Gebrüder Sturm

Das war ein böses Ungewitter! Der Sturmwind hatte sein ganzes Orchester

aufgeboten; er sauste und brauste, heulte und winselte, pfiff und

klirrte durch Stadt und Land und über die Bergwälder. Auf den

Schornsteinröhren pfiff er wie auf Klarinetten, er harfte in den

Telegraphendrähten, rasselte mit den blanken Barbierbecken wie mit

Schellenbäumen, klirrte mit den Fensterflügeln, die er auf und zu warf,

winselte an den Ritzen und Schlüssellöchern der Türen, raufte brausend

den Bäumen den dichten Haarschopf des Blätterwerks und heulte um die

Dachgiebel und kreischenden Wetterfahnen. Er balgte sich mit großen

Papierfetzen, die er bald hoch emporwirbelte, bald am Boden

dahinschleifte, er kollerte den runden Hut des alten dicken

Gerichtsrates einen Kilometer weit fort, hielt ihn an und blies ihn

hohnlachend weiter, sobald sich der Herr Rat schnaufend bückte, bis er

ihn endlich mit einem kühnen Wuppdich ins Wasser warf. Er drehte Tante

Juliens Regenschirm vollkommen um, so daß es aussah, als wollte die gute

Tante zum Himmel hinauffliegen, und dem Registrator, der am Fenster

stand und darüber lachte, warf er plötzlich einen Blumentopf durch die

Scheiben, und da lachte er nicht mehr.

Ja, so war es, und dazu kam der Regen, der den wilden Sausewind in all

seinen Schandtaten kräftig unterstützte, und die beiden hatten es

fertiggebracht, daß die Straßen der Stadt wie ausgestorben waren und die

Kinder die Nasen gegen die Fensterscheiben drückten, um zu sehen, ob

denn der graue Himmel sich nicht endlich lichten wolle, denn mit dem

Herumtollen draußen war es nichts. -- Am Abend aber trippelten sie doch

mit flatternden Mänteln und wehenden Halstüchern hinüber zum alten Hause

des Doktor Ulebuhle, denn das war just das rechte Wetter, um eine gute

Geschichte zu hören, besonders wenn man eine Tasse süßen Tee dazu

trinken konnte.

Der alte Ulebuhle hockte in Schlafrock und Filzschuhen in seinem noch

älteren Lehnstuhl, rauchte wie ein Postdampfer aus seiner langen Pfeife

und knurrte dann und wann, denn das Zipperlein plagte ihn bei solchem

Wetter und zwickte und zwackte in seinen alten Knochen.

«Kinder,» sagte er knurrig, «das ist ein Tausend-Teufel-Wetter, und der

Sturm wirft mit Dachziegeln und Blumentöpfen nach anständigen Leuten. Da

sitzt es sich gut in der warmen Stube bei einem gemütlichen

Schnickschnack. Aber draußen in der weiten Welt geht es noch ganz anders

her mit dem Unwetter, und was ein richtiger Seemann und Wandergesell

ist, der ferne Länder und Meere gesehen hat, der lacht über die Mütze

voll Wind, vor der wir Stadtmenschen uns in unseren Höhlen verkriechen,

denn was so ein echter Sturm ist, das wissen wir gar nicht. Seht,

Kinder, es geht den Menschen so ähnlich wie den Fischen in der

Meerestiefe. Die haben um sich und über sich den Wasserozean, und wir

haben über uns den Luftozean und leben auf seinem Grunde. Und wie der

Fisch auf dem Trockenen ersticken muß, so wir, wenn man uns aus dem

lufterfüllten Raum herausnehmen würde. Und wie im Meere gewaltige

Strömungen sind, so im Luftmeer. Die Sonne aber ist es, die diese

Luftströmungen macht. Sind sie gering, so nennen wir sie Wind, und sind

sie stark, so heißen sie Sturm. Die Sonne erhitzt die Luft in heißen

Ländern, und dann wird sie leicht und steigt empor, und von allen Seiten

strömt dann die schwerere kalte Luft herbei, und so entstehen Wind und

Sturm. Wenn man in einem ganz schnell fahrenden Eisenbahnzug sitzt, dann

saust man in jeder Sekunde fünfundzwanzig Meter dahin, die Stürme aber

rasen mitunter fünf- und sechsmal schneller über die Erde, und dann

zerstören sie alles, was Menschen geschaffen haben, und sind gefährliche

Bösewichter. Davon aber will ich euch heute etwas erzählen. Rückt näher

herzu und spannt eure Lauscher weit auf, denn jetzt kommt die Geschichte

von den Stürmen!

Die wilden Brüder Sturm sahen sich das ganze Jahr nicht. In allen fünf

Weltteilen wirbelten sie umher und plagten die Menschen, aber an einem

ganz bestimmten Tage kamen sie zu einer Familiensitzung zusammen, und

dann war es ruhig in der Luft, kein Blättchen regte sich, und die

Matrosen auf den großen Segelschiffen, die weit herüber fahren nach

Westindien, brannten sich behaglich die Tonpfeifen an und freuten sich,

daß sie nicht viel zu tun hatten. Immer an diesem Tage im Jahre kamen

die Winde zusammen. Sie trafen sich auf dem Berge Demawend, tief unten

in Persien, der über viertausend Meter hoch in den Himmel strebt. Da war

eine gewaltige Höhle tief in den Felsen eingegraben, um den die Wolken

zogen wie Vögel um den Kirchturm. Am frühen Morgen schon war der erste

der Gebrüder Sturm erschienen. Es war der _Samum_ oder Sandsturm. Der

hatte es nicht weit. Er kam geradenwegs aus der heißen Wüste Afrikas,

der Sahara, und war quer über das Mittelländische Meer geflogen. Die

Perser, die da drunten umherwanderten mit ihren großen Lammfellmützen,

wunderten sich, wie warm es plötzlich wurde, denn der Samum brachte

einen ganzen Strom Sonnenglut aus seiner heißen Heimat mit und

schüttelte gelben Wüstensand aus seinen mächtigen Schwingen, so daß die

ganze Luft davon erfüllt war und ihn die Perser zwischen den Zähnen

knirschen fühlten.

Wie der leibhaftige Teufel fuhrwerkte er in die Höhle des Demawend

hinein. »Bei Allah!« schrie er, »welch eine Hundekälte ist hier oben.

Nicht zum Aushalten. Da lob' ich mir meine Wüstensonne und den schönen

heißen Sand, in dem sich Löwen und Schakale sonnen und die Schlangen

ihre Eier ausbrüten. Welch ein elendes Loch das ist! Außerdem bin ich

wieder der Erste am Platze. Eh die anderen Kerle kommen, werde ich einen

schönen Schnupfen weg haben.«

Darauf schlug er seine breiten Schwingen wie einen Mantel um sich,

kauerte verdrießlich in der äußersten Ecke nieder und träumte vor sich

hin.

Gegen Mittag rauschte und brauste es in der Höhe, als seien tausend

Teufel losgelassen. Die Wolken jagten Sturmvögeln gleich von dannen, der

Regen prasselte wie ein Trommelwirbel, der Donner rollte wie

Geschützfeuer von hundert Kanonen durch die Berge, und der flammende

Strahl des Blitzes zuckte blendend von den Wolken zur Erde. Inmitten

eines grauslichen Hagelschauers kam der zweite der Brüder angefegt, der

_Orkan_ oder Gewittersturm.

Lachend und Regen und Hagel wie einen Gießbach von seinen bleigrauen

Flügeln schüttelnd, tobte er in die Höhle hinein. »Pfui Teufel,«

schnauzte er, »was für eine vermaledeite staubige Luft ist hier drinnen.

Beim Vater aller Meere, da wird einem ja die Kehle trocken!«

Da erkannte er endlich den Samum in seiner dunklen Ecke. Er stürmte auf

ihn zu. »Bruderherz,« schrie er mit donnerndem Lachen, »da bist du ja,

altes Wüstensandfaß! Zum Millionen-Donnerwetter, daher die Stickluft!

Aber es macht nichts, sei mir gegrüßt, Sohn der Sonne!«

»Bei Allah und den Propheten, bleib' mir vom Leibe,« zischte der Samum,

»welch ein Betragen! Dieses Gepauke und Geblitze, diese Flut von Wasser.

Es ist gräßlich. Du riechst nach Fischen und Teer! Bleib' mir vom Leibe,

du weißt, ich kann die Nässe nicht vertragen. Das nächste Mal werden wir

uns bei mir im Lande treffen, damit du erst einmal trocken wirst.«

Der Orkan lachte gutmütig. »Du bist noch immer der alte Ofenhocker, mein

Junge,« sagte er, »die ganze Bude hier ist voll Wüstensand, und man

sieht nachher wieder aus wie ein Mehlsack, wenn man ins Freie kommt!«

So nörgelten sie noch eine ganze Weile miteinander, bis ein immer

stärker werdendes Geräusch ihnen die Ankunft des dritten Bruders

anzeigte. Der kam näher und näher, und erschreckt flohen die Menschen

drunten in ihre Häuser. Es brüllte in der Luft und rauschte, als wälze

sich ein ganzer Ozean heran. Der Himmel war nach Osten zu schwefelgelb,

und von Westen her kam eine ungeheure schwarze Wand herangebraust, aus

der ein Wolkentrichter bis auf die Erde reichte. Dieser Trichter drehte

sich mit rasender Geschwindigkeit, und er saugte alles in sich hinein,

über das er hinwegzog, Sand und Kräuter, Dachziegel und Wasserpfützen,

und was nicht mitging, das brach er krachend ab, so daß die Bäume unter

ihm zusammenknickten wie Zündhölzer. Der _Tornado_ oder Wirbelsturm war

es, der verheerend daherkam. Nun aber hatte er die Höhle erreicht, und

wie aus der Kanone geschossen, fuhrwerkte er hinein.

Sein Ungestüm war derart, daß der Samum aus seiner Ecke fortgeweht wurde

und heulend bis an die Decke der Höhle flog. Den Orkan aber drehte es

wie einen Kreisel rundum und kollerte ihn in einen Winkel.

»Himmelhund!« fluchte er, »das sind wohl amerikanische

Ringkämpfermanieren! Laß das, zum Teufel!«

Der Samum heulte wie ein Schakal vor Wut und spie eine wahre Flut

arabischer Schimpfworte gegen den groben Bruder. Der aber lachte in

tiefem Baß wie ein Bär aus vollem Halse und schrie ein über das andere

Mal:

»_Good day, my dear brothers!_«[6] Denn er war ein echter Amerikaner und

kam eben aus Kalifornien herüber.

Seine Brüder aber schimpften noch lange mit ihm herum, und es war ein

Höllenspektakel in der Höhle. Der Tornado aber machte sich nicht viel

daraus, rauchte sich eine kurze Stummelpfeife an und schnitzte zum

Zeitvertreib mit seinem Taschenmesser aus einem Eichenstamm, der sich

zwischen seinen Flügeln festgeklemmt hatte, Zahnstocher.

Gegen Mittag, wo es sonst schön warm war im Perserlande, kühlte es sich

plötzlich stark ab. Es wurde kälter und kälter, die Sonne verschwand,

und hoch droben bildeten sich niedliche Federwölkchen, die aus lauter

Eisnadeln bestehen. Dann aber fing es in der Höhe an zu schneien, erst

langsam, dann immer stärker, und endlich kam mit einem eisigen Winde,

der das Blut in den Adern gefrieren machte, ein undurchdringliches

Schneetreiben, so daß man keine fünf Schritte weit sehen konnte. Aus

weiter Ferne kam der vierte Bruder daher, der _Blizzard_ oder

Schneesturm.

Er war der älteste der Gebrüder Sturm. Weiß waren Haar und Bart, lange

Eiszapfen hingen daran herunter, flimmernde Schneemassen bedeckten seine

Flügel, und Eisklumpen hingen an den Füßen. Wo sein Atem hinkam,

erstarrte alles Leben. Gemächlich trat er schnaufend in die Höhle.

»Seid mir gegrüßt, Brüder, in der Höhle des Demawend!« sagte er und

schüttelte den Schnee von seinem Körper.

Die Höhle war urplötzlich mit eisiger Kälte gefüllt, und sofort jammerte

der Samum wieder los: »Beim Barte des Propheten, du hast hier noch

gefehlt! Welch eine entsetzliche Kälte. Ich komme um!« Damit kroch er in

eine Felsspalte, um sich nach Möglichkeit vor dem erstarrenden Hauch

seines Bruders zu schützen. Auch der Orkan brummte über den Eisbären,

denn sofort gefror das Regenwasser, das noch von seinen Flügeln tropfte.

»Meine Brüder,« sagte der Blizzard, »laßt uns nicht miteinander hadern!

Wir sehen uns das ganze Jahr nur einmal und müssen unsere Eigenheiten

ertragen. Die trockene Hitze und den Sand des Samum, das Donnerwetter

und die Regengüsse des Orkan, das alles zerbrechende Ungestüm des

Tornado und meine Kälte- und Schneemassen, das alles ist den anderen

Brüdern unangenehm, aber wir haben eben jeder ein anderes Handwerk und

leben in verschiedenen Ländern, und so müssen wir aufeinander Rücksicht

nehmen. Laßt also den Streit. Wir haben wichtigeres vor. Ihr wißt, daß

ich als der Älteste von uns Vieren am Neujahrstage dem alten Wettergott

über unser Tun und Lassen Bericht erstatten muß. Es sind wieder bittere

Klagen über uns eingelaufen. Die Menschen haben sich bei Petrus über

alle möglichen Zerstörungen beschwert; Neptun, der Beherrscher der

Meere, war sehr wütend auf uns, und Flora und Fauna, die Beschützerinnen

der Pflanzen- und Tierwelt, klagen über Verwüstungen der Gebrüder Sturm

in allen Zonen. Ich sehe schon, es wird ein ganzer Sack voll

Anschuldigungen gegen uns einlaufen, und wir müssen sehen, wie wir's am

besten wieder ins reine bringen. Vor allem aber berichtet nun über eure

schlimmen Taten, denn es ist besser, ich weiß Bescheid und kann gleich

meine Entschuldigungen vorbringen!«

»Den Menschen kann man es nie recht machen,« brummte der Orkan. »Schläft

man oder bläst man zu wenig, so klagen sie, daß das Korn nicht wächst

und die Bäume keine Früchte tragen und die Segelschiffe nicht vorwärts

kommen und die Windmühlen stillstehen. Tut man mal einen ordentlichen

Schnaufer, so ist es ihnen auch nicht recht. Da sollen sie sich halt das

Wetter selber machen!«

»Ja, so ist es,« sagte der Tornado. »Die Menschen sind undankbar, und

Flora ist eine zimperliche Jungfer, die über jedes abgeknickte Bäumchen

anfängt zu greinen!«

»Macht euch nicht besser als ihr seid, ihr wilden Burschen,« entgegnete

der Blizzard. »Mir macht ihr nichts vor! Als ich noch jung war, trieb

ich's ebenso. Aber nun wollen wir nicht unnötig Zeit verlieren!

Berichtet eure Schandtaten!«

Da hockten die vier Winde in der Mitte der Höhle des Demawend nieder,

und der Jüngste von ihnen, der Samum, hub an zu erzählen:

»Eines Tages ging nicht alles wie es sollte, und die Menschen hatten da

wohl recht, über mich zu klagen, aber es geschah nicht mit Absicht. Ich

lag auf dem Berge Mogodom, in der Oase Kauar, und schlief. Unter mir

dehnte sich weit in die Ferne das mächtige Sandmeer der Wüste Sahara.

Die Sonne brannte unbarmherzig nieder. Die Steine waren so heiß, daß sie

die Gräser versengten. Schlangen und Krokodile lagen träge und mit

offenen Mäulern da, und ein alter Löwe, den die Hitze aus dem heißen

Sande vertrieben, träumte neben mir im Schatten eines dürren

Dattelbaumes. Der stinkende grüne Tümpel der Oase, in dem die Krokodile

faulenzten, dampfte vor Hitze. Es war totenstill ringsum.

Am Nachmittag, als die Sonne sich senkte, wachte ich auf. Der Löwe neben

mir, die Schlangen im Sande, die Krokodile im Tümpel schliefen noch

immer, und es war furchtbar langweilig. Da sah ich weit in der Ferne

eine Kette dunkler Punkte ganz langsam im heißen Wüstensande

dahinschleichen, und die Neugierde trieb mich, zu sehen, was es sei.

Zudem war es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen. Es war seit Wochen

glühheiß und trocken, alles verdorrte. Ich mußte ein wenig mit dem

großen Quirl im Luftmeer herumrühren, vom Meere her Feuchtigkeit

herzutragen, vielleicht daß es mir gelang, einen Regen zusammenzubrauen.

Da erhob ich mich denn gegen Abend, breitete die Flügel aus und

schwirrte davon, der Kette von Punkten zu, die noch immer in der Ferne

langsam dahinkroch.

Gewaltige Massen glühendheißen Staubes und Sandes rissen meine Schwingen

mit. Die ganze Luft war davon erfüllt, so daß der Himmel tiefgelb

erschien und die Sonne einen rostroten Schein annahm. Alle Tiere krochen

in ihre Höhlen, und als ich nun jener Punktreihe näher kam, sah ich, daß

es eine Karawane von Kaufleuten war; zehn Kamele führten sie mit sich,

und nebenher ritten Beduinen in weißen Mänteln. Als sie mich in der

Ferne in meinem rotgelben Staubschleier dahinstürmen sahen, warfen sie

sich nieder in den Wüstensand, der unabsehbar, in lauter Wellen sich

türmte, bis fern am Horizont. Die Kamele drängten aneinander und ließen

sich nieder auf die Knie, und zwischen ihnen lagen die Menschen, das

Gesicht zum Erdboden gewendet. Ich aber brauste über sie dahin wohl drei

Stunden lang, dem Meere zu, und achtete ihrer nicht. Hätte ich gewußt,

daß der glühendheiße Atem sie ausdörrte, daß der unaufhörlich auf sie

niederrieselnde feine Sand sie begrub, ich hätte einen anderen Weg

genommen. Wer kann wissen, daß die Menschen so empfindlich sind, und

weshalb wagen sie sich in das Sandmeer, wenn sie so leicht darin

zugrunde gehen!

Ich aber schwirrte weiter und weiter, über die tripolitanischen Berge,

über Tunis und die immergrüne Oase Biskra, über die weißen Häuserreihen

der Stadt Constantine, und überall, wo die Menschen mich kommen sahen,

wo mein Staubmantel die Sonne rostbraun färbte, das Klingen und Singen

der Milliarden wirbelnder Sandkörnchen in der Luft Botschaft brachte vom

Wüstensohne Samum, da eilten sie erschreckt in die Hütten und Häuser.

Bei Sonnenuntergang stand ich am Ufer des Mittelländischen Meeres. Der

Staub war meinen Flügeln entglitten, und ich war müde. Ich war an der

Grenze meines Reiches und meiner Macht. Ich verschnaufte ein wenig und

kehrte um. Der Mond stand schon am Himmel, und bleich lag das Sandmeer

der Wüste vor mir, als ich wieder jene Stelle kreuzte, an der ich der

Karawane begegnet war. Ein verwehter Hügel nur war erkennbar, aus dem

die Gebeine der schwer beladenen Kamele herausschauten und da und dort

das Gesicht eines Menschen starr und grünlich im Mondenschimmer

leuchtete.«

Der Samum schwieg.

»Da hast du etwas Schönes angerichtet, Lausbub,« sagte der alte Blizzard

und strich den vereisten Bart. »Man hört selten etwas Gutes von dir.

Überall in der Sandwüste bleichen die Gebeine von Menschen und Tieren,

die dein heißer Atem erstickt hat, die du lebend im heißen Sande

begrubst. Am besten wäre es, der Wettergott gerbte dir tüchtig das

Fell!«

Da zog sich der Samum gekränkt in eine Felsenspalte zurück und murmelte

unverständliche arabische Flüche vor sich hin. Dann aber nahm sein

Bruder, der Orkan, das Wort.

»Ich,« sagte er, »habe das ganze Jahr hindurch meine Plage. Bruder Samum

haust in wenig bewohnten Gegenden, und bei ihm geht es das ganze Jahr

gleichmäßig zu. Er ist ein Faulenzer. Ich aber habe alle Hände voll zu

tun, und in meinem Reich sind große Wälder und Felder und Städte und

Meere mit vielen Schiffen. Blas' ich zu wenig, laß ich's nicht genug

regnen, dann ist die Ernte schlecht. Dreh' ich den Wasserhahn mal

ordentlich auf und schnaufe mal so recht aus voller Brust und blitze und

donnere, dann geht wieder alles zum Teufel auf den Feldern, und die

Bauern laufen gleich in die Kirche und beschweren sich beim

Himmelsvater. Am schlimmsten aber sind die Schiffer! Da fahren sie mit

ihren Nußschalen auf dem großen Weltenmeer herum, und wenn man sie mal

mit dem Frackschoß streift, gleich ist das Unglück fertig! Das tollste

ist mir im Frühjahr passiert. Ich saß gemächlich ein paar Wochen im

Riesengebirge und spielte mit dem alten Rübezahl Karten. Auf einmal

kommen ganze Stöße Beschwerdebriefe, wo denn der Wind bliebe, und der

Regen. Die Baumblüte sei in ganz Europa, aber der Wind fehle, der den

feinen Blütenstaub von Blume zu Blume trage und sie befruchte, damit der

Herbst auch Äpfel und Birnen und Kirschen bringe. Zudem sei es

staubtrocken in Gärten und Ackern.

Herrgott, sage ich zum alten Rübezahl, ich muß schleunigst fort. Er

schimpft wie ein Starmatz, denn er hat gerade alle vier Asse in der

Hand, ich aber werfe die Karten hin und huiii hinaus, über die Berge,

und hinein ins Land.

Anfangs ließ ich mir noch etwas Zeit, ich fuhr fünfzig Kilometer in der

Stunde; als ich dann aber unten einen Schnellzug sah, der mich

überholte, da breitete ich die Schwingen und legte gewaltig zu, so daß

der Schnellzug bald weit hinter mir zurückblieb. Und als ich so über

Deutschland dahinschwebte, da sah ich denn, daß die Frau Sonne mal

wieder eine Seite im Kalender überblättert und viel zu stark eingeheizt

hatte für die Jahreszeit. Die jungen Bäumchen ließen in ihrem Durst die

Ohren hängen, und die Blumen sahen blaß und kränklich aus. Da trieb ich

mir dann den Wasserdunst, der reichlich aus Meeren, Seen und Flüssen

aufstieg, zusammen, trieb ihn empor, kühlte ihn ab und schuf die

schönste, graublau und weiß gemusterte Wolkendecke, so daß die Sonne

ihre Strahlenpfeile nicht mehr herniedersenden konnte auf die

verschmachtende Erde. Und dann ließ ich es so ganz langsam und bedächtig

trippeln und tröpfeln.

Unten, in den Dörfern, standen Bauer Jochen und Krischan Päsel, nahmen

die Piepe aus dem Munde, nickten bedächtig mit dem Kopfe und sagten:

»Man tau! Dat is höchste Tid!« In der Stadt schimpften natürlich wieder

ein paar vornehme Damen, daß ich die Spitzenkleider und die neuen

Sommerhüte ruiniere. Auch eine Schar Kinder, die mit Lehrer Meier einen

Schulausflug machte, erhub ein zorniges Geschrei. Sie streckten die

Zungen heraus, zu den Wolken empor und sagten: »Sechs Wochen war

Sonnenschein; heut natürlich gießt es Feuereimer!«

Bauer Jochen und Krischan Päsel aber standen noch immer da unten,

pafften ihren Kanaster, spuckten links und spuckten rechts und sagten:

»Dat is vör de Katz! Man en beten döller!«

Kann man's den Menschen recht machen? Da wurde ich ärgerlich, drehte

alle Schleusen auf und ließ es gießen wie am Sintfluttage. Und dann

kramte ich die alte Donnerbüchse raus und die Hageltrommel und

musizierte ein Gewitter, daß es eine Lust war. Die Menschen in den

Städten rannten wie besessen, als ich so daherpfiff. Tante Jules

falscher Zopf, Lehrer Meiers neuer Hut und die zum Fenster

herausgeflogenen Gardinen der Frau Wirklichen Geheimen Staatsrätin

wirbelten mitten auf dem Schillerplatz einen steirischen Dreher, und

alle Regenschirme schnappten über vor Vergnügen. Der Volksgartenwirt,

der so dick war wie ein Weinfaß, war puterrot vor Zorn. »Herr des

Himmels,« schrie er, »wer wird nun heut' abend kommen, mein schon etwas

saures Bier und die schon nicht mehr frischen Hammelbraten essen? Ich

bin ein geschlagener Mann!« Die Droschkenkutscher und Schirmflicker aber

jubelten: »Immer feste! Das gibt Geld in den Beutel!«

Wem kann man's recht machen?

Während ich so über das Festland dahinzog, über Oder und Elbe, über

Weser und Rhein und die Wälder erfrischte, die Saaten tränkte, die heiße

Stickluft aus den Städten jagte, hatte ich aber nicht genug acht auf die

See. Kann man seine Augen überall haben, gleichzeitig Obacht geben auf

den falschen Zopf der Tante Jule, die Birnbäume in Jochens Garten und

den Frachtdampfer >Nordstern<, der da von Schweden nach England

unterwegs ist und sich den Klippen nähert? -- Ich brauste dahin mit

Blitz und Donner, die Sonne war schon untergegangen, die blaugrauen

Wolkenmassen hingen tief hernieder, man sah keine tausend Meter weit.

Den Menschen auf ihrem Schifflein wurde es unheimlich. Meine grellen

Blitze schienen Himmel und Erde in Brand zu setzen, der Donner rollte

und grollte zwischen den Wolkenwänden wie die zürnende Stimme des Herrn

der Welt. Ich peitschte die graugrünschillernden, sich überschlagenden

Wogen, die mit wildem Trotz, mit weißen Häuptern gegen mich ankämpften,

und brauste über die weite Wasserfläche, doppelt so schnell als die

schnellsten Kriegsschiffe der Menschen. Ich pfiff und heulte mein

Kampflied gegen das alte, widerspenstige Meer und brachte es in Wut und

Aufruhr, und zu spät erst entdeckte ich plötzlich in der Ferne die roten

und grünen Signallaternen des >Nordstern<. Der arbeitete mit aller Macht

seiner Maschinen gegen mich an. Aus seinen Schornsteinen quoll wie

Schafwolle der dicke schwarzbraune Qualm. Zuweilen hob eine Riesenwelle

das Hinterteil des Schiffes weit aus dem Wasser, und die Flügel der

blanken Schiffsschrauben rasselten dann in der Luft, daß man glauben

konnte, das ganze niedliche Spielzeug würde zerbersten wie die Spieluhr

eines Knaben, die von hoher Felsenwand in eine wilde Felsschlucht

stürzt.

Die kleinen Menschlein waren wacker und mutig und arbeiteten aus

Leibeskräften, und man mußte alle Hochachtung vor ihnen haben. Gern wäre

ich ihnen zu Hilfe gekommen, aber es war zu spät! Das Schiff wurde mit

voller Wucht gegen eine Felsenklippe geworfen, nahe der englischen

Küste. Es zersplitterte, lief voll Wasser, kippte auf die Seite. Die

Menschlein wurden fortgespült wie Zündhölzchen. Einige wurden auf die

Klippen geworfen und kamen wohl mit dem Leben davon, die meisten aber

versanken lautlos im tiefen Meer. -- Ich bemitleidete sie, aber ich

konnte ihnen nicht helfen. Es ist das Unglück der kleinen, schwachen

Geschöpfe, daß sie sich mit ihren niedlichen Spielsachen mitten

hineinwagen in den Kampf der Elemente!«

Der Orkan schwieg, und sein alter Bruder, der Blizzard, wiegte

nachdenklich das Haupt.

»Es sind in jener Sturmnacht noch sehr viele Schiffe und Fischerboote

untergegangen, und auch Flora betrauert schweren Schaden, den dein

Ungestüm, vor allem die Hagelwetter in Feld und Garten angerichtet

haben. Du wolltest es sicher gut machen und hast auch Dürre und Hitze

vortrefflich bekämpft, aber dein wildes Balgen mit dem Meer, mit Neptun,

unserem alten Widersacher, hat dich verführt, Rücksichten gegen die

Menschen fallen zu lassen, und das war unrecht. Aber wir sind alle

Sünder, und so ziemt es mir nicht, zu richten.«

»Zu spät erst,« verteidigte sich der Orkan, »bemerkte ich sie, denn mein

Auge hing über halb Europa und dem ganzen Nordmeer. Aber ebensowenig wie

die Menschen ihre Eisenbahnzüge noch eine Minute vor dem Zusammenstoß

aus voller Fahrt zum Stillstand bringen können, kann ich der ungeheuren

Kraft gebieten, im Augenblick zu verwehen wie ein Nichts. Auch der

Mensch muß vorsichtiger sein!«

Plötzlich sprang der Amerikaner auf, der Tornado oder Wirbelsturm. Er

lachte aus vollem Halse, daß es dröhnte, und tanzte einen richtigen

Niggertanz. Dann pflanzte er sich breitspurig vor dem Orkan auf und

sagte: »_Old boy_, du bist der richtige europäische Kleinstädter. Ihr

fangt an zu weinen wie eine zimperliche Jungfer, wenn ihr irgendwo ein

paar Fensterscheiben eingeschlagen habt oder ein alter Frachtkahn

ersoffen ist. _By Jove!_ Wenn die Ameisen sich ausgerechnet da anbauen,

wo die Elefanten spazieren zu gehen pflegen, so dürfen sie sich nicht

wundern, wenn sie da eines Tages ums Leben kommen! Wo geholzt wird, da

fallen Späne! Wir in Amerika denken anders darüber, und wenn ich einmal

meinen wilden Tag habe, so kümmere ich mich den Teufel um die Menschlein

und ihre Werke!«

»Du bist allenthalben als ein übler Bursche bekannt und bringst uns alle

in Verruf, alter Freund,« sagte mißbilligend der Blizzard. »Es nimmt

noch einmal ein schlimmes Ende mit dir!«

»Nur nicht so selbstgerecht, alter Grislybär! Wo du hausest, da haben

die Menschen auch keinen Grund Halleluja zu singen!«

»Macht, daß ihr zu Ende kommt,« schimpfte der Samum, »ich habe Sehnsucht

nach der Sonne Afrikas!«

»Hört mich an, _old boys_! -- Die Menschen sind ein widerspenstiges und

freches Gezücht, besonders da drüben bei mir in den Staaten! Da rühmen

sie sich, die Naturkräfte besiegt zu haben, Meister der Welt zu sein,

diese Knirpse mit ihren Kartenhäusern, ihren blinkeblanken Spielsachen,

die auf dem Meere fahren, auf eisernen dünnen Bändern bis hoch in die

Berge hineinklettern mit ihren piepsenden und pfauchenden Wasserkochern.

Da spannen sie ihre kupfernen Spinnfäden hinaus in alle Lande, und in

letzter Zeit werden sie immer dreister und fahren hoch oben in den

Wolken mit mächtigen aufgeblasenen Würsten und schnurrenden Spindeln

umher. Zudem schießen sie mit künstlichem Blitz und Donner Eisenstücke

in die Luft. Sollen wir uns all das von diesen Ameisen gefallen lassen

und gar noch Rücksicht darauf nehmen? Sie sind unsere Feinde, unsere

Sklaven, und dabei wollen sie _uns_, die Riesen, zu Sklaven machen. Tut,

was ihr wollt! Ich für mein Teil werde diese Zwerge bekämpfen, wenn sie

meine Kreise stören!«

»Alter Bursche, du hast ihnen neulich nicht schlecht zugesetzt, als du

durch ganz Mittelamerika fuhrwerktest. Alle Zeitungen, selbst in Europa,

waren voll von den Verheerungen des Wirbelsturmes! Nun beichte, wie das

war!«

»Gut, Bruder Orkan, das will ich tun, und dann wirst du nicht mehr

weinen wegen der paar Blumentöpfe, die du hier in deinem alten

gemütlichen Europa auf die Straße geworfen hast. -- Ihr wißt, ich mache

es nicht wie ihr, ich _blase_ nicht, sondern da, wo ich am stärksten

wirken will, da _sauge_ ich! Wie ein ungeheurer Elefantenrüssel hängt

mein saugender, ständig wirbelnder Wolkentrichter aus der Höhe nieder,

und alles, was ihm in den Weg kommt, das saugt er schlürfend ein, reißt

er hoch empor, um es irgendwo wieder krachend niederzuwerfen. Was aber

nicht gutwillig mitgeht, das zerbricht meine eiserne Gewalt. Nur schmal

ist das Gebiet meiner Macht, aber dort bin ich auch ein unerbittlicher

Herrscher, der Menschenwerk nicht schont. Die Spur meines Weges ist

sichtbar wie die einer Sense, die eine tiefe, kahle Furche durch das

Kornfeld zog.

Von den Höhen des Felsengebirges, im gesegneten Lande Colorado brach ich

auf. Von Gipfeln, die im ewigen Schnee wie Silber glänzen, stieg ich an

einem heißen Maitage nieder. Langsam zunächst schraubte ich mich durch

die Felsentäler. Hinter mir war der Himmel wie eine Mauer, blauschwarz

und drohend. Die wilden Bergmassen des Felsengebirges boten mir trotzig

die Stirne, suchten meine Wucht zu brechen. Aber meine Kraft wuchs von

Minute zu Minute. Mit der vierfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges

rannte ich gegen die steinernen Wände. Jahrhunderte alte Bäume, dick wie

Tempelsäulen, zersplitterte mein Zorn. Ein Eisenbahnzug, aus der

Kansasebene emporkeuchend zu den Felsen, kam mir in den Weg. Er fauchte

an steiler Wand mit seinen zwei Riesenlokomotiven immer weiter bergan,

unter sich Abgründe mit rauschenden Bergwassern, die über gefallene

Riesenbäume hinwegtobten, die schon zu Zeiten hier lagen, als die

Menschen noch keine Eisenbahnen kannten. Ich rannte gegen das rollende

Spielzeug an, so daß es zu stürzen drohte. Es kreischte wild auf. Die

Bergmassen warfen seinen Schrei tausendfach wieder, aber er ging unter

in dem Dröhnen und Brausen der Luftmassen, die ich durch die

Felsenschluchten schleuderte. Ich duckte mich nieder zu neuem Sprunge,

rannte aufs neue gegen die rollende Schlange. Die Fenster der Wagen

zersplitterten. Da und dort flog ein Wagendach ab und segelte wie ein

Fetzen Papier zur Tiefe. Dann trat der Zug in einen Tunnel ein. Er

hielt! Er gab den Kampf mit mir auf. Nur die letzten Wagen der Schlange

schauten noch aus dem dunklen Felsenloch hervor. Ich hatte nicht Zeit,

ich mußte weiter, aber noch einmal sprang ich ihn an. Fünfmal schneller

als ein Schnellzug warf ich meine breiten Flügel gegen das

Menschenspielwerk. Meine Kraft war so stark, daß ich auf jeden

Quadratmeter mit einer Wucht von fünfzehn Zentnern drückte. -- Rasselnd

wankten die beiden letzten Wagen des Zuges, vollgefüllt mit Gepäck und

Post. Sie stürzten, die eisernen Verbindungen rissen, sie kollerten von

dem glänzenden Schienenstrang herunter, über die Felsenwand hinweg in

die finstere Schlucht. Wie Zündholzschachteln sah ich sie tief unten

verschwinden.

Felsblöcke schleuderte ich hinterher und haushohe Tannen. Dann hatte ich

den Rand des Gebirges erreicht und stieg nieder in die Ebene. Düster und

drohend stand mein blauschwarzes Wolkenheer ringsum und machte den Tag

zur Nacht. Wie einen Elefantenrüssel steckte ich meinen dunklen, alles

zerbrechenden, alles aufsaugenden, sich ständig in wildem Wirbel

drehenden Lufttrichter nieder zur Erde. Vor mir lagen die großen

Viehweiden von Texas. Büffelherden flohen vor meinem alles ergreifenden

Arm, verwegene Reiter auf schnellen Pferden jagten über die Grassteppen,

um mir zu entkommen. Hier aber konnte ich mit voller Kraft, ungehindert

durch Felsenwände, dahinschwirren. Ein Wäldchen stellte sich mir

entgegen, ich knickte es wie ein Elefant die Gräser, die seinen Lauf

hemmen wollen. Ich schraubte mit meinem Rüssel hundertjährige Bäume hoch

in die Luft, trug sie mit mir, warf sie wie Besen mitten in die

enteilenden Viehherden hinein. Ein Rancho stand da drunten, ein

hölzernes, einstöckiges Landhaus mit Garten darum. In ihm wohnten die

Besitzer der Viehherden und ihre Leute. Ich nahm eine Tanne, warf sie

wie einen Speer durch die Bretterwand. Die kleinen Menschlein, die sich

immer rühmen, daß sie die Naturkräfte beherrschen, lagen blaß und

zitternd am Boden. Da wandelte mich die Lust an, ihnen zu zeigen, daß

die Naturkräfte noch immer Selbstherrscher sind auf Erden. Ich rüttelte

und schüttelte ihr Wohnkästchen wie eine Maikäferschachtel, riß es mit

einem ganzen Stück Gartenboden ab, mein saugender Rüssel faßte es, hob

es empor und setzte es einige hundert Meter weiter in einem Wäldchen

wieder nieder, wobei allerdings die ganze Sache ein wenig durcheinander

kam[7]. Ich tat es so sanft wie möglich, denn es lag mir nicht daran,

die Menschlein in der Holzkiste zu töten, sondern ihnen eine Lehre zu

geben. Ich glaube, sie haben sich doch etwas gewundert, die klugen

Ameisen!«

»Allah ist groß, und seine Werke rühmen Himmel und Erde!« sagte der

Samum. »Der Bruder aus Amerika kann Märchen erzählen wie ein Derwisch!

Ein ganzes Haus durch die Luft tragen, das ist mehr, als die Propheten

verkünden!«

»Tausend Donner!« schrie der Tornado, »was sagt diese vertrocknete

Wüstenmumie? Er hält meinen Bericht für Humbug!! _By Jove_, da soll doch

gleich ...«

»Nur Ruhe!« beschwichtigte der Blizzard, »was uns der verwegene Bursche

hier erzählt, ist leider alles richtig! Alle Zeitungen der Menschen

haben alles Unheil, was er damals anrichtete, genau notiert, und die

Gelehrten haben dicke Bücher darüber geschrieben. Sie nennen jene Taten

den Wirbelsturm von Galveston.«

»Ja, _old boys_! Galveston! Das war es! Das ist die große Stadt am Ufer

der mexikanischen Seen, über die ich hinfuhr, als die Wälder und Weiden

von Texas hinter mir lagen. Ein Wagen mit einem Ochsengespann kam mir

entgegen. Ich hob die ganze zappelnde Gesellschaft empor und trug sie

von dannen. Gleich am Eingang der Stadt stand wieder so ein niedliches

Spielzeug der Menschen, ein Haus mit vielen schnurrenden Rädern drin,

die alle getrieben wurden durch einen Kessel, in dem Wasser kochte.

Unter dem Kessel war Feuer, und ein hoher steinerner Turm stand draußen,

der qualmte wie eine Pfeife. Ich gab ihm einen Rippenstoß, da fiel er

um, brach das Genick. Dann riß ich den Wasserkessel aus der Wand und

legte ihn draußen auf die Wiese. Dann erst ging ich in die Stadt und

habe da noch manchen kleinen Scherz vollführt. Ein großer Platz war da

inmitten der Häuser, und auf dem Platz stand ein mächtiges eisernes Ding

mit hellen Lichtern daran, die den Platz beleuchteten. Ich habe mir

redliche Mühe gegeben, dem alten eisernen Burschen zu einer Luftfahrt zu

verhelfen, aber sie hatten ihn an schweren Steinplatten tief in den

Boden eingeschraubt. Da er absolut nicht mitwollte, ergriff ich seine

eiserne Säule mit meinem Rüssel und drehte sie sechsmal um und um, so

daß ein Korkenzieher daraus wurde. Er steht noch so da. Die Menschen

bewahren ihn als Andenken an meinen Einzug in die Stadt. Kandelaber

heißt der verdrehte eiserne Kerl! -- -- Ich hob Türen und Fenster aus,

deckte Dächer ab, zerriß tausend kupferne Spinnfäden, die die Leute

überall auf den Dächern ausgespannt hatten, und spielte im Hafen, wo

viele Schiffe lagen, zum Tanz auf, bis sie der Teufel geholt hatte.

Weit draußen auf See kam ich erst wieder etwas zur Ruhe, und gegen Abend

schlief ich ein! Tausend Donner, es war ein arbeitsreicher Tag!«

Die Brüder Sturm schwiegen! Die Heldentaten des Amerikaners waren doch

etwas zu stark. Sie erkannten, daß es ein gefährlicher Bursche war, und

hüteten sich, mit ihm in Streit zu kommen. Nur der alte Blizzard

ergänzte seine Erzählung und sagte: »Du hast vergessen zu sagen, daß

deine Heldentaten bei Galveston fünftausend Menschen das Leben

kosteten.«

»_By Jove_, war es so? Ich habe sie nicht gezählt! Aber in ihren Kriegen

bringen sie sich ja selbst zu Millionen um. Mit Absicht tat ich es

nicht. Ich blies einmal die Erde rein von allen faulenden Düften und

tötete ungezählte Mengen von schädlichen Insekten und Bazillen, und das

war für die Menschen auch etwas wert, denn es schützte sie vor

Krankheiten und gab ihnen eine gute Ernte. -- Nun aber erzähle du, alter

Eisbart, der du immer nur andere auszankst, damit auch wir dir die

Wahrheit geigen können!«

Der Blizzard strich seinen langen, vereisten Bart, räusperte sich und

begann: »Ich bin alt und grämlich geworden. Mir fehlt die Glut des

Samums, die Frische des Orkans, die Kraft des Tornados. Ich trage ein

Totenkleid und breite es, wo ich wandle, über die Erde. In blendendes

Weiß hülle ich die Welt, und über Nacht verwandle ich die bunten Bilder,

die der Maler Herbst mit vieler Mühe hinzaubert, in Schwarz-Weiß-Kunst.

Ich bin friedlich, und doch muß auch ich Menschen und Tieren und

Pflanzen weh tun! >Der weiße Tod< nennen sie mich.

An einem Novembertage zog ich, als es mir auf den Höhen zu kalt wurde,

schwer bepackt mit ungeheuren Schneewuchten durch Britisch-Kolumbien

nieder zur Ebene. Als ich meine Schwingen ausbreitete, war der Himmel

den Menschen verfinstert in eintönigem Grau, und am hellen Tage konnte

man keine hundert Schritte weit sehen. Überall brannten die Menschen

ihre Lichter an. Ich schüttelte meinen grauen Wolkenmantel, und ein

Flockengestiebe begann, wie es die ältesten Leute der Gegend sich nicht

zu erinnern wußten. In wenigen Minuten war die weite Welt in meine

glitzernden Schleier von kristallenen Sternen eingehüllt. Der Schnee

fiel so dicht, so schnell und schwer, daß niemand mehr Weg und Steg

fand, meterhoch alles verweht war. Er fiel so dicht, daß es schien, als

hüllte sich die Erde in eine weiße Dampfwolke. Niemand sah mehr etwas!

Er sah den Baum nicht, der dicht vor seinen Augen stand, das Haus nicht,

gegen das er im nächsten Augenblick anrannte.

Ein Viertelstündchen nur, und die Welt war nicht mehr wieder zu

erkennen; kein Mensch konnte mehr laufen, kein Wagen mehr fahren.

Unübersteigbare Schneemauern wehte ich zusammen. In den Straßen der

Städte stockte alles Leben. Eiskalt pfiff ich daher und warf meine

spitzen Eisnadelgeschosse zu Millionen dem Wanderer ins Gesicht. Die

Straßen verödeten. Die Häuser schneiten ein. Die schwere Last der

Schneewuchten zerriß das Spinnennetz, mit dem die Menschen von Haus zu

Haus sprechen; Dächer brachen ein, und von den schiefen Flächen und

Gesimsen stürzten Schneeberge gewuchtig in die Tiefe.

Die Dörfer waren eingeschneit; bis zu den Dachsparren lagen die niederen

Hütten im weißen Pulverschnee. Die Menschlein versuchten sich

herauszuschaufeln, aber mein eisiger Atem, der Anprall meiner spitzen

Nadeln trieb sie zurück.

Eisenbahnzüge tobten mit heißer Wut, mit wildem Kreischen und

Rädergerassel gegen mich an. Sie keuchten und schossen heiße

Dampfstrahlen gegen mich. Ruhig drückte meine Hand die Spielwerke fest

im glitzernden, weißen Meer. Da kreischten sie ihre Hilferufe in die

Ferne, und andere Spielzeuge kamen, sie zu befreien! Es waren schnurrige

Dinger. Sie sausten auf den Schienen dahin, stürzten sich mutig

vorwärts. Ihr Dampf trieb große Flügelräder, die den Schnee in weitem

Bogen seitwärts warfen. Sie pusteten und stöhnten, erlahmten, fuhren

aufs neue wütend an. Ich ließ sie gewähren, bis sie ermattet und

keuchend stillstanden und im weichen Schnee eingegraben waren, den sie

vom Schienenweg räumen wollten, um den langen Zügen da draußen den Weg

zu ebnen.

Alles stockte, alles erlahmte, nichts kam mehr vorwärts in dem

wimmelnden Ameisengetriebe der Städte, und die Menschen waren

verzweifelt über ihre Ohnmacht. Niemand kam in die Dörfer hinein,

niemand heraus. Unablässig warf ich meine Schneewuchten nieder. Die

Eisenbahnzüge staken ringsum fest in dem weißen Meer. Die Postwagen mit

den Reisenden, die mitten in den stillen Bergtälern von mir überrascht

wurden, versanken bis über die Achsen in den alles hemmenden Massen, und

in ihnen saßen die Leute frosterstarrt als meine Gefangenen. Draußen auf

der See verwandelte ich die Schiffe in abenteuerliche Gestalten. Ich

bedeckte alle ihre Segel, ihre Masten und Rahen, ihre Geschütze und

Winden, ihre Kommandobrücken, ihr Seilwerk mit ungeheuren Schneemassen,

die langsam vereisten. Hilflos trieben sie einher, wie Schmetterlinge,

die in ein Honigglas gefallen sind.

Die Hochwälder ächzten unter der Last der Schneewuchten, die die Wipfel

trugen. Die Äste waren im scharfen Frost glasiert mit dicken

Schneekrusten. Sie verloren ihre Biegsamkeit, und wenn ich durch die

Forsten sauste, zerbrachen Riesenbäume, gebeugt von der Last, wie

Glasstangen. Ganze Bergwälder zerstörte der Schnee- und Windbruch, und

es ging ein Klagen und Wimmern durch Tann und Eichforst.

Aber ich bin ein alter Mann! Nicht lange währt meine Kraft. Nach wenigen

Stunden lag ich selbst ermattet am Rande der Hudson-Bay. Die Welt hatte

ich in blendendes Weiß verwandelt, mein Leichentuch deckte die Erde,

doch die Sonne brach durch das Gewölk, und schon zerfraß sie die

kunstvollen Eis- und Schneebauten, löste das Leben aus der Erstarrung.«

Der Alte schwieg.

»Brüder,« sagte der Orkan, »wir haben uns nichts vorzuwerfen! Jeder von

uns tat, was er mußte. Die Taube kann nichts für ihre Sanftmut, der

Tiger nichts für seine Wildheit. Der Herr der Welt hat uns so erschaffen

wie wir sind!«

Der Samum und der Tornado stimmten ihm bei. »Die Sitzung der Stürme in

der Höhle des Demawend ist beendet,« sagte der alte Blizzard. »Laßt uns

nun von hinnen ziehen, jeder zu seinem Werk. Ich werde dem alten

Wettergott alles getreulich berichten! Und nun laßt uns scheiden bis zum

Wiedersehen am nächsten Familientage übers Jahr!«

Die Stürme erhoben sich. Sie breiteten ihre Schwingen und machten sich

reisefertig.

»Allah sei Preis, daß ich aus eurer kalten Gegenwart erlöst werde!«

sagte der Samum. Er kroch hinaus ins Freie und verschwand, Wärme um sich

breitend, gen Süden.

»Lebe wohl, Wüstensandfaß!« schrie ihm der Orkan nach und brauste mit

rollendem Donner und Regengüssen nach Westen zu, dem Lande Europa

entgegen.

»Wir haben ein gutes Stück Weges gemeinsam, Eisbart,« brüllte der

Tornado. »Auf zum Dollarlande!«

»Du gehst mir zu schnell,« winkte der Blizzard ab, »und außerdem ginge

es den Menschen übel, wenn wir beide gleichzeitig über ihr Reich

hinwegzögen. Geh' nur voran, wilder Bursche!«

Da heulte der Amerikaner mit Getöse davon, und noch von weitem hörte man

ihn brüllen: »Lebe wohl, alter Griesgram und Nußknacker!«

Dieser jedoch zögerte noch ein Weilchen, dann aber flog er in großen

Höhen bedächtig seiner fernen Heimat zu, und Schneesternchen rieselten

nieder auf die wilden Felsengipfel des Kaukasus.

Die Menschen drunten hörten stundenlang ein wunderliches Brausen hoch

droben, wo die Adler kreisen: das Wanderlied der Stürme.

Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «das war die Geschichte von den

Stürmen! Hört ihr, wie der Orkan auf den Schornsteinorgeln spielt? Zieht

die Mützen über die Ohren und knöpft die Mäntel zu, und dann trabt heim.

Liegt ihr dann im warmen Federbett und hört den Wind an den Fensterladen

winseln, so gedenkt im Herzen jener, die da draußen in der weiten Welt,

im Ozean, in Felsenbergen, im Sandmeer der Wüste ankämpfen gegen die

wilden Burschen aus der Höhle von Demawend.»

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 25 / 38 题