=Hasselstein= [macht eben die letzten Aufzeichnungen in sein Notizbuch als
der Vorhang aufgeht. Nach einigen Sekunden schließt er es und macht einige
Schritte auf die Mitte der Bühne zu]. Das wäre getan! [Er zieht seine
Uhr aus der Tasche.] Wie, schon so spät? Da heißt es frisch zulangen soll
unser Depôt und Winterobservatorium fix und fertig sein, wenn die Kollegen
von ihren Streifzügen heimkehren. [Er macht sich rechts an die Arbeit,
schleppt von hinter den Kulissen große Eisblöcke herbei und beginnt sie
aufeinander zu bauen und mit Schnee, den er zusammenfegt, zu befestigen.
Während er eifrig arbeitet und das Schneehaus immer größer wird, spricht
er, sich manchmal auf Augenblicke unterbrechend um auf die wechselnden
Lichteffekte zu schauen.] Wie die Stunden fliehen und doch -- wie weit von
mir scheint die Vergangenheit! [er schüttelt wehmutsvoll das Haupt].
Zwei Jahre sind es nun, daß ich der Heimat den Rücken gekehrt [er baut
schweigend einige Sekunden]. Wirklich nur zwei Jahre? Ist mir's doch, als
seien Jahrzehnte seit dem Augenblick verflossen, wo -- [er schleppt einige
Eisstücke herbei]. Genug! Siebenhundertunddreißig Tage trennen mich von
jener Stunde, in welcher mein Blick zum letztenmal in den ihren getaucht.
Was wunder übrigens, daß die Zeit so lang mich deucht, denn die Zahl
der Eindrücke und nicht der monotone Schlag der Stunden machen ja ein
Menschenleben aus. Und ich -- ich hatte Eindrücke -- [er hält einen
Augenblick inne und blickt, die Augen mit der Hand beschattend, forschend
auf das Meer] -- und was für Eindrücke, barmherziger Himmel! Erst
die ungestümen Reisevorbereitungen, die ununterbrochenen Kämpfe, die
feindselige Haltung der guten alten Seelen daheim -- oh, die armen,
entsetzten, aus dem Gleichgewicht gebrachten Kringhäusler! -- [er lacht
plötzlich laut auf] -- wenig fehlte, daß man mich nicht mit Gewalt
in eine Irrenanstalt sperren ließ, denn ein klardenkender Mensch -- ein
Individuum, mit vollem Gebrauch der fünf von Mutter Natur so gnädig
verliehenen Sinne -- kann sich nicht willig einer Südpolexpedition
anschließen, das ist Wahnsinn, himmelschreiender erbarmenerweckender
Wahnsinn! [er lacht wieder]. Arme Kringhäusler, sie müssen immer auf
dem breiten, wohl ausgetretenen Pfad dahinhumpeln, -- daß man sich eigene
Pfade brechen kann, das verstehen sie nicht und billigen noch weniger. Wenn
die ganze Gemeinde an Hinzens Kuhstall vorbei zur Kirche geht, warum sollte
da ein Pfarrkind einen anderen Weg einschlagen? Das ist Ketzerei! [er
baut eine Weile schweigend weiter]. Ach, dann kamen die Aufregungen
des Abschieds, -- von Berta -- von Mama -- von der lieben Heimat -- ein
Abschied, der möglicherweise Trennung auf immer bedeuten konnte, hierauf
die lange eintönige Fahrt, ein schläfriges Rollen und behagliches
Dahinträumen, geschaukelt von leise plätschernden, tiefblauen
Wassermassen, unter einem heißen, wolkenlosen Himmel -- [er schaufelt
eifrig den Schnee zusammen]. Ja, wer noch einmal, ein =einziges= Mal solche
Wärme empfinden dürfte. Und eines schönen Tages waren wir in Neuseeland
mit seinen Geysirn, Wasserfällen, tropischen Wäldern, riesigen
Eukalyptus, seinen flügellosen Vögeln, und den schneegekrönten und
gleichzeitig feuerspeienden Bergen. Welche Pracht! [er bildet das Dach
seiner Hütte]. Allzu kurze Rast gefolgt vom gefahrvollen Tummeln auf
kalter, sturmgepeitschter See, das langsame Sichnähern der endlos
scheinenden Eisbarrieren, schließlich ein kurzer Ausflug auf die
verödeten Kerguelen und zuletzt [er blickt wieder sinnend auf das Meer]
die eigentliche Antarktis, das Ueberwintern in eisstarren Zelten, während
sich draußen die endlose, düstere Polarnacht, mit all' ihren Schrecken
und Leiden auf uns herabsenkte und wir bei kümmerlichem Thranlicht ein
mattes Scheinleben führten, hie und da unterbrochen von den Beobachtungen
im Freien bei einer Temperatur von durchschnittlich 52 Grad Celsius unter
Null! [er arbeitet einige Sekunden wieder schweigend, während das Licht
langsam abnimmt, hierauf wieder frischerer, munterer]. Nichtsdestoweniger
hat selbst das Leben hier seinen Zauber, so mitten in einem noch
unerforschten Teile unserer Erdkugel, wo Tiere und Vögel im Menschen
noch nicht ihren Feind zu sehen gelernt haben, wo er in ihr Tun und Lassen
freien Einblick gewinnen kann, hier -- wo seltene Lichteffekte das Auge
stündlich entzücken, wo eine Entdeckung der anderen auf dem Fuße
folgt, wo ungeahnte Horizonte sich dem begierigem Geiste offenbaren! [er
verbessert sein Werk da und dort] Neue Horizonte! Ach, wenn diese mich
nur auch großmütiger im Beurteilen anderer machen würden! Mutterl, du
liebes, gewiß tat ich dir oft Unrecht, wenn unsere Anschauungen nicht
harmonierten. In Zukunft, da muß unser Zusammenleben ein besseres sein,
denn ich habe alles aufgeboten um alle kleinlichen einseitigen Begriffe,
alles falsche Beurteilen loszuwerden. Das liebe Mütterchen wird wohl
auch einsehen gelernt haben, daß man nicht nur als Gymnasialprofessor in
Kringen sein Glück machen kann und die lange Trennung, die ja so leicht
eine ewige werden kann, hat gewiß auch ihre Skrupel, meine Heirat mit
Berta betreffend, gemildert. Sie hat Zeit gehabt Berta zu prüfen -- meine
Worte in Erwägung zu ziehen -- ja, ja, die Mutterliebe wird, sie muß
siegen [er verbessert das Innere der Schneehütte]. Alle lächerlichen
Vorurteile, alles Hängen am Zopf wird mutig über Bord geworfen und
da wollen wir drei -- Mama, Berta und ich -- ein Heim gründen, dessen
Grundpfeiler gegenseitige Nachsicht und unbegrenzte Liebe sind. Alle meine
Tage will ich der Verbreitung freisinnigerer Anschauungen, milderem Denkens
widmen. Nieder mit allem kleinlichen Huldigen äußeren Scheins! Der Kern
allein soll gelten, nicht die Schale. [Das Schneehaus ist nun ganz fertig,
er betrachtet sein Werk und ruft jubelnd aus:] Hurra! Vollendet ist das
große Meisterwerk! [ernster.] Möge es mir einst gelingen den Kampf
gegen alle kleinlichen Vorurteile, gegen alle beschränkten, feindseligen
Anschauungen daheim zu ebenso befriedigendem Abschluß zu bringen -- da
Berta, mein Liebling, soll dein Unglück dich nicht länger niederbeugen
-- nein, treues, edles Herz, kein Mensch soll länger scheu vor dir
zurückweichen. An meiner Seite sollst du stolz erhobenen Hauptes
dahinschreiten und zuversichtlich in eine sonnige Zukunft blicken. Und du,
mein liebes Mutterl, du sollst in mir den zärtlichsten Sohn, in Berta
die liebendste Tochter finden und dazu bedarf es nur eins: Die lieben
Kringhäusler ein wenig -- abzuschütteln!