also besser sich selbst

unglücklich zu machen als der sogenannten öffentlichen Meinung mutig die

Stirne zu bieten?

=Hasselstein.= Törichtes Kind! Glaubst du, daß dein Glück von Dauer sein

würde, so du der Achtung deiner Mitmenschen beraubt wärest?

=Hans Georg= [wirft stolz das Haupt zurück]. Vorurteile muß man eben

bekämpfen -- der Anfang mag schwer, der Erfolg ein langsamer sein, aber

endlich muß der Sieg errungen werden!

=Hasselstein= [ernst]. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer -- ein

Fall verändert noch nicht lange die traditionell gewordenen Gesetze von

Jahrhunderten, die in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen

sind. [weich und bittend.] Ach, Hans Georg, lasse dich hier als

Gymnasialprofessor nieder, wähle dir ein Mädchen aus gutem Hause und von

tadellosem Rufe --

=Hans Georg= [bitter]. -- und führe ein Spießbürgerleben anseiten einer

ungeliebten aber in den Augen der guten Kringhäusler hochachtbaren Frau --

danke!

=Hasselstein= [weich]. Mein Jungchen! [Nach einer kurzen Pause.] Sag' mir,

du mein Leben, mein Stolz, meine Freude, daß du auf deine alte Mutter

hören willst, daß du nicht ernstlich daran denkst diese -- diese Berta

Heller -- zu heiraten. Beim Andenken deines verstorbenen Vaters beschwöre

ich dich --

=Hans Georg= [sinkt vor seiner Mutter in die Knie, stützt sich auf

ihren Schoß und blickt zärtlich in ihr Antlitz]. Lassen wir Vater -- er

genießt die Ruhe, um die ich ihn oft beneidet habe! [weich und bittend].

Kannst du es wirklich nicht über dich gewinnen den Kringhäuslern um

meinetwegen zu trotzen? Hast du, während ich begraben unter Eis und

Schnee, fern -- -- ach, so fern von dir -- ein gefahrvolles Leben führte,

stets bereit vom Schauplatze irdischer und meist leider so nichtiger

Kämpfe zu anderen Sphären berufen zu werden, hast du da nie gedacht, wie

es sein würde, wenn ich nie wiederkäme, wenn ein Mitglied der Expedition

dir statt des gesunden Sohnes die Nachricht seines frühen Todes zugeführt

hätte, wenn du deinen Lebensabend einsam hier verleben müßtest, --

ohne daß die Stimmen froher Enkel in diesen Mauern widerhallen würden

-- einzig von den Verwandten, einzig von den geschwätzigen Tarockdamen

besucht. Hast du nie dir vorgestellt --

=Hasselstein= [sich die Tränen abtrocknend]. Oh mein Junge, mein geliebter

Hans Georg! Wie oft lag ich stundenlang betend vor meinem Lager, wie oft

saß ich weinend gerade hier, wenn die Einsamkeit mich allzu unerträglich

deuchte, die Sorge um dich, du mein höchster Schatz, mein Herz

zusammenkrampfte. Ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden, wenn [Mutter

und Sohn halten sich lange umschlungen].

=Hans Georg= [sie liebkosend]. Hast du dir nie vorgestellt,

Herzensmütterchen, wie schön unser Zusammenleben sein würde, wenn

Berta -- wenn ich und sie dir immer nahe wären und alle deine Wünsche

ausführen könnten -- Wünsche, die nur ein Sohn, eine liebende Tochter

erfüllen können. Dachtest du nie, wie süß die Enkelchen -- ihre und

meine Kinder --

=Hasselstein= [leidenschaftlich]. Deine Kinder -- doch nicht sie ins Haus

-- nicht sie zu deiner Frau -- Oh, Hans Georg!

=Hans Georg= [müde]. Warum nicht? Weil ein Schurke ohnegleichen es gewagt

hatte die kaum sechzehnjährige liebliche Menschenblüte mit Gewalt

zu brechen? Sie die sowohl vor wie auch nachher ein tadelloses,

mustergültiges Leben führte, sie, die außer ihrer Schönheit ein edles

Gemüt, ein warmes Herz, einen regen Geist und künstlerische Anlagen

besitzt und die dem kranken Bruder ihr Erbteil abgetreten, ihren Vater

jahrelang aufopfernd gepflegt hat, sie, an deren Seite einzig ich mein

Glück finden kann? Vor zwei Jahren konnte ich noch zweifeln -- heute nicht

mehr. Oft, wenn die Bitterkeit dieses schwache Herz erfüllte und es

zu sprengen drohte, da stieg inmitten der Schneewüste das Bild Bertas

tröstend vor mir auf und die Wellen des Abscheus gegen alle engherzigen

Seelen daheim sanken in nichts zusammen, -- wenn ich mich freute mir einen

Namen errungen zu haben, so war es, weil er ihr Schutz gewähren sollte

gegen alle -- --

=Hasselstein= [ihn abwehrend unterbrechend]. Sie wird deinen reinen

geachteten Namen in den Schmutz ziehen -- das weiße Tuch wird schwarz,

wenn es mit Ruß in Berührung kommt, nicht der schwarze Ruß weiß vom

Tuche. [Vorwurfsvoll.] Du denkst immer zuerst an sie -- erst hierauf an

deine Mutter.

=Hans Georg= [ihre Hände ergreifend]. An wen könnte ich mehr denken als

an meine Mutter, aber siehst du, Berta ist bereit mir alles zu opfern, mit

mir bis an das Ende der Welt zu ziehen, falls wir das Heim, das erhoffte

Glück nicht bei dir, nicht in der Heimat finden können. Sie will gerne

das schwere Leben eines Forschers in fremden Erdstrichen mit mir teilen,

sie opfert mir willig Heimat, die Annehmlichkeiten der civilisierten

Länder mit ihren Vergnügungen, ihren reichen Abwechselungen -- und du,

ach, du willst deinem Sohn nicht einmal die Kringhäusler und ihre nichtige

Meinung aufopfern!

=Hasselstein= [besorgt]. Du sprichst von neuen Forschungsfahrten -- wärest

du imstande mich wieder zu verlassen, mich neuem Kummer, neuen Sorgen

auszusetzen?

=Hans Georg= [weich]. Wie gerne, wie innig gerne verbliebe ich bei dir,

doch du selbst schickst mich wieder hinaus in die weite Welt. Auch Berta,

liebste Mutter, auch ich, wir beide haben gleich dir Anspruch auf Freude,

auf Glück, auf eine sonnige Zukunft. Wäre mein Lieb' ein schlechter

Charakter, ein leichtsinniges Mädchen, so würde ich nie ein solches

Opfer, eine Ueberwindung von dir begehren -- aber einem Vorurteil allein

kann ich nicht das Glück und die Zukunft eines ganzen Daseins opfern.

[Weich.] Zieh' mit uns, Mutter verlasse Kringhausen und in einem fremden

Orte -- unsere Heimat ist groß -- wollen wir ein neues Heim uns gründen.

=Hasselstein= [müde]. Gerüchte erreichen auch entfernte Orte.

=Hans Georg= [ihre Hände mutlos fallen lassend]. Du liebst die

Kringhäusler mehr als deinen Sohn! [Nach düstern Schweigen leise.] Es

sei, Mutter, wie schwer mir der Abschied auch wird, wie hart der Schlag,

der meine schönsten Hoffnungen vernichtet, mich auch getroffen. [Fester,

lauter.] Noch gibt es Völker, wo mein Name, meine Persönlichkeit

allein genügen werden, dem Weibe, das ich liebe, das ich zu meiner

Lebensgefährtin erwählt habe, Achtung zu verschaffen. [Er entfernt sich

mit gesenktem Haupte etwas von Fr. H.]

=Hasselstein= [nach einer peinlichen Pause]. Hans Georg!

=Hans Georg= [sich müde umwendend]. Mutter!

=Hasselstein= [die Hände nach ihm ausstreckend]. Komm' zu mir, mein

Kind! [Er sinkt langsam wieder vor der Mutter in die Knie und hält sie

umschlungen.] Kannst du nur mit Berta glücklich werden?

=Hans Georg= [ernst]. Ja, Mütterchen, mit ihr allein!

=Hasselstein= [weich und mit tränenerstickender Stimme indem sie ihn an

sich zieht]. Mein Liebling, ich kann eine neue Trennung nicht ertragen,

ich kann dich nicht wieder in die Fremde ziehen lassen -- ich muß daher

wohl -- [sie küßt ihn].

=Hans Georg= [jubelnd]. Mama! O du mein süßes, o du mein geliebtes

Mutterl --

Die Kringhäusler: Drama in drei Akten · 第 12 / 20 题